Rezension

G.D. Abson: Natalja Iwanowa 2 – Blutrot ist das Schweigen

Einordnung in der Reihe:

G. D. Abson: Natalja Iwanowa 1 – Tod in Weißen Nächten

G. D. Abson: Natalja Iwanowa 2 – Blutrot ist das Schweigen

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Inhalt:

In einer eisigen Januarnacht wird Natalja Iwanowa an eine Landstraße nahe Sankt Petersburg gerufen. Dort liegt die Leiche einer jungen Frau. Was nach einem Erfrierungstod aussieht, stellt sich als Mord heraus. Bevor die Kommissarin mit ihren Ermittlungen beginnen kann, wird ihr der Fall vom russischen Inlandsgeheimdienst entzogen. Denn die Ermordete war Mitglied einer politischen Protestgruppe. Weitere Aktivisten sollen kaltgestellt werden, befürchtet Natalja. Sie muss den Täter finden. Im Namen der Toten und der Gerechtigkeit. (Klappentext)

Rezension:

Mit einer sehr interessanten, da geladenen Mischung, hat der Schriftsteller G. D. Abson seine Krimi-Reihe um die russische Kommissarin Natalja Iwanowa nun fortgesetzt, nicht zuletzt vor den aktuellen politischen Ereignissen, die noch einmal sehr tief in das dortige System der einzelnen Verschachtelungen staatlicher Organe blicken lassen.

Während jedoch andere Fortsetzungen des Öfteren an Spannungsmomenten hat der Autor es hier geschafft, das Niveau seines Debüts zu halten. So begleiten wir erneut die ermittelnde Hauptprotagonistin durch das winterliche Sankt Petersburg und geraten sehr schnell in ein Strudel aus Korruption, Absprachen und den Fallstricken eines politischen Systems, welches auch Natalja Iwanowa an ihre Grenzen bringen wird.

Sie öffnete die Arbeitszimmertür. Die Schubladen mit ihren Unterlagen waren leer, und auch der Computer stand nicht mehr auf dem Schreibtisch. An seiner Stelle lag dort eine Beschlagnahmungsquittung unter einem Briefbeschwerer. „Sieht doch gar nicht so schlimm aus“, sagte Sergej. „Das täuscht, es ist schlimmer – hätte mir das Sledkom Angst einjagen wollen, hätten sie die Bude auseinandergenommen. Aber das hier war eine gezielte Durchsuchungsaktion.“ „Hast du denn etwas zu verbergen?“

G. D. Abson: Natalja Iwanowa 2 – Blutrot ist das Schweigen

So ist der vorliegende Band nicht nur ein klassischer Krimi, in dem es um die Ermittlung selbst gehen, sondern auch mit Politthrill-Elementen gespickt, die es in sich haben. Natürlich ist der Erzählstil leichtgängig. Selbst wenn man den Auftaktband sich noch nicht zu Gemüte geführt hat, findet man schnell Zugang zur Geschichte und zu den einzelnen Figuren.

Spannende Wendungen ergeben sich hier jedoch nicht so sehr sich aus den Ermittlungen der Protagonistin, eher aus den Tücken des Systems, innerhalb dessen Iwanowa agieren muss. Die Kapitel sind im typisch modernen Stil sehr kompakt, genügend Cliffhanger sorgen für ein schnelles Vorankommen. Neben der bereits erwähnten Ebene des mit in die Handlung eingewobenen politischen Systems, kommt auch das Privatleben der Akteurin ins Trudeln. Jedoch, um das nachvollziehen zu können, muss man nicht, es ist jedoch hilfreich, den ersten Teil der Reihe gelesen haben. Der Zeitraum des Handlungsrahmens ist indes überschaubar.

Abson konzentriert sich wieder auf relativ wenige Hauptfiguren, die dafür umso stärker ausgearbeitet wurden. Alle anderen sind nur dazu da, um die Handlung voranzutreiben. Die Perspektive bleibt immer die der Hauptprotagonistin. Nichts wirkt hier überfrachtet, dazu der eingearbeitete Flair des Handlungsortes, der sich einmal mehr von seiner düsteren Seite zeigen darf.

Kleinere Logikfehler sind zu verschmerzen, durch den Bezug auf real geschehene Ereignisse und existierender staatliche Strukturen, die die Erzählung sehr authentisch erscheinen lassen, wenn auch das Ende an kleinen Stellen zu wünschen übrig lässt. Das ist jedoch vielleicht auch der Fluch des zweiten Bandes, der zumindest Lust auf die Fortsetzung macht.

Wer gerne rasante, leichtgängige Thriller liest, ohne allzu abstruse Wendungen serviert zu bekommen, sich auch mal an andere Schauplätze als die typischen angelsächsischen Gefilde heranwagt, ist auch mit dem zweiten Band um Kommissarin Natalja Iwanowa gut bedient.

Autor:

G. D. Abson wuchs auf Militärbasen in Deutschland und Singapur auf, bevor er nach Großbritannien zurückkehrte und unter anderem Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Russland studierte. Heute lebt und arbeitet er als selbstständiger Business-Analyst im Süden Englands.

Peter Englund: Momentum – November 1942

Inhalt:

Im November 1942 drängt alles auf Entscheidung: Auf der Pazifikinsel Guadalcanal schlagen US-Streitkräfte die japanischen Besatzer zurück; in der Schlacht von El Alamein, Ägypten, werden die deutsch-italienischen Truppen zum Rückzug gezwungen; in Stalingrad wird die deutsche 6. Armee eingekreist.

Peter Englund schildert die Ereignisse in diesem entscheidenden Monat aus der Sicht derer, die sie erlebt haben: darunter ein deutscher U-Boot-Kommandant im Nordatlantik, ein zwölfjähriges Mädchen in Shanghai, ein sowjetischer Infanterist in Stalingrad, ein Partisan in den belarussischen Wäldern, eine Journalistin in Berlin, eine Hausfrau auf Long Island – neben bekannten Figuren wie Sophie Scholl, Ernst Jünger oder Albert Camus. Ein episches Geschichtswerk, das die existenzielle Dimension des Krieges erfahrbar macht. (Klappentext)

Rezension:

Nach der Erzählung eines spannenden Stücks skandinavischer Kriminalgeschichte hat sich der schwedische Historiker und Journalist Peter Englund einem Wendepunkt der Geschichte vorgenommen und seziert die wenigen Wochen, die sich rückblickend als mit entscheidend für den Ausgang des Zweiten Weltkriegs darstellen.

Der November 1942 ließ den Mythos der unbesiegbaren Deutschen ebenso bröckeln, wie die über alles erhabene Weltsicht einiger japanischer Militärs. Zugleich zeigte sich das Organisationstalent und die wirtschaftliche Stärke Amerikas, die zum entscheidenden Faktor des Krieges werden sollte, aber auch der unbedingte Durchhaltewillen der sowjetischen Streitkräfte, die bei Stalingrad auf Entscheidung drängten, sowie die brutale Unmenschlichkeit der Vernichtungslager.

Der Autor berichtet mit der Form des literarischen Sachbuchs und bringt die Perspektiven verschiedener Beteiligter rund um den Globus zur Sprache. Beinahe liest man dies wie einen Roman, hat jedoch ein auf gründlicher Recherche gestütztes Werk, welches unzählige Facetten beleuchtet. So verfolgen wir auch die ersten Schritte auf den Weg zur Atombombe, ebenso wie Leben in ihrem Exil, sowie nur scheinbar fernab aller Fronten die Auswirkungen des Krieges spürend.

Peter Englund beschreibt die Auswirkungen des Krieges auf die von ihm gewählten Protagonisten. Fast nüchtern verfolgt er deren Weg, nimmt sich Zeit, ohne Fäden und Biografien aus den Augen zu verlieren. Eine Karte, die das Innere der beiden Buchdeckel verkleidet, verdeutlicht Dimensionen, zwei Bildteile visualisieren das Erzählte. Die Gefahr, ausschweifend zu werden, ist der Autor durch ständige Perspektivwechsel umgangen, die jedoch zuweilen zum Innehalten zwingen, da zu viele Personen es mit sich bringen, durcheinander gebracht zu werden.

Der erzählte Zeitraum ist übersichtlich, doch ist in den Wochen des November 1942 so viel passiert, dass es sich lohnt, diesen gesondert zu betrachten, wie man es mit ähnlichen zeitlichen Abschnitten des Zweiten Weltkrieges bereits getan hat, oft beschränkt auf nur einem geografischen Raum, Land oder Personenkreis.

Diese Art der Betrachtung so geführt ist dagegen nicht so häufig und kann jene ansprechen, die sonst vor Mammutwerken nüchterner Sachliteratur zurückschrecken, zugleich werden auch in Europa eher unbekanntere Ereignisse zur Sprache gebracht. Wie viel wissen wir denn tatsächlich von den Kriegsgeschehen im asiatischen Raum und dem dadurch beeinflussten Alltag der Menschen, etwa in Shanghai oder Burma, wie viel von den Kämpfen auf den Inseln im Pazifischen Ozean?

So bringt der Autor bekannte und unbekanntere neue Facetten zusammen und gibt einen Überblick, der zwar genug detailschärfe besitzt, sich jedoch nicht im Klein-Klein verliert. Dies ist eine Schwäche seines Werks, zugleich jedoch dessen größte Stärke. Anders erzählt, müsste man sich auf nur einen Schauplatz beschränken oder diese Art des Erzählens zu Gunsten eines sachlicheren Stils aufgeben. Peter Englund ist der Spagat gelungen.

Autor:

Peter Englund wurde 1957 im schwedischen Ort Boden geboren und ist ein skandinavischer Historiker und Schriftsteller. Nach Abitur und Wehrdienst studierte er Archäologie, theoretische Philosophie und Geschichte, arbeitete danach im Nachrichtendienst der schwedischen Armee. 1988 veröffentlichte er ein Buch über die Schlacht bei Poltawa, ein Jahr danach promovierte er mit einer Untersuchung des Weltbilds des schwedischen Adels im 17. Jahrhundert.


Danach war er als Journalist und Korrespondent für verschiedene Zeitungen in Kriegs- und Krisengebieten tätig, veröffentlichte zahlreiche historische Werke und war u.a. Kommentator für Dokumentationen im schwedischen Fernsehen. Seit 2009 war er Mitglied der Schwedischen Akademie, die den Nobelpreis vergibt. Ein Amt, welches er is 2015 innehatte. Mehrere seiner Werke wurden in rund zwanzig Sprachen übersetzt.

Elke Lorenz: Machtworte

Inhalt:

Die Geschichte eines Mädchens und ihrer Familie im Osten Deutschlands. Sie wächst nach dem Krieg als Tochter eines der neuen Gesellschaft kompromisslos dienenden Staatsanwalts auf. Immer ist sie konfrontiert mit seiner Wortmacht, seinen Forderungen, seinen Anklagen und Urteilen, seinem Krieg der Worte. Der Mann weiß alles, hört alles, er hat immer recht. Irrte er, war das notwendig gewesen für einen höheren Zweck. Und das Mädchen hat zu folgen, muss vieles durchleben und verstehen. Verletzendes, Böses, Komisches, bis bei ihr aus dem Nachreden ein Nachdenken wird, bis sie als junge Frau andere Worte hat als der Vater für ihr Leben sucht und findet. (gekürzter Klappentext)

Rezension:

Nach dem Tod des Mannes erinnert sich das einstige Kind, inzwischen längst erwachsen, zurück, spürt der über allem schwebenden Frage nach dem Warum nach. Warum dachte, warum handelte der Mann, der ihr Vater gewesen war, so und warum sah er das Leid der ihn umgebenden und ausgelieferten Menschen nicht, die Differenzen zwischen aus einer Ideologie heraus entstandenen Wunschvorstellung und dem Unglück derer, die sich dem nicht fügen konnten oder wollten? Nicht zuletzt seiner eigenen Familie.


Elke Lorenz beschreibt in „Machtworte“, ihrem neuen zeithistorischen Roman, der fiktives Geschehen mit eigenen Lebenserfahrungen verbindet, wie ein vorgegebenes gesellschaftliches Bild nicht nur eine Gesellschaft zerbrechen lässt, sondern auch jene auseinanderbringt, die sich eigentlich am nächsten stehen sollten. Diese Elemente sind hier verbunden mit einer eindrücklichen Coming-of-Age-Geschichte, einer kompakt formulierten Familienhistorie, die sich so oder ähnlich, im übertragenen Sinne, in vielen Familien Ostdeutschlands abgespielt haben dürfte.

Die Autorin, die sich in der Rolle des Mädchens begibt, erste Arbeiten entstanden dabei bereits Mitte der 1980er Jahre, als noch längst nicht abzusehen war, dass ein paar Jahre später ein komplettes Staatensystem in sich zusammenfallen würde, beschreibt dabei nüchtern den sich wandelnden Denkprozess. Zunächst möchte das Mädchen gerne glauben, doch schon da ist Angst das bestimmende Gefühl. Noch nicht vor den langen Armen eines Landes seinen Feinden gegenüber, hier noch in der Gestalt des Vaters, der von Beginn an unnahbar erscheint. Mit den Jahren schlägt Glaube in Erkennen um. Reife macht das Loslösen, nicht zuletzt vom Weltbild des Mannes möglich. Probleme folgen auf den Fuß. Wie integer und selbst bestimmend bleiben, in einem Land, welches alles unter Kontrolle haben möchte?

Trotz dem die Geschichte vor allem aus einer Perspektive heraus erzählt wird, werden die Sichtweisen der elterlichen Figuren vorangestellt, um einen Teil des Rahmens zu bilden, der erst gegen Ende geschlossen wird und in dem sich die Protagonistin bewegt. Lorenz gelingt damit der Versuch, die Erzählung nicht einseitig verkommen zu lassen, sondern eine Erklärung zu liefern, warum die dem Mädchen umgebenden Erwachsenen so handeln, gleichzeitig wird die charakterliche Stärke ihrer Hauptfigur um so besser herausgearbeitet. Der Tonfall. der die sich über Jahre abspielenden Handlung erzählt, ist nüchtern gehalten, stellenweise arg kalt. Die Autorin verliert kein Wort zu viel und versteht es schnörkellos ohne Ausschweifungen zu erzählen.

Elke Lorenz gibt nicht vor, wie ihre Leserschaft die beschriebene Zeit zu werten haben, zeigt jedoch, warum bestimmte Personen so handelten, wie sie gehandelt haben und was dies mit jenen machte, die darin eben nicht ihr Glück sahen. Sie zeigt im Kleinen die Differenzen einer Gesellschaft auf, die mit den Jahren immer mehr nur nach Außen eine Einheit darstellte, am Ende nicht einmal das vermögen konnte.

Die Sympathiepunkte liegen klar auf Seite der erzählenden Protagonistin, auf alle anderen Figuren muss diese nur reagieren. Mal sind die dunklen Flecke größer, mal ist die Weste tiefschwarz. Oder eben rot, wenn wir bei dem Zeitstrang bleiben. Man kann eigentlich nicht anders, als mit der Hauptfigur mitzufühlen, zu leiden, zu kämpfen. Da die Geschichte aus einer Art Rückblende heraus erzählt wird, ist von Anfang an klar, dass die erzählende Perspektive allwissend ist, auch den Lesenden sollte schnell bekannt werden, wohin das alles führt, zumal wenn der zeitliche Kontext bekannt ist. Die Autorin verklärt nichts, gibt jedoch Einblicke auch in jene, die wirklich an bestimmte Mechanismen dieses Systems glaubten. Das ist teilweise sehr beklemmend zu lesen, zumal aus ostdeutscher Perspektive. Hier wären noch andere Lese-Perspektiven interessant.

Die Autorin beschreibt vor allem die Mechanismen einer Gefühlswelt, die sich nach allen Seiten eingeschränkt sieht. So was muss man mögen, um in die Erzählung komplett eintauchen zu können. Dann jedoch werden Figuren und Schauplätze lebendig. Nicht nur die beschriebene Wohnung ist plötzlich beengend.

Der Roman zeigt ganz klar eine Perspektive von vielen und spricht damit nicht nur ostdeutsche Lesende an, sondern alle, die verstehen und begreifen wollen. Den zeitlichen Kontext ausgetauscht, dazu bestimmte Begrifflichkeiten und schon könnte die Erzählung in jedem anderen autoritären Staatswesen spielen. Dabei wirkt das Ende der Erzählung dann doch eine Spur zu einfach. Ansonsten ist Elke Lorenz, nicht zuletzt durch eigene, eingearbeitete Erfahrungen, mit „Machtworte“ eine abgerundete Geschichte gelungen.

Autorin:

Elke Lorenz, geb. 1950, studierte Journalistik in Leipzig und arbeitete danach drei Jahre lang in einer Kreisredaktion. Es folgten erste literarische Arbeiten. Nach der Wende war sie verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Bautzen. Seit 2009 widmet sie sich wieder vermehrt ihrer schriftstellerischen Arbeit. „Machtworte“ ist ihr Debütroman. Elke Lorenz lebt in Wuischke am Czorneboh bei Bautzen.

Charlotte Schallie (Hrsg.): Aber ich lebe

Inhalt:

Emmie Abel überlebte als kleines Mädchen die Konzentrationslager Ravensbrück und Bergen-Belsen. David Schaffer entkam dem Genozid in Transnistrien, weil er sich nicht an die Regeln hielt. Die Brüder Nico und Rolf Kamp versteckten sich in den Niederlanden dreizehn Mal vor ihren Mördern. Zusammen mit den Überlebenden haben drei international bekannte Zeichner:innen deren Geschichten in Graphic Novels erzählt, die unvergesslich vor Augen führen, was der Holocaust für Kinder bedeutete – und nicht nur für sie. (Klappentext)

Rezension:

Immer weniger Zeitzeugen gibt es, die uns und vor allem den nachfolgenden Generationen erzählen können, wie es war, aufzuwachsen, inmitten des Holocausts, einem unvorstellbaren Terror ausgeliefert zu sein, in dem ein winziger Moment des Zögerns, eine falsche Entscheidung, ein unvorsichtiger Augenblick den Tod bedeuten konnte. Um so wichtiger ist es, deren Erinnerungen festzuhalten und sie so aufzubereiten, dass Interesse geweckt wird und die Geschichten der Erzählenden im Gedächtnis bleiben.

In einer Mischung aus Sachbuch und Graphic Novel versuchen dies mit „Aber ich lebe“ drei Illustratoren, die zusammen mit ihren Interview-Partnern deren Kindheit nachspüren und fangen mit unterschiedlichen Zeichenstilen sehr individuell deren und nicht zuletzt ihre eigenen Eindrücke ein, bevor am Ende der Streifzüge eine Nachbereitung in Textform eingefügt ist.

Zunächst Barbara Yelin, die die Geschichte von Emmie Arbel nachspürt. In düsteren und dunklen Farben erzählt sie die Geschichte des kleinen Mädchens, welches kaum alt genug ist, um zu begreifen und doch schon gelernt hat, zu überleben. Frohe Momente, sowie die heutige Zeit sind dagegen hell gehalten. Die Konturen verschwimmen, wenn Erinnerungen diffus werden, der Blick verliert sich in Details. Wie wirken Schrecken und Grauen der Kindheit bis ins hohe Erwachsenenalter hinein?

But I live / Barbara Yelin über Emmie Arbel

Eine andere Facette beleuchtet Miriam Libicki. Sie erzählt die Geschichte von David Schaffer, der am anderen Ende Europas den Folgen des Holocausts entkam. Die Zeichnerin setzt auf klare Konturen, im Gegensatz zu Yelin, auch die Farben sind leuchtender, heller gehalten. Hier ist es der Hintergrund der an detailschärfe verliert, während die Figuren immer fassbar und bestimmt bleiben. Manche Zeichnungen wirken beinahe holzschnittartig, als würde man mit Puppen das Erlebte lebendig werden lassen. Im Gegensatz zur ersten Geschichte bindet sich Libicki nicht ein, um Kontrast und Wirkung zu schaffen.

Zuletzt, die Erinnerungen von Rolf und Nico Kamp, erzählt von Gilad Seliktar. Die Zeichnungen sind in bläulichen und gelblichen Tönen gehalten und wirken beinahe wie ältere Fotos. Auch dieser Stil weiß eine, nein eigentlich zwei, Geschichte eindrucksvoll in Szene zu setzen, wobei natürlich alle drei Geschichten auf ihre Art in Erinnerung bleiben werden.

„Aber ich lebe – Vier Kinder überleben den Holocaust“, nach den Erinnerungen von Emmie Arbel, David Schaffer, Nico Kamp und Rolf Kamp (Quelle: C. H. Beck)

Diese sind dann auch nicht zu werten. Erlebt ist erlebt, wobei die Konzentration auf einzelne Szenen liegt. Keine Geschichte ist mit der anderen zu vergleichen und doch haben sie alle etwas gemeinsam. Das Ziel der Mitwirkenden ist in jedem Fall erreicht, um so mehr noch als auch der Entstehungsprozess, das Zusammenfinden der Zeichnenden mit Machern und Zeitzeugen illustriert dargestellt wird und eine Nachbereitung in Textform die weitergehenden Biografien von David Schaffer, Nico und Rolf Kamp, sowie Emmie Arbel beleuchtet.

Hier ist das Kunststück gelungen, Geschichte für die Nachwelt modern aufzubereiten, nicht nur für Kinder und Jugendliche. Im Englischen gibt es wohl dazu auch begleitendes Unterrichtsmaterial. Mit der Konzentration der Illustrierenden auf einzelne Punkte der Erinnerungen der Zeitzeugen werden zudem bestimmte Aspekte herausgestellt, zudem ein schwieriges Thema niedrigschwellig und doch anspruchsvoll aufbereitet.

Diese Art, Geschichte zu erzählen, funktioniert wunderbar, wenn die Zeichnenden, wie hier, nicht den Menschen aus den Blick verlieren. So reiht sich „Aber ich lebe“ gut ein, zu den Büchern gegen das Vergessen. Wünschenswert wäre es, noch mehr Werke dieser Art zu schaffen.

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Verantwortliche:

Charlotte Schallié ist Professorin an der University of Victoria in Kanada und unterrichtet sowohl Germanistik als auch Holocaust Studies. 1965 in Toronto, Kanada geboren, wuchs sie in der Schweiz auf und studierte zunächst Geschichte und Germanistik in Vancouver. Sie veröffentlichte mehrere Werke u. a. zur Schweizerischen Geschichte im Zweiten Weltkrieg.

Barbara Yelin wurde 1977 in München geboren und ist eine deutsche Comic-Künstlerin. Sie studierte zunächst Illustration in Hamburg und zeichnete mehrere Comic-Geschichten, die in verschiedenen Zeitungen und Anthologien erschienen. 2012 erhielt sie eine Gastprofessor an der Hochschule der Bildenden Künste Saar, 2013-2015 war sie Dozentin in Erlangen.

Miriam Libicki ist Autorin der Graphic Novel „Jobnik!“ über ihren Wehrdienst in Israel sowie zahlreicher Nonfiction Comics. Sie wurde 2017 mit dem Vine Award for Canadian Jewish Literature ausgezeichnet.

Gilad Seliktar illustriert Kinderbücher, zeichnet Comics und Illustrationen für verschiedene israelische Zeichnungen unnd wurde 2018 bei der Vergabe des Israel Museum Ben-Yitzhak Award ausgezeichnet. Er ist autor mehrerer Graphic Novels und lehrt in Jerusalem an der Bezalel Academy of Arts and Design.

Sie erzählen die Geschichten von Emmie ArbelRolf und Nico Kamp, sowie David Schaffer.

Für externe Inhalte wird keine Haftung übernommen, diese gehören den Erstellern.

Dorothy B. Hughes: Ein einsamer Ort

Inhalt:

Einsam und frustriert lebt der ehemalige Jagdflieger Dix Steele im Los Angeles der späten 1940er Jahre. Nachts streift er durch die Stadt und stellt Frauen nach. Als er einen alten freund wieder trifft, ist er fasziniert von dessen Arbeit als Detective. Unmittelbar kann Dix mitverfolgen, wie Brub die Morde an einer Reihe junger Frauen untersucht – und es beginnt ein nervenaufreibendes Spiel, bei dem immer unklarer wird, wer eigentlich auf der Jagd nach wem ist.

Dorothy B. Hughes, die lange vergessene Pionierin der Kriminalliteratur, blickt unerschrocken und hellsichtig in die Abgründe von Frauenfeindlichkeit und Gewalt.
(Klappentext)

Rezension:

Nicht wenige der modernen Thriller dieser Tage setzen auf den Effekt und rasanten Wendungen, gleichsam eines rasanten Films, in dessen Handlungssträngen Details versteckt werden, die man normal zuschauend, gar nicht so schnell wahrnehmen kann. Der klassische Kriminalroman früherer Jahre kommt leiser daher, setzt auf die charakterliche Ausarbeitung der Figuren, der psychologische Effekt steht im Vordergrund oder das Ermitteln selbst. Der Weg ist das Ziel, welcher zu einer überraschenden Wendung und schließlich zur Auflösung führt.

Mit „Ein einsamer Ort“ ist ein solches Erzählstück wieder neu aufgelegt worden, der mit Erscheinen Weichen stellte. Die amerikanische Autorin Dorothy B. Hughes durchbrach, nicht nur hier, bis dahin geltende klassische Erzählkonventionen (was hier nicht näher erläutert werden kann, sonst würde man einen Teil der Auflösung verraten) und schuf eine Geschichte, in die sich auch heute noch gut eintauchen lässt.

Das beginnt schon mit der Konzentration auf nur eine Perspektive, aus deren Sicht erzählt wird. Verdächtig ruhig ist es im Los Angeles der 1940er Jahre, fast zu ruhig, doch im Inneren des städtischen Ballungsraumes rumort es. Eine Mordserie an Frauen erschüttert die Metropole. Die ermittelnde Polizei tappt im Dunkeln. Lange ist nicht klar, wird auch den Lesenden nicht klar sein, wer hier Täter ist, auch wenn sich ein Verdacht aufgrund der Art des Erzählens schnell ergibt. Fast zu schnell. Doch Beweise fehlen lange.

Fast nüchtern wird aus der Sicht des ehemaligen Jagdfliegers erzählt, dessen Charakter zunächst schwer zu fassen, dann greifbar ist. Er ist es auch, aus dessen Perspektive die anderen Figuren beleuchtet, gewertet werden. Dorothy B. Hughes hat es verstanden, ihren Figuren klare Konturen zu geben, die Lesenden förmlich in eine trügerische Stille einzulullen, um dann nur eine einzige überraschende Wendung einzuführen, die zum Ziel gereicht. Die Rollenzuteilung bei der Auflösung war schon für damalige Zeiten überraschend und wirkt auch aus heutiger Sicht sehr modern.

Der Zeitraum der Handlung umfasst wenige Wochen und die Anzahl der Charaktere, die alle ein entgegengesetztes Gegenüber besitzen, ist überschaubar, was das Einfinden in die Erzählung erleichtert. Der nüchterne Ton wirkt zuweilen kalt und unnahbar. Wer nur moderne Thriller gewohnt ist, wird zunächst irritiert sein. Es finden sich kaum Darstellungen von Gewalt, ausführliche Beschreibungen. Die Bedrohung bleibt für lange Zeit sehr diffus. Unterschwellig ist sie jedoch immer vorhanden.

Durch die Konzentration aufs Wesentliche hat sich Dorothy B. Hughes nicht verzettelt, sondern ihre Handlungsstränge konzentriert zu Ende geführt. Logikfehler sind keine zu entdecken oder zumindest zu vernachlässigen. Klassische Rollenmuster werden durchbrochen, einzelne kleine Blickpunkte auf das amerikanische Alltagsleben und schon damals vorhandene gesellschaftliche Gegensätze gegeben, ohne dass die Handlung verloren wird. Interessant aus heutiger Sicht die Beschreibung derer, die aus den Schrecken des Krieges aus Europa zurückgekehrt sind und wieder in einen Alltag sich einfinden müssen, der nicht mehr der ihre ist. Der Kriminalroman wurde zwei Jahre nach Kriegsende, 1947, veröffentlicht.

Wer liest findet sich ein, überrascht vielleicht am Ende von der Perspektive, die man die gesamte Zeit über eingenommen hat. Dorothy B. Hughes ist nichts für den Fan rasanter Kriminalliteratur oder blutrünstiger Thriller. Wer psychologische Aspekte mag, eingebettet in einer ruhigen Erzählung und dennoch überraschender Wendungen, die hier sehr sparsam gesetzt sind, wird mit „Ein einsamer Ort“ jedoch spannende Stunden erleben.

Autorin:

Dorothy Belle Hughes wurde 1904 in Kansas City, Missouri geboren und ist eine US-amerikanische Kriminalschriftstellerin und Literaturkritikerin gewesen. Zunächst studierte sie Journalismus und arbeitete für verschiedene Zeitungen, belegte an mehreren Universitäten Kurse. 1931 gewann sie mit ihrem Schreibdebüt, einem Gedichtband einen wichtigen Literaturwettbewerb, bevor sie 1940 ihren ersten Kriminalroman veröffentlichte.

Sie gilt als eine der wichtigsten Vertreterinnen der amerikanischen Hardboiled Literature. 1963 erschien ihr letzter Roman. Ihre Werke wurden teilweise verfilmt, zudem betätigte sie sich als Literaturkritikerin. Dafür gewann sie mehrere Male den Edgar Allan Poe Award. Hughes starb 1993.

Karl Schlögel: Terror und Traum – Moskau 1937

Inhalt:

Schauprozesse und Massenverhaftungen markieren den Höhepunkt von Stalins diktatorischer Herrschaft. Im Schatten des Terrors aber scheint der Traum einer neuen Gesellschaft Gestalt anzunehmen: Gigantische Bauprojekte verändern das Stadtbild, sowjetisches Hollywoodkino, Fliegerhelden und Sportspektakel begeistern die Massen. Karl Schlögels neues Meisterwerk schildert ein russisches Schicksalsjahr, das in der europäischen Geschichte tiefe Spuren hinterlassen hat. (Klappentext)

Rezension:

Im Blick auf die Zivilisationsbrüche der 1930er Jahre herrscht eine auffallende Asymmetrie. Eine Welt, der sich im kollektiven Gedächtnis nach dem Zweiten Weltkrieg Namen wie Dachau, Buchenwald und Auschwitz eingeprägt hatten, fehlen oft Workuta, Kolyma oder Magadan. Auch in Stalins Riesenreich vollzog sich ein totalitärer Wandel, dessen Opfer spätestens mit der Festigung des Eisernen Vorhangs zum zweiten Mal hinter einer Mauer des Schweigens verschwanden und erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der zaghaften Öffnung von Archiven wieder zum Vorschein kamen.

Dabei ist das Moskau 1937 ein Schauplatz europäischer Geschichte, viel facettenreicher und durchmischter, als das die damaligen Machthaber wahrhaben wollten. Die Welle des Terrors, mit der Stalins getreue, die nicht selten selbst derer Opfer wurden, fegte um so heftiger über die Metropole an der Moskwa hinweg. Der Historiker Karl Schlögel zeichnet dies nach und schaut dabei nicht nur auf die großen Schauprozesse, sondern auch auf eine immer mehr verängstigte Gesellschaft im erzwungenen Wandel.

Das sehr detaillierte Sachbuch des Osteuropa-Historikers Karl Schlögel erfährt, 2008 erstmals erschienen, durch die tagespolitischen Ereignisse eine Aktualität, die ihres Gleichen sucht, ist die Geschichte der Stalinschen Terrors doch untrennbar mit dem verbunden, was danach passieren sollte, auch, was passiert, wenn Verarbeitungs- und Erinnerungskultur nicht in dem Maße wirken können, wie dies in der Mitte des europäischen Kontinents in Sachen Holocaust der Fall ist.

Dabei wagt der Autor einen Rundumblick, soweit es damals schon die geöffneten Archive in Russland zugelassen haben und führt die Leserschaft ein, in ein pluralistisches Moskau, welches es nach 1937 so nicht mehr gab. Schlögel zeigt eine Vielfältigkeit auf, die sich nicht nur in Architektur und Fortschrittsglaube widerspiegelte, sondern auch in Kunst und Kultur, sowie Technik. Der junge Staat wollte sich der Welt präsentieren, zugleich die Machthaber im Kreml ihren Status sichern und festigen. Kapitel für Kapitel beschreibt Schlögel einzelne Aspekte des gesellschaftlichen Kosmos‘ einer Metropole, die im Zuge des Stalinschen Terrors in seine Bestandteile zerfiel. Das letzte Adressbuch für lange Zeit, 1936, steht am Anfang dessen, sowie Kongresse und Ausstellungen, die die Welt bewegten, während anderswo in Europa bereits zuvor dunkle Wolken dem vorauseilten, was später die Welt in den Abgrund stürzen sollte. Danach folgte nur noch Terror, mit all seinen schrecklichen Folgen.

Der beschriebene Zeitraum ist überschaubar, nicht so sehr die geschehenen Ereignisse und beleuchteten Perspektiven, deren Biografien abrupt 1937/38 endeten. In seinem Standardwerk nimmt sich der Historiker Zeit für einzelne gesellschaftliche Aspekte, die Beschränkung liegt allein im stadtgeografischen Raum, den Stalins Getreue mit Gewalt umformen wollten. Hier versinkt man in Details, was sehr nüchtern, teilweise sehr schwerfällig zu lesen ist, doch auch so sein muss, wenn man ein umfassendes Gesamtwerk erhalten möchte.

Fragen kommen auf, wie jene, warum selbst ehemalige Minister und Beamte, die an der ersten Terrorwelle beteiligt waren, in Schauprozessen angeklagt, selbst absurde vorgefertigte Geständnisse und Schuldbekenntnisse unterschrieben? Im Wissen um die Mechanismen des Machterhalt Stalins. Der Historiker beleuchtet das Geschehen an verschiedenen Schauplätzen Moskaus, den Blick der Einheimischen, der alten und der neuen Elite Russlands, sowie die Betrachtung der Emigranten und Exilanten, den Blick Amerikas auf das neue Moskau, sowie diesem auf sich selbst. Nach und nach setzt Schlögel hier ein Puzzle zusammen, welches abrupt zum Stillstand kam, als ein anderes Land Europa mit Gewalt und Terror überziehen sollte.

Karl Schlögel spricht hier den interessierten Laien mit Vorkenntnissen an, sowie Kenner der Historie und hat mit seinem geschichtlichen Standardwerk Grundlage für Diskussionen und weitere Betrachtungen gelegt, denen sich Andere annehmen können. Vieles von dem, was später in der Sowjetunion passierte, wäre ohne das Jahr 1937 nicht denkbar. So ganz ohne Vorkenntnisse geht es jedoch nicht, die mit Quellen gut unterfütterte Lektüre, ergänzt durch eine historische Karte des Schauplatzes, ist ohne dies nicht leicht lesbar. Zu viele Namen mussten erwähnt, zu viele Biografien und gesellschaftliche Aspekte beleuchtet werden.

Die Lektüre, die nur vor allem die Konzentration der Lesenden gewinnt, ist erhellend. Fraglich nur, wie viele Fakten letztendlich hängen bleiben und was die noch ausführliche Betrachtung eines einzelnen Aspekts des gesellschaftlichen Wandels Moskaus noch zusätzlich für Erkenntnisse bringt. Hier ist die Grundlage dafür, dies auszuprobieren und um sich, in turbulenten Zeiten, neue Perspektiven zu schaffen. In diesem Sinne, zu empfehlen.

Autor:

Karl Schlögel wurde 1948 geboren und ist ein deutscher Historiker und Publizist. Er studierte u. a. Soziologie, osteuropäische Geschichte und Slawistik in Berlin und schrieb seine Dissertation über Arbeiterkonflikte in der Sowjetunion nach Stalin. 1982 ging er als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Moskau, wo er sich mit der Geschichte der russischen Intelligenzija im 19. und 20. Jahrhundert beschäftigte, arbeitete anschließend als Privatgelehrter und freier Mitarbeiter für den Rundfunk.

Er veröffentlichte dort, sowie in mehreren Magazinen und Zeitungen, bevor er eine Professur für Osteuropäische Geschichte in Konstanz erhielt, sowie 1995 die selbe in Frankfurt/Oder. Von 2003 bis 2005 war er dort Dekan der Kulturwissenschaftlichen Universität.2013 wurde er emeritiert. Er konzipierte mehrere Ausstellungen und Zeitschriften mit, war Mitglied der Jury des Friedenspreises des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und beschäftigt sich seit Beginn der Krimkrise intensiv mit der Geschichte der Ukraine. 2013 wurde er mit der Puschkin-Medaille ausgezeichnet, welche er 2014 ablehnte. 2018 erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse, ein Jahr darauf den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland.

Empfehlung: Christian Duda – Gar nichts von allem

Vorab: Außerhalb der ausführlich rezensierten Werke gibt es natürlich noch andere empfehlenswerte Literatur, die sicher in dem einen oder anderen Bücherschrank gehört und seine Fans sucht. Für diese gibt es die Kategorie -Empfehlungen- auf diesem Blog.

Der 11-jährigen Madi ist ein glühender Fan des Boxers Mohammed ali. Denn Ali ist stark, fair und unbesiegbar. Ganz anders als Magdis Vater. Was den arabischen Vater und die deutsche Mutter eint, ist der Wille, nicht unangenehm aufzufallen. Deshalb müssen Magdi und seine drei Geschwister besser sein als die anderen. Und wenn nicht, dann hilft Vater nach. Christian Duda erzählt von einem Jungen in der Zange zwischen Vorurteilen und Erwartungen und vom Mut, den eigenen Weg zu gehen. (Klappentext)

Hier haben wir mal eine kleine Geschichte für vielleicht Fast-nicht-mehr-Kinder und angehende Jugendliche, die sich schnell einmal weglesen lässt und darüber hinaus viel Diskussionsstoff bietet, alleine schon deshalb eine Empfehlung wert. Ein kleiner Junge mit viel Phantasie und guter Beobachtungsgabe, einen schlagkräftigen Vater und nicht zuletzt der Herausforderung des Größerwerdens und wie man alles unter einem Hut bringt. Das liest sich amüsant, zuweilen nachdenklich, ernst und doch nicht ohne Hoffnungsschimmer. Erwähnenswert, das kleine witzige Glossar am Ende der Geschichte.

Titel: Gar nichts von allem
Autor: Christian Duda
Seiten: 159
Taschenbuch
Erschienen am: 15.08.2019
Verlag: Gullover (Beltz & Gelberg)
ISBN: 978-3-407-78995-2

Udo Lielischkies: Im Schatten des Kreml

Inhalt:

Seit Wladimir Putin 1999 an die Macht kam, berichtete Udo Lielischkies als ARD-Korrespondent aus dem riesigen Land. In dieser Zeit hat er nicht nur die russische Politik, sondern auch den Wandel des russischen Lebens unter Putin hautnah miterlebt. Udo Lielischkies erzählt von seinen Erlebnissen zwischen Kreml und russischer Provinz und vor allem von den stillen Helden in den Weiten Russlands. Ein einzigartiges Bild des facettenreichen wie widersprüchlichen Landes. (Klappentext)

Rezension:

Fast zeitgleich, als Putin 1999 an die Macht kam, wechselte der ARD-Reporter Udo Lielischkies das Berichtsgebiet und begann einzutauchen, in das Leben und die große Politik des größten Landes der Erde. In seinem Sachbuch berichtet er, in der Neuauflage vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine, vom Wandel der russischen Gesellschaft, einem Staat, dessen Gesicht nun ein vollkommen anderes ist, aber auch von den Herausforderungen des Korrespondenten-Daseins, wenn nichts ist, wie es zunächst scheint.

Eingerahmt von Eindrücken des jüngsten Ereignisses beginnt der Autor das Erlebte von Beginn an, aufzurollen und zeigt die Schwierigkeiten des Reporterlebens in einem zunächst ihm unbekannten Land auf, sowie die Schnelllebigkeit der Ereignisse, die von Beginn an seine Tätigkeit bestimmte.

Dabei setzt er den Fokus auf einzelne Ereignisse, sowie auf seinen Begegnungen mit Menschen aus ganz Russland und portraitiert das Leben in Moskau ebenso, wie die Unzulänglichkeiten der Provinz, aber auch die Unberechenbarkeiten des Tschetschenien-Kriegs, das erste Geschehnis, welchem er für den ersten deutschen Fernsehsender auf den Grund gehen musste. Im Fokus dabei, neben der Einordnung politischer Entscheidungen für die Zuschauenden, immer auch die Menschen, die davon direkt betroffen waren, dabei einen vollkommenen und gefährlichen Umbau der russischen Gesellschaft zu erleben.

Kompakt reiht er Ereignis um Geschenis aneinander, zeigt die Konsequenzen auf und konzentriert sich dabei immer wieder auf einzelne Themen, wie die Gleichschaltung des einheimischen Journalismus‘, sowie dem Ausschalten derer, die versuchen, so lange, wie möglich, noch ihre eigene Sicht der Dinge zu publizieren oder aber die Vereinnahmung von Ernten kleiner Bauern durch übermächtige Agrar-Konzerne mit Verbindungen, hinein in höchste politische Ebenen.

Warum sind trotz offensichtlicher Willkür und um sich greifender Korruption, spurlos verschwindender Gelder aus thematisch begrenzten Budgets, so viele Menschen immer noch für Putin? Was hält dieses Land zusammen, wo das Vertrauen nicht Weniger längst zerstört ist und Russland längst ausblutet?

Anhand von zahlreichen Beispielen gibt er Einblick in den schwierigen Alltag der Menschen, die oft das propagierte Bild im Einklang mit der Wahrheit bringen müssen, was immer schwieriger wird. Was nützt es, ständig von Erfolgen zu hören, wenn der eigene Kühlschrank leer bleibt, da Löhne und Renten nicht zum leben reichen, Dächer undicht sind und kein Zugang zu sauberen Trinkwasser vorhanden ist. Udo Lielischkies gibt jedoch auch Einblick in den schwierigen Reporter-Alltag, Recherchearbeit, Berichtsglück und der Entscheidungsfindung, was berichtet wird, wenn sich die Ereignisse mal wieder überschlagen.

Doch nicht die großen Eindrücke sind es, die diese Rückschau so interessant macht, sondern die zahlreichen dokumentierten Begegnungen, vor allem mit Menschen, die die Differenzen sehen, jedoch nicht gegen die Allmacht des Staates und seiner Anhängel ankommen. Einmal mehr gilt der Spruch, Russland schert sich nicht um das Lebensglück seiner Menschen. Fasslungslos nimmt man das Beschriebene auf, welches zudem durch umfangreiches Quellenmaterial unterfüttert wird, welches der Autor hintenan stellt.

Udo Lielischkies hat Wandel und Widerspruch portraitiert, authentisch zudem, da auch er inzwischen in Russland Familie hat und sozusagen den Alltag mitbekommt. Das Land, was er 2018 verließ, war da längst ein anderes, als das, von welchem er 1999 zu berichten begann, vier Jahre später sowie so.

Der Journalist schlägt sich auf keine Seite, beobachtet und ordnet ein und zeigt an zahlreichen Beispielen auf, wie Entscheidungen verschiedener staatlicher Ebenen, gewollt ein System der Willkür und Korruption geschaffen haben, welches längst ein Eigenleben führt. so gewollt von der obersten Führung.

Der Ton wechselt dabei von sachlicher zu emotionaler Ebene. Sowohl die Portraits der Ereignisse als auch der teilhabenden Menschen waren sehr spannend zu lesen, aber auch, wie Berichtsalltag in einem solch kaum fassbaren Land überhaupt funktioniert. Vom letzteren hätte es nicht geschadet, noch mehr Beispiele aufgeführt zu sehen, jedoch auch so ist ein sehr bezeichnender Bericht. Udo Lielischkies zeigt, was passiert, wenn sich Politik und Volk auseinander entwickeln und nur durch verschiedene Formen von Gewalt und Willkür zusammengehalten werden. „Im Schatten des Kreml“ zeigen sich die Widersprüche.

Autor:

Udo Lielischkies wurde 1953 in Köln geboren und ist ein deutscher Journalist und ehemaliger Leiter des ARD-Studios in Moskau. Er studierte in Köln Volkswirtschaft und Soziologie, sowie Journalistik. 1980 begann er als Wirtschaftsredakteur beim WDR, nachdem er zuvor als freier Mitarbeiter tätig war.

Nach Stationen in verschiedenen Redaktionen wurde er 1994 Europa- und NATO-Korrespondernt in Brüssel, bevor er 1999 nach Moskau wechselte und von dort u. a. aus Tschetschenien und der Ukraine berichtete. Für seine Reportagen wurde er u. a. mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Ab 2006 war er kurzzeitig in washington tätig, kehrte jedoch bald für die ARD nach Moskau zurück und blieb dort bis zu seinem Ruhestand, 2018.

Trent Dalton: Der Junge, der das Universum verschlang

Inhalt:

Brisbane, 1983: Wie wird man zu einem guten Menschen? Diese Frage treibt den 11-jährigen Eli Bell um. Auf den ersten Blick hat er nicht gerade die besten Vorbilder um sich herum: Die Mutter und der Stiefvater dealen mit Heroin, sein großer Bruder Gus spricht nicht mehr, sein Vater glänzt durch Abwesenheit, und sein Babysitter ist ein hartgesottener Ex-Häftling. Doch zwischen den Drogen und den Schmutz erfährt Eli zärtliche Liebe, aufrichtige Freundschaft und die Magie seiner Fantasie. Und je älter er wird, desto relevanter wird die Frage: Kann Brutalität durch Zärtlichkeit überwunden werden? (Klappentext)

Rezension:

Ein kleiner Teil dieser Erzählung entspricht zumindest in Ansätzen wahrer Begebenheiten, viel mehr Zeilen sind jedoch der großartigen Phantasie des australischen Journalisten Trent Dalton entsprungen, der mit „Der Junge, der das Universum verschlang“, ein beeindruckendes Debüt geschaffen hat.

Der Roman entführt seine Leserschaft in eine australische Sozialsiedlung am Rande Brisbanes, zu Beginn der 1980er Jahre und beginnt aus der Sicht des anfangs elf- oder zwölfjährigen Eli Bell, hier sind sich Klappentext und Erzählung uneinig, eine zunächst sperrige Coming-of-Age-Geschichte zu erzählen, die sich nach und nach zu einem gesellschaftskritischen Kriminalroman mausert.

Der kleine Junge stellt sich schon sehr früh Fragen, die schon von den ihn umgebenden Erwachsenen kaum zu beantworten sind. Wie wird man eigentlich ein guter Mensch? Wie bleibt man es? Können gute Menschen böse werden? Böse Menschen gut?

Eli, mit einer unglaublichen Phantasie ausgestattet, sucht nach Antworten und beobachtet seine Umgebung sehr intensiv, ohne die entsprechenden Vorbilder greifbar zu haben. Das Elternhaus ist verkorkst, der Bruder verweigert sich der Worte.

August kritzel etwas in die Luft. Das Jugendamt lehrt August schaudern.
August schreibt weiter: Lehrt Eli, nie was auszuplaudern

Trent Dalton: Der Junge, der das Universum verschlang

Der Drogenhandel hat nicht nur seine Familie, sondern auch seinen Babysitter im Griff, den einzigen, zu dem er dennoch wenigstens etwas aufschauen kann. Eli versucht in dieser Umgebung aufrichtig zu bleiben, doch auch von ihm verlangt das Leben mit den Jahren Entscheidungen, die nicht nur sein Schicksal bestimmen werden.

„Ich glaube, ich verliere den Verstand, Gus“, sage ich. „Ich glaub, ich werde verrückt. Ich muss schlafen. Ich fühl mich, als würde ich in einem Traum herumgeistern, und das hier ist der Schluss, kurz vor dem Aufwachen, der Teil, der sich so richtig echt anfühlt.“
Er nicht.
„Glaubst du, ich werde verrückt, Gus?“

Trent Dalton: Der Junge, der das Universum verschlang.

Schon mit den ersten Zeilen wirkt das beinahe zu viel. Schon so einige Schreibende sind daran gescheitert, so viele Themen wie handlungen in ihren Texten unterbringen zu wollen und am Ende kaum die Auflösung eines Handlungsstrangs zu schaffen. Doch Trent Dalton bündelt, schafft Atempausen in seiner Erzählung, die Konzentration erfordert. Journalistische Knappheit wechselt sich ab mit großflächigen Umschreibungen.

So gelingt ein Roman, der nicht nur auf die Kulissen hinter dem Trugbild der Vorstadtidylle aufmerksam macht, sondern gleichsam Slim Halliday, dem Houdini der Boggo Road, ein Denkmal setzt, der sich in Australien einen Namen als Ausbrecherkönig aus einem berüchtigtem Gefängnis machte und viel später tatsächlich Babysitter in der Kindheit des Autoren wurde.

„Hast du dich nie gefragt, warum du so leicht weinst, Eli?“
„Weil ich ein Weichei bin?“
„Du bist kein Weichei. Du darfst dich nie für deine Tränen schämen. Du weinst, weil es dir eben nicht scheißegal ist. Viel zu viele Leute auf dieser Welt haben Angst zu heulen, weil sie nicht zugeben wollen, dass ihnen etwas wichtig ist.“

Trent Dalton: Der Junge, der das Universum verschlang

Und hier wandelt sich der Text. Aus dem nachdenklichen Kind, wird ein sinnsuchender Jugendlicher, dessen Leben in einem Abwärtsstrudel zu versinken droht, aus dem es nur ein langsames Auftauchen geben wird. Feinfühlig wandelt sich hier Coming of Age Anteil zur Gesellschaftskritik hin, zu einem packenden Kriminalroman unter der australischen Sonne. Die Erzählung selbst ist schon das Universum, dafür sogar vergleichsweise kompakt.

Der Roman wird aus der Sicht des Hauptprotagonisten erzählt. Mit ihm steht und fällt die Geschichte. Trent Dalton schafft es, dass man den Jungen greifen kann. Um ihn dreht sich alles, auch die anderen Protagonisten, von denen besonders Slim und Elis älterer Bruder mit besonders scharfen Konturen gezeichnet sind.

Dennoch reichen nur zwei größere Gegenparts aus, um der Geschichte eine stetige Dynamik zu verleihen. Dazu wunderbare Sätze, die zum Schmunzeln anregen, ein Lachen, was im Halse stecken bleibt und dann nachdenklich uns Lesende zurücklässt. Das, zudem die Sprünge muss man mögen. Ohne zu wissen, wie sich das im Original liest, in der Übersetzung wirkt der Schreibstil zumindest etwas gewöhnungsbedürftig. Es ist eben kein Roman, um sich einfach berieseln zu lassen. Dazu ist: „Der Junge, der das Universum verschlang“, zu schade.

Gleichsam seines Protagonisten erweißt sich auch der Autor als großer farbenschreiber. Schon der Untertitel im Deutschen sticht hervor. Es regt jedoch zumindest auch die Phantasie der Lesenden an.

Unser Weihnachtsbaum ist eine Zimmerpflanze namens Henry Bath. Henry Bath ist ein Ficus benjamini.

Trent Dalton: Der Junge, der das Universum verschlang

Man kann den Staub der Straße schmecken, sieht den Schein, der das Sein überdeckt und die Ausweglosigkeit, die einem realen Kind wahrscheinlich alle Chancen auf ein besseres Leben verbaut hätte, wenn auch hier wieder Schicksal vom Schreibenden und Protagonisten miteinander verschmelzen. Auch mit dem Lesen der letzten Zeile wird der Text einem noch eine ganze Weile beschäftigen, wenn auch ein zwei inhaltliche Punkte wohl der Erfüllung aller Klischees dienen, was aber nicht weiter ins Gewicht fällt, wenn der Rest so großartig ist.

Dieser Roman verlangt Konzentration, regt Phantasie und Gedanken an und lädt ein, die wahren Hintergründe einmal zu recherchieren, die zur Inspiration Trent Daltons gedient haben. Man wird also doch ein wenig beschäftigt sein. Und sei es nur, um den Zaunkönig zu finden.

Autor:

Trent Dalton ist ein australischer Journalist und Autor aus Brisbane. Er gewann mehrmals den „Walkley Award für Excellence in Journalism“ und weitere Preise, wurde viermal zum australischen Journalisten des Jahres ernannt. „Der Junge, der das Universum verschlang“, ist sein erster Roman.

Jenny von Sperber: Fritz, der Gorilla

Inhalt:

Diese faszinierende Gorilla-Familiensaga erzählt nicht nur das bewegte Leben von Fritz, sondern zeigt auch die Entwicklung in europäischen Zoos im Umgang mit Menschenaffen auf. Als Jenny von Sperber Fritz zum ersten Mal begegnet, lässt der Gorilla sie nicht aus den Augen. Er ist damals schon über 50 Jahre alt, aber immer noch sehr charismatisch. Für die Journalistin ist klar: Sie will alles über das Leben von fritz herausfinden. (Klappentext)

Rezension:

Es ist noch gar nicht so lange her, da bekamen Zoos weltweit nicht selten ihre Tiere durch Wildfänge rund um die Welt, bis man diese Praxis durch internationale Abkommen weitgehend beendete. In Bezug auf Menschenaffen bedeutete dies oft, eine ganze Gruppe von Tieren zu töten, um an die Jungtiere heranzukommen. Wahrscheinlich, genau weiß man das nicht, kam so auch der Gorilla Fritz als einer der ersten seiner Art nach Deutschland und begründete dort eine Familiendynastie, die nicht nur den Wandel der Zootierhaltung erlebte. Die Journalistin Jenny von Sperber begab sich auf weltweite Spurensuche. Entstanden ist so eine beeindruckende tierische Biografie.

Mal etwas ganz anderes ist es, eine Biografie über ein Individuum unserer nächsten Verwandten zu verfassen, zugleich ein Sachbuch, welches sich mit dem Wandel der Betrachtung von Tieren und den Blick auf eine zeitgemäße Betrachtung von Zoos und Tierparks richtet. Dies kombiniert die Autorin hier in einem kompakten, einfühlsamen und doch sehr informationsreichen Sachbuch, welches sich spannend liest, ohne den objektiven Blick zu verlieren.

Interessant ist dabei der immerwährende Perspektivwechsel zwischen der Geschichte eines Tieres, welches nicht nur die Autorin ins herz geschlossen hat, dem sie trotz anfangs spärlich vorhandener Informationen auf den Grund gehen möchte, auch die Geschichte von Zoos, die Tiere zu reinen Anschauungsobjekten machten, bis zum heutigen Versuch einer, wie auch immer, artgerechten Tierhaltung. Natürlich verbunden mit Artenschutzprogrammen und dem Aufbau eines Backups für bedrohte Tierarten, die in freier Wildnis kaum eine Chance hätten, zu überleben, da Lebensräume immer kleinräumiger werden.

Jenny von Sperber geht dabei biografisch vor, hangelt sich anhand einer Zeitachse entlang und streut Episoden aus den Erinnerungen ehemaliger Mitarbeiter von Zoos, sowie Fritz‘ Nachkommen nach, um ein Gefühl für den beeindruckenden Gorilla-Mann zu bekommen, der nur ein paar Jahre nach ihrem ersten Treffen sterben, damit jedoch trotzdem seine Artgenossen in der Wildnis um mindestens zwanzig Jahre überleben sollte. Sie stellt dabei ethische Fragen über Tierhaltung und Artenschutz in Verbund mit Zoos, zudem die Probleme, mit denen sich das internationale Arterhaltungsprogramm heute auseinandersetzen muss.

Keineswegs nüchtern liest sich das. Den Zwiespalt der Autorin liest man in jeder Zeile, doch verlässt Jenny von Sperber, vielleicht auch wegen des Kontakts mit Zoomitarbeitern und Wissenschaftlern, Naturschützern, nicht die sachliche Ebene. Schon deshalb ist die Lektüre wertvoll, da sie sich nicht auf die oft sehr falsch oder zumindest ziemlich einseitig geführte Diskussion um die Daseinsberechtigung der Zoos und Tierparks einlässt. Die Autorin sieht Zweck und Nutzen, verknüpft diese mit einem großen Aber.

Schwenks zurück führen immer wieder zu Fritz und seinen Verwandten, so dass die Grundthematik nicht aus den Augen verloren wird. Interessant hierbei ist der Blick auf Fritz‘ Familie, deren Nachkommen inzwischen weltweit verstreut leben, aber auch, wie viel Wissen sich die Autorin im Laufe der Recherchen und Kontaktaufnahmen zu Sachverständigen und Experten erarbeitet haben muss. Zudem wird detailreich erzählt, ein großes Plus.

Das Sachbuch ist biografisch gehalten, eröffnet neue Blickwinkel und lässt uns einem unserer nächsten Verwandten fortan mit anderen Augen sehen. Mehr solche Beiträge zu Diskussionen wären wünschenswert, gerade wenn nicht die Festlegung auf nur eine Perspektive dieser zuträglich ist. Und das ist ja zumeist der Fall. Auch dafür steht dann Jenny von Sperbers „Fritz, der Gorilla“.

Autorin:

Jenny von Sperber wurde 1979 geboren und arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin. Für Rundfunk und Fernsehen veröffentlichte sie verschiedene Beiträge mit den Schwerpunkten Ökologie, Wild Life, sowie weitere gesellschaftlich relevante Themen. Ausgezeichnet wurde sie mit dem Heureka-Preis für Wissenschaftsjournalismus. Vorher studierte sie u. a. in Tokyo, Japan, bereiste für verschiedene Reportagen die Welt. „Fritz, der Gorilla“, ist ihr erstes Buch.