Gedanken zum Update

Sobald ein Blog eine gewisse Größe erreicht hat, ist eine Überarbeitung des ganzen Gedöns nur schwer möglich. Natürlich gibt es gewisse Tools und Plugins, die einem das Leben erleichtern, doch von Zeit zu Zeit zwingen einem Updates, geänderte Anforderungen von Außen dazu, die bisher geschriebenen Beiträge durchzusehen, Links zu überprüfen, Aktualisierungen vorzunehmen oder Formatierungen anzupassen. Das ist dann nur noch mühsehlig und vom Spaß, der hinter manch geschriebenen Artikel steht, ist dann nur noch wenig übrig.

Kürzlich habe ich aus mehreren Gründen, die hier jetzt keine Rolle spielen sollen, das Blog-Design Richtung Magazin geändert. Rezensionen bekommen von mir nach und nach eine Sternebewertung, passend zum Geschriebenen, verpasst. Die Formatierungen werden vereinheitlicht. Alleine in dieser Kategorie gibt es derer, aufgrund der Bloghistorie, inzwischen drei verschiedene. Das möchte ich oder, nein, muss ich ändern, soll mir das alles nicht irgendwann mal um die Ohren fliegen.

Gesagt, getan, gehe ich also seit Kurzem das Rezensionsverzeichnis Buchstabe für Buchstabe durch. Kleinvieh macht Mist. Kleinvieh strengt an. Und, bin dennoch über jeden geschafften Schritt, blogtechnisch, froh. Zwei Kategorien habe ich zusammengestrichen, Artikel rausgenommen (Wann nehmt ihr eigentlich Artikel ganz von eurem Blog runter?), Links entfernt oder korrigiert. Auf, dass das alles so klappt, wie ich mir das vorstelle. Schließlich habe ich nicht vor, aufzuhören und möchte, dass ich, nein, dass auch ihr, weiterhin hier gerne seit und mitlest, was es so neues gibt im Bereich Literatur und Film. Dafür wenigstens, mache ich das.

Gesendet aus der Schreibstube.

Euer findo.

Autoren-Interview auf der Leipziger Buchmesse 2019: Michael Tsokos und die Abgründe der Gerichtsmedizin

Michael Tsokos = MT, ich = NH

Das Interview enthält einen Spoiler, den ich als einen solchen gekennzeichnet habe. Dieser kann jedoch übersprungen werden; man muss ihn aufklappen, um ihn zu lesen. Wer dies nicht tut, bleibt spoilerfrei. Das Interview kann auch ohne diesen gelesen werden.

NH: In Ihrem neuen Thriller „Abgeschlagen“ geht es um einen Fall innerhalb der Kieler Rechtsmedizin und den Protagonisten Dr. Herzfeld. Wie viel Herzfeld steckt in Ihnen persönlich?

MT: Es steckt einiges Persönliches drinnen, dass ich natürlich, wie mein Protagonist das Problem habe, zu viel zu arbeiten, zu wenig zu Hause bin und zu wenig Zeit für die Familie zu haben. Das klingt ja immer wieder durch, sowie dass ich von Berufs wegen neugierig bin und es mir keine Ruhe lässt, wenn sich mir etwas nicht erschließt.

Was nicht auf mich zutrifft ist, dass ich nie diese Risiken eingehen und Alleingänge machen würde, die Herzfeld macht. Das muss man aber, der Dramaturgie geschuldet, machen. Wenn Sie jemanden haben, der 16 Uhr nach Hause kommt und bei jeder Kleinigkeit die Polizei ruft, haben Sie keine Hauptfigur.

NH: Sie können für sich auch das Dramaturgische und das, was fachlich vielleicht notwendig wäre, trennen?

MT: Das kann ich. Das ist der Vorteil der Belletristik. Im Sachbuch kann man das nicht, dort muss man bei den Fällen genau dranbleiben. In der Belletristik habe ich die Möglichkeit, einen echten Fall mehr auszuschmücken, mehrere Fälle zusammenfließen zu lassen und den Protagonisten Dinge tun lassen, die man sonst als Rechtsmediziner nicht machen würde. Die Möglichkeiten habe und nutze ich auch.

Autor: Michael Tsokos
Titel: Abgeschlagen
Seiten: 414
ISBN: 978-3-ä426-52438-1
Dromer Knaur

NH: Ist das Schreiben eines Thrillers für Sie eine Art „Ausgleich“ zur Wirklichkeit?

MT: Irgendjemand hat mich einmal gefragt, ob es eine Art „Therapie“ wäre. Vielleicht ist es das auch. Einmal macht es natürlich Spaß. Ich habe ansonsten relativ wenige Hobbys, aufgrund der fehlenden Zeit. Ich habe früher auch sehr viel Wissenschaftliches publiziert, in Fachzeitschriften überall auf der Welt, von der Idee bis zur Druckfahne und dem Erscheinen.

Das ist auch das, was bei einem Buch Spaß macht. Es ist sicherlich eine Art „Therapie“ zu wissen, ich schreibe etwas und irgendwann gibt es Leute, die lesen das, die finden es gut und es gibt Feedback. Das ist Erfolg, der einem auch positiv bestätigt.

NH: Wie war das Feedback zum neuen Thriller von Kollegen der Rechtsmedizin? Gab es da welches?

MT: Nein, bisher nicht. Das ist jedoch auch nichts, was ich jetzt erwarten würde. Ich habe einigen Arbeitskollegen das Buch geschenkt, da diese mich beraten und als Probeleser fungiert haben. Ansonsten gibt es da fachlich kein Feedback. Es macht jeder seines. Es interessiert einen Rechtsmediziner in Hamburg nicht, ob ich Rechtsmediziner in Berlin ein Buch schreibe.

Das war 2017. Michael Tsokos stellte damals einen anderen True-Crim-Thriller vor.

NH: Wie erklären Sie sich bei den einfachen Publikum und Lesern die Faszination für Thriller und Krimis?

MT: Der Tod als zentraler Bestandteil von Krimis und Thriller übt natürlich eine große Faszination auf die Menschen aus. Das ist etwas, was ich aus meinem Leben als normaler Bürger ausklammern möchte. Ich kann mir als Normalbürger nicht vorstellen, dass ich jeden Tag früh ins Büro gehe, zwölf Leichen auf den Tisch liegen habe, so wie ich, die aufgeschnitten und untersucht werden…

NH: Sind das so viele?

MT: Ja, wir machen jeden Tag so viele Obduktionen. Ich bin auch bei allen Obduktionen in Berlin dabei. Wir machen ca. 2200 Obduktionen pro Jahr. An regulären Arbeitstagen sind das schon zwölf.

NH: Auch der Thriller „Abgeschlagen“ hat einen wahren Hintergrund. Wo genau liegt der „wahre Kern“ hinter der Geschichte?

Spoiler

MT: Vor ungefähr 25 Jahren hat mein damaliger Chef in der Hamburger Rechtsmedizin mir erzählt, dass es einmal einen skandinavischen Rechtsmediziner gab, der Prostituierte getötet, zerstückelt und die Leichenteile in den Park versteckt hat. Als sie dann gefunden wurden, hat er die obduziert. Über diese Geschichte findet man so gut wie nichts im Internet, da das in den 70er und 80er Jahren passiert ist, aber sie hat mich fasziniert.

Das ist das zentrale Thema. Was ist, wenn ein Rechtsmediziner tatsächlich selbst der Täter ist? Wenn er sein spezielles Wissen ausnutzt, um der Polizei immer einen Schritt voraus zu sein. Im Buch ist relativ schnell klar, um wen es sich handelt, aber der Weg bis zu seiner Überführung und zum Showdown ist sehr spannend. Das ist entscheidend bei „Abgeschlagen“.

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NH: Der Weg ist das Ziel. Kann man ja durchaus auf Ihre Arbeit übertragen. Wie kommt man zu diesen medizinischen Bereich? Gibt es so etwas wie Freude an dieser Arbeit?

MT: Mein Beruf bereitet mir auch Freude und Spaß. Ich freue mich jeden Tag, wenn ich morgens zur Arbeit fahre, ob dem, was mich erwartet. Es gibt in der Medizin vieles, was ich nicht machen könnte. Wenn ich z.B. auf einer Kinderkrebsstation arbeiten würde und die kleinen Patienten sterben oder ich in einer Dialyse-Station, wo die Menschen zunehmend ins Nierenversagen rutschen, da sie keine Spenderniere bekommen, das wäre eine Sache, die ich nicht machen könnte.

Freude an beiden Berufen. Schriftsteller und Gerichtsmediziner Michael Tsokos.

MT: Ich weiß, dass es für viele unvorstellbar ist, den Job zu machen, den ich habe. Es gibt für mich jedoch genug andere, die ich nicht machen wollen würde. Ich war im Studium von der Rechtsmedizin total fasziniert. Das hat angehalten und deshalb habe ich mich auch dafür entschieden.

NH: Der Protagonist Dr. Herzfeld deckt im Laufe der Ermittlungen die Hintergründe der Tat auf. Wäre dies heute, in Anbetracht der Entwicklung von kriminalistischer Untersuchungsmethoden überhaupt noch so möglich? Ein unaufgeklärter und inszenierter Mord, dieses Schauspiel als Folge?

MT: Absolut. Das ist möglich, da wir natürlich genau wissen, wie Spuren verändert werden können. Wie legen wir falsche und verändern eigene Spuren? Das wäre absolut möglich.

NH: Gibt es den perfekten Mord?

MT: Den gibt es. Ich kann natürlich keine Beispiele nennen, jedoch gibt es gerade in Berlin den Fall eines verschwundenen Mädchens, dass sehr wahrscheinlich Opfer eines Tötungsdeliktes geworden ist. Die Polizei hat nicht den geringsten Anhaltspunkt, was passiert ist.

NH: Wenn Sie im „Schreibprozess“ sind, wie gehen Sie vor? Steht die Geschichte fest oder beginnen Sie zu schreiben und schauen, wohin dies führt?

MT: Der Grundblock steht von Anfang bis Ende fest. Man macht sonst den Fehler, sich zu verzetteln und nicht dort anzukommen, wo man hin möchte. Der Weg dahin ist flexibel. Ich habe den Protagonisten und habe die Rollen verteilt; bei dem, was dazwischen passiert, bin ich flexibel.

Zwischendurch kommen ja auch neue Ideen hinzu. Was von vornherein klar ist, ich brauch einen großen Showdown, ein Finale. Es ist jedoch zum Beginn des Schreibprozesses nicht unbedingt klar, wie das aussieht. In „Abgeschlagen“ war es das auch noch nicht, nur, dass es einen großen Abgang haben und quasi filmische Sequenzen haben muss.

NH: Wie gehen Sie mit der Realität in ihren Büchern um, z.B. im Gegensatz zu Sebastian Fitzek? (Die Frage habe ich ursprünglich anders gestellt, so dass es weder zum damaligen Interview mit Fitzek selbst gepasst hätte, noch hier zielführend gewesen wäre. Michael Tsokos hat jedoch, unbewusst, so geantwortet, dass ich nachträglich in der Abschrift die Frage umformulieren konnte. Jetzt passt es.)

MT: Im Gegensatz zu Fitzek muss ich die Realität abmildern, da sonst niemand das Buch lesen würde. Das würde kein Verlag drucken. Bei mir sind die Fälle aus dem wahren Leben.

Michael Tsokos und „Abgeschlagen“.

NH: Ihre Arbeit ist sehr zeitintensiv, in Berlin und auch im Ausland, wo Sie zu vielen Fällen hinzugezogen werden? Woher nehmen Sie die Zeit, zusätzlich Thriller zu schreiben?

MT: Ich habe es sehr komfortabel, da ich mir keine Fälle ausdenken muss. Die Geschichten kommen zu mir. Ich bearbeite so viele Fälle mit unfassbaren Details und Wendungen. Die Story zu bekommen, ist nicht schwierig. Eher noch die Umsetzung, ein Buch daraus zu formen, neben den sonstigen Pensum. Man muss sehr diszipliniert sein und seine freie Zeit nutzen, zu schreiben.

NH: Zuletzt wurde die Serie „Charite“ ausgestrahlt. Es gibt zwei neue Bücher über einen der prägenden Ärzte, Ferdinand Sauerbuch. Welchen Eindruck haben Sie davon?

MT: Ich bin selbst immer wieder erstaunt, wie sich Ärzte im Nationalsozialismus verhalten, zu Handlangern und willfährigen Henkern dieses Systems gemacht haben. Für mich erstaunlich, aber es ist natürlich ein Punkt, den ich für mich selbst kritisch hinterfrage. Wie würde ich mich in solch einer Situation verhalten? Mich hat die Serie total fasziniert.

NH: Wie wird es denn auch weitergehen mit Paul Herzfeld?

MT: Es wird eine Trilogie werden. Das nächste Buch heißt „Abgebrüht, um eben in dieser „Ab-“-Reihe zu bleiben. Es geht weiter.

NH: In diesem Sinne, vielen Dank für das Gespräch.

MT: Vielen Dank.

Wir danken Michael Tsokos und DroemerKnaur für die Gelegenheit, das Interview zu führen. Wie immer der Hinweis, dass das Interview Eigentum des Autoren, des Bloggers und des Verlages ist und nicht vervielfältigt, kopiert oder andersweitig verbreitet werden darf. Cover-Fotos werden nach Vorgaben des Verlags verwendet, Fotos des Autoren sind auf der Messe entstanden und gehören den Fotografen. Das Interview erfolgte ohne Gewinnerzielungsabsicht.

Autoren-Interview auf der Leipziger Buchmesse 2019: Veit Etzold und eine Verschwörung gegen den Staat

NH: Sind Sie ein optimistisch denkender Mensch?

VE: Jein. Ich bin langfristig schon optimistisch, da man ja ansonsten nicht existieren und langfristige Sachen machen würde, aber kurzfristig teilweise pessimistisch. Wenn man nicht immer das Schlimmste erwarten würde, könnte man auch keine Thriller schreiben, da passiert ja immer irgendetwas Negatives.

„Sind Sie ein optimistischer Mensch?“ Veit Etzold: „Jein.“

NH: Was hat Sie zu den Thriller „Staatsfeind“ inspiriert?

VE: Ich habe 2013 mit einem ehemaligen KSK-Kämpfer (Kommando Spezialkräfte) gesprochen. Der meinte, man könnte einen Umsturz in Deutschland mit dreihundert Elitekräften machen. Die würden ausreichen, um alles umzustürzen. Das erschien mir plausibel und ich habe mir überlegt, was ist, wenn dies wirklich der Fall wäre? Welche Kräfte würden sich bündeln? Wer würde so etwas machen? Wie würde das aussehen?

Ich habe dann immer weiter recherchiert, mit verschiedenen Leuten gesprochen und gerade jetzt gibt es eine große Unzufriedenheit bei den Sicherheitsbehörden, die mit der Regierung nicht einverstanden sind, die sich im Stich gelassen fühlen, wo vielleicht die Möglichkeit besteht, so etwas hinzubekommen, gar nicht mal so unrealistisch ist. Auf alle Fälle realistischer als vielleicht vor zehn oder zwanzig Jahren.

Veit Etzold „Staatsfeind„, Droemer, Seiten: 461, ISBN: 978-3-426-30668-0

NH: Dieses Ereignis, zuerst eines Terroranschlags und dann eines Umsturzes, setzen Sie auf ein historisches Ereignis. Den Mauerfall, der sich 2019 zum dreißigsten Mal jährt. Warum dieses Datum?

VE: Dies ist ein historisches Datum und die Separatisten wollen Deutschland spalten, in einem nationalistischen und einem islamischen Staat und bedienen sich dann auch Islamisten, die ihnen dabei helfen. In sofern wäre es eine völlige Ironie, dass am dreißigsten Jahrestag der Wiedervereinigung dann wieder alles auseinander gerissen wird. Der eine Teil Deutschland wäre dann nationalistisch, der andere islamisch und jeder der beiden Staaten ist für den anderen da, um ein abschreckendes Beispiel zu geben.

NH: Sie hatten diese Idee und daraus die Geschichte formuliert? Wie haben sie diese entwickelt? Gibt es einen Schreibplan, der Anfang und das Ende stehen vorher fest oder schreiben Sie und schauen, wo die Idee hinführt?

VE: Der Anfang steht und das Ende steht auch, genau so wie die ganze Story vorab. Es ändern sich vielleicht nur noch ein paar Sachen, auf einige bin ich erst zum Ende hin gekommen, die sich noch ganz gut einfügen ließen, aber bei Thrillern steht normalerweise die gesamte Geschichte gleich zu Beginn. Ich schreibe ein Expose, gliedere teilweise per Excel einzelne Szenen.

Wenn man einfach los schreibt, können logische Brüche entstehen und man kann vielleicht alles nochmal schreiben. Es ist unheimlich schwer, dies wieder hinzubekommen, während man nach einem Expose genau weiß, hier muss ein Charakter öfter auftauchen, hier ist der Bösewicht zu wenig präsent. Es ist um Einiges klarer und strukturierter. Ein Thriller versucht ja auch, den Leser auf eine falsche Fährte zu führen.

Veit Etzold: „Ein Thriller versucht ja auch, den Leser auf eine falsche Fährte zu führen.“

NH: Neben den Schreiben halten Sie Vorträge und Seminare, arbeiten im Bereich der Unternehmensberatung. Hilft dies beim Schreiben?

VE: Vor allem mache ich viel über Kontakte, Storytelling und Unternehmensberatung und da gibt es natürlich immer Leute, die sagen, wenn Sie mal eine spannende Idee brauchen, melden Sie sich bei mir. Menschen, die im Bereich Sicherheitstechnologie, IT, Banken arbeiten, haben immer spannende Geschichten zu erzählen, würden selbst vielleicht gerne schreiben, haben aber vielleicht nicht die Zeit dafür oder schaffen es nicht.

Das ist ein tolles Netzwerk, welches man immer kontaktieren kann. Es gibt natürlich Leute in den Sicherheitsbehörden, in der Armee, bei Elitetruppen, ein Netzwerk, welches Geschichten liefern kann, aber oft sagen sie natürlich auch, sie wollen nicht namentlich erwähnt werden.

NH: Gibt es für die Protagonisten in Ihrem neuen Buch solche realen Vorbilder oder Menschen mit entsprechenden Charaktereigenschaften?

VE: Cohagen, zum Beispiel ist ein Mensch von Typ Horst Mahler. Horst Mahler war Gründungsmitglied der RAF, hat RAF-Terroristen als Anwalt verteidigt und ist dann Mitglied der NPD geworden. Vom Links- zum Rechtsradikalen, sehr beweglich.

Da geht es wahrscheinlich nur um Umsturz und neue Gesellschaftsformen, die er möchte, egal was da jetzt drauf steht und so ähnlich ist Cohagen, der einer der Hauptverschwörer ist. Es sind schon einige Personen, die an reale angelehnt sind. Das wäre jetzt mit Horst Mahler eine prominente Figur. Es gibt aber viele andere, die ich kenne, die jedoch nicht erwähnt werden möchten.

NH: Für wie realistisch halten Sie dieses Szenario?

VE: Ich halte die Grundsaat, die Möglichkeit ist relativ hoch. Heute höher denn je als in der Geschichte der Bundesrepublik. Hoffe, dass es dann nicht dazu kommen wird und am Ende alles gut ausgeht.

Es ist jedoch eine Sache, die sehr nah an der heutigen Situation ist, die entsprechende Auswirkungen hätte, wenn sie passiert und nicht komplett unwahrscheinlich ist. Ich wünsche es mir nicht, aber ich glaube, dass es in unserer Zeit eher wahrscheinlich ist als zuvor.

Veit Etzold: „Die Möglichkeit ist relativ hoch.“

NH: Polarisiert der Thriller?

VE: Ich habe schon Kritiken gehört, E-Mails bekommen, wo es hieß, dass wäre zu krass und verachtend gegenüber dem etablierten System. Wobei ich ja nicht sage, dass ich das System verachte, nur sage, was kann passieren, wenn das etablierte System nicht aufpasst. Ich möchte, dass Demokratie und Freiheit weiter bestehen, es ist jedoch nicht Gott gegeben. Wenn man es nicht immer wieder verteidigt, wird es vielleicht irgendwann abgelöst. Das müssen wir verhindern.

NH: Trotzdem endet ihr Thriller jetzt nicht gerade mit einem Happy End.

VE: Teilweise. Es muss ja ein Ende haben. Hier liegt die Bestie am Boden, ist aber noch nicht tot. Man weiß nicht, wie es weitergeht. Es könnte auch eine Richtung eingeschlagen werden, die man gar nicht möchte.

NH: Das heißt, Fortsetzung folgt?

VE: Vielleicht. Könnte man überlegen. Dass es eine Fortsetzung gibt, könnte durchaus sein. Vielleicht aber auch nicht.

Veit Etzold: „Dass es eine Fortsetzung gibt, könnte durchaus sein.“

NH: Wie muss die Umgebung sein, um solche Bücher zu schreiben?

VE: Ruhig. Lärm nervt mich, wenn ich konzipiere, plotte und schreibe, ansonsten habe ich da keine großen Anforderungen. Ein wenig Platz.

NH: Sebastian Fitzek sagte mal, um so schöner die Umgebung, um so schrecklicher werden die Szenarien.

VE: Es muss eine schöne Umgebung sein. Schöner Ausblick, zum Beispiel am Meer. Aber bei mir kann das auch das Hotel sein oder im Flugzeug. Wichtig ist, dass man seinen Gedanken ungestört Raum geben kann. Ansonsten stimmt das natürlich. Je schöner die Umgebung, desto schlimmer die Themen. Jedenfalls, wenn man Thriller schreibt.

NH: Was macht die Faszination für Thriller aus? Gerne gelesen, im Feuilleton kommt er fast nicht vor.

VE: Sie werden gerne gelesen, da sie Themen behandeln, womit man sich in sicherer Atmosphäre gruseln kann. Der Mensch möchte sich gruseln, jedoch in sicherer Umgebung und nicht wirklich solchen Leuten begegnen, einerseits. Andererseits behandeln Thriller ganz oft den Tod und dieses Thema ist in unserer Gesellschaft völlig ausgelagert worden. Man sieht kaum mehr Tote. Früher hat man die auf den Schlachtfeldern gesehen. Tote werden nicht mehr zu Hause aufgebahrt.

Veit Etzold: „Thriller werden gerne gelesen, da sie Themen behandeln, womit man sich in sicherer Atmosphäre gruseln kann.“

Es gibt eine Lifestyle-Industrie und wir glauben alle, wir sind für immer jung und unsterblich. Sind wir nicht, aber glauben wir. Religiös gibt es eigentlich auch keine Beschäftigung mit einem Leben nach dem Tod. Danach ist es vorbei. Der Tod ist ausgeklammert worden, aber immer noch präsent. Eine Art Underdog, der durch die Hintertür wieder hereinkommt, nachdem er durch die Vordertür hinaus geschmissen wurde.

Der Thriller behandelt den Tod und die Phänomene, die wir ausklammern, die aber für den Menschen trotzdem interessant sind. Warum der Feuilleton das nicht möchte, keine Ahnung. Wahrscheinlich, weil es irgendwie massentauglich oder nicht intellektuell genug ist. Wir haben in Deutschland als einzigem Land die Unterscheidung zwischen ernsthafter und Unterhaltungsliteratur.

Ernsthaft kommt ins Feuilleton, aber nicht auf die SPIEGEL-Bestsellerliste. Bei Unterhaltung ist es umgekehrt. In anderen Ländern werden auch Thriller in der New York Times, Washington Post, Financial Times besprochen, hier nicht. Ich verstehe es auch nicht.

NH: In Ihren Büchern kommen oft Antihelden vor, bei denen man nicht weiß, wie man sich eigentlich zu ihnen positionieren soll. Warum?

VE: Ich glaube, diese ganz klaren Helden, die man zuordnen kann, haben ausgedient. Die Leute wollen ambivalente Figuren, was man auch zunehmend an Serien sieht, in denen die Protagonisten nicht klar zuzuordnen sind. Die meisten Menschen sind ähnlich. Ein Mensch, der sagt, er würde nie töten. Wenn es aber darum geht, die eigene Frau, die eigenen Kinder zu retten, würde man vielleicht schon zum Mörder werden. Die Grenzen, was man machen würde und was nicht, sind immer fließend.

Veit Etzold: „Die Grenzen, was man machen würde und was nicht, sind immer fließend.“

Jeder Held, jeder normale Mensch ist auch teilweise ein Antiheld. Das ist näher an den potenziellen Lesern dran als ein Held, der völlig glatt gebügelt ist und weiß, was er will. Wir wissen oft nicht, was wir genau wollen und wie wir in Extremsituationen reagieren.

Das kommt auf die Situation an und in solche werden die Helden hinein geschmissen. Das sind Menschen, keine Superhelden, die eine gewisse Sache vielleicht gut können, ansonsten genau so verletzlich und überfordert sind, wie vielleicht auch der normale Leser in einer ähnlichen Situation.

NH: Dieses Szenario haben wir als Leser und vor allem der Protagonist jetzt überstanden. In welches werden wir uns als nächstes begeben?

VE: Als nächstes kommt wieder ein Clara-Vidalis-Thriller, mittlerweile der siebte Band der Reihe, in der Clara Vidalis einen Serienmörder jagt. Mehr kann ich noch nicht verraten, es ist aber Bewährtes mit neuem Setting und neuen Charakteren und einer ziemlichen Überraschung am Ende.

NH: Dann lassen wir uns überraschen. Vielen Dank für das Gespräch.

VE: Vielen Dank.

Ohne Genehmigung darf das Interview nicht verbreitet oder vervielfältigt werden. die Rechte liegen beim Blog-Betreiber, dem Interviewpartner und den Verlag. Cover-Fotos werden mit Genehmigung des Verlages verwendet. Sonstige Bildrechte liegen beim Fotografen. Wir danken dem Autor und dem Verlag.

Bodo Kirchhoff: Dämmer und Aufruhr

Inhalt:
Ein Autor bewohnt das Zimmer, in einem kleinen Hotel am Meer, in dem einst seine Eltern vor Jahrzehnten glückliche Tage verbrachten, die letzten vor ihrer Trennung. Er erinnert sich zurück, an die Jahre seiner Kindheit, seinem Aufwachsen bei ungleichen Elternteilen und im Internat, wo ein Drama seinen Lauf nimmt.

Bodo Kirchhoff nähert sich dem, mit den Mitteln des Romans und schildert zugleich die Geschichte des beginnenden Schreibenden. Wie für etwas Worte finden, für das es keine Wörter gibt? Bodo Kirchhoffs schmerzlicher Weg zur Literatur, sein großer autobiografischer Roman. (eigene Inhaltsangabe).

Rezension:
Es ist ein Roman, der leisen Töne, den uns der Schriftsteller Bodo Kirchhoff mit „Dämmer und Aufruhr“ vorlegt, und dennoch erfährt man hier viel über die Anfänge der Schreibarbeit des Trägers des Deutschen Buchpreises, der sich am einstigen Ferienort seiner Eltern, kurz vor ihrer Trennung, zurückerinnert, an diese und andere Ereignisse seiner Kindheit, seiner Jugend und schließlich an den jungen Erwachsenen, der er einst gewesen ist.

Aus der ich-Perspektive beschreibt er eine glückliche Kindheit zwischen schwankenden Eltern, einmal ikonenhaft angebetet, im nächsten Moment verwirrende Ältere, die, als der Sohn nicht mehr in der Schule hinterher kommt und im unsteten Pendeln seiner Eltern keinen Haltepunkt findet, ihn ins Internat stecken.

Auch dort fällt es den genauen Beobachter, Träumer und Sonderling zu gleichen Teilen schwer und leicht, Anschluss zu finden. Ein Kantor nimmt sich seiner an und nimmt sich körperlich das, was nicht ihm gehört.

Der Junge weiß, dass dies falsch ist, wird es später nicht Missbrauch nennen, anders den Schmerz beschreiben, mit der Waffe des Wortes. Der Schriftsteller, der er noch nicht ist, jongliert schon als Kind mit Worten. Nun sind diese Erinnerungen zu Papier gebracht.

Bodo Kirchhoffs autobiografischer Roman hat mich beeindruckt, ob seiner ruhigen Erzählweise, die das Unerhörte um so lauter erscheinen lässt und eine schöne Sprache außerdem, die hier wirklich dei Handlung trägt und den Leser nicht wegnicken lässt.

Kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig, penibel und unterhaltsam die Familienszenen beschrieben, die der Aufwachsenede beobachtet. Außenstehend und doch immer dabei. Geliebt von seinen Eltern und doch Meilen weit von ihm entfernt.

Der Perspektivwechsel zum älteren Ich, welcher die letzten Jahre der Mutter schreibt, selbst Schriftstellerin, vormals Schauspielerin, diese Nähe und Bewunderung, die der Autor sich natürlich aus der Kindheit bewahrt hat, ist ebenso gelungen und glaubwürdig. Der Bogen überspannt durch das Beobachten, Verinnerlichen und späteren Schreiben.

Dem Unerhörten, was nicht sein darf, ein Gesicht zu geben, ist ebenso ein Verdienst des Autoren, den man nicht gering schätzen darf.

Bewundernswert, wie Kirchhoff es schafft, den Missbrauch durch den Internatskantor zu beschreiben, ohne es Missbrauch zu nennen, doch mit genau der gleichen Wucht, die den damaligen Jungen in eine Abhängigkeit versetzt hat, die nicht zu entschuldigen ist und die den späteren Mann keine geistliche Musik mehr ohne Beigeschmack hören lassen kann.

Entlang von Fotos aus dieser Zeit hangelt sich der Autor von Erlebten zu Erlebten und beschreibt das so, als würde man am Tisch Kirchhoffs sitzen, und durch das Fotoalbum blättern.

Ein Roman, der einem kalt den Rücken herunterläuft, aber nicht kalt lassen wird.

Autor:
Bodo Kirchhoff wurde 1948 in Hamburg geboren und ist ein deutscher Schriftsteller, der Romane und Drehbücher veröffentlicht. Er studierte 1972 bis 1979 Pädagogik an der Universität Frankfurt und veröffentlichte erstmals bei Suhrkamp.

Vorher arbeitete er u.a. als Eisverkäufer in den USA, zeichnete und war später 1994/95 Dozent, ebenfalls in Frankfurt/Main. er gibt Kurse für Kreatives Schreiben und enthüllte 2010 in einem Artikel des Spiegel, den an ihn begangenen Missbrauch eines Kantors der Evangelischen Internatsschule, auf die er19659-1968 ging.

Für seine Novelle „Widerfahrnis“ bekam er 2016 den Deutschen Buchpreis. Er lebt in Frankfurt/Main, zeitweise auch am Gardasee in Italien.

Bodo Kirchhoff
Dämmer und Aufruhr
Seiten: 462
ISBN: 978-3-627-00253-4
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt

Andreas Guski: Dostojewskij – Eine Biographie

getimageAutor: Andreas Guski
Titel: Dostojewskij – Eine Biographie
Seiten: 460
ISBN: 978-3-406-71948-6
Verlag: C.H.Beck

Inhalt:
Mit „Schuld und Sühne“ hat Dostojewskij, so Thomas Mann, „den größten Kriminalroman aller Zeiten“ verfasst. Kaum weniger fesselnd als seine großen Romane ist sein von äußeren und inneren Dramen geprägtes Leben. Als junger Mann verbringt er vier Jahre im Zuchthaus, am Ende seines Lebens wird er als Prophet der Nation gefeiert.

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Autoren-Interview auf der Leipziger Buchmesse 2018: Erotikautorin und Self-Publisherin Divina Michaelis

NH: Herzlich willkommen, auf der Leipziger Buchmesse 2018. Bei mir ist Divina Michaelis, die im Selbstverlag neben den Beruf Erotik-Romane schreibt. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

DM: Eigentlich ging es damals darum, dass ich eine Phantasie mit mir herumgeschleppt habe, aber sehr prüde erzogen worden bin. So etwas schaut man sich nicht an, so etwas schreibt man nicht. Irgendwann ist meine Phantasie mit mir durchgegangen und ich habe gedacht, du kannst ja erst einmal nur für dich selbst schreiben. Es geht ja eigentlich nicht um andere, sondern ich habe erst einmal nur für mich geschrieben. Dass ich dann irgendwann nach außen gegangen bin, kam dann viel später.

NH: Sie haben bereits zu Schulzeiten geschrieben. Nicht in dem Genre zwar, aber…

DM: Nein. Im schulischen Bereich habe ich für die Schülerzeitung nur Satiren geschrieben. Danach lange Zeit gar nichts mehr.

NH: Was hat dann den Ausschlag gegeben, zu sagen, jetzt fange ich an zu schreiben? Jetzt versuche ich mich in einem komplett anderen Genre.

DM: Es ging eigentlich nur um diese eine Phantasie, dass ich die tatsächlich zu Papier bringen wollte. Das war halt eine erotische Phantasie gewesen, weshalb ich dann auch Erotik geschrieben habe. Und das hat ja dann auch fünf Jahre gedauert, also dass war noch richtig Arbeit.

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Die Self-Publisherin und Erotikautorin Divina Michaelis.

NH: Jetzt war das ja ein Schreiben neben den Beruf. Wie war die Reaktion, als Sie an die Öffentlichkeit gingen? Ich kann mir vorstellen, wenn das jemand rauskriegt… Wissen das die Kollegen?

DM: Also, jetzt wissen es alle. Vorher war das mehr so, dass ich lange Zeit in einem Flirt- und Liebesforum als Moderatorin gearbeitet habe, und da haben einige auch schon etwas mitgekriegt. Ich habe aber nie gesagt, hier, ich schreibe Erotik. Das haben die nie zu lesen gekriegt, von daher war das für die uninteressant.

Das ging erst los, als ich dann tatsächlich veröffentlicht habe und anfing, auch zu verkaufen. Dann habe ich das natürlich auch in der Firma kommuniziert, und ich stehe dazu. Wie heißt es so schön? Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Also, von daher…

NH: Jetzt können Sie schreiben.

DM: Ja.

NH: Es ist so, dass das Genre in den Buchhandlungen von der hintersten Ecke auf den Präsentierteller gelandet ist. Macht es das leichter, so etwas zu schreiben?

DM: Nö.

NH: Wie entwickelt man diese Geschichten, denn Ihre Protagonisten sind nun nicht gerade klischeehaft? Die Geschichten selbst auch nicht.

DM: Ich habe schon viele erotische Geschichten gelesen und oft ist es wirklich sehr klischeehaft, was ich gar nicht mag. In einem Buch muss Spannung drin sein und Handlung. Wie entwickelt man das? Im Prinzip denke ich mir Figuren aus, die in eine Situation hineinkommen, die total ungewöhnlich ist.

Dann überlege ich mir, wie geht die Figur damit um. Sie muss natürlich vom Charakter her so sein, dass es passt, wie sie damit umgeht, sie muss sich entwickeln können. Ich habe keinen Plot wie anderer Schriftsteller oder einen Plan, sondern ich fange an zu schreiben und dann entwickelt sich das von alleine.

Autorin: Divina Michaelis
Titel: Die Entdeckung des Homo Serpentes
Seiten: 322
ISBN: 978-1523356980
Verlag: Qindie Selfpublishing

NH: Sie planen und schauen, was passiert.

DM: Meine Figuren entwickeln ein Eigenleben.

NH: Was passiert, wenn dass dann nicht in die Richtung geht, wo Sie hinwollten?

DM: Dann streiche ich schon mal ein paar Kapitel.

NH: Die Löschtaste umfasst dann schon mal zwanzig Seiten (DM: Das habe ich schon mal gemacht.) Und dann muss man wieder von vorne anfangen.

DM: Wenn es sich entwickelt, und es passt nicht zu den Figuren, dann fange ich an zu löschen. Die Figuren entwickeln dieses Eigenleben und bestimmen die Geschichte. Das ist wie im eigenen Leben. Es prallen verschiedene Charaktere aufeinander und die müssen damit umgehen. Daraus entwickelt sich dann, wie es weitergeht.

NH: Das Besondere haben wir schon angesprochen, aber warum im Selbstverlag? Hat sich noch kein Verlag interessiert oder wollten die etwas völlig anderes?

DM: Es kamen schon Verlage auf mich zu, die gesagt haben, den Roman finden sie toll. Ein Vorschuss wurde mir angeboten. Den sollte ich aber in zwei Teile teilen, dass so ein Verlag daran verdient.

Der hätte einen neuen Titel bekommen, was mir nicht gepasst hätte und ein Mainstream-Cover bekommen. Das bin nicht mehr ich. Die Bücher sollen die Geschichte darstellen und es muss auch mir gefallen.

NH: Das bonbonrosa Cover…

DM: Jaaah, und mit nackten Mann vorne drauf und solche sachen. Das ist nicht mein Stil. Immerhin werden meine Bücher nicht nur von Frauen gelesen, sondern auch von Männern. Wenn man dann so eine Art Frau-umarmt Mann… Das liest kein Mann.

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NH: Wissen Sie, wie viele Männer und Frauen Ihre Romane lesen? Gibt es da Zahlen, wer liest? Kommt man da überhaupt heran, so im Eigenverlag?

DM: Jaein. Ich habe „feste“ Männer, die wirklich jedes Buch von mir lesen. Von denen weiß ich das. Ich habe damals bei BookRix (Plattform für Ebooks) angefangen, bevor ich verkauft habe. Dort habe ich veröffentlicht und dort Resonanz bekommen. Von Männern und Frauen, dass sie es gut fanden. Von daher weiß ich auch, das meine Leser gemischt sind.

NH: Nehmen wir an, für die, die planen, selbst zu veröffentlichen, Sie haben eine Geschichte geschrieben. Es passiert alles in eigener Verantwortung, auch dann die Fehler, wenn das Buch im Handel ist.

DM: Es sollte ja im Handel möglichst fehlerfrei sein, das heißt, ich gebe es erst einmal nach Außerhalb zum Korrigieren und Lektorieren. Glücklicherweise bin ich gut, was Formulierungen etwa angeht und von daher finden die dann nicht sehr viel.

Natürlich findet man den einen oder anderen Fehler im Verlagsbuch, bei mir auch. Im Großen und Ganzen passe ich aber sehr auf, dass es eben nicht fehlerbehaftet ist, wenn’s in den Handel kommt.

NH: Man kontrolliert ja alles selbst. Wie viel Vorlauf braucht es, bis eine Geschichte veröffentlicht wird, vom Schreiben selbst bis es die Leser lesen können?

DM: Das Schreiben selbst dauert ziemlich lange.

NH: Fünf Jahre sind die Ausnahme?

DM: Fünf Jahre sind die Ausnahme. So lange habe ich für mein erstes Buch gebraucht, welches man übrigens gar nicht kaufen kann. Man kann es online lesen, aber mit einem Logikfehler und daher mag ich das nicht verkaufen.

(Nebengedanke von mir: Daran sollten sich einige Autoren ein Beispiel nehmen. Oder doch nicht, dann wären die Buchhandlungen ja leer.)

DM: Das nächste Buch hat dann drei Jahre gedauert, das folgende neun Monate. Nur das reine Schreiben. Korrektur und Lektorat mindestens zwei Monate. Danach lasse ich es eine Weile liegen und gehe dann noch einmal drüber, ändere dort und hier und das dauert dann auch schon mal vier Monate.

NH: Welche Rolle spielt für Sie Qindie? Wie hilft diese Organisation bei dieser Arbeit?

DM: Qindie wurde 2013 gegründet, als Netzwerk, wo sich Autoren finden, die eben qualitativ gute Bücher herausbringen wollen. Dort gibt es auch Korrektoren und Lektoren.

Man kann sich bei Qindie als Autor mit seinem Werk bewerben und dann wird geschaut. Ist es korrigiert, sind Kommafehler drin. Dieses Siegel gibt es nur, wenn das alles nicht ist. Von daher bin ich glücklich, weil’s ein gutes Zeichen für die Leser ist.

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Was ist Qindie genau? Und was tut es genau für Self-Publisher? 
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NH: Das gibt es oft, dass viele Aspekte der Nacharbeit, wie eben das Lektorat, vernachlässigt werden, was das Selfpublishing nicht immer einen guten Ruf verschafft.

DM: Leider ja.

DM: Jedes schlechte Buch, was von einem Selfpublisher herausgebracht wird, zieht andere mit runter. Der Leser sagt, Selfpublishing möchte ich nicht, weil es schlecht korrigiert und lektoriert ist, und das ist schade.

NH: Das Buch ist draußen. Es wurde lektoriert, das Cover ist in Ordnung und als Autor steht man dahinter. Wie sollte man vorgehen, um sich im Selfpublishing zu präsentieren?

DM: Ich bin ein großer Freund von Leseproben oder Vorgeschichten zu veröffentlichen, damit sich der Leser einen Eindruck davon verschaffen kann, wie die Geschichte geschrieben ist, ob sie dem eigenen Geschmack entspricht. Meistens ist es so, wenn der Leser Blut geleckt hat, liest er weiter, wenn es ihm nicht gefällt, werden sie von der Hauptgeschichte ferngehalten, so dass es da auch schon weniger negative Rezensionen gibt.

NH: Überarbeiten Sie dann auch schon mal Geschichten?

DM: Nein.

NH: Inwiefern beachten Sie Rezensionen? Man ist ja doch als selpublisher davon abhängig, oder?

DM: So viele Rezensionen habe ich leider nicht., aber ich würde mich darüber freuen. Normalerweise ist es so, die Geschmäcker sind verschieden. Die jenigen, die eine Rezension schreiben, die negativ ist, ist meist so, die Geschichte gefällt mir nicht, die ist zu pornös oder sie ist zu wenig erotisch.

Da hat jeder einen anderen Geschmack und ich kann nichts dagegen tun. Es ist halt so. Und ich werde nicht meine Schreibweise ändern, denn ich habe viele Leser, die genau diese gut finden. Wogegen man etwas machen könnte, wären z.B. Rechtschreibfehler. Ich habe letztens eine Rezension bekommen, wo ich mich ziemlich geärgert habe.

divina-michaelis-bizarre-erotische-geschichten
Autorin: Divina Michaelis
Titel: Bizarre erotische Geschichten
Seiten: 232
SBN: 978-1517212575
Verlag: Qindie Selfpublishing

Die Frau hat geschrieben, meine Bücher wimmeln vor Fehlern und das stimmt nicht. Sie sind alle nach den neuen Deutschen Rechtschreibregeln, nach den Duden korrigiert. Wahrscheinlich denkt sie, dass da Fehler drin sind, da sie anders schreiben würde. Sie schreibt halt nicht nach den neuen Deutschen Rechtschreibregeln und damit ist das Thema durch.

Es ist für mich ärgerlich, weil es dann in einer Rezension steht. Ein Anderer liest das und will das nicht lesen.

NH: Kommentieren Sie solche Rezensionen?

DM: Selten. Bei dieser habe ich das gemacht. Normalerweise lasse ich das bleiben. Es ist ansonsten unprofessionell als Autor, eine Rezension zu kommentieren.

Wenn einem Leser das Buch nicht gefällt, weil er eine andere Meinung hat, was soll ich das kommentieren? Eine andere Meinung ist sein gutes Recht. Das werde ich nicht ändern, wenn ich schreibe, dass das aber ein ganz tolles Buch ist.

NH: Du bist ua bei buechertreff.de aktiv, das ist das größte deutschsprachige Literaturforum im Netz. Sollte man sich auf einer solchen Plattform als Selfpublisher einbringen, oder eben einer anderen, egal ob Youtube oder ähnliches?

DM: Es bringt nichts, sich auf einer Plattform anzumelden, sein Buch zu bewerben und dann nie wieder zu kommen. Das nehemn normalerweise die Mitglieder übel. Man muss sich einbringen. Nicht nur als Autor, sondern auch als Mensch.

NH: Also auch zeigen, ich schreibe nicht nur, sondern lese auch anderes.

DM: Und ich bin an sich ein starker Leser. Dieses Jahr schon 32 oder 33 Bücher, neben dem Schreiben, und von daher habe ich dann auch meine Berechtigung als Leser bei buechertreff.de. Man kann als Plattform auch BookRix oder NeoBooks nennen.

Die können als Distributoren für die Autoren auftreten, die werben auch für die Bücher, wenn die gut geschrieben sind. Das gibt schon Unterstützung.

NH: Sie sind Vielleser. In wie fern läuft man dann Gefahr Dinge zu kopieren? Sebastian Fitzek hat gesagt, jede Liebesgeschichte lässt sich irgendwie auf „Romeo und Julia“ runterbrechen. Etwas völlig Neues zu erfinden, ist schwierig.

DM: Ist es, aber das ist die Herausforderung und ich liebe Herausforderungen. Bei mir ist es so, dass ich nicht ein Buch neu schreiben würde wollen, wenn ich es nicht gut fände. Auf eine Idee von einem anderen Autoren aufbauen, das mache ich nicht. Ich entwickle eigene Ideen.

NH: Gab es das auch schon mal umgekehrt?

DM: Gesehen habe ich das noch nicht, aber es gibt so viele Bücher und Möglichkeiten, dass man das nicht überblicken kann. Wenn, dann müsste jemand auf mich zutreten und sagen, hier hat jemand kopiert, aber das ist noch nicht passiert.

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NH: Ihre nächsten Projekte. Gibt es da schon Pläne?

DM: Momentan schreibe ich gerade an einer Endzeitromanze. Die Erde ist ziemlich zerstört wurden und es gibt nicht mehr viele Menschen. Da sie auch immer weniger werden, gibt es gewisse Gesetze, die in die Richtung gehen, in der ich schreibe, und damit müssen die Protagonisten klarkommen. Aber es ist eine Romanze, nicht so abenteuermäßig.

NH: Ich habe letztes Jahr das Experiment gemacht, ein Buch von Ihnen zu lesen, obwohl es so gar nicht zu dem gehört, was ich sonst lese. Wie schreiben sich solche manchmal diese sehr konkreten Szenen?

DM: Na ja, ich schreibe so, dass der Leser ins Schwitzen kommt, aber es muss mich auch betreffen. Aber ich habe auch schon eine Szene geschrieben, wo jemand gestorben ist. Ich habe Rotz und Wasser geheult.

NH: Das wäre jetzt das andere Extrem. Sie versuchen also die gesamte Bandbreite der menschlichen Gefühle in die Geschichten zu integrieren.

DM: Ich versuche die menschlichen Gefühle zu beschreiben und nicht die Erotik ist drin, damit es eine Handlung gibt, sondern die Erotik entsteht aus der Handlung heraus.

NH: Dann freuen wir uns auf den nächsten Roman, der die Leser ins Schwitzen bringt, und mir bleibt nur zu sagen, danke für das Gespräch.

DM: Vielen Dank.

Das Interview ist redaktionell geschützt und darf ohne Genehmigung nicht vervielfältigt oder andersweitig verwertet werden. Die Rechte, auch Bildrechte, liegen bei Divina Michaelis und findosbuecher.com.

Matteo Corradini: Im Ghetto gibt es keine Schmetterlinge

Im Ghetto gibt es keine Schmetterlinge von Matteo Corradini
Im Ghetto gibt es keine Schmetterlinge von Matteo Corradini

Autor: Matteo Corradini
Titel: Im Ghetto gibt es keine Schmetterlinge
Seiten: 288
ISBN: 978-3-570-40355-6
Verlag: cbj
Übersetzerin: Ingrid Ickler

Inhalt:
Theresienstadt 1942: Die Nazis haben ein Lager für Juden errichtet, das zeitweise als Vorzeigelager dient. Doch es ist nur eine Station auf dem Weg in die Vernichtungslager. Inmitten dieser Hoffnungslosigkeit gründen Kinder eine Zeitschrift, um gegen das Grauen anzuschreiben.

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