Mario Ludwig: Tierische Jobs

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Tierische Jobs Mario Ludwig Sachbuch wbg Theiss Erschienen am: 05.06.2019 Hardcover Seiten: 192 ISBN: 978-3-8062-3964-5

Inhalt:
Was machen Tiere eigentlich beruflich? Ein Frosch als Schwangerschaftstest, Katzen als Spione und ein Esel als Schäferhund?

Unglaublich, aber wahr! Mario Ludwig stellt die unglaublichen und skurillen Berufe unserer tierischen Helfer vor und erzählt, wie sie uns mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten helfen, unseren Alltag besser zu meistern. Zum bewerbungsgespräch um die Stelle als Trüffelsucher taucht da neben dem Schwein auch schon mal ein Hund auf. Und warum nicht mal eine Taube einstellen statt einem Radiologen? (Klappentext)

Rezension:
Blindenhunde oder Pferde und Delfine, die zu therapeutischen zwecken eingesetzt werden, kennt an sich jeder. Auch die Brieftaube dürfte den meisten ein Begriff sein, nicht zuletzt der Schäferhund als Bewacher von Haus und Hof. Doch, unsere tierischen Freunde helfen uns bisweilen in noch ganz anderen Bereichen unseres Alltags. Der Biologe und Autor Dr. Mario Ludwig hat seine kuriosesten Funde einmal zusammengestellt. Entstanden ist ein witziges und kurioses Sachbuch.

In kleine Häppchen zum Nebenherschmökern zeigt der Autor, welche Tätigkeiten tiere schon eingenommen haben, um unseren Alltag zu bewältigen. Außen vor gelassen wird das Schicksal von medizinischen Versuchstieren ganz bewusst, da es zu diesem Themenkomplex bereits ausreichende und weiterführende Literatur gibt, doch wie sieht es eigentlich mit der ersten Hündin und dem ersten Schimpansen im Weltraum aus?

Weshalb bekommt eine bestimmte Rattenart eine Spezialausbildung als Minensucher und warum scheiterten die Amerikaner Katzen als Spione auszubilden? All dies erläutert der Autor im zuweilen ernsten, jedoch immer humorigen Unterton und zeigt, dass es manchmal ohne unsere tierischen Helfer nicht geht, zumal in vergangenen Zeiten als technische Lösungen noch weit eintfernt waren von unseren heutigen Möglichkeiten.

Jedes Kapitel umfasst maximal eine Hand voll Seiten und jede erdenkliche Tierart, die sich als Fußpfleger zuweilen aber auch als Archäologe betätigen. Und vielleicht steckt in unseren Haustieren doch mehr als wir denken? Der Autor jedenfalls, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, sondern auch zu eigenständiger Recherche einlädt, ist überzeugt von den tierischen Fähigkeiten, weiß jedoch auch um das Tierwohl, welches nicht außer Acht gelassen wird.

Nicht umsonst ist der meiste Purpurfarbstoff heute künstlichen Ursprungs und Vanillearoma aus Kuhdung zum Glück sehr selten.

Unterlegt ist das amüsante Sachbuch mit einer umfassenden Quellenangabe, doch wer unseren tierischen Helfern auf die Schliche kommen möchte, weiß am Ende wie gesucht werden soll. Wissenserwerb oder reine Unterhaltung, Mario Ludwig gelingt beides umfassend.

Autor:
Mario Ludwig wurde 1957 in Heidelberg geboren und ist ein deutscher Biologe und Autor. Nach der Schule studierte er zunächst Biologie und Sportwissenschaften, arbeitete bis 1992 am Zoologischen Institut der Universität Heidelberg.

Seit 1992 ist er in leitender Funktion bei der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage tätig und seit 1994 im Bereich der schädlingsbekämpfung und Gewässergüte tätig. Seit 1993 schreibt er Bücher über Tiere und Natur undist häufiger Gast in Fernseh- und Hörfunksendungen. Ludwig ist zudem als Dozent, Vortragsredner und Interviewpartner gefragt.

Anette Huesmann: Buchgenres kompakt

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Buchgenres kompakt Anette Huesmann Rezensionsexemplar/Sachbuch Book on Demand, BoD Erschienen am: 14.05.2019 Taschenbuch Seiten: 188 ISBN: 978-3-746-14511-0

Inhalt:
Genres zeigen, was Bücher gemeinsam haben und was sie unterscheidet. Ihre Entwicklung im Laufe der Jahrhunderte lässt Erzähltraditionen sichtbar werden. Wo liegen die Wurzeln, was erzählten die Bücher dieser Genres früher, was heute?

Wie lassen sich Genres definieren, wie abgrenzen, wo gibt es Ungenauigkeiten und Überschneidungen? Das nachschlagewerk erläutert Genres und ihre Unterteilungen, sowie Entstehung, historische und aktuelle Zusammenhänge, anhand von Beispielen. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:
Geht das überhaupt? Eine komplette und vollständige Genre-Übersicht zu schaffen, anhand derer sich Literaturwissenschaftler, Kritiker, Leser oder zukünftige Autoren orientieren können?

Die erfahrene schreibtrainerin und Autorin Anette Huesmann wagte diesen Versuch, ohne Anspruch auf absoluter Vollständigkeit, eine doch umfangreiche Übersicht zu schaffen. Herausgekommen ist ein informatives Nachlagewerk, welches leicht lesbar und einfach wiedergibt, was im Laufe von Jahrhunderten innerhalb der Literatur entstand.

Zunächst klärt die Autorin über Genre auf, was das eigentlich genau ist, wie sie mit den Erzähltraditionen im Laufe der Epoche sich entwickelt haben und welche Rolle sie bei Vermarktung oder etwa den Zielgruppen spielen.

Gleich zu Beginn sei festgestellt, klare Abgrenzungen gibt es nicht, um so mehr fließende Übergänge, die anhand von Beispielen im Verlauf des Buches, welches als Lexikon zu gebrauchen ist, dargelegt wird. Genre werden dabei erst allgemein erläutert, danach aufgefächert in die einzelnen Unterteilungen. Charakteristik, Entstehungsgeschichte und Besonderheiten, sowie aktuelle Beispiele helfen in kurzen Übersichten zu verstehen, welche Zusammenhänge und Unterscheidungen es gibt.

Dies ist keine Fachpublikation, da die einzelnen Erläuterungen so kurz und einfach wie möglich gehalten werden. Im gegensatz zu Literaturwissenschaftlern richtet sich die Autorin hier an den interessierten Laien und besonders die jenigen, die mit den Gedanken spielen, selbst etwas zu Papier zu bringen.

Für Autoren ist die Einordnung wichtig in bezug auf künftige Zielgruppen und der dazu passenden Vermarktung, auch in Bezug auf Vorbilder, die man sich im schriftstellerischen Betrieb nehmen, an denen man sich messen lassen kann.

Für alle anderen Leser sind vor allem die Querverweise auf verschiedenste Werke, seien sie nun historischen oder aktuellen ursprungs interessant. Was gilt als Paradebeispiel oder gar als erstes Werk innerhalb eines Genres? In welcher Richtung entwickelten sich die einzelnen Spielarten und wo liegen die Wegsteine in der Literatur?

Schreibtheorie nicht nur für Schreiberlinge, kurzweilig zu lesen, zumal nicht apodiktisch. Das hat mir sehr gut gefallen. Für mich als Blogger künftig auch Arbeitslektüre. So viel dazu.

Autorin:
Anette Huesmann wurde 1961 geboren und ist eine deutsche Schriftstellerin und Dozentin für Kreatives Schreiben. Nach der Schule studierte sie zunächst Germanistik und Allgemeine Sprachwissenschaft in Heidelberg, arbeitete danach als Journalistin, u.a. für die Deutsche Hochdruckliga und Online Portale verschiedener Magazine.

Sie gibt Kurse für Kreatives Schreiben und veröffentlichte dazu mehrfach Publikationen. Unter Pseudonym und Realnamen erschienen zudem Kinderbücher und Krimis. Sie ist Mitglied im Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

Erika Fatland: Die Grenze

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Die Grenze Erika Fatland Sachbuch Suhrkamp Erschienen am: 08.04.2019 Taschenbuch Seiten: 623 ISBN: 978-3-518-46974-3 Übersetzer: Ulrich Sonnenberg

Inhalt:
Erika Fatland, Autorin des Bestsellers „Sowjetistan“, reist entlang der über 20.000 Kilometer langen russischen Grenze durch 14 Länder und begegnet dort den unterschiedlichsten Menschen – Taxifahrern, Geschichtsprofessoren, Rentierhierten und anderen. Sie hört zu, stellt Fragen, sammelt Geschichten. So entstehen schillernde Porträts dieser eigenwilligen Menschen und Länder. Aber auch ein Porträt des weltpolitischen Giganten – aus der Sicht seiner Nachbarn. (Klappentext)

Rezension:
Der Vielvölkerstaat, der sich über zwei Kontinente erstreckt, ist faszinierend. Ständig im Wandel begriffen, geprägt durch die kulturellen Unterschiede seiner Bewohner und im ständigen Konflikt mit seinen Nachbarn, grenzt das Riesenreich heute an 14 Ländern. Norwegen teilt da noch die kleinste Grenze mit dem russischen Bären. Doch, was bedeutet es eigentlich heute, in Nachbarschaft eines Staates zu leben, dessen Überlebensstrategie sich vor allem auf Rohstoffe und territoriale Ambitionen bezieht?

Wie leben die Menschen in Ost und West, Nord und Süd an der Grenze zu Russland und was sagt dies letztlich über den Staat selbst aus? Die Journalistin und Autorin Erika Fatland hat sich aufgemacht zu den Menschen entlang der Grenze und spürt ihren Geschichten nach. Herausgekommen ist ein Sammelsurium an Geschichten, nicht zuletzt jedoch ein vielschichtiges Porträt eines Landes in ständiger Bewegung.

Nach ihrer vielbeachteten Reportagereise durch „Sowjetistan“ liegt in deutscher Übersetzung nun der nächste Bericht vor, dessen Vorbereitungen unglaublich strapaziös gewesen sein mussten. Der Weg durch den staatlichen Behördendschungel einzelner Länder dürfte da noch das geringste Problem gewesen sein, nimmt die Autorin hier ihre Leser erst wieder mit, nachdem diese abgeschlossen sind.

In mehreren Abschnitten sind Reise und Buch unterteilt. So fährt der Leser zunächst entland Russlands gewaltiger Küstenlinie, bevor es von Nordkorea ausgehend, entland der Landesgrenze Russlands bs nach Norwegen gibt, der letzten Etappe dieser gewaltigen Reise.

So vielfältig wie die Landschafts- und Umgebungsbeschreibungen, die wortgewaltig den Leser an die jeweiligen Orte versetzen, so sind es auch die Begegnungen mit gewöhnlichen und außergwewöhnlichen Menschen, die diese Reisereportage so besonders machen. Erika Fatland hört ihnen zu, Regimekritikern und Händlern, den Taxifahrern und ehemaligen Politikern, Zöllnern wie auch Utopisten.

Alle haben sie ihre eigene Geschichte zu erzählen und jeder Einzelne verbindet mit dem Nachbarland etwas, meist untersetzt mit zwiespältigen gefühlen. Vielerorts würde man gerne ohne ihn, weiß jedoch, dass dies nicht möglich ist, zumal auch Konflikte wie in Georgien oder der Ukraine zeigen, dass auch heute noch Russland sehr empfindlich reagiert. Je nachdem, welche Sichtweise man einnimmt.

Erika Fatland werdet dabei nicht, beobachtet nur und nimmt die eindrücke in sich auf. Zur Orientierungshilfe gibt es einen Kartenausschnitt für jede Reiseetappe, zwei Fototeile lockern den Bericht auf. Wieder einmal ist der Norwegerin ein ausgewogener Bericht über den aktuellen Zustand, diesmal über die Grenze zu Russland, gelungen, die mit gemischten Gefühlen betrachtet werden kann.

Je nachdem, wo man sich gerade befindet. Diesen Blick schärft die Autorin ungemein, scheut sich nicht kritisch zu hinterfragen, doch ist auch hier Politik das Eine, das alltägliche Leben etwas anderes. Das Bewusstsein dafür, wie Kultur und Geschichte, auch länger zurückliegende, Wirtschaft und Politik (dann wieder doch) zusammenhängen, gewinnt man nur durch solch einen Blickwinkel. Dies ist ihr gelungen. Für alle, die versuchen möchten zu verstehen, gleichzeitig entdecken und Hintergründe zur heutigen Situation Russlands und seiner Nachbarn ergründen möchten, eine empfehlenswerte Lektüre.

Autorin:
Erika Fatland wurde 1983 geboren und ist eine norwegische Journalistin und Autorin. Sie studierte Sozialanthropologie, spricht mehrere Sprachen und schreibt Reportagen und Artikel für zahlreiche Zeitungen und Magazine. Für ihren Reisebericht „Sowjetistan“ erhielt sie 2015 den norwegischen Buchhandelspreis, für die norwegische Ausgebe des vorliegenden Buches den Buchbloggerpreis 2018.

Fabio Genovesi: Wo man im Meer nicht mehr stehen kann

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Wo man im Meer nicht mehr stehen kann Autor: Fabio Genovesi Roman C. Bertelsmann Verlag Erschienen am: 13.05.2019 Hardcover ISBN: 978-3-570-10349-4 Übersetzerin: Mirjam Bitter

Inhalt:
Der sechsjährige Fabio ist der Mittelpunkt einer exzentrischen Großfamilie in der Toskana. Als Liebling seiner „zehn Großväter“ – der schrulligen unverheirateten Brüdern seines Opas – wird er zu den kuriosesten Unternehmungen mitgenommen, die selten kindgerecht, aber dafür unvergesslich sind.

Dies wappnet den Jungen für die Abenteuer und Gefahren, mit denen er beim Heranwachsen zu kämpfen hat. Denn eine Lebensweisheit hat Fabio früh erkannt: Schwimmen lernt man nur dort, wo man im Meer nicht mehr stehen kann. (Klappentext)

Rezension:
Familie und andere Katastrophen. Ungefähr so könnte der Untertitel dieses großen Romans lauten, in dem Fabio Genovesi sein jüngeres Ich die Welt entdecken lässt. Aufgewachsen ist der Autor inmitten einer schrulligen Großfamilie, genauer gesagt, den Brüdern seines bereits früh verstorbenen Großvaters.

Getrieben von der Angst, dass ihm mit dem vierzigsten Lebensjahr der berüchtigte Familienfluch befällt, entdeckt er die Welt um sich herum, die sich anfangs nur auf den Straßenzug, den ausschließlich seine Familie bewohnt, später auf das Dorf und die Umgebung erstreckt. Alleine, zusammen mit seinen Eltern und noch viel mehr mit den zehn Großvätern, die Fabio unter sich per Wochenplan herumreichen. Ausgang, einer mehr als turbulenten Kindheit.

Der Leser begleitet den zu Beginn im Vorschulalter befindlichen Ich-Erzähler bis zu seinem dreizehnten Lebensjahr durch die Höhen und Tiefen des Heranwachsens. Genovesis Stärke ist es hier, die genaue Beobachtungsgabe des Kindes herauszustellen und diese den gesamten Roman tragen zu lassen.

Die anderen Protagonisten sind mehr oder weniger unwichtig, bleiben an manchen Stellen zu schwach gezeichnet, was eine Wohltat in dem Sinne ist, da besonders die antreibenden Großväter ein gewisses Nervpotenzial haben. Macht nichts, vieles macht der Sprachwitz wieder wett.

Formulierungen wie phantastische Titelüberschriften, wie „Die Regenwürmer des heiligen Fabio“, machen diesen Roman zu einem kleinen Juwel und so mag man sich an seine eigene Kindheit erinnern oder an Familiengeschichten, die als Anekdoten immer wieder erzählt werden und längst ein Eigenleben entwickelt haben.

Zwar kann auch Genovesi mit dem großen Knall einer Familientragödie aufwarten, doch tut er dies behutsam und lässt sein Vergangenheits-Ich daran wachsen. Erzählt werden die Bande unserer engsten Vertrauten, aber auch die Entdeckung zur Liebe der Literatur und das ist vielleicht auch einer der schönen Aspekte dieses Romans. Wobei Fabio Genovesi mit vielen ganz wunderbaren Momenten aufwarten kann.

Dieser Roman erzählt von Liebe und Hoffnung, Ängsten und Mut, Zuversicht und Scheitern, Freundschaft und Familie. Einfach eine liebevolle Geschichte.

Autor:
Fabio Genovesi wurde 1974 in Italien geboren und hat schon als Bademeister, Radsporttrainer und Kellner gearbeitet, bevor er als Übersetzer tätig wurde. Heute schreibt er Drehbücher und Romane und wurde mit dem „Premio Viareggio“ ausgezeichnet. Er lebt in Forte dei Marmi.

Edgar Rai: Im Licht der Zeit

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Im Licht der Zeit Edgar Rai Rezensionsexemplar/Roman Piper Erschienen am: 05.08.2019 Hardcover Seiten: 512 ISBN: 978-3-492-05886-5

Inhalt:

In Amerika hat der Tonfilm längst die Kinos erobert, Deutschland verliert mit seinem Stummfilm den Anschluss. Nun soll die mächtige UFA das Land wieder an die Spitze bringen, koste es, was es wolle.

Karl Vollmöller hat fast alles beisammen. Einen gefeierten Oscar-Preisträger, das modernste Tonfilmatelier, den besten Stoff und einen genialen Regisseur. Sein Film „Der blaue Engel“ soll ein neues Zeitalter einläuten, nur die Hauptdarstellerin fehlt noch. Die Dietrich vielleicht? Als Revuegirl ist sie klasse? Doch, sie besitzt keinerlei schauspielerisches Talent, so sagt man. Dennoch… (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:

Kurz vor Beginn der Weltwirtschaftskrise blüht in Berlin das kuturelle Leben. Bars und Revues gibt es nahezu überall, beinahe wöchentlich eröffnen neue Kinos. Schriftsteller, Musiker und Schauspieler geben sich in der deutschen Hauptstadt die Klinke in die Hand. Die Welt dreht sich und Berlin ist kurz vor dem Höhepunkt, im Tanz auf den Vulkan. Es ist das Ende der 1920er Jahre, alles ist erlaubt und noch haben die Nationalsozialisten nicht die Macht ergriffen. Es ist zugleich das Ende und der Beginn einer Ära.

Der Berliner Schriftsteller Edgar Rai entführt uns in das Berlin Heinrich Manns, Erich Kästners und Hans Albers‘ und zeigt, wie der Tonfilm in zuerst kleinen, dann immer größeren Schritten seinen Durchbruch feierte. Zwar gab es schon längst erste Versuche, Bild und Ton in Einklang zu bringen, doch kamen sie vor allem von der anderen Seite des großen Teiches. Noch konnten Stars wie Henny Porten Erfolg um Erfolg feiern. Die neue Zeit hielt dies nicht zurück, Förderer und Visionären wie Karl Vollmöller sei Dank.

In mühevoller Recherchearbeit durch die Berliner Archive ist es hier Edgar Rai gelungen, ein bewegendes Stück Zeit- und Kulturgeschichte in Romanform umzuwandeln. Aus wechselnder Perspektive erlebt der Leser, wie ein Film erschaffen wurde, der für lange Zeit Maßstäbe setzen sollte. Dies gelingt, sind die Protagonisten allesamt greifbar und wandlungsfähig, Identifikationsfiguren die meisten. Vieles wird sich so oder ähnlich abgespielt haben. Die klirrende Athmosphäre ist sehr nah.

Dabei ist dies kein Marlene Dietrich Roman. Biografien und entsprechende Werke gibt es schon zu Hauf, viel mehr findet der Leser eine Liebeserklärung an die Hauptstadt Deutschlands, an eine damals noch neue und nicht wenig kritisch beäugte Filmära und an die Filmschaffenden in Babelsberg, die danach noch häufiger den „Ton angeben“ sollten.

Zweifelhafte Aspekte lässt Edgar Rai jedoch auch nicht außer Acht, so wird das Aufstreben nationalistisch gesinnter Kräfte ebenso thematisiert, wie auch die Fallgräben des Showgeschäfts, denen sich Stars wie Marlene Dietrich oder auch Emil Jannings gegenüber sahen. Vor, während oder nach ihrer eigentlichen Karriere.

Diese Mischung macht den Roman einzigartig und auch oder gerade, wer sich nur am Rande für Marlene Dietrich interessiert, aber Stimmungen aufsaugen und ein wenig Berlin 1920er Jahre spüren möchte, zu einem einzigartigen Schriftstück, dem es sich lohnt, sich hinzugeben.

Es ist empfehlenswert, von einnehmender Sprache und kurzweiligen Inhalt, soll auch bald verfilmt werden. Es bleibt zu hoffen, dass dann der Film genau so beeindruckend wird, wie edgar Rais literarische Vorlage. Heutige Leser wissen ja, dass Marlene Dietrich durchaus schauspielerisches Talent besaß.

In diesem Sinne, unbedingt lesen.

Autor:

Edgar Rai wurde 1967 geboren und ist ein deutscher Übersetzer und Schriftsteller. Zunächst studierte er Musikwissenschaften und Anglistik, bevor er seit 2012 Mitarbeiter einer literarischen Buchhandlung in Berlin wurde. Unter Pseudonym und unter eigenem namen schrieb er verschiedene Romane, lehrte von 2003-2008 an der FU Berlin Kreatives Schreiben. Er lebt mit seiner Familie in Berlin.

Rezensiert wurde ein Vorabexemplar des Verlages, daher noch keine Angaben in der Rezension zu Schreibfehlern etc., die gab es nämlich in der Vorabvariante einige. In der Hoffnung, dass der Verlag diese überarbeitet hat, bleiben diese in der Rezension unerwähnt.

Catherine Bruton: Der Nine Eleven Junge

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Der Nine Eleven Junge Autorin: Catherine Bruton Übersetzer: Dietmar Schmidt Jugendbuch Bastei Lübbe/Baumhaus Erschienen am: 19.08.2011 Hardcover (vergriffen) Seiten: 385 ISBN: 978-3-8339-0032-7
Verlinkt ist das E-Book.

Inhalt:

Ben war erst zwei jahre alt, als sein Vater bei den Anschlägen auf das World Trade Center ums leben kam und hat kaum Erinnerungen an ihn. Seitdem Ereignis hat er eine Sonderstellung, ist der Nine-Eleven-Junge. Zusammen mit seinem Cousin Jed verbringt er den Sommer bei seinen Großeltern und mit den Nachbarsmädchen Priti möchten sie Helden sein.

Held ist, wer Ehrenmorde verhindern kann und Terroristen schon von Weitem erkennt. Doch, wie so oft, kommt alles anders als man denkt. Ein Roman über die Folgen des 11. September für unser Denken in der Gesellschaft, über Trauer und Verlust, Vergessen, Familie und Freundschaft, Vorurteilen und falschen Verdächtigen, der zeigt, wie Nine-Eleven bis heute nachwirkt. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:

Zunächst ist es immer hilfreich, wenn sich ein Roman irgendwie in ein Genre einordnen lässt, doch diesen Gefallen tut uns Catherine Bruton mit ihrem Debüt nicht wirklich. Zwar wird „Der Nine Eleven Junge“ als Jugendbuch vertrieben, in der deutschen Übersetzung von Dietmar Schmitt als ein Imprint von Bastei Lübbe, doch kann man dieses Werk auch viel weiter fassen.

Vom Alter der Protagonisten her ist es eher an der Schwelle zum Jugendbuch einzuordnen, ansonsten All-Age-Literatur, mit ihrer Thematik ohnehin speziell.

Erzählt wird die Geschichte des zwölfjährigen Ben, der mit seinem ein Jahr älteren Cousin Jed und den Nachbarsmädchen Priti einen unvergesslichen Sommer verbringt. Alle drei haben einen besonderen Hintergrund, allen voran der scharf gezeichnete Hauptprotagonist, dessen Vater als einer der wenigen britischen Staatsbürger bei den Anschlägen auf das World Trade Center 2001 ums Leben kam.

Ben hat seitdem eine Art Sonderstellung, aber auch Jed und Priti haben jeweils ihre eigene Geschichte und freunden sich, so ungleich sie auch sind, miteinander an. Die Autorin erzählt dabei von Suche und Wahrheitsfindung, Verarbeitung und falschen Verdächtigungen, Schuld und in wie fern dieses schreckliche Ereignis auch heute noch wirkt.

Die Sprache der Protagonisten, nicht des Romans, ist zuweilen plump und bleibt oberflächlich, dennoch hat Catherine Bruton wandlungsfähige Protagonisten geschaffen und sich parallel entwickelnde Handlungsstränge, wobei der Fokus ganz klar auf die drei angehenden Teenies angelegt ist. Leider kommt dabei der erhobene Zeigefinger nicht allzu kurz, jedoch ist dieses Element der, aus der Ich-Perspektive geschriebenen, Geschichte vielleicht auch typisch für ein Jugendbuch, welches die Autorin wohl geschaffen haben wollte.

Die Handlung an sich ist schlüssig, hat aber einige Schwachstellen. Diese sind schon in den Charaktereigenschaften der Protagonisten angelegt, die gerade am Beginn der Geschichte einen gewissen Nervfaktor besitzen.

Davon abgesehen jedoch, liest sich der Roman flüssig und schnell, hat als kleinen Clou sogar am Ende einen Manga-Comic eingebaut, verbindet damit ohnehin schon verschiedene Genre der Literatur. Der Comic selbst spielt mit seiner Entstehung eine entscheidende Rolle im Buch, ist das Produkt der Verarbeitung der Geschehnisse um den Hauptprotagonisten. Mehr soll und kann nicht verraten werden.

Es lohnt sich jedoch, beide Teile als Einheit zu betrachten.

Die Geschichte mit Schwächen handelt von Freundschaft und Vertrauen, Verstehen wollen und Verarbeitung, jedoch auch von falschen Verdächtigungen und was sie auslösen. Catherine Bruton zeigt, wie dieses Ereignis teilweise immer noch das Denken der Gesellschaft prägt und welche Nachwirkungen daraus entstanden sind.

Nochmal, der Roman wird als Jugendbuch gehandelt, ist jedoch viel mehr. Als solche sollte er behandelt werden.

Autorin:

Catherine Bruton studierte in Oxford und unterichtete später selbst als Lehrerin. Für Online Portale und angesehene Zeitungen und Magazine, wie The Times oder the Guardian arbeitete sie als Journalistin. Mit ihrer Familie lebt sie in London. Dies ist ihr erstes Jugendbuch.

Per Christian Jersild: Die Insel der Kinder

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Die Insel der Kinder Per Christian Jersild Roman Kiepenheuer & Witsch Erschienen am: 22.05.2017 (neu) E-Book Seiten: 366 ISBN: 978-3-462-41046-4 Übersetzerin: Verene Reichel

Inhalt:

Ein elfjähriger Junge. Hungrig, wach, weit offen für alle Eindrücke. Den schwedischen Sommer soll Reine Larsson eigentlich in einem Ferienlager für Kinder verbringen, doch er hat andere Pläne. Heimlich stielt er sich davon und versucht die großen Geheimnisse der Welt zu ergründen, die jedes Kind vor der Pubertät beunruhigen.

Mit Witz, Geschick und Charme versucht er sich in der Welt der Erwachsenen zu behaupten. Die Mutter bricht ahnungslos in den Urlaub auf und Reine unternimmt Streifzüge durch Stockholm und Umgebung. Reine betreibt Forschungen ganz eigener Art und findet dabei zu sich selbst. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:

Anfang der 1980er Jahre wurde ein schwedischer Gesellschafts- und Coming-of-age-Roman verfilmt, der aufgrund expliziter Szenen mittlerweile wohl Skandalpotenzial hat, was jedoch nicht darüber hinweg täuscht, dass diese Geschichte der wohl größte Erfolg des schwedischen Schriftstellers Per Christian Jersild ist.

Erzählt wird ein schwedischer Sommer aus den wacheen Augen eines Kindes, der ganz eigene Pläne hat. Anstatt sich von der Mutter ins Sommerferienlager schicken zu lassen, fingiert er seine Abreise nur, bleibt aber in Stockholm und nutzt die Tage, um seine Umgebung in sich aufzusaugen.

Der letzte Sommer der Kindheit, ihn will Reine in sich aufnehmen, immer mit der Angst von den allzu nahen Vorzeichen der Pubertät überollt zu werden. Es ist das liberale Schweden der 70er und 80er Jahre, welches hier feinfühlig dargestellt wird, ebenso wie die graue Vorstadtperspektive und die damit verbundenen Ängste aus den Augen eines Elfjährigen, der lieber Kind bleiben würde, als einer der verlogenen und undurchschaubaren Erwachsenen zu werden, die ihn umgeben.

Feinfühlig beschreibt der Autor aus der Perspektive von Reine, den man als Leser einfach liebgewinnen muss, wie sich dieser zwischen verworrenen zuständen zurechtfindet und sich auf mehr oder weniger besondere Erwachsene einstellen muss.

Dabei scheint einzig und alleine reine als unschuldige, aber bereits das Kommende ahnende, Figur, ausreichend ausgearbeitet zu sein, während die Erwachsenen allesamt Negative der reinen und unschuldigen Kindheit darstellen. Kaum jemand von dieser seite dient als Identifikationsfigur, so dass sich der Leser zwangsläufig an die einzig möglich Figur heften und ihr folgen muss.

Dies ist zu wenig, wenn auch die Beschreibungen der Athmosphäre flirrender Vororte sehr eindrücklich wirken. Zu wenig erfährt man von den anderen Protagonisten. Gerne hätten die Beobachtungen Reines noch ausschweifender erzählt und beschrieben werden können. So bleibt ein Roman im halbgaren Zustand.

Da macht der Film schon viel wett, jedoch würde dieser heute so auch nicht mehr gemacht werden können. So bleiben beide Medien in diesem Falle zeitdokumente, unausgereift und nur teilweise fassbar. Schade eigentlich.

Autor:

1935 geboren, ist Per Christian Jersild ein schwedischer Schriftsteller und Arzt gewesen, der von 1960 an verschiedene Romane veröffentlichte. Ab Mitte der 1980er Jahre war er als Kolumnist für verschiedene Zeitungen tätig. Seine Romane wurden mehrfach übersetzt und teilweise verfilmt. „Die Insel der Kinder“, ist sein größter Erfolg.

Sophie von Maltzahn: Liebe in Lourdes

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Liebe in Lourdes Sophie von Maltzahn Rezensionsexemplar/Roman Kiepenheuer & Witsch Erschienen am: 06.06.2019 Hardcover Seiten: 218 ISBN: 978-3-462-05205-3

Inhalt:

Jahr für Jahr pilgert der adel in Ordensformation nach Lourdes. Diese spirituelle Reise im Dienste der Bedürftigen ist ein wichtiger Teil der aristokratischen Erziehung – und gleichzeitig ein idealer Heiratsmarkt. Neu dabei ist Kassandra: Großstädterin, Ende dreißig und nur bedingt erlösungswillig. Doch die Tage im „Heiligen Bezirk“ werden sie dennoch alles andere als unberührt lassen. (Klappentext)

Rezension:

Wie bewertet und rezensiert man einen Roman, zu den man bis zuletzt kaum Zugang gefunden hat? Zunächst, vielleicht bin ich auch nicht der richtige Leser. total wissenschaftsgläubig, habe ich überhaupt nichts mit Religion am Hut. Grotten interessieren mich höchstens aus naturwissenschaftlicher und Kirchen aus der geschichtlichen und architektonischen Perspektive.

Mit Marienerscheinungen oder religiösen Erfahrungen kann ich nur in sofern etwas anfangen, als dass ich mich frage, was man im Kaffee oder Tee am Morgen gehabt haben muss, um diverse „Wunder“ zu erleben. Den Stoff will ich auch. Zwar soll jeder glauben, was er oder sie will, aber mich damit bitte dann auch in Frieden lassen. Und vielleicht war das dann genau die falsche Perspektive, mit der ich an diesen Roman herangegangen bin.

Worum geht es? Jahr für Jahr organisieren kirchliche und Bihinterenverbände Zugfahrten nach Lourdes, einer christlichen Pilgerstätte, deren Grotte, Kirche und Quelle ganz besondere Kräfte zugeschrieben werden. Marienerscheinungen soll es dort gegeben haben, um die siebzig Wunderheilungen hat die katholische Kirche anerkannt und auf diese Begegnungsstätte zurückgeführt. Der Leser dieses Romans begleitet solch einen Pilgerzug und eine Protagonistin, die ähnlich gestrickt ist wie der Rezensent, jedoch ihr ganz eigenes Wunder sucht.

Kritisch beobachtet Kassandra die menschlichen Verwerfungen, die es auch auf einer solch organisierten Fahrt gibt. Konkurrierende Pflegekräfte, Gläubige auf Sinnsuche und behinderte Kinder, denen man etwas gutes tun möchte, es aber eher für das eigene Seelenheil auf sich nimmt, Teil der Gruppe zu sein. Schon hier fragt man sich, was diese Erzählung eigentlich sein soll. Religiöser Erweckungsroman, eher nicht.

Liebeserklärung an Lourdes, bestimmt. Die Autorin Sophie von Maltzahn war bereits mehrmals dort. Erfahrungsroman, auch. Liebesroman, na ja. Fassbarer als auf den ersten Seiten wird’s jedoch nicht.

Tatsächlich ist hier zwar eine Art Handlungsrahmen vorhanden, der Spannungsbogen fehlt jedoch, so dass die gesamte Erzählung erstaunlich farblos bleibt. Die Protagonisten haben alle Ecken und Kanten und sicherlich viel zu erzählen. Mehr Sinnsuche hätte dem Roman gut getan. Der Autorin ist es jedoch nicht gelungen, das auch umzusetzen. An der sprachlichen Ausarbeitung liegt es nicht. Die ist sehr schön gestaltet.

Ein Leser kann sich durchaus in einzelne Szenen verlieben und in Sätzen verlieren, wenn die Sprache und die Figuren jedoch die einzigen Pluspunkte sind, die DDraufsicht nicht funktioniert und die Handlung an jedem Ort der Welt spielen könnte, fehlt das Besondere und macht alle Bemühungen zu nichte, dem Leser einen Zugang zu schaffen.

Nein, die Autorin hat es nicht geschafft, mich zu erreichen. Eine gute Idee und eine schöne Sprache machen noch lange keine gute Erzählung. Vielleicht findet die jedoch jemand von euch? Gebt mir dann Bescheid.

Autorin:

Sophie von Maltzahn wurde 1984 geboren und studierte Betriebswirtschaft, Kunsgeschichte, sowie Ägyptologie. Danach arbeitete sie als freie Mitarbeiterin für verscgiedene Zeitungen und als Redakteurin für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Sie schrieb an ihren eigenen Blog „Ding und Dinglichkeit“, fuhr mit 24 Jahren zum ersten Mal nach Lourdes. Die Autorin lebt in Berlin.

Peter Wyden: Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichte

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Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichte Peter Wyden Übersetzer: Ilse Strasmann Sachbuch Steidl Verlag Erschienen am: 27.02.2019 (Neuauflage) Hardcover Seiten: 384 ISBN: 978-3-95829-608-4

Inhalt:

Stella Goldschlag war blond, schön, intelligent, schlagfertig und vielseitig begabt. In einem anderen Land und zu einer anderen Zeit hätte sie eine glänzende Karriere gemacht, doch Stella war Jüdin und lebte in Deutschland. Um ihre Eltern vor den Deportationszügen zu bewahren, verriet sie untergetauchte Juden an die Gestapo, konnte sie nicht retten und machte dennoch weiter. Mörderisch effizient. Peter Wyden, eins Mitschüler Stellas an der privaten jüdischen Goldschmidtschule in Berlin sprach mit Überlebenden, Zeitzeugen, Historikern und Psychologen, nicht zuletzt, zwei Jahre vor ihrem Freitod, mit Stella selbst. Er urteilt nicht. Peter Wyden erzählt eine wahre Geschichte. (eigene Inhaltsangabe)

Inhalt:

Es ist noch gar nicht so lange her, da machte die Aufarbeitung der Geschichte um die jüdische Greiferin Stella Goldschlag durch Takis Würger Furore. Ein Aufschrei nach dem anderen erfolgte, als der Hanser-Verlag den Roman „Stella“ veröffentlichte und zugleich begannen sich die Leser für die wirklichen Geschehnisse zu interessieren. Doch, während die englischsprachige Ausgabe antiquarisch zu haben war, war die 1999 erschiene Übersetzung längst vergriffen und nur noch zu Phantasiepreisen zu erwerben. So entschloss sich der Steidl-Verlag dieses Werk neu aufzulegen, welches hiermit vorliegt.

Worum geht es? Der Klappentext zusammengekürzt, verrät schon viel und gibt den Umriss eines besonderen Sachbuches. Natürlich kennen wir Leser alle die Berichte von Überlebenden des Nazi-Regims, sowohl der Opfer als auch der Täter, doch gab es natürlich auch Menschen, wie zu jeder Krisenzeit, die irgendwo dazwischen standen. Solch ein Mensch war Stella goldschlag, die in die Gefänge der Gestapo geriet, und begann, um ihre Eltern und ihre eigene Haut zu retten, Berliner Juden zu verraten, die sich vor der Vernichtungsmechanerie der Nazis im Untergrund versteckt hielten.

Ersteres gelang nicht, doch um zumindest das zweite zu erreichen, machte sie weiter, als längst ihre Eltern deportiert werden. Peter Wyden ging nach dem Krieg der Frage nach, warum ausgerechnet Stella Goldschlag diesen Weg einschlug und welchen Lauf ihr Leben nahm, welches sie 1994 durch Selbstmord beendete. Wer war Stella Goldschlag, die „Greiferin“, das blonde Gift?

Es ist ein bemerkenswert differenziertes sachbuch, welches hier neu aufgelegt wurde, vor allem, wenn man um die tatsache weiß, dass sich Autor und Beschriebene seit ihrer Jugend kannten, dennoch so unterschiedliche Wege eingeschlagen hatten und einschlagen mussten. Peter Wyden wollte verstehen und recherchierte als Journalist und Privatmann jahrzehntelang zur Geschichte seiner ehemaligen Klassenkameradin.

Er stöberte in Archiven und Gerichtsakten, sprach mit Zeitzeugen, Opfern und Freunden von Stella Goldschlag, schließlich mit der Hauptperson selbst. Was muss ein Mensch durchmachen, um zu solchen Taten fähig zu sein? In welcher Extremsituation hätte man selbst vielleicht sich zu diesem schmählichen Verrat hinreißen lassen und wann genau kam es zum Knackpunkt, an dem Stella hätte aufhören müssen, wenn man das überhaupt gekonnt hätte? Wäre dies möglich.

Ohne zu werten zeichnet Wyden detailliert Stellas Weg nach, zeigt, wie sie so viele ihrer Mitmenschen an die Nazis verraten konnte und warum Geschichte und Taten sie nicht mehr los ließen, bis zu ihrem Ende. Zeitlos wirkt der Text, tatsächlich kann das Sachbuch auch heute noch gut gelesen werden und ist damit ein wichtiger Grundstein zur Geschichte der Verfolgung der Juden durch das NS-Regime in Berlin.

Im Stil des Journalisten, dem eine Geschichte begegnet und nicht loslässt, arbeitete der ehemalige und dann wiederholte Berliner an diesem Sachbuch, welches zeigt, dass es in besonderen Zeiten besondere Menschen gibt. Leider eben auch im schrecklichen Sinne. Das hat eine ungeheuerliche Qualität, die erdrückend wirkt, wobei Wyden seine journalistischen Fähigkeiten nicht nur in der Recherchearbeit selbst einzusetzen wusste.

Gegliedert, entlang der Lebens- und zeitlichen Abschnitte, durchsetzt mit zahlreichen Quellenangaben, doe vor allem aus Interviews mit Zeitzeugen bestehen, wie sie heute kaum mehr durchgeführt werden können, ist „Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichte“ ein zeitloses Sachbuch und eine Warnung zugleich. Was würden wir tun? Wie weit würde jeder Einzelne von uns gehen, um die eigene Haut zu retten?

Beten wir darum, dies nie erfahren zu müssen. Unabhängig von den Taten der Stella Goldschlag, so verachtenswert sie sind, hatte sie wohl kaum eine Wahl. Peter Wyden bewertet dies nicht, mit seinem Fazit bin ich dennoch nicht ganz glücklich. Davon abgesehen, gibt es hier eine unbedingte Leseempfehlung.

Autor:

Peter H. Wyden wurde als Peter Weidenreich 1923 in Berlin geboren und war ein deutsch-US-amerikanischer Journalist und Autor. Als Kind jüdischer Eltern besuchte er ab 1935 die jüdische Privatschule Dr. Goldtschmidt in Berlin und folh mit seiner Familie 1937 aus Berlin. Er studierte an der City University New York und diente anschließend in der US Army. Ab 1945 leitete er die Lokalredaktion Berlin der Allgemeinen Zeitung und arbeite als Reporter und Redakteur. Seit 1970 veröffentlichte er mehrere Bücher, 1992 auch über Stella Goldschlag, die als „Greiferin“ untergetauchte Juden in Berlin an die Gestapo verriet. Das Buch wurde 2019 neu aufgelegt. Peter wyden starb 1998 in Ridgefield/Connecticut.

Alex Michaelides: Die stumme Patientin

Die stumme Patientin Book Cover
Die stumme Patientin Alex Michaelides Übersetzerin: Kristina Lake-Zapp Rezensionsexemplar/Thriller Droemer Erschienen am: 02.05.2019 Taschenbuch Seiten: 379 ISBN: 978-3-426-28214-4

Inhalt:

Blutüberströmt hat man die Malerin Alicia Berenson neben ihrem geliebten Ehemann gefunden – dem sie fünf Mal in den Kopf geschossen hat.

Seit Jahren sitzt die Malerin nun in einer geschlossenen psychiatrichen Anstalt. Und schweigt. Kein Wort hat sie seit der Nacht des Mordes verloren, lediglich ein Bild gemalt. Fasziniert von ihrem Fall, setzt der forensische Psychiater Theo Faber alles daran, Alicia zum Sprechen zu bringen. Doch will der Psychiater wirklich nur herausfinden, was in jener Nacht geschehen ist? (Klappentext)

Rezension:

Krimis und Thriller zu rezensieren, fällt schwer. Wie leicht lässt sich hier spoilern oder verraten, dass es der Butler war oder der Gärtner der Mörder ist, doch ich bleibe bei der Inhaltsangabe laut Klappentext. Das ist in diesem Falle mal unverfänglich und verrät nichts. Wer möchte, kann also getrost weiterlesen, gleichwohl ich es schwierig finde, eine vernünftige Rezension zu schreiben.

Der Inhalt ist dann auch schnell ersichtlich, gehen wir also gleich zum Aufbau dieses einzigartigen Debüts über. Gegliedert ist das Buch in kurzweilige Kapitel aus der Sicht des Hauptprotagonisten, anfangs sehr einseitigen, später wandlungsfähigen Theo Fabers und Tagebucheinschüben eben jener stummen Patientin, Dreh- und Angelpunkt des Thrillers. Weitere Perspektiven gibt es nicht.

Alex Michaelides beschränkt sich hier auf das Notwendige. Andere Protagonisten dürfen und können hier auch bemerkenswert blaß bleiben, was auf den Leser sehr wohltuend wirkt. In ruhiger Erzählweise geht der Autor mit seinem Hauptprotagonisten, dieser ist anfangs nur wenig facettenreich, was sich im Verlauf der Handlung jedoch bessert, auf Spurensuche und lullt den Leser damit ein.

Das zu Beginn ruhig wirkende Debüt lässt dabei keine Spuren vom melnacholischen Mehltau skandinavischer Krimis zu. Der Autor hat dennoch die Geduld aufgebracht, eine klare Linie mit nicht allzu kaputten Protagonisten zu verfolgen und den Handlungsverlauf Stück für Stück im Spannungsbogen aufzubauen.

Am Anfang passiert nicht viel, trotzdem möchte man weiterlesen. Michaelides weiß, welche Stellschrauben er drehen muss, um seine Leser in den Bann zu ziehen. Ja, auch ruhige englische Krimis gibt es, die mit nur einem Mord auskommen. Blut fließt hier nicht gerade in Strömen. Vielmehr werden die psychologischen Komponenten ins Spiel gebracht.

Hier sieht man die Kenntnisse des Autors aus der Psychologie eingewoben. Eine Arbeit, deren Erfolge man etwa bei anderen Autoren, wie Sergej Lukianenko, in anderer Form beobachten kann. Gutes Autorenhandwerk ist eben nicht nur das Spiel mit der Sprache und das Lebendigwerdenlassen von Protagonisten, sondern eben auch das Einarbeiten von sonstigen Fachkenntnissen.

Auch merkt man die Erfahrungen des Drehbuchschreibens von Michaelides, der einen Film vor dem inneren Auge seiner Leser ablaufen lässt, der zu überraschen vermag.

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die ständig und nur Krimis oder Thriller lesen. Mich haben die, sparsam aber sehr gezielt wirkenden, Wendungen jedoch sehr überrascht. Tatsächlich habe ich fast bis zum Schluss nicht einmal ansatzweise geahnt, worauf die Handlung hinausläuft. Der große Knall kam unerwartet.

Das ist eine wunderbare Qualität und einer der vielen Punkte, die es wert macht, die Arbeit des Autoren zu verfolgen. Nicht nur Drehbücher kann Alex Michaelides nämlich schreiben, sondern auch in Buchform begeistern. Und das ist bei der Flut von Krimis sehr bezeichnend. Hoffen wir, dass „Die stumme Patientin“ nicht untergeht, sondern viel weiter oben auf dem Leserradar landet. Dieser Thriller hätte das verdient.

Autor:

Alex Michaelides wurde 1977 auf Zypern geboren. Er studierte zunächst in Cambridge und Los Angeles, schreibt Drehbücher für’s Fernsehen und Kino. Er ließ sich zum Psychotherapeuten ausbilden und arbeitete zwei Jahre in einer psychiatrichen Klinik für Jugendliche. Dies ist sein erster Roman, der zugleich in über 39 Ländern erschienen ist. Michaelides lebt in London.