Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Inhalt:
Jekabs ist ein Junge, der in einer ungewöhnlichen Familie geboren wurde. Aber er möchte gern wie alle anderen sein – mit dem Fahrrad herumfahren, Gameboy spielen, sich um sein Kätzchen kümmern, eine coole Jacke tragen, im See schwimmen und Liene liebevolle SMS schicken …

Mit großem Einfühlungsvermögen erzählt Rasa Bugavicute-Pece in ihrem preisgekrönten Jugendroman von Jekabs, der schon als Kind erwachsen sein soll, um seinen blinden Eltern im Alltag helfen zu können. Mit zunehmenden Alter will er sich aber auch von ihnen lösen, um eigene Wege gehen zu können. Seine Mutter hingegen versucht verzweifelt, alles zu tun, um ihr Kind nicht zu verlieren. (Klappentext)

Rezension:
Das vorliegende Jugendbuch der lettischen Autorin und Dramatikerin Rasa Bugavicute-Pece erzählt eine Geschichte von Veränderungen, Loslösung und einer Superkraft, die Jekabs vor allem vor Gleichaltrigen versucht, zu verbergen. Für seine Eltern und deren Freunde ist er der Junge, der im Dunkeln sieht. Doch diese Besonderheit birgt mit zunehmenden Alter Konfliktpotential zwischen deren und seiner Wahrnehmung der Welt. In der leichtgängigen und doch einfühlsamen Erzählung verfolgen wir Jekabs auf seinem Weg, der für seine Eltern schon als Kind erwachsen sein muss.

Wenn es eine Region verdient hat, mal wieder im Fokus der Buchmessen zu stehen oder eines deren Gastländer zu stellen, ist es das Baltikum, vom dem zuletzt Litauen 2017 in Leipzig und 2002 in Frankfurt, die gesamte Bandbreite seiner Literatur präsentieren durfte. Lettland dagegen bemüht sich seit Jahren darum, einmal das Gastland stellen zu dürfen und Bücher wie dieses hier würden die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient haben. In Lettland selbst ist die Autorin bekannt. Ihr zweites Buch liegt nun in der deutschen Übersetzung von Lil Reif im Mirabilis Verlag vor.

Jekabs ist der anfangs noch kindliche, später jugendliche Hauptprotagonisten, dessen Alltag wir verfolgen, der in der Umgebung eines Wohnheims für blinde Menschen aufwächst und schon früh lernen muss, mit den Gegebenheiten als einzig Sehender zurechtzukommen. Für ihn zunächst nichts besonderes, wird er sich der Situation mit zunehmenden Alter immer bewusst, aber auch den Einschränkungen, die es mit sich bringt, wenn die Eltern die Welt ganz anders wahrnehmen, als die beispielsweise seiner Klassenkameraden. Ein in die elterliche Ordnung tapsendes Kätzchen ist da nur einer der ersten von vielen Versuchen, Eigenständigkeit gegenüber den Eltern zu erlangen, deren Sicherheitsbedürfnis lange in eine Art Übervorsorglichkeit gegenüber ihren Sohn mündet.

Erst später, nachdem ich ein paar Mal bei Kriss, Klavs und Matisss gewesen war, habe ich verstanden, dass ihnen unsere Wohnung wie eine einzige Leere vorkommt, wie eine Wüste oder ein Gletscher – unglaublich exotisch, denn bei uns stehen hinter den Glasscheiben von der Schrankwand keine Massen von Glöckchen von Reisen, da sind keine unzähligen gerahmten Bilder, keine Bücherberge, Notizblöcke, Dokumentenmappen, keine bunten Musikkassetten, irgendwelche Kreisel, neun Kaffeeservices in verschiedenen Farben, Gläser in allen möglichen Größen, es gibt keinen bunten Haufen Hausschuhe im Flur, in dem man sich ein passendes Paar zusammensuchen muss und dazu mit dem Fuß darin herumwühlt. […] Wir haben keine Bilder. Es gibt einen Kalender, aber der zeigt meistens den falschen Monat.

Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Von diese Warte aus, sind die Handlungsweisen und Charakterzüge der Protagonisten nachvollziehbar, wobei vor allem jekabs als Hauptfigur alle Sympathien auf sich zieht. Sich seiner Sonderrolle bewusst, blitzt neben all den viel zu erwachsenen Verhalten, welches er an den Tag legen muss, immer wieder das Kindliche durch, nachvollziehbare Wünsche und Träume, aber auch das Bewusstsein für all die Einschränkungen der Erwachsenen, in deren Spannungsfeld er lebt und sich seine Freiheiten mühsam erkämpfen muss. Auch aus der Sicht seiner Mutter wird die Geschichte erzählt, so dass auch ihr Handeln verständlich ist, welches das spätere Potential für Konflikte begründet, welches der Erzählung ihre Ecken und Kanten gibt.

„Und, hast du eine an?“ Schon ist Mama in der Kabine und will mich abtasten. „Jetzt warte mal“, fauche ich und nehme die erste Jacke, sie ist mossgrün mit roten Streifen. […] „Jetzt zeig doch mal“, sagt Mama und tastet mich ab, den Vorhang hat sie aufgezogen, und über ihre Schulter hinweg sehe ich die Verkäuferin, die unauffällig versucht einzuschätzen, wie wir zurechtkommen. Na also, die Verkäuferin ist eine von denen, die genauer hinschauen, nachdem sie erst so tun, als gäbe es da nichts zum Schauen … […] Sie ist gut gelaunt – sie hat mir gerade eine Jacke gekauft, die mir gefällt. Ich greife nach Mamas Hand, die auf meinem rechten Ellbogen liegt, und drücke sie fest, danke. Kurz darauf ziehe ich dann aber meine Hand gleich wieder weg und stecke sie tief in meine Hosentasche – ein ganzes Stück weit entfernt kommen uns einige meiner Klassenkameraden entgegen. Sie gehören zu denen, die so tun, als würde ihnen gar nichts auffallen.

Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Dieses Spiel mit den Gegensätzen beherrscht Rasa Bugavicute-Pece genau so, wie sie es schafft, die inneren FGefühlswelten Jekabs‘ zu beschreiben und Orte lebendig vor dem inneren Auge entstehen zu lassen. Nicht zuletzt ist ihr das durch die Erwahrungswelt in ihrem eigenen Bekanntenkreis gelungen. Die Figuren sind liebevoll ausgestaltet, wie auch der Altag dargestellt, der vor allem zeigt, wie wichtig Ordnung und Organisation ist, in einer Welt, wo gerade der Sehsinn als sonst selbstverständlich erscheint. Auch, und das ist als jemand ohne diesen Erfahrungshorizont besonders spannend, werden Hilfsmittel für Blinde, um den Alltag zu bewältigen, ganz wie nebenbei beschrieben.

Das so einzuarbeiten, gleichzeitig einen Jungen auf der Suche nach seinem eigenen Weg zu beschreiben, ist die Stärke dieses kleinen Romans, den man nicht nur viele jugendliche Lesende wünscht. Auch für Erwachsene funktioniert das sehr gut, die sicher das beschriebene Spannungsverhältnis aus der elterlichen Perspektive nachvollziehen können. Der Autorin gelingt es den inneren Zwiespalt ihrer beider Hauptprotagonisten darzustellen. Andere Figuren dienen nur als Handlungstreibende. Der stete Perspektivwechsel zwischen Sohn und Mutter tut sein übriges dazu, diesem sehr besonderen Alltag gerne beizuwohnen, ohne dass es ins Klischeehafte abrutscht.

In sich schlüssig ist die „Der Junge, der im Dunkeln sah“ eine Erzählung, die berührt ohne Mitzleid mit ihren Figuren zu heucheln oder ins Voyeuristische abzugleiten. Auch verfolgen wir das Erwachsenwerden Jekabs ohne harte Brüche, bis zu einem gewissen Spannungsmoment, der eine klare Umkehr des Verhältnisses zwischen Eltern und Kind aufzeigt. Das passt hier wunderbar hinein.

Rasa Bugavicute-Pece erzählt die Normalität in der Welt des für Ausstehende Besonderen und hat dabei etwas geschaffen, was nur wenigen Autoren und Autorinnen in dieser kompakten Form so schön gelingt. Die Übertragung ins Deutsche durch Lil Reif hat sicher das ihre dazu beigetragen, dass das Jugendbuch so wertvoll macht, ohne den pädagogischen Gürtel, Achtung: Anspielung, zu erheben.

„Der Junge, der im Dunkeln sah“, hilft, uns für Perspektiven zu öffnen und sich darauf einzulassen, erzählt von einem Spannungsverhältnis, Selbstfindung und auch von Liebe und Fürsorge, sei es für die eigene erste oder und vor allem zu den eigenen Eltern, ohne sich selbst zu verlieren. Das ist viel für ein Jugendbuch. Hierfür hat die Autorin ein richtiges Maß gefunden und mit Jekabs einen Protagonisten, den man in sein Herz schließt und gerne wachsen lässt.

Autorin:
Rasa Bugavicute-Pece wurde 1988 in Riga geboren und ist eine lettische Dramatikerin und Autorin. Sie studierte an der Lettischen Kulturakademie und machte ihren Bachelor in Theater-, Film- und TV-Dramaturgie, danach erhielt sie einen Abschluss in Kulturmanagement und studierte Kreatives Schreiben. 2011 wurde sie zur Vorsitzenden der Lettischen Dramatikergilde gewält. Vier Jahre später arbeitete sie im Liepaja Theater. Auch in anderen, wie dem Lettischen Nationaltheater wurden ihre Werke aufgeführt. 2016 veröffentlichte sie ihren ersten Roman. 2020 wurde sie für ihren zweiten Roman „Der Junge, der im Dunkeln sah“, mit dem Janis Baltvilks Award ausgezeichnet.

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Müller, Daniel: Möwen ohne Pommes

Zehn Sommertage auf dem Ostsee-Campingplatz seiner Kindheit. Jetzt soll für David die Zeit stillstehen. Hier könnte er sein verknotetes Leben entwirren. Doch zwischen Herzschmerz und Familienkrisen schmilzt diese Hoffnung schneller als das Schlumpfeis auf der steinernen Tischtennisplatte. Alles ist in Bewegung. Das dröhnende Geplansche der Gischt, das Getappel schimmerschwarzer Käferbeinchen im Kiefernschatten: Alles blüht, alles pulsiert. Und David wartet, dass das Leben ihm passiert. (Klappentext)

Titel: Möwen ohne Pommes
Autor: Daniel Müller
Seiten: 234
ISBN: 978-3-9034-4364-8
Format: Taschenbuch
Verlag: Wolfgang Hager Verlag

Leider ist auch meine Lesezeit begrenzt und der bereits existierende Bücherstapel viel zu groß. Dennoch möchte ich gerne kleinen Autorinnen und Autoren Sichtbarkeit für ihre Werke verschaffen. Auch dafür gibt es die Kategorie Empfehlung, in der Bücher vorgestellt werden sollen, von denen ich glaube, dass sie den einen oder anderen gefallen könnten. Natürlich entsprechend, ohne Wertung.

Die Leseprobe, die ich mir anschauen durfte, liest sich vielversprechend.

Ich würde mich freuen, wenn der eine oder andere diesen Roman von Daniel Müller eine Chance gibt und Zeit findet, David auf dem Ostsee-Campingplatz seiner Kindheit und auch sonst zu begleiten.

Euer Nick.

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Eva Szepesi/Stephanie Lunkewitz: Ich war Eva Diamant

Screenshot

Inhalt:
Eva Diamant ist zwölf Jahre alt, als die Sowjetarmee sie im Januar 1945 in Auschwitz befreit. Zusammen mit der Illustratorin Stephanie Lunkewitz und begleitet von ausdrucksstarken Bildern erzählt sie in diesem Buch ihre bewegende Überlebensgeschichte: Es ist die Geschichte einer behüteten Kindheit in einer bürgerlich-jüdischen Familie in Budapest, von ersten Ausgrenzungen in der Schulzeit, ihrer Flucht aus Ungarn, dem Verlust von Vater, Mutter und Bruder und schließlich der Deportation ins Konzentrationslager Auschwitz. Es ist aber auch eine Geschichte der Liebe, der Freundschaft und des Beistands. (Klappentext)

Rezension:
Die jüngere Leserschaft ernst zu nehmen, ohne zu verschrecken, die Wahrheit und auch Schattenseiten unserer Geschichte zu zeigen, ohne bis zum äußersten zu gehen, dieser Aufgabe widmet sich der Ariella-Verlag mit einem sorgsam kuratierten Kinder- und Jugendbuchprogramm, welches einerseits die jüdische Kultur zugänglich macht, andererseits erste Berührungspunkte zu den Ereignissen der Vergangenheit bietet. Ein gelungener Baustein hierfür, ein Buch gegen das Vergessen, ist mit der Visualisierung der Kindheitsgeschichte Eva Szepesis gelungen, welcher sich die Illustratorin Stephanie Lunkewitz angenommen hat.

In kompakter Form, dafür mit großflächigen Illustrationen wird die Geschichte des Mädchens erzählt, welches in einer liebevollen Umgebung aufwächst und plötzlich erleben muss, wie sie, andere jüdische Kinder und ihre Familie aus dem gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt werden. In der Klasse muss sie sich plötzlich nach hinten setzen, der Vater kommt in ein Arbeitslager, der gelbe Stern macht die Ausgrenzung aus dem Alltag noch leichter. So beginnt ein Spießrutenlauf, dessen unheilvolle Ereignisse in immer dichterer Taktung hintereinander folgen. Doch immer wieder gibt es Menschen, die sich ihrer annehmen. Irgendwann schließlich schwört sie sich, am Leben zu bleiben.

Dies ist die Grundtonalität des Kinderbuches, während dessen erster Seiten man sich fragt, wie überhaupt ein Kinderbuch zu dieser Thematik, die zweifelsohne wichtig ist, gelingen kann? Der Umgang damit ist schon in der Erwachsenenliteratur ein Drahtseilakt und mit Fingerspitzengefühl zu führen, aber Szepesi und Lunkewitz zeigen, wie dies funktioniert. Es ist eine Geschichte des Überlebens. Zwar wird der Tod erwähnt, aber weder gezeigt noch detailliert geschildert.

So hat man hier vermieden, zu verschrecken, gibt dennoch Anknüpfungspunkte für ältere Kinder und Jugendliche zur Diskussion. So ist die Altersempfehlung hier vom Verlag ab 12 Jahre veranschlagt, einem Alter etwa, in denen man schon genug durch Medien, vielleicht Diskussionen zu Hause oder Ausgrenzung im Klassenzimmer mitbekommen hat. Ein Glossar rundet dieses feine Büchlein zudem ab, da doch einige Begriffe gerade für diese Altersgruppe neu sein dürften.

Ein ernstes Kinderbuch zur Einführung in die Thematik, welches auch gut Ältere lesen können, ziehen einen doch die kräftigen Illustrationen tief in die Geschichte hinein, ist „Ich war Eva Diamant“, dem man ganz viele Lesende wünschen darf.

Frankfurter Buchmesse, 2025:

Frankfurter Buchmesse, 2025, Kurt-Wolff-Stiftung, Myriam Halberstam (Verlegerin, Ariella Verlag) und Stephanie Lunkewitz. (Quelle: Kurt-Wolff-Stiftung)

Autorin:
Eva Szepesi wurde 1932 in Budapest geboren und ist eine Holocaust-Überlebende, Als Zeitzeugin berichtet sie in Vorträgen und Büchern über ihr Leben. Als Kind wächst sie in Budapest auf und erlebt erste Ausgrenzungen und wie ihr Vater zum Arbeitsdienst gezwungen wird. Im Alter von elf Jahren flüchtet sie mit ihrer Tante in die Slowakei, das Versteck wird jedoch verraten, so dass sie zunächst nach Sered, schließlich nach Auschwitz deportiert wird. Dem Todesmärschen entgang sie, da sie sich zwischen Leichen versteckt hielt und wurde am 27. Januar 1945 bei der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz von sowjetischen Soldaten befreit.

Nach einer Zeit im Lazarett kehrte sie nach Budapest zurück, wo sie bei Onkel und Tante aufwuchs und eine Lehre zur Schneiderin absolvierte. Später zog sie mit ihrem Mann nach Frankfurt/Main. Fünfzig Jahre sprach sie nicht über ihre Erlebnisse, erst nach der Veröffentlichung des Films Schindlers Liste, und einen Besuch der Gedenkveranstaltung zum 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz sprach sie vor Jugendlichen über ihre Zeit im Konzentrationslager. Fortan engagierte sie sich als Zeitzeugin. 2011 veröffentlichte sie ihre Autobiografie, Jahre später erlangte sie Klarheit über das Schicksal ihrer Mutter und ihres Bruders, die in Auschwitz ums Leben kamen. 2017 erhielt sie die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt/Main, zudem das Bundesverdienstkreuz am Bande. 2024 sprach sie anlässlich des Holocaust-Gedenktages im Deutschen Bundestag.

Illustratorin:
Stephanie Lunkewitz wurde 1977 in Köthen, Sachsen-Anhalt, geboren und ist eine deutsche Illustratorin und Autorin. Ihre Großeltern waren Mitglieder des Verbandes Bildender Künstler der DDR und illustrierten mehr als 50 Kinderbücher. Stephanie Lunkewitz studierte nach ihrem Diplom in Design Kunstgeschichte in Frankfurt/Main, schließlich in den USA Book Writing and Business in Los Angeles, Kalifornien, wo sie mit ihrer Familie lebt.

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Alexander Graeff: Deine Revolution für Ungenauigkeit hat Zukunftswert

Inhalt:
In Deine Revolution für Ungenauigkeit hat Zukunftswert findet Alexander Graeff eine poetische, eine verbindende Sprache für die klima-, körper- und sozialpolitischen Herausforderungen der Gegenwart. Was wäre eine geeignete Metapher, eine Lebensweise, ein Lebewesen, das aus dem Alltag von Raufasertapeten myzelische Fantasieimmobilien flicht? Irgendwann wird klar: Die Fantasieimmobilie ist eine Realitätsimmobilie. Diese Revolution ist keine Bilderstürmerei, sie ist ein sanftes Bevölkern der Gegenwart mit Bildern, die sich anschmiegen wie das Farbspiel des Oktopus an seine Umgebung. (Klappentext)

Rezension:
In Zeiten, in der immer mehr Menschen eine immer reduziertere Aufmerksamkeitsspanne besitzen, die Zündschnur kurz ist, sollten Gedichte wieder möglich sein. Vor allem, wenn sie kompakt sind und punktgenau treffen. Das tun sie, auf den Bühnen, auf denen Poetry Slam stattfindet, dieses moderne Vortragen von Gedichten, was das stille Lesen um Längen schlägt. Zumindest bei dieser literarischen Form. Doch, in vielen Bücherregalen, Buchhandlungen finden sie nicht mehr statt oder nur noch in sehr reduzierter Form.

Und deshalb möchte ich hier diesen kleinen Gedichtband vorstellen, in dem der Schriftsteller und Philosoph Alexander Graeff moderne und in unserer Gesellschaft viel diskutierte Themen aufgreift. Mehrere Gedichtzyklen und Einzelgedichte greifen hier politische und gesellschaftliche Ereignisse auf, Dinge, die uns alle berühren, zum Nachdenken und Handeln anregen sollten. Da wird der Klimawandel ebenso zum Gegenstand des Lyrischen wie das Zerplatzen des Aquadoms in Berlin als Symbol für die angespannte Stimmung in unserer Gesellschaft.

Persönliches berührt Politisches, doch wie dem Unaussprechlichen Worte verleihen? Wie umgehen, mit einer Welt, in der Kontraste immer stärker werden, immer mehr Menschen das suchen, was uns trennt, anstatt eint? Bei immer höheren Temperaturen, Wetterextremen und Radikalisierung? Der Autor versucht hier seinen Gedanken dazu Ausdruck zu verleihen, was manchmal verfängt, manchmal nur schwer zu greifen ist. Nicht bei jedem Text oder Gedicht funktioniert das gleichermaßen gut. Nicht immer erreicht die Sprache. Einige Male werden Bilder, Gleichnisse doch arg strapaziert.

Dennoch fliegt man durch das Büchlein. Die einzelnen Gedichte kann man sich unabhängig vioneinander vornehmen, aber auch hintereinander weg lesen. Irgendwann wird man schon gezwungen, innezuhalten. Durchzuatmen. Manchmal gar habe ich mich beim lautlesen erwischt. Und das ist doch auch mal ein interessanter Effekt.

Wie sich die Texte lesen, hier ein Beispiel:

Double Bind

Die Stars aufm Banner sind keine
Fantasien der Unsterblichkeit vielmehr
Steesternnachbarn aus dem Wasser
ozeanische Existenzen keine
Ängste Verstecke Löschungen
die Lösungen sind flexible Varianten.
Debatten über KI weil alle über KI debattieren
sortierende Programme einer
Herrschaft der Männer & ihre
Furcht vor der Herrschaft der
Maschinen. Dagegen deine
Anatomie ohne vorausgesetzte
Dynastie einfach bloß
tentakuläres Terraforming.

Ich tue mich hier schwer mit der Wertung und werde die irgendwann nachreichen müssen. Vielleicht müssen die Gedichte hier einfach eine Weile wirken.

Autor:
Alexander Graeff ist ein deutscher Schriftsteller und Philosoph. Er arbeitet als Dozent, Kurator und Literaturvermittler und wurde 1976 in Bad Kreuznach geboren. Er studierte Wirtschafts-, Ingenieur-, Erziehungswissenschaften und Philosophie in Karlsruhe und Berlin und promovierte zwischen 2008 und 2012. Danach unterrichtete er Kreatives Schreiben und übte Gastdozenturen an unterschiedlichen Hochschulen aus.

Seit 2013 ist er als Literaturvermittler und -kurator tätig und betreute bis 2019 als Initiator und Gastgeber die Lesereihe Literatur in Weißensee, seit 2016 ist er Programmverantwortlicher für Literatur in der Brotfabrik Berlin. Er schreibt philosophische wie belletristische Texte und engagiert sich kulturpolitisch für die Sichtbarkeit queerer Inhalte und Personen im Literaturbetrieb. Graeff ist Mitbegründer des PEN Berlin.

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Sara Mesa: Die Familie

Inhalt:
In dieser Familie gibt es keine Geheimnisse. Alle spielen Theater, verstellen sich, erfinden kleine Lügen. Sara Mesas Erkundung des Weltinnenraums Familie ist unerbittlich, beklemmend genau und so unheimlich vertraut wie die Schatten im nächtlichen Kinderzimmer. (Klappentext)

Rezension:
Angespannte Stille und die Suche nach Luft zum Atmen kennzeichnen die vorliegende Erzählung der spanischen Autorin Sara Mesa, in der ihre Protagonisten sich versuchen, der Kontrolle des Familienoberhaupts zu entziehen, die fast schon als psychologischer Terror zu bezeichnen ist.

Jeder Einzelne von ihnen hat seine kleinen Geheimnisse und entwickelt Strategien, sich der Gewalt des Gutgemeinten zu entziehen. Die so angespannte Atmosphäre schafft eine Sogwirkung, die einem den Atem anhalten und zugleich kalte Schauer den Rücken herunterjagen lässt. So entstehen aus verschiedenen Blickwinkeln heraus in „Die Familie“ ein psychologisches Kammerspiel Bilder, wie familiäre Beziehungen uns prägen und eine Geschichte davon ausgehender Ausbruchsversuche.

Eröffnet wird der Roman, der schon alleine durch die Distanziertheit des Tons eine Sogwirkung entfaltet, am Wohnzimmertisch, an dem sich alle Aktivitäten unter der Kontrolle der Vaterfigur abspielen müssen. Dieser arbeitet in einer Anwaltskanzlei, verehrt den Asket Gandhi und betrachtet jede Form von Individualismus und Geheimniskrämerei als gefährlich.

Das Tagebuch seiner Nichte Martina, die als Adoptivtochter in die Familie hineinkommt, genauer gesagt, das Schloss daran, ist Diskussionsgegenstand; die erste einer Vielzahl von Konfliktlinien, die sich wie Gräben zwischen den Protagonisten auftun, aus deren verschiedener Perspektive wir der Erzählung beiwohnen.

Martina, die die Unabhängigkeit, die Welt da draußen, auch durchaus ihren Schmerz bereits kennt, sieht innerhalb eines Abends ihr Tagebuch zu einem Ort für Aufsätze verkommen, deren einzelne Formulierungen ihr vorgegeben werden, natürlich mit einem entsprechenden Vortrag am Tisch als Überbau. Auch die anderen Figuren lernen wir so im Laufe der Erzählung kennen, deren unterschiedliche Charakterzüge die verschieden verfolgten Strategien kennzeichnen, dem Terror des Gutgemeinten zu entgehen. An ihnen schärfen sich ihre Ecken und Kanten. Diese Verschiedenheit der Figuren herauszuarbeiten, ist eine Meisterleistung Sara Mesas, die diesen Roman einer Familie trägt.

Sie widerspräche sich, sagte er. Sie widerspräche sich, wenn sie dem Schloss so wenig Bedeutung beimesse und es trotzdem benutze. […] Er führte das Notizbuch an seine Augen, runzelte die Stirn. Was für ein kleines Loch, sagte er wie zu sich selbst. Um erst gar nicht davon zu reden, dass sie das Tagebuch unter der Matratze aufbewahre – wie erkläre sie das? „Martina, Martina, wann wirst du uns endlich vertrauen? Irgendwann wirst du akzeptieren müssen, dass eine neue Phase deines Lebens begonnen hat. Eine bessere Zeit, ohne Dunkelheit, ohne Angst.“

Sara Mesa: Die Familie

Dabei handelt der Vater nicht einmal in böser Absicht. Die Erzählung braucht auch nicht den klassischen Antagonisten. Es ist das Spiel der Generationen, um die Deutungshoheit von allem, welches die Autorin hier auf die Spitze treibt. Immer wieder zeigt sich die Erbärmlichkeit und auch Hilflosigkeit dieser Figur in einzelnen Szenen, erst zwischen den Zeilen, dann immer deutlicher den heranwachsenden Kindern auch offener. Sara Mesa schafft dabei mit verhältnismäßig kurz gehaltenen und klaren Sätzen, im Wechsel mit kunstvoll psychologisch eingewobenen Szenen diese beklemmende Atmosphäre.

Über allem steht die Frage des Umgangs mit einer solchen Situation und hier nimmt die Handlung dann auch sehr schnell Fahrt auf. Dem Jüngsten, so merkt man schnell, wird dies am Ende am besten gelingen, die älteren Geschwister jedoch mit nicht nur psychologischen Schrammen aus den geschilderten Situationen herausgehen.

Mit sechs fertigte er einmal aus dem Stand eine Karikatur an, natürlich ohne zu wissen, was man unter einer Karikatur versteht. Es war ein Bild von Gandhi, aber mit dem Körper einer Gans. Er war auf der Zeichnung eindeutig zu erkennen – der kahle Schädel, die runde Nickelbrille und ein Zipfel seines Sari, der über die Schulter der, nun ja, Gans hing. Darunter stand in krakeligen Filzstiftbuchstaben: GANSI.
Stolz zeigte er Vater sein Werk, und der verpasste ihn eine Ohrfeige. […]
Aqui rieb sich die Backe. Na gut, auf seine kindliche Weise begriff er, dass er den Vater beleidigt hatte. Egal, das berührte weder die Qualität der Zeichnung noch ihn als Künstler. Das einzig Unangenehme an der Sache war seine brennende Wange. […]

Sara Mesa: Die Familie

Das bleibt den Lesenden von Beginn an nicht verborgen. Spannend allein ist der Weg der so unterschiedlich damit umgehenden Protagonisten. Davon lebt diese Erzählung, in der jeder einzelne von ihnen die ganze Zeit über nachvollziehbar bleibt und folgerichtig handelt. Man kommt nicht umhin, mit ihnen mitzuleiden. Andere Nebenfiguren dienen nur dazu, den Kontrast zu schärfen.

Die Dynamik entsteht durch den Wechsel an Szenen und den unterschiedlichen Perspektiven, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird. Hauptfigur bleibt dennoch vor allem Martina, die innerhalb der Familienkonstellation nochmal die Besonderheit der Hinzugekommenen aufweist.

Nach und nach ergeben die Puzzleteile unterschiedlicher Handlungsstränge so ein gesamtes Bild, welches zudem durch das Spiel mit Vergangenheits- und Gegenwartsperspektive ergänzt wird. In solch kompakten Raum dies ohne Logikfehler oder absurde Sprünge zu schaffen, funktioniert hier wunderbar, was sicher zum Großteil auch an der Übersetzung von Peter Kultzen ins Deutsche liegt.

Das Spiel mit Atmosphäre und unterschiedlichen Perspektiven funktioniert auch deshalb so gut, da man sich die Figuren und die auf eine überschaubare Anzahl von Handlungsorten beschränkten Szenen gut vorstellen kann, da Sara Mesa teilweise sehr filmisch schreibt. Das Gefühl eines psychologischen Dramas lässt sich so leicht heraufbeschwören und hält sehr viel über den gesamten Handlungszeitraum von der Kindheit bis hinein ins Erwachsenenalter. Vor allem einzelne Szenen und Textpassagen werden dabei am Ende im Gedächtnis bleiben, da sie mit einer Präzision platziert sind, die ihres Gleichen sucht.

Es kam vor, dass man für eine kleine oder sogar gar nicht bestehende Verfehlung eine Riesenstrafe empfing, und umgekehrt: Man konnte ganz ohne Strafe davonkommen, obwohl man etwas Schlimmes oder sehr Schlimmes getan hatte. Er beschloss, dass er in dieser Richtung weitermachen müsse – Überleben durch Ausgleich.

Sara Mesa: Die Familie

Der 2022 in Spanien erschiene und drei Jahre auch hierzulande zu lesende Roman ist für alle geeignet, die eine nicht nur erzählerisch sondern auch psychologisch spannende Geschichte suchen. Besser als am nach außen hin heilen Bild der Familie, in deren Innerem sich Risse erst auf dem zweiten Blick zeigen, kann man dies kaum darstellen.

Autorin:
Sara Mesa wurde 1976 in Madrid geboren und ist eine spanische Schriftstellerin und Journalistin. Als Kind zog sie mit ihren Eltern nach Sevilla, wo sie heute noch lebt. Sie studierte an der dortigen Universität Journalismus und spanische Literatur. Ihre schriftstellerische Karriere begann sie mit Gedichten, die ausgezeichnet wurden.

Später wechselte sie zum Schreiben von Romanen und Kurzgeschichten, in denen sie sich mit dem Abweichen von Normen, Vereinzelung und der Scheinheiligkeit der Gesellschaft befasst. Ihr Roman „Liebe“ wurde von der spanischen Zeitung El Pais zum besten Buch des Jahres gekürt und 2021 mit dem Preis des unabhängigen Buchhandels in Spanien ausgezeichnet. Ihre Werke werden in zahlreiche Sprachen übersetzt.

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Timm Radt: Men in Blech

Inhalt:
Timm Radt begibt sich auf die Spur von 26 Rittern in Mitteleuropa. Es sind keine Könige oder Berühmtheiten, sondern ‚ganz normale‘ Ritter, von denen ein authentisches Abbild, in der Regel die oft erstaunlich realistische Grabplatte, existiert. Anhand dieser Porträts entsteht in Rekonstruktionszeichnungen, Objekten und historischen Abbildungen ein detailgenaues Bild der Rüstung und Bewaffnung vom Hoch- und Spätmittelalter bis in die frühe Neuzeit. (Klappentext)

Rezension:
Es sind mythische Figuren, die seit Generationen die Phantasie anregen und ihren Platz in unzähligen Geschichten gefunden haben, heute mitunter aus ihrem historischen Kontext gerückt. In Filmen und Videospielen treten sie eindrucksvoll ausstaffiert auf. Die Macher bedienen sich dabei sämtlicher Epochen , Kulturen, der Kunst- und Kostümgeschichte. Die historische Realität sieht anders aus. Timm Radt und der Plattnerexperte Christian Wiedner haben sich daher auf Spurensuche begeben und zeigen die Entwicklung der Rüstung und Helme anhand ihrer Träger. So ist eine kompakte und für alle Interessierte zugängliche kleine Historienkunde entstanden.

Diese portraitiert sechsundzwanzig Ritter aus Mitteleuropa und spürt den einzelnen Biografien chronologisch geordnet nach, wobei dieser Teil zumeist nicht mehr als eine halbe Seite einnimmt, der andere Teil ist der Rüstungskunde vorbehalten, die durch reichlich Bildmaterial historischen Ursprungs oder Rekonstruktionsgrafiken ergänzt wird, so dass das Gelesene zugleich visualisiert wird. Kompakt geht Timm Radt auf die Entwicklung der Bestandteile ein, die einmal eine ganze Rüstung ergeben werden, zeigt von den Anfängen bis zum Niedergang des Rittertums auf, wie sich Merkmale wie Wappenrock oder Helm, auch typische Waffen entwickelten und präzisiert kurz die dafür ausschlaggebenden Punkte.

Eingerahmt werden die Portraits durch eine geografische Karte und mehrerer grafische Schemata, sowie einen umfangreichen Glossar, welches dieses unscheinbare Werk zu einem gut sortierten und kompakt handlichen Nachschlagewerk macht, welches für Laieninteressierte leicht verständlich geschrieben ist. Als kleines zu vielen anderen bereits existierenden Material existierendes Lexikon ist es sowohl in Bezug auf Personengeschichte, wie eben als Rüstungskunde zu lesen und kann hintereinander weg gelesen oder häppchenweise gelesen werden, da jeder Abschnitt nicht mehr als ein paar Seiten umfasst, die jedoch vollkommen genügen, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Nicht nur für Mittelalter- und Ritterfans ein unbedingtes Muss und eine klare Empfehlung.

Autor:
Tim Radt ist Architekt und promovierte im Fach Baugeschichte. Seine Schwerpunkte sind historische Bauforschung, Bautechnikgeschichte, sowie die Burgenforschung, über die er zum Thema Ritter und Schutzbekleidung kam. Daneben betätigt er sich als Illustrator und Grafiker.

Christian Wiedner ist Experte für Plattnerkunst und als selbstständiger Plattner tätig. Er rekonstruiert historische Harnische und zählt dafür zu den Besten seines Fachs.

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Doris Lessing: Das fünfte Kind

Inhalt:
In ihrem Häuschen im Londoner Umland leben Harriet und David die perfekte Idylle, bis sie ein weiteres Kind bekommen. Bereits als Baby benimmt es sich äußerst seltsam beziehungsweise unangenehm grob. Harriet versucht verzweifelt, die zunehmenden Aggressionen auszugleichen. Es dauert eine Weile, bis sie sich eingesteht, dass sie Angst vor ihrem eigenen Kind hat. Welch unaussprechliche Ahnung! Eines der bekanntesten und beeindruckendsten Werke von Doris Lessing, das seine Figuren vor existentielle, schier unlösbare Aufgaben stellt. (Klappentext)

Rezension:
Selten wurde das Zerbrechen eines Familienidylls in einer Mischung aus englischem Schauerroman und klassischen Horrors so eindrücklich erzählt, wie hier in „Das fünfte Kind“, der englischen Schriftstellerin Doris Lessing. Der Roman, fast durchgehend gehalten in einer Art des klassischen Kammerspiels, hält einem fest in den Griff, wie der Archetyp selbst, der sich in die Figur des Hauptprotagonisten selbst manifestiert.

Für heutige Verhältnisse mutet der Schreibstil der Autorin beinahe altmodisch an. Doch da findet man mit der Zeit hinein, das angestaubte Familienbild ist da schon schwieriger zu fassen. Heraufbeschworen wird zunächst das glückliche Eheleben mit möglichst vielen Kindern, ganz im Sinne konservativer Ansichten, wenn auch Doris Lessings leichte Spitzen gegen die Schicht der Besserverdienenden von Beginn an ihren Platz finden und sich durch die gesamte Lektüre ziehen.

Denn die Hauptfiguren leben von Anfang an praktisch über ihre Verhältnisse. Das großzügige bald notwendige Haus kann überhaupt nur mit Unterstützung und viel Wohlwollen der zahlungskräftigen Eltern des jungen Paares unterhalten werden, die dem Wunschbild von der großen Familie jedoch nichts entgegensetzen können. Dies ist der erste von vielen Konfrontationspunkten, die die Autorin schafft, die ihren Höhepunkt im fünften Kind finden werden, an dem nicht nur die Kernfamilie letztendlich zerbrechen wird.

Diesem Szenario setzt Doris Lessing ihre Figuren aus und schafft damit eine ungeheure Dynamik, welche Fahrt aufnimmt, und dann ohne zu Bremsen gen Abgrund zu steuert. Die titelgebende Hauptfigur wird mit zunehmendem Alter immer mehr ihrer Kräfte bewusst, Harriet als dieser gegenüber später noch als Einzige wohlwollenden Protagonistin verfolgt ihr Familienbild beinahe bis zum bitteren Ende mit einer bis über das Ziel hinausschießenden Dummheit und Arroganz, welche nicht mehr mit Naivität schön zu reden ist. Wie kann ein Mensch so viele Nadelstiche, so viele schmerzhafte Stiche und auch Grobheiten und Gewaltakte gegen sich und ihre Lieben so schönreden und entschuldigen?

Um diese beiden Figuren wird ein Szenario geschaffen, in deren Mitte einige blinde Flecke erst kleine Risse, später ganze Gräben, sinnbildlich gesprochen, übersehen, über die die anderen Figuren zu Leidtragenden werden. Gegensätze brechen auf, unterschwelliges kommt immer wieder zu Tage und treibt die Handlung voran, deren Sturm im Zentrum Ben bildet, der den Ur-Archetyp des Menschen verkörpern mag.

Der Teufel im Inneren, mag einem da zu weilen in dem Sinn kommen. Vielleicht aber hat die Autorin auch ihre eigene Gefühlswelt in diese Figur manifestiert. In Kenntnis ihrer privater Familiengeschichte ist dies zumindest möglich.

Wie ein daneben stehender Beobachter begleiten wir die Geschichte, deren Szenen sich fast allesamt im Familienhaus der Lovetts abspielen und das Zerbrechen eines Idealbildes beiwohnen, welches schon damals zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist. Vor allem Harriet als Hauptprotagonistin selbst, leidet darunter, hat jedoch auch Scheuklappen gegenüber dessen, was sie vor allem ihren anderen Kindern gegenüber zumutet, in dem sie die Wahrheit verkennt. Immer wieder möchte man sie darauf stoßen. Immer wieder setzt die Autorin noch eines drauf, kaum kommen ihre Figuren einmal zu Atem.

Dieses Spiel mit Gegensätzen, Urgewalt gegen Kultur, Zusammenhalt gegen Einzelgängertum, Rohheit gegen Gefühl, wird bis ins Unerträgliche auf die Spitze getrieben, dass man beinahe schreien muss, um die Erzählung, die beiden Hauptprotagonisten auszuhalten. Dabei setzt die Autorin vor allem auf unterschwellige Spannungsmomente. Gewalt wird angedeutet oder kurz vor Geschehen unterbrochen. Immer wieder ist jedoch zwischen den Zeilen eine dunkle Ahnung von Angst zu lesen, die einem die Nackenhaare zu Berge stehen lässt.

Doris Lessing erzählt dies sehr bildhaft. Die Figuren kann man sich sehr gut vorstellen, die Handlungsorte vor dem inneren Auge entstehen lassen. Das Sprichwort vom „Grauen hinter der Fassade“ bekommt in diesem Roman eine ganz eigene Bedeutung. Für Fans klassischen Horrors, der mehr auf die psychologische Komponente setzt, ist diese Erzählung sicher geeignete Lektüre, wenn man nicht dazu neigt, sich zu sehr über einzelne Protagonisten aufzuregen.

Der Roman wurde 1988 erstmals im Original veröffentlicht und funktioniert mit diesen Elementen, natürlich in einem etwas anderen Tempo als das derzeit üblich ist, noch heute. Es ist jedoch schon länger her, dass mich Protagonisten so dermaßen herausgefordert haben. Wenn man so möchte, hat da Doris Lessing durchaus einen Punkt.

Autorin:
Doris May Lessing wurde 1919 in Kermanschah, Iran, geboren und war eine britische Schriftstellerin. 1950 erschien ihr erster Roman, der ihr zum literarischen Durchbruch verhalf, dem weitere folgten. Für ihr Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Den Nobelpreis für Literatur erhielt sie im Jahr 2007. Im Jahr 2013 verstarb die Autorin in London.

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Hanne Orstavik: Liebe

Inhalt:
Zwischen dem kleinen Jon und seiner Mutter besteht eine tiefe Verbindung, aber über ihre Wünsche und Erwartungen sprechen sie nicht. Schweigen und Missverstehen lösen die Ereignisse in dieser feingesponnenen Geschichte aus. (Klappentext)

Rezension:
Ein Roman über das Nebeneinanderher, welches ohne das Miteinander nicht geht, ist diese feine Novelle der Schriftstellerin Hanne Orstavik, die ihre beiden Protagonisten und uns Lesende in die norwegische Provinz entführt. Dort, in einem kleinen Ort, hat Vibeke kürzlich eine Stellung als Kulturbeauftragte angetreten und mit ihren Sohn Jon ein kleines Haus bezogen. Innerhalb einer Nacht zeigt sich die innige Beziehung beider zueinander, die bestimmt ist, durch die Ferne, die durch all die zwischen beiden nicht ausgesprochenen Worte entstanden ist.

Mit diesem Gegensatz spielt die Autorin, deren Spezialität es ist, mit wenig Worten viel zu sagen und dabei ihren beiden Protagonisten nicht ganz unähnlich ist. Tatsächlich passen Schreib- und Erzählstil zu der Geschichte, in der man trotz des ungewöhnlichen Aufbaus leicht hineinfindet. Wörtliche Rede wird ebenso wenig vom restlichen Text abgegrenzt, wie auch die einzelnen Szenen, die aus der Sicht beider Protagonisten wechselnd erzählt werden. Alles scheint von Zeile zu Zeile miteinander zu verschwimmen. Mit diesen Stil muss man zurechtkommen, um die Erzählung annehmen zu können und all das Ungesagte zu erfassen.

Dabei scheinen die beiden Figuren auf ihre Art und Weise eine innige Beziehung zu pflegen, die nicht viele Worte benötigt und eher durch Gesten bestimmt ist. Wir lernen Vibeke und Jon so nach und nach kennen, die beide ihre Eigenheiten pflegen, anhand derer wir Ecken und Kanten erfahren, sie jedoch auch als Protagonisten dieser kompakten Erzählung kennenlernen. Vibeke, die Belesene, die sich in Wörtern wie die Beobachtungen von Menschen verlieren kann, ihren Sohn zwar liebt, aber immer eine gewisse Distanz zu ihm wart. Jon, der Achtjährige, der diese Art mit anderen umzugehen, bereits verinnerlicht und übernommen hat. Sein ständiges Blinzeln vielleicht nur Tick, vielleicht auch der winzige Vorbote dessen, was kommen wird.

Beide schweigen. Immer wieder vergisst er, dass man es sehen kann. Und dann wird er wieder daran erinnert, denkt er. Ständig wird man an etwas erinnert. Er würde sich wünschen, dass man es nicht sehen könnte, dass er seinen Makel unter der Kleidung verstecken könnte, oder in seinem Inneren.

Hanne Orstavik: Liebe

Kurze stackatohafte Sätze, dennoch kunstvolle Sprache, erzählen diese Geschichte und lassen die Stunden, in denen sich alles zuspitzt, zwischen den Fingern zerrinnen. Schnell nimmt das Erzähltempo Fahrt auf. Nur äußerlich bleibt alles ruhig. Das liegt auch daran, dass wir immer nur den Gedanken der beiden Figuren folgen, die keine wirklichen Gegenspieler haben, sondern selbst Handlungstreibende sind und zwei Begegnungen praktisch zu Kammerspielen innerhalb des Ortes werden, deren Parallelität fasziniert. Leidtragender ist der Jüngere. Die Szenen aus Vibekes Sicht verfolgt man dazu im Gegensatz zunehmend mit offenen Mund.

Ich überlasse ihn ein wenig sich selbst, denkt sie, zeige ihm damit, dass auch dafür Platz ist. In unserem Beisammensein gibt es genug Raum dafür, dass er neben mir auch Beziehungen zu anderen Menschen pflegen kann. Ich kann schließlich nicht alle seine Bedürfnisse erfüllen. Und er im Übrigen meine auch nicht. Indem ich ihn allein lasse, zeige ich ihm viel mehr über mich, als wenn ich bliebe.

Hanne Orstavik: Liebe

Mehr braucht es nicht, um einen in die Geschichte hineinzuziehen, die Figuren und Schauplätze vor dem inneren Auge entstehen lässt. Das geschieht immer mit den Fokus, den die Figuren auf das jeweilige Geschehen haben. Alles andere wird zwar wahrgenommen, bleibt aber verhältnismäßig blass, ist jedoch auch nicht weiter von Bedeutung. So konzentriert ist die Erzählung und doch hat man die gesamte Zeit über nicht das Gefühl, etwas zu verlieren. Vermissen tut man gleich gar nichts. Orstavik verzichtet auf haarsträubende Wendungen, arbeitet zielgerichtet auf das Finale hin, fordert jedoch von ihrer Leserschaft da dieses in Gedanken weiter zu spinnen.

Wer mit halboffenen Enden nicht zurechtkommt, die trauriges oder brutales zumindest möglich erscheinen lassen, sollte da vielleicht die Finger von diesem Roman lassen. Die Figuren meinen Wärme, leben jedoch Kühle, ein innerer Konflikt, den beide nicht benennen und bezeichnen können, hier aber als lautes Schweigen bezeichnet werden darf. Das so zu transportieren, ist großartig gelungen. Diese Art des Erzählens ist in der Form selten zu lesen, dass die Geschichte alleine der Form wegen im Gedächtnis bleiben muss und auch die beiden Figuren so leicht nicht vergessen werden können. Es bleibt jedoch die Tatsache, dass man damit entweder damit zurechtkommt oder nicht. Wie für die Protagonisten, gibt es auch hier kein Dazwischen.

Autorin:
Hanne Orstavik wurde 1969 in Tana geboren und ist eine norwegische Schriftstellerin. 1994 veröffentlichte sie ihren ersten Roman „hakk“, dem weitere folgten. Ihre Werke wurden mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Havmannpris, 2000, sowie im Jahr 2002 Dobloug-Preis. Im deutschen erscheinen ihre Werke mehrheitlich im Karl Rauch Verlag.

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Christoph Kramer: Das Leben fing im Sommer an

Inhalt:
Der wärmste Sommer aller Zeiten, die erste große Liebe, eine Nacht, die alles verändert. Christoph Kramers Debüt katapultiert uns zurück in die Zeit im Leben, in der alles möglich schien und in der das größte Glück und die größte Verzweiflung ganz nah beieinanderlagen. Eine wunderbar melancholische Hommage an den Zauber aller Anfänge, die Magie der ersten Liebe und nicht zuletzt an die Freundschaft – die Geschichte eines Sommers, an den man sich immer erinnern wird. (Klappentext)

Rezension:
Mit einer Mischung aus Streiflichtern aus fiktionalisierten biografischen Details in Form, beinahe eines Jugendromans mit Roadtrip-Elementen nimmt uns der ehemalige Fußballer Christoph Kramer mit und lässt uns mit seinem Protagonisten einen unvergesslichen Sommer erleben, der für diesen gleich mehrere Sommermärchen bereithält. Melancholisch nachdenklich geschrieben, ist dieser Roman dennoch sehr zugänglich gehalten und nicht nur eben für Fans des Fußballs gedacht, einzutauchen und sich selbst an diese flirrende Zeit, auch die des letzten unbeschwerten Jahres der eigenen Jugend zu erinnern.

Es ist der Sommer eines Wechsels, den wir aus der Sicht des dem Autoren ähnlich gezeichneten Protagonisten erleben. Der letzte Sommer der Kindheit, der für Chris entscheidende Weichen stellt und viele offene Fragen bereithält, für den Jungen, der nur auf den Platz selbstsicher agiert, wobei auch dies in Frage gestellt wird.

Doch nur im Nebenstrang geht es um den Sport. Den 15-jährigen beschäftigen ganz normale Dinge, wie die Frage, wer möchte ich sein, werde ich eine Freundin bekommen. Wird sich jemand je für mich interessieren? All die Sachen halt, die einem so umtreiben, bis man sie dann zum ersten Mal erlebt. In diesem Roman, in dem Christoph Kramer so wohltuend ruhig von diesem flirrenden Sommer erzählt, dass man meint jeden einzelnen Sonnenstrahl, wie auch manch bittere Enttäuschung auf der Haut zu spüren, verbindet sich all dies zu einer kompakten Erzählung.

Der Protagonist vor allem und sein Freund Johnny sind detailliert gezeichnet und führen uns durch die Handlung, die aus der Sicht des ersteren erzählt und greifbar wird. Zugänglich ist die Sprache, die sowohl die Figuren mit all ihren Ecken und Kanten zeichnet, als auch Orte so nahe bringt, als würde man zum Beobachter der Handlung in derer direkten Umgebung.

Immer dann, wenn mehrere Stränge aufeinander treffen, verdichtet sich die Geschichte, die man auf weiter Strecke wie in Zeitlupe erlebt, nur um dann kopfüber in die chaotische Gefühlswelt eines Teenagers geworfen zu werden, der in vielen Dingen einfach noch nicht weiß, wohin mit sich. Dabei wird diese Zeit komprimiert auf wenige Tage, diese dafür fast momentgenau erzählt. Eigentlich passiert so gesehen nicht viel, dafür jedoch eine ganze Menge.

Die beiden Protagonisten sind umgeben von weiteren Figuren, die zumindest sprichwörtlich einander die Bälle zu spielen, und die Handlung vorantreiben. Stechende Charaktereigenschaften werden nur insofern herausgearbeitet, sofern sie der Handlung nützlich sind.

Wirkliche Antagonisten gibt es nicht, wie auch, wenn sie, wie man gleich von Beginn an annehmen darf, einer realen Dorfgemeinschaft entnommen sind, die zusammenhält, in der jeder jeden kennt. Christoph Kramer schafft es aber auch, diese in Kontext eines für ihn bedeutenden Jahres darzustellen und so Beständigkeit, Veränderung und Aufbruch zusammen zu bringen. Man hat das Gefühl so den beiden Hauptfiguren, vor allem Chris nahe zu sein, den Stimmungen nachspüren zu können.

Es gibt keinen wirklichen Perspektivwechsel, immer wieder aber treffende Charakterbeschreibungen, gekennzeichnet durch die melancholische und doch lebensfrohe Beschreibungen des Teenagers, der einen Sommer beschreibt, dessen Tage endlos scheinen. Die Erzählung besticht nicht durch absurde Wendungen, sondern durch die Tonalität und Nachvollziehbarkeit, auch durch die Sprünge zwischen den Tagen, denen jeder ein zu weilen sehr kompaktes Kapitel eingeräumt ist, welches die Haupthandlung einrahmt.

In die Erzählung findet man sich gut ein, da ein jeder zumindest in Teilen ähnliche Erinnerungen an den letzten Sommer seiner Jugend hat, auch wenn der weitere Verlauf der Geschichte des echten Chris‘ natürlich ein sehr besonderer ist. Die gezeichneten Parallelen lassen auf einen dabei sehr bodenständigen und besonnenen Menschen schließen, was man glaubwürdig nur so schreiben kann, wenn man charakterlich nicht zu weit davon entfernt ist.

Die Geschichte, in der einzelne Szenen vom Kammerspiel bis zum inneren Monolog und großem kleinen Drama irgendwie alles bereithalten, wirkt dadurch rund. Schauplätze wie Figuren entstehen so gekonnt vor dem inneren Auge. Manche Szene hätte ich mir dabei noch ausführlicher gewünscht und über andere Figuren gerne mehr erfahren. Christoph Kramer wäre das sicher auch gelungen. Dass es ein Debütroman und kein rein biografisches Werk ist, darf hier als Glücksfall bezeichnet werden. Ich würde gerne noch mehr in dieser Art von ihm lesen wollen.

Es ist ein Fußballroman ohne zu viel Fußball, ein fiktionalisiertes Stück Erinnerung, welches ein Stück hinter die Fassade schauen lässt, nicht nur für jene, die sich an das Jahr 2006 zurück erinnern möchten, sondern vielleicht genau so zurückblicken auf den letzten Sommer der eigenen Jugend und kann dabei von Erwachsenen wie Jugendlichen gleichermaßen gut gelesen werden. Das schafft ja auch nicht jede Erzählung.

Eine Erzählung, die eine Sinnsuche beschreibt, die Liebe zum Leben, zur Familie, die erste Liebe und eine besondere Freundschaft. Große Themen sind das, gekonnt komprimiert. Die Stimmung des Romans ist sehr besonders und es darf die Empfehlung ausgesprochen werden, sich davon einfangen zu lassen.

Autor:
Christoph Kramer wurde 1991 in Solingen geboren und ist ein ehemaliger Fußballspieler, TV-Experte und Schriftsteller. Von 2014 bis 2016 war er deutscher Nationalspieler und wurde 2014 Weltmeister. Er wurde in Solingen zum Sportler des Jahres 2ß14 und 2015 gewählt und lebt in Düsseldorf. 2025 veröffentlichte er seinen ersten Roman.

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Ralph Grüneberger: Robert und der elfte Apfel

Inhalt:
Robert verbringt die Ferien bei seiner Großmutter auf dem Land, inmitten einer großen Obstplantage. Doch dort scheinen seltsame Dinge zu geschehen: Sind das die Schatten von Riesen nachts am Fenster? Und was hat es mit dem geheimnisvollen goldenen Apfel auf sich, den er auf der Wiese findet? Vielleicht hat er ja Zauberkräfte und kann die kranke Mutter heilen? Als die wütenden Riesen den goldenen Apfel gewaltsam zurückholen, bleibt Robert nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen und sich einen Wettkampf zu stellen. (Klappentext)

Rezension:
Gleichsam einem Märchen erzählt Ralph Grüneberger in seinem Kinderroman „Robert und der elfte Apfel“ vom Mut, sich zu überwinden, Einfallsreichtum und der Liebe eines Kindes zu seiner Mutter. Die altersgerechte und moderne Adaption der Erzählung von David gegen Goliath, eignet sich besonders für das gemeinsame Lesen und im Anschluss darüber zu sprechen.

Erleben tun wir sie aus der Sicht von Robert, der zu seiner Großmutter aufs Land geschickt wird. Davon ist der kleine sympathische Hauptprotagonist zunächst gar nicht begeistert, da er diese kaum kennt und dort gleich in der ersten Nacht merkwürdige Dinge vor sich zu gehen scheinen. Außerdem würde er viel lieber seiner Mutter beistehen, die sich ins Krankenhaus begibt, um sich dort operieren zu lassen. Schließlich tobt das Ungetüm in ihrem Körper dort nun schon eine ganze Weile, was sie immer schwächer werden lässt. Doch vielleicht hat der goldene Apfel, den er auf der Plantage der Großmutter findet, ja heilende Kräfte? Nur dumm, dass auch andere daran interessiert zu sein scheinen.

So beginnt die Erzählung, die innerhalb eines Zeitraums weniger Tage unsere titelgebende Hauptfigur ein großes Abenteuer bestehen und über sich hinauswachsen lässt. Das Figurentableau ist dabei überschaubar und beschränkt sich auf eine Hand voll Charaktere, die wir nach und nach innerhalb der kompakt gehaltenen Kapitel kennenlernen. Vielschichtig sind dabei nicht nur Robert und seine Großmutter ausgestaltet, auch lernen wir Roberts Mutter anhand der Gedankengänge unseres Protagonisten kennen, damit auch seine Beweggründe, die ihn antreiben und durch die Geschichte führen. Gegensätze zu dem Robert bekannten Großstadtlebens werden anhand der Großmutter aufgezeigt, die in den Strukturen ihres Dorfes verankert ist und dort dennoch eine Sonderrolle einnimmt.

Diese Vielschichtigkeit zeigt sich jedoch nicht nur in diesen, sondern in allen Figuren, deren Beweggründe nach und nach deutlich werden. Wohltuend anzumerken ist, dass selbst die vermeintlichen Antagonisten nachvollziehbar handeln. Her hebt sich Ralph Grüneberger wohltuend von der Tradition grimmscher Märchen ab, in der mancher Gegenspieler wirklich abgrundtief böse handelt. Das passiert hier nicht, trotzdem bleibt es, zumindest für die Zielgruppe, durchgehend spannend.

Wendungen, nicht zu zahlreich, werden gekonnt eingesetzt, immer wieder mit Momenten des Innehaltens und Atemholens durchwoben. Dabei zieht mit zunehmender Seitenzahl das Erzähltempo in den Maße an, wie das Leid der Mutter im Vordergrund rückt und damit auch Roberts größte Herausforderung im Angesicht der Riesen.

Die Geschichte ist durchsetzt von phantasievollen Illustrationen, die die verschiedenen Teile des Buches von einander abgrenzen. Hierfür zeichnet sich der Illustrator Florian L. Arnold verantwortlich, der mit seinen Schraffuren nicht nur Roberts tierische Mitstreiter lebendig werden lässt. Auch die Briefe der Mutter unterbrechen den Fließtext, der ohnehin nicht ausufernden Kapitel, mit denen der Autor das Abenteuer seines kleinen großen Helden erzählt. Ein einzelner Übergang zwischen zwei Szenen wirkt dabei etwas holprig, was jedoch bei der Zielgruppe nicht ins Gewicht fallen dürfte, ist die Erzählung doch in ihrer Gesamtheit sehr stark.

Hierbei hilft die sich durch die Erzählung im Hintergrund ziehende Thematik. Ist schon das erste längere Getrenntsein von den Eltern eine große Herausforderung, ist die Erkenntnis, dass schwere Krankheiten auch vor diesen nicht halt machen, nochmal eine ganz andere Hausnummer. Dies ist gleichsam ein Kampf gegen innere Riesen, was wiederum den Bogen zur Abenteuergeschichte spannt, die Florian erlebt. Die Auflösung bleibt dabei kindgerecht. In ihrer Gesamtheit eignet sich die Geschichte damit eine Basis für ein altersgemäßes Gespräch in Bezug auf solche Themen zu finden.

Der Autor schafft es dabei, Handlungsorte ausreichend detailliert zu beschreiben. Auch hier hat man gleich einen Märchenfilm vor Augen, zudem die tierischen Protagonisten durch die textliche Darstellung sehr schnell ins Herz geschlossen werden. Lesende im fortgeschrittenen Grundschulalter werden daran sicher ihre Freude haben, zudem die bereits erwähnten Spannungsmomente das Ihrige dazu beitragen.

Wer ein vielschichtiges Kinderbuch sucht, welches die Zielgruppe ernst nimmt und trotzdem eine spannende wie phantasievolle Geschichte erzählt, ist mit „Robert und der elfte Apfel“ gut bedient, welche die ohnehin vielseitige Bibliographie des Autoren um einen weiteren eindrücklichen Baustein ergänzt.

Autor:
Ralph Grüneberger wurde 1951 in Leipzig geboren und ist ein deutscher Schriftsteller. 1978 begann er ein Studium am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“ in Leipzig. seit 1978 veröffentlicht er regelmäßig von Liedtexten über Prosa bis hin zu Lyrik und Kinderbüchern verschiedenes. Für seine Werke wurde er mehrfach ausgezeichnet. Lesereisen führten ihn u. a. nach Frankreich, Polen und in viele weitere Länder. 1996 bis 2021 war er Vorsitzender der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V., jetzt ihr Ehrenvorsitzender, bis 2025 Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland, 2022-20223 übernahm er die Funktion als Schatzmeister Mitglied des Präsidiums. Veröffentlichungen in zahlreichen nationalen und internationalen Literaturzeitschriften und Anthologien erscheinen von ihm regelmäßig. Von 2006 bis 2021 war er Herausgeber der Zeitschrift „Poesiealbum neu“.

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