Autoren-Interview

Wir haben die Helden so lange gern, so lange die Helden uns verzeihen, dass wir keine Helden sind.

Als Hitlers Wehrmacht Frankreich im Juni 1940 besiegt, finden sich Künstler und Intellektuelle, die aus Deutschland sich einst ins Exil geflüchtet hatten, plötzlich wieder in Gefahr, der sie glaubten, entronnen zu sein. Die Gestapo fahndet zu dieser Zeit nach Heinrich Mann, Hannah Arendt, Lion Feuchtwanger und anderen, die seit 1933 in Frankreich Asyl gefunden hatten. Uwe Wittstock erzählt in “Marseille 1940” die Geschichten ihrer Fluchten und die des Mannes, der sie ermöglichte. Varian Fry.

findosbuecher (fortan: NH): Am Anfang steht ein Schriftstellerkongress im Jahr 1935? Warum?

Uwe Wittstock (fortan UW): Ich habe mich für das Jahr 1935 interessiert, da Varian Fry in dieser Zeit zum ersten Mal in Deutschland war und dort diese Randale und Ausschreitungen auf dem Kurfürstendamm erlebte. Da war die Überlegung: Die Schriftsteller, die er später gerettet hat, was haben die eigentlich zu dieser Zeit gemacht? So kam ich auf lauter originelle Geschichten.

Das war der Tag, an dem die Ehefrau von Schuschnigg in Österreich beerdigt wurde. Es gibt aber auch das Tagebuch von Feuchtwanger. Da war vom Leben in der “traumhaften Villa in Sanary-sur-Mer mit Blick aufs Mittelmeer” die Rede, aber auch von diesem Schriftsteller-Kongress, wieder ein Treffen von Schriftstellern, und darüber habe mich genauer informiert und festgestellt, dass dort viele Diskussionen aufgebrochen sind.

Dort kam das Thema Victor Serge auf, der kommunistische Schriftsteller, der stalinfeindlich eingestellt war und der während des Kongresses zum Thema wurde, da er quasi schon in einer Art Gulag oder Lager saß. Ich wusste, dass Victor Serge später in der Villa Air Bel mit Varian Fry zusammenleben musste. An dieser Art von Beziehung konnte ich nicht vorbeigehen, das musste ich mit hineinbringen.

NH: Was war Varian Fry für ein Mensch?

UW: Das war kein einfacher Mensch. Fry war sicherlich ein schwieriger Charakter, jemand der mit einem hohen Idealismus versehen war, auch hohen Ansprüchen an sich selbst, aber diesen Idealismus auch von anderen Menschen erwartete. Das ist etwas für uns normale Menschen Unbehagliches.

Wir haben die Helden so lange gern, so lange die Helden uns verzeihen, dass wir keine Helden sind, dass wir in unserer normalen Alltagswelt leben wollen. Und das war in diesem Fall eben nicht so. Er hatte sehr hohe Ansprüche an seine Mitmenschen. Wenn die sagten, da mache ich nicht mit, waren die ihm unangenehm. Das hatte er sie spüren lassen.

NH: Er hat dann mit anderen zusammen die Rettung von Künstlern und Schriftstellern organisiert. Wie hat man ausgewählt, wer gerettet wird, wer außen vor bleiben muss?

UW: Varian Fry war vor allem begeistert von europäischer Avantgarde-Kunst. Er liebte Leute wie Andre Breton, den er später auch rettete, Heinrich Mann, Anna Seghers. Diese waren ihm alle bekannt. Er hatte in Harvard, wo er studiert hatte, eine Zeitschrift herausgegeben, in der er Texte dieser Menschen publiziert hatte. Nun erfuhr er in Amerika, dass viele von denen in Südfrankreich in Gefahr waren, von den Deutschen gefasst, in Konzentrationslager oder umgebracht zu werden.

Zusammen mit Freunden gründete Fry in New York eine Organisation, um Geld zu sammeln, diesen Leuten zu helfen. Dann ging es darum, welchen Intellektuellen, welchen Künstlern, welchen Schriftstellern und Schriftstellerinnen sollten wir helfen? Dafür wurden Menschen befragt, die sich in den verschiedenen Bereichen gut auskannten, in der Theaterwelt, in der Philosophie, in der Kunst, auch in den Naturwissenschaften. So wurden Listen erstellt, wer dringend gerettet werden musste.

Für die Literatur hatte diese Liste Thomas Mann aufgestellt, der natürlich Listen auch von anderen bekam, aber sich natürlich gut auskannte, da ihm viele Exilanten nach Amerika geschrieben und um Hilfe gebeten haben. Diese Leute wurden dann aufgelistet. Zusammen waren das schon über 200 Personen. Mit dieser Liste fuhr Varian Fry nach Marseille.

Anfänglich hatte er gedacht, er bliebe nur vier Wochen, um einige wichtige Menschen zu retten. Er wollte aber vor allem die Organisation aufbauen, die das übernimmt. Fry hatte dann erkannt, dass die Aufgabe zu groß war, aber auch, dass es gerade für ihn als Amerikaner möglich war, viele zu retten, da die Deutschen Amerikaner anfangs noch mit großem Respekt behandelten. So blieb er dann nicht einen, sondern dreizehn Monate geblieben, und rettete nicht 200, sondern fast 2.000 Menschen.

NH: Zunächst fand sich kein anderer, der das machen konnte oder wollte. Fry kommt in Marseille an. Was war das vor Ort für eine Situation?

UW: Im geteilten Frankreich war es so, dass auch in der unbesetzten Zone viele Deutsche, viele Wehrmachtsangehörige und andere unterwegs waren. Es gab z. B. die Kundt-Kommission, die in den Internierungslagern geschaut hat, was für Menschen dort interniert waren. Waren das reichsdeutsche Hitleranhänger, wurden diese befreit und nach Deutschland zurückgeschickt. Waren es aber Gegner, konnte die Kommission die Auslieferung vom Vichy-Regime verlangen und diese Menschen ins KZ verbringen.

Man hatte da sehr genau geschaut, aber es gab auch andere Gefahren für Juden, für Hitler-Feindliche. Oder für Dissidenten, die nicht die richtigen Papiere hatten, mit denen sie sich in Frankreich frei bewegen konnten, sodass sie wieder verhaftet und ins Lager geschickt wurden.

NH: Fry kannte die Situation in Frankreich vorher nicht. Wie fand er die Fluchtrouten? Wie hat er sichergestellt, dass diese funktionierten?

UW: Er konnte sich mit der Situation in Frankreich nicht auskennen, da der Waffenstillstand und die Teilung des Landes erst am 22. Juli vollzogen wurden. Nur zwei Monate später kam er in Marseille an. In der kurzen Zeit gab es keine gesicherten Informationen und auch die Situation in Frankreich hatte sich noch gar nicht geklärt. Fry ist in ein für ihn ziemlich “unbekanntes Gebiet” gefahren.

Das geteilte Frankreich im Juli 1940 (Foto: C. H. Beck)

Er setzte sich dort mit anderen in Verbindung, die ebenfalls versuchten, gefährdete Menschen herauszuholen oder ihnen wenigstens vor Ort zu helfen. Da gab es einen Gewerkschaftler namens Frank Bohn, ein deutschstämmiger Amerikaner, der sich für gewerkschaftlich organisierte und für die SPD-Leute stark verantwortlich fühlte.

Mit dem traf er sich, der hatte ihm gesagt: „mach das mit Schiffen“. Das scheiterte und so blieb nur der Weg über Land, zur spanischen Grenze. Von Frankreich nach Spanien, von dort aus nach Lissabon. Von dort fuhren Schiffe ab.

NH: Wie erfuhren die Exilanten und Flüchtenden von Fry?

Von einigen hatte er Adressen. An diese hatte er Briefe geschrieben, z. B. an Heinrich Mann. Nachdem er geschrieben hatte, sprach sich das innerhalb der Exilanten-Gemeinde blitzschnell herum.

NH: Marseille war aber schon zu diesem Zeitpunkt auch ein Schmelztiegel der Spione. Es gab Zensur, abgefangene Briefe. Warum ging es so lange gut, bei so vielen Menschen, die letztendlich davon wussten?

UW: Am Anfang war Varian Fry sicherlich sehr unvorsichtig gewesen, aber er hatet sehr bald Albert O. Hirschmann kennengelernt, einen Deutschen, der schon in Italien gegen Mussolini gekämpft hatte. Der hatte Erfahrung mit Untergrund-Arbeit und hat, sobald er mit Fry zusammenkam, das Schlimmste verhütet und darauf geachtet, dass der nicht zu unvorsichtig ist.

Varian Fry machte aber auch einen klugen Schachzug: Er hat eine Wohltätigkeitsorganisation gegründet, die er ganz offiziell bei der Präfektur in Frankreich angemeldet hat, und ein Büro eröffnet, das sog. Centre Americain de Secours, welches die Aufgabe hatte, Geld- und Sachspenden zu verteilen, also Kleider, Lebensmittel.

Damit hatte er eine Fassade, mit der er rechtfertigen konnte, warum so viele Menschen zu ihm kamen. Hinter dieser Fassade hat er aber mit den Leuten, die gefährdet waren, vertraulich gesprochen und versucht, diese aus Frankreich herauszuholen. Auf welchem Wege auch immer.

NH: Es kam dort auch zu Situationen, dass an ihn “Bedingungen” gestellt wurden wie: „Ich geh nicht ohne den oder nur unter diesen Umständen“. Sind das Kurzschlussreaktionen gewesen?

UW: Wenn man z. B. von Familien ausgeht, ist es ziemlich klar, dass man zusammenbleiben möchte. Dann gibt es Solidarität und Loyalitäten, die man auch auf der Flucht nicht verletzt. Das ist das eine. Das andere, wir sprechen z. B. von Rudolf Breitscheid und Rudolf Hilferding, der eine Fraktionsvorsitzender der SPD, der Andere Finanzminister zu Zeiten der Weimarer Republik, die waren europaweit bekannt.

Staatsmänner, die sich im ersten Moment darauf verlassen hatten, dass die Vichy-Regierung ihnen Sicherheit zusichert, was diese auch getan hatte, dass sie nicht ausgeliefert werden. Das war ein Fehler. Im Nachhinein sehen wir das ganz deutlich. Schon nach einem Dreivierteljahr hatte das Vichy-Regime sein Wort gebrochen und sie ausgeliefert. Unser Wissen ist vom Nachhinein. Im Nachhinein ist man immer klüger. Ich kann schon verstehen, dass jemand von diesem Rang bleibt, wenn jemand ihm einen besonderen Schutz gewährt.

NH: Auf der anderen Seite ergibt sich der Eindruck, dass viele Schriftsteller wie Heinrich Mann diese Rettungsaktion als selbstverständlich angesehen haben und dann gerät Varian Fry ins Abseits des Vergessens.

UW: Leute wie Mann sind Menschen des 19. Jahrhunderts gewesen. Im 19. Jahrhundert geboren. Die konnten sich nicht wirklich vorstellen, wie sehr sich die Verhältnisse nach dem Ersten Weltkrieg und vor allem im Zuge des Beginns des Nazi-Regimes verändert hatten, mit welcher Brutalität und Rücksichtslosigkeit da vorgegangen wurde. Man dachte sich, wenn man sich wie ein guter Bürger verhält, dann kann einem nichts passieren.

NH: Die konnten sich nicht vorstellen, dass eine deutsche Regierung zu solchen Maßnahmen greift?

UW: Unbedingt. In diesen v. a. juristischen Dingen waren die Schriftsteller naiv und kannten sich nicht aus. Es gab natürlich manche, die waren exzellent und haben die Dinge sehr gut vorausgeahnt. Im vorangegangenen “Februar 33” beschreibe ich etwa Joseph Roth, der bereits am Morgen als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, das Land verlässt. Hier kann ich nicht mehr leben. Das ist zu gefährlich.

NH: Beide Werke, sowohl “Marseille 1940” als auch “Februar 33” sind in einer kalenderartigen Form gehalten. Was bewirkt diese Form für die Brisanz?

Uwe Wittstock im Gespräch. (Foto: Privatarchiv)

UW: Wenn es zu solchen Umbrüchen kommt, wie im Februar 1933 oder in der Zeit um 1940, in der die Exilanten in Südfrankreich regelrecht gejagt wurden, dann passiert in solchen Situationen unglaublich viel gleichzeitig. Und wenn man das erzählen möchte, ich sehe mich bei diesen Büchern als Erzähler, dann braucht man ein Ordnungsinstrument, um dieses Chaos in irgendeiner Art und Weise zu ordnen. Das chronologische Prinzip ist da sehr naheliegend, da es sehr gut Kausalitäten erklärt. Was ist vorher passiert? Was passierte danach? Auf die eine folgt die nächste Aktion und so weiter.

Ein anderer Fakt ist der, wenn man von mehreren Perspektiven erzählt, nicht nur von einer. In “Februar 33” habe ich einen Tag erzählt, dann den nächsten, immer wieder mit Unterbrechungen. Wie sieht es jetzt bei Thomas Mann aus, am Schauplatz von Heinrich Mann oder Berthold Brecht? Bei “Marseille 1940” ist es ähnlich.

Da gibt es Ereignisse, die Folgen für die ganze Geschichte der Rettung der Exilanten haben, in New York, in Kalifornien, in Deutschland oder in Marseille.

Ich muss, wie mit einer Kamera da- und dorthin schwenken, um erzählen zu können, was dort zu dieser Zeit passierte. Damit wird die Sache auch spannender.

NH: Wie gleicht man verschiedene, auch verschwimmende Erinnerungen ab? Wie entscheidet man, was ist erzählenswert, wo sind “Rivalitäten”?

UW: Was ich mache in diesen Büchern ist keine Wissenschaft. Es geht darum, die Dinge zu erzählen, dadurch lebendig zu halten und anschaulich zu halten und ein großes Publikum für die Situation der Flüchtlinge in Südfrankreich zu interessieren.

Wenn man dies wissenschaftlich angeht, muss man versuchen, die historischen Tatsachen so genau wie möglich zu rekonstruieren, wobei immer sehr viele Unsicherheiten bleiben, bei denen man sagen muss, es kann sein, dass es so oder so passiert ist. Wenn Sie erzählen wollen, ist das außerordentlich schwierig. Ich richte mich nach den Erinnerungen der Betroffenen, die dabei waren, und halte mich daran und muss zugegeben, dass natürlich die Erinnerung nicht immer ganz stimmt, ein Unsicherheitselement, das ich hinnehmen muss.

Das Problem ist, die Wissenschaft kennt all diese Dinge. Es ist ihr aber nie gelungen, ein größeres Publikum zu interessieren.

NH: Varian Fry ist bei uns nahezu unbekannt? Wie sieht es in Amerika, in Frankreich aus? Erinnert man sich da an seine Person?

UW: Fry ist in Deutschland viel zu wenig bekannt. Er hat ganz große Verdienste, es gibt aber in Deutschland keine Biografie über sein Leben, in der man sich wirklich intensiv mit seiner Person auseinandergesetzt hat. Das wollte ich unbedingt ändern. Das ist eben auch eine Folge davon, dass wir uns in diesen Dingen sehr stark auf wissenschaftliche Arbeitsweisen zurückgezogen haben. Die liefern aber auch keine völlige Zuverlässigkeit liefern, sondern sagen, „wir wissen es nicht ganz genau, sondern nur so ungefähr“, was dem entgegensteht, dies lebendig darzustellen.

Im Ausland ist das anders. Dort gibt es zwei Biografien über ihn. Da er als Amerikaner große Konflikte mit dem Außenministerium, dem State Departement, hatte, gab es auch eine Aktion des State Departments in den 2000er Jahren, in der er ausdrücklich gewürdigt und wo betont wurde, welch großartige Arbeit er geleistet hat. Der damalige Außenminister persönlich hat ihm posthum einen Orden verliehen.

NH: Was war das für ein Konflikt?

UW: Ein Spiel mehrerer Faktoren. Frys Organisation war eine Art NGO, bevor es diesen Begriff überhaupt gab. Das Außenministerium war nicht daran interessiert, sehr viele Flüchtlinge aufzunehmen. Etwas, was uns heute nicht ganz unbekannt ist. Die USA waren leider sehr vorsichtig, vor allem bei Juden. Auch in Amerika gab es antisemitische Strömungen zu der Zeit. Zum anderen wollte man keine politischen Intellektuellen, Theaterleute, Künstler im Land haben, da immer der Verdacht nahelag, das sie eigentlich Sozialisten oder Kommunisten seien.

Die wollte man definitiv nicht haben. Wer ein amerikanisches Visum haben wollte, musste die Frage beantworte „Waren oder sind Sie Mitglied einer kommunistischen Partei?“ Wer das bejahte, für den war Schluss. Der kam nicht ins Land. Nicht gefragt wurde „Waren oder sind Sie Mitglied einer faschistischen Partei?“ Komischerweise. Da gab es klare politische Vorbehalte und gegen diese hatte Varian Fry immer angekämpft und sich natürlich auch unbeliebt gemacht. Gegen stalinistische Kommunisten hatte auch Fry was. Gegenüber Sozialdemokraten und anderen war er sehr offen.

NH: Er hat die Liste auch sehr weit gefasst.

UW: Wenn er mit einer Liste von 200 Personen angekommen war und nachher fast 2.000 Menschen gerettet hatte, ist das wohl so. Als er in Marseille ankam waren ein paar Leute, die auf dieser Liste standen, bereits umgekommen, andere schon fort. Es gab Menschen, gerade französische Intellektuelle, von denen man in Amerika angenommen hatte, dass sie sehr gefährdet wären, die aber selbst die Gefahr nicht sehr hoch einschätzten. Ich bleibe in Frankreich. Ich möchte mein Land nicht verlassen.

Das Ende war ein eigentlich sehr bitteres. Schon Ende 1941 hatte die amerikanische Botschaft, da sie Frys Arbeit nicht haben wollte, ihm den Pass weggenommen. Ausweislos war er damit nicht mehr durch den Status, Amerikaner zu sein, geschützt. Der amerikanische Botschafter in Vichy-Frankreich, hat Fry signalisiert, dass er nicht protestieren würde, wenn dieses Regime ihn verhaftet.

Marseille 1940/1941 (Foto: C. H. Beck)

Daraufhin wurde Fry vom Präfekten in Marseille vorgeladen, um ihn mitzuteilen, dass Fry verhaftet und so untergebracht werden würde, dass er nicht mehr für seine Organisation arbeiten könne.

Das war natürlich ein endgültiges Signal. Fry hat versucht, das noch vier Wochen zu verzögern, aber dann musste er das Land verlassen.

NH: Varian Fry als besonderer Mensch nur für besondere Zeiten?

UW: Er war schwierig in Bezug auf Autoritäten. Er war kein Gruppenmensch, aber offensichtlich ein genialer Teamchef. Die Größe, in Marseille innerhalb von ein bis zwei Wochen ein so großartiges Team aufzubauen, mit Menschen, die idealistisch waren, um andere außer Landes zu bringen, das muss man erstmal machen.

Viele von diesen Menschen, die für ihn gearbeitet haben, sind nach dem Zweiten Weltkrieg in wichtige Positionen gekommen. Das war kein Zufall. Er hatte einen Blick gehabt für begabte Leute und da hat er wunderbar gearbeitet. Ein schwieriger Mensch mit ganz außergewöhnlicher Begabung. Diese dreizehn Monate waren die Sternstunde seines Lebens.

NH: Vielen Dank für das Gespräch.

UW: Vielen Dank.

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Wir danken Uwe Wittstock und C. H. Beck für die Gelegenheit, das Interview zu führen. Wie immer der Hinweis, dass das Interview Eigentum des Autoren, des Bloggers und des Verlages ist und nicht vervielfältigt, kopiert oder anderweitig verbreitet werden darf. Cover-Fotos werden nach Vorgaben des Verlags verwendet, Fotos des Autoren sind auf der Messe entstanden und gehören dem Fotografen. Das Interview erfolgte ohne Gewinnerzielungsabsicht.

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“Im Alltag mit den Menschen ist Saudi-Arabien ein extrem gastfreundliches Land.”

Das Interview mit Stephan Orth über seine Reise durch das Land der Scheichs und seinem Bericht “Couchsurfing in Saudi-Arabien”

Kurz vor Beginn der Pandemie öffnet eines der bisher verschlossensten Länder der Erde die Tore für Privatreisende. Stephan Orth beginnt sofort zu planen und zu organisieren, packt schließlich seinen Rucksack. Sightseeing interessiert ihn wenig, die Menschen um so mehr. In seinem Reisebericht “Couchsurfing in Saudi-Arabien – Meine Reise durch ein Land zwischen Mittelalter und Zukunft” berichtet er von seinem ereignisreichen Trip. Ihn eröffnet sich ein Land voller Widersprüche. Ich (NH) konnte mit ihm (SO) darüber sprechen.

Stephan Orth im Gespräch mit Einheimischen. Tee und Kaffee werden meist aufeinander folgend gereicht.
(Foto: Christoph Jorda)
Was ist und wie funktioniert Couchsurfing? Hier klicken:

Couchsurfing.com ist ein internetbassierendes Netzwerk, deren Mitglieder dieses nutzen, um eine kostenfreie Unterkunft zu finden, selbst eine Unterkunft anzubieten oder ähnliches, wie z. B. Stadtführungen anzubieten. Dies funktioniert über das Anlegen und Bewerten von Nutzerprofilen, sowie Absprachen zwischen den Beteiligten. Die Plattform hat nach eigenen Angaben mehr als zwölf Millionen Mitglieder weltweit. (Wikipedia)

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NH:

Wenn man solche Länder bereisen möchte, wie viel Vorbereitung ist notwendig oder überhaupt möglich?

SO:

Das ist ein ganz wesentlicher Teil einer solchen Reise. Ich verbringe Monate damit, mich mit dem Thema zu beschäftigen, alles zu lesen, was ich in die Finger bekomme. Bücher, Magazin- und Zeitungsartikel. Ein wesentlicher Teil ist auch, dass ich mir die Couchsurfing-Profile von hunderten von Leuten anschaue, eine Vorauswahl treffe.

Wer könnte irgendwie interessant sein, wer hat vielleicht ein ungewöhnliches Hobby, präsentiert sich online in einer etwas verrückten Art, dass ich Menschen finde, bei denen ich das Gefühl habe, da gibt es eine Geschichte zu erzählen. Das ist nachher in den Büchern das ganz Wesentliche.

Es geht ja um die Menschen in dem Land. Das heißt diese Art von Casting ist sehr wichtig, auch wenn es manchmal sehr anstrengend ist, wenn man hunderte von Profilen durchgeht.

Couchsurfing auf (f)liegenden Teppichen?
(Foto: Christoph Jorda)

NH:

Für Hotels gibt es Hotelbewertungen, beim Couchsurfing die Bewertungen ehemaliger Gäste. Privatreisen sind aber in Saudi-Arabien noch nicht lange möglich gewesen. Wie gestaltet sich das da? Wie aussagekräftig sind solche Profile?

SO:

Tatsächlich gibt es wenige Profile von Menschen, die schon sehr viele Bewertungen haben, was normalerweise eine gute Orientierungshilfe ist. Die meisten sind seit maximal zwei Jahren Mitglied. In vielen Großstädten gibt es nur ein paar aktive User.

Es ist definitiv schwieriger, dort Gastgeber zu finden als in anderen Ländern, in denen das schon seit zehn oder fünfzehn Jahren verbreitet ist. Tourismus ist dort noch ganz neu, gerade Individualtourismus mit Rucksack. Dementsprechend war ich oft auch der allererste Gast.

Stephan Orth, Rucksacktourist und Couchsurfer, sucht immer den direkten Kontakt zu den Einheimischen.
(Foto: Christoph Jorda)

NH;

Die touristischen Infrastrukturen dort sind gerade im Aufbau. Hatten Sie eine Art Back-up im Hintergrund, „Sicherheitsmechanismus“ für ihre Reise, jemanden, der die Zeit über Ihre Kontaktdaten hatte?

SO:

Ich schaue immer, dass ich weiß, wie ich das Konsulat erreiche und dass zu Hause ein, zwei Leute informiert sind, wo ich mich befinde. Das ist es dann aber in der Praxis auch schon. Bei Saudi-Arabien waren die Risiken vorab schwer einzuschätzen, da es so wenig Reiseberichte gibt und da ich auch keine Reisen vorher in dieses Land gemacht hatte.

In meinen anderen drei „Buch-Ländern“ war ich vorher schon einmal gewesen, konnte mir schon einmal einen Eindruck machen. Das war jetzt alles so neu, dass es dann auch die erste Reise war.

Piper/Malik Buchtrailer zu Stephan Orths Reisebericht “Couchsurfing in Saudi-Arabien“.

NH:

Vier Länder haben Sie auf diese Art und Weise bereist und Bücher darüber geschrieben. Haben Sie vorher schon Couchsurfing-Erfahrungen gesammelt?

SO:

Ich nutze das schon seit inzwischen achtzehn Jahren, vorher mit dem Vorgänger Hospitality-Club. Das war eine Seite, die von zwei deutschen Brüdern gegründet wurde, die eine Zeit lang sehr erfolgreich war, aber dann abgelöst wurde durch Couchsurfing, da die einfach mehr in die Seite gesteckt und das schöner und „lifestyliger“ aufgemacht hatten.

Auf jeder meiner eigenen Reisen habe ich es genutzt. Ich hatte auch viele Gäste bei mir zu Hause. Deswegen war es ganz natürlich für mich, darüber zu schreiben. Im Iran war es die beste Art, an die Geschichten der Einheimischen heranzukommen, um über diesen extremen Unterschied zwischen privatem und öffentlichem Leben erzählen zu können.

NH:

Gab es einen Moment in Saudi-Arabien, in dem Sie vielleicht dachten: „Ist das richtig hier zu reisen? War das jetzt ein Fehler?“

SO:

Diesen Moment gab es nicht, da mir von Anfang an klar war als Journalist, von Beginn September an, als es zum ersten Mal diese Möglichkeit gab, das Land zu bereisen, es wäre gut, das schnell zu tun, der Erste zu sein, der darüber schreibt. Deshalb hatte ich während der Reise an sich nie Zweifel an dem Projekt und Thema.

Es ist dann eher im Mikrobereich so, dass ich ständig bewerte. Wie läuft es gerade, was bekomme ich zusammen, was erlebe ich? Was erfahre ich über das Land von den Leuten? Natürlich gibt es immer wieder zwei drei Tage, an denen ich denke, jetzt ist nicht so viel passiert, dass ich jetzt nochmals umdenken muss?

NH:

Auf der Reise gab es immer wieder Momente des Grübelns. Sie beschreiben, dass Führung und Politik des Landes, wenn überhaupt, nur unterschwellig kritisiert werden, zwischen den Zeilen. Hatten Sie den Eindruck, dass die Menschen eher viel oder dann doch sehr wenig preisgaben?

SO:

Das kommt sehr auf das Thema an. Bei allen Smalltalk- oder einfacheren Themen, war es kein Problem, zu sprechen aber sehr häufig habe ich die Erfahrung gemacht, sobald es in Richtung Politik geht, sobald die kleinste Gefahr besteht, sich irgendwie kritisch über die Regierung zu äußern, da blocken die Menschen ab.

Sie wechseln das Gesprächsthema, wollen nichts sagen, da sie ganz genau wissen, wie brutal das Regime gegen Kritiker durchgreift. Diese Angst spürt man sehr häufig. Man hat in Saudi-Arabien als Reisender oft das Gefühl, nur an der Oberfläche zu kratzen, da man doch merkt, dass Einem vieles im besten Licht präsentiert werden soll.

Wenn man z. B. Kritikpunkte, gerade an diese besonders konservative Form des Islams anbringt, haben die Menschen gleich sehr feingeschliffene Antworten parat, Sie wissen genau, was es für Streitpunkte gibt. Sie sind sehr gut darin, Dinge auch positiv darzustellen. Man hat auf solch einer Reise oft das Gefühl, man bleibt stark an der Oberfläche und kommt nicht so ganz dahinter, erfährt nicht wirklich, was in den Leuten vorgeht. Das blitzt in einigen Momenten auf.

Auf Wüstentour im Wüstenstaat. Das Buch von Stephan Orth enthält Kamele.
(Foto: Christoph Jorda)

NH:

Es ist ja schon beeindruckend zu lesen, wie einfach das Beantragen der Visa gewesen ist. Nach den letzten Büchern hätte mich nicht die Frage überrascht, ob Sie darüber dann auch eines schreiben.

SO:

Im Falle von China war es auch so, als ich im Konsulat gewesen bin, dass ich gefragt wurde, ob ich ein Buch darüber schreiben werde, was ich dann eiskalt verneint habe.

Bei Saudi-Arabien war es anscheinend ohnehin eine automatische Erstellung dieses Visums. Das kam fünf Minuten, nachdem ich es abgeschickt hatte, per PDF an mich, mit neunzig Tagen Reisedauer, beliebig vieler Einreisen. Ein sehr gutes Visum. Das war verblüffend. Ich glaube, Saudi-Arabien hat anders als China, Russland und auch Iran noch wenig Erfahrungen mit ausländischen Journalisten. Es gab nie viele Korrespondenten, die dort fest stationiert waren. Vielleicht hat man dort noch nicht den Umgang damit entwickelt?

NH:

Gleichzeitig ist das ein Garant für teilweise kuriose Begegnungen. Welche sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben? Haben Sie noch Kontakt zu einigen Menschen dort?

SO:

Ja, teilweise schon. Es sind drei, vier Leute, mit denen ich noch regelmäßig Kontakt habe. Man fragt sich gegenseitig, wie es z. B. gerade mit Corona läuft? Wie ist die Situation gerade? Wie kommt man jeweils so zurecht in dem anderen Land?

Ein Erlebnis, das besonders hängen geblieben sind, war eine Wüstentour mit Einheimischen, mit Geländewagen. Abends wurde gezeltet. Diese Stimmung in der Wüste, diese Einsamkeit, der Sternenhimmel, die tollen Felsformationen, das war für mich als Reiseerlebnis das Highlight. Bei einem anderen Gastgeber in Nadschran, an der Grenze zu Jemen, habe ich eine besondere freundschaftliche Verbindung gespürt.

Er hat mir so viel von seiner Region gezeigt, den ganzen Freundeskreis vorgestellt. In einer Region, in der sonst kaum jemand reist, da es dort nicht sicher ist. Es war wahnsinnig spannend, einen solch authentischen Einblick in einen bislang völlig untouristischen Ort zu bekommen.

Beeindruckende Landschaften prägen das Bild des Wüstenstaates Saudi-Arabien.
(Quelle: Christoph Jorda)

NH:

Sie beschreiben, wie Bombeneinschläge zu hören sind, wie nah der Konflikt dort ist. Wie sehr beeinflusst dies das Leben der Menschen hinter derern Fassade, die diese vielleicht versuchen aufrecht zu erhalten?

SO:
Ich habe eine sehr starke Routine erlebt, da der Konflikt schon einige Jahre andauert. Zumindest ist es ein paar Monate her, dass es zu Zerstörungen in Nadschran kam. Irgendwie lebt man dort mit einem gewissen Fatalismus, aber auch Stolz.

Viele sagen: „Wir gehören zum Jam-Stamm und es ist eine Schande, aus Angst vor irgendwelchen Problemen zu gehen. Deswegen bleiben wir hier.“ Eine Mischung aus Stolz, dass man dort ausharrt und einer sehr starken Routine. Man weiß, dass von den Detonationen auf der anderen Seite, dass es nicht gefährlich ist, auf dieser, dass nichts herüberkommt und gewöhnt sich daran. Selbst ich habe mich nach drei Tagen daran gewöhnt.

Die Einschläge kamen so regelmäßig und es passierte nichts, sodass sie mich mit der Zeit gar nicht mehr aus der Bahn geworfen haben.

NH:

Die Härte des Landes, des Regimes ist ja das Eine. Haben Sie für sich Vorurteile, die es vielleicht gab, widerlegen können? Welche waren das und wie sah es am Ende aus?

SO:

Vielleicht hat man das Vorurteil, dass Saudi-Arabien im Alltag ein sehr abweisender Ort ist. Weil man – durchaus zurecht – so viel Negatives über gesellschaftliche Missstände oder Menschenrechtsverletzungen hört. Doch im Alltag, im Umgang mit den Menschen ist es ein ganz extrem gastfreundliches Land. Ich wurde ständig zu Kaffee, Tee und Datteln eingeladen.

Natürlich ist der Tourismus dort jetzt ein sehr neues Phänomen. Das möchte man jetzt auch. Man weiß auch, dass das ein Wirtschaftszweig der Zukunft ist.

NH:

Sie hatten zahlreiche Kontakte zu einheimischen Männern. Vergleichsweise rar war der Kontakt zu Frauen. Hätten Sie die Reise anders erlebt, wenn Sie als Frau unterwegs gewesen wären?

SO:

Ich glaube tatsächlich, es wäre eine komplett andere Reise gewesen und mindestens genauso interessant, da man dann natürlich in die Welt der Frauen viel stärker hineinkommt. Eine europäische Frau würde in allen Familien direkt in die „Frauen-Abteilung“ geschickt werden und könnte wahnsinnig viel erfahren, wie es dort zugeht und mit den Frauen viel mehr sprechen.

Sie kann aber gleichzeitig auch in der Männerwelt präsent sein. Man gilt dann ein wenig als „Außerirdische“. Da man nicht aus der gleichen Kultur kommt, darf man durchaus auch bei den Männer-Runden sitzen. Es wäre sicher hochinteressant, ein ähnliches Buch aus der Frauen-Perspektive zu lesen.

Kleine, vorsichtige Schritte der Änderungen prägen das Land seit Kurzem. Vor allem für die Frauen. Doch, noch immer ist Saudi-Arabien ein sehr konservativer und restriktiver Staat.
(Quelle: Christoph Jorda)

NH:

Die Reise ging später anders zu Ende als gedacht, wegen Corona. Es wurde zum Schluss sehr hektisch.

SO:

Ich hatte dann den letzten möglichen Flug nach Europa gebucht. Der ging um 9:50 Uhr, um 11:00 Uhr hat der Flughafen in Riad zugemacht. Die Grenzen waren sowieso dicht. In dem Moment musste ich raus. Das war zwei Wochen früher als geplant.

Ich habe es natürlich realisiert, dass das die richtige Entscheidung war, da man in der Corona-Krise nicht mehr weiter reisen bzw. zu Gastgebern gehen konnte.

NH:

Die haben reihenweise abgesagt.

SO:

Das merkte ich schon, als die erste Absage kam. Natürlich weiß man in dem Moment, das war im März, noch nicht, dass der Flughafen für Monate gesperrt werden würde. Die erste Ansage war, wir sperren den Flughafen jetzt für zwei Wochen. Ich wusste in dem Moment schon genug über Corona, durch u. a. Drosten-Podcasts, dass es nicht dabei bleibt, aber natürlich nicht, dass es Monate dauert. Wie lange im Endeffekt Grenzen zu sind, war da noch nicht vorstellbar.

Mir war jedenfalls klar, es ist jetzt schlauer, den letzten Flug zu nehmen.

NH:

Beim Lesen hat man den Eindruck, zumindest davor haben die Menschen die vorsichtig Öffnung des Landes positiv bewertet. Ist das so?

SO:

Gerade junge Leute sind sehr froh darüber, besonders Menschen aus dem Mittelstand, die vielleicht selbst schon gereist sind, z. B. in Europa waren. Viele fuhren bisher nach Dubai, Abu Dhabi oder Bahrain, um Spaß zu haben, zu feiern, Konzerte und Events zu erleben.

Es war im eigenen Land einfach nicht möglich. Sie freuen sich sehr, dass jetzt auch einiges in Riad, Dschidda und Dammam passiert.

Privat zeigen sich die Menschen sehr offen und gastfreundlich. Kritik und Ängste gibt es nur zwischen den Zeilen zu hören.
(Foto: Christoph Jorda)

NH:
Sie beschreiben ein Konzert in der Wüste, eine Weihnachtsfeier, die nicht so heißen darf. Wie beständig ist so etwas? Wird es weitere Lockerungen geben? Oder können diese schnell wieder rückgängig gemacht werden?

SO:

Klar ist erst einmal, dass durch Corona die Öffnung unterbrochen wurde und vieles erst einmal zurückgedreht ist. Momentan werden keine Touristen-Visa ausgestellt, Groß-Events wie Konzerte oder Sportveranstaltungen mit Publikum finden nicht statt. Das ist jetzt erst einmal auf „Stand-by“ gesetzt. Aber ich glaube schon, dass nach der Corona-Krise diese Entwicklung weitergehen wird.

Das Königshaus versucht aber auch ganz klar zu zeigen, dass es wenig bringt für den Wandel, wenn die Menschen für Proteste auf die Straße gehen. Die Bürger sollen verstehen: Es bringt euch nur ins Gefängnis, wenn ihr mit Protesten etwas erreichen wollt.

Man hört von weiteren Reformen, dass z. B. Peitschenhiebe als Strafe abgeschafft wurden oder dass die Todesstrafe nicht mehr für diejenigen verhängt werden soll, die bei der Tat unter 18 Jahre alt waren.

Man muss aber ganz klar sehen, wo die Grenzen liegen, dass es nie Entwicklungen hin zu mehr Zivilgesellschaft, zu mehr Demokratie, mehr Mitbestimmung, mehr Pressefreiheit sind. Alles, was die Macht des Königshauses angreifen könnte, da gibt es keine Reform.

NH:

Man bekommt den Eindruck, dass immer nur so viel Veränderung geschieht, dass sich die Führung des Landes auch gegenüber den jungen Menschen Saudi-Arabiens rechtfertigen kann. Saudi-Arabien ist ein sehr junges Land.

SO:

Das ist es auch. Rein demographisch sind ca. 60 % der Menschen unter 30 Jahre alt. Es ist ein sehr junges Land mit sehr kinderreichen Familien. Auch in dieser Generation. Von daher ist auch ein Druck auf das Königshaus vorhanden, auch für die jungen Menschen etwas zu ändern, dass man für sie das Leben ein wenig vereinfacht.

Die Grundidee von der „Vision 2030“ ist, die Kronprinz Mohammed bin Salman ausgegeben hat, dass man von den Öl-Einnahmen als einzigem, wesentlichen Wirtschaftsfaktor wegkommen muss.

Es geht damit nicht jahrzehntelang so weiter und da soll dann der Tourismus eine wesentliche Rolle spielen. Damit weiß man aber auch, dass man in diesem Falle nicht mehr so viel stärker konservativer sein kann als andere Länder, wenn man in der Weltwirtschaft eine Rolle spielen möchte.

Allgegenwärtig ist der Kontrast zwischen Tradition und Moderne. Immer unter den wachsamen Augen der Herrschenden.
(Foto: Christoph Jorda)

NH:

Wenn Tourismus wieder möglich sein wird, kann man also dorthin reisen? Welches Fazit ziehen Sie?

SO:

Ich glaube, es kommt eher auf die Art des Reisens an. Ich finde es nicht richtig, einen 5-Sterne-Urlaub, um einmal richtig die Seele baumeln zu lassen, eine gute Zeit zu haben, in ein Land zu machen, wo man mit der Regierung nicht einverstanden ist oder nicht sein kann.

Aber eine Reise, die einfach zu den Menschen führt, in der es um Kommunikation und Kennenlernen geht, finde ich in jedem Land in Ordnung, da man damit nicht so viel Geld im Land lässt, wie der Luxus-Tourist und damit eine Regierung unterstützt.

Es ist ein moralisches Problem. Ich finde, es ist auch nicht richtig, in Dubai in Saus und Braus zu leben.

NH:

Wenn Reisen wieder möglich werden,wohin planen Sie Ihren nächsten Trip? Wohin führt uns Ihr nächstes Buch?

SO:

Ich habe eine lange Liste von Ländern, die infrage kommen. Es gibt viele davon, die gut in diese Reihe passen würden, die auch oft negativ in den Nachrichten vorkommen, die in Sachen Menschenrechte problematisch sind.

Da gibt es durchaus einige Kandidaten, die ich sehr gerne einmal aus der Alltagsperspektive heraus bereisen würde. Es steht noch nicht fest, welches das nächste Ziel sein wird. Man kann im Moment wahnsinnig schwer planen, von daher werde ich das vermutlich erst am Ende des Jahres entscheiden.

NH:

Dann bleiben wir gespannt. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

SO:

Vielen Dank ebenso.

Wer jetzt Lust zum Lesen bekommen hat, hier geht’s zur Rezension von Stephan Orths “Couchsurfing in Saudi-Arabien”.

Stephan Orth: Couchsurfing in Saudi-Arabien
Seiten: 255
Malik Verlag
ISBN: 978-3-89029-570-1

Informationen von und über Stephan Orth:
Homepage I Twitter I Instagram I Piper/Malik Verlagswebsite I Politicky&Partner I Fotos: Christoph Jorda

Das Interview wurde über Zoom geführt. Den Inhalt verlinkter fremder Seiten, auf die hingewiesen wird, macht sich der Blog-Autor nicht zu eigen. Eine Haftung dafür wird nicht übernommen.
Bildmaterial wurde freundlicherweise dem Blog-Inhaber seitens der literarischen Agentur Politicky & Partner zur Verfügung gestellt. Dieses darf nicht weiter verbreitet oder verändert werden und ist Eigentum der Rechteinhaber. Das Interview darf nur mit Genehmigung des Blog-Autoren, beteiligten Interview-Partnern, Verlags- und Agenturverantwortlichen weiterverbreitet, nicht verändert werden. Der Blog-Autor dankt allen Beteiligten für das Zustandekommen des Beitrags.

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“Im Alltag mit den Menschen ist Saudi-Arabien ein extrem gastfreundliches Land.” Read More »

Autoren-Interview auf der Leipziger Buchmesse 2019: Michael Tsokos und die Abgründe der Gerichtsmedizin

Michael Tsokos = MT, ich = NH

Das Interview enthält einen Spoiler, den ich als einen solchen gekennzeichnet habe. Dieser kann jedoch übersprungen werden; man muss ihn aufklappen, um ihn zu lesen. Wer dies nicht tut, bleibt spoilerfrei. Das Interview kann auch ohne diesen gelesen werden.

NH: In Ihrem neuen Thriller „Abgeschlagen“ geht es um einen Fall innerhalb der Kieler Rechtsmedizin und den Protagonisten Dr. Herzfeld. Wie viel Herzfeld steckt in Ihnen persönlich?

MT: Es steckt einiges Persönliches drinnen, dass ich natürlich, wie mein Protagonist das Problem habe, zu viel zu arbeiten, zu wenig zu Hause bin und zu wenig Zeit für die Familie zu haben. Das klingt ja immer wieder durch, sowie dass ich von Berufs wegen neugierig bin und es mir keine Ruhe lässt, wenn sich mir etwas nicht erschließt.

Was nicht auf mich zutrifft ist, dass ich nie diese Risiken eingehen und Alleingänge machen würde, die Herzfeld macht. Das muss man aber, der Dramaturgie geschuldet, machen. Wenn Sie jemanden haben, der 16 Uhr nach Hause kommt und bei jeder Kleinigkeit die Polizei ruft, haben Sie keine Hauptfigur.

NH: Sie können für sich auch das Dramaturgische und das, was fachlich vielleicht notwendig wäre, trennen?

MT: Das kann ich. Das ist der Vorteil der Belletristik. Im Sachbuch kann man das nicht, dort muss man bei den Fällen genau dranbleiben. In der Belletristik habe ich die Möglichkeit, einen echten Fall mehr auszuschmücken, mehrere Fälle zusammenfließen zu lassen und den Protagonisten Dinge tun lassen, die man sonst als Rechtsmediziner nicht machen würde. Die Möglichkeiten habe und nutze ich auch.

Autor: Michael Tsokos
Titel: Abgeschlagen
Seiten: 414
ISBN: 978-3-ä426-52438-1
Dromer Knaur

NH: Ist das Schreiben eines Thrillers für Sie eine Art „Ausgleich“ zur Wirklichkeit?

MT: Irgendjemand hat mich einmal gefragt, ob es eine Art „Therapie“ wäre. Vielleicht ist es das auch. Einmal macht es natürlich Spaß. Ich habe ansonsten relativ wenige Hobbys, aufgrund der fehlenden Zeit. Ich habe früher auch sehr viel Wissenschaftliches publiziert, in Fachzeitschriften überall auf der Welt, von der Idee bis zur Druckfahne und dem Erscheinen.

Das ist auch das, was bei einem Buch Spaß macht. Es ist sicherlich eine Art „Therapie“ zu wissen, ich schreibe etwas und irgendwann gibt es Leute, die lesen das, die finden es gut und es gibt Feedback. Das ist Erfolg, der einem auch positiv bestätigt.

NH: Wie war das Feedback zum neuen Thriller von Kollegen der Rechtsmedizin? Gab es da welches?

MT: Nein, bisher nicht. Das ist jedoch auch nichts, was ich jetzt erwarten würde. Ich habe einigen Arbeitskollegen das Buch geschenkt, da diese mich beraten und als Probeleser fungiert haben. Ansonsten gibt es da fachlich kein Feedback. Es macht jeder seines. Es interessiert einen Rechtsmediziner in Hamburg nicht, ob ich Rechtsmediziner in Berlin ein Buch schreibe.

https://www.instagram.com/p/BSETeWdFf_f/
Das war 2017. Michael Tsokos stellte damals einen anderen True-Crim-Thriller vor.

NH: Wie erklären Sie sich bei den einfachen Publikum und Lesern die Faszination für Thriller und Krimis?

MT: Der Tod als zentraler Bestandteil von Krimis und Thriller übt natürlich eine große Faszination auf die Menschen aus. Das ist etwas, was ich aus meinem Leben als normaler Bürger ausklammern möchte. Ich kann mir als Normalbürger nicht vorstellen, dass ich jeden Tag früh ins Büro gehe, zwölf Leichen auf den Tisch liegen habe, so wie ich, die aufgeschnitten und untersucht werden…

NH: Sind das so viele?

MT: Ja, wir machen jeden Tag so viele Obduktionen. Ich bin auch bei allen Obduktionen in Berlin dabei. Wir machen ca. 2200 Obduktionen pro Jahr. An regulären Arbeitstagen sind das schon zwölf.

NH: Auch der Thriller „Abgeschlagen“ hat einen wahren Hintergrund. Wo genau liegt der „wahre Kern“ hinter der Geschichte?

Spoiler

MT: Vor ungefähr 25 Jahren hat mein damaliger Chef in der Hamburger Rechtsmedizin mir erzählt, dass es einmal einen skandinavischen Rechtsmediziner gab, der Prostituierte getötet, zerstückelt und die Leichenteile in den Park versteckt hat. Als sie dann gefunden wurden, hat er die obduziert. Über diese Geschichte findet man so gut wie nichts im Internet, da das in den 70er und 80er Jahren passiert ist, aber sie hat mich fasziniert.

Das ist das zentrale Thema. Was ist, wenn ein Rechtsmediziner tatsächlich selbst der Täter ist? Wenn er sein spezielles Wissen ausnutzt, um der Polizei immer einen Schritt voraus zu sein. Im Buch ist relativ schnell klar, um wen es sich handelt, aber der Weg bis zu seiner Überführung und zum Showdown ist sehr spannend. Das ist entscheidend bei „Abgeschlagen“.

[Einklappen]

NH: Der Weg ist das Ziel. Kann man ja durchaus auf Ihre Arbeit übertragen. Wie kommt man zu diesen medizinischen Bereich? Gibt es so etwas wie Freude an dieser Arbeit?

MT: Mein Beruf bereitet mir auch Freude und Spaß. Ich freue mich jeden Tag, wenn ich morgens zur Arbeit fahre, ob dem, was mich erwartet. Es gibt in der Medizin vieles, was ich nicht machen könnte. Wenn ich z.B. auf einer Kinderkrebsstation arbeiten würde und die kleinen Patienten sterben oder ich in einer Dialyse-Station, wo die Menschen zunehmend ins Nierenversagen rutschen, da sie keine Spenderniere bekommen, das wäre eine Sache, die ich nicht machen könnte.

Freude an beiden Berufen. Schriftsteller und Gerichtsmediziner Michael Tsokos.

MT: Ich weiß, dass es für viele unvorstellbar ist, den Job zu machen, den ich habe. Es gibt für mich jedoch genug andere, die ich nicht machen wollen würde. Ich war im Studium von der Rechtsmedizin total fasziniert. Das hat angehalten und deshalb habe ich mich auch dafür entschieden.

NH: Der Protagonist Dr. Herzfeld deckt im Laufe der Ermittlungen die Hintergründe der Tat auf. Wäre dies heute, in Anbetracht der Entwicklung von kriminalistischer Untersuchungsmethoden überhaupt noch so möglich? Ein unaufgeklärter und inszenierter Mord, dieses Schauspiel als Folge?

MT: Absolut. Das ist möglich, da wir natürlich genau wissen, wie Spuren verändert werden können. Wie legen wir falsche und verändern eigene Spuren? Das wäre absolut möglich.

NH: Gibt es den perfekten Mord?

MT: Den gibt es. Ich kann natürlich keine Beispiele nennen, jedoch gibt es gerade in Berlin den Fall eines verschwundenen Mädchens, dass sehr wahrscheinlich Opfer eines Tötungsdeliktes geworden ist. Die Polizei hat nicht den geringsten Anhaltspunkt, was passiert ist.

NH: Wenn Sie im „Schreibprozess“ sind, wie gehen Sie vor? Steht die Geschichte fest oder beginnen Sie zu schreiben und schauen, wohin dies führt?

MT: Der Grundblock steht von Anfang bis Ende fest. Man macht sonst den Fehler, sich zu verzetteln und nicht dort anzukommen, wo man hin möchte. Der Weg dahin ist flexibel. Ich habe den Protagonisten und habe die Rollen verteilt; bei dem, was dazwischen passiert, bin ich flexibel.

Zwischendurch kommen ja auch neue Ideen hinzu. Was von vornherein klar ist, ich brauch einen großen Showdown, ein Finale. Es ist jedoch zum Beginn des Schreibprozesses nicht unbedingt klar, wie das aussieht. In „Abgeschlagen“ war es das auch noch nicht, nur, dass es einen großen Abgang haben und quasi filmische Sequenzen haben muss.

NH: Wie gehen Sie mit der Realität in ihren Büchern um, z.B. im Gegensatz zu Sebastian Fitzek? (Die Frage habe ich ursprünglich anders gestellt, so dass es weder zum damaligen Interview mit Fitzek selbst gepasst hätte, noch hier zielführend gewesen wäre. Michael Tsokos hat jedoch, unbewusst, so geantwortet, dass ich nachträglich in der Abschrift die Frage umformulieren konnte. Jetzt passt es.)

MT: Im Gegensatz zu Fitzek muss ich die Realität abmildern, da sonst niemand das Buch lesen würde. Das würde kein Verlag drucken. Bei mir sind die Fälle aus dem wahren Leben.

Michael Tsokos und “Abgeschlagen”.

NH: Ihre Arbeit ist sehr zeitintensiv, in Berlin und auch im Ausland, wo Sie zu vielen Fällen hinzugezogen werden? Woher nehmen Sie die Zeit, zusätzlich Thriller zu schreiben?

MT: Ich habe es sehr komfortabel, da ich mir keine Fälle ausdenken muss. Die Geschichten kommen zu mir. Ich bearbeite so viele Fälle mit unfassbaren Details und Wendungen. Die Story zu bekommen, ist nicht schwierig. Eher noch die Umsetzung, ein Buch daraus zu formen, neben den sonstigen Pensum. Man muss sehr diszipliniert sein und seine freie Zeit nutzen, zu schreiben.

NH: Zuletzt wurde die Serie „Charite“ ausgestrahlt. Es gibt zwei neue Bücher über einen der prägenden Ärzte, Ferdinand Sauerbuch. Welchen Eindruck haben Sie davon?

MT: Ich bin selbst immer wieder erstaunt, wie sich Ärzte im Nationalsozialismus verhalten, zu Handlangern und willfährigen Henkern dieses Systems gemacht haben. Für mich erstaunlich, aber es ist natürlich ein Punkt, den ich für mich selbst kritisch hinterfrage. Wie würde ich mich in solch einer Situation verhalten? Mich hat die Serie total fasziniert.

NH: Wie wird es denn auch weitergehen mit Paul Herzfeld?

MT: Es wird eine Trilogie werden. Das nächste Buch heißt „Abgebrüht, um eben in dieser „Ab-“-Reihe zu bleiben. Es geht weiter.

NH: In diesem Sinne, vielen Dank für das Gespräch.

MT: Vielen Dank.

Wir danken Michael Tsokos und DroemerKnaur für die Gelegenheit, das Interview zu führen. Wie immer der Hinweis, dass das Interview Eigentum des Autoren, des Bloggers und des Verlages ist und nicht vervielfältigt, kopiert oder andersweitig verbreitet werden darf. Cover-Fotos werden nach Vorgaben des Verlags verwendet, Fotos des Autoren sind auf der Messe entstanden und gehören den Fotografen. Das Interview erfolgte ohne Gewinnerzielungsabsicht.

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Autoren-Interview auf der Leipziger Buchmesse 2019: Veit Etzold und eine Verschwörung gegen den Staat

NH: Sind Sie ein optimistisch denkender Mensch?

VE: Jein. Ich bin langfristig schon optimistisch, da man ja ansonsten nicht existieren und langfristige Sachen machen würde, aber kurzfristig teilweise pessimistisch. Wenn man nicht immer das Schlimmste erwarten würde, könnte man auch keine Thriller schreiben, da passiert ja immer irgendetwas Negatives.

“Sind Sie ein optimistischer Mensch?” Veit Etzold: “Jein.”

NH: Was hat Sie zu den Thriller „Staatsfeind“ inspiriert?

VE: Ich habe 2013 mit einem ehemaligen KSK-Kämpfer (Kommando Spezialkräfte) gesprochen. Der meinte, man könnte einen Umsturz in Deutschland mit dreihundert Elitekräften machen. Die würden ausreichen, um alles umzustürzen. Das erschien mir plausibel und ich habe mir überlegt, was ist, wenn dies wirklich der Fall wäre? Welche Kräfte würden sich bündeln? Wer würde so etwas machen? Wie würde das aussehen?

Ich habe dann immer weiter recherchiert, mit verschiedenen Leuten gesprochen und gerade jetzt gibt es eine große Unzufriedenheit bei den Sicherheitsbehörden, die mit der Regierung nicht einverstanden sind, die sich im Stich gelassen fühlen, wo vielleicht die Möglichkeit besteht, so etwas hinzubekommen, gar nicht mal so unrealistisch ist. Auf alle Fälle realistischer als vielleicht vor zehn oder zwanzig Jahren.

Veit Etzold “Staatsfeind“, Droemer, Seiten: 461, ISBN: 978-3-426-30668-0

NH: Dieses Ereignis, zuerst eines Terroranschlags und dann eines Umsturzes, setzen Sie auf ein historisches Ereignis. Den Mauerfall, der sich 2019 zum dreißigsten Mal jährt. Warum dieses Datum?

VE: Dies ist ein historisches Datum und die Separatisten wollen Deutschland spalten, in einem nationalistischen und einem islamischen Staat und bedienen sich dann auch Islamisten, die ihnen dabei helfen. In sofern wäre es eine völlige Ironie, dass am dreißigsten Jahrestag der Wiedervereinigung dann wieder alles auseinander gerissen wird. Der eine Teil Deutschland wäre dann nationalistisch, der andere islamisch und jeder der beiden Staaten ist für den anderen da, um ein abschreckendes Beispiel zu geben.

NH: Sie hatten diese Idee und daraus die Geschichte formuliert? Wie haben sie diese entwickelt? Gibt es einen Schreibplan, der Anfang und das Ende stehen vorher fest oder schreiben Sie und schauen, wo die Idee hinführt?

VE: Der Anfang steht und das Ende steht auch, genau so wie die ganze Story vorab. Es ändern sich vielleicht nur noch ein paar Sachen, auf einige bin ich erst zum Ende hin gekommen, die sich noch ganz gut einfügen ließen, aber bei Thrillern steht normalerweise die gesamte Geschichte gleich zu Beginn. Ich schreibe ein Expose, gliedere teilweise per Excel einzelne Szenen.

Wenn man einfach los schreibt, können logische Brüche entstehen und man kann vielleicht alles nochmal schreiben. Es ist unheimlich schwer, dies wieder hinzubekommen, während man nach einem Expose genau weiß, hier muss ein Charakter öfter auftauchen, hier ist der Bösewicht zu wenig präsent. Es ist um Einiges klarer und strukturierter. Ein Thriller versucht ja auch, den Leser auf eine falsche Fährte zu führen.

Veit Etzold: “Ein Thriller versucht ja auch, den Leser auf eine falsche Fährte zu führen.”

NH: Neben den Schreiben halten Sie Vorträge und Seminare, arbeiten im Bereich der Unternehmensberatung. Hilft dies beim Schreiben?

VE: Vor allem mache ich viel über Kontakte, Storytelling und Unternehmensberatung und da gibt es natürlich immer Leute, die sagen, wenn Sie mal eine spannende Idee brauchen, melden Sie sich bei mir. Menschen, die im Bereich Sicherheitstechnologie, IT, Banken arbeiten, haben immer spannende Geschichten zu erzählen, würden selbst vielleicht gerne schreiben, haben aber vielleicht nicht die Zeit dafür oder schaffen es nicht.

Das ist ein tolles Netzwerk, welches man immer kontaktieren kann. Es gibt natürlich Leute in den Sicherheitsbehörden, in der Armee, bei Elitetruppen, ein Netzwerk, welches Geschichten liefern kann, aber oft sagen sie natürlich auch, sie wollen nicht namentlich erwähnt werden.

NH: Gibt es für die Protagonisten in Ihrem neuen Buch solche realen Vorbilder oder Menschen mit entsprechenden Charaktereigenschaften?

VE: Cohagen, zum Beispiel ist ein Mensch von Typ Horst Mahler. Horst Mahler war Gründungsmitglied der RAF, hat RAF-Terroristen als Anwalt verteidigt und ist dann Mitglied der NPD geworden. Vom Links- zum Rechtsradikalen, sehr beweglich.

Da geht es wahrscheinlich nur um Umsturz und neue Gesellschaftsformen, die er möchte, egal was da jetzt drauf steht und so ähnlich ist Cohagen, der einer der Hauptverschwörer ist. Es sind schon einige Personen, die an reale angelehnt sind. Das wäre jetzt mit Horst Mahler eine prominente Figur. Es gibt aber viele andere, die ich kenne, die jedoch nicht erwähnt werden möchten.

NH: Für wie realistisch halten Sie dieses Szenario?

VE: Ich halte die Grundsaat, die Möglichkeit ist relativ hoch. Heute höher denn je als in der Geschichte der Bundesrepublik. Hoffe, dass es dann nicht dazu kommen wird und am Ende alles gut ausgeht.

Es ist jedoch eine Sache, die sehr nah an der heutigen Situation ist, die entsprechende Auswirkungen hätte, wenn sie passiert und nicht komplett unwahrscheinlich ist. Ich wünsche es mir nicht, aber ich glaube, dass es in unserer Zeit eher wahrscheinlich ist als zuvor.

Veit Etzold: “Die Möglichkeit ist relativ hoch.”

NH: Polarisiert der Thriller?

VE: Ich habe schon Kritiken gehört, E-Mails bekommen, wo es hieß, dass wäre zu krass und verachtend gegenüber dem etablierten System. Wobei ich ja nicht sage, dass ich das System verachte, nur sage, was kann passieren, wenn das etablierte System nicht aufpasst. Ich möchte, dass Demokratie und Freiheit weiter bestehen, es ist jedoch nicht Gott gegeben. Wenn man es nicht immer wieder verteidigt, wird es vielleicht irgendwann abgelöst. Das müssen wir verhindern.

NH: Trotzdem endet ihr Thriller jetzt nicht gerade mit einem Happy End.

VE: Teilweise. Es muss ja ein Ende haben. Hier liegt die Bestie am Boden, ist aber noch nicht tot. Man weiß nicht, wie es weitergeht. Es könnte auch eine Richtung eingeschlagen werden, die man gar nicht möchte.

NH: Das heißt, Fortsetzung folgt?

VE: Vielleicht. Könnte man überlegen. Dass es eine Fortsetzung gibt, könnte durchaus sein. Vielleicht aber auch nicht.

Veit Etzold: “Dass es eine Fortsetzung gibt, könnte durchaus sein.”

NH: Wie muss die Umgebung sein, um solche Bücher zu schreiben?

VE: Ruhig. Lärm nervt mich, wenn ich konzipiere, plotte und schreibe, ansonsten habe ich da keine großen Anforderungen. Ein wenig Platz.

NH: Sebastian Fitzek sagte mal, um so schöner die Umgebung, um so schrecklicher werden die Szenarien.

VE: Es muss eine schöne Umgebung sein. Schöner Ausblick, zum Beispiel am Meer. Aber bei mir kann das auch das Hotel sein oder im Flugzeug. Wichtig ist, dass man seinen Gedanken ungestört Raum geben kann. Ansonsten stimmt das natürlich. Je schöner die Umgebung, desto schlimmer die Themen. Jedenfalls, wenn man Thriller schreibt.

NH: Was macht die Faszination für Thriller aus? Gerne gelesen, im Feuilleton kommt er fast nicht vor.

VE: Sie werden gerne gelesen, da sie Themen behandeln, womit man sich in sicherer Atmosphäre gruseln kann. Der Mensch möchte sich gruseln, jedoch in sicherer Umgebung und nicht wirklich solchen Leuten begegnen, einerseits. Andererseits behandeln Thriller ganz oft den Tod und dieses Thema ist in unserer Gesellschaft völlig ausgelagert worden. Man sieht kaum mehr Tote. Früher hat man die auf den Schlachtfeldern gesehen. Tote werden nicht mehr zu Hause aufgebahrt.

Veit Etzold: “Thriller werden gerne gelesen, da sie Themen behandeln, womit man sich in sicherer Atmosphäre gruseln kann.”

Es gibt eine Lifestyle-Industrie und wir glauben alle, wir sind für immer jung und unsterblich. Sind wir nicht, aber glauben wir. Religiös gibt es eigentlich auch keine Beschäftigung mit einem Leben nach dem Tod. Danach ist es vorbei. Der Tod ist ausgeklammert worden, aber immer noch präsent. Eine Art Underdog, der durch die Hintertür wieder hereinkommt, nachdem er durch die Vordertür hinaus geschmissen wurde.

Der Thriller behandelt den Tod und die Phänomene, die wir ausklammern, die aber für den Menschen trotzdem interessant sind. Warum der Feuilleton das nicht möchte, keine Ahnung. Wahrscheinlich, weil es irgendwie massentauglich oder nicht intellektuell genug ist. Wir haben in Deutschland als einzigem Land die Unterscheidung zwischen ernsthafter und Unterhaltungsliteratur.

Ernsthaft kommt ins Feuilleton, aber nicht auf die SPIEGEL-Bestsellerliste. Bei Unterhaltung ist es umgekehrt. In anderen Ländern werden auch Thriller in der New York Times, Washington Post, Financial Times besprochen, hier nicht. Ich verstehe es auch nicht.

NH: In Ihren Büchern kommen oft Antihelden vor, bei denen man nicht weiß, wie man sich eigentlich zu ihnen positionieren soll. Warum?

VE: Ich glaube, diese ganz klaren Helden, die man zuordnen kann, haben ausgedient. Die Leute wollen ambivalente Figuren, was man auch zunehmend an Serien sieht, in denen die Protagonisten nicht klar zuzuordnen sind. Die meisten Menschen sind ähnlich. Ein Mensch, der sagt, er würde nie töten. Wenn es aber darum geht, die eigene Frau, die eigenen Kinder zu retten, würde man vielleicht schon zum Mörder werden. Die Grenzen, was man machen würde und was nicht, sind immer fließend.

Veit Etzold: “Die Grenzen, was man machen würde und was nicht, sind immer fließend.”

Jeder Held, jeder normale Mensch ist auch teilweise ein Antiheld. Das ist näher an den potenziellen Lesern dran als ein Held, der völlig glatt gebügelt ist und weiß, was er will. Wir wissen oft nicht, was wir genau wollen und wie wir in Extremsituationen reagieren.

Das kommt auf die Situation an und in solche werden die Helden hinein geschmissen. Das sind Menschen, keine Superhelden, die eine gewisse Sache vielleicht gut können, ansonsten genau so verletzlich und überfordert sind, wie vielleicht auch der normale Leser in einer ähnlichen Situation.

NH: Dieses Szenario haben wir als Leser und vor allem der Protagonist jetzt überstanden. In welches werden wir uns als nächstes begeben?

VE: Als nächstes kommt wieder ein Clara-Vidalis-Thriller, mittlerweile der siebte Band der Reihe, in der Clara Vidalis einen Serienmörder jagt. Mehr kann ich noch nicht verraten, es ist aber Bewährtes mit neuem Setting und neuen Charakteren und einer ziemlichen Überraschung am Ende.

NH: Dann lassen wir uns überraschen. Vielen Dank für das Gespräch.

VE: Vielen Dank.

Ohne Genehmigung darf das Interview nicht verbreitet oder vervielfältigt werden. die Rechte liegen beim Blog-Betreiber, dem Interviewpartner und den Verlag. Cover-Fotos werden mit Genehmigung des Verlages verwendet. Sonstige Bildrechte liegen beim Fotografen. Wir danken dem Autor und dem Verlag.

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Leipziger Buchmesse 2019: Constanze John in der Minutenwelt Georgiens

“Wir sind Gäste in dieser Welt der Minute, Wir vergehen, und die Nächsten bleiben hier. Was wir miteinander tun, all diese freundlichen und angenehmen Dinge – das ist es doch, wofür wir leben, oder? Was, außer dem, werden sie mit in unsere Gräber legen? Nur drei Meter leinwand, nur”…

Zutisopeli/Die Minutenwelt, zitiert aus Constanze John “40 Tage Georgien”.

Es sind noch ein paar Dinge offen, die ich von der Messe mitgenommen habe, drei Interviews und Gespräche vor allem, die ich in Leipzig dieses Jahr mit verschiedenen Autoren geführt habe. Leider komme ich erst jetzt und in den nächsten Tagen wirklich dazu, diese zu sichten und werde dies hier, nach und nach, veröffentlichen. Gleich das erste Interview, welches ich vereinbart habe, veröffentliche ich jedoch in Form eines Berichts, da ich in diesem Falle noch besser meine Eindrücke schildern kann. Die anderen Interviews werde ich jedoch wirklich als solche veröffentlichen.

Das Gespräch selbst fand im Büro der Reisemission Leipzig GmbH statt, einer der vielen Veranstaltungsorte im Rahmen des Programms “Leipzig liest”. Diese Ausrichtung der Messe sorgt dafür, dass es eben eine wirkliche Publikumsmesse ist und nicht nur in den Messehallen selbst das Lesefieber gelebt wird. Und so versammelten sich in diesem Büro zahlreiche Zuhörer und Interessierte, um der Leipziger Schriftstellerin zu lauschen.

Constanze John
40 Tage Georgien – Unterwegs von Tiflis bis ans schwarze Meer
Seiten: 411
ISBN: 978-3-7701-8293-0
Verlag: mairdumont

Mit so viel Andrang hatte man beim mairdumont Verlag, bei der Reisemission selbst, wohl nicht gerechnet, am allerwenigsten, so schien es mir, die Autorin. Doch Georgien als Land eine große Unbekannte, weckt Interesse. Wir sprechen hier vom letztjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse, doch durch Autoren wie Nino Haratischwili ist das Land immer noch im Gespräch. Auch darüber habe ich mit Constanze John gesprochen.

Doch, zunächst drängelten sich die Zuhörer in den zwei kleinen Büroräumen und die Lesung begann mit einer Einführung in Georgiens “Minutenwelt”. Diese Zeilen, oben zitiert, eröffnen den Reisebericht, der hier schon rezensiert wurde, zeigen, wie dieses Land, gelegen am Kaukasus, tickt.

Die Autorin berichtet von ihrer Entdeckung der Faszination für die georgische Lebensart und vor allem für die Menschen und ihre Geschichten. Fotos werden gezeigt, Ausschnitte gelesen. Als sich der Trubel legt, die Lesung beendet ist, ist der Wunsch, das Land selbst einmal zu bereisen, bei vielen Zuhörern weit nach oben gerückt. Die Autorin und ich sind dann noch in den Büros geblieben und haben miteinander gesprochen.

Zwischen Supra und “Minutenwelt”, nach ihrer Lesung, Constanze John.

Wir vertiefen das in der Lesung Gesagte und kommen schnell auf die Welt des Augenblicks zu sprechen, die die Lebensart der Georgier zu bestimmen scheint. Man lebt jetzt, in diesem Moment und soll dies auch bewusst tun. Dieser Gedanke beeindruckt, wie auch die dort gelebte Gastfreundschaft. Ein Jeder wird willkommen geheißen, aufgenommen, Höhepunkt vielleicht, in das große Ritual der Supra mit einbezogen zu werden, die einen bestimmten Ablauf vorweist.

Constanze John über “40 Tage in Georgien – Unterwegs von Tiflis bis ans Schwarze Meer”.

Als dies zur Sprache kommt, ist Constanze John wieder in Gedanken bei ihren Eindrücken von ihren Reisen dorthin, und wieder auch bei den Menschen, die in hippen wandlungsfähigen Städten leben, aber auch in rauen und ursprünglichen Dorfgemeinschaften, bei einer kreativen und jungen künstlerichen Szene, aber auch bei Familien, deren Familienbiografien durch den Konflikt mit dem großen Nachbarland Russland und den abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien gebeutelt sind.

Die Autorin kommt auf Begegnungen, etwa mit den Künstler Pridon zu sprechen, der in seiner ganz eigenen “Minutenwelt” lebt, aber auch auf Momente des Glücks in Uschguli. Wer den Reisebericht gelesen hat, spürt die Sehnsucht der Autorin zu den bereisten Orten zwischen den Zeilen, beim Vortrag und auch im Gespräch hat sie das nochmals unterstrichen.

Wer Georgien einmal erlebt hat, verfällt dem wohl vollkommen. Und auch dem Humor dieses Volkes, wenn es Witze über die Armenier macht, wie es umgekehrt genau so geschieht, oder wenn mit lachenden Augen von der Entstehungslegende berichtet wird, die die Autorin im Gespräch ebenfalls nochmals hervorhebt.

Constane John hat sich Georgien über die Menschen und ihre Geschichten erschlossen.

Als Gott nämlich die Länder auf die einzelnen Völker verteilte, feierten Armenier und Georgier jeweils rauschende Feste. Als die Verteilung beendet war, blieb für die Armenier nur noch das Land der Steine übrig, die Georgier, die immer noch feierten , bekamen erst einmal nichts. Gott hatte jedoch Erbarmen und schenkte ihnen einen Flecken Erde, den er selbst für sich als Ruhesitz vorgesehen hatte. Unter einer Bedingung, nämlich, dass die georgier jeden Gast freundlich aufnehmen mussten, der zu ihnen käme. Und das tun sie bis heute.

Wie sich das auswirkt, kann man dann in Constanze Johns Reisebericht nachlesen, doch, nach ein paar Tipps gefragt, welche Orte man in diesem Land unbedingt besucht haben sollte, hat die Autorin folgende für uns Leser und Reisende:

Tblissi, als pulsierende Stadt im inneren des Landes mit abwechslunsgreichen Nachtleben.

Uschguli, das höchst gelegene Dorf Georgiens. Die Geschichte Georgiens, konzentriert auf einen Punkt. Wehrtürme als Wahrzeichen und die Kraft der natur in der Bergwelt des Kaukasus. und die Menschen, stolz und eigensinnig, die dort leben.

Wardsia, das größte von drei Höhlenklöstern Georgiens, phänomenal und eindrucksvoll.

Wenn ich etwas aus dem Buch, der Lesung selbst und dem Gespräch mit der Autorin mitgenommen habe, ist es diese Faszination für ein Land, welches man vielleicht nicht auf den ersten Blick weniger als Reiseziel, mehr als Ort der Begegnungen sehen sollte. Die macht man dort nämlich, eingenommen von der Gastfreundschaft der Bevölkerung, in den Städten und Dörfern Georgiens. Letztlich ist es das, was von solchen Erfahrungen bleibt. Vor allem in dieser “Minutenwelt”. Danke, für diesen Austausch der Autorin Constanze John und den Damen und Herren von mairdumont.

Fotos und Bericht dürfen ohne Genehmigung weder vervielfältigt, noch anders verbreitet werden und sind Eigentum des Autoren. Alle Rechte liegen bei findsobeucher.com, der Autorin und mairdumont.

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Leipziger Buchmesse 2018: Franziska Seyboldt über Ängste und wie sie lernte, sie zu lieben

Wer diesen Blog regelmäßig liest, weiß, dass ich bei der Auswahl meiner Bücher ein glückliches Händchen besitze. Zumindest meistens. Bücher, die ich nur negativ bewerten kann, weil sie mir aufgrund der Thematik etwa, oder des Schreib- und Erzählstils nicht zusagen, erwische ich oft nicht, und so komme ich Monat für Monat eigentlich ganz zufrieden durch, und so lagert dann auch in meinen Regalen hauptsächlich Literatur, der ich etwas Positives abgewinnen kann.

Ganz selten aber passiert es, dass gleich zu Jahresbeginn ein Buch einschlägt, wie eine Bombe und ein solches ist “Rattatatam, mein Herz”, von Franziska Seyboldt, in jedem Fall gewesen. Dabei war es eine unangefragte Zusendung eines Rezensionsexemplares, was ja für den Verlag an sich schon ein risko darstellt, um so mehr habe ich mich gefreut, dass dieses Buch mir doch gefallen hat.

Die Rezension ist hier nachzulesen. Auf der Premierenlesung in Berlin hat sich dieser Eindruck noch vertiefen können. Um so erfreuter war ich aber darüber, die Autorin noch einmal persönlich auf der Leipziger Buchmesse 2018 getroffen zu haben, am Verlagsstand von Kiepenheuer & Witsch.

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Franziska Seyboldt beschreibt ihre Erlebnisse mit der Angst.

Mir gegenüber saß die TAZ-Kolumnistin, die stellenweise sehr nahegehend im Buch ihre diffusen Angstzustände beschreibt, überhaupt nicht ängstlich oder zurückhaltend, positiv gestimmt und ich nutzte die Gelegenheit. Franziska Seyboldt, die schon einen anstrengenden Interview-Marathon hinter sich gehabt hat, antwortet mir auf meine Frage, was für ein Tag für sie heute wäre, dass es ein “Schildkrötentag” wäre, ein guter Tag, an dem die Angst nicht an sie herangekommen ist und auch nicht herankommen würde, im Gegensatz zu den “Siebtagen”, die ihr früher noch zahlreicher zu schaffen machten.

Unser Gespräch wendet sich dann Ängsten und Phobien zu. Was unterscheidet ihre Angst von gewöhnlichen Phobien, wobei man ja um beides niemanden beneidet? Wie ist die gesellschaftliche Akzeptanz (oder das Unverständnis) zu nehmen und warum ist es sinnvoll, die Angst, die einem das Leben schwer macht, zu lieben? Fragen, die psychologisch sehr tief gehen können, jedoch gar nicht unverständlich beantwortet werden. So, dass jeder nachvollziehen kann, was die Autorin in ihrem Buch so anschaulich beschreibt.

9783462316841
Autorin: Franziska Seyboldt
Titel: Rattatatam, mein Herz
Seiten: 256
ISBN: 978-3-462-31684-1
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Rezension: hier klicken

Sie hat dort der Angst eine Persönlichkeit, eine Stimme verliehen, sie für sich und andere damit entzaubert. Sie verneint jedoch, dass es eine Art Verarbeitungsprozess gewesen wäre, das Buch so zu schreiben. Wenn überhaupt, nur ein Teil davon. Die eigentliche Verarbeitung, das Lernen mit den Umgehen mit der Angst, fand früher statt. Mit psychologischer Hilfe, von der sie sich wünscht, dass auch das gesellschaftlich akzeptiert wird, wie der Gang zum Arzt bei körperlichen Krankheiten.

Die Autorin spricht weiter davon, längst ist das Interview zwar ernst in der Thematik, aber immer noch locker im gespräch, geworden, dass es wichtig ist, den Betroffenen ein Gesicht, eine Stimme zu geben, weshalb sie sich entschieden hatte, das Buch unter ihren Namen und mit Autorenphoto zu veröffentlichen.

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Den Betroffenen ein Gesicht geben, heißt, die Angst zu entlarven.

Ein richtiger Schritt, aber mutig. Schließlich ist es ja doch eine Entblößung vor der Gesellschaft, vor Bekannten, den Freundeskreis und den Kollegen, die jedoch wie Psychologen und Therapeuten erstaunlich positiv reagierten. Ich sehe ein zurückhaltendes Lächeln, zufrieden mit den Reaktionen, auf ihre Geschichte. Stolz ist mit dabei, nie Überheblichkeit.

Seht her, ich habe mich mit meinen Ängsten auseinandergesetzt. Ein schmerzhafter und steiniger Prozess mit Rückschlägen, aber er lohnt sich. Jeder kann das versuchen, sollte seinen Weg finden. Dies erfordert Mut, den man vielleicht anfangs nicht hat, dies erfordert Kräfte, die man lernen muss, zu mobilisieren. Ich habe es geschafft, ihr seid nicht alleine und könnt dies auch.

Das ist die Message dieses ungewöhnlichen Buches, welches wie ein Roman, eine Erzählung geschrieben ist, welches aber kein Ratgeber sein möchte, eher ein Schups in die richtige Richtung, Ängste anzugehen, zu bewältigen und damit lernen zu leben, das Positive sehen.

Und das strahlt Franziska Seyboldt aus. Sie lebt ihr Thema und ihre Lektüre kann andere ebenfalls ermutigen. Das weiß sie, musste sich aber auch schon gegen ein paar vereinzelte Rückmeldungen wehren, die sich von ihr psychologische Hilfe versprachen. Sie ist Journalistin und hat über ihre Erfahrungen geschrieben. Nichts weiter.

Diese aber, haben es in sich. Und so kann ich ihr Buch nur nochmal unbedingt empfehlen.

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Autoren-Interview auf der Leipziger Buchmesse 2018: Dogan Akhanli und ein Tag in Granada

NH: Herr Akhanli, der Haftbefehl von Interpol in Spanien durch die Türkei beruhte offensichtlich auf ihre Arbeiten, die sehr kritisch mit der Politik dieses Landes umgehen, etwa mit den Völkermord an den Armeniern. In wie fern war das ausschlaggebend?

DA: Ich beschäftige mich mit der türkischen Politik, aber ich bin vorsichtiger, wenn es um politische Akteure geht. Ich bin kein Journalist. Ich beschäftige mich mit der Kontinuität des Landes. Woher kommt es, dass wir in einer ständigen Situation der Agonie leben oder dieser ständige Ausnahmezustand? Dieser Zustand endete bisher nicht.

Wenn man einen Blick in die Geschichte der Türkei wirft, sieht man dass diese Gewalt eine normale politische Form ist. Wenn ich über die Gewalt an den Armeniern rede, über die Vertreibung der Griechen oder ähnliches, spreche ich von aktuellen Themen.

NH: Kein geschichtlicher Bezug, also, weil sich das kontinuierlich durchzieht?

DA: Ja.

NH: Sie wurden in Spanien praktisch aus dem Bett heraus verhaftet. Andere Journalisten und Schriftsteller in der Türkei sind direkt im Zugriff dieses Staates. Was sagt das aus, über die heutige Situation für Autoren und Journalisten in der Türkei?

DA: Die Situation der Meinungsfreiheit hat sich in der Türkei so verschlechtert, dass man es leicht mit der Militärzeit vergleichen kann. Als das Militär an der Macht war, haben alle geschwiegen, durften auch nicht frei schreiben. Jetzt darf man angeblich schreiben, wenn man das aber macht, kommt man ins Gefängnis. Das ist die Kontinuität der Verfolgung.

Es gibt die Geschichte von zwei Brüdern, Journalisten, die verhaftet wurden. Deren Vater war auch Journalist in den 1960er Jahren und hat ähnliches durchmachen müssen. Er war Parlamentsabgeordneter, gleichzeitig Journalist und Schriftsteller. Er wurde damals schwer gefoltert. Ein halbes Jahrhundert später “gehen” die Söhne den gleichen Weg und kommen lebenslänglich ins Gefängnis.

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Dogan Akhanli über seine Verhaftung in Spanien.

NH: Sie wurden zwei Mal verhaftet, einmal 2010 und 2016. Wie gehen Sie damit um, dies zu verarbeiten, auch, wenn andere Schriftsteller, die Sie vielleicht gut kennen, ebenfalls verhaftet werden und in die gleiche Situation kommen?

DA: Obwohl ich in Deutschland, einen geschützten Raum, lebe, habe ich nach der Festnahme und Freilassung 2010 fast den Bezug zu meiner Muttersprache verloren. In dieser Zeit ist mein Vater gestorben. Ich wollte nicht mehr Türkisch schreiben und mit der Türkei nichts mehr zu tun haben. Das war eine so tiefe Verletzung, dass ich danach Jahre lang kein Buch mehr schreiben konnte.

In Spanien, nach dieser Festnahme, habe ich die Blockade überwunden, und habe über “Die Verhaftung in Granada” geschrieben. Dass war das erste Buch seit sieben Jahren. Im Vergleich mit den türkischen Kollegen bin ich in einer priviligierten Situation. Ich kann die Türkei kritisieren und angreifen. Sie dürfen es nicht, machen es trotzdem und landen dafür im Gefängnis. Dann ist es meine Freiheit, mich mit denen zu solidarisieren.

9783462318562
Autor: Dogan Akhanli
Titel: Verhaftung in Granada
Seiten: 224
ISBN: 978-3-462-31856-2
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
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NH: Im Buch beschreiben Sie ein Gespräch zwischen einen türkischen Gefängnisbeamten und Ihnen, in der es darum geht, dass der deutsche Staat sich um seine Bürger kümmert und sorgt. Der Beamte ist dem gegenüber verständnislos, da er das so nicht kennt. Ist es flächendeckend so, dass der türkische Bürger vor dem Staat Angst hat?

DA: In der Türkei ist die Beziehung zwischen Bürger und Staat sehr interessant. Sie mögen den Staat nicht, haben eine unglaubliche Angst. Aus der Erfahrung heraus wissen sie, dass dieser Staat seine eigenen Bürger seit hundert Jahren u.a. getötet, vertrieben, gefoltert und verfolgt hat.

Das ist im Gedächtnis gespeichert. Sie gehen in etwa damit so um, wie bei einer Frau, die ständig von ihrem Mann geprügelt wird, aber jeden Tag sagen muss, dass sie ihn liebt. Aus dieser Angst heraus gibt es ständige “Liebeserklärungen” an diesen Staat. Das hat mit Liebe oder Mögen nichts zu tun, nur mit Selbstschutz.

NH: Wie gelingt es dann diesen Staat sich zu halten, wenn die Bürger nicht dahinterstehen? Halten Sie friedliche Demonstrationen und die Auflösung der macht, wie es sie in der DDR gab, für möglich oder eher nicht?

DA: Das passiert gerade. Am 8. März haben sehr viele Frauen demonstriert. Das waren tausende Menschen. Sie schrieen, wir wollen keine Diktatur. Sie waren kreativ und mutig, solche Slogen zu entwickeln, um gegen den Staat zu agieren. Es ist für mich die einzige Hoffnung, dass zukünftig häufiger eine solche Bewegung von unten kommt, dass Erdogan am Ende weg ist.

NH: Also glauben Sie an eine Zukunft der Türkei nach Erdogan?

DA: Ja. Absolut. Er hat riesige Angst vor dem Machtverlust. Deshalb begibt er sich in den Krieg und greift Syrien an. Er hat diese Bedrohung einfach erfunden. Es gab sie nicht. Er will durch die Hetze gegen die Kurden die türkische Bevölkerung zusammenhalten. Aber er kann scheitern, wenn er dies nicht schafft. Das kann für ihn sehr gefährlich werden. Wenn der kurdische Widerstand Erfolg hat, kann Erdogan seine Macht verlieren.

NH: Hierzulande sind wir sehr abhängig von den Bildern aus den Medien, die natürlich immer nur einen Ausschnitt zeigen können. Die Deutschen sind darauf in unsicher, ob sie z.B. in die Türkei weiter reisen sollen oder nicht. Sind Sie zufrieden mit der Berichterstattung hier über dieses Land?

DA: Die sachliche Berichterstattung der deutschen Medien finde ich nicht schlecht. Sehr distanziert, keine feindseelige Stimmung. Das gefällt mir. Ob man in die Türkei reisen darf oder nicht, ob man durch den Tourismusboykott die Opposition verstärken kann, bin ich mir nicht sicher. Wenn ich die Vergangenheit anschaue, haben solche Boykottaufrufe nicht viel gebracht.

Wenn es den Menschen schlecht geht, beschäftigen sie sich nur mit dem Überleben und sind von der Politik abgewendet. Ich würde weiter empfehlen, Urlaub in der Türkei zu machen. Die Begegnungen mit den Menschen in der Türkei sind wichtig.

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"Die Begegnungen mit den Menschen in der Türkei sind wichtig."

Man kann es nicht pauschalisieren, dass alle Türken Anhänger von Erdogan sind. Ich finde es schade, wenn die Begegnungen nicht stattfinden können. Die Touristen kommen mit einen anderen Blick, andere Werte, eine andere Weltanschauung. Diese Begegnungen können etwas bewirken.

NH: Ihre Situation wurde medial sehr aufmerksam beobachtet. Es gab eine große Berichterstattung. Was muss sich ändern, für Kollegen, die vielleicht nicht wissen, dass sie auf irgendeiner Liste stehen und für die die Aufmerksamkeit nicht ganz so groß ist?

DA: Wir haben als zivile Gesellschaft nicht so viele Möglichkeiten. Wir können uns aber mit bedrohten oder sich in Haft befindlichen Kollegen solidarisieren, z.B. über Briefkontakte mit Inhaftierten. Man muss Wege finden, dass die Menschen nicht ins Vergessen geraten. Das ist unsere Aufgabe. Von der deutschen Politik erwarte ich, dass sie sich nicht zum Komplizen der türkischen Despotie macht. Da sollte man sehr vorsichtig sein. Erdogan ist keine vertrauenswürdige Person.

Die deutsche Regierung sollte alle diplomatischen Wege versuchen, bevor man nicht mehr miteinander redet. Das hat etwas mit Verhandlungen zu tun. Es mussten rote Karten gezeigt werden, dass z.B. Deniz Yücel immer noch in Haft ist. Deutschland sollte seine eigenen Möglichkeiten etwas besser nutzen als früher. Nicht leise sein und sich zurückhalten, sondern an die Möglichkeiten glauben.

NH: Wie viel von dem, was für Ihre Freilassung im Hintergrund getan wurde, haben Sie mitbekommen?

DA: Viel. 2010, aber auch 2017 in Spanien war es ein Glück, dass die Öffentlichkeit schnell reagiert hat. Diese schnelle Reaktion von der deutschen Presse, der zivilen Gesellschaft und der Regierung hat mich wirklich aus einer schwierigen Situation gerettet. Ich habe viel Unterstützung aus allen Kreisen bekommen.

NH: Wie ist Ihre Situation in der türkischen Gemeinde aufgenommen worden?

DA: Das weiß ich nicht genau, weil ich so wenige Kontakte habe. Ich habe hauptsächlich Kontakt zu Exil-Personen und ein paar andere, nicht aber AKP-Kreise. Nur zwei Leute daraus, auch Kollegen von mir, haben zu mir Kontakt und dadurch bekomme ich ein wenig die Stimmung mit. Warum sie so denken und eine gewisse Zuneigung zu Erdogan haben, weiß ich nicht.

NH: Das ist teilweise sehr schwer für die Deutschen nachzuvollziehen.

DA: Das ist normal. Auswanderer unterstützen meist die Mächtigen des Herkunftlandes. In der deutschen Geschichte war das auch so. In der Nazi-Zeit haben die Deutschen im Ausland oft auch die Nazis unterstützt. Das ist nicht außergewöhnlich. Für mich ist es auch unerklärlich, dass viele, die hier geboren, zur Schule gegangen sind und diese Demoratie kennen, trotzdem diesen Mann schätzen. Es gab mal eine Umfrage einer wissenschaftlichen Studie, dass die Mehrheit der türkischen Einwanderer Merkel mehr als Erdogan als ihren Präsident sehen. Sie schätzen Frau Merkel zehn Mal mehr als ihn.

NH: Das Pendeln zwischen diesen zwei Welten, der türkischen und der deutschen. Wie sehr hat sie das beeinflusst, jetzt auch nochmal in Hinblick Ihrer Situation 2017?

DA: Ich lebe isoliert von türkischen Kreisen, aber ich würde auch nicht unterscheiden. Ich habe keine Möglichkeiten zwischen zwei Welten zu unterscheiden, da ich mit Leuten mehr in Kontakt bin, die der gleichen Meinung wie ich sind. Ich möchte einen Dialog mit meinen Landsleuten, sie auch verstehen, warum sie so gekränkt sind, wenn man über Erdogan so eine kritische Stimme erhebt. Warum empfinden sie so gekränkt? Ich habe leider wenige Möglichkeiten, mit denen in Kontakt zu treten.

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Dogan Akhanli: "Ich bin isoliert von türkischen Kreisen."

NH: Was müsste sich konkret ändern, damit Sie wieder in die Türkei reisen würden wollen?

DA: Die Situation hat sich seit 2010 verschlechtert, und damals war es schon willkürlich. Ich kann sowie so in die Türkei nicht reisen, da es einen Haftbefehl gegen mich gibt. Auch, wenn der nicht da wäre, könnte ich nicht dorthin, weil es so unberechenbar geworden ist. Da muss sich etwas Grundsätzliches ändern.

NH: Wie sehr waren Sie von der Situation in Granada überrascht?

DA: Sehr. Ich dachte, ich bin Deutscher und geschützt in Europa. Habe nie gedacht, dass sie mich festnehmen würden, aber es ist passiert. Es war eine Ohnmachtssituation, später Wut, dann Heilung, aber es hat mich wirklich überrascht.

NH: Wann haben Sie 2017 zum ersten Mal gemerkt, dass es sich für Sie dann doch in eine positive Richtung entwickelt. Wann war der Moment, jetzt wird alles gut?

DA: Sofort. Am nächsten Tag, da ich die Berichterstattung aus Deutschland mitbekommen hatte. Alle großen Zeitungen haben darüber berichtet und die deutsche Regierung sich eingemischt hat. Da dachte ich, dass es mir nicht so schlecht gehen kann.

NH: Hätten Sie es denn der spanischen Regierung zugetraut, sie abzuschieben?

DA: Nein. Das wäre ein Skandal gewesen, und illegal. Ich bin als Flüchtling hergekommen und habe diese Anerkennung. Nach dem Beschluss des Europäischen Gerichtshofes wusste ich, dass sie politisch anerkannte Flüchtlinge nicht abschieben dürfen. Trotzdem haben sie zwei Monate gebraucht, zum Punkt zu kommen. Richtige Angst hatte ich nicht.

NH: Was sind Ihre zukünftigen Pläne?

DA: Eigentlich, wie immer. Ich schreibe Romane, mache Begegnungsprojekte zwischen Türken und Deutschen, dass die Menschen aus unterschiedlichen Kreisen zusammenkommen. Und ich werde weiter schreiben.

NH: Dann danke ich Ihnen für das Gespräch.

Das Interview und Bildmaterial darf ohne Genehmigung nicht vervielfältigt oder andersweitig verwertet werden. Dies ist redaktionsrechtlich geschützt. Die Rechte liegen bei findosbuecher.com, den Verlag Kiepenheuer & Witsch und Dogan Akhanli.

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Autoren-Interview auf der Leipziger Buchmesse 2018: Mr. History Guido Knopp

NH: Geschichte im Fernsehen. Die Präsentation von Themen ist abängig von verschiedenen Faktoren, etwa der Quote. Vielleicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht ganz so entscheidend, aber unterlag Ihre Arbeit jemals diesem Einfluss oder waren Sie frei und unabhängig zu entscheiden, welche Themen Sie wie bearbeiten?

GK: Zum einen war ich in meinen Entscheidungen wegen des Programmes wirklich völlig frei. Keiner hat mir reingeredet. Kein politischer Druck, kein Druck von Außen, dafür war ich sehr dankbar. Was nun die Rücksicht auf die Quoten betrifft, so ist es natürlich wenn man einen Programmzeitpunkt erhalten hat, der um 20:15 Uhr liegt, also die beste Zeit im Hauptprogramm, eigentlich selbstverständlich, dass man schaut, dass man möglichst viele Zuschauer bekommt.

Nicht nur die jenigen, die eh schon alles wissen oder zu wissen glauben, sondern auch die jenigen, die durch die Art der Filme für etwas interessieren kann. Und wenn diese Art so ist, dass sie nicht nur Insider abholt, sondern auch z.B. den Arbeiter, der abends müde von der Werkbank kommt und eigentlich Unterhaltung sehen will, aber von der Art des Gebotenen, die Spannung, die Emotion, so gefesselt wird, dass er dran bleibt, hat der Autor des Filmes die Chance Informationen zu liefern.

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Guido Knopp über "Meine Geschichte".

NH: Sie haben das gemacht, in dem Sie teilweise neue Stilmittel für Dokumentationen verwendet haben, die es so vorher zumindest hierzulande nicht gab und wurden dafür des Öfteren auch kritisiert.

GK: Die Stilmittel, die ich verwendet habe, waren einerseits bekannte, die ich nur perfektioniert hatte. Historisches Material ist das Eine bei historischen Dokumentationen, Zeitzeugen sind das Andere. Ich habe sie nur anders dargeboten. Perfekter geschnitten, perfekter kommentiert. Was neu war, was wir als erste gemacht haben, dass wir Spielszenen in Dokumentationen integriert haben, sogenannte. Reenactments.

Da wurden wir am Anfang von den Althergebrachten, die gewohnt waren, dass Dokumentationen dies nicht machen dürfen, natürlich dann und wann kritisiert. Das hat sich aber durchgesetzt. Wir waren die Pioniere und haben das weltweit verbreitet. Unsere Filme wurden weltweit vertrieben und verkauft. Heute ist das ein Stilmittel, was überall angewandt wird und das auch anerkannt ist.

Wenn Sie Sachverhalte haben, zu denen Sie keine Bilder besitzen, die aber bekannt sind, dann ist es völlig legitim, wenn Sie das sehr gut inszenieren und die dokumentarischen mit den Spielsequenzen ergänzen. Das ist eine Fortführung der Dokumentation.

NH: Ein anderer Kritikpunkt waren die anzahlmäßig vielen Dokumentationen zum “Dritten Reich”, aber es gab ja auch andere Themen, wozu etwas gemacht wurde. Gab es irgendeinen Plan, ein Schema, welche Themen aufgearbeitet werden sollten?

GK: Ich hatte die Zuständigkeit in meinem Sender für das gesamte 20. Jahrhundert. Und wenn man das hat, darf man keinen Bogen um das sogenannte “Dritte Reich” machen. Es war natürlich, vor allem in den Jahren zwischen 1995 und 2005 ein Schwerpunkt, nicht der einzige Schwerpunkt.

Und ich habe mir gesagt: Wenn ich das Thema behandle, will ich es systematisch angehen. Ich habe angefangen mit einer Serie über den Tyrannen an der Spitze “Hitler – Eine Bilanz”, wie in der Form einer Pyramide. Dann die zweite Stufe der Pyramide “Hitlers Helfer”, “Hitlers Generäle” und am Ende die Basis der Pyramide, die Phänomene der Tyrannei.

Hitler - Eine Bilanz von Guido Knopp
Hitler – Eine Bilanz von Guido Knopp
Autor: Guido Knopp
Titel: Hitler - Eine Bilanz
Seiten: 320
ISBN: 978-3-442-15352-7
Verlag: Goldmann

Das sind zunächst die Hitlerjugend, die SS, der Holokaust, das sind Flucht und Vertreibung und der Bombenkrieg als Phänomene der Zeit. Das war die Phase zwischen 1995 und 2005. Danach war das für uns zwar noch nicht auserzählt, aber die Systematik war in diesem 10-Jahres-Rythmus schon ganz bewusst gewollt. All die anderen Themen kamen immer wieder dazu.

Bei den Monarchien war es so, dass ich gesagt habe: Wir brauchen für den Sommer in unserem Programm ein leichteres Thema und da bot sich das Thema -Monarchie- an, was ja nicht nur ein Bunte-Blätter-Thema ist.

Man hat dort auch eine historische Relevanz, denn all diese Königshäuser leben ja nur, weil sie ihre Untertanen, ihre Bevölkerung, mitnehmen und das Gefühl geben, dass die Geschichte diese royalen Themen und Traditionen in das Volk hineinträgt und das Volk dadurch Identität gewinnt.

NH: Sie haben dadurch natürlich viele Zeitzeugen befragt, nehmen wir z.B. Für die Reihe “100 Jahre – Der Countdown”, bei der ich mich immer noch ärger, dass sie nicht vollständig auf DVD vorliegt (so im Nebensatz gesprochen)…

GK: Darf ich erzählen, woran das liegt?

NH: Ja, bitte.

GK: Dass liegt daran, dass wir 75 Prozent der Sendung mit einer Produktionsfirma produziert haben. 25 Prozent sind Eigenproduktionen und der Produzent hatte das Recht, die Produktionen, die er gemacht hat, auf DVD zu vertreiben, aber die 25 Prozent, die wir selber hergestellt haben, eben nicht. Ich gebe Ihnen den Rat: Wenn diese Sendung demnächst wieder bei Phoenix läuft, die gesamten 20 Stunden aufzunehmen.

Inzwischen legendär. 
Die 1000 minütige Dokumentation "100 Jahre - Der Countdown"

NH: Ich hatte einen Geschichtslehrer, der diese Dokumentation verwendet hat, um uns Schüler dafür zu begeistern. Woher kommt Ihre Begeisterung für Geschichte.

GK: Das höre ich vielfach. Das ist eine Sache, die schon lange in meiner Jugendzeit zurückliegt. Ich hatte eine Familie, die natürlich von der Geschichte berührt war, wie so viele deutsche Familien. Väterlicherseits kommt meine Familie aus Oberschlesien, von Flucht und Vertreibung betroffen. Das war ein Thema, wenn man als Kind die Großeltern besuchte.

Ich hatte aber auch einen exzellenten Geschichtslehrer, der schon in den 60er Jahren etwas getan hat, was andere auch hätten tun können, aber nicht getan haben. Er benutzte die Medien der damaligen Zeit, als da waren Tonbänder, Schallplatten und Filme, die man von den Landesfilmbildstellen ausleihen konnte. Das hat er alles im Unterricht eingesetzt.

Meine Geschichte von Guido Knopp
Meine Geschichte von Guido Knopp
Autor: Guido Knopp
Titel: Meine Geschichte
Seiten: 320
ISBN: 978-3-570-10321-0
Verlag: C.Bertelsmann
Rezension: hier klicken

Und das war natürlich eine spannende bildkräftige Geschichte. Wir haben uns auf diesen Unterricht immer extrem gefreut. Das hat meinen latenten Wunsch, dieses Fach später selber mal zu studieren, sehr beflügelt. Ich habe dann auch Geschichte und Politik studiert.

NH: Später haben Sie dann für die Dokumentationen Zeitzeugen befragt, normale Menschen aber auch prominente. Gab es da besonders beeindruckende Begegnungen?

GK: Das kann ich gar nicht sagen. Es waren oft ganz einfache Menschen, die von Wendepunkten ihres Lebens erzählten, die erzählt haben, wie Geschichte in sie eingegriffen hat, Erlebnisse im Holokaust, von Flucht und Vertreibung. Das waren sehr beeindruckende Begegnungen, gerade wenn es um Kinderschicksale ging.

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Die Befragung von Zeitzeugen mündete u.a. in den Projekt "Gedächtnis der Nation". Im Zeitzeugen-Portal werden die Berichte von Zeitzeugen, berühmt oder nicht, gesammelt. Zeitzeugen-Portal.de - Gedächtnis der Nation.

Wenn ich jetzt an prominente Zeitzeugen denke, dann war es immer sehr eindrucksvoll etwa mit Simon Wiesenthal zu sprechen. Ich habe mit ihm acht Stunden aufgenommen. Ich habe mit Hans-Dietrich Genscher neun Stunden aufgenommen, über die Facetten seines Lebens. Davon wurde eine Stunde gesendet. Die gesamten neun Stunden lagern noch, sorgfältig archiviert, in unserem Filmarchiv. Und ich habe auch sehr oft mit Helmut Kohl gesprochen, über die Hintergründe der Wiedervereinigung.

Das war sehr interessant, weil er sehr offen über die Frage gesprochen hat, dass wir letzten Endes doch ziemliches Glück gehabt haben, denn dieser Prozess war zeitweise sehr gefährdet. Es gab schon im Sommer 1990 einen sehr ernsthaften Putschplan gegen Gorbatschow. Die selben Leute, die dann 1991 diesen tatsächlich durchgezogen haben, den Jelzin dann niedergeschlagen hat.

Die wollten Gorbatschow von der Westgruppe der Sowjetischen Streitkräfte in die DDR einladen, um ihn dort zu verhaften, um einen Marshall der Sowjetunion an seine Stelle zu setzen. Im letzten Augenblick ist der Marshall, der dafür vorgesehen war, Sergei Achromejew, abgesprungen, da er kalte Füße bekommen hat. Wenn der Putsch tatsächlich Erfolg gehabt hätte, hätten wir die Wiedervereinigung vergessen können und deshalb sagt Helmut Kohl, nicht zuletzt wegen solcher Dinge haben wir enorm viel Glück gehabt.

NH: Für Ihre Arbeit mussten sie teilweise sehr ungewöhnliche Wege gehen. In dem Buch ist eine Episode erwähnt, wo Sie Staubsauger in den Kreml transferieren mussten.

GK: Das war die Frage, ob wir im Kreml eine Diskussion aufzeichnen durften. Es war die Situation der späten 80er Jahre, als wir im ZDF mit dem sowjetischen Fernsehen sehr viel gemeinsam produziert haben. Das war eine besondere Zeit der deutsch-russischen Beziehungen, die später leider versandet ist. Eine dieser Diskussionen wollte ich im legendären Katharinensaal des Kreml aufzeichnen, wo der Vertrag Brandt-Breschnew 20 Jahre vorher unterzeichnet worden war.

Und das wollte man zuerst nicht, denn der Katharinensaal ist heilig, und wir haben lange verhandelt. Die Verhandlungen waren zäh, und irgendwann flog ein Engel durch den Raum. Wir haben eher durch Zufall die Russen gefragt, sagt mal Leute, können wir euch irgendwie behilflich sein? Braucht ihr irgendetwas? Dazu muss man wissen, dass es in der Sowjetunion damals eine regelrechte Wirtschaftskrise gab.

Sie überlegten einen Moment, schauten sich an, schauten uns an. Dann sagten sie, wenn Sie uns so fragen, wir bräuchten Staubsauger. Gesagt, getan. Wir haben eine Luftbrücke gebildet, von Frankfurt nach Moskau, und haben 20 nagelneue Staubsauger der Marke Kärcher, der Name sei genannt, in den Kreml transferiert. Die Diskussion fand statt. Man sieht, was Staubsauger positiv für die deutsch-russischen Beziehungen leisten können.

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Guido Knopp: "Wir haben 20 Staubsauger in den Kreml transferiert."

NH: In Anbetracht der derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungen, in der Politik, stellt man sich die Frage, ob man wieder mehr Geschichte im Fernsehen braucht. Ist dem so?

GK: Wenn Sie einen Historiker fragen: Natürlich brauchen wir mehr Geschichte im Fernsehen. Alle sollten über Geschichte etwas wissen. Nicht nur über die Geschichte des sogenannte “Dritten Reiches”, aber vor allem auch, denn man wird ja doch außerhalb der Landesgrenzen immer wieder gelegentlich konfrontiert. Wie hältst du es denn damit? Wie stehst du denn dazu?

Das muss jeder eigentlich wissen. Ich sage: Es gab 1933 keine Einbahnstraße in den Nationalsozialismus. Vieles war so angelegt, dass es dazu kommen konnte, aber es hat nicht zwangsläufig dazu kommen müssen. Es hätte durchaus anders kommen können, wenn die Handelnden, die Verantwortungsträger von Weimar, anders gehandelt hätten. Die Möglichkeiten hätten sie gehabt. Wenn es aber dazu gekommen und die Tyrannei schon angelaufen ist, wenn man sich dann dazu bequemt und abnickt, einem Ermächtigungsgesetz zustimmt, dann ist es schon zu spät.

Die Lehre heißt: Wehret den Anfängen. In der Nachschau muss man sagen, und das hat mir Simon Wiesenthal gesagt, Schuld ist nie kollektiv, für nachfolgende Generationen nicht. Schuld ist immer individuell, aber Verantwortung ist es. Und daher haben wir als nachfolgende Generationen dafür zu sorgen, dass so etwas zumindest in unserem Lande nie wieder passiert.

NH: Die Dokumentationen wurden ja nicht nur hier gerne gesehen, auch im Ausland. Wie waren da die Reaktionen?

GK: Sehr positiv, und auch mit Genugtuung, dass endlich einmal Filme über das sogenannte “Dritte Reich” aus Deutschland kamen. Als wir anfingen, hatte die BBC global betrachtet fast schon ein Alleinvertretungsrecht für dokumentarische Darstellung von Geschichte, nicht zuletzt deutscher. Wir fanden, dass das gar nicht geht.

Wir sind selbst verantwortlich für die Darstellung von Geschichte und müssen uns selbst kümmern. Man war wirklich froh, dass wir das getan und große Serien gemacht haben. Die Tatsache, dass diese Serien zum Teil in über 150 Ländern gelaufen sind, ist ein Indiz dafür, dass dieser deutsche Zugang für Darstellung von Geschichte international angekommen ist.

Es war am Anfang so, dass das Interesse sich auf die Thematik “Drittes Reich” konzentrierte. Es hat ein wenig gedauert, bis ich unsere Partner dazu bewegen konnte, sich auch für andere Themen der deutschen Geschichte zu interessieren. Ich erinnere mich noch, wie ich meinen Freund Charlie (Nachname fehlt), den Chef des History Channel, dazu zu überreden versuchte.

Der Wettlauf zum Suedpol von Guido Knopp
Der Wettlauf zum Suedpol von Guido Knopp
Nicht nur Hitler. Guido Knopp "Der Wettlauf zum Südpol".

Wir haben so gute Serien jenseits der Nazizeit, etwa über die Geschichte der Bundesrepublik, die Geschichte der Bundeskanzler. (Charlie) How boring, Guido! Wie langweilig. What’s your next Hitler-project? Das war so eine Phase. Gott sei Dank hat sich das gelegt und sie haben allmählich auch andere Serien genommen, unsere Reihe über die Geschichte der Deutschen, wo wir aus dem Ghetto des 20. Jahrhunderts ausgebrochen und bis ins 10. Jahrhundert vorgedrungen sind und die Geschichte von den Anfängen bis heute erzählt haben.

NH: Das war eine Reihe, mal komplett mit Spielszenen.

GK: Nicht komplett, es gab Historiker-Kommentare, aber wenn Sie außerhalb des 20. Jahrhunderts etwas machen möchten, müssen Sie Spielszenen verwenden. Es gibt ja nichts anderes. Die müssen auf einem sehr hohen Niveau sein, dass sie vom Publikum angenommen werden. Wir haben da ein wenig Geld in die Hand genommen und es so gemacht, dass das alles sehr Prime-Time-fähig ist. Es ist sehr gut angenommen worden. Man sah schon bei der ersten Folge, über “Otto und das Reich”, da hatten wir 6,5 Millionen in der Spitze und das war ein großer Erfolg.

NH: Zur Prime Time läuft ja oft ein Krimi oder ein Tatort und dergleichen. Da ist es doch an sich ein Wagnis, eine Dokumentation zu bringen. Wie war die Zuschauerstruktur?

GK: Einer meiner Chefredakteure, Nikolaus Brender, hat mal gesagt, das ZDF wird durch Geschichte jung. Er hat das deshalb gesagt, da unser Zuschauerschnitt jünger war als der des ZDF im Allgemeinen. Es ist ja ein Phänomen von ARD und ZDF, dass wir ein relativ altes Publikum haben. Alt im Sinne, so ab 65 Jahre.

Wir hatten teilweise einen Schnitt ab 59 Jahren und jünger, eine deutliche Verjüngung. Und wir hatten auch in der Gruppe der 14 bis 49-jährigen mehr Zuschauer als es das ZDF im Allgemeinen hatte. In sofern ist das ein Indiz, dass wir die Zuschauer von 8 bis 99 Jahren interessieren wollten, die Hundertjährigen natürlich auch, relativ nah herangekommen sind. Nicht nur, was die Altersstruktur betrifft, sondern auch die Bildungsstruktur.

NH: Für die Dokumentationen haben Sie mit Wissenschaftlern, Historikern zusammen gearbeitet. Sind Sie manchmal Gefahr gelaufen, es zu wissenschaftlich zu gestalten?

GK: Es war von Anfang an mein Ansatz, nicht in diese Falle zu tappen. Wissenschaftler als Berater haben bei einem Film nur zwei Mal eine wichtige Aufgabe. Wenn es am Anfang darum geht, ein Drehbuch anzuschauen und abzunehmen, und Fehler zu korrigieren. Und dann drehen die Teams und dann nehme ich später den Rohschnitt ab, und kläre den Kommentartext ab.

Wenn der abgenommen ist, geht der wieder an die wissenschaftlichen Berater, und die schauen, ob der Kommentar verifiziert ist, mit den wissenschaftlichen Kenntnissen übereinstimmt. Das hat wunderbar geklappt. Bei “Die Deutschen” war es so, dass wir aufgrund mangels Zeitzeugen, Wissenschaftler auch im On (Einspieler mit Interview) integriert haben, für kurze Statements zu bestimmten Sachverhalten der Geschichte. Das war eine Ausnahme.

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Spielszenen machen in Dokumentationen Geschichte begreiflich.

NH: Es bleiben zahlreiche Dokumentationen. Welche hätten Sie gerne noch gemacht?

GK: Wenn Sie mich so fragen, dann sage ich: Was ich nicht gemacht habe, und zwar aus verschiedenen Gründen, ist eine große Geschichte der Bundesrepublik ab 1945.

Ich habe eine Serie über Kanzler gemacht, und viele Einzeldokumentationen für das Spätabendprogramm “ZDF History”, aber eine groß angelegte Geschichte, 14-18 teilige Reihe, habe ich nicht gemacht, weil wir genau wussten, von den Vorhersagen, der Medienforschung, dass ist auf einem Prime Time Termin nicht präsentabel.

Das wird nicht genügend Zuschauer haben. Das kann man machen, bei einem Spätabendtermin oder bei unseren Tochtersendern, wie Phoenix, für die ich immer noch aktiv bin. Die haben aber nicht die Mittel, die es braucht, um das hochattraktiv und groß zu machen. Es ist ein zweischneidiges Schwert, weshalb ich das nicht realisiert habe.

NH: Eine letzte Frage. Eine Zeitreise. Wo würden Sie gerne hinreisen, mit der Option natürlich, wieder zurückreisen zu können?

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Guido Knopp: "Goethe und Napoleon. Mit der Medizin von heute."

GK: Ich würde gerne in die Zeit, Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts, die Napoleonische Ära aber auch die Goethe-Ära. Da ist wahnsinnig viel passiert, in Deutschland, in Europa. Eine Umbruch-Zeit. Man sieht es an der Mode, die damals angesagt war, an den Möbeln. Ich sammle antike Möbelstücke und mich interessiert diese Phase, spätes Rokoko und Empire. Diese Zeit des Aufbruchs und Umbruchs zu erleben wäre natürlich reizvoll. Am liebsten in Weimar. Aber, und das mit einem großen Aber, mit den medizinischen Möglichkeiten von heute.

NH: Herr Knopp, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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Autoren-Interview auf der Leipziger Buchmesse 2018: Erotikautorin und Self-Publisherin Divina Michaelis

NH: Herzlich willkommen, auf der Leipziger Buchmesse 2018. Bei mir ist Divina Michaelis, die im Selbstverlag neben den Beruf Erotik-Romane schreibt. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

DM: Eigentlich ging es damals darum, dass ich eine Phantasie mit mir herumgeschleppt habe, aber sehr prüde erzogen worden bin. So etwas schaut man sich nicht an, so etwas schreibt man nicht. Irgendwann ist meine Phantasie mit mir durchgegangen und ich habe gedacht, du kannst ja erst einmal nur für dich selbst schreiben. Es geht ja eigentlich nicht um andere, sondern ich habe erst einmal nur für mich geschrieben. Dass ich dann irgendwann nach außen gegangen bin, kam dann viel später.

NH: Sie haben bereits zu Schulzeiten geschrieben. Nicht in dem Genre zwar, aber…

DM: Nein. Im schulischen Bereich habe ich für die Schülerzeitung nur Satiren geschrieben. Danach lange Zeit gar nichts mehr.

NH: Was hat dann den Ausschlag gegeben, zu sagen, jetzt fange ich an zu schreiben? Jetzt versuche ich mich in einem komplett anderen Genre.

DM: Es ging eigentlich nur um diese eine Phantasie, dass ich die tatsächlich zu Papier bringen wollte. Das war halt eine erotische Phantasie gewesen, weshalb ich dann auch Erotik geschrieben habe. Und das hat ja dann auch fünf Jahre gedauert, also dass war noch richtig Arbeit.

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Die Self-Publisherin und Erotikautorin Divina Michaelis.

NH: Jetzt war das ja ein Schreiben neben den Beruf. Wie war die Reaktion, als Sie an die Öffentlichkeit gingen? Ich kann mir vorstellen, wenn das jemand rauskriegt… Wissen das die Kollegen?

DM: Also, jetzt wissen es alle. Vorher war das mehr so, dass ich lange Zeit in einem Flirt- und Liebesforum als Moderatorin gearbeitet habe, und da haben einige auch schon etwas mitgekriegt. Ich habe aber nie gesagt, hier, ich schreibe Erotik. Das haben die nie zu lesen gekriegt, von daher war das für die uninteressant.

Das ging erst los, als ich dann tatsächlich veröffentlicht habe und anfing, auch zu verkaufen. Dann habe ich das natürlich auch in der Firma kommuniziert, und ich stehe dazu. Wie heißt es so schön? Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Also, von daher…

NH: Jetzt können Sie schreiben.

DM: Ja.

NH: Es ist so, dass das Genre in den Buchhandlungen von der hintersten Ecke auf den Präsentierteller gelandet ist. Macht es das leichter, so etwas zu schreiben?

DM: Nö.

NH: Wie entwickelt man diese Geschichten, denn Ihre Protagonisten sind nun nicht gerade klischeehaft? Die Geschichten selbst auch nicht.

DM: Ich habe schon viele erotische Geschichten gelesen und oft ist es wirklich sehr klischeehaft, was ich gar nicht mag. In einem Buch muss Spannung drin sein und Handlung. Wie entwickelt man das? Im Prinzip denke ich mir Figuren aus, die in eine Situation hineinkommen, die total ungewöhnlich ist.

Dann überlege ich mir, wie geht die Figur damit um. Sie muss natürlich vom Charakter her so sein, dass es passt, wie sie damit umgeht, sie muss sich entwickeln können. Ich habe keinen Plot wie anderer Schriftsteller oder einen Plan, sondern ich fange an zu schreiben und dann entwickelt sich das von alleine.

Autorin: Divina Michaelis
Titel: Die Entdeckung des Homo Serpentes
Seiten: 322
ISBN: 978-1523356980
Verlag: Qindie Selfpublishing

NH: Sie planen und schauen, was passiert.

DM: Meine Figuren entwickeln ein Eigenleben.

NH: Was passiert, wenn dass dann nicht in die Richtung geht, wo Sie hinwollten?

DM: Dann streiche ich schon mal ein paar Kapitel.

NH: Die Löschtaste umfasst dann schon mal zwanzig Seiten (DM: Das habe ich schon mal gemacht.) Und dann muss man wieder von vorne anfangen.

DM: Wenn es sich entwickelt, und es passt nicht zu den Figuren, dann fange ich an zu löschen. Die Figuren entwickeln dieses Eigenleben und bestimmen die Geschichte. Das ist wie im eigenen Leben. Es prallen verschiedene Charaktere aufeinander und die müssen damit umgehen. Daraus entwickelt sich dann, wie es weitergeht.

NH: Das Besondere haben wir schon angesprochen, aber warum im Selbstverlag? Hat sich noch kein Verlag interessiert oder wollten die etwas völlig anderes?

DM: Es kamen schon Verlage auf mich zu, die gesagt haben, den Roman finden sie toll. Ein Vorschuss wurde mir angeboten. Den sollte ich aber in zwei Teile teilen, dass so ein Verlag daran verdient.

Der hätte einen neuen Titel bekommen, was mir nicht gepasst hätte und ein Mainstream-Cover bekommen. Das bin nicht mehr ich. Die Bücher sollen die Geschichte darstellen und es muss auch mir gefallen.

NH: Das bonbonrosa Cover…

DM: Jaaah, und mit nackten Mann vorne drauf und solche sachen. Das ist nicht mein Stil. Immerhin werden meine Bücher nicht nur von Frauen gelesen, sondern auch von Männern. Wenn man dann so eine Art Frau-umarmt Mann… Das liest kein Mann.

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NH: Wissen Sie, wie viele Männer und Frauen Ihre Romane lesen? Gibt es da Zahlen, wer liest? Kommt man da überhaupt heran, so im Eigenverlag?

DM: Jaein. Ich habe “feste” Männer, die wirklich jedes Buch von mir lesen. Von denen weiß ich das. Ich habe damals bei BookRix (Plattform für Ebooks) angefangen, bevor ich verkauft habe. Dort habe ich veröffentlicht und dort Resonanz bekommen. Von Männern und Frauen, dass sie es gut fanden. Von daher weiß ich auch, das meine Leser gemischt sind.

NH: Nehmen wir an, für die, die planen, selbst zu veröffentlichen, Sie haben eine Geschichte geschrieben. Es passiert alles in eigener Verantwortung, auch dann die Fehler, wenn das Buch im Handel ist.

DM: Es sollte ja im Handel möglichst fehlerfrei sein, das heißt, ich gebe es erst einmal nach Außerhalb zum Korrigieren und Lektorieren. Glücklicherweise bin ich gut, was Formulierungen etwa angeht und von daher finden die dann nicht sehr viel.

Natürlich findet man den einen oder anderen Fehler im Verlagsbuch, bei mir auch. Im Großen und Ganzen passe ich aber sehr auf, dass es eben nicht fehlerbehaftet ist, wenn’s in den Handel kommt.

NH: Man kontrolliert ja alles selbst. Wie viel Vorlauf braucht es, bis eine Geschichte veröffentlicht wird, vom Schreiben selbst bis es die Leser lesen können?

DM: Das Schreiben selbst dauert ziemlich lange.

NH: Fünf Jahre sind die Ausnahme?

DM: Fünf Jahre sind die Ausnahme. So lange habe ich für mein erstes Buch gebraucht, welches man übrigens gar nicht kaufen kann. Man kann es online lesen, aber mit einem Logikfehler und daher mag ich das nicht verkaufen.

(Nebengedanke von mir: Daran sollten sich einige Autoren ein Beispiel nehmen. Oder doch nicht, dann wären die Buchhandlungen ja leer.)

DM: Das nächste Buch hat dann drei Jahre gedauert, das folgende neun Monate. Nur das reine Schreiben. Korrektur und Lektorat mindestens zwei Monate. Danach lasse ich es eine Weile liegen und gehe dann noch einmal drüber, ändere dort und hier und das dauert dann auch schon mal vier Monate.

NH: Welche Rolle spielt für Sie Qindie? Wie hilft diese Organisation bei dieser Arbeit?

DM: Qindie wurde 2013 gegründet, als Netzwerk, wo sich Autoren finden, die eben qualitativ gute Bücher herausbringen wollen. Dort gibt es auch Korrektoren und Lektoren.

Man kann sich bei Qindie als Autor mit seinem Werk bewerben und dann wird geschaut. Ist es korrigiert, sind Kommafehler drin. Dieses Siegel gibt es nur, wenn das alles nicht ist. Von daher bin ich glücklich, weil’s ein gutes Zeichen für die Leser ist.

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Was ist Qindie genau? Und was tut es genau für Self-Publisher? 
Hier klicken.

NH: Das gibt es oft, dass viele Aspekte der Nacharbeit, wie eben das Lektorat, vernachlässigt werden, was das Selfpublishing nicht immer einen guten Ruf verschafft.

DM: Leider ja.

DM: Jedes schlechte Buch, was von einem Selfpublisher herausgebracht wird, zieht andere mit runter. Der Leser sagt, Selfpublishing möchte ich nicht, weil es schlecht korrigiert und lektoriert ist, und das ist schade.

NH: Das Buch ist draußen. Es wurde lektoriert, das Cover ist in Ordnung und als Autor steht man dahinter. Wie sollte man vorgehen, um sich im Selfpublishing zu präsentieren?

DM: Ich bin ein großer Freund von Leseproben oder Vorgeschichten zu veröffentlichen, damit sich der Leser einen Eindruck davon verschaffen kann, wie die Geschichte geschrieben ist, ob sie dem eigenen Geschmack entspricht. Meistens ist es so, wenn der Leser Blut geleckt hat, liest er weiter, wenn es ihm nicht gefällt, werden sie von der Hauptgeschichte ferngehalten, so dass es da auch schon weniger negative Rezensionen gibt.

NH: Überarbeiten Sie dann auch schon mal Geschichten?

DM: Nein.

NH: Inwiefern beachten Sie Rezensionen? Man ist ja doch als selpublisher davon abhängig, oder?

DM: So viele Rezensionen habe ich leider nicht., aber ich würde mich darüber freuen. Normalerweise ist es so, die Geschmäcker sind verschieden. Die jenigen, die eine Rezension schreiben, die negativ ist, ist meist so, die Geschichte gefällt mir nicht, die ist zu pornös oder sie ist zu wenig erotisch.

Da hat jeder einen anderen Geschmack und ich kann nichts dagegen tun. Es ist halt so. Und ich werde nicht meine Schreibweise ändern, denn ich habe viele Leser, die genau diese gut finden. Wogegen man etwas machen könnte, wären z.B. Rechtschreibfehler. Ich habe letztens eine Rezension bekommen, wo ich mich ziemlich geärgert habe.

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Autorin: Divina Michaelis
Titel: Bizarre erotische Geschichten
Seiten: 232
SBN: 978-1517212575
Verlag: Qindie Selfpublishing

Die Frau hat geschrieben, meine Bücher wimmeln vor Fehlern und das stimmt nicht. Sie sind alle nach den neuen Deutschen Rechtschreibregeln, nach den Duden korrigiert. Wahrscheinlich denkt sie, dass da Fehler drin sind, da sie anders schreiben würde. Sie schreibt halt nicht nach den neuen Deutschen Rechtschreibregeln und damit ist das Thema durch.

Es ist für mich ärgerlich, weil es dann in einer Rezension steht. Ein Anderer liest das und will das nicht lesen.

NH: Kommentieren Sie solche Rezensionen?

DM: Selten. Bei dieser habe ich das gemacht. Normalerweise lasse ich das bleiben. Es ist ansonsten unprofessionell als Autor, eine Rezension zu kommentieren.

Wenn einem Leser das Buch nicht gefällt, weil er eine andere Meinung hat, was soll ich das kommentieren? Eine andere Meinung ist sein gutes Recht. Das werde ich nicht ändern, wenn ich schreibe, dass das aber ein ganz tolles Buch ist.

NH: Du bist ua bei buechertreff.de aktiv, das ist das größte deutschsprachige Literaturforum im Netz. Sollte man sich auf einer solchen Plattform als Selfpublisher einbringen, oder eben einer anderen, egal ob Youtube oder ähnliches?

DM: Es bringt nichts, sich auf einer Plattform anzumelden, sein Buch zu bewerben und dann nie wieder zu kommen. Das nehemn normalerweise die Mitglieder übel. Man muss sich einbringen. Nicht nur als Autor, sondern auch als Mensch.

NH: Also auch zeigen, ich schreibe nicht nur, sondern lese auch anderes.

DM: Und ich bin an sich ein starker Leser. Dieses Jahr schon 32 oder 33 Bücher, neben dem Schreiben, und von daher habe ich dann auch meine Berechtigung als Leser bei buechertreff.de. Man kann als Plattform auch BookRix oder NeoBooks nennen.

Die können als Distributoren für die Autoren auftreten, die werben auch für die Bücher, wenn die gut geschrieben sind. Das gibt schon Unterstützung.

NH: Sie sind Vielleser. In wie fern läuft man dann Gefahr Dinge zu kopieren? Sebastian Fitzek hat gesagt, jede Liebesgeschichte lässt sich irgendwie auf “Romeo und Julia” runterbrechen. Etwas völlig Neues zu erfinden, ist schwierig.

DM: Ist es, aber das ist die Herausforderung und ich liebe Herausforderungen. Bei mir ist es so, dass ich nicht ein Buch neu schreiben würde wollen, wenn ich es nicht gut fände. Auf eine Idee von einem anderen Autoren aufbauen, das mache ich nicht. Ich entwickle eigene Ideen.

NH: Gab es das auch schon mal umgekehrt?

DM: Gesehen habe ich das noch nicht, aber es gibt so viele Bücher und Möglichkeiten, dass man das nicht überblicken kann. Wenn, dann müsste jemand auf mich zutreten und sagen, hier hat jemand kopiert, aber das ist noch nicht passiert.

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NH: Ihre nächsten Projekte. Gibt es da schon Pläne?

DM: Momentan schreibe ich gerade an einer Endzeitromanze. Die Erde ist ziemlich zerstört wurden und es gibt nicht mehr viele Menschen. Da sie auch immer weniger werden, gibt es gewisse Gesetze, die in die Richtung gehen, in der ich schreibe, und damit müssen die Protagonisten klarkommen. Aber es ist eine Romanze, nicht so abenteuermäßig.

NH: Ich habe letztes Jahr das Experiment gemacht, ein Buch von Ihnen zu lesen, obwohl es so gar nicht zu dem gehört, was ich sonst lese. Wie schreiben sich solche manchmal diese sehr konkreten Szenen?

DM: Na ja, ich schreibe so, dass der Leser ins Schwitzen kommt, aber es muss mich auch betreffen. Aber ich habe auch schon eine Szene geschrieben, wo jemand gestorben ist. Ich habe Rotz und Wasser geheult.

NH: Das wäre jetzt das andere Extrem. Sie versuchen also die gesamte Bandbreite der menschlichen Gefühle in die Geschichten zu integrieren.

DM: Ich versuche die menschlichen Gefühle zu beschreiben und nicht die Erotik ist drin, damit es eine Handlung gibt, sondern die Erotik entsteht aus der Handlung heraus.

NH: Dann freuen wir uns auf den nächsten Roman, der die Leser ins Schwitzen bringt, und mir bleibt nur zu sagen, danke für das Gespräch.

DM: Vielen Dank.

Das Interview ist redaktionell geschützt und darf ohne Genehmigung nicht vervielfältigt oder andersweitig verwertet werden. Die Rechte, auch Bildrechte, liegen bei Divina Michaelis und findosbuecher.com.

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Autoren-Interview auf der Leipziger Buchmesse 2018: Erotikautorin und Self-Publisherin Divina Michaelis Read More »

Autoren-Interview auf der Leipziger Buchmesse 2018: Björn Berge und die Briefmarken

NH: Herzlich willkommen auf der Leipziger Buchmesse. Bei mir ist Björn Berge, Autor des Buches „Atlas der verschwundenen Länder“ (erschienen bei dtv). Sie sammeln Briefmarken und Treibgut, hobbymäßig eher eine ungewöhnliche Kombination. Wie sind Sie auf dieses doch sehr spezielle Sammelgebiet gekommen?

BB: Ich werde langsam älter und habe daher beschlossen, anstatt selbst die Welt zu bereisen, diese zu mir kommen zu lassen. Vor 20 Jahren habe ich damit begonnen, jeden Sommer ein Stück der europäischen Küste entlang zu gehen und wollte mir die ganze Küste Bucht für Bucht, Strand für Strand erwandern. Ich habe im äußersten Norden Dänemarks damit begonnen und bin bis südlich von Le Havre gekommen. Das Ziel war, für mich die Welt zu erobern.

NH: Die Kontinente umrunden und damit zu erfahren?

BB: Genau.

NH: Das Sammelgebiet Briefmarken. Was können uns Briefmarken in Zeiten von E-Mails und WhatsApp heute erzählen?

BB: Briefmarken sind schon immer Propaganda gewesen. Das erste, was ein Herrscher macht, wenn er an die Macht kommt, ist es, Briefmarken zu veröffentlichen, manchmal waren die auch schon vorher fertig, und die stellen das Land natürlich immer so dar, wie er es sehen möchte. Stärker, vielleicht auch netter, demokratischer oder liberaler.

NH: Es geht um Macht und Wirtschaft, Geschichten die sich auf Grundlage der Motive, des Materials, erschließen. Wie sind Sie auf die erste Briefmarke gestoßen? Was war ausschlaggebend dafür, zu sagen, das ist ein interessantes Sammelgebiet, das verfolge ich weiter?

BB: Die Motive können lügen, aber das Material und die Beschaffenheit nicht. Ich beschäftige mich sehr mit den Sinneseindrücken, welche mir eine Briefmarke erzählt. Der Leim, die Beschaffenheit und vielleicht Geruch. Ich habe die Briefmarkensammlung von meinem Vater übernommen. Ich habe sie wieder entdeckt, als ich gemerkt habe, dass ich nicht mehr selbst so um die Welt laufen kann und mir dann diese Sammlung angeschaut. Ich habe gemerkt, was ich da wertvolles habe. Nicht im Sinne von Geld, sondern was ich da für Geschichten in den Händen halte, quasi einen Weltatlas.

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Autor: Björn Berge
Titel: Atlas der verschwundenen Länder
Seiten: 239ISBN: 978-3-423-28160-7
Verlag: dtv
Link zur Rezension: hier klicken

NH: Sie beschreiben, dass Sie vor allem gebrauchte Briefmarken sammeln, aus denen Sie die Geschichten ziehen. Ein Sammler sammelt für gewöhnlich neue oder zumindest gut erhaltene Briefmarken. In ihrem Buch stellen Sie Briefmarken vor, die deutliche Gebrauchsspuren haben. Mal ein Riss, mal fehlen Zacken. Ist das auch ein Weg, diese Länder zu erfahren?

BB: Definitiv. Ich bezeichne diese Art von Sammeln als „punksammeln“. Die Benutzung und die Benutzungsspuren sind das, was mich am meisten interessiert.

NH: Welches ist die kurioseste Geschichte, die Sie gefunden haben?

BB: Das ist wohl die der Briefmarke von Helgoland, welches zu dieser Zeit Heligoland hieß und britisch war. Die habe ich von meinem Vater geerbt. 1870 war Helgoland ein bekanntes Heilbad, ein Kurort, wo die Aristokratie aus ganz Europa hinkam.

Sie haben die Gäste mit Pferdewagen an den Strand gefahren, dort zwei Stunden an der frischen Seeluft stehen lassen und dann wieder ins Hotel gebracht. Wenn ich die Briefmarke in meiner Hand erwärme, etwas reibe und daran rieche, kann ich immer noch den Geruch von kräftigem Massage-Öl wahrnehmen, was von dem Kurort zeugt.

NH: Das machen Sie aber nicht oft, da sonst die Briefmarke kaputt geht?

BB: Das sind einzigartige Erinnerungen. Vielleicht ist es sogar die allerletzte Spur des Helgoländer Duftes, da die Insel im Krieg komplett zerbombt wurde.

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NH: Die Geschichte von Helgoland lässt sich anhand von Archiven oder Reiseberichten nachvollziehen, es gibt aber auch Marken, wo es ziemlich schwierig war, deren Geschichten zu erfahren. Wie sind Sie da vorgegangen, um diese zu erfahren?

BB: Ich analysiere zuerst die Motive der Briefmarken und versuche, die Lüge dahinter zu finden und darauf baue ich dann die Geschichten auf, die ich hier erzähle.

NH: Wir haben hier Geschichten von Kolonialherren, Herrschern und Hochstaplern. Heutzutage werden immer weniger Briefe oder Postkarten verschickt. Wenn die Briefmarke aus unserem Alltag verschwindet, was fehlt dann künftig?

BB: Das ist sehr schade, denn Briefmarken sind Teil einer sehr intimen Kommunikation.

NH: In ihrem Buch stellen Sie nicht nur die Geschichten hinter den Marken vor, sondern auch Reiseberichte oder auch Kochrezepte aus den jeweiligen Ländern. Wo war jetzt die Recherche besonders schwierig?

BB: Es war eine phantastische Entdeckungsreise, dieses Buch zu schreiben. Fast jeden Morgen bin ich quasi in einem anderen Land aufgewacht, ohne genau zu wissen, wo ich hinkam. Im Dschungel, an den Stränden oder in Eis und Schnee.

NH: In ihrem Buch stellen Sie exemplarisch 50 Briefmarken vor. Die Geschichte ist sicher noch nicht zu Ende erzählt. Das Sammelgebiet ist riesig. Haben Sie einen Überblick, wie viel ihnen noch ungefähr fehlt?

BB: Ich habe das mal ausgerechnet. Es gibt ungefähr 1175 Länder, die seit dem Erscheinen der ersten Briefmarke, der „One Penny Black“ von 1840, Marken herausgegeben haben. Ich besitze ungefähr 750 davon.

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Die Briefmarke von Heligoland. (dtv)

NH: Also wird das Sammeln dieser Marken noch eine Weile beschäftigen. Gibt es noch andere Sammler, mit denen Sie sich austauschen können? Die jetzt dieses spezielle Sammelgebiet haben?

BB: Meine Methode zu sammeln ist wirklich einzigartig. Ich kann mich da nicht mit konservativen Briefmarkensammlern austauschen. Bei denen muss alles perfekt sein. Die Perforation, der Stempel muss richtig sitzen, sie sollen möglichst wenig Gebrauchsspuren vorweisen. Meine Sammlung ist das krasse Gegenteil davon. Das ist für mich ein großer Vorteil, da ich sie günstig bekomme, manchmal sogar geschenkt.

NH: Sie gehen auf die Farbe ein, den Leim, das Papier. Gibt es so etwas wie eine Entwicklung, dass jetzt z.B. in Europa ein bestimmter Leim verwendet wurde, in Asien wieder etwas anderes?

BB: Es ist gleichzeitig eine Kulturgeschichte der Briefmarke und der technischen Historie des Druckes. Nicht gerade chronologisch, aber das war ja auch nicht meine Absicht.

NH: Dieses Buch enthält nur eine kleine Auswahl an Briefmarken, im Gegensatz zu ihrer Sammlung. Es gibt sicher noch viele interessante Geschichten zu erzählen. Gibt es diesbezüglich Pläne?

BB: Die Auswahl der Briefmarken ist ein wenig zufällig, aber ich habe versucht, sie sowohl geografisch als auch zeitlich über den Globus zu verteilen, damit es nicht zu einseitig wird und wirklich eine Art Weltgeschichte daraus entsteht. Dadurch ist eine Art Parallelgeschichte zu der offiziellen entstanden, da sie aus der Perspektive der Länder erzählt wird, die schlicht und einfach zu kurz gekommen sind, da sie untergegangen sind. Es ist eine Art Gegenstück zu Darwins „Survival of the Fittest“.

Link zur Leseprobe. (dtv)

NH: Sie haben von der Geschichte Helgolands gesprochen. Gab es eine Geschichte, die Sie besonders überrascht hat, von der Sie nicht geahnt hätten, dass Sie so passiert ist?

BB: Eine schwierige Frage, denn ich war an sich fast immer überrascht. Die Reise war improvisiert, und eigentlich habe ich nur meine eigene persönliche Erfahrung erzählt.

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Der Autor Björn Berge über Briefmarken und die faszination für ihre Eigenschaften.

NH: Gibt es so etwas wie einen Favoriten unter Ihren Briefmarken?

BB: Auch hier sind die Briefmarken genannt, an denen ich die meisten Spuren entdecken kann. Deshalb gehört die Marke von Heligoland zu den Favoriten, aber es gibt natürlich auch noch andere. Die, die die schönsten Geschichten erzählen.

NH: Ist es frustrierend, ein Sammelgebiet zu haben, was man praktisch nicht vollenden kann oder glauben Sie daran, dass Sie das schaffen?

BB: Es ist ähnlich meinem Strandprojekt. Ich bin ungefähr zwei Prozent meines Weges gekommen, aber die Erfahrung kann ich nutzen, um meinen eigenen Maßstab anzulegen, die Welt zu erkunden.

NH: Der Weg ist das Ziel?

BB: Genau.

NH: Herr Berge, ich bedanke mich für das Gespräch.

Das Interview ist redaktionsrechtlich geschützt und darf ohne Genehmigung weder kopiert, noch andersweitig vervielfältigt oder verwertet werden. Alle Rechte liegen bei dtv und findosbuecher.com.

Ich danke den Verlag und seinen freundlichen Mitarbeitern, den Übersetzer, ohne den das Interview nicht zustande gekommen wäre und nicht zuletzt Björn Berge für diese spannende halbe Stunde.

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