Tatsuzo Ishikawa: Die letzte Utopie

Inhalt:
Im Jahr 2026 steht die Welt auf dem Höhepunkt technischer Perfektion – und am Abgrund menschlicher Identität. Der bahnbrechende Fortschritt hat eine globale Republik erschaffen, in der Roboter den Alltag regieren, Glück und Gleichheit Gesetz sind und Individualität Vergangenheit ist. Doch unter der makellosen Oberfläche brodeln Zweifel, Aufstände und die Frage: Was bedeutet Menschsein?
(Klappentext)
Rezension:
Der japanische Roman „Die letzte Utopie“ ist eigentlich eine Dystopie und so liegt schon im Titel beschrieben der Konflikt, den der Schriftsteller Tatsuzo Ishikawa erzählen möchte. Veröffentlicht wurde der Text erstmals 1953 als zwei ideologische Systeme die Welt unter sich aufteilten und das Wettrennen um die Deutungshoheit noch nicht entschieden war. Seit 2025 liegt die Erzählung erstmals in der deutschen Übersetzung vor.
Yuri Mizubuchi und Sabine Mangold haben uns diese Mischung aus Dystopie, Science Fiction und Politthriller zugänglich gemacht. Wir betreten den Planeten nach vier Weltkriegen. Staaten haben an Bedeutung verloren. Gesetze entscheidet ein den Globus umspannender Rat, der das Leben bis ins kleinste Detail regelt. Individualismus gilt als Hindernis, selbst Modetrends bestimmt die Regierung. In der Medizin wird mit der Verkürzung von Schwangerschaften experimentiert. Kinder, die zu viel sind, zwangssterilisiert. Musikstars wie Flora Victoria und Anna Kaminija mit ihren Bauernweisen sind die neuen Idole des Volkes, welches Roboter den Großteil seiner Arbeiten erledigen lässt. Nicht alle teilen aber den Glaube an den unbedingten Fortschritt. Unter der Oberfläche zeigen sich mehr und mehr Risse, bis die Weltenrepublik in den Abgrund stürzt.
So viel zur Handlung, die in nicht einfach zugänglicher Art und Weise erzählt wird. In einer Mischung aus romanhafter Erzählung und Nachrichtenmeldungen werden wir eingeführt in diese schöne neue Welt, mit der Tatsuzo Ishikawa mehrere Themenkomplexe unter die Lupe genommen hat, die auch heute noch von Bedeutung sind. Anhand eines umfangreichen Figurentableaus, in dem munter hin und her gewechselt wird, werden die Schwächen ideologischer Systeme, die Überheblichkeit des Menschen unter die Lupe genommen, Hochmut und Hybris dargestellt. Wirkmechanismen sind hier wichtiger als die Figuren selbst, die mit Ecken und Kanten daherkommen und im weiteren Erzählverlauf noch mehr an Konturen gewinnen.
Die Handlung der Protagonisten wird innerhalb des Zeitraumes eines Jahresverlaufs erzählt, in dem all die schlechten Eigenschaften sowohl der Menschen als auch des gelebten Systems sich ihren Bann brechen. Eine totale Umkehrung wird dargestellt, die jedoch nicht in allen Ebenen durchweg zugänglich ist. Zu sperrig wirkt zuweilen der Text. Viele Charaktere bleiben trotz Ecken und Kanten unnahbar. Es ist eine Aufeinanderreihung von Ereignissen und Aspekten, die schon einzeln für sich betrachtet eine Erzählung wert sind. In dieser Mischung ist das zu viel des Guten, nicht immer vorstellbar. Zu viel ist da enthalten, für so wenig Raum. Der Geschichte hätte eine gewisse Dehnung und dafür mehr Detailreichtum gut getan, vielleicht auch die eine oder andere Perspektive weniger.
Sprünge gibt es vor allem in Form von Ortswechsel und zu Charakteren, die wir vor allem durch andere Figuren erleben. Jede Szene für sich ist dabei vorstellbar, in ihrem Zusammenspiel funktioniert das nicht durchweg. Zwar wechseln ruhige und temporeiche Momente, doch kommt man kaum hinterher, die einzelnen Eindrücke zu verarbeiten und vor allem beim Lesen in geordneter Erinnerung zu behalten. Es passiert so viel, dass alles miteinander verschwimmt. Wenn man beim Bild eines Strudels sprechen möchte, der alles mit sich reißt, passt dies unbedingt zu diesem Roman. Auf diesen Effekt sollte man jedoch gefasst sein und etwas dafür übrig haben, soll die Geschichte für einen selbst funktionieren.
Wer Science Fiction und Dystopien mag, vielleicht einmal eine etwas andere Erzählweise als es in der westlichen Welt üblich ist, erleben möchte, den kann man diesen Roman durchaus empfehlen. Alle anderen genießen sie bitte mit Vorsicht, bevor Roboter die Welt an sich reißen.
Autor:
Ishikawa Tatsuzo wurde 1905 geboren und war ein japanischer Schriftsteller. Schon früh begann er Geschichten zu schreiben. Kennzeichnend ist sein in großen Teilen fast journalistischer Stil, in dem er zahlreiche Romane veröffentlichte. Nach dem Krieg entwickelte er sich zu einem der bedeutensten Schriftsteller japanischer Literatur und wurde mehrfach ausgezeichnet. In seinen texten verarbeitete er Themen wie Krieg, Politik und gesellschaftliche Umbrüche. Er starb 1985 in Tokio.
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