Wolfgang Niess: Schicksalsjahr 1925

Inhalt:
Wahlen entscheiden über das Schicksal von demokratien. Das ist heute wieder so bewusst, wie lange nicht. Kommen die Falschen in höchste Ämter, können Demokratien scheitern. Im April 1925 wählen die Deutschen Paul von Hindenburg zu ihrem Reichspräsidenten und legen damit eine Zeitbombe, die 1933 mit zerstörerischer Gewalt explodieren sollte. Wolfgang Niess zeigt, wie es dazu kam, und warum Hindenburg zum Totengräber der ersten deutschen Demokratie wurde. (Klappentext)
Rezension:
Heute haben Techbosse aus Übersee das Heft des Handelns an sich gerissen und spielen das Playbook der Zerstörung demokratischer Gesellschaften. Gemeinsam mit willfährigen Politikern der Neuen Rechten demontieren sie um der Macht und Einfluss willens Pluralismus und Vielfalt. Und jene, die sie vertreten, schauen gebannt der Zerstörung zu, wie die Kaninchen vor der Schlange, die diese Akteure nicht ernstnehmen und erst, wenn es zu spät ist, begreifen, was sie verloren haben. Das kann man derzeit in den USA erleben, in anderer Ausprägung in Teilen von Europa. Dort aber, müsste man es eigentlich besser wissen, denn bereits 1925 spielten rechte Kräfte dieses Playbook schon einmal durch. Und führten damit den Kontinent und schließlich auch die Welt in den Abrgund hinein.
Der Schriftsteller und Historiker Wolfgang Niess nimmt uns mit auf eine Zeitreise ins Jahr 1925, dessen Verlauf Steine ins Rollen brachten, die in der Rückschau schwere Folgen für die erste Demokratie auf deutschen Boden gehabt haben. Als der erste Reichspräsident der Weimarer Republik sahen rechte Kräfte um den Vordenker und Strategen Friedrich von Loebell ihre Chance gekommen, um ihren Kandidaten zu platzieren, der erst einmal in Amt und Würden gebracht, den Staat aus den Angeln heben und nachhaltig verändern sollte. Doch, wie kam es dazu, dass deren Wahl ausgerechnet auf Hindenburg fiel?
Was trieb sie, was trieb ihn an, sich einer Wahl zu stellen, deren Zeiger zu Beginn eher zu Gunsten republikanischer denn revanchistischer Kräfte standen? War Hindenburg wirklich nur Wachs in den Händen von schlechten Beratern? Welche Ziele verfolgte der alte „Held von Tannenberg“, der mehr propagandistische als militärische Fähigkeiten besaß, als man teilweise noch heute glauben möchte?
Diesen Fragen geht der Autor auf die Spur, von der wirtschaftlichen und politischen Ausgangslage her, in der sich das Deutsche Reich in seinen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg befand und erzählt das Spiel der Kräfte von seinen Akteuren her. Loebell und Hindenburg auf der einen Seite, deren Persönlichkeiten sehr strukturiert analysiert werden, auf der anderen Seite, die falsche Entscheidungen fällten und damit in Fallen liefen, deren schmerzhafte Folgen sie acht Jahre später zu spüren bekamen.
Dabei zeigt Wolfgang Niess, dass Hindenburg keineswegs alternativlos gewesen ist, auch mit offenen Karten spielte, die nicht nur ausländische Kräfte durchaus sahen, sondern eine Geselllschaft nur allzu bereit war, mögliche Folgen zu übersehen, politische Kräfte zunächst an ein Arrangement glaubten, welches letztlich nicht eingehalten werden sollte. In kompakten Kapiteln, anhand der Betrachtung der politischen Situation des Jahres 1925, der Wirtschaft, gleichermaßen Opposition und Träger der Demokratie, wird dieses eingebettet im Vor- und Nachher fesselnd dargestellt.
Gut recherchiert zeigt dieses hoch informative Sachbuch, was passiert, wenn man nur einen Moment zu lange die Augen vor der Wahrheit verschließt, und hinterfragt zum Einen das Bild von Hindenburg als Spielball von anderen, sowie das Gedenken an diese Person in heutiger Zeit einerseits, andererseits aber auch indirekt, ob wir nicht heute ähnliche Warnzeichen übersehen und wieder in gestellte Fallen laufen. Genau wie damals. Und so hat Wolfgang Niess hiermit ein wichtiges und sicherlich zu diskutierendes Werk geschaffen.
Interview mit dem Autoren: Hier klicken. (Quelle: Deutschlandfunk)
Autor:
Wolfgang Niess wurde 1952 in Giengen an der Brenz geboren und ist ein deutscher Historiker, Autor und Moderator. Er studierte in Stuttgart und Tübingen Geschichte, Politikwissenschaft, Mathematik und Kommunikationswissenschaften und ist Autor zahlreicher Radio- und Fernsehsendungen, veröffentlichte verschiedene Aufsätze und Buchpublikationen zu Aspekten der zeitgeschichte. Für den SWR und SDR moderierte er Radiosendungen und entwickelte die Veranstaltungsreihe „Autor im Gespräch“ und gehört dem Wissenschaftlichen Beirat des Vereins Weimarer Republik zum Haus der Weimarer Republik an.
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