Patric J. Kaaf: Lucian Mason 2 – Und der Baum der Erinnerungen

Inhalt:

Lucian Mason kehrt nach Moridan zurück, doch diesmal ist alles anders. Nach seinem triumphalen Sieg über Sivenna erwartet Lucian ein ruhiges Schuljahr. Doch das Schicksal hat andere Pläne. Zusammen mit seinen Freunden wird er mit Geisterproblemen, Lichtklingen, Monstern und Streit konfrontiert. Eine mysteriöse Katze und ein geheimnisvoller Wolf kreuzen seinen Weg und stellen ihn vor ungeahnte Herausforderungen. Als Lucian plötzlich an einem Ort landet, wo ein gewaltiger Baum auf ihn wartet, muss er erneut seinen Mut beweisen. Das Abenteuer, das vor ihm liegt, übersteigt alles, was er sich je vorstellen konnte.

Tauche ein in eine magische Welt und erlebe ein Abenteuer voller Magie, Geheimnisse und Mut.

Denn wir sind Moridan.
(Klappentext)

Bücher der Reihe:

Patric J. Kaaf: Lucian Mason 1 – Und der Splitter des Schicksals
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 2 – Und der Baum der Erinnerungen
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 3 – Und der Turm des Schatten
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 4 – Und das Erwachen der Finsternis

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Rezension:

In der Tradition typischer Internatsliteratur mit magischen Einsprengseln entführt uns Patric J. Kaaf erneut in die magische Welt Lucian Masons ein, der nun nach einem turbulenten ersten sein zweites Schuljahr im magischen Moridan beginnen soll. Die Geschichte, die erneut Coming of Age und Jugendliteratur gekonnt in eine Urban Fantasy einbindet, zeigt, wie eine Fortsetzung gelingen und ein zweiter Band keineswegs immer der schlechtere einer Reihe sein kann.

Dabei treten zu Beginn wieder Akteure auf, die für den Verlauf der Erzählung eine Rolle spielen werden, ohne zu viel vorweg zu nehmen, gleichzeitig gelingt es dem Autoren Lesende in den Bann einer Handlung zu ziehen, die zugleich ihre dunklen Schatten vorauswirft, ohne die jenigen zu verlieren, deren magische Reise mit den Auftaktband schon eine ganze Weile her ist.

Eine zusammenfassung der bisherigen Geschehnisse bekommt man praktisch innerhalb des Anfangs der Geschichte mitgeliefert, so dass ein schneller Wiedereinstieg gelingt und man sich voll und ganz den Charakteren, ihren Abenteuern und den Herausforderungen widmen kann, vor denen diese stehen.

Wieder im Vordergrund steht der titelgebende Hauptprotagonist, der auch hier empfindsamer und vielschichtiger sein darf, als auch wortwitziger auftreten darf, als dass eine gewisse Figur eines britischen Epos‘ sein darf, was eine Wohltat ist, ebenso wie die feine Zeichnung von Nebencharakteren, die noch mehr Raum bekommen, ebenso Herausforderungen zu bestreiten. Lucians größte, sich auf Ruhmeszuschreibungen einzulassen und auch Neid und Missgunst zu widerstehen, zugleich seinen Gerechtigkeitssinn zu Tage treten zu lassen, gelingt hier durch den gesamten Handlungsstrang hinweg, der mit zunehmender Seitenzahl ordentlich am Tempo zieht.

Nebst der Darstellung der Charaktere muss das Worldbuilding hervorgehoben werden, sowie das Magiesystem, welches eine ganz besondere Rolle in diesem Band bekommt. Der Herausforderung, eine Lichtklinge zu erlangen, mächtiges magisches Instrument dieser Welt, sind nicht alle Schülerinnen und Schüler gewachsen, aber auch Grundlage und Handlungstreiber für allerhand Abenteuer, in denen sich Lucian ohne es zu wollen, wiederfindet.

Hier nicht den Faden zu verlieren, ohne größere Logikfehler und unglaubwürdigen Wendungen, hat funktioniert. Auch merkt man deutlich, wie sich Schreib- und Erzählstil Patric J. Kaafs verbessert haben, trotzdem der Auftaktband und dieser als Fortsetzung natürlich nur zusammen funktionieren.

Die temporeich erzählten Kapitel fördern eine Lesegeschwindigkeit, durchsetzt mit zahlreichen Spannungsmomenten, auch Gegensätze funktionieren in diesem Setting gut. Trotz eingearbeiteten Lektorat stößt man hin und wieder aber auf Rechtschreibfehler, trotzdem meine ich auch hier eine Besserung im Gegensatz zum Erstling zu bemerken. So widmet man sich, wenn man denn stolpert, schnell wieder den Kampf zwischen Gut und Böse, Lüge und Wahrheit und Lucians Willen, auch mehr über sich selbst herauszufinden und zu bestehen.

Auch spürt man das Brodeln unter der Oberfläche, wobei die Herausarbeitung des Temperaments vom besten Freund der Hauptfigur mal witzig, mal erschütternd ist zu verfolgen, jedoch immer gelungen. Man fiebert mit. Man leidet mit. Auch ist man mal wütend. Das schafft eine teilweise sehr filmische Beschreibung. Lucian Mason als Miniserie wäre hier sehr gut vorstellbar.

Zeitebenen und Perspektiven wechseln, rahmen vor allem die Geschichte ein, um sich dann und wann zu berühren und am Ende teilweise zu verschwimmen. Wenn man junge Jugendliche als Zielgruppe ansetzt, könnte das durchaus eine Herausforderung beim Lesen bedeuten, auch ist die stetige unterschwellige Bedrohung und Düsternis ein Markenzeichen des Bandes, der mit seinen Beschreibungen von Auseinandersetzungen an japanische Kampfszenen erinnert. Auch das ist ein Element, welches selten so gelungen beschrieben wird.

In diesem Zusammenspiel funktioniert diese Fortsetzung des Auftaktbandes noch besser, da insgesamt rasanter aber auch harmonischer wirkend. Gerne bleibt man dran, um mehr über Lucian und die magische Welt zu erfahren, der behutsam neue Elemente hinzugefügt werden, deren Ausgestaltung Patric J. Kaaf im Verlauf der Reihe noch weiter forcieren wird. Einige Nebenfiguren, auch neue, bekommen so mehr Raum, auch gelingt es dem Autor sich in den passenden Momenten zurückzunehmen und diese in den Vordergrund treten zu lassen.

Habe ich für den Auftaktband noch wohlwollende vier Sterne gegeben, hält diese Bewertung nun auch unter Zuhilfenahme strengerer Gesichtspunkte stand. Dass ich praktisch eine Version mit Anmerkungen des Lektorats erhalten habe, dürfte der Aufregung einerseits, andererseits meinem Kaufverhalten geschuldet sein. In einer späteren Version sind sie nicht mehr anzutreffen.

Die Reihe lohnt sich folglich, sie weiter zu verfolgen, zudem gerade aus dem deutsprachigen Raum ich wenig vergleichbares gefunden habe. Auch wer bestimmte Urban-Fantasy-Elemente in Verbindung mit einer Coming of Age Geschichte sucht, wird hier fündig werden. Abenteuersuchende ohnehin. Denn, wir alle sind Moridan.

Autor:

Schon immer von Games und Filmen fasziniert, wollte Patrick J. Kaaf in diese Branche Fuß fassen. Als dies nicht funktionierte, begann er auf Anregung hin, seine Ideen aufzuschreiben. So entstand u. a. sein Roman „Lucian Mason und der Splitter des Schicksals“, der den Auftakt einer neuen Fantasy-Reihe bildet.

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Peter Schaar: Schöne neue Stadt

Inhalt:
Der Traum von der idealen Stadt ist so alt wie die Stadt selbst. Die jüngste Ausprägung dieser Utopie ist die Smart City – die intelligente Stadt, vollgepackt mit modernster Technik und umfassend digitalisiert. Doch machen Flugtaxis und Hyperloops, allgegenwärtige Sensorik, Zugangskontrollsysteme und eine datengestützte Steuerung die Stadt der Zukunft wirklich zu einem lebenswerten Ort? Sind sie die Antwort auf die gewaltigen Herausforderungen, vor denen die rasant wachsenden Metropolen heute stehen? Oder mutiert das vermeintliche Verwaltungsparadies am Ende nicht vielmehr zu einem digitalen Moloch?

Diesen Fragen geht Peter Schaar in seinem packenden Buch auf den Grund. Der langjährige Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit beleuchtet kenntnisreich aktuelle Fehlentwicklungen, zeigt aber auch, wie sich verhindern lässt, dass die smarte Stadt zu einem Überwachungsalbtraum wird. (Klappentext)

Rezension:
Hitzeinseln, das Müllproblem oder die Steuerung des Verkehrsflusses, Teilhabe an Entscheidungen auf kommunaler Ebene. Anwendungsbereiche für Smart Technology gibt es genug, zumal zukünftig, wenn noch mehr Menschen als ohnehin schon in Metropolen und anderen Ballungsräzumen leben werden. Doch, was bedeutet das? Welche Vor- und Nachteile entstehen da durch und womit werden die Entscheidungsträger, nicht zuletzt wir, die dort leben, immer häufiger konfrontiert werden?

Der ehemalige Bundesbeauftragte für Datenschutz Peter Schaar hat dies für das vorliegende Sachbuch einmal verständlich aufbereitet und zeigt an existierenden Beispielen, vor welchen Herausforderungen und Problemen wir inmitten der Smart Cities konfrontiert werden, was es zu beachten gilt und wo unsere Chancen liegen können.

Aber, was ist eigentlich eine Smart City? Wie ist sie aufgebaut und welchen Stand haben Digitalisierung und digitale Transformation iin der Welt und in Deutschland? Welche Ansätze funktionieren schon und wie eigentlich, misst man die Intelligenz einer Stadt überhaupt? Mit dieser Einführung beginnt Peter Schaar seine Darlegung einer hoch komplexen Thematik, die hier jedoch so aufbereitet ist, dass sie für Laien über die gesamte Strecke verständlich bleibt. Kurze Unterkapitel lassen dabei keinerlei langatmige, allzu fachorientierte Ausführungen zu. Jeder abschnitt wird zudem gegen Ende noch einmal zusammengefasst.

So gelingt es, sich ohne Schwierigkeiten einen zwar kritischen Überblick über einen spannenden Bereich städtischer Entwicklung zu gelangen, aber auch welche Faktoren wie betrachtet werden müssen, um aller Facetten gewahr zu werden. An Beispielen rund um den Globus, von Kanada bis China zeigt er Fehlentscheidungen und Problemstellungen auf, erläutert, welche Projekte in Deutschland angestoßen wurden und wo in Europa eine Stadt zeigt, wie Transformation und Datenschutz gelungen im Einklang gebracht werden kann. Es ist dabei keine Buch, in welchem einseitig auf Smart Citys geschaut, sondern vielmehr allen Schattierungen Rechnung getragen wird. Diese Ausgewogenheit, so erfährt man hier, ist auch notwendig, so man sich mit der Materie beschäftigt.

Peter Schaar bietet Überblickswissen und lädt dazu ein, mit offenen Augen durch die eigene Stadt zu gehen, aber auch eigene Recherche zu betreiben. Fachkenntnis trifft hier auf eine umfassende Quellenlage, die gegen Ende des erhellenden Sachbuchs die einzelnen aufgeführten Punkte untermauert. Wer sich unvoreingenommen eine Meinung bilden und alle Seiten betrachtebn möchte, ist mit der Lektüre gut bedient.

Autor:
Peter Schaar wurde 1954 in Berlin geboren und ist ein deutscher Datenschutzexperte. Er studierte zunächst Volkswirtschaft in Berlin, Frankfurt/Main und Hamburg, bevor er in verschiedenen Funktionien in der Verwaltung Hamburgs tätig war. 1986 wurde er zunächst Referatsleiter, dann stellvertretender Datenschutzbeauftragter der Hansestadt. 2002 wechselte Schaar vorrübergehend in die Privatwirtschaft, bevor er 2003 das Amt des Bundesbeauftragten für Datenschutz ausübte, bis 2013.

Er war Mitglied der Artikel-29-Datenschutzgruppe der EU-Mitgliedstaaten, sowie in der Internationalen Datenschutzkonferenz tätig. Seit 2007 ist er zudem Lehrbeauftragter der Universität Hamburg, sowie seit 2016 in der Schlichtungsstelle der Telematikanwendungen der Gesundheitskarte tätig. Er engagiert sich in der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz und Autor mehrere Bücher. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet.

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Markus Veith: Die erste Bahn

Inhalt:
Kai Trollmann verpasst die letzte U-Bahn. Im bleibt nichts anderes übrig, als auf die erste Bahn des nächsten Morgens zu warten. Er bekommt Gesellschaft von Helen, einer älteren Frau.

„Ich bin deine Tochter. Ich komme aus der Zukunft. Und ich werde dich erschießen.“

Durch eine fatale Wendung werden sie gezwungen, die Zeit bis zur Ankunft der Bahn gemeinsam zu verbringen: Kai und seine mögliche Zukunft. Helen und das vergangene Leben mit ihrem Vater. Und eine Gegenwart, die alles verändern könnte. (Klappentext)

Rezension:
Mit einer Mischung aus Science Fiction, Tragödie und Kammerspiel entfaltet der Schriftsteller Markus Veith eine düstere Erzählung, in der Zukunft und Vergangenheit aufeinandertreffen und eine Entscheidung ein Leben beenden und viele andere retten könnte. Doch was ist, wenn sich der Lauf der Dinge gar nicht umkehren lässt?

Von Beginn an trieft Trostlosigkeit aus jeder Zeile. Eine U-Bahnstation bei Nacht, ebenso farb- und gesichtslos, wie der Protagonist, der schon mal bessere Tage gesehen hat. Kai Trollmann, der sich mit einem Gelegenheitsjob bei einem Bestatter über Wasser hält, ansonsten genau so grau wirkt, wie die regnerische Nacht, vor der er in diesen Nicht-Ort hinein flüchtet. Vom Nebel billigen Alkohols benebelt, beginnt das Warten auf die erste Bahn des Morgens, die letzte der Nacht hat er gerade verpasst. Zäh fließt die Zeit dahin, ohne sichtbar voranzuschreiten, bis sich die Rolltreppe nach unten erneut in Bewegung setzt und die Zukunft auf die Gegenwart treffen wird, um sich selbst zu verändern.

In dieses Szenario wird man lesend hinein geworfen, gleichsam wie ein Zuschauer eines Theaterstücks, der dem Zurollen der Katastrphe beiwohnt. Zu Beginn ist das gewöhnungsbedürftig, sind doch beide Hauptfiguren nicht gerade Sympathieträger, doch ziehen diese einem so in den Bann, dass man nicht umhin kann, neugierig darauf zu sein, wie die Erzählung beider Leben ausgehen wird.

Der eine wird dabei mehr Konturen bekommen als die andere, die trotzdem scharf gezeichnet ist, deren Vorhaben Risse bekommen und ins Wanken geraten wird. Dies geschieht auf relativ wenigen Seiten. Markus Veith braucht nicht viele Worte, um seine Geschichte zu entfalten und erzählt doch zwei ganze Biografien, die ohne einander nicht sind, nicht sein können, aber am liebsten ohneeinander sein wollen.

Der Versuch des Entfliehens als Motiv mit beinahe biblischen Anklängen. Doch, steht es uns zu, die Zeit zu verändern? Und können wir die Folgen dessen beherrschen? Diese Fragen bilden den Überbau und muten fadst philosophisch an, während der Autor mit den daraus sich ergebenden Gegensätzen zu spielen weiß. Dies tut er ruhig und behutsam, mit einer Präzension ohne der Versuchung erlegen zu haben, sich in einem rasanten Tempo und damit die Erzählstränge zu verlieren. Lesend kann man sich dabei zwischen Voyeurismus und dem sichtbar Unangenehmen nicht entscheiden, welches einem kalt den Rücken hinunterfährt.

Zwei Perspektiven, zwei Zeitebenen werden so weit miteinander verflochten, dass selbst die beiden Protagonisten unsicher in ihrer Einordnung der Rolle werden, die sie da spielen. Korrekturen gibt es von außen nicht. Andere Figuren werden allerhöchstens erwähnt und sind damit genug handlungstreibend, bleiben ansonsten jedoch blaß. Sie sind auch überflüssig. Markus Veith braucht nur wenig, um viel zu erzählen.

Anfangs gerät man ins Stocken. Erst muss man sich in die Geschichte einfinden, um deren Kniffe zu genießen. Das klappt nicht an allen Stellen gleichmäßig gut, doch verliert Markus Veith die Lesenden nie ganz, die einem Drama sondergleichen beiwohnen. Zeitsprünge, Rückblicke, Aussichten je nach Figur, treiben die Handlung voran.

Manchmal muss man einen Moment innehalten, um Zeitebenen, Perspektiven für sich zu sortieren. Doch beide Protagonisten hinterlassen ein klares Bild von sich. Dem Autor gelingen hier stechende filmische Beschreibungen. Zu weilen fühlt man sich an „Der Gott des Gemetzels“ von Yasemina Reza erinnert, nur noch düsterer und humorloser. Der wäre hier fehl am Platz.

Wer Kammerspiele und Novellen mag, wird in die Erzählung gut hineinfinden, vorausgesetzt man kann damit umgehen, an manchen Stellen die Figuren nicht immer greifen zu können oder diese durchgehend distanziert gegenüber zu stehen. Wenn das der Fall ist, hat man mit „Die erste Bahn“ von Markus Veith mehr als ein interessantes Leseerlebnis.

Autor:
Markus Veith wurde 1972 in Dortmund geboren und ist ein deutscher Theater-Schauspieler und Schriftsteller. Er produziert Hörbücher und wurde für seine vielseitige Arbeit mit mehreren Preisen und Nominierungen geehrt. Er inszenierte für die Landesbühne Oberfranken. Seine Theaterstücke werden landesweit gespielt.

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Can Dündar/Mohamed Anwar: Erdogan

Inhalt:
Mit der gezeichneten Biografie von Recep Tayyip Erdogan legen der Journalist Can Dündar und der Zeichner Mohamed Anwar einen Meilenstein der Graphic Novel Literatur vor.

Für jeden Menschen wird klar, wie der türkische Präsident Erdogan den Berg der Macht bestieg, was seine Interessen sind und wie er sie verfolgt. Die Entwicklungen in der heutigen Türkei werden nachvollziehbar, die Herausforderungen der türkischen Gesellschaft und die Schwierigkeiten im Umgang mit einem autoritären Machthaber, der sich in den Augen des italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi, zu einem Diktator wandelte.

Das Buch erklärt, es verurteilt nicht. Es ist ein Beitrag zur Aufklärung über die politische Türkei. Das Werk überrascht, fasziniert und ernüchtert. (Klappentext)

Rezension:
Einen ungewöhnlichen Weg, die Geschichte eines Menschen zu erzählen, der inzwischen ein Land auf sich selbst und seine Gefolgsleute ganz und gar auf sich selbst zugeschnitten hat, haben der Zeichner Mohamed Anwar und der Journalist Can Dündar gewählt. Daraus entstanden ist eine Biografie über dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, in Form einer Graphic Novel. Die Hintergründe minutiös recherchiert zeigt sie wie das Land den Menschen formte, der später sich zum autoritären Herrscher entwickeln sollte und wie Erdogan die dem Staat zugrunde liegenden Mittel nutzte, um auf den Gipfel der Macht zu gelangen.

Spätere Jahre ausgelassen, haben sich die Macher ganz auf den Weg zur Ernennung Erdogans zum türkischen Ministerpräsidenten konzentriert, wie dieser die politischen Mechanismen zu nutzen wusste und vor allem, den richtigen Riecher für bestimmte Stimmungen im politischen Establishment zu wahren, aber auch den Willen zur Macht zu portraitieren. Can Dündar und Mohamed Anwar zeigen auf, wie der frühe Erdogan mit Rückschlägen und Widersachern umging und zeigen den Wandel eines politischen Chamäleons, welches er ist.

Die dargestellten Ereignisse sind dabei belegt, anhand von Recherchen innerhalb einer Vielzahl schriftlicher Quellen, Berichte von Erdogan selbst als auch von langjährigen Wegbegleitern verschiedener biografischer Stationen und manchem Foto, welches Ereignisse festhält, an dem der so Porträtierte später überhaupt nicht gerne erinnert werden möchte. Diese wurden innerhalb der Geschichte im gleichen grafischen Stil gezeigt, welches die Graphic Novel einnimmt. Verschieden große Panels zeigen im Kontrast von Schwarz Weiß diesen Menschen, über den am Ende so vieles klar zu sein scheint. Ohne zu werten. Gezeigt wird, was war.

Dies ist die Stärke dieser eindrucksvollen und sehr besonderen Biografie, in der Schlüsselmomente durchaus auch eine ganze Seite einnehmen, um ihre Wirkung zu entfalten. Es ist zugleich eine Graphic Novel, die zum Recherchieren einlädt, ohne dass man von zu viel Sachinformation erschlagen werden würde. Mit dieser Biografie erhält man dennoch ein gewichtiges Stück Geschichte, deren Fortsetzung ein noch größeres Politikum wäre, auch wenn Erdogan beiden Schaffenden schon genug zürnen dürfte. Trotzdem oder vor allem deshalb wäre eine weitere, ebenso ernsthafte wie neutrale Auseinandersetzung mit den weiteren Stationen dieses Mannes wünschenswert.

Autoren:
Can Dündar wurde 1961 in Ankara geboren und ist ein türkischer Journalist, Autor und Dokumentarfilmer. 1979 unternahm er erste Schritte in Richtung Journalismus, bis er 1988 zum Fernsehen wechselte und dort u. a. die Hauptnachrichten moderierte. Zudem betätigte er sich als Autor und schrieb über 40 Bücher in der Türkei. Nach einem Bericht für die renommierteste Zeitung des Landes wurde er nach einem Bericht verhaftet, im Zuge eines Revisionsverfahren jedoch freigelassen. 2016 wurde ein Schusswaffen-Attentat auf ihn ausgeübt. 2016 reiste er nach Deutschland aus, dort schreibt er regelmäßig für DIE ZEIT und andere Zeitschriften und Magazine. Er wurde mehrfach ausgezeichnet und leidet das gemeinsam mit Correctiv geründete Online-Magazin und Webradio #ÖZGÜRÜZ.

Mohamed Anwar ist ein ägyptisch-sudanesischer Comiczeichner und politischer Karikaturist. 2007 begann er seine Laufbahn als Zeichner für eine ägyptische Tageszeitung, während seines Studiums der Biomedizintechnik. Er schrieb für mehrere ägyptische und arabische Zeitungen und Zeitschiften und wechselte 2010 zu der auflagestärksten in Ägypten, in der er noch immer Cartoons veröffentlicht. 2017 wurde Anwar mit einem der renommiertesten Preisen des ägyptischen Journalismus ausgezeichnet. Nach Revision der Reformen wurde Anwar 2019 verhaftet und aus Ägypten deportiert. Nach Station im Libanon ließ er sich in Berlin nieder.

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Marcus Bensmann/David Schraven: Europas Brandstifter – Putins Krieg gegen den Westen

Inhalt:
Wladimir Putins Einfluss in Europa wächst. Damit er Russland wieder zu vergangener Größe und Macht führen kann, muss die Westbindung Europas fallen. Seinen Griff nach der Vorherrschaft auf dem Kontinent hat der russische Präsident lange vorbereitet: Über zweieinhalb Jahrzehnte hat Russland unter Putin seine Netzwerke in Europa ausgebaut und Deutschland abhängig gemacht von seinem Gas.

Desinformationskampagnen, Cyberattacken und Sabotageaktionen destabilisieren die Ordnung und den Frieden in der EU. Parteien wie AfD und BSW nähern sich ideologisch dem Kreml und vertreten dessen Positionen, während das transatlantische Bündnis zersetzt wird.

„Europas Brandstifter“ bündelt die Russland-Recherchen des gemeinnützigen Medienhauses Correctiv aus den vergangengen zehn Jahren. Wir haben alte Stasi-Akten zu Putins frühen Jahren in Dresden ausgewertet, das Lobbynetzwerk um Gazprom mit seinen Verstrickungen bis tief in die deutsche Politik transparant gemacht und über Russlands Verrohung berichtet, über die Korruption im Justizsystem, über die Gewalterziehung in der Armee und die Kriegsverbrechen russischer Soldaten. Dieses Buch erzählt die Geschichte eines jahrzehntelangen Angriffs. Europa muss sich ihm endlich stellen. (Klappentext)

Rezension:
Spätestens seit den Überfall auf die Ukraine, aber Cyberattacken, die ganze Verwaltungen im Westen zeitweise lahmgelegt haben, ist klar, das Russland unter Putin versucht mit vielfältigen Möglichkeiten eine Lücke zu schließen, die nach Ansicht Putins seit dem Zerfall der Sowjetunion bestand. Sei es geopolitischer Natur, aber auch gegen Kritiker eines Systems, welches spätestens seit der Machtübernahme Putins ganz und gar auf dem ersten Mann im Kreml zugeschnitten wird, unterstützt von einer Gesellschaft, deren Verrohungen der Gewalt von Soldaten und brachialer Methoden der russischen Geheimdienste kennzeichnend sind.

Das journalistische Netzwerk Correctiv hat nun seine Reportagen der vergangenen Jahre aktualisiert und gebündelt, unter Federführung der Autoren Marcus Bensmann und David Schraven zusammengestellt. In „Europas Brandstifter – Putins Krieg gegen den Westen“ verfolgen sie die Spuren des KGB-Mann Putins von Dresden aus, bis in die höchsten Ebenen der russischen Politik und zeigen auf, wie Putin einerseits treue Gefolgsleute in Position gebracht und diese sich selbst lange Jahre danach erkenntlich zeigen, bis tief hinein in die deutsche Wirtschaft und Politik.

Wie funktioniert das Lobby-Netzwerk von politischen Entscheidungen im Kreml und der Geheimdienste bis hinein zu beinahe undurchsichtigen Firmengeflechten, die in Deutschland auch bis nach Beginn des Ukraine-Krieges abhängig machen sollen einerseits und gleichzeitig unsere demokratische Grundordnung destabilisieren? Durch Hackerattacken des FSB, bis hin zu Anschlägen auf missliebige Personen, die sich kritisch zeigen.

Correctiv schlüsselt auf, zeigt detailliert und genau diese Verstrickungen auf und zieht Linien von Putins Biografie bishin zu den brutalsten Auswirkungen im Ukraine-Krieg, der in Russland selbst nur Spezialoperation genannt werden darf, ohne auch die Mauern des Schweigens voller Erinnerungslücken zu verschweigen, auf die die Journalisten stoßen, wenn sie Personen zu bestimmten Lobby-Veranstaltungen, etwa in Sotchi, befragen oder dass sich Wehren von Politikern, die ihr Anteil an der Abhängigkeit von Moskau nicht gerne Schwarz auf Weiss sehen wollten. Dabei stellt sich mittendrin auch die Frage, wie umfassend oder für die Masse übersichtlich, kann Journalismus noch sein, wenn dies geschieht?

Die Autoren der Reportagen versuchen dies und schaffen es in einer Deutlichkeit ihr Anliegen an uns, und vor allem an die Politik mit klaren Worten zu formulieren. Das Russland-Bild, welches manche Entscheidungsträger hierzulande noch in sich tragen, ist gefährlich veraltet oder gar romantisiert, wenn auch einige wenige Stellschrauben seit Erscheinen des Buches nun anders gestellt wurden. Bündig klärt Correctiv hier die Fascette hinter dem auf, was gerade passiert und was Putin und seine Getreuen über Mittelsmänner und staatliche Organe versuchen zu erreichen.

Nichts weniger als die Zerstörung des Zusammenhalts der westlichen Gesellschaft und das Abhängigmachen zu Gunsten von Macht und Einfluss. Wer diese Verflechtungen verstehen möchte, ist daher mit der Lektüre bestens bedient, die einerseits dem Zeitstrahl der Biografie Putins und der russischen Aktivitäten folgt, andererseits Strategien, Gewalt und das politische System, sowie das Lobbynetzwerk im Einzelnen aufschlüsselt. Jede Thematik für sich würde ausreichen, ein eigenes Buch noch ausführlicher zu füllen. Das ist aber auch der einzige Kritikpunkt.

Autoren:
Marcus Bensmann wurde 1969 geboren und ist ein deutscher Journalist. Bekannt wurde er durch seine Augenzeugenberichte über die Unruhen in Usbekistan, 2005, wegen der er schließlich gezwungen wurde, das Land zu verlassen. Im Jahr 2014 untersuchte er die russische Urheberschaft des MH-17-Abschusses. Der Invesitigativjournalist arbeitete für verschiedene Zeitungen und Magazine und ist seit 2014 Mitglied des Recherchenetzwerks Collectiv. Dort recherchiert er zu Russland und zur AfD.

David Schraven wurde 1970 in Bottrop geboren und ist ein deutscher Journalist. Schon während des Studiums arbeitete er als freier Journalist für verschiedene Zeitungen und Magazine und war Mitgründer des Nachrichtenbüros Zentralasien/Kirgisien. 1996 wurde er Gründungsgeschäftsführer der taz-Redaktion Ruhr. Daneben arbeitete er mehrere Jahre als Dozent im Bereich Nachrichtenschreiben der Universität Essen. Nach verschiedenen Stationen leitet er seit 2014 das gemeinnützige Recherchebüro Correctiv und gründete2017 zusammen mit Corndt Schnibben die Online-Journalistenschule Reporterfabrik. Für seine Arbeit wurde er vielfach ausgezeichnet.

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Günther Wessel: Alfred Wegener

Inhalt:
Schulen, Straßen, Stiftungen, Forschungsinstitute und sogar ein Mondkrater tragen seinen Namen. Zu Recht: Mit seiner genialen idee der Kontinentaldrift legte Alfred Wegener im anbrechenden zwanzigsten Jahrhundert den Grundstein für die Theorie der Plattentektonik und bewies bei seinen spektakulären Grönlandexpeditionen einen Wagemut, der seinesgleichen nur bei großen Polarhelden wie Amundsen, Scott & Co. findet. (Klappentext)

Rezension:
Immernoch gab es im ausgehenden 19. Jahrhundert weiße Flecken auf der Landkarte und Raum für große Abenteuer, doch war dies auch die Zeit für bahnbrechende natur- und geowissenschaftliche Überlegungen. Und die Jahre großer Männer, die wissenschaftliche Untersuchungen noch vor Geltungsdrang stellten. Der Journalist und Schriftsteller Günther Wessel hat einem der großen dieses neuen Typus‘ Wissenschaftler mit dem vorliegenden Sachbuch ein Denkmal gesetzt.

Alfred Wegener, dessen Name heutzutage eine Vielzahl von Orten und Institutionen tragen, war von Kindesbeinen an ein Mensch voller Forscherdrang, der sich schon früh Naturbeobachtungen widmete und zielstrebig bereits vor dem Ersten Weltkrieg in Kontakt mit der Polarforschung kam. Schon 1906 nahm er an einer von Dänen organisierten Forschungsreise nach Grönland teil. Die zweite folgte nur wenige Jahre später. Durch Wetterbeobachtungen, naturwissenschaftlichen Messungen aus Ballonfahrten heraus, machte er sich einen Namen, anfangs belächelt wurden seine Ideen von der Kontinentaldrift, die jedoch grundlegend sein sollte.

Dies beschreibt Günther Wessel in seinem beinahe literarisch anmutenden Sachbuch, ebenso warum es Wegener und andere immer wieder, teils verbundenen mit enormen menschlichen Strapazen, ins ewige Eis zog und dabei von Erfrierungen bis hin zum eigenen oder den Tod von Kameraden praktisch alles in Kauf nahmen und dabei beinahe unmenschliche Leistungen vollbrachten. Eingebettet im zeithistorischen Kontext und der, der wissenschaftlichen Entwicklung ist so viel mehr als nur die Biografie eines Abenteurers entstanden.

Kurzweilig lesen sich die Kapitel, aufgelockert durch Karten und Bildmaterial am Ende des Textes, welche uns gut recherchiert nicht nur Strapazen im Grönlandeis darlegen, sondern uns auch an den kleinen Triumphen Wegeners teilhaben lassen. Doch der Autor geht auch kritisch mit der Zeit und Alfred Wegener um. Günther Wessel stellt dar, warum andere Expeditionen nicht selten in Tragödien endeten und weshalb der Naturwissenschaftler, der als einer der wenigen seiner Zeit über die Grenzen seines Fachs hinaus dachte, am Ende nicht nur, aber eben auch an sich selbst scheiterte, trotzdem unvergessen bleibt.

Eine Biografie, die gleichsam Abenteuerbericht, Naturwissenschaftsgeschichte vereint und sich zuweilen wie ein Krimi liest, über Alfred Wegener, der Theorie und Praxis wie kein zweiter miteinander vereinbaren konnte, ist dieses hervorragende Sachbuch. Und zugleich ein Mahnmal, dass am Ende die Natur die Oberhand behalten wird. In welcher Form auch immer.

Autor:
Günther Wessel wurde 1959 geboren und ist ein deutscher Journalist und Schriftsteller. Zunächst studierte er Germanistik und Philosophie, bevor er ein Volontariat in einem Sachbuchverlag absolvierte. Seit den 1990er Jahren schreibt er Reiseführer und Biografien, dazu Hörfunkfeatures für verschiedene Rundfunkanstalten. Als Sachbuchrezensent ist er regelmäßig bei Deutschlandradio Kultur zu hören. Von 1998 bis 2001 berichtete er aus den USA über US-amerikanische Kultur und Politik. Es folgten Stationen in Brüssel und Berlin. Er wurde verschiedenfach ausgezeichnet, u. a. mit dem ITB Buch Award, 2018.

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Barbara Schennerlein: Aeroarctic

nhalt:
Sommer 1931. Das Luftschiff Graf Zeppelin steigt zu seiner aufsehenerregenden Forschungsfahrt über noch unentdeckte Polargebiete auf. Wie gelang es der Gesellschaft Aeroarctic, das Projekt zum Erfolg zu führen – trotz enormer politischer und wirtschaftlicher Hürden? Und was hat es mit dem Mythos auf sich, der nach der Expedition entstand?

Rezension:
Zwischen den beiden Weltkriegen eröffnete sich ein kurzes Zeitfenster, der vielzitierte Mantel der Geschichte, in dem Pioniergeist und Kooperation zwischen Ländern möglich war, die sich später spinnefeind werden sollten, noch aber ihre Rolle suchten. Dies galt vor allem für Deutschland auf der einen Seite, dem kaum ein anderer Spielraum als den der Wissenschaft blieb, um sich international wieder Bedeutung zu verleihen, als auch für die Sowjetunion, die nach Jahren des Bürgerkriegs ebenso in der großen Politik isoliert gewesen ist. Da kam dieses ambitionierte Projekt gerade Recht.

Mit einem Zeppelin wollten Wissenschaftler die Arktis erkundigen. Doch vorab galt es riesige wirtschaftliche und politische Hürden zu bewältigen. Die Ingenieurwissenschaftlerin Barbara Schennerlein berichtet in ihrem gut recherchierten Sachbuch von diesem einmaligen, sehr besonderen und heute fast vergessenen wissenschaftlichen Unternehmen.

LZ 127 Graf Zeppelin, dieser fabelhafte, silberne Fisch, der da ruhig im Ozean der Luft schwamm, diese Märchenerscheinung, die mit der silbrigen Himmelsbläue in eins zu verschmelzen schien.

Hugo Eckener

Die Faszination Eis ist heute immer noch etwas, in der große Pioniertaten möglich sind, doch galt dies im besonderen Maße zu einer Zeit, als die Flugtechnik am Anfang ihrer Entwicklung stand und noch immer große Teile der Landkarte schwer zugänglich waren oder noch gänzlich unbekannt. Detailliert beschreibt die Autorin, wie Männer aus unterschiedlichen Beweggründen zur Zusammenarbeit fanden und über nationale Grenzen, die heute noch starrer waren als damals, begannen ein Projekt von bis dato nicht bekannter Größenordnung zu formen, mit denen man neue Grundlagen für die Wissenschaft legen, andererseits aber auch die Tauglichkeit des Luftschiffs für die Polargebiete unter Beweis stellen wollte.

Doch, wie nachhaltig war dieses Projekt eigentlich, welche Fallstricke mussten Männer wie Walther Bruns oder Huho Eckener, zeitweise auch Fridtjof Nansen überwinden, ob politischer oder wissenschaftlicher Natur, was genau wollte man überhaupt erkunden, wo doch so viele offene Fragen vor allem einen engen finanziellen Spielraum gegenüber stehen sollten. Die Autorin zeigt auf Grundlage intensiver Recherchen das Werden eines internationalen Projektes, welches so erst Jahrzehnte später wieder möglich sein sollte. Dabei nutzt sie eine, teilweise erst durch sie, zusammengeführte Quellenlage, ergänzt durch vielseitiges Karten- und Bildmaterial, um uns in diese Zeit eintauchen zu lassen, die von Pioniergeist bestimmt gewesen ist.

Das liest sich fast filmisch, zu weilen wie ein dicht gepackter Krimi. Sehr detailliert beleuchtet Barbara Schennerlein das „Zeppelin-Arktis-Projekt“, und die Ergebnisse der daraus resultierenden Forschungen, die in Teilen noch später von der Fachwelt gewürdigt wurden und Basis für weitere wissenschaftliche Arbeiten bilden sollten. Sie zeigt aber auch den sehr steinigen Weg von Vorhaben dieser Größenordnung in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten und welche Auswirkungen das Mit- und Gegeneinander verschiedener Interessen hatte, sowie warum nur für einen kurzen aber bezeichnenden Moment der Geschichte der Zeppelin das Mittel der Wahl gewesen ist.

Zusammengefasst ergibt sich eine spannende wissenschaftliche, aber durchaus literarisch zu lesende Dokumentation, die man mit diesem Sachbuch in den Händen hält. Die Faszination Arktis und Begeisterung für die technische Pionierleistung, die hier beschrieben wird, schimmert in jeder einzelnen Zeile durch. Wer einen heute fast vergessenen Aspekt der Polarforschung, unter deutscher Federführung wohlgemerkt, erkunden möchte, ist diese Lektüre wohl zu empfehlen.

Instagram der Autorin: Hier klicken.

Autorin:
Barbara Schennerlein ist eine deutsche Integnieurwissenschaftlerin und Autorin. Sie forscht zur Geschichte der Erschließung der Polarregionen und war Mitglied einer kleinen Forschergruppe, die die seit Jahrzehnten verlassene Polarstation Buchta Tichaja zu neuem Leben erweckten. Bevor sie sich vollständig den Studien zur Polargeschichte widmete, arbeitete sie viele Jahre in der Software-Branche.

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David Zinn: Vorsicht an der Bordsteinkante!

In den Sommern unserer Kindheit haben viele von uns innerhalb kurzer Zeit ganze Phantasiewelten erschaffen. Plötzlich tummelten sich dort, wo zuvor nur graue leblose Fläche war, Tiere und Menschen und es entstanden bunte Landschaften aus Kreidestaub, die im besten Fall erst mit dem nächsten Regen verschwanden, so dass dann Platz für neue Bilder geschaffen war. Kreide war eines der ersten Zeichenmittel, zusammen mit Holzkohle ist es noch heute zudem eines der günstigeren. Beide Zeichenmaterialien genügen dem amerikanischen Straßenkünstler David Zinn, im urbanen Raum wunderbare und witzige Motive entstehen zu lassen.

Quelle: @davidzinnstreetart (Youtube)

Von der posierlichen Maus bis hin zum geflügelten Schwein, welche nur aus einem bestimmten Blickwinkel mit 3D-Effekt lebendig zu werden scheinen. In seinem Buch „Vorsicht an der Bordsteinkante! – Neue Streetart“, in der deutschen Übersetzung von Angelika Arend beim Mitteldeutschen Verlag erschienen, zeigt er einige seiner gelungensten Motive, die er vor allem in Ann Arbor, seiner Heimatstadt im US-Bundesstaat Michigan nicht nur auf Gehwegen und Bordsteinkanten geschaffen hat. Und da Kunst bekanntlich im Auge des Betrachtenden liegt, ich überdies finde, dass man diese kleinen Kunstwerke unbedingt auf sich wirken lassen sollte, gibt es diesmal ohne Wertung diesen wunderbaren Buchtipp von mir.

Quelle: @davidzinnstreetart (Youtube)

In diesem sind die Ergebnisse zu sehen, nach Fertigstellung abfotografiert, da die meisten Bilder David Zinns schon des verwendeten Materials wegen, vergänglich sind. Dies macht den Reiz für den Straßenkünstler aus, ebenso mit den Phantasiewesen unserer Kindheit zu spielen oder, anders formuliert, dahin wieder zurückzufinden und praktisch auf der Straße vor sich hin zu doodlen. Unter Einbeziehung dessen, was wir Menschen geschaffen haben, mit Schraffuren und Rissen, sogar Gullideckeln oder dem sich durch die Gehwegritze kämpfenden Unkraut.

Mit seinen Zeichnungen möchte David Zinn anregen, es ihn gleichzutun, wieder kindliche Phantasie lebendig werden zu lassen und selbst kreativ zu werden. Gerade wenn es einem vor der großen Leinwand graut, aber natürlich von einem geflügelten Wesen, welches einem Comic entsprungen zu sein scheint, es einem niemand vorschreiben kann, wie das auszusehen hat.

Posierliche Mäuse, Hamster, Aliens, Drachen und geflügelte Schweinchen aus Straßenmalkreide – Zinns fantasievolle Wesen wirken, als seine sie Kinderbüchern entsprungen und lebendig geworden. Seine Zeichnungen integriert er ins Stadtbild: Hier betreibt Sluggo „Fliegenfischerei“ an einem Himmelsloch, dort liefert Phil ein Geschenkpaket an die Unterwelt und wieder woanders schiebt sich eine kurzsichtige, sechsbeinige Grasschwanzechse übers Pflaster. Was er zeichnet, fotografiert der amerikanische Straßenkünstler. Die schönsten Motive seiner Arbeit sind nun in diesem Bildband versammelt. (Klappentext)

Homepage: zinnart.com

Instagram: @davidzinn

Youtube: Street Art by David Zinn

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Ghassan Kanafani: Das Land der traurigen Orangen

Inhalt:
Das Land der traurigen Orangen lässt Menschen zu Wort kommen, die die Folgen der Gründung des Staates Israel erlebten. Auch der Autor ist einer von ihnen. Ghassan Kanafani war zwölf Jahre alt, als die Familie 1948, während des ersten arabisch-israelischen Krieges, flüchtete und das palästinensiche Volk sich über verschiedene Länder zerstreute.

Mit seinem sensiblen Schreiben, seinem Intellekt und seiner besonderen Wortgewalt trat Kanafani für die Rechte der Palästinenserinnen und Palästinenser ein. Die thematischen Schwerpunkte der in diesem Band vereinigten Kurzgeschichten sind der Verlust des Landes, der vergebliche Widerstand dagegen, die Vertreibung, die Flucht und das Lagerleben im Exil. (Klappentext)

Rezension:
Gleichsam politische Widerstandsliteratur, dem Leid und der Ausweglosigkeit von Menschen, die mit dem Rücken zur Wand stehen, so wollte der palästinensiche Journalist und Schriftsteller Ghassan Kanafani seine Texte verstanden wissen. Einige besonders prägnante Schriften sind im vorliegenden Erzählband „Das Land der traurigen Orangen“ versammelt, die das ganze schriftstellerische Können, sowie die politische Wirkmächtigkeit des Autoren aufzeigen.

Um sich den Texten anzunähern, derer dreizehn an der Zahl hier die Lesenden in ihren Bann ziehen werden, benötigt man zunächst kein biografisches Wissen. Der Autor tritt hinter seinen Texten zurück. Es geht um Flucht und Vertreibung, Armut, eine Region im ständigen Ausnahmezustand, schon damals als diese Erzählungen zu Papier gebracht wurden, ein schier unlösbares Knäul an sich potenzierenden Konfliktlinien. Es sind universelle Themen, auf ein Gebiet gemünzt und die Waffe Kanafanis sind seine Worte, die zuweilen wie Peitschenhiebe knallen. Gekonnt setzt er sie ein, jeder Text kompakt. Kein Wort zu viel. Es braucht wenig, die Figuren auszugestalten, die vor den geschilderten Hintergründen lebendig werden. Der Autor weiß Landschaften, wie Personen lebendig werden zu lassen.

Die Nacht ist etwas Furchtbares … Die Finsternis, die sich nach und nach auf uns herabsenkte, erfüllte mein Herz mit Schrecken … […] Doch niemand war da, mich zu trösten, zu niemandem konnte ich mich flüchten, und der stumme Blick meines Vaters flösste mir noch mehr Furcht ein.
Ghassan Kanafani: Das Land der traurigen Orangen

Die Protagonisten sind Figuren des Alltags. Nachvollziehbar sind der Lehrer, der schuhputzende Junge, der eine Maske den Tag über trägt, um durchhalten zu können und für seine Familie zu sorgen, die Bäuerin, der der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Zusammen ergibt sich ein buntes Tableau der Protagonisten. Beinahe jede Geschichte könnte sich so oder ähnlich tatsächlich abgespielt haben. Der Journalist, der hier zum Schriftsteller wird, beobachtet, begleitet.

Doch kommt man auch lesend nicht umhin, in den Konflikt Stellung zu beziehen. Ghassan Kanafani schrieb aus dem eigenen Erleben heraus, kennt beispielsweise die Strapazen eines Flüchtlingdaseins, trat jedoch auch politisch als Sprecher der Terrororganisation Volksfront zur Befreiung Palästinas auf und wurde 1972 dafür durch eine Autobombe getötet, die man dem israelischen Geheimdienst Mossad zuschreibt. Schwankend zwischen Novelle und Fabel bestimmen Symbole wie die Orange, deren Bild immer wieder auftaucht, seine Erzählungen.

Wie wirken mit dem Wissen dann die Texte eines Mannes auf einem, dessen stärkste Waffe die Worte waren, die man schließlich für so gefährlich hielt? Wie wirken die Erzählungen mit der Spanne der vergangenen Zeit, in dessen Gegenwart eine Lösung des Konflikts mehr denn je unerreichbar scheint? Was ist noch übrig von der Mächtigkeit der Erzählungen aus dem Land der traurigen Orangen? Was bleibt, wenn nur noch Texte bleiben? Das Glück mit Kanafani ist, dass seine Schriften fast vollständig in deutscher Übersetzung vorliegen, so dass sich davon ein jeder selbst ein Bild machen kann.

Autor:
Ghassan Kanafani wurde 1936 in Akka, Britisch-Palästina geboren und starb 1972 in Beirut, Libanon. Er war ein palästinensicher Schriftsteller und Jornalist. Seine Familie floh 1948 über den Libanon nach Syrien, wo er in einem Flüchtlingslager lebte und in Damaskus seine Schulbildung beendete. Von 1953 bis 1956 arbeitete er als Lehrer, anschließend als Sport- und Kunstlehrer in Kuwait. In dieser Zeit schloss er sich einer kommunistischen Untergrundgruppe an. 1960 kehrte er in den Libanon zurpck, arbeitete dort als Redakteur für verschiedene nasseristische Zeitungen, 1969 als Chefredakteur der Parteizeitung der Volksfront zur Befreiung Palästinas. Zudem fungierte er als deren politischer Sprecher 1972 wurde er durch eine Autobombe ermordet.

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Gregor Eisenhauer: Emigrant des Lebens – Erich Kästners letzte Jahre

Inhalt:
Erich Kästner (1899-1974), dessen Todestag sich 2024 zum 50. Mal jährt, war ein deutscher Kinderbuchautor. Bücher wie „Pünktchen und Anton“ (1931) oder „Das doppelte Lottchen“ (1949) wurden geliebt, millionenfach verkauft, vielfach verfilmt – und sind noch immer nicht vergessen. Kästners Leben Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre lässt sich als Komödie erzählen. Er schrieb in kurzer Zeit drei Gedichtsbände, die ihn zum Liebling der Leser und vor allem der Leserinnen machten. Er wurde mit „Emil und die Detektive“ (1929) über Nacht weltberühmt. Und er verdiente sehr viel Geld.

Was in Vergessenheit geriet, Erich Kästner war in seinen letzten Lebensjahren ein tieftrauriger mensch, der zusehends versteinerte. Davon handelt dieses Buch. Es erzählt, wie es dazu kam: dass einer, der allen Grund hatte, glücklich zu sein, einsam starb. (Klappentext)

Rezension:
Die Figuren seiner Bücher unterscheiden sich. Trennlinien lassen sich ziehen, zwischen denen, die in seinen Büchern für Erwachsene und für Kinder eine Rolle spielen, noch mehr Unterschiede zwischen den Zeilen entdeckt man, wenn man die Texte des berühmten Schriftstellers in jene unterteilt, die dieser vor und nach Kriegsende geschrieben hat. So erfährt man viel, jedoch nicht all das, warum ihn, der geblieben war, um Zeitzeuge zu sein, nach 1945 zu sehr die Worte fehlten. Der Schriftsteller Gregor Eisenhauer begibt sich auf Emils Spuren und folgt dem Idol seiner Kindheit. Daraus entstanden ist diese Biografie Erich Kästners letzter Jahre.

Es ist eine ungewöhnliche Annäherung an eine große Persönlichkeit. Viele biografische Schriften weisen eine weit nüchterne Tonalität auf, als diese, die sehr individuell daherkommt. Der Autor nähert sich über seine eigene Gefühlswelt für die Texte, für die Person Kästners und seiner Werke einem Leben, welches von Glück durchdrungen schien. Gregor Eisenhauer aber blickt hinter die Fassade.

Diese bekommt erste Risse, so erfahren wir, bereits zu Beginn seiner journalistischen und später schriftstellerischen Laufbahn, die rein karriertechnisch die Erfolgsspur lange nicht verlässt. Über diese Risse wird er erst später Andeutungen verlauten lassen. Erdrückende Mutterliebe, die ihn bis über deren Tod hinaus, die Luft zum Atmen nimmt.

Diese Fakten und all das, was da kommt, sind bereits bekannt, neu ist jedoch die Einordnung und auch Gegenüberstellung gegenüber den Personen, ohne die Erich Kästner nicht sein konnte, aber auch, die ohne ihn nicht sein wollten. Auch die Inbezugnahme Kästners literarischer Arbeiten im Blick auf dessen letzter Jahre ist so bisher noch nicht zu lesen. Immer wieder schimmert der persönliche Bezug des Autoren zu Erich Kästner hindurch, der sich einer fundierten Quellenlage bedient hat und erläutert, wie und warum Schaffenskraft in den Hintergrund trat oder auch, dass eine große Buch, welches alle nach dem Krieg von ihm erwartet hatten, von Kästner nicht geschrieben werden konnte.

In kurzen übersichtlichen und kompakten Kapiteln verfolgt Gregor Eisenhauer mehrere Möglichkeiten der Annäherung und die Frage, was Erwartungen mit einem der Großen gemacht haben, die dieser nicht erfüllen konnte, zudem nachdem immer mehr Ursachen sich mit den Jahren ihn in den Vordergrund geschoben haben. Wer gleich Emil sich auf diese Spurensuche begeben möchte, ist mit der Lektüre hier gut bedient.

Autor:
Gregor Eisenhauer wurde 1960 in Mosbach geboren und ist ein deutscher Schriftsteller und Journalist. Er studierte zunächst Germanistik in heidelberg und promovierte anschließend in Berlin in Philosophie. Er ist verfasser von Romanen und Erzählungen, sowie Rundfunk-Features und erhielt 1996 ein Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg. Für den Berliner Tagesspiegel schreibt er regelmäßig Nachrufe zu verstorbenen Menschen.

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