Michael Göring: Dresden – Roman einer Familie

Inhalt:

Fabian reist 1975 zum ersten Mal über die deutsch-deutsche Grenze zur Familie Gersberger nach Dresden. Danach kommt er fast jedes Jahr. Er verliebt sich in Anne, freundet sich an mit ihrem Bruder Kai und wird Zeuge, wie die Unzufriedenheit mit dem Staat von Jahr zu Jahr wächst. Gleichzeitig erlebt Fabian eine zwischenmenschliche Wärme in der Familie, die ihn, den Westbesucher, herausfordert und verändert.

Michael Göring schreibt eine bewegende Familiengeschichte und erzählt einfühlsam und präzise von den entscheidenden Jahren 1975-1989. (Klappentext)

Rezension:

Wie umfassend kann ein zeithistorisches Portrait sein? Wie komplex die Betrachtungen der Sichtweisen und wie vielschichtig die Protagonisten? Daran scheitern die Schreibenden großer historischer Romane immer wieder, zumal wenn zwischen vergleichsweise wenigen Seiten viel erzählt werden soll.

Besser ist es, sich auf einen genau umrissenen Ausschnitt zu konzentrieren. Das versucht der Schriftsteller Michael Göring mit seiner Erzählung „Dresden – Roman einer Familie“.

Die in Zeitsprüngen erzählte Handlung umfasst die letzten Jahre der DDR, deren Wandel er aus der Sicht des zunächst wohlwollenden Westbesuchers erzählt, der jugendlich optimistisch zunächst die Schwächen des Systems großzügig übersieht, wozu auch die ihm umgebenden Protagonisten beitragen.

Der Besucher von „Drüben“ soll einen guten Eindruck bekommen, schon die menschliche Wärme der Gastgeber nimmt Fabian in sich auf, nichts ahnend, dass sein Schicksal vom ersten Treffen an mit denen der Gersbergers eng verknüpft sein wird. So erlebt auch er immer mehr das Leben hinter der zunehmend bröckelnden Fassade, aber auch die verschiedenen Innenansichten, die die Jahre 1975-1989 prägten.

Der Autor zeichnet die Protagonisten klar, die jenigen, die sich im System eingerichtet haben und ihr kleines Glück gefunden haben, eben so, wie diese, die an den Schwächen zweifeln oder gar ihr Heil in der Flucht suchen. Das gelingt an vielen Stellen, anderes muss man mit eigenen Erfahrungen abgleichen oder mit den Geschichten, die einem selbst erzählt worden.

Klar ist, der Autor bringt in den Hauptprotagonisten teilweise seine Perspektive ein, die wohlwollend wirkt, aber nichts übersieht. Gleichsam machen auch die anderen Figuren eine langsame Wandlung durch, verstärkt durch den Kontrast der Zeitsprünge, die kapitelweise erfolgen.

Beim Lesen muss bewusst sein, dass es neben dieser auch unzählige andere Sichtweisen gibt, ja, geben muss, der Fokus liegt hier aber vor allem auf die familiäre Dynamik zwischen den Jahren, derer man sich nicht entziehen möchte.

Es ist kein Roman mit Knalleffekt oder mit Zeigefinger, zumal an nicht wenigen Stellen einfach zu knapp gehalten, gar ein sprachlicher Geniestreich. Eine nette Familiengeschichte bekommt man. Nicht mehr und nicht weniger. Manchmal reicht das aber.

Autor:

Michael Göring wurde 1956 in Lippstadt geboren und ist ein deutscher Schriftsteller. Zuinächst studierte er Anglistik, Geografie, Amerikanistik und Philosophie, bevor er sich mit englischen Literaturwissenschaften beschäftigte.

1986 war er als Hochschulassistent an der Universität München tätig und wechselte darauf zur Studienstiftung des deutschen Volkes nach Bonn. 2011 erschien sein erster Roman, darauf folgten weitere. Er ist Mitglied und Vorsitzender der ZEIT-Stiftung und lehrt an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Göring wurde mehrfach ausgezeichnet und gehört zu den Initiatoren der Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union.

Monatsrückblick: Mai 2021

Wer zu Monatsbeginn hätte ein Kuriosum erleben wollen, hätte sich Anfang Mai in meiner Wohngegend aufhalten müssen. Ich selbst habe meinen Augen kaum getraut und doch hat es für ein paar Stunden tatsächlich geschneit. Das verorte ich einmal unter den letzten Ausläufern des Aprils, wahrscheinlicher aber weiß das Klima selbst nicht mehr, was wann und wo als üblich gilt. Wir Menschen tragen dazu einen Großteil bei.

In ein paar Jahrzehnten schon werden wir die ersten Auswirkungen des Klimawandels zu spüren bekommen, auch in Deutschland. Wie das aussieht, haben die Autoren Nick Reimer und Toralf Steiner eruiert und Wissenschaftler und Experten verschiedener Fachgebiete befragt. Herauskam ein sehr gut zu lesendes Sachbuch, welches uns Deutschland im Jahr 2050 vorführt.

Wie werden wir in unseren Städten künftig leben? Wie sehen Landwirtschaft und Wälder aus und wo werden extreme Wetterwechsel uns das Leben schwer machen?

Dieses Buch habe ich als eines von insgesamt acht gelesen, wobei eines ein Bildband war, über Billie Eilish, welches ich jedem Fan empfehlen kann und das andere eine Kurzgeschichte, von niemand Geringeren als dem Rechtsmediziner Michael Tsokos.

Liest sich im Übrigen sehr spannend. Dazu kamen noch Sachbücher über den kolonialen Kunstraub in der Südsee, zwei deutsche Familiengeschichten und ein Werk über die Kuriositäten der Evolution, die wir Menschen mit unserer Gier und Zerstörungswut bald überholen werden. Eine Bandbreite von Themen, die nur durch das übertroffen wird, was meine Wunschliste im Mai anwachsen ließ.

Das waren vor allem die Veranstaltungen der Ersatz-Buchmesse „#Leipzigliestextra“, die in diesem Jahr digital und zumeist über die Öffentlich Rechtlichen stattfand. Auch davon wird ein wenig hier im Laufe der nächsten Monate in Form von Rezensionsexemplaren vorgestellt werden. Thriller-technisch gab es eine Neuentdeckung. Aus der Feder von G.D. Abson konnte ich einen packenden Thriller lesen, der in St. Petersburg spielte.

Das habe ich tatsächlich noch nicht so oft gelesen und werde das definitiv weiter im Auge behalten. Muss ja, schließlich habe ich damit wieder eine Reihe begonnen. Als hätte ich nicht schon genug zu lesende hier liegen.Insgesamt war es ein guter und abwechslungsreicher Start in den Sommer und ich hoffe, dass der kommende Monat genau so wird.

Zuletzt habe ich noch zwei Tipps für euch.

Zum Einen den neuen High-Fantasy-Roman von Andreas Kroll „Die Botschafter“ und damit Auftakt einer sicher sehr spannenden und wechselhaften Fantasy-Saga.

Andreas Kroll: Die Botschafter (Band 1), Seiten: 386, ISBN: 978-3-75268-730-9, BoD,
Hompage

Mit Klauen und schuppenbewehrt reißen sie Bauern und Vieh.
Siehst du sie kommen, dann flieh!

Große Echsen und geflügelte Schlangen fallen in das Reich der Menschen ein. Sie jagen Dorfbewohner und bedrohen Städte, greifen die Zwerge im Donnersteiggebirge und die Alben in ihren Walddörfern an. Die Schuppenmonster hinterlassen eine blutige Spur, bis sie sich im Herbst genauso unvermittelt zurückziehen, wie sie aufgetaucht sind.Werden sie im nächsten Jahr zurückkehren? (Inhaltsangabe)

Informationen zu Andreas Kroll, seinen Werken und eine Leseprobe findet ihr hier.

Nun ein digitaler Veranstaltungstipp für freunde der georgischen Literatur und solche, die es werden möchten.

Das digitale Literaturfestival „Georgiens Erste Republik – 1918-1921: Geschichte. Literatur. Kunst“ einladen, das vom 24. bis zum 27. Juni 2021 vom Writers‘ House of Georgia in Kooperation mit der Lettretage, der Konrad-Adenauer-Stiftung, der Georgischen Botschaft und dem Literaturmuseum Georgien.

Das Festival widmet sich der ersten Georgischen Republik von 1918 bis 1921 und soll die deutsch-georgischen Beziehungen in einen politischen und kulturellen Kontext setzen. Teilnehmende dürfen sich neben Musikbeiträgen und Kochinspirationen mit georgischen Rezepten auf literarische und historische Reisen in das Land im Kaukasus freuen. Dafür wird es an den vier Tage unterschiedliche Beiträge geben, an denen sich u.a. Salome Benidze, Nino Haratischwili, Zaal Andronikashvili, Lasha Bakradze, Abo Iashagashvili, Katja Petrowskaja, Kat Menschik, Stephan Wackwitz, Tilman Spreckelsen und Tamta Melashvili beteiligen.

Sobald ich dazu mehr Informationen habe, werde ich diese natürlich hier bekanntmachen. Aber das klingt doch interessant, oder?

Michael Tsokos: Kaltes Land – Ein Fall für Sabine Yao

Inhalt:

Ein Anruf reißt Rechtsmedizinerin Sabine Yao jäh aus ihrem Berliner Arbeitsalltag im Sektionssaal. Eine Wasserleiche wurde im Umland von Kiel geborgen. Es handelt sich um ihre verschollene Tante. Alles deutet auf Mord hin. Yao fängt an, auf eigene Faust zu ermitteln. Und während sie erkennt, wie wenig sie von ihrer Tante wusste, schließt sich um sie ein Kreis gnadenloser Gewalt… (Klappentext)

Einordnung:

Die Geschichte ist Teil der Short Reads Thriller verschiedener Autoren von Droemer Knaur und kann unabhängig von anderen Geschichten des Autoren gelesen werden, sowie auch von den Büchern der Reihe.

Rezension:

Für spannungs- und wendungsreiche Thriller, die sich im Blick auf Protagonisten und Handlung überkreuzen und dennoch unabhängig von einander gelesen werden können, zudem immer wieder in Verknüpfung zu Werken anderer Autoren, gibt es zurzeit eine adresse und die liegt im Droemer Knaur Verlag mit dessen Autoren von Sebastian Fitzek bis Michael Tsokos.

Man kennt sich untereinander, tauscht sich aus und schafft zumeist sehr lesenswerte Trilogien. Für die Leserschaft ergeben sich damit folgende Fragen. Ist dies etwas für mich? Womit beginnen? Zumindest den Erzähl- und Schreibstil von Michael Tsokos kann man nun antesten. Mit „Kaltes Land“ hat der Autor eine lesenswerte Kurzgeschichte geschaffen.

Beginnen umfangreichere Thriller aus seiner Feder zunächst eher gemächlich, steigt man hier direkt in eine Handlung ein, die schon nach wenigen Zeilen Fahrt aufnimmt. Aus wechselnden Perspektiven wird schnell eine Handlung aufgebaut, die in sich schlüssig ist und natürlich die Rechtsmedizin, Fachgebiet des Autoren, als Hintergrund hat. Allzu blutig wird es dabei nicht, dennoch lassen genug Details Schauer aufkommen, wenn auch der Fokus auf die ermittelnde Hauptprotagonistin außerhalb ihres Spezialgebiets gelegt wird.

Das funktioniert wunderbar. Stakkatohaft reihen sich die Kapitel aneinander und erzählen nicht ganz so wendungsreich, wie gewohnt, die Geschichte. Schnell überliest man da Details, manches wünscht man sich im Nachhinein ausführlicher dargestellt. Einen Langroman mit der Handlung ist gut vorstellbar. Manche Wechsel wirken zu abrupt. Das fällt dies bei dieser Kurzgeschichte nicht ganz so stark ins Gewicht, gibt aber ein Gefühl für Tsokos‘ Art, seine Erzählungen wirken zu lassen.

Wer dann noch mehr lesen möchte, kann Rechtsmedizinerin Sabine Yao als eine der zahlreichen Figuren in den anderen Thrillern verfolgen.

Autor:

Michael Tsokos wurde 1967 in Kiel geboren und ist ein deutscher Rechtsmediziner und Professor an der Charite in Berlin. Er leitet seit 2007 das dortige Institut für Rechtsmedzin, gleichzeitig das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berrlin-Moabit. Zudem ist er Leiter der Gewaltschutzambulanz der Charite.

1998-99 nahm er an der Exhuminierung und Identifizierung von Leichen aus Massengräbern des Bosnienkrieges und im Kosovo teil, 2004-05 war er im Auftrag des Bundeskriminalamtes zur Identifizierung der Tsunami-Opfer in Thailand täig. Er ist Autor mehrerer Fachzeitschriften, populärer Sachbücher und Mitautor mehrerer Thriller. Seit 2014 ist er Botschafter des Deutschen Kindervereins. Tsokos lebt mit seiner Familie in Berlin.

Leipzig liest extra 2021: So war die Ersatz-Buchmesse

Nachdem pandemiebedingt die Leipziger Buchmesse zuerst verschoben und dann ausfallen musste, fand sie nun an zum dafür vorgesehenen Zeitpunkt in kleineren Rahmen statt. Ganz wenige Veranstaltungen mit Publikum, die meisten Präsentationen und Diskussionen online, per Stream und zum späteren Schauen nochmals abrufbar, von den üblichen Verdächtigen der Öffentlich-Rechtlichen, Verlagen und AutorInnen.

Ein Format, welches sich auch für künftige Buchmessen als Ergänzung denken lässt. Natürlich kann das eine physische Buchmesse nicht vollständig ersetzen, aber die Wahl zu haben, noch mehr als bei den vergangenen Messen und bei dieser, ist schon etwas Wunderbares.

So können auch diejenigen, die kein bezahlbares Hotelzimmer finden, an der Buchmesse teilnehmen, ebenso jene, die sich nicht gerne unter Menschenmassen begeben oder irgendwie eingeschränkt sind. Von dieser Warte aus wäre zu wünschen, das ausgebaut wird, was die letzten Jahre so nebenher lief und dieses Jahr allen Literaturbegeisterten ein wenig Messe-Atmosphäre beschafft hat.

Im Rahmen des diesjährigen, so genannten „Leipzig liest extra“ gab es, neben der Verleihung der hiesigen Literaturpreise, zahlreiche Veranstaltungen und Diskussionen (allesamt online oder per Stream), die sicher nicht nur meine Wunschliste haben, wachsen lassen. Diese und Anregungen in diversen Gesprächen werden die kommenden Wochen bestimmen, nebst den ohnehin schon angefragten Werken, auf die ich mich schon freue, sie hier zu präsentieren.

Bleibt zu hoffen, dass sie sich dann auch genau so gut lesen lassen. Natürlich lässt sich auch das nicht immer vermeiden, zumal der Eindruck von einer direkten Messe fehlt, wo man mal eben schnell durch das Buch blättern kann. Für mich ist das ergiebiger als eine Leseprobe irgendwo online durchzusehen. Aber auch das wird sich zeigen.

Euer findo.

Matthias Glaubrecht: Eskapaden der Evolution

Inhalt:

Rasant verändert der Mensch die Bedingungen der Evolution, und während viele Arten noch gar nicht entdeckt sind, nimmt das Artensterben immer dramatischere Ausmaße an. Dem drohenden „Ende der Evolution“, von dem der Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht in seinem gleichnamigen Bestseller schreibt, stellt er in diesem Buch die Schönheit, Vielfalt und auch die Launen der Natur gegenüber.

In 36 kurzen Kapiteln präsentiert der Zoologe Tierisches, Allzutierisches aus dem Kuriositätenkabinett der Evolution, leicht verständlich und mit einer gehörigen Prise Humor – von Sauriern mit vier Flügeln über die jährlich neuen Minnelied-Schlager der Buckelwale bis hin zu Frauenkommunen bei den Bonobos, die mit Sex das soziale Miteinander fördern. (Klappentext)

Rezension:

Noch immer stellt unsere Welt Wissenschaft und Forschung vor diversen Rätseln. Ein Großteil der Tiefsee ist noch nicht erforscht, die Menschwerdung nicht restlos aufgeklärt und auch in der Entwicklungsgeschichte, bis hin zum Aussterben der Dinosaurier existieren noch zahlreiche Fragen. Auch sind Naturwissenschaftler sich heute sicher, ein Großteil der existierenden Arten auf unserem Planeten ist noch gar nicht entdeckt.

Das ist ein Problem. Ausgerechnet das erfolgreichste Lebewesen auf der Erde entzieht immer mehr von ihnen die Existenzgrundlagen und damit bald auch sich selbst. Welche Wunder gibt es also zu bewahren? Welche Fragen zu klären? Warum ist es notwendig, das Leben, die Flora und Fauna der Erde, zu schützen und welche Sonderbarkeiten gilt es zu entdecken? Der Wissenschaftler Matthias Glaubrecht nimmt uns mit auf eine wundersame Reise.

In übersichtlich, nur lose zusammenhängenden Kapiteln präsentiert der Autor uns Wunder und Kuriositäten der Evolutionsgeschichte, klärt, warum einige heute lebende Vögel den ehemals über den Planeten herrschenden „Schreckensechsen“ ähnlich sind und das Klonen von Mammuts (vorerst) ein Wunschdenken bleiben wird, was dies für die bedrohten Tierarten von heute und damit auch für die Biodiversität der Erde bedeutet. Er zeigt auf, warum eine Mähne Löwenmännchen in eine Zwickmühle bringt, warum Frauen länger leben als sie Kinder bekommen können und was es mit dem Krieg der Schnecken auf sich hat.

Diese und viele andere Anekdoten lassen sich über das Leben auf der Erde erzählen. Matthias Glaubrecht tut dies zuweilen mit einer Prise Humor, jedoch immer mit dem Zeigefinger, dass ausgerechnet der Mensch dabei ist, dies zu beenden und dabei evolutionäre Prozesse in einer Geschwindigkeit zu überholen, die die Natur nicht vorgesehen hat. Angesichts der Wunder, die wir zerstören, geht man aus der Lektüre einigermaßen benommen heraus.

Der Autor indes konnte sich nicht entscheiden, in welchem Grundton dieses für das Laienpublikum gehaltene Werk gehalten werden sollte. So wirkt dies, wenn hochkomplex zu lesende Passagen sich mit humorvollen Kapiteln abwechseln, nur um dann wieder Kapitel mit erhobenen Zeigefinger zu lesen. Hier hätte eine gewisse Einheitlichkeit in der Vermittlung der Thematik eine bessere Wirkung erzielt, zumal bestimmte Inhalte ruhig etwas ausführlicher behandelt hätten werden können.

Vielleicht ergibt sich ein anderer Eindruck, legt man den zuvor erschienen Band „Das Ende der Evolution“ daneben, so aber bleibt ein Gefühl der Unvollständigkeit. Daher, ohne dieses zu kennen, die Empfehlung, es zuerst zu lesen. Andernfalls fehlt ein Puzzleteil. Und dies ist ja in der Evolutionsforschung oft genug der Fall. Die Erkenntnis kommt jedoch rüber.

Autor:

Joachim Matthias Glaubrecht wurde 1962 geboren und ist ein deutscher Zoologe, Wissenschaftsjournalist und Autor. Zunächst studierte er in Hamburg Biologie, wo er 1990 sein Diplom erlangte und vier Jahre später promovierte. 1996 war er Gast am Australian Museum in Sidney, später dann Mitarbeiter und Kurator beim Naturkundemuseum Berlin.

2011 habilitierte er an der Humboldt-Universität Berlin. Im Jahr 2014 wurde er zum Direktor des Centrums für Naturkunde ernannt. Er forscht über evolutionäre Systematik, historische Biogeografie und Morphologie, sowie Wissenschaftsgeschichte der Biologie. Zudem ist er für Zeitungen und Zeitschriften als Wissenschaftsjournalist tätig und Autor mehrerer populärwissenschaftlicher Werke.

Götz Aly: Das Prachtboot

Inhalt:

Neben Denkmälern und Straßennamen zeugen zauberhafte Museumsobjekte von den einstigen Kolonien – doch wie sind sie zu uns gekommen und woher stammen sie? Götz Aly deckt auf, dass es sich in den allermeisten Fällen um koloniale Raubkunst handelt, und erzählt, wie brutal deutsche Händler, Abenteurer und Ethnologen in der Südsee auf Raubzug gingen. So auch auf der Insel Luf: Dort zerstörten sie Hütten und Boote und rotteten die Bewohner fast vollständig aus. 1902 rissen Hamburger Kaufleute das letzte, von den Überlebenden kunstvoll geschaffene, hochseetüchtige Auslegerboot an sich. Heute ist das weltweit einmalige Prachtstück für das Entree des Berliner Humboldt Forums vorgesehen.

Götz Aly dokumentiert die Gewalt, Zerstörungswut und Gier, mit der deutsche »Strafexpeditionen« über die kulturellen Schätze herfielen. Das Publikum sollte und soll sie bestaunen – aber bis heute möglichst wenig vom Leid der ausgeraubten Völker erfahren. Ein wichtiger Beitrag zur Debatte über Raubkunst, Kolonialismus und Rassismus und zugleich ein erschütterndes Stück deutscher Geschichte. (Inhaltsangabe lt. Verlag)

Rezension:

Wer die Museen der Hauptstadt Papua Neuguinea besucht, dem wird leicht auffallen, wie oft sich diese mit Repliken von Kunst- und Alltagsgegenständen der dort einst lebenden Bevölkerung behelfen müssen. Die Originale lagern anderswo, zumeist in den großen Museen europäischer Städte, ein nicht unerheblicher Teil in Berlin. Dies liegt in der Geschichte begründet, dem Streben der europäischen Mächte, zu Zeiten des Imperialismus, nach Kolonien. Auch die Deutschen waren daran ausgiebig beteiligt.

Die Führungsschicht strebte nach „einem Platz an der Sonne“. Leidtragende waren die Urvölker Afrikas und der Südsee. Erstere kämpfen mittlerweile um die Rückgabe dessen, was ihnen gehört. Verhandlungen laufen um die Rückführung verschiedener Kunstschätze etwa nach Ägypten oder Benim. Doch, die europäischen Museen tun sich schwer mit ihrer Verantwortung vor der Geschichte. Der Historiker und Journalist Götz Aly zeigt dies am beeindruckenden Beispiel eines Auslegerboots, welches ursprünglich auf der Insel Luf gebaut und genutzt wurde und heute im neuen Humboldt-Forum in Berlin zu bestaunen ist.

Minutiös erzählt der Autor ein vergessenes, ja verdrängtes grausames Stück Kolonialgeschichte und zeigt, wie skrupelos die Deutschen mit der Urbevölkerung der ihnen zugeteilten Gebiete des heutigen Papua-Neuguineas umgingen, sie betrogen und mit ihrer Gier nach Kunstschätzen für ihre Privatsammlungen und Museen den dort beheimateten Menschen ihre Lebensgrundlage raubten. Er erläutert das verdrängte Kapitel deutscher Strafexpeditionen, die die Einwohnerschaften ganzer Inseln dezimierten und zeigt die grausamen Folgen des Kolonialismus in all ihren Ausprägungen.

Götz Aly geht dabei auf die Widersprüche ein, die die Kolonialisten selbst sahen, aber mit ihrem Weltbild und Gewissen vereinbaren konnten, berichtet über Gegner dieser Praktiken, die es damals schon gab und die Scheinheiligkeit, mit der deutsche Museumsdirektionen heute noch die Ansprüche der Nachfolgestaaten wegdiskutieren. Im Anhang des mit einer ausführlichen Quellenangabe versehenen Sachbuchs befindet sich zudem eine Sammlung von Kurzbiografien der damals verantwortlichen Akteure.

Verständlich werden die Hintergründe erläutert, die Umstände und das Wirken der Deutschen in ihren in der Südsee gelagerten Kolonialgebieten, welche anhand des erwähnten Exponats für den Laien verdeutlicht werden. Als Einstieg in die Thematik ist das Werk eben so geeignet, wie als Ergänzungsliteratur für jene, die sich bereits mit der Thematik beschäftigt haben. Danach zumindest wird man die Ausstellungsobjekte ethmologischer und völkerkundlicher Museen mit anderen Augen betrachten.

Autor:

Götz Aly wurde 1947 in Heidelberg geboren und ist ein deutscher Politikwissenschaftler, Historiker und Journalist. Seine Themenschwerpunkte sind nationalsozialistische Rassenhygiene, Holocaust und Wirtschaft der NS-Diktatur, sowie Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts.

Nick Reimer/Toralf Staud: Deutschland 2050 – Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird

Inhalt:

Aprikosen aus Hamburg, öffentliche Kühlräume für Berlin. Steppenlandschaft in Brandenburg, Tigermückenplagen im Rheinland. Starkregen und Sturzfluten, Waldsterben, ausgetrocknete Seen. Der Klimawandel wird Deutschland schon bis 2050 tiefgreifend verändern. Was genau uns erwartet, beschreibt dieses Buch auf der Basis neuester Forschungserkenntnisse. (Klappentext)

Rezension:

In den letzten Jahren haben sich extreme Wetterwechsel die Klinke in die Hand gegeben. Örtlich begrenzt versinken Orte in einem Jahr für kurze Zeit im Schneechaos, während anderswo die Bewohner mit heftigen Regenfällen und Überschwemmungen zu kämpfen haben. Wieder andernorts fehlt Wasser in der Landwirtschaft und müssen die Menschen mit Hitzewellen zurecht kommen. Der Klimawandel ist keine abstrakte Bedrohung mehr. Er findet längst statt.

Nur, was bedeutet dies konkret für unser Leben. Die Journalisten und Autoren Toralf Straud und Nick Reimer haben recherchiert, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammengetragen und mit Experten verschiedener Fachgebiete gesprochen. Herausgekommen dabei ist ein Blick in eine nicht all zu ferne Zukunft.

Zunächst, in diesem Sachbuch geht es nicht darum, wie Klimaschutz betrieben werden kann, also wie sich z.B. der Ausstoß von Treibhausgasen verringern lässt und hebt sich damit wohltuend von anderen vergleichbaren Werken ab. Auch wird sich nicht primär auf Ursachenforschung begeben. Hier liegt die Konzentration ganz konkret auf die Frage, wie unser Leben unter sich wandelnden Bedingungen gestaltet, wenn wir heute mit ein wenig oder viel mehr Klimaschutz beginnen würden, so dass sich die Erwärmung der Erde auf ein paar Grad begrenzen lassen würde und was dies für uns in Deutschland bedeutet.

Es wird ein Blick in die Zukunft gewährt, der als gesichert gelten darf. Da klimatische Veränderungen mit Verzögerungen ob der Ursachen auftreten, ist der Wandel, der auf uns zukommt, schon längst menschengemacht.

Hier beginnen die Autoren mit eiem Szenario, welches unser Leben im Jahr 2050 zeigt. Feingliedrig schildern Staud und Reimer, wie sich unser Leben in den Städten wandeln wird, mit welchen Problemen wir auf dem Land zu kämpfen haben werden, was die Änderungen für den Wald vor unserer Haustür etwa bedeuten, für Transportwege oder für die Landwirtschaft. Unaufgeregt übersetzen sie Studien verschiedenster Seiten, auch von Unternehmen, denen man jetzt kaum Öko-Affinität nachsagen dürfte, in ein verständliches Gesamtbild und zeigen die ersten Anzeichen auf, die uns schon heute begegnen.

Dass viele Tier- und Pflanzenarten im Regenwald oder in den Korallenriffen Fischarten durch menschliche Eingriffe und dem Klimawandel dezimiert und teilweise ausgerottet werden, bevor überhaupt die Chance bestand, sie zu entdecken, ist landläufig bekannt. Wie sieht es mit dem Überleben aber von einheimischen Insekten, den Bienen und Hummeln etwa, aus oder Vogelarten, wie den Kuckuck?

Kann ruhig aufgeklickt werden. Spoiler nur, wegen der Lesbarkeit des Haupttextes. Das Beispiel Kuckuck näher ausgeführt:

Spoiler

Der Kuckuck legt seine Eier in fremde Nester und lässt diese von den Wirtsvögeln ausbrüten. Das Küken wirft die Eier der Wirtseltern aus dem Nest und bleibt als einziges übrig. Nun ist der Kuckuck ein Zugvogel, der sich jedoch bislang nicht an die verändernden Vegetationsperioden hierzulande anpassen konnte. Hier bleiben immer häufiger Forstperioden aus, das Nahrungsangebot ändert sich. Viele Vogelarten brüten früher.

Wenn der Kuckuck aus Afrika zurückkommt, sind die meisten seiner Wirtstiere schon mit der Aufzucht ihrer Jungen beschäftigt. Dem Kuckuck fehlt die Möglichkeit, seine Eier dazu zu legen. Eine beliebige Auswahl hat dieser aber nicht, da er seine Eier nur zu der Vogelart legt, bei der er selbst aufgezogen wurde (und somit sichergestellt wird, dass die Eifarbe ungefähr gleich ist). In Folge geht die Anzahl der Kuckucks stetig zurück.

[collapse]

Welche Probleme bringen immer häufigere Wetterwechsel der Extreme in den Städten mit sich? Wird es auch in Deutschland Probleme mit dem Grundwasserhaushalt geben? Wie wird unser Wald in ein paar Jahren aussehen? Was bedeutet es für unsere Wirtschaft, Handelswege und Energieversorgung, wenn selbst große Flüsse immer weniger Wasser führen und sich die Fließgeschwindigkeit verringert? Die Autoren reihen diese und andere Fragen gleichsam einer Perlenkette aneinander und zeigen, wie bereits heute in verschiedenen Bereichen versucht wird, zu reagieren.

Nick Reimer und Toralf Staud werten dabei nicht, die Sprache wirkt zwar eindringlich, meist jedoch sehr nüchtern. Sie zeigen, warum es uns Menschen schwerfällt, in längerfristigen Zeiträumen Konsequenzen zu überdenken und warum für viele der Klimawandel zumindest noch für Deutschland kein großes Problem zu sein scheint, es jedoch dringend auf die Agenda gehört. Denn, so viel wird klar, einige der Konsequenzen werden unvermeidlich auf uns zukommen, die anderen können wir nur versuchen, abzumildern.

Es braucht solch eine nüchterne Beschreibung, wenn es darum gehen soll, Grundlage für Diskussionen und Verständnis zu schaffen, vor allem aber auch, da nicht alle Zeit, Muße und wissenschaftliche Kompetenz besitzen, um wissenschaftliche Studien in konkret formuliertes zu übersetzen. Die Autoren haben sich die Zeit genommen. Der Anhang ist eine öffentlich zugängliche und beeindruckende, unterstützende Auflistung von Quellen.

Wer sich dieses Buch zur Hand nimmt, wird danach mit anderen Augen durch den heimischen Wald gehen, durch angelegte Parks und Gärten, vielleicht auch die Dach- oder Kellerwohnung seines Wohnhauses anders betrachten. Ein nicht mit dem erhobenen Zeigefinger geschriebener Antrieb, dass wir uns ändern, ist das. Nicht mehr, nicht weniger.

Autoren:

Nick Reimer wurde 1966 geboren und ist ein deutscher Journalist und Autor. Während der Wende 1989/90 gründete er in Freiberg die erste überregionale Umweltzeitschrift der DDR und war Mitbegründer des Neuen Forums Mittelsachsens. Nach Abschluss seines Studiums begann er 1993 ein Volontariat bei der Berliner Zeitung, arbeitete ab 1996 für die Morgenpst und 1998 als Korrespondent der taz.

Von 2000-2011 war er als Wirtschaftsredakteur für die Themen Klima und Energie zuständig und arbeitete zusätzlich für andere Medien als freier Journalist. Er erhielt, gemeinsam mit Toralf Staud, den Otto-Brenner-Preis, 2012, in der Kategorie Medienprojekte. 2014 hatte er einen Lehrauftrag für Nachhaltigkeit und Journalismus an der Universität Lüneburg.

Toralf Staud wurde 1972 geboren und ist ein freier Journalist und Buchautor. Zunächsst war er bei der Altmark Zeitung tätig, studierte dann von 1991 bis 1998 Journalistik und Philosophie in Leipzig und Edinburgh.

Währenddessen arbeitete er für die zeitung Die Zeit und diverse Medien, schließlich von 1998 an als Polit-Redakteur für Die Zeit in Hamburg und Berlin. Seine Themen sind hauptsächlich der Klimawandel und die extremen Rechten. Für seine Recherche über die staatliche Reaktion auf Gwalt in Flüchtlingsunterkünfte würde er 2016 gemeinsam mit Kollegen mit dem Reporterpreis, in der Kategorie Datenjournalismus, ausgezeichnet.

G.D. Abson: Natalja Iwanowa 1 – Tod in Weißen Nächten

Inhalt:

Diese Stadt kann tödlich sein. Eine junge Frau verschwindet im Halblicht der Weißen Nächte Sankt Petersburgs. Kommissarin Natalja Iwanowa wird beauftragt, dem Verschwinden der schwedischen Studentin nachzugehen. Unter Hochdruck ermittelt sie, da der Vater des Opfers extrem vermögend ist und ihre Chefs einen schnellen Ermittlungserfolg wollen.

Der Fall scheint gelöst, als sie eine komplett verbrannte Leiche finden. Neben den Überresten: Zena Dahls Handtasche, auf der Fingerabdrücke sichergestellt werden können. Doch Natalja ist sich sicher, dass jemand im Hintergrund die Fäden zieht und setzt alles daran, die wahren Zusammenhänge aufzudecken. Und bringt damit nicht nur ihr eigenes Leben in Gefahr. (veränderte Inhaltsangabe)

Bücher der Reihe:

G.D. Abson: Natalja Iwanowa 1 – Tod in Weißen Nächten

[collapse]

Rezension:

„Alle taten so, als wären sie jemand anderes, und niemand war noch er selbst.“

G.D. Abson: Natalja Iwanowa 1 – Tod in Weißen Nächten

Die Stadt und ihre glänzenden Fassaden sind Kulissen für Ränkespiele der Mächtigen und jenen, die ein Stück vom großen Kuchen abhaben möchten. In solch einer Gesellschaft integer zu bleiben, ist nicht einfach, zuweilen unmöglich. Doch die Hauptprotagonistin Natalja Iwanowa, dieses neuen Autoren-Debüts, versucht genau das. Auftakt einer Krimireihe durch die Straßen Sankt Petersburgs.

Wer an klassische Kriminalromane oder Ermittlungsgeschichten denkt, mag zunächst im englischsprachigen oder skandinavischen Raum spielende Werke im Blick haben. Doch auch anderswo lassen sich Erzählungen dieses klassischen Genres ansiedeln.

G. D. Abson zeigt uns, wie dies aussehen kann. Sein gewählter Schauplatz ist nichts weniger als Russlands Tor zum Westen und, wie man bereits nach wenigen gelesenen Seiten merkt, gut gewählte Kulisse, in die sich sowohl ein spannendes Szenario unterbringen, als auch der Zwiespalt beschreiben lässt, in dem die gesamte russische Gesellschaft seit den 1990er Jahren steckt. Wie lebt es sich im Versuch, ehrlich zu bleiben, in Putins Russland?

Hauptprotagonistin, ist die einer klassischen Ermittlerin, die abgesehen von ihren privaten Problemen auch noch mit undurchsichtigen Vorgesetzten zu kämpfen haben. Schon zu Beginn erahnt man die Ränkespiele, die sich von Seite zu Seite immer mehr anhäufen, und die Handlung beeinflussen werden. Dabei ist Natalja Iwanowa zunächst die einzige Figur, die Sympathieträgerin ist, zugleich vielschichtig beschrieben und für die Leserschaft fassbar gemacht wird.

Die Handlung indes wird mit fortschreitendem Verlauf immer rasanter. Der Zwiespalt der Protagonisten immer deutlich sichtbarer. Hier hilft, dass der Autor zuvor Einblicke aus anonym gehaltener Quelle (so das Nachwort) aus dem russischen Polizeialltag erhalten hat. G. D. Abson beschreibt, wie Willkür und Korruption die Arbeit von ermittelnden Personen beeinflussen und was dies mit einer Gesellschaft macht, in der man praktisch gezwungen ist, sich selbst der Nächste zu sein. Die Ehrlichen bleiben auch hier die Dummen.

Das liest sich rasant. Nur etwas zu oft stolpert man beim Lesen über Absätze und ganze Kapitel mit dem Gefühl, etwas Entscheidendes gerade überlesen zu haben, ohne dies fassen zu können. Hier merkt man dem Autoren sein Debüt an und darf dennoch hoffen, dass sich dies im Verlauf der weiteren Bände einpendelt.

Dies wäre wünschenswert, denn ansonsten weiß Abson die Elemente eines Kriminalromans gekonnt einzusetzen und seine Leserschaft Detail um Detail zu entwirren. Zum Ende hin einzelne Punkte in der Handlung, die überraschen, andere, die hätten nicht sein müssen. Insgesamt jedoch ein solider Auftakt, der sich lohnt, weiter verfolgt zu werden. Spannende Grundlagen und Ansätze für Fortsetzungen wurden hier in jedem Fall gelegt.

Autor:

G.D. Abson wuchs auf Militärbasen in Deutschland und Singapur auf, bevor er nach Großbritannien zurückkehrte und unter anderem Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Russland studierte. Heute lebt und arbeitet er als selbstständiger Business-Analyst im Süden Englands. «Tod in Weißen Nächten» ist sein Debüt.

Billie Eilish: Billie Eilish

Inhalt:

Die legendäre Musikerin Billie Eilish gewährt in diesem wunderschön und ausgiebig bilderten Buch einen intimen Einblick in ihr Leben – sowohl auf als auch abseits der Bühne. Jedes einzelne Foto wurde von Billie selbst sorgfältig ausgewählt und angeordnet und greift für sie persönlich bedeutsame Momente auf. Abgerundet durch eine Einleitung und Bildunterschriften lässt uns Billie an ihren Gedanken zu der abenteuerlichen Reise, die sie bis jetzt bestritten hat, teilhaben. (Klappentext)

Rezension:

Was soll man hierzu sagen? Fan-Bücher gehören zum Merchandise, der eine Art Nähe und Verbundenheit suggerieren soll, die so nicht vorhanden ist, doch natürlich funktioniert das. Warum auch nicht? Ist nicht jede Person BewundererIn für etwas oder irgendwen und saugt man von Idolen nicht jeden Schnipsel an, wie auch immer gearteten, Informationen auf?

Die Sängerin Billie Eilish macht daher alles richtig und gibt ihren Fans nun mit diesem gleichsalm als Fotoalbum konzipierten Buch Einblick in ihr Leben, welches sie ansonsten unter Verschluss hält. Sie selbst ist es gewesen, so im von ihr selbst geschriebenen Vorwort, die die Bilder ausgewählt hat, die ihren Weg von der Geburt, über Kindheit bis hin zu Proben aufzeigen, für eine Tournee, die pandemiebedingt nicht stattfinden sollte.

Billie Eilish bestimmt damit die Wahrnehmung über sich selbst, genau so, wie ihre Social Media Kanäle durchdacht und Konzerte durchgeplant sind. Kontrastreiche Fotos zeigen mal ruhige und bewegende Momente, eine unglaubliche Serie von Fuß- und Knöchelverletzungen. Das ist toll anzusehen und sicherlich ein wertvoller Schatz in jeder Sammlung von Fan-Devotionalien und hat sicherlich seine Berechtigung.

Andere werden eh nicht dazu greifen. Berechnend oder nicht, die Zusammenstellung gefällt und gewährt mehr Einblick, als sie Stars sonst zulassen, was sicherlich auch der Welt der Social Media geschultet ist, in der die Sängerin aufgewachsen ist. Wie sehr muss man sich heute als KünstlerIn im Gespräch halten, wie sehr die Berichterstattung über sich kontrollieren? Diese Fragen darf man durchaus stellen. Solche Bücher geben eine Ahnung, wie eine Antwort ausfallen könnte.

Autorin:
Billie Eilish (eigentlich: Billie Eilish Pirate Baird O’Connell) wurde 2001 in Los Angeles geboren und ist eine US-amerikanische Singer-Songwriterin, die Mitglied eines Kinder- und Jugendchores war und 2015 ihre erste Debütsingle veröffentlichte. 2019 kletterte ihr Album auf Platz 1 der Charts. Bei den Grammy-Awards gewann sie 2020 in allen Hauptkategorien.

Guido Knopp: Schampus für alle – ALDI – Eine deutsche Geschichte

Inhalt:

Die beiden Brüder Karl und Theo Albrecht schaffen ein nachkriegsdeutsches Wirtschaftswunder. Aus einem kleinen Krämerladen im Herzen des Ruhrgebiets formen sie einen milliardenschweren Weltkonzern. Mit einem schmalen, dafür aber gut sortierten Sortiment und niedrigen Preisen locken sie die Kunden ins Geschäft. Mitte der 70er-Jahre gibt es schon kaum eine deutsche Stadt mehr, die keinen ALDI-Markt hat.

Doch die permanente Konstenminimierung geht zu Lasten von Mitarbeitern, Lieferanten und der Umwelt. Dennoch hat das System ALDI mehr als 60 Jahre lang Konsumverhalten und Esskultur der Deutschen wesentlich geprägt. Der Aufstieg der Albrechts erzählt deshalb auch von unserem Land. (Umschlagstext)

Rezension:

Wer durch die Straßen des Essener Vororts Schonnebeck geht, läuft mitunter an einem unscheinbaren Gebäude vorbei, in dem einst die Geschichte eines Weltkonzerns und nicht zuletzt, die zweier Brüder, begann. Heute befindet sich dort kein Ladengeschäft mehr. Zu klein, zu eng waren die Räumlichkeiten geworden. Nicht mehr zeitgemäß. Doch, hier entwickelten Karl und Theo Albrecht ein Konzept, welches die Gewohnheiten der Deutschen über Jahre prägen sollten und exportierten es von dort, fast immer erfolgreich, in die Welt.

Beinahe nirgendwo sind Lebensmittel so günstig zu erwerben, wie in Deutschland. Dass dies so ist, hat Gründe, die in der Geschichte unseres Landes liegen, ebenso wie im Denken zweier Brüder, deren Erfolg sie bis zu ihrem Tode immer wieder Spitzenplätze auf der Liste der reichsten Deutschen einnehmen ließ.

Ein Segen für jene, dieses Geschäft, die mit einem schmalen Budget haushalten müssen, mitunter ein Fluch für Mitarbeiter, Lieferanten und die Umwelt. Der Journalist und Historiker Guido Knopp hat sie recherchiert, diese Geschichte, ehemalige Wegbegleiter der Albrechts befragt und Wendepunkte im Leben der beiden Brüder beleuchtet. In seinem neuen Werk zeigt er auf, wie der Konzern zu einem weltumspannenden Unternehmen wurde und wo ran Theo und Karl Albrecht junior mitunter scheiterten.

Nicht gerade ein Wirtschaftskrimi zeigt der Autor dennoch auf, wie spannend Wirtschaftsgeschichte sein kann und schließlich auch die von Personen. ALDI ist das eine, wie das andere. Verschwiegen fast immer, nach außen ruhig, im Inneren schon einmal turbolent.

Minutiös beschreibt er den Werdegang der Albrechts, beginnt die Schilderung mit einem Wendepunkt und verfolgt dann den Weg der beiden über Jahrzehnte. Das ist unterhaltsam und bezeichnend, nicht zuletzt in Bezug auf das Konsumverhalten der Deutschen, welches sie wesentlich prägten. Knopp zeigt aber auch, dass selbst den Erfolgsverwöhnten nicht immer alles gelang und der Konzern heute von mehreren Seiten vom Jäger zum Getriebenen wurde.

In übersichtlichen und kurzweilig formulierten Kapiteln erzählt Guido Knopp die Geschichte zweier Brüder und irhes Unternehmens, beschönigt dabei nichts und erzählt dabei auch etwas über uns Deutsche. Nach dem jahrelang politischen Fokus jetzt einmal diesen Blick einzunehmen, ist durchweg unterhaltsam.

Einige Themen hätten jedoch ausführlicher behandelt werden können. Aufgrund der Schweigsamkeit der jenigen, bei denen die Quellen liegen, ist dies jedoch vermutlich nicht gegeben gewesen. Wer deutsche geschichte jedoch aus einem anderen Blickwinkel erleben möchte, nehme dieses Werk.

Autor:

Guido Knopp wurde 1948 in Treysa, Hessen, geboren und ist ein deutscher Journalist, Historiker, Publizist und Fernsehmoderator. Er studierte Geschichte, Politik und Publizistik in Frankfurt/Main, Amsterdam und Würzburg. Nach seiner promotion war er Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 1978 wechselte er zum ZDF.

Seit 1984 leitete er die Redaktion „Zeitgeschichte“ und schuf zahlreiche Fernsehreihen und Dokumentationen. Seit 2010 ist er Vorsitzender des Vereins „Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation.“, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Erinnerungen von Zeitzeugen für die Nachwelt festzuhalten. Er lehrt Journalistik u.a. in Gießen und lebt mit seiner Familie in Mainz.