Katajun Amirpur: Khomeini – Der Revolutionär des Islams

Inhalt:

Kein anderer Revolutionär hat die islamische Welt so sehr verändert wie Ruhollah Musavi Khomeini (1902-1989). Die bekannte Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur entdeckt in dieser ersten umfassenden Khomeini-Biografie in deutscher Sprache einen im Westen weitgehend unbekannten Gelehrten, Dichter und Mystiker und erklärt, wie es dem charismatischen Asketen gelang, den Islam zu politisieren und den übermächtigen Westen in Angst und Schrecken zu versetzen. (Klappentext)

Rezension:

Wie einst ihre Großeltern stimmen die jungen Menschen heute mit den Füßen ab, nur in eine andere Richtung. Die meisten von ihnen verlassen den Iran, suchen ihr Glück im von der Regierung verteufelten Westen oder in der privaten Isolation. Selten ist die Differenz zwischen öffentlichem und Privatleben größer als im ehemaligen Persien.

Im Jahr 1979 begann die „Herrschaft der Rechtsgelehrten“, wie die Theokratie in einigen dortigen Schriften genannt wird, nach einer Revolution, die die Befreiung von Korruption und Willkür des Schah-Regimes versprach, doch nur ein Übel durch ein anders ersetzte. Kopf dieser Bewegung war ein charismatischer islamischer Gelehrter namens Khomeini.

Eine Figur, die heute noch dem Westen Rätsel aufgibt, Angst und Schrecken macht, um dessen Erbe in der iranischen Führungsebene bis heute gerungen wird.

Die Kölner Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur beleuchtet das Leben des Theologen, Mystikers, Denkers und ewigen Revolutionsführers und Machtmenschen, der selbst nach seinem Tod das einstige Persien fest im Griff hat. Für eine Biografie ist das Werk, welches Khomeini, im deutschsprachigen Raum erstmals so ausführlich, beleuchtet, dennoch kompakt.

Beginnend von der Kindheit und Jugend Khomeinis an, zeigt die Autorin die erstaunliche Vielfältigkeit dieser Person auf, aber auch welche Schlüsselmomente und Weichenstellungen das Denken Khomeinis prägten und verhärteten. Amirpur zeigt, wo religiöse Richtlinien das Handeln dieses Theologen und Politikers prägten, wo Pragmatismus die Oberhand behalten musste.

Ausführlich erläutert sie den Wandel der persischen Gesellschaft und auch die Änderungen im politischen Weg Khomeinis, aber auch die verschiedenen religiösen Strömungen, die den Iran prägten, was nicht einfach zu lesen ist und einige Längen zwangsläufig mit sich bringt, zumal wer sich mit Religion bisher nur oberflächlich beschäftigt hat.

Hier versucht Amirpur ein komplexes Gesamtbild verständlich zu erläutern. Ein Begriffsglossar und eine Zeittafel unterstützen dies. Ohne geschichtliche Vorkenntnisse oder zumindest Ahnung der Kenntnisse über verschiedene Strömungen des Islams, ist die Lektüre schwierig.

Doch die Wissenschaftlerin bringt auch unbekanntere Anekdoten aus dem Leben Khomeinis zur Sprache, die die Person begreifbarer machen, auch der Blick der Enkelgeneration, auf das Erbe ihres Großvaters ist beeindruckend. Alleine dafür lohnt sich der Versuch einer Lektüre. Die Zukunft des Irans indes ist kompliziert. Folgerichtig, wenn man sich die Biografie dieses Mannes anschaut.

Autorin:

Katajun Amirpur wurde 1971 in Köln geboren und ist eine deutsch-iranische Journalistin udn Islamwissenschaftlerin. Zunächst studierte sie Politologie in Bon und schiitische Theologie in Teheran.

Nach verschiedenen Positionen, u.a. an der Freien Universität Berlin, der Hochschule für Philosophie in München war Sie Assistenzprofessorin für Moderne Islamische Welt an der Universität Zürich und Herausgeberin der Monatszeitschrift Blätter für deutsche und internationale Politik.

2011 nahm sie den Lehrstuhl für Islamische Studien an der Universität Hamburg an, 2018 den für iran und schia-bezogene Studien an der Universität Köln. In Hamburg ist Amirpur Stellvertretende Direktorin der Akademie der Weltreligionen. Die Autorin, die zudem für diverse Zeitungen und Magazine schreibt, ist verheiratet mit dem Schriftsteller Navid Kermani.

„Im Alltag mit den Menschen ist Saudi-Arabien ein extrem gastfreundliches Land.“

Das Interview mit Stephan Orth über seine Reise durch das Land der Scheichs und seinem Bericht „Couchsurfing in Saudi-Arabien“

Kurz vor Beginn der Pandemie öffnet eines der bisher verschlossensten Länder der Erde die Tore für Privatreisende. Stephan Orth beginnt sofort zu planen und zu organisieren, packt schließlich seinen Rucksack. Sightseeing interessiert ihn wenig, die Menschen um so mehr. In seinem Reisebericht „Couchsurfing in Saudi-Arabien – Meine Reise durch ein Land zwischen Mittelalter und Zukunft“ berichtet er von seinem ereignisreichen Trip. Ihn eröffnet sich ein Land voller Widersprüche. Ich (NH) konnte mit ihm (SO) darüber sprechen.

Stephan Orth im Gespräch mit Einheimischen. Tee und Kaffee werden meist aufeinander folgend gereicht.
(Foto: Christoph Jorda)
Was ist und wie funktioniert Couchsurfing? Hier klicken:

Couchsurfing.com ist ein internetbassierendes Netzwerk, deren Mitglieder dieses nutzen, um eine kostenfreie Unterkunft zu finden, selbst eine Unterkunft anzubieten oder ähnliches, wie z. B. Stadtführungen anzubieten. Dies funktioniert über das Anlegen und Bewerten von Nutzerprofilen, sowie Absprachen zwischen den Beteiligten. Die Plattform hat nach eigenen Angaben mehr als zwölf Millionen Mitglieder weltweit. (Wikipedia)

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NH:

Wenn man solche Länder bereisen möchte, wie viel Vorbereitung ist notwendig oder überhaupt möglich?

SO:

Das ist ein ganz wesentlicher Teil einer solchen Reise. Ich verbringe Monate damit, mich mit dem Thema zu beschäftigen, alles zu lesen, was ich in die Finger bekomme. Bücher, Magazin- und Zeitungsartikel. Ein wesentlicher Teil ist auch, dass ich mir die Couchsurfing-Profile von hunderten von Leuten anschaue, eine Vorauswahl treffe.

Wer könnte irgendwie interessant sein, wer hat vielleicht ein ungewöhnliches Hobby, präsentiert sich online in einer etwas verrückten Art, dass ich Menschen finde, bei denen ich das Gefühl habe, da gibt es eine Geschichte zu erzählen. Das ist nachher in den Büchern das ganz Wesentliche.

Es geht ja um die Menschen in dem Land. Das heißt diese Art von Casting ist sehr wichtig, auch wenn es manchmal sehr anstrengend ist, wenn man hunderte von Profilen durchgeht.

Couchsurfing auf (f)liegenden Teppichen?
(Foto: Christoph Jorda)

NH:

Für Hotels gibt es Hotelbewertungen, beim Couchsurfing die Bewertungen ehemaliger Gäste. Privatreisen sind aber in Saudi-Arabien noch nicht lange möglich gewesen. Wie gestaltet sich das da? Wie aussagekräftig sind solche Profile?

SO:

Tatsächlich gibt es wenige Profile von Menschen, die schon sehr viele Bewertungen haben, was normalerweise eine gute Orientierungshilfe ist. Die meisten sind seit maximal zwei Jahren Mitglied. In vielen Großstädten gibt es nur ein paar aktive User.

Es ist definitiv schwieriger, dort Gastgeber zu finden als in anderen Ländern, in denen das schon seit zehn oder fünfzehn Jahren verbreitet ist. Tourismus ist dort noch ganz neu, gerade Individualtourismus mit Rucksack. Dementsprechend war ich oft auch der allererste Gast.

Stephan Orth, Rucksacktourist und Couchsurfer, sucht immer den direkten Kontakt zu den Einheimischen.
(Foto: Christoph Jorda)

NH;

Die touristischen Infrastrukturen dort sind gerade im Aufbau. Hatten Sie eine Art Back-up im Hintergrund, „Sicherheitsmechanismus“ für ihre Reise, jemanden, der die Zeit über Ihre Kontaktdaten hatte?

SO:

Ich schaue immer, dass ich weiß, wie ich das Konsulat erreiche und dass zu Hause ein, zwei Leute informiert sind, wo ich mich befinde. Das ist es dann aber in der Praxis auch schon. Bei Saudi-Arabien waren die Risiken vorab schwer einzuschätzen, da es so wenig Reiseberichte gibt und da ich auch keine Reisen vorher in dieses Land gemacht hatte.

In meinen anderen drei „Buch-Ländern“ war ich vorher schon einmal gewesen, konnte mir schon einmal einen Eindruck machen. Das war jetzt alles so neu, dass es dann auch die erste Reise war.

Piper/Malik Buchtrailer zu Stephan Orths Reisebericht „Couchsurfing in Saudi-Arabien„.

NH:

Vier Länder haben Sie auf diese Art und Weise bereist und Bücher darüber geschrieben. Haben Sie vorher schon Couchsurfing-Erfahrungen gesammelt?

SO:

Ich nutze das schon seit inzwischen achtzehn Jahren, vorher mit dem Vorgänger Hospitality-Club. Das war eine Seite, die von zwei deutschen Brüdern gegründet wurde, die eine Zeit lang sehr erfolgreich war, aber dann abgelöst wurde durch Couchsurfing, da die einfach mehr in die Seite gesteckt und das schöner und „lifestyliger“ aufgemacht hatten.

Auf jeder meiner eigenen Reisen habe ich es genutzt. Ich hatte auch viele Gäste bei mir zu Hause. Deswegen war es ganz natürlich für mich, darüber zu schreiben. Im Iran war es die beste Art, an die Geschichten der Einheimischen heranzukommen, um über diesen extremen Unterschied zwischen privatem und öffentlichem Leben erzählen zu können.

NH:

Gab es einen Moment in Saudi-Arabien, in dem Sie vielleicht dachten: „Ist das richtig hier zu reisen? War das jetzt ein Fehler?“

SO:

Diesen Moment gab es nicht, da mir von Anfang an klar war als Journalist, von Beginn September an, als es zum ersten Mal diese Möglichkeit gab, das Land zu bereisen, es wäre gut, das schnell zu tun, der Erste zu sein, der darüber schreibt. Deshalb hatte ich während der Reise an sich nie Zweifel an dem Projekt und Thema.

Es ist dann eher im Mikrobereich so, dass ich ständig bewerte. Wie läuft es gerade, was bekomme ich zusammen, was erlebe ich? Was erfahre ich über das Land von den Leuten? Natürlich gibt es immer wieder zwei drei Tage, an denen ich denke, jetzt ist nicht so viel passiert, dass ich jetzt nochmals umdenken muss?

NH:

Auf der Reise gab es immer wieder Momente des Grübelns. Sie beschreiben, dass Führung und Politik des Landes, wenn überhaupt, nur unterschwellig kritisiert werden, zwischen den Zeilen. Hatten Sie den Eindruck, dass die Menschen eher viel oder dann doch sehr wenig preisgaben?

SO:

Das kommt sehr auf das Thema an. Bei allen Smalltalk- oder einfacheren Themen, war es kein Problem, zu sprechen aber sehr häufig habe ich die Erfahrung gemacht, sobald es in Richtung Politik geht, sobald die kleinste Gefahr besteht, sich irgendwie kritisch über die Regierung zu äußern, da blocken die Menschen ab.

Sie wechseln das Gesprächsthema, wollen nichts sagen, da sie ganz genau wissen, wie brutal das Regime gegen Kritiker durchgreift. Diese Angst spürt man sehr häufig. Man hat in Saudi-Arabien als Reisender oft das Gefühl, nur an der Oberfläche zu kratzen, da man doch merkt, dass Einem vieles im besten Licht präsentiert werden soll.

Wenn man z. B. Kritikpunkte, gerade an diese besonders konservative Form des Islams anbringt, haben die Menschen gleich sehr feingeschliffene Antworten parat, Sie wissen genau, was es für Streitpunkte gibt. Sie sind sehr gut darin, Dinge auch positiv darzustellen. Man hat auf solch einer Reise oft das Gefühl, man bleibt stark an der Oberfläche und kommt nicht so ganz dahinter, erfährt nicht wirklich, was in den Leuten vorgeht. Das blitzt in einigen Momenten auf.

Auf Wüstentour im Wüstenstaat. Das Buch von Stephan Orth enthält Kamele.
(Foto: Christoph Jorda)

NH:

Es ist ja schon beeindruckend zu lesen, wie einfach das Beantragen der Visa gewesen ist. Nach den letzten Büchern hätte mich nicht die Frage überrascht, ob Sie darüber dann auch eines schreiben.

SO:

Im Falle von China war es auch so, als ich im Konsulat gewesen bin, dass ich gefragt wurde, ob ich ein Buch darüber schreiben werde, was ich dann eiskalt verneint habe.

Bei Saudi-Arabien war es anscheinend ohnehin eine automatische Erstellung dieses Visums. Das kam fünf Minuten, nachdem ich es abgeschickt hatte, per PDF an mich, mit neunzig Tagen Reisedauer, beliebig vieler Einreisen. Ein sehr gutes Visum. Das war verblüffend. Ich glaube, Saudi-Arabien hat anders als China, Russland und auch Iran noch wenig Erfahrungen mit ausländischen Journalisten. Es gab nie viele Korrespondenten, die dort fest stationiert waren. Vielleicht hat man dort noch nicht den Umgang damit entwickelt?

NH:

Gleichzeitig ist das ein Garant für teilweise kuriose Begegnungen. Welche sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben? Haben Sie noch Kontakt zu einigen Menschen dort?

SO:

Ja, teilweise schon. Es sind drei, vier Leute, mit denen ich noch regelmäßig Kontakt habe. Man fragt sich gegenseitig, wie es z. B. gerade mit Corona läuft? Wie ist die Situation gerade? Wie kommt man jeweils so zurecht in dem anderen Land?

Ein Erlebnis, das besonders hängen geblieben sind, war eine Wüstentour mit Einheimischen, mit Geländewagen. Abends wurde gezeltet. Diese Stimmung in der Wüste, diese Einsamkeit, der Sternenhimmel, die tollen Felsformationen, das war für mich als Reiseerlebnis das Highlight. Bei einem anderen Gastgeber in Nadschran, an der Grenze zu Jemen, habe ich eine besondere freundschaftliche Verbindung gespürt.

Er hat mir so viel von seiner Region gezeigt, den ganzen Freundeskreis vorgestellt. In einer Region, in der sonst kaum jemand reist, da es dort nicht sicher ist. Es war wahnsinnig spannend, einen solch authentischen Einblick in einen bislang völlig untouristischen Ort zu bekommen.

Beeindruckende Landschaften prägen das Bild des Wüstenstaates Saudi-Arabien.
(Quelle: Christoph Jorda)

NH:

Sie beschreiben, wie Bombeneinschläge zu hören sind, wie nah der Konflikt dort ist. Wie sehr beeinflusst dies das Leben der Menschen hinter derern Fassade, die diese vielleicht versuchen aufrecht zu erhalten?

SO:
Ich habe eine sehr starke Routine erlebt, da der Konflikt schon einige Jahre andauert. Zumindest ist es ein paar Monate her, dass es zu Zerstörungen in Nadschran kam. Irgendwie lebt man dort mit einem gewissen Fatalismus, aber auch Stolz.

Viele sagen: „Wir gehören zum Jam-Stamm und es ist eine Schande, aus Angst vor irgendwelchen Problemen zu gehen. Deswegen bleiben wir hier.“ Eine Mischung aus Stolz, dass man dort ausharrt und einer sehr starken Routine. Man weiß, dass von den Detonationen auf der anderen Seite, dass es nicht gefährlich ist, auf dieser, dass nichts herüberkommt und gewöhnt sich daran. Selbst ich habe mich nach drei Tagen daran gewöhnt.

Die Einschläge kamen so regelmäßig und es passierte nichts, sodass sie mich mit der Zeit gar nicht mehr aus der Bahn geworfen haben.

NH:

Die Härte des Landes, des Regimes ist ja das Eine. Haben Sie für sich Vorurteile, die es vielleicht gab, widerlegen können? Welche waren das und wie sah es am Ende aus?

SO:

Vielleicht hat man das Vorurteil, dass Saudi-Arabien im Alltag ein sehr abweisender Ort ist. Weil man – durchaus zurecht – so viel Negatives über gesellschaftliche Missstände oder Menschenrechtsverletzungen hört. Doch im Alltag, im Umgang mit den Menschen ist es ein ganz extrem gastfreundliches Land. Ich wurde ständig zu Kaffee, Tee und Datteln eingeladen.

Natürlich ist der Tourismus dort jetzt ein sehr neues Phänomen. Das möchte man jetzt auch. Man weiß auch, dass das ein Wirtschaftszweig der Zukunft ist.

NH:

Sie hatten zahlreiche Kontakte zu einheimischen Männern. Vergleichsweise rar war der Kontakt zu Frauen. Hätten Sie die Reise anders erlebt, wenn Sie als Frau unterwegs gewesen wären?

SO:

Ich glaube tatsächlich, es wäre eine komplett andere Reise gewesen und mindestens genauso interessant, da man dann natürlich in die Welt der Frauen viel stärker hineinkommt. Eine europäische Frau würde in allen Familien direkt in die „Frauen-Abteilung“ geschickt werden und könnte wahnsinnig viel erfahren, wie es dort zugeht und mit den Frauen viel mehr sprechen.

Sie kann aber gleichzeitig auch in der Männerwelt präsent sein. Man gilt dann ein wenig als „Außerirdische“. Da man nicht aus der gleichen Kultur kommt, darf man durchaus auch bei den Männer-Runden sitzen. Es wäre sicher hochinteressant, ein ähnliches Buch aus der Frauen-Perspektive zu lesen.

Kleine, vorsichtige Schritte der Änderungen prägen das Land seit Kurzem. Vor allem für die Frauen. Doch, noch immer ist Saudi-Arabien ein sehr konservativer und restriktiver Staat.
(Quelle: Christoph Jorda)

NH:

Die Reise ging später anders zu Ende als gedacht, wegen Corona. Es wurde zum Schluss sehr hektisch.

SO:

Ich hatte dann den letzten möglichen Flug nach Europa gebucht. Der ging um 9:50 Uhr, um 11:00 Uhr hat der Flughafen in Riad zugemacht. Die Grenzen waren sowieso dicht. In dem Moment musste ich raus. Das war zwei Wochen früher als geplant.

Ich habe es natürlich realisiert, dass das die richtige Entscheidung war, da man in der Corona-Krise nicht mehr weiter reisen bzw. zu Gastgebern gehen konnte.

NH:

Die haben reihenweise abgesagt.

SO:

Das merkte ich schon, als die erste Absage kam. Natürlich weiß man in dem Moment, das war im März, noch nicht, dass der Flughafen für Monate gesperrt werden würde. Die erste Ansage war, wir sperren den Flughafen jetzt für zwei Wochen. Ich wusste in dem Moment schon genug über Corona, durch u. a. Drosten-Podcasts, dass es nicht dabei bleibt, aber natürlich nicht, dass es Monate dauert. Wie lange im Endeffekt Grenzen zu sind, war da noch nicht vorstellbar.

Mir war jedenfalls klar, es ist jetzt schlauer, den letzten Flug zu nehmen.

NH:

Beim Lesen hat man den Eindruck, zumindest davor haben die Menschen die vorsichtig Öffnung des Landes positiv bewertet. Ist das so?

SO:

Gerade junge Leute sind sehr froh darüber, besonders Menschen aus dem Mittelstand, die vielleicht selbst schon gereist sind, z. B. in Europa waren. Viele fuhren bisher nach Dubai, Abu Dhabi oder Bahrain, um Spaß zu haben, zu feiern, Konzerte und Events zu erleben.

Es war im eigenen Land einfach nicht möglich. Sie freuen sich sehr, dass jetzt auch einiges in Riad, Dschidda und Dammam passiert.

Privat zeigen sich die Menschen sehr offen und gastfreundlich. Kritik und Ängste gibt es nur zwischen den Zeilen zu hören.
(Foto: Christoph Jorda)

NH:
Sie beschreiben ein Konzert in der Wüste, eine Weihnachtsfeier, die nicht so heißen darf. Wie beständig ist so etwas? Wird es weitere Lockerungen geben? Oder können diese schnell wieder rückgängig gemacht werden?

SO:

Klar ist erst einmal, dass durch Corona die Öffnung unterbrochen wurde und vieles erst einmal zurückgedreht ist. Momentan werden keine Touristen-Visa ausgestellt, Groß-Events wie Konzerte oder Sportveranstaltungen mit Publikum finden nicht statt. Das ist jetzt erst einmal auf „Stand-by“ gesetzt. Aber ich glaube schon, dass nach der Corona-Krise diese Entwicklung weitergehen wird.

Das Königshaus versucht aber auch ganz klar zu zeigen, dass es wenig bringt für den Wandel, wenn die Menschen für Proteste auf die Straße gehen. Die Bürger sollen verstehen: Es bringt euch nur ins Gefängnis, wenn ihr mit Protesten etwas erreichen wollt.

Man hört von weiteren Reformen, dass z. B. Peitschenhiebe als Strafe abgeschafft wurden oder dass die Todesstrafe nicht mehr für diejenigen verhängt werden soll, die bei der Tat unter 18 Jahre alt waren.

Man muss aber ganz klar sehen, wo die Grenzen liegen, dass es nie Entwicklungen hin zu mehr Zivilgesellschaft, zu mehr Demokratie, mehr Mitbestimmung, mehr Pressefreiheit sind. Alles, was die Macht des Königshauses angreifen könnte, da gibt es keine Reform.

NH:

Man bekommt den Eindruck, dass immer nur so viel Veränderung geschieht, dass sich die Führung des Landes auch gegenüber den jungen Menschen Saudi-Arabiens rechtfertigen kann. Saudi-Arabien ist ein sehr junges Land.

SO:

Das ist es auch. Rein demographisch sind ca. 60 % der Menschen unter 30 Jahre alt. Es ist ein sehr junges Land mit sehr kinderreichen Familien. Auch in dieser Generation. Von daher ist auch ein Druck auf das Königshaus vorhanden, auch für die jungen Menschen etwas zu ändern, dass man für sie das Leben ein wenig vereinfacht.

Die Grundidee von der „Vision 2030“ ist, die Kronprinz Mohammed bin Salman ausgegeben hat, dass man von den Öl-Einnahmen als einzigem, wesentlichen Wirtschaftsfaktor wegkommen muss.

Es geht damit nicht jahrzehntelang so weiter und da soll dann der Tourismus eine wesentliche Rolle spielen. Damit weiß man aber auch, dass man in diesem Falle nicht mehr so viel stärker konservativer sein kann als andere Länder, wenn man in der Weltwirtschaft eine Rolle spielen möchte.

Allgegenwärtig ist der Kontrast zwischen Tradition und Moderne. Immer unter den wachsamen Augen der Herrschenden.
(Foto: Christoph Jorda)

NH:

Wenn Tourismus wieder möglich sein wird, kann man also dorthin reisen? Welches Fazit ziehen Sie?

SO:

Ich glaube, es kommt eher auf die Art des Reisens an. Ich finde es nicht richtig, einen 5-Sterne-Urlaub, um einmal richtig die Seele baumeln zu lassen, eine gute Zeit zu haben, in ein Land zu machen, wo man mit der Regierung nicht einverstanden ist oder nicht sein kann.

Aber eine Reise, die einfach zu den Menschen führt, in der es um Kommunikation und Kennenlernen geht, finde ich in jedem Land in Ordnung, da man damit nicht so viel Geld im Land lässt, wie der Luxus-Tourist und damit eine Regierung unterstützt.

Es ist ein moralisches Problem. Ich finde, es ist auch nicht richtig, in Dubai in Saus und Braus zu leben.

NH:

Wenn Reisen wieder möglich werden,wohin planen Sie Ihren nächsten Trip? Wohin führt uns Ihr nächstes Buch?

SO:

Ich habe eine lange Liste von Ländern, die infrage kommen. Es gibt viele davon, die gut in diese Reihe passen würden, die auch oft negativ in den Nachrichten vorkommen, die in Sachen Menschenrechte problematisch sind.

Da gibt es durchaus einige Kandidaten, die ich sehr gerne einmal aus der Alltagsperspektive heraus bereisen würde. Es steht noch nicht fest, welches das nächste Ziel sein wird. Man kann im Moment wahnsinnig schwer planen, von daher werde ich das vermutlich erst am Ende des Jahres entscheiden.

NH:

Dann bleiben wir gespannt. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

SO:

Vielen Dank ebenso.

Wer jetzt Lust zum Lesen bekommen hat, hier geht’s zur Rezension von Stephan Orths „Couchsurfing in Saudi-Arabien“.

Stephan Orth: Couchsurfing in Saudi-Arabien
Seiten: 255
Malik Verlag
ISBN: 978-3-89029-570-1

Informationen von und über Stephan Orth:
Homepage I Twitter I Instagram I Piper/Malik Verlagswebsite I Politicky&Partner I Fotos: Christoph Jorda

Das Interview wurde über Zoom geführt. Den Inhalt verlinkter fremder Seiten, auf die hingewiesen wird, macht sich der Blog-Autor nicht zu eigen. Eine Haftung dafür wird nicht übernommen.
Bildmaterial wurde freundlicherweise dem Blog-Inhaber seitens der literarischen Agentur Politicky & Partner zur Verfügung gestellt. Dieses darf nicht weiter verbreitet oder verändert werden und ist Eigentum der Rechteinhaber. Das Interview darf nur mit Genehmigung des Blog-Autoren, beteiligten Interview-Partnern, Verlags- und Agenturverantwortlichen weiterverbreitet, nicht verändert werden. Der Blog-Autor dankt allen Beteiligten für das Zustandekommen des Beitrags.

Monatsrückblick: Februar 2021

„Meine Motivation ist heute winkend an mir vorbeigelaufen.“ Es gibt Tassen und T-Shirts mit diesem Ausspruch. Warum habe ich eigentlich keine? Diesen Monat hätte es gepasst. Den Schwung vom Jahresbeginn konnte ich nicht in den Februar hinein mitnehmen, die sehr stark schwankende Qualität oder eher mein Leseempfinden taten ihr übriges und dazu noch tagelange Kopfschmerzen, die vom ohnehin schon kurzen Monat nocheinmal vier Tage lang Lesezeit wegnahmen. What should we do? Da half es dann auch nicht, die Bloggeraktion des Sachbuchmonats Januar #SachJan21 fortzusetzen, die uns beteiligten BloggerInnen* Spaß gemacht und sehr viele interessante Bücher zur Diskussion gestellt hat, trotzdem möchte ich mich nochmals bei jedem Einzelnen von euch bedanken, für die Teilnahme. Ihr ward toll. Meine Wunschliste ist jetzt wieder etwas länger. Hilft ja nichts. Wiederholung im nächsten Jahr gewünscht?

Ein Sachbuch, welches ich noch im Januar begonnen und dann mit in den neuen Monat genommen hatte, war Volker Reinhardts „Die Macht der Seuchen“, über die Pest im Mittelalter. Nachdem ich schon meinen Nachrichtenkonsum auf das Minimum reduziert habe, für mein Seelenheil, weiß ich nun auch, dass ich keine Bücher zu diesen Themen lesen darf. Sie tun mir einfach im Moment nicht gut, auch wenn die Seuche Pest und nicht Corona heißt. Was habe ich innerlich geflucht, beim Lesen? Nicht über das Fachliche, aber wenn man ständig im Hinterkopf die innere Stimme hört, das Buch doch bitte abzubrechen, sollte man das vielleicht auch tun. Habe ich nicht. Habe es ja angefragt, also dann durchgequält. Sorry an mich.

Vielleicht sollte ich das einmal ändern?

Die Bücher der folgenden Autoren hatten es etwas besser bei mir. Barbara Demicks Buch über die historische Entwicklungen in Tibet anhand von Personen-Biografien war wunderbar zu lesen, wie auch Stephan Orths „Couchsurfing in Saudi-Arabien“. Ich liebe ohnehin solche Berichte als Momentaufnahmen der jeweiligen Situation vor Ort, auch als Anregung, einmal über den eigenen Tellerrand zu schauen und verspüre nun den dringenden Wunsch, ein paar Kamele zu halten. Wer übrigens schauen möchte, wie viel Kamele man für den Freund/die Freundin bekommt, kann das hier tun. Auch, wenn Reisen aktuell nicht möglich sind, wird es zu „Couchsurfing in Saudi-Arabien“ noch etwas auf diesem Blog geben, zusätzlich zur Rezension.

Buchtrailer zu Stephan Orth „Couchsurfing in Saudi-Arabien“ / Piper Verlag.

Ihr dürft gespannt sein.

Die Bücher, die nach sehr guten oder informativen, unterhaltsamen Werken folgen, haben es bei mir eher schwer. Auf den nächsten gelesenen Roman hatte ich mich dennoch gefreut, um so enttäuschter war ich, dass sich dieses „Gesetz der Serie“ bei mir wieder hier bestätigt hat. „Die Kinder hören Pink Floyd“ von Alexander Gorkow haben bei mir einfach keinen Zugang gefunden. Im Gegensatz zu Björn Stephans Roman „Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau“, der mich richtig tief hinein in die Geschichte hat eintauchen lassen. Beides sind Coming of Age Romane, beide fußen auf guten Grundideen und haben sympathische Protagonisten. Manchmal sind jedoch der Erzählstil und die Sprache ausschlaggebend. Vielleicht waren bei ersterem aber auch die Kopfschmerzen, ich erwähnte sie, stärker?

Zuletzt sah ich Grün. Hermann J. Roth hatte mich in die vielfältige Welt einer faszinierenden Farbe entführt und mit diesem Werk einen weiteren Grund geliefert, den Dudenverlag mehr Beachtung zu schenken. Wie toll bitte sind Bücher aus diesem Verlag, abgesehen natürlich vom SchülerInnen quälenden Standardwerk? Wenn jetzt noch in der gleichen Machart Bücher zu den Farben Rot, Blau und Gelb erscheinen würden, wäre das großartig. Wobei, gelbe Schrift auf weißen Grund macht sich wahrscheinlich schwierig, oder?

Der Stapel ungelesener Bücher ist währenddessen gewachsen, aber das macht nichts, da ich im nächsten Monat ein paar Tage Urlaub haben werde und da sicher auch das eine oder andere Mal mehr zum Lesen kommen werde. Zudem wird Nico von buchwinkel.de mit dem ComicMärz sicher Anregungen genug bieten. Auch ich weiß schon ungefähr, was mein Beitrag dazu werden könnte. Bis dahin.

Euer findo.

Hermann J. Roth: Grün – Das Buch zur Farbe

Inhalt:

Die Farbe Grün zeigt sich überraschend vielfältig. Sie symbolisiert und zelebriert wie keine andere das Leben, den Neubeginn und das Wachstum. Ob Blattgrün, grüne Hoffnung, „grün hinter den Ohren“, grüne Patina, leuchtende Smaragde, Kermit der Frosch oder British Racing Green – hier versammeln sich alle Schattierungen einer schillernden Farbwelt.

Dieses zauberhafte Sammelsurium spannt den Bogen von der jahrtausendealten Faszination der alten Ägypter für die Farbe Grün bis hin zu aktuellen Themen wie Nachhaltigkeit und grüne Politik. Grün hat eine magische Anziehungskraft – und dies ist das ultimative Buch zur Farbe. (Klappentext)

Rezension:

Die Grüne Himbeereule ist alles andere, nur keine Eule und eine Grüne Hochzeit hat nur bedingt etwas mit der Grünen Hölle zu tun. Die Welt der Farbe Grün, sie ist umfassend, faszinierend und vielschichtig zu gleich. Schon die Menschen im Alten Ägypten zerrieben Malachit-Gestein für grünen Lidschatten. Leuchtende Smaragde waren den indischen Mogulherrschern Symbol für Reichtum und Macht. Heute steht die Farbe Grün wie keine andere für das schützenswerte Leben, die Umwelt und Nachhaltigkeit.

Der Pharmazeut und Künstler Hermann Josef Roth hat sich aufgemacht, den Pinsel in die Hand genommen und erkundet mit uns die faszinierende Welt einer Farbe in all ihren Schattierungen. Unterhaltsam aufbereitet, lädt er dazu ein, eine Farbe zu entdecken, die nicht nur für Hoffnung oder Wachstum steht, auch in Kunst, Philosophie, Literatur und Musik immer wieder Akzente setzt.

Welchen Rang hat in Ministerien die grüne Tinte und was war gleich nochmal „Der grüne Orgasmus“? Der Autor sortiert, ordnet ein und erklärt, als Ergebnis einer großen Rechercheleistung, die in einem umfangreichen und kreativen Nachschlagewerk mündete. Ein Duden zur Farbe, wo gibt es das schon?

Roth lädt dazu ein, zu stöbern, hintereinander weg zu lesen, selbst zu recherchieren und quer durch die Themenbereiche zu blicken, die unsere Welt umfassen. Ohne das grüne Chlorophyll, dass die Farbe der Pflanzen bedingt, welches die Fotosynthese anregt, gäbe es keinen Sauerstoff und damit kein Leben auf der Erde. Und auch nicht dieses wunderbare ganz in Grün gehaltene Sammelsurium.

Autor:

Hermann Josef Roth wurde 1929 in Eisenberg/Pfalz geboren und ist ein deutscher Pharmazeut, Hochschullehrer und Künstler. zunächst studierte er Pharmazie in Würzburg und promivierte 1956. 1961 wurde er habilitier. Zwischen 1966-83 war er Direktor des Pharmazeutischen Instituts der Universität Bonn, bis 1981 zudem Präsident der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft.

Von 1983-1994 wirkte er zudem in Tübingen und erlangte Bekanntheit als Autor und Mitautor zu Büchern über u.a. Arzneistoffe, Stereochemie von Arzneistoffen. Seit 1972 beschäftigte sich Roth zudem mit Malerei und Grafik. Er erhielt das Bundesverdienstkreuz und wurde mit der Caspar-Borner-Medaille der Universität Leipzig ausgezeichnet.

Björn Stephan: Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau

Inhalt:

Sommer, 1994. Sascha Labude ist ein etwas verträumter 13-Jähriger, der einzigartige Worte sammelt. Sein Leben ist relativ ereignislos, also abgesehen davon, dass das alte Land untergegangen und Saschas Vater verstummt ist und sein bester Freund Sonny so berühmt werden will wie Elton John.

Doch dann zieht Juri in die Siedlung, ein Mädchen, das alles über das Universum weiß und ganz anders ist als Sascha – nämlich mutig. sogar so mutig, es mit den schlimmsten Schlägern der Siedlung aufzunehmen. (Klappentext)

Rezension:

Der Brief, er liegt schon länger auf dem Schreibtisch des einstigen Kindes, wird geöffnet. Erinnerungen durchfluten Jenni, die nun junge Frau, die bis dahin erfolgreich verdrängt hat, was damals passierte. Die Perspektive wechselnd, Leserin und Leserschaft reisen zurück, in eine Zeit, in der sich alles veränderte, nichts blieb, wie es vorher war.

Beinahe zu ruhig beginnt das Autorendebüt, was uns Leserschaft hier vorliegt und wird doch immer schneller, heftiger werden, mit jeder Zeile, die uns in die Geschichte einsaugt. Wir begleiten den Hauptprotagonisten, der sich selbst für nicht sichtbar für seine Umgebung hält, durch die Tage.

Selbst die Schläger, die im selben Treppenaufgang wohnen, wie er, beachten Sascha nicht. Dem verträumten Jungen, der noch blasser neben seinem besten Freund wirkt, ist dies nur Recht. Seinen größten Schatz hütet er in einem unscheinbaren Heft. Wörter, die es nur einmal auf der Welt in einer einzigen Sprache gibt und die nur dort eine bestimmte Bedeutung haben. Sascha sammelt sie, hält fest, um sich an etwas zu halten. So kann es bleiben.

Tut es nicht. Diesen Sommer wird sich das Lebend es Jungen schlagartig ändern, wie auch die Welt um ihn herum sich ändert. So beobachtet der/die Lesende den Hauptprotagonisten, der zunächst Beobachter, dann Akteur der Ereignisse ist.

Vielschichtig sind die Protagonisten um ihn herum, die Beschreibungen Björn Stephans tun ihr übriges, um sofort den typischen Geschmack des damals angesagten Kaugummis im Mund zu haben und die flirrende Umgebung der Plattenbauten zu spüren, die den Handlungsort prägen. Der Autor indes hat sich hier viel vorgenommen.

Er erzählt von der Zeit zwischen Kindheit und Jugend, von Freundschaft und erster Liebe, von Beobachtung und Irrtum, Angst, Mut und dem Erkennen, dass nichts ist, wie es scheint.

Stephan gelingt es kunstvoll, nicht nur Zeitsprünge zu verbinden, sondern auch Klippen des Kitsches zu umschiffen, einmal haarscharf, zudem mehrere Enden unterzubringen. Jeder Strang wird zu Ende erzählt. Lücken werden durch das Kopfkino gefüllt, besonders gegen Ende eine kleine Herausforderung für die Leserschaft.

Ein Roman, der auf vergleichsweise wenigen Seiten so viel zu erzählen hat und auf mehreren Ebenen die Lesenden nachdenklich zurücklässt, dabei sprachlich schön geschrieben ist, bleibt. So wie die Wörter in Saschas Heft.

Autor:

Björn Stephan wurde 1987 in Schkeuditz geboren und ist ein deutscher Journalist und Autor. Aufgewachsen in Schwerin, studierte er zunächst in Berlin Geschichte und Politikwissenschaft und besuchte anschließend die Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Er schreibt für die Zeit, die Süddeutsche Zeitung, arbeitet als freier Reporter. Seine Texte und Reportagen wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Sozialpreis und dem Reporterpreis. Im Jahr 2021 erschien sein erster Roman. Der Autor lebt in München.

Alexander Gorkow: Die Kinder hören Pink Floyd

Inhalt:

Die 70er Jahre. Eine Vorstadt. Das Westdeutschland der letzten Baulücken, der verstockten Altnazis, der gepflegten Gärten. Die Kriegskräuel sind beiseite geschoben, zum Essen geht es in den Balkan Grill, die Einbauküche daheim überzeugt durch optimale Raumnutzung. Für den 10-jährigen Jungen aber ist es eine Welt der Magie, der geheimen Kräfte, des Kampfs des Bösen gegen das Gute.

Der Leitstern des Jungen in diesem Kampf ist die große Schwester – das Kind Nr. 1 der Familie. Sie ist herzkrank und sehr lebenshungrig. Mit trockenem Humor und großer Aufsässigkeit stemmt sie sich gegen alle Bedrohungen, nicht zuletzt mithilfe der vergötterten Band Pink Flyd aus dem fernen London, den Kämpfern gegen das Establishment, deren Songs alles zum Glänzen bringen. (Inhaltsangabe des Verlags)

Rezension:

Vor einem großen Teller Leckereien zu sitzen, sich da und dort etwas herauszunehmen, zum Mund zu führen und plötzlich aus einem wunderschönen Traum geholt zu werden. Wer kennt dieses Gefühl nicht? Der Wecker holt einem zurück aus dem Schlaraffenland und daheim wartet nur der geschmacklose Kaffee und das pappige Toastbrot. Was für ein Start in den Tag. So in etwa erging es mir hier beim Lesen einer Geschichte, bei der das Positivste der Klappentext ist. Dann folgt lange nichts.

Geschichten vom Aufwachsen, von Selbstfindung, Verwirklichung, dieses Coming of Age, funktionieren an sich immer. Protagonisten aus dem Alltag gegriffen, wie Du und ich, ein wenig langweilig zwar, aber gerade das macht sie sympathisch, leben ihren Alltag und die Leserschaft begleitet sie auf ihrem Weg. Ein wenig „Stand by me“ (Stephen King), ein wenig Biografie, gegossen in einem schönen Roman, der zudem ein wenig davon wiedergibt, wie die Gesellschaft, das Leben, zu jener Zeit ausgesehen hat, irgendetwas Undefinierbares, was einem beim Lesen in den Bann zieht. Solche Erzählungen machen glücklich, nachdenklich, traurig, zu weilen Spaß.

Hier hat man sie, die Protagonisten, die allesamt langweilig in einem aufregenden Jahrzehnt vor sich herleben, deren Alltag man ein Stück begleiten darf und eine Hauptfigur, die nicht weniger als das alte, oder junge, Ego des Autoren sein dürfte. Zutaten für einen Roman, die sonst immer funktionieren. Nur, hier nicht.

Die Sprache spröde, der Erzählstil sehr trocken, selbst der Titel dient nur der Einordnung im Zeitcholorit. Ersetze den Band-Namen und du weißt, in welchem Jahrzehnt der Roman spielt, was in jedem Jahr sein könnte. Passieren tut nichts. Es gibt hier keinen Dreh- und Angelpunkt, wie etwa die Mondlandung als erste, der Selbstfindungsprozess als zweite Ebene im Roman „Der Sommer meiner Mutter“, von Ulrich Woelk, der hier einmal als positives Beispiel herhalten darf. Diese Erzählung liegt bei mir schon länger zurück und ich erinnere mich an Einzelheiten, Details. Hier beginne ich schon jetzt zu verdrängen.

Der derart spröde Erzählstil macht den Eindruck nicht unbedingt besser. Man neigt dann zum Abschweifen, zum Überfliegen, zum Gähnen, verdrängt das Gelesene. Mich beschleicht das Gefühl, aus der Geschichte hätte man mehr herausholen können. Vielleicht gefällt so etwas Verlässliches aber auch vielen. Toastbrot halt. Schmeckt nach nichts, bleibt aber im Magen.

Autor:

Alexander Gorkow wurde 1966 in Düsseldorf geboren und ist ein deutscher Schriftsteller und Journalist. Er studierte Mediävistik, Germanistik und Philosophie und war von 1995-1998 Landtagskorrespondent bei der Süddeutschen Zeitung. 2002 übernahm er deren Samstagsausgabe und ist seit 2009 Leiter der Seite Drei der SZ. Im Jahr 2003 veröffentlichte er seinen ersten Roman, 2007 den zweiten und erhielt den Deutschen Reporterpreis für seine 2012 erschienee Reportage „USA“, zusammen mit dem Fotografen Andreas Mühe.

2017 erschien sein Roman „Hotel Laguna“.

Stephan Orth: Couchsurfing 1 – Couchsurfing im Iran

Inhalt:

Es ist offiziell verboten. Trotzdem reist Stephan Orth als Couchsurfer kreuz und quer durch den Iran, schläft auf Dutzenden von Perserteppichen, erlebt irrwitzige Abenteuer – und lernt dabei ein Land kennen, das so gar nicht zum Bild des Schurkenstaates passt. Denn die Iraner sind nicht nur Weltmeister in Sachen Gastfreundschaft, sondern auch darin, den Mullahs ein Schnippchen zu schlagen. (Klappentext)

Rezension:

In der westlichen Welt weiß man kaum mehr über den Iran als das, was die Hauptnachrichten berichten. Der Streit um die Nutzung von Kernenergie, das theokratisch-strenge Regime der Mullahs, Menschenrechtsverletzungen und das verbissene Durchsetzen streng religiös-bergündeter Vorschriften. Andere Themen kommen kaum bis gar nicht zur Sprache. Und so hat sich Stephan Orth aufgemacht in ein Land voller unbekannter Faktoren und muss gleich bei der ankunft am Flughafen erste Vorurteile revidieren. Er lässt sich auf die Menschen des Landes ein, fernab der Politik, die doch immer wieder in das Leben der Bevölkerung eingreift. Hinterverschlossenen Türen aber können die Iraner sie selbst sein. Und das ganz anders als es auf den ersten Blick scheint.

Mit „Couchsurfing im Iran“ hat der Autor hier keinen politischen Lagebericht geschrieben, sondern eine vielschichtige Sammlung der Eindrücke der Menschen in diesem Land. Stephan Orth zeigt auf, was selbst in einem Land möglich ist, welches von einer brutalen menschenverachtenden Diktatur beherrscht wird und wie die Bevölkerung sich wehrt. Momentan noch passiv im Privaten, doch Orth zeigt auf, dass die Vorstellungen der Iraner irgendwann dafür sorgen können, dass sich die Situation zu ihren Gunsten ändert. Der Anfang ist bereits gemacht, in winzigen Schritten.

Stephan Orth beschreibt das Leben der Menschen dort, ihren Alltag, ihre Vorstellungen und Ideen, Gedanken und die kleinen Rebellionen des Alltags, wenn sich eine Gruppe junger Iraner ewa zu Fesselspielen trifft oder Polizisten bestochen werden, damit keine Razzia der Sittenwächter wärend einer Hochzeitsfeier stattfindet, wenn Studenten von Amerika träumen oder das Kopftuch wie zufällig ein Stück verrutscht.

Es ist hier ein wunderbar positives Buch, was für ein unscheinbares düsteres Land Interesse wecken vermag. Fernab der nüchternen politischen Berichte. Der Iran ist ein relativ junges Land, die Mehrheit der Bevölkerung ist unter 40 Jahre alt und wartet nur auf eine sichere Chance aus den Zwängen und Vorgaben auszubrechen und ihr Leben und Land zu verändern. Orth zeigt, dass die Veränderung in den Köpfen bei vielen schon längst begonnen hat. Im gesamten Iran. Ein Buch über Vorurteile, die in sich zusammenfallen, ein Buch über Kontraste und vor allem über die Menschen, ihr Leben und ihre Träume.

Autor:

Stephan Orth wurde 1979 geboren und arbeitet als Redakteur im Reiseressort bei Spiegel Online. Seit 2003 ist er bereits als Couchsurfer unterwegs, hatte Besucher aus aller Welt und traf Gastgeber in mehr als dreißig Ländern. Orth ist Autor mehrerer Bücher und Reisereportagen, die mehrfach mit dem Columbus-Preis ausgezeichnet wurden.

Stephan Orth: Couchsurfing 2 – Couchsurfing in Russland

Inhalt:

Das erste Russland-Buch ohne Bären und Balalaikas! Was ist Propaganda, was ist echt? Über keinen Teil der Erde ist die Informationslage verwirrender als über Russland. da hilft nur: hinfahren und sich sein eigenes Bild machen. Zehn Wochen lang sucht Bestsellerautor Stephan Orth zwischen Moskau und Wladiwostok nach kleinen und großen Wahrheiten. Und entdeckt auf seiner Reise von Couch zu Couch ein Land, in dem sich hinter einer schroffen Fassade unendliche Herzlichkeit verbirgt. (Klappentext)

Rezension:

So riesig das Land, so stark seine Gegensätze. Stephan Orth macht sich auf, um fernab der Politik die russische Seele zu suchen, und den Vielvölkerstaat zu erkunden. Beginnend am „Arschloch der Welt“ quartiert er sich in Tschetschenien ein, erlebt den schwierigen Alltag der Menschen auf der Krim, bei Studenten in St. Petersburg und blickt nach Japan in Wladiwostok. Wie auch schon in seinem erfolgreichen Reisetagebuch über das „Couchsurfing im Iran“ macht sich der Spiegel-Online Reporter auf, um Vorurteile vor allem für sich selbst zu widerlegen. Entstanden ist dabei ein eindrucksvolles Portrait von den Menschen des Landes.

Russische Politik und Propaganda a la RT sind das eine, die russische Bevölkerung ist das andere. Vor allem tief gespalten in ihrer Meinung zur Staatsführung. Je nach wirtschaftlicher Lage mal fern, mal näher zum Kreml. Ein Land zwischen Energie-Krise am Weltmarkt und Sanktionen aufgrund der Krim-Krise, versucht sich selbst zu finden. Stephan Orth beschreibt diesen Prozess aus nächster Nähe, reist mal hier und mal dort hin, revidiert viele seiner Vorurteile, sieht die Probleme des Landes, aber auch Menschen, die ins Gelingen verliebt sind. Mal mit, mal ohne Wodka. Aber immer mit dem Willen zum Leben. Denn, Moskau ist oft genug sehr fern. Korruption und Erfindungsreichtum dagegen nah.

Ein amüsanter Reisebericht der ganz anderen Art. Unterteilt in kurzweilige Kapitel, beschreibt der Autor seine Art zu Reisen, ihre Unwägbarkeiten und erstaunlichen Wendungen, vor allem aber die Geschichte der Menschen, die er trifft. So, dass man fast selbst geneigt ist, es ihm nachzutun. Stephan Orth erzählt, wie es ist, seine Vorurteile und bedenken über Bord zu werfen, manchmal alle Pläne kurzerhand umzuschmeißen und zu ändern und findet sie, die russische Seele, schon auf den ersten Stationen der Reise.

Und dringt immer tiefer in sie ein. Fernab der Politik zeichnet Orth auch hier wieder ein überaus positives Bild der Menschen und ihrer Trennlinie zu den Machthabern im Kreml. Die negativen Punkte a la Beeinflussung der Bevölkerung in allen Lebenslagen werden nicht ausgespart, Putin-Gegnern und Befürwortern auf den Zahn gefühlt. Privat entdeckt der Autor ein ganz anderes Russland als das, welches immer über die westlichen Nachrichtenbildschirme flimmert. Alleine dafür ist „Couchsurfing in Russland“ schon lesenswert. Und vielleicht findet ja auch der Leser die vielgerühmte russische Seele.

Autor:

Stephan Orth wurde 1979 geboren und arbeitete als Redakteur im Reiseressort bei Spiegel Online. Als Couchsurfer unterwegs, hatte er Besucher aus aller Welt und traf Gastgeber in mehr als dreißig Ländern. Orth ist Autor mehrerer Bücher und Reisereportagen, die mehrfach mit dem Columbus-Preis ausgezeichnet wurden. Für sein letztes Werk wurde er mit dem ITB-Buchaward ausgezeichnet. Er lebt und arbeitet in Hamburg.

Stephan Orth: Couchsurfing 3 – Couchsurfing in China

Inhalt:

Er reist mit Vorliebe durch Länder mit einem schlechten Ruf: Drei Monate lang erkundet Bestsellerautor Stephan Orth China, um herauszufinden, wie die neue Weltmacht tickt. Er besucht Metropolen, die mit totaler Überwachung experimentieren, und abgeschiedene Dörfer, in denen fürs Willkommensessen der Hund geschlachtet wird. Auf seiner Reise von Couch zu Couch versucht er sich als Wettkampf-Korbflechter, tanzender Englischlehrer und Casino-Glücksritter – und lernt, welche Träume und Ängste die Menschen bewegen. (Klappentext)

Rezension:

In Zeiten, in denen die Menschen immer mehr zusammenwachsen, Grenzen aufgrund der wirtschaftlichen Globalisierung aufweichen und alte Industrienationen zunehmend ins Hintertreffen geraten, kristallisiert sich im fernen Osten eine neue Weltmacht heraus. Das Reich der Mitte, einst billige Werkbank und berüchtigt für Raukopien und Ideenklau, zudem mit Klischees belegt, gibt in Politik und Wirtschaft immer öfter den Ton an und ist in einigen technologischen Bereichen schon heute führend. Der Rest der Welt reibt sich verwundert die Augen, doch wie erleben die Menschen dort den Wandel, der einem kaum Schritt halten lässt? Stephan Orth begab sich auf die Suche nach Antworten und kehrte mit Erkenntnissen und vielen Fragen zurück.

So weit zur Thematik, erzählt der Journalist und Autor in gewohnter Manier von seiner liebsten Form des Reisens. Couchsurfing. Man stelle sein Sofa oder eine andere Schlafmöglichkeit Menschen aus aller Welt zur Verfügung und bekommt im Gegenzug selbige ebenfalls in aller Welt. So erkundete Stephan Orth bereits den Iran und Russland, bekam dabei Perspektiven eröffnet, die normalen Touristen verschlossen bleiben. Wie lebt sich der Alltag abseits der großen und kleinen Plätze, für besucher hergerichtete Sehenswürdigkeiten und wie nehmen vor allem die Einheimischen ihr Land wahr? Ganz Journalist begab sich Orth nun nach China und reiste kreuz und quer durch ein Land voller Kontraste, die größer nirgendwo sonst ausfallen.

„Das wäre wirklich nicht nötig gewesen“, sage ich dann. Nie habe ich diesen Satz so ernst gemeint.

Stephan Orth: Couchsurfing in China

Stephan Orth zu einem seiner Gastgeber, nach der Erwähnung eines besonderen Mahls ihm zu Ehren.

In kurzweiligen Kapiteln, die jeweils nach Reiseetappen und Orten gegliedert sind, schildert er die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten und die Begegnungen mit Menschen, die so unterschiedlich wie vielfältig sind. Die chinesische Polizistin etwa, die die Vorteile einer überwachten Nation sieht, es jedoch mit den Regeln der politischen Indoktrination nicht so genau nimmt, die Künstlerin, die tagtäglich förmlich gezwungen ist, die Grenzen der freiheit bis zur Zensur auszutesten oder Kapitalismus im Kommunismus. Kasinos funktionieren auch im Reich der Mitte.

Mit genauen Blick schildert er Situationen, die man hierzulande nur als Kultrschock bezeichnen kann, aber auch den technologischen Fortschritt, der dort innerhalb weniger Monate Anlauf nimmt, in unsererheimat jedoch schon in der Planungsphase stecken bleibt. Das hat alles Vor- und Nachteile, Kritik bleibt nicht aus, jedoch überwiegt das Staunen, welches Orth immer wieder antreibt, um so den Menschen auf dem Zahn zu fühlen, eine Momentaufnahme dieses Landes zu erhaschen. Das ist nicht vollkommen, ein sehr subjektiver Einblick wird hier gezeigt. Gut möglich, dass ein jeder Andere diese Eindrücke anders werten kann. Das Land ist einfach zu groß, die Gesellschaft zu schnelllebig. Was heute aktuell ist, ist morgen veraltet. Hochspannend ist es allemal.

Stephan Ort ist ins Gelingen verliebt und zeigt die Unterschiede zwischen politischen System und einem Querschnitt der Gesellschaft. Die böse Weltmacht aus den Nachrichten gibt es eben nicht nur, sondern auch Menschen unterschiedlichster Couleur, die ihren Teil dazu beitragen und ansonsten ihren Alltag bewältigen. Selbstbewusst, unsicher, arm oder reich, Anhänger des Systems, Mitläufer oder Andersdenkende. Das Reich der Mitte, so die erkenntnis, ist wandelbar und vielfältig, trotz versuchter Gleichschaltung und allgegenwertiger Kontrolle. Wer aufmerksam liest, bekommt zudem mit, wem genau das Buch gewidmet ist. Alleine dies ist für Europäer schon aufregend genug und muss der Leser selbst herausfinden. Viel Glück.

Autor:

Stephan Orth wurde 1979 geboren und arbeitete als Redakteur im Reiseressort bei Spiegel Online. Als Couchsurfer unterwegs, hatte er Besucher aus aller Welt und traf Gastgeber in mehr als dreißig Ländern. Orth ist Autor mehrerer Bücher und Reisereportagen, die mehrfach mit dem Columbus-Preis ausgezeichnet wurden. Für sein letztes Werk wurde er mit dem ITB-Buchaward ausgezeichnet. Er lebt und arbeitet in Hamburg.

Stephan Orth: Couchsurfing 4 – Couchsurfing in Saudi-Arabien

Inhalt:

Als Saudi-Arabien erstmals Touristen einreisen lässt, packt Bestsellerautor Stephan Orth sofort sden Rucksack. Von Couch zu Couch erkundet er das Königreich und erhält Einblicke in eine verschlossene Gesellschaft, wie sie bisher keinem westlichen besucher möglich waren. er wird Zeuge eines radikalen Wandels, sieht Frauen Auto fahren und tanzt mit Zehntausenden beim Wüsten-Rave. Doch jenseits der Glitzerwelt gelten drakonische Strafen, und an der Grenze zum Jemen sind die Bomben nicht zu überhören. Stephan Orth berichtet von seiner bisher aufregendsten Reise. (Klappentext)

Rezension:

Allgegenwärtig sind sie, die Fotos der Männer, die das Land beherrschen. Beim Betrachten kommen Stephan Orth, dem oft gereisten Journalisten, Zweifel. Ist Herrschern zu trauen, die ihrem Volk nicht direkt in die Augen schauen? Die Blicke des Königs und des Kronprinzen sind immer seitlich von der Kamera gerichtet.

Der Autor hat sich erneut aufgemacht, einen weiteren weißen Fleck von seiner Landkarte zu tilgen und bereist als einer der ersten Touristen überhaupt Saudi-Arabien, welches die Türen erstmals für Privatreisende öffnet und geht so gleich auf die Bewohner des Landes zu. Direkt in ihre Wohnzimmer. Der Kontakt zu den Menschen Saudi-Arabiens erstaunt, begeistert, macht nachdenklich und erweitert den Blick über den Tellerrand.

Wo sonst hat man noch dieses Gefühl, schon am Flughafen in eine völlig fremde Welt einzutauchen und doch beschleicht sie den übermüdenden Reisenden schon beim Betreten fremden Bodens. Saudi-Arabien war für reine touristische Reisen ein bisher weißer Fleck auf den Karten, die Nachrichten, die es aus diesem Land in die westlichen Medien schaffen, zumeist nicht positiv. Nur vorsichtig wird er versucht, dieser Spagat zwischen Mittelalter und Moderne. Die Herrscherfamilie lässt die Bevölkerung ein wenig atmen, um selbst um so fester auf dem Wüstenschiff, aus Öl und Religion gebaut, zu sitzen.

Ansteigende Nummern blinken auf, er hat eine Gebetsapp installiert, das digitale Äquivalent zu einer Gebetskette. Als er das gerät wegpackt, hat er 561 geschafft, als Gesamtzahl wird 29037 angezeigt. Da sage noch mal einer, der Islam sei nicht in der Lage sich zu modernisieren.

Stephan Orth: Couchsurfing in Saudi-Arabien

Stephan Orth begnügt sich nicht damit, vom entfernten Standpunkt des Hotelbuchenden, Kulissen zu betrachten. Als Couchsurfer sucht er den privaten Kontakt, übernachtet in Wohnzimmern und nimmt ein Stück Alltag seiner Gastgeber mit. Die zeigen die Orte und berichten von Änderungen, die sie mal freudig, mal kritisch betrachten. Die Nuancen der Vorsicht, sie entgehen dem Journalisten nicht. Das Land mag einen modernen Anstrich verpasst bekommen, die Herrscher sind absolut und allgegenwärtig.

Von Ort zu Ort nimmt uns der Autor mit auf seine Reise, berichtet vom Frust, wenn mal wieder ein Gastgeber abgesagt hat, was gegen Ende ob des auch Saudi-Arabien sich näherndem Virus‘ häufiger vorkommt, von saudischen Influencern und davon, welche Freiheiten im neuen Wüstenstaat genossen werden können. Vorsichtig, nicht allzu sehr.

„Wenn eine Frau mich respektiert, dann respektiere ich sie auh“, erklärt er mir, was ganz vernünftig klingt, bis ich um eine Präzisierung bitte: „Und wie zeigt eine Frau ihren Respekt?“ „Indem sie das tut, was ich sage.“

Stephan Orth: Couchsurfing in Saudi-Arabien

Kurzweilig lesen sich die einzelnen Kapitel, die nach den jeweiligen Reiseabschnitten. Augenfällig ist Stephan Orths Beobachtungsgabe und sein Blick für Details. Die Bevölkerung hat jahrzehntelang gelernt, Kritik wohldossiert zu formulieren und gut zu verpacken. Der Autor hat gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen und nimmt sie auf.

„Falken haben es gut bei uns. Besser als viele Menschen.“, sagt Fahad und lacht kurz über seine Worte. Dann blickt er nachdenklich auf die ordentlich aufgereihten, gepflegten Tiere, deren Augen mit Leder bedeckt sind, damit sie keinen Ärger machen.

Stephan Orth: Couchsurfing in Saudi-Arabien

Ergänzt wird das Werk, wie auch schon die vorangegangenen Reiseberichte, durch Kartenmaterial, einen eindrücklichen Fototeil und hier durch eine kleine bebilderte Vokabelliste. Touristisches Erleben einmal ganz anders, in einem Land, welches mit Touristen noch kaum Erfahrungen hat und die vom Autoren praktizierte Art des Reisens so nicht vorgesehen hat. Die Leserschaft ist eingeladen, dies aus sicherer Distanz zu erleben und, wenn Reisen wieder möglich werden, die Türen selbst einen Spalt zu öffnen.

Autor:

Stephan Orth wurde 1979 in Münster geboren und ist ein deutscher Journalist und Autor. Zunächst studierte er Anglistik, Wirtschaftswissenschaften in Wuppertal, anschließend Journalismus in Brisbane, Australien. Von 2007-2008 absolvierte er ein Volontariat bei Spiegel Online und arbeitete anschließend als Redakteur. 2012 begab er sich auf eine Inlandeis-Expedition nach Grönland und veröffentlichte 2015 seinen Reisebericht „Couchsurfing im Iran“. Seit 2016 ist er freiberuflicher Autor. Stephan Orth lebt in Hamburg.