Wolfgang Niess: Schicksalsjahr 1925

Inhalt:
Wahlen entscheiden über das Schicksal von demokratien. Das ist heute wieder so bewusst, wie lange nicht. Kommen die Falschen in höchste Ämter, können Demokratien scheitern. Im April 1925 wählen die Deutschen Paul von Hindenburg zu ihrem Reichspräsidenten und legen damit eine Zeitbombe, die 1933 mit zerstörerischer Gewalt explodieren sollte. Wolfgang Niess zeigt, wie es dazu kam, und warum Hindenburg zum Totengräber der ersten deutschen Demokratie wurde. (Klappentext)

Rezension:
Heute haben Techbosse aus Übersee das Heft des Handelns an sich gerissen und spielen das Playbook der Zerstörung demokratischer Gesellschaften. Gemeinsam mit willfährigen Politikern der Neuen Rechten demontieren sie um der Macht und Einfluss willens Pluralismus und Vielfalt. Und jene, die sie vertreten, schauen gebannt der Zerstörung zu, wie die Kaninchen vor der Schlange, die diese Akteure nicht ernstnehmen und erst, wenn es zu spät ist, begreifen, was sie verloren haben. Das kann man derzeit in den USA erleben, in anderer Ausprägung in Teilen von Europa. Dort aber, müsste man es eigentlich besser wissen, denn bereits 1925 spielten rechte Kräfte dieses Playbook schon einmal durch. Und führten damit den Kontinent und schließlich auch die Welt in den Abrgund hinein.

Der Schriftsteller und Historiker Wolfgang Niess nimmt uns mit auf eine Zeitreise ins Jahr 1925, dessen Verlauf Steine ins Rollen brachten, die in der Rückschau schwere Folgen für die erste Demokratie auf deutschen Boden gehabt haben. Als der erste Reichspräsident der Weimarer Republik sahen rechte Kräfte um den Vordenker und Strategen Friedrich von Loebell ihre Chance gekommen, um ihren Kandidaten zu platzieren, der erst einmal in Amt und Würden gebracht, den Staat aus den Angeln heben und nachhaltig verändern sollte. Doch, wie kam es dazu, dass deren Wahl ausgerechnet auf Hindenburg fiel?

Was trieb sie, was trieb ihn an, sich einer Wahl zu stellen, deren Zeiger zu Beginn eher zu Gunsten republikanischer denn revanchistischer Kräfte standen? War Hindenburg wirklich nur Wachs in den Händen von schlechten Beratern? Welche Ziele verfolgte der alte „Held von Tannenberg“, der mehr propagandistische als militärische Fähigkeiten besaß, als man teilweise noch heute glauben möchte?

Diesen Fragen geht der Autor auf die Spur, von der wirtschaftlichen und politischen Ausgangslage her, in der sich das Deutsche Reich in seinen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg befand und erzählt das Spiel der Kräfte von seinen Akteuren her. Loebell und Hindenburg auf der einen Seite, deren Persönlichkeiten sehr strukturiert analysiert werden, auf der anderen Seite, die falsche Entscheidungen fällten und damit in Fallen liefen, deren schmerzhafte Folgen sie acht Jahre später zu spüren bekamen.

Dabei zeigt Wolfgang Niess, dass Hindenburg keineswegs alternativlos gewesen ist, auch mit offenen Karten spielte, die nicht nur ausländische Kräfte durchaus sahen, sondern eine Geselllschaft nur allzu bereit war, mögliche Folgen zu übersehen, politische Kräfte zunächst an ein Arrangement glaubten, welches letztlich nicht eingehalten werden sollte. In kompakten Kapiteln, anhand der Betrachtung der politischen Situation des Jahres 1925, der Wirtschaft, gleichermaßen Opposition und Träger der Demokratie, wird dieses eingebettet im Vor- und Nachher fesselnd dargestellt.

Gut recherchiert zeigt dieses hoch informative Sachbuch, was passiert, wenn man nur einen Moment zu lange die Augen vor der Wahrheit verschließt, und hinterfragt zum Einen das Bild von Hindenburg als Spielball von anderen, sowie das Gedenken an diese Person in heutiger Zeit einerseits, andererseits aber auch indirekt, ob wir nicht heute ähnliche Warnzeichen übersehen und wieder in gestellte Fallen laufen. Genau wie damals. Und so hat Wolfgang Niess hiermit ein wichtiges und sicherlich zu diskutierendes Werk geschaffen.

Interview mit dem Autoren: Hier klicken. (Quelle: Deutschlandfunk)

Autor:
Wolfgang Niess wurde 1952 in Giengen an der Brenz geboren und ist ein deutscher Historiker, Autor und Moderator. Er studierte in Stuttgart und Tübingen Geschichte, Politikwissenschaft, Mathematik und Kommunikationswissenschaften und ist Autor zahlreicher Radio- und Fernsehsendungen, veröffentlichte verschiedene Aufsätze und Buchpublikationen zu Aspekten der zeitgeschichte. Für den SWR und SDR moderierte er Radiosendungen und entwickelte die Veranstaltungsreihe „Autor im Gespräch“ und gehört dem Wissenschaftlichen Beirat des Vereins Weimarer Republik zum Haus der Weimarer Republik an.

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Jörg Baberowski: Die letzte Fahrt des Zaren

Inhalt:
Ende Februar 1917: In den Palästen Petrograds wird getanzt und in den Opern gesungen, während sich auf den Straßen die Proteste ausweiten und die staatliche Ordnung in Bedrängnis gerät. Doch weil der Innenminister glaubt, alles im Griff zu haben, verlässt der Zar mit seinem glamourösen Hofzug die Hauptstadt. Er sollte sie nie wieder betreten, denn jetzt geht alles ganz schnell, bricht eine unerschütterlich wirkende Herrschaft in wenigen Tagen zusammen. In einem alles mitreißenden Strudel geht das Zarenreich unter und mit ihm alle Alternativen, die Russland in eine andere Zukunft geführt hätten.

Die letzte Woche des Zarenreichs so lebensnah, als säße man im Kino. (Klappentext)

Rezension:
Die 300-jährige Dynastie der Romanows scheint auch in Kriegszeiten unerschütterlich mit beiden Beiden in der Gesellschaft des Riesenreichs verankert, in den man auf den Straßen auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Unterschiede zwischen den Ständen merkt. Die einen leben in prächtigen Palästen in und im Umland von Petrograd, besuchen Opernstücke und Theateraufführungen, die anderen schufften in den Fabriken, die sich an der Newa teilweise in direkter Nachbarschaft wie bei einer Perlenkette aneinanderreihen. Die Differenzen zwischen den Lebenswirklichkeiten beider Welten, sie könnte nicht größer sein.

Schon länger brodelt es unter der Oberfläche der einen leise vor sich hin, von der alten Ordnung kaum beachtet oder ernst genommen. Doch innerhalb weniger Tage kehren sich die Verhältnisse um, versinkt Russland in Anarchie und Chaos und die Herren von einst müssen plötzlich um ihr Leben fürchten. Der Historiker Jörg Baberowski zeichnet in seinem hoch informativen und gut recherchierten Sachbuch das Bild eines Strudels, der sich immer schneller dreht und den sich keiner entziehen kann, sobald dieser die Betroffenen erfasst.

Vorangestellt ist Reflexion jener Tage zunächst ein Zitat von Hannah Arendt, über die Zersetzung de Staatsmacht und warum Revolutionen des Zepter von standhaft geglaubten Systemen übernehmen, welches bezeichnend ist für jene Tage, deren Spuren der Autor nachverfolgt. Dabei schafft Baberowski zunächst einen Überblick über die Situation in der glanzvollen Stadt der Zaren, in der das Leben auch in Kriegszeiten unbeirrt weiterzugehen scheint, zeigt aber auch den Kontrast zum übrigen Russland, der Frontgebiete auf, die für die Regierenden im Fokus stehen, dabei die Lebenswirklichkeiten der Menschen nicht ernstnehmend, was ihnen bald auf die Füße fallen wird.

Es ist ein Land voller Gegensätze, welches anhand der dargestellten Personen deutlich wird, derer wir auf Schritt und Tritt folgen, den weltfremden Komponisten einerseits, der einmal am gleichen Tag wie Stalin unbeachtet von der Welt sterben wird, einem Herrscher, der sich nicht für das Regieren oder gar für Entscheidungen eignet und das Volk, welches unter der sich mehr und mehr zuspitzenden Versorgungslage leidet, auf der anderen Seite.

Diese Gemengenlage ist es, die den Kessel innerhalb weniger Tage zum Explodieren bringen und einen Strudel der Gewalt und Willkür oder, dem bald ehemaligen Zaren zufolge „Lüge, Feigheit und Verrat.“, entfesseln wird und dieses hochspannend formulierte Sachbuch die Chronologie dieser Ereignisse. Auf reicher und vielschichtiger Quellenlage gestützt verfolgt Baberowski, wie Fehlentscheidungen der einen, wie Zufälle und Glücksgriffe, je nach Perspektive, zu den Zusammenbruch eines Systems führten, welches die Welt bis dato noch nicht gesehen hatte und der dessen Verbündete in Zweifel stürzen sollte und ein Land in einen Bürgerkrieg, den schon zu Beginn Hunderte zum Opfer fallen sollten.

Eingerahmt zwischen einer Karte Russlands und Petrograds wechseln die Schauplätze der Handlungsorte jener Tage, wie auch das Tableau an Personen, die plötzlich zu Entscheidern werden, aber auch jenen, die nun in einem Scherbenhaufen stehen, den sie selbst verursacht haben. Der Geschichtswissenschaftler verfolgt dabei vielen Spuren, so dass ein spannendes Portrait dieser Zeit entsteht, welches dazu einlädt, selbstständig zu recherchieren, ob der Leben handelnder Personen oder Orten und Gebäuden, ihrer Historie. Dabei wird hier der Mechanismus eines Zerfalls dargestellt, der sowohl die Schwächen eines starren und nicht zur Wandlung fähigen Systems aufzeigt, andererseits Ausnahemzustand, aber auch, dass die Revolution auch dort nicht halt macht, vor jenen, die sie entfesseln.

Geschichte kann so spannend wie ein Krimi sein, ein Teppich voller Handlungsstränge, bei denen eines zum anderen führt. Klar wird, Revolution und Bürgerkrieg waren nicht gesetzt, nicht einmal der Fall der einst mächtigsten und größten Herrscherdynastie der Welt selbst. Das zeigt Jörg Baberowski in aller Deutlichkeit, ohne entscheidende Details auszulassen und dennoch so kompakt wie möglich uns in jene Tage eintauchen zu lassen. Am Ende wird dabei auf einzelne Akteure nochmals eingegangen, hier hätte ich mir jedoch noch ein kleines Personenregister mit biografischen Informationen gewünscht. Das jedoch fällt nicht wirklich weiter ins Gewicht.

Ansonsten ist die Lektüre allen zu empfehlen, die die Atmosphäre dieser Zeit aus verschiedenen Perspektiven heraus aufgreifen möchten. Man wünscht sich mehr Sachbücher jener Art.

Autor:
Jörg Baberowski wurde 1961 in Radolfzell am Bodensee geboren und ist ein deutscher Historiker und Gewaltforscher. Seit 2002 ist er Professort für die Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er studierte zunächst Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft in Göttingen und war wissenschaftlicher Mitarbeiter am seminar für Osteuropäische Geschichte an der Universität Frankfurt/Main. In Tübingen habilitierte er, mehrere Forschungsaufenthalte u. a. in Finnland und Russland schlossen sich an.

Im Jahr 2001 übernahm er den Lehrstuhl für Osteuropäische Geschhichte in Leipzig vertretungsweise, bevor er nach Berlin wechselte, von 2004-2006, sowie 2007-2009 war er Vorsitzender des Fördervereins des Instituts für Geschichtswissenschaften. Er ist Autor mehrerer Bücher und Aufsätze zur russischen und sowjetischen Geschichte, sowie von Kolumnen in verschiedenen Zeitungen.

2012 erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse, in der Kategorie „Sachbuch“.

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Nicht jede Geschichte hat zwei Seiten.

Janis V. Montreau „Ohnmacht“

Manche Formen von Gewalt sind laut.
Andere sind so leise, dass sie niemand hört – außer dem, der sie selbst erlebt.

Ohnmacht erzählt von einer solchen Geschichte.
Von einem Vater, der zusehen muss, wie ihm alles genommen wird.
Von einer Wahrheit, die sich immer weiter verschiebt, bis sie nicht mehr greifbar ist.
Und von einem Kind, das erfahren muss, dass Liebe auch immer Schmerz bedeutet.

Dieses Buch fordert keine schnellen Urteile.
Es stellt Fragen.
Und es schaut dorthin, wo es wehtut.

Erscheint am: 5. Mai 2026 im Kapitel II Verlag (Forward Verlag Imprint), ISBN: 978-3-91242-700-4, 776 Seiten, Taschenbuch.

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Jesse Falzoi: Creative Writing

Inhalt:
In den USA kann man an zahlreichen Universitäten Creative Writing studieren und wird dabei von namhaften Schriftstellern und Dichtern in allen Bereichen unterstützt. Die Verfasserin hat ein solches Studium in den USA absolviert und ein Buch geschrieben für diejenigen, die auch Zuhause lernen wollen, wie man bewegend, spannend und literarisch schreibt und zum eigenen Lektor wird.

Dieser praktische Ratgeber behandelt jedes Thema, das beginnende und erfahrene Schriftsteller beschäftigt, weit über das rein Handwerkliche hinaus. Schwerpunkte bilden das Zusammenspiel Protagonist/Plot sowie die Vielfalt der Erzählperspektive. Checklisten und Vorlagen, viele praktische Übungen und eine große Bandbreite an Beispielen aus der Weltliteratur begleiten den Leser auf dem Weg zum Schriftsteller. (Inhalt lt. Amazon)

Rezension:
Für den einen oder anderen von uns vermag vielleicht der Wunsch bestehen, die eigenen Ideen zu Papier zu bringen. Daraus ein Buch sich zu erarbeiten, was man sich später gebunden ins Regal stellen, was andere Menschen kaufen können, um ebenfalls an den Geschichten ihre Freude zu haben, ist fast schon ein verwegener Gedanke. Und dann steht da am Beginn das weiße Blatt Papier, das geöffnete leere Dokument und die Frage, wie man überhaupt beginnen soll. Der Ratgeber „Creative Writing“ der Schriftstellerin Jesse Falzoi hilft hier, anaolg eines Schreibkurses anhand praktischer Übungen sich seine Geschichte zu erarbeiten udn sein eigenes Schreiben zu verbessern.

Zahlreiche Beispiele und Übungen rahmen die sechszehn Lektionen ein, die helfen, sich beide Punkte zu erarbeiten. Dabei geht es zunächst einmal über das Schreiben selbst und der Frage des Warum, bevor die Autorin dazu einlädt, anhand von Fragestellungen Texte sich zu erarbeiten und daran zu üben. Dabei bestimmen wir selbst unser Tempo, ziehen dabei unsere Leseerfahrungen zu Rate, wobei auch unzählige Literaturbeispiele gegeben werden, wenn es zum Beispiel um die Entwicklung von Figuren oder Handlungsabläufen geht.

Sehr methodisch werden diese und anderen Punkte, von der ersten Idee bis zum überarbeiteten Text dargestellt, wobei Jesse Falzoi auch ihre eigenen Erfahrungen, Erfolge und vor allem Misserfolge einbezieht, was zeigt, dass der Weg zur überarbeitenden Geschichte so turbolent wie steinig ist und der erste Textentwurf durchaus frei von der Hand geschrieben werden kann, damit überhaupt eine Arbeitsgrundlage entsteht, auf der dann die einzelnen Punkte Anwendung finden.

Es geht hier nicht nur um Erzählschemata (ja, auch), sondern vor allem pro Kapitel darum, um ein Gefühl für die dort behandelten Themen zu bekommen, sich zu erarbeiten. Im Bezug auf das eigene Schreiben hat Jesse Falzoi mir gezeigt, was ich schon intuitiv alles mache und an welchen Sachen ich später noch arbeiten kann, aber auch, wie es mit einem Text weitergeht, wenn dieser vermeintlich geschliffen oder fertig ist. In sofern stimmt, so weit ich das schon sagen kann, hier das Wort „umfassend“, wobei die einzelnen Kapitel so kompakt gehalten sind, dass man mit Informationen und Stoff zum Nachdenken nicht zu überladen ist.

Schließlich soll man ja diese Energie und das in die Hand bekommene Werkzeug am Ende auch nicht nur in die zahlreichen und vielseitigen Übungen, sondern in den eigenen Text stecken. Und das ist ganz wunderbar.

Autorin:
Jesse Falzoi ist eine deutsche Schriftstellerin unterrichtet Creative Writing in Berlin, bietet Coaching und Workshops an. 2001 schloss sie ihr Literaturstudium ab, erhielt 2013 ein Stipendium in den USA und erhielt zwei Jahre Später ihren Master of Fine Arts in Creative Writing. In zahlreichen Literaturzeitschriften veröffentlichte sie bereits und erhielt mehrere Literaturpreise, sowie ein Aufenthaltsstipendium im Heinrich Böll Cottage Irland.

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Patric J. Kaaf: Lucian Mason 3 – Und der Turm des Schatten

Inhalt:
Im dritten Schuljahr wird es alles andere einfach. Für Lucian, Ian, Silia und Haiden beginnt das Abenteuer mit einem Rückschlag: Sie verpassen die Polarfuchs, das mächtige Schiff zur Zauberschule Moridan. Nun müssen sie über Umwege ans Ziel gelangen, ein Weg, der voller Hindernisse und unerwarteter Gefahren steckt. Doch ihre Reise wird von rätselhaften Visionen überschattet:

Ein gigantischer Vogel mit schimmernden Flügeln und ein gewaltiger Turm, an dessen Spitze sich ein bedrohlischer Mahlstrom formiert. Ein Buch, das sich nicht öffnen lässt, Piraten greifen Seefahrer an und was hat ein Jäger in der Schule zu suchen. Welche dunklen Geheimnisse verbergen sich hinter all dem? Die vier Helden müssen nicht nur den Herausforderungen der Schule trotzden, sondern auch einem Rätsel auf die Spur kommen, das ihre Welt für immer verändern könnte. (Klappentext)

Einordnung in der Reihe:

Patric J. Kaaf: Lucian Mason 1 – Und der Splitter des Schicksals
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 2 – Und der Baum der Erinnerungen
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 3 – Und der Turm des Schatten
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 4 – Und das Erwachen der Finsternis

[Einklappen]

Rezension:

Noch düsterer als die vorangegangenen Bände gibt sich der dritte Teil der Reihe um Jungmagier Lucian Mason, dessen Start ins neue Schuljahr turbolenter nicht sein könnte. Nachdem dieser in seinem zweiten Jahr etwas mehr über die Vergangenheit seiner Geschichte erfahren konnte und der Halt seiner Freunde zu ihm auf die Probe gestellt wurde, gerät nun Lucian noch mehr als ohnehin schon ins Zentrum der Ereignisse. Doch ist schnell klar, egal, welchen Weg er wählen wird, diese Entscheidung wird alles verändern.

Die Fortsetzung des Urban Fantasy Abenteuers aus der Feder von Patric J. Kaaf könnte rasanter nicht beginnen. Gleich zu Anfang werden der Protagonist und seine Freunde auf die Probe gestellt, deren Reise uns Lesende noch mehr über die magische Welt erfahren lässt, die mehr denn je dem Abgrund nahe scheint. Rasant wird dieses Schuljahr erzählt, in dem neue Figuren eingeführt werden, insbesondere die Antagonisten bekommen vielschichtige Figuren zur Seite gestellt. Nichts ist, wie es scheint, doch wird so die Probe für Lucian und die anderen Protagonisten noch größer als bisher.

Das Spiel der verschiedenen Seiten verläuft rasanter als in den vorangegangenen Bänden, was nicht zuletzt an der Art des Erzählens liegt. Der dritte Band ist kompakter gehalten als die Vorgänger. Hier merkt man den Flow, in dem Patric J. Kaaf mehr und mehr hineingefunden hat. Zwar gibt es immer noch Flüchtigkeitsfehler in manchen Formulierungen, doch werden diese immer weniger, so dass man sich ganz auf dieses fesselnde Abenteuer einlassen kann, in welchem nicht nur der Protagonist sich von einer verletzlicheren Seite zeigen darf. Im Gegenteil, Lucian Mason darf auch hier Ecken und Kanten haben, Fehler machen, zeigt sich dabei lernfähig und reflektiert.

Dies macht den Hauptprotagonisten glaubhaft, wie auch, dass gerade seine Freunde nicht alles hinnehmen, sondern vielschichtig reagieren. So sehr, dass man manchmal zwei Seiten hervorblitzen sieht, was sich besonders an Ian als weiteren der vier Hauptfiguren festmachen lässt. Die Ausgestaltung der Gegenseite ist es jedoch, was diesen Band ausmacht, sowie auch die Zunahme weiterer Handlungsorte, die auch die große Japan-Liebe des Autoren hervorblitzen lässt, geschweige denn von praktisch filmreif durchchoreografierten Kampfszenen. Wobei, da könnte noch mehr gehen.

Lucian Mason ist zugleich Handlungstreiber, doch zunehmend bestimmen auch die Perspektiven anderer Figuren das Geschehen, welches in sich schlüssig ist, wenn auch mancher Übergang noch glatter daherkommen könnte. Trotzdem gelingt Patric J. Kaaf auch hier ein Spannungsbogen, der diesen Band nicht zu sehr nach Mittelstück aussehen lassen, woran viele vergelichbare Reihen in dieser Höhe einfach kranken. Das ist hier hoch anzurechnen. Auch die Einarbeitung von Rückblenden oder Buchsichten (Ja, die.) fügt sich hier logisch.

Die Zunahme von Handlungsorten erweitert die magische Welt, macht sie noch fassbarer, wobei dies auch der Tatsache geschuldet ist, dass in Teilen Band 3 ein magischer Roadmovie ist, dem man einfach gerne folgt. Cliffhanger verbinden dabei gekonnt die einzelnen Kapitel, deren Szenerien gut vorstellbar sind. Auch hierbei wird kein unnötiges Wort oder gar eines zu viel verloren.

Vom Gefühl her würde ich diesen Band noch zu den für jüngere Jugendliche geeigneten zählen. Wie es mit Teil 4 aussieht, darf man gespannt sein. Folgt da ein harter Bruch oder schafft es der Autor das Mitwachsen des Lesepublikums ebenso fließend zu gestalten, wie es ihm bisher gelungen ist? Das eine solche Wendung naht, lässt zumindest die zunehmende Rasantheit vermuten. Hier darf man gespannt sein, aber auch, welche Prüfungen magischer oder anderer Natur Lucian und seine Freunde noch bestehen werden müssen und wie sich deren Verhalten mit zunehmenden Alter und weiterer Erkenntnis verändert.

Alleine diese Fragen schon lohnt ein Blick in die nächsten Bände, die hoffentlich genau so spannungsreich wie vielschichtig werden. Man freut sich jedenfalls nach diesem auf weitere Abenteuer von Lucian und seinen Freunden.

Autor:

Schon immer von Games und Filmen fasziniert, wollte Patrick J. Kaaf in diese Branche Fuß fassen. Als dies nicht funktionierte, begann er auf Anregung hin, seine Ideen aufzuschreiben. So entstand u. a. sein Roman „Lucian Mason und der Splitter des Schicksals“, der den Auftakt einer neuen Fantasy-Reihe bildet.

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Manfred Koch: Rilke – Dichter der Angst

Inhalt:
Rainer Maria Rilke gilt als einer der größten Dichter des 20. Jahrhunderts. Seine Kunst sei „Dinge machen aus Angst“, schreibt er im Juli 1903 seiner ehemaligen Geliebten Lou Andreas-Salome. Manfred Koch zeigt in seiner neuen, Leben und Werk gleichermaßen in den Blick nehmenden Biographie Rilke als hochsensibles Echolot und geschlechtlich fluidesten Dichter der heraufziehenden Moderne. So entsteht die mitreißende Erzählung eines radikalen Lebens, das ganz Kunst sein will und dadurch eine Wahrnehmungssensibilität entfaltet, die erschreckend nah in Berührung kommt mit den Abgründen in ihm selbst und in seiner Zeit. (Klappentext)

Rezension:
Rilke, für den Dichtung alles war, kann man vielleicht als einen der ersten wirklichen Europäer bezeichnen, der er dies zu einer Zeit gewesen ist, als der Nationalismus um sich greifen und den ersten Weltenbrand entfachen sollte, der den Kontinent erschütterte. Bis dahin und in der danch folgenden kurzen Zeit der Stabilisierung hatte der Dichterfürst nicht nur die Schweiz gesehen, auch in Ländern wie Frankreich, Russland oder Spanien und Italien war er auf der Suche nach sich selbst gewesen, nach Inspiration und Unterstützung. Diesen Weg zum einen, zum anderen über Rilkes Texte folgt der Literaturwissenschaftler und Essayist Manfred Koch.

Entstanden ist dabei eine in mehreren Aspekten bezeichnende Biografie.

Lesefreundlich gegliedert sind die einzelnen Lebesstationen überschriebenen Kapiteln in kompakte Abschnitte, in denen wir über das Werk Rainer Maria Rilke kennen, dessen Kindheit prägende und komplizierte Mutter-Sohn-Beziehung bezeichnend sein sollte für die Entstehung und den Zugang des Dichters zu seinen Texten selbst, sowie zu den späteren Beziehungen zu seinen Mitmenschen. In seiner Form handlich, lernt man so einen Großteil des Schaffens Rilkes kennen, was die Biografie zur empfehlenswerten Lektüre macht, kennt man vorher nur ein wenig davon. Zugleich schildert der Autor so viel Zeitgeschehen und gibt hier auch, was sich bei einem solch umtriebigen Menschen anbietet, einen guten Überblick über den Kulturbetrieb Europas jener Jahre.

Manfred Koch beschönigt jedoch nichts, sondern zeigt auch auf, wie problematisch die Beziehungen Rilkes vor allem zu den von ihnen umschwärmenden und umschwärmten Frauen gerade für diese selbst werden konnten, aber auch, den psychischen Leidensdruck auf, der Rilke zu meisterhaften Texten befähigte, jedoch Zeit seines Lebens ihn selbst und seine Umgebung auch schadete, und dies nicht zu knapp. Es ergibt sich dabei in vielen Fascetten absolut kein symphatisches Bild, welches man wohl in anderen Biografien suchen muss, doch eine umfassende Analyse eines Schaffens, welches Grenzen vieler Art zu durchbrechen vermochte.

Den Weg zu gehen, einmal umgedreht vom Werk zu den einzelnen Lebensstationen, ist eine mal andere Variante, ein Leben zu betrachten und darf als gelungen bezeichnet werden, zudem hier wirklich auf viele Texte eingegangen wird, die Rilke im Laufe der Jahre geschaffen hat. Auch die Kompliziertheit und fast krankhafte Unerbittlichkeit des Dichters gegenüber sich selbst und seiner Arbeit herauszustellen, dies in einer kompakten und doch hinreichend detaillierten Form zu packen, hat Manfred Koch geschafft, dessen Fachkenntnis und Anerkennung für Rilkes Werk in jeder Zeile zu spüren ist, denen eine jahrelange Recherchearbeit vorausging.

Eine umfangreiche Quellenlage, sowie ein ausgewählter Bildteil ergänzen die Lektüre. Nur die ist zu bewerten. Würden wir dies nach Umschlagen der letzten Seite auf Rilke als Person ausweiten wollen, müssten für ihn selbst so einige Abzüge gemacht werden.

Autor:
Manfred Koch wurde 1955 in Stuttgart geboren und ist ein deutscher Literaturwissenschaftler und Essayist. Er studierte zunächst in Tübingen Philosophie, Germanistik und Geschichte, bevor er ebenda promovierte. Von 1988 an arbeitete er als Lektor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Thessaloniki, derer sich eine wissenschaftliche Assistenzstelle in Gießen anschloss. Von 2001 bis 2003 hatte er eine Vertretungsprofessor in Tübingen inne, von 2004 an war er Mitorganisator der Poetik-Dzentur. Von 2009 bis 2021 lehrte er in Basel als Privatdozent und unterrichtete anschließend in Vermond. Er schrieb Beiträge für die Neue Zürcher Zeitung, publizierte und verfasste Radio-Essays für den SWR2.

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Antonio Pigafetta: An Bord mit Magellan

Inhalt:
Nur wenige Mitglieder der Crew überlebten die erste historisch belegte Umsegelung der Erde. Einer von ihnen war der italienische Ritter Antonio Pigafetta, der seine abenteuerlichen Erlebnisse in einem detaillierten und farbenfrohen Reisebericht schilderte. In Christian Jostmanns feinfühliger Übersetzung des Originaltextes lässt sich dieser Klassiker der Reiseliteratur nun wieder auf Deutsch entdecken.
(Klappentext)

Rezension:
Nachdem im 16. Jahrhundert Portugal und Spanien die damals bekannte Welt unter sich aufgeteilt hatten, beschloss König Karl I. den Adligen Ferdinand Magellan damit zu beauftragen, innerhalb der eigenen Hemisphäre „Inseln und Festländer zu entdecken, reiche Gewürzvorkommen und andere Dinge“ zu entdecken und die Position der Molukken genauer zu bestimmen, sowie diese für Kastilien in Besitz zu nehmen. Ein Jahr lang wurden fünf Schiffe generalüberholt, bevor diese in See stachen, an Bord eines der Schiffe der Ritter Antonio Pigafetta, der als einer von wenigen die strapaziöse Reise überleben sollte. Er dokumentierte in Tagebuchform die Schifffahrt und damit die erste Weltumsegelung, die nun in der Neuübersetzung von Christian Jostmann vorliegt.

Von diesem gibt es zunächst eine kurze und kompakte Einordnung des Textes, um verständlich zu machen, was man da überhaupt liest. Wer war Pigafetta eigentlich? Was befähigte ihn, Mitglied einer der Crews zu sein und weshalb eigentlich er als einer von wenigen die Reise überlebte, bevor im Anschluss schnell in den Reisebericht selbst eingestiegen und den Autor jenes Berichts das Wort überlassen wird. Der hinterlest mit seinen gesammelten Eindrücken ein historisches Erbe, welches uns von den Vorbereitungen dieses großen Abenteuers, von dem damals noch viel mehr abhing, auch in Bezug auf die möglichen Risiken, von denen sich einige später bewahrheiten sollten, als heute, bis hin zum Ende der Reise mitnimmt, dessen Leistung sich der Autor damals schon bewusst gewesen ist.

Die einzelnen Abschnitte sind dabei kurz gehalten. Es handelt sich ja um von Pigafetta selbst überarbeitete Tagebucheinträge, die dieser für ein Bericht an einem seiner späteren Dienstherren, als Grundlage verwendet hat. Auch heute sind sie gut lesbar. Mit jeder Zeile fühlt man vom Seewind bis zu Skorbut all das, was die damalige Besatzung dieser Expedition durchleben musste. Dabei fällt auf, der Ritter Antonio Pigafetta war ein Kind seiner Zeit, wenn auch sehr aufgeschlossen gegenüber neuem.

So werden Vokabellisten geführt, der Stämme und Völker, auf die er trifft, jedoch auch Akte der Gewalt als gegeben hingenommen und so beschrieben, wenn Magellan und seine Leute ihren Willen gegenüber den Menschen durchsetzen wollten, auf die sie trafen. Den Bericht muss man folglich als Bestandteil der spanischen Kolonialgeschichte lesen, was die nautische und logistische, sowie auch physische und psychische Herausforderugn eines solchen Unternehmens freilig nicht schmälert.

Der Reisebericht kommt sehr detailliert daher. Handel und Aufeinandertreffen mit den Menschen von der Südsee, über Südamerika und den Philippinen werden beschrieben, sowie das Leben an Bord der Schiffe, welches zur Meuterei eines Teils der Besatzung führte und auf einem anderen Teil der Reise zum Tode Ferdinand Magellans. Die Tonalität des Berichts, die laut dem Übersetzer Christian Jostmann sehr dicht am Original des Berichts liegt, macht eben diesen heute noch gut lesbar, wenn auch an manchen Stellen sehr viele Details direkt aufeinander folgen, was man vorher sich bewusstmachen sollte.

Einordnungen und Erklärungen, insbesondere wenn sich Pigafetta selbst Interpretationsspielräume ausbedingt oder einfach Umschreibungen für geografische Orte nutzt, die so heute schlicht und einfach nicht mehr phonetisch existieren, erfolgen in zahlreichen Fußnoten. Ergänzt wird der Text durch eine Karte im Buchrücken, der die Reiseroute zeigt, sowie eine Abbildung gemalter Inseln, die den Orignal-Bericht durchziehen, ohne den Anspruch auf unbedingte geografische Genauigkeit zu haben.

Der Bericht ist vor allem vor dem Hintergrund Ferdinand Magellans interessant, dem der Autor Christian Jostmann in einem eigenen Sachbuch „Magellan oder die erste Umsegelung der Erde“ portraitiert hat, kann jedoch auch davon losgelöst als eigenständiges Werk gelesen werden, zudem wir es hier mit dem Text eines Zeitzeugen zu tun haben, was für diese Zeit in der Qualität einzigartig sein dürfte. Mit dem Hintergrundwissen des Zwecks der Reise, kolonialer Ansichten der Teilnehmenden, was zur Einordnung wichtig ist, bleibt ein hochspannender Text, der uns praktisch in die beschriebene Zeit versetzt, all die Strapazen aber auch Entdeckungen erleben lässt.

Wer Spaß an so etwas hat, vielleicht auch ein historisches Interesse, zumal an Berichten vergangener Seefahrten und Expeditions-Großleistungen, ist diese Neuübersetzung unbedingt zu empfehlen.

Autor:
Antonio Pigafetta wurde vor 1492 in Vincenza geboren und starb irgendwann nach 1524. Er war ein italienischer Ordensritter, Entdeckungsreisender und Schriftsteller, der vor allem als Chronist der ersten Erdumsegelung unter Ferdinand Magellan und Joan Sebastian Elcano bekannt ist, welche er als einer von wenigen überlebte.

Christian Jostmann wurde 1971 in Bielefeld geboren und ist ein deutscher Historiker und Autor von zahlreichen Sachbüchern. Er studierte Geschichte, Soziologie, Psychologie und Hispanistik in Würzburg, Bielefeld und Madrid. 2004 promovierte er mit seiner Disseration über die sibyllinische Literatur des Spätmittelalters. Als Feuilletonist schrieb er für die Süddeutsche Zeitung, weiter, seit 2006 für die österreichische Wochenzeitung Die Furche. 2019 veröffentlichte er sein erstes Sachbuch, dem weitere folgten. 2008 erhielt Jostmann den Stauferpreis der Stauferstiftung Göppingen.

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Christian Schünemann: Bis die Sonne scheint

Inhalt:
Es ist das Jahr 1983. Daniel steht kurz vor seiner Konfirmation und träumt von blauen Samtsakko und grauer Flanellhose. Doch seit er die Eltern nächtlich belauscht hat, schwant ihm, dass daraus nichts wird. Hormanns sind pleite und wissen nicht mehr, wie sie die sechsköpfige Familie über die Runden bringen sollen.

So erfinderisch die Eltern auch sind, eines können sie nicht: mit Geld umgehen. Was sie dagegen beherrschen: den Schein wahren, auch noch, als der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht.

Ein grandioser Roman über eine fast normale deutsche Familie.
(Klappentext)

Rezension:
Wie bewahrt man den Schein, wenn die Geschäfte schlecht laufen und das Geld in den Fingern zerrinnt? Wenn das Haus so löchrig ist wie ein Schweizer Käse und Klassenfahrt wie Konfirmation der Kinder anstehen? Daniels Eltern gelingt das zeitweilig ganz gut. Die Leidtragenden sind der Hauptprotagonist und seine Geschwister.

Christian Schünemann zeichnet in seinem Roman „Bis die Sonne scheint“, das Leben einer Familie im dauerhaften Ausnahmezustand nach und zeigt auf, was es bedeutet, wenn der Realitätsverlust der Eltern nicht nur zur wirtschaftlichen Instabilität führt.

Nachempfunden ist diese Erzählung krisenhafter Zeiten der Familiengeschichte des Autors, der anhand eines Stapel von Briefen, sowie den eigenen Erinnerungen, denen seiner Geschwister und Verwandter die Geschichte seiner Kindheit und Jugend festhält, zugleich jedoch auch der Frage nachgeht, woher das kommt. So wandelt der Roman zwischen den Zeiten. Zunächst lernen wir, innerhalb ser kompakt gehaltener Kapitel, den Hauptprotagonisten und seine Mutter kennen, die den ersten Riss in der Fassade erfahren, als auf der Bank nichts mehr geht, um wenig später bei der Geschichte von Daniels Eltern zu landen.

Beide Handlungsstränge werden nach und nach zusammengeführt, ohne viele Worte zu verlieren. Eine ausschweifende Erzählung ist das nicht, doch bekommt man Zeile für Zeile Verständnis für das Handeln der erwachsenen Protagonisten einerseits, ist andererseits jedoch um so fassungsloser, wie es möglich ist, die Realität so gar nicht anzuerkennen. Das ist dann irgendwann auch nicht mehr mit Kurzschlusshandeln zu erklären.

Der Hauptprotagonist bleibt dabei die gesamte Handlung über einziger Sympathieträger der Geschichte. Als jüngste Figur leidet er am meisten darunter. Das bei der Konfirmation, die ohnehin lange auf der Kippe steht, ist schneller weg als er blinzeln kann, die Kursfahrt nach Frankreich ebenso fix obsolet.

Dazu das Spiel der Eltern, die gerade, wenn es besonders schlecht läuft, die Familie in teure Lokale und Restaurants ausführt. Wie hält man diesen Spagat nur aus, fragt man sich lesend, auch wenn sich wenigstens zum Teil das Handeln der Erwachsenen aus ihrer Vergangenheit heraus erklären lässt. Das herauszuarbeiten, ist dem Autoren gut gelungen, dessen Hauptprotagonist der letzte Rest kindlichen unbedingten Glaubens an die Eltern in diesen seinen Jugendjahren zwischen den Fingern zerrinnt. Die Eltern sind sozusagen der Gegenpart. Die Erwachsenenwelt als harte Realität mit all ihren Brüchen bildet dazu den starken Kontrast in dieser Erzählung, der man mehr und mehr fassungslos gegenüber steht.

Kurzweilig ist die Lektüre, die im Haupthandlungsstrang durch den Blick Daniels bestimmt wird, der das Unheil auf sich zukommen sieht und damit einen größeren Weitblick beweist, als die Erwachsenen, die sich als unfähig erweisen, unangenehme Wahrheiten anzuerkennen. Dieses Spiel entfacht eine Dynamik, die der Handlung ihr Tempo gibt, deren Ende relativ offen gehalten wird.

Eingerahmt wird die Erzählung von viel Lokalkolorit, welche Schauplätze vor dem inneren Auge und einiges an Atmosphäre aufleben lässt. Zugleich gelingt es Schünemann nicht nur damit aber auch eine Erzählung zu schaffen, die versetzt in unsere heutige Zeit noch genau so funktionieren würde. Der Kampf ums Überleben, wenn einem die Felle drohen wegzuschwimmen, könnte so auch heute noch in der einen oder anderen Form passieren.

Nicht nur, wen diese Zeiten der westdeutschen 1980er Jahre noch sehr lebendig in Erinnerung sind, ist diese Lektüre zu empfehlen, sondern auch jenen, die ein Stück Zeitgeschichte erfahren wollen, die sonst nicht so häufig zur Sprache kommt. Schließlich wird die Geschichte der Bundesrepublik zumeist vom Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg her erzählt, die Krisenjahre danach aber vergleichsweise sehr kurz abgehandelt. Alleine dafür lohnt sich die Lektüre.

Autor:
Christian Schürmann wurde 1986 in Bremen geboren und ist ein deutscher Schriftsteller und Drehbuchautor. Er studierte Slawistik in Berlin und St. Petersburg, arbeitete in Moskau und Bosnien-Herzegowina. Bei Diogenes erschien seine Krimiserie, sowie verschiedene Krimiromane, verfasst zusammen mit Jelena Volic. Christian Schünemann lebt in Berlin.

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Takis Würger: Für Polina

Inhalt:
Als er vierzehn ist, verliebt sich Hannes Prager in das Mädchen Polina. Um ihr seine Liebe zu zeigen, komponiert der wundersam begabte Junge eine Melodie, die Polinas ganzes Sehnen und Wünschen umfasst. Kurz danach stirbt Hannes‘ Mutter bei einem Unfall, mit ihr stirbt seine Musik und Hannes‘ und Polinas Wege trennen sich. Nach Jahren, in denen er nichts als Leere fühlt, erkennt Hannes: Er muss Polina wiederfinden. Doch das Einzige, womit er sie erreichen kann, ist ihre Melodie. (Klappentext)

Rezension:
Diese Texte, in die man sich hineinstürzt, in sie versinkt und berührt zurückbleibt, deren Figuren man festhalten will, mit ihnen leidet und die einem auch nach dem Lesen nicht loslassen, sie gibt es selten. Doch wenn man nur einen von ihnen einmal erwischt, möchte man daran festhalten, diesen Moment nicht verlieren.

Der Roman „Für Polina“ von Schriftsteller Takis Würger gehört dazu, der nicht nur die Geschichte zweier Menschen erzählt, die ohne einander nicht können, ohne einander nicht sind, sondern auch, welche Bindung Musik zu schaffen vermag und wie sie unsere Herzen berührt. Hannes und Polina sind die Hauptfiguren dieses Kleinods, die beinahe wie Geschwister zusammen aufwachsen, nachdem sich ihre Mütter im Krankenhaus kennengelernt und miteinander befreundet haben.

Schon früh erkennen die Erwachsenen die Begabung des Jungen, den sonst nichts zu interessieren scheint, die tiefe echte Begeisterung für die Wirkung von Melodien, die sich fortan durch sein Leben ziehen werden.

Auf der anderen Seite Polina, lebenslustig, das Gegenteil von distanziert, für die die Menschen um sie herum immer greifbarer sind als für ihn. Charakterzüge zweier Persönlichkeiten, die sich fortan gegenseitig ergänzen, bis im späten Jugend-, dann jungen Erwachsenenalter die ersten von vielen Brüchen folgen, die Narben in beider Seelen hinterlassen werden.

Eingebetet ist die Coming of Age Geschichte in einem Text gleichsam einer Melodie, die wir über mehrere Jahrzehnte hinweg verfolgen, zumeist aus der Perspektive von Hannes, nur hin und wieder im Wechsel mit anderen, den Nebenfiguren, die als Handlungstreiber fungieren. Großteils genügt der Hauptprotagonist sich selbst, für den die Musik alles ist, alles andere nichts, der Abhängigkeiten lange zu ignorieren versucht, bis er lernt, damit umzugehen, und Konsequenzen zu ziehen, ohne teilweise darauf zu achten, wie das bei der Umgebung ankommt.

Diese Kompromisslosigkeit liest sich faszinierend und ist folgerichtig für die Glaubwürdigkeit der Figur, die so viele Ecken und Kanten hast, nichts an sich heranlässt, um im Inneren den Körper vor dem Zerreißen zu schützen. Mit wenigen Worten schafft es Takis Würger dennoch sehr gefühlvoll dies zur Sprache zu bringen, dem damit nicht nur die Ausgestaltung seiner Charaktere gelingt, sondern auch Orte sehr filmisch vor dem inneren Auge entstehen lässt.

Die Kraft des Textes, in dem einzelne Formulierungen die Lesenden immer wieder aufmerken lassen, liegt eben darin, dass man ihn wirken lassen muss. Vielleicht mit der Klaviermusik von Florian Christl im Hintergrund, dessen Stücke seit der szenischen Lesung unter dessen Begleitung für mich jetzt immer mit dieser Geschichte verbunden sein werden. Diese Verbindung von zwei Kunstrichtungen, Musik und Literatur, habe ich so vorher auch noch nicht erleben können, wie auch Hannes die Wirkung seiner eigenen Musik erst spät annehmen kann.

* U. a. dieses Stück hat Florian Christl tatsächlich bei der szenischen Lesung gespielt.

Es ist nicht nur die Neuinterpretation der klassischen unglücklichen Liebesgeschichte, sondern eben diese Verbindung, die hier Takis Würger gelingt, der mit „Für Polina“ beweist, dass es manchmal keinen großen Knalleffekt braucht, keine Wendung, die sich anfühlt, wie eine aus der Klavierheft gefallene Note. Manchmal reicht das in sich Hineinhorchen, das sich Treiben lassen.

Die Kraft von Literatur, die Kraft von Musik, die hier erzählt wird, lohnt sich mit jeder Zeile. Nicht nur deshalb ist Takis Würgers Roman eine unbedingte Empfehlung.

Autor:
Takis Würger wurde 1985 in Hohenhameln geboren und ist ein deutscher Journalist und Autor. Nach einem Volontariant bei der Münchner Abendzeitung und dem Besuch der Henri-Nannen-Schule arbeitete er ls Redakteur beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel. 2014 studierte er in Cambridge Human, Social and Politcal Science. Er berichtete u. a. aus Afghanistan, Mexiko und der Ukraine. Für seine journalistische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Ein Sachbuch von ihm erschien 2015, „Der Club“ war sein erster Roman, dem weitere folgten.

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Hannah Richel: Das Wochenende

Inhalt:
Zur Einweohung ihres luxuriösen Campingplatzes in Cornwall haben Max und Annie ihre Studienfreunde samt Kindern eingeladen: TV-Star Dominic, die Ärztin Kira sowie die Freigeister Jim und Suze. Doch schon am ersten Abend kommt es am lagerfeuer zu einem handfesten Streit.

Am nächsten Tag zieht von der zerklüfteten Küste her ein Unwetter auf. Als eines der Kinder nicht vom Strandausflug zurückkehrt, eskaliert die Situation. Inmitten des tosenden Sturms sind die Freunde auf sich allein gestellt. Alte Konflikte brechen auf, neue Geheimnisse kommen ans Licht, und irgendjemand spielt ein tödliches Spiel … (Klappentext)

Rezension:
Dem Sturm ausgeliefert, offenbaren sich schnell menschliche Fehler, all die Schwächen und das zwischen den Jahren Ungesagte, als vier befreundete Familien plötzlich festsitzen und die ländliche Idylle plötzlich zur trügerischen Falle wird, derer sie nicht ausweichen können. Ein Wiedersehen zwischen Freunden sollte es werden, ein neuer Lebensabschnitt vielleicht, doch wird aus einem Wochenend-Ausflug schnell ein Höllentrip, der alles zwischen ihnen verändert.

Dies ist die Geschichte „Das Wochenende“, eines Thrillers der britischen Schriftstellerin Hannah Richell, in denen die Protagonisten von ihrer Vergangenheit eingeholt werden und in einem Strudel geraten, dem sie sich nicht so einfach entziehen können, wie dies ihnen jahrelang zuvor in der Anonymität der Großstadt gelingt.

Dabei begegnen wir den Figuren als die Ereignisse sie längst überrollt haben, als die Polizei ihre Ermittlungen beginnt und sie ihre Sicht der Dinge erzählen. Nach und nach erfahren wir aus Sicht der verschiedenen Protagonisten von den Ereignissen der vergangenen drei Tage, deren Puzzleteile langsam ein immer klareres Bild ergeben.

Die Autorin schafft es trotz der Vielfalt an Protagonisten eine kompakte Erzählweise sowie alle Handlungsfäden bei sich zu bewahren. Der Charakter und die eigene Tonalität der jeweiligen Figuren bleibt durchweg erhalten, wobei das Tempo nach und nach anzieht. Zu Beginn ist es dabei schwer, den Überblick über das Ensemble zu bewahren, deren Stück einem Kammerspiel unter freiem Himmel gleicht, doch eine Personenliste, sowie eine Karte des Handlungsortes helfen, sich einzufinden und die Übersicht zu behalten.

Landschaftsbeschreibungen gelingen Hannah Richell ebenso wie ein Psychogram ihrer Figuren. Das eine hat man gleichsam wie ein Kinofilm vor Augen, während alle Protagonisten sowohl ihre hellen als auch ihre dunklen Seiten haben. Letztere spielen natürlich handlungstreibend die Hauptrolle in diesem Pageturner, der sich spannend liest, nur gegen Ende etwas vorhersehbar daherkommt.

Bei den Figuren mag ein jeder Anknüpfungspunkte finden, zudem die einzelnen Kapitel wechselseitig aus der jeweiligen Sichtweise erzählt wird. Immer wieder wird dabei zwischen Gegenwart und jüngster Vergangenheit hin- und hergewechselt, was den Spannungsmoment hochhält, zugleich jedoch Erklärungen für die innere Gefühlswelt der Protagonisten bietet.

Dieser stete Perspektiv- und Zeitenwechsel entfacht eine gut funktionierende Dynamik, besonders getrieben durch die inneren Gedankengänge der einzelnen Figuren. Die Erzählung ist dabei in sich schlüssig, die Wendung der Ereignisse nicht ganz so überraschend. Zumindest für geübte Thriller-Leser. Doch möchte man zumindest so weit dranbleiben, um die Auflösung zu erfahren. Immerhin gelingt es der Autorin zahlreiche Anknüpfungspunkte zu schaffen und im richtigen Moment zwischen Spannung und der sprichwörtlichen Ruhe vor dem Sturm zu wechseln.

Die Landschaftsbeschreibungen machen das ganze sehr filmisch. Die Handlungsorte sind greifbar. Man spürt jeden knackenden Ast, spürt die tosenden Wellen, wenn sie auf die Küste treffen, den sich verdunkelnden Himmel, der das Unheil verkündet. In anbetracht heutiger Thriller kommt Hannah Richell dabei mit erstaunlich wenig Gewalt aus. Die kommt zwar auch vor und wird dann treffend beschrieben, doch die inneren Gedankengänge der Figuren sind es vor allem, die hier handlungstreibend sind.

„Das Wochenende“, ist leichtgängige Lektüre, sobald man einmal in diese Dynamik eingefunden hat. Der große Überraschungseffekt bleibt zwar aus, doch liest man die Geschichte durchaus gern, zudem man in jeder Zeile merkt, dass die Autorin die Landschaft kennt, auch einen sehr viel friedlicheren Campingausflug dieser Art schon mal verbracht hat. Für jene, denen das ausreicht, ist dies durchaus eine lohnende Lektüre.

Autorin:
Hannah Richell ist eine britische Schriftstellerin. Sie schreibt Thriller und zudem für die Filmbranche. Nach ihremm Studium arbeitete sie in London und Sydney. Mittlerweile lebt Richell im Südwesten Englands. Ihre Werke sind internationale Bestseller, die in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden.

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