Philipp Baumgarten/Annekathrin Kohout (Hrsg.): Ostflimmern

Inhalt:
Plattenbauviertel, unkenntlich gemachte Denkmäler und Billig-Discounter: Die Fotografien von Philipp Baumgarten haben ein Dutzend namhafte Autorinnen und Autoren dazu inspiriert, ihre Erfahrungen in der Nachwendezeit zu beschreiben. Ihre Stimmen geben Einblick in eine Generation, deren ostdeutscher Hintergrund oft wie ein Phantomschmerz erscheint und bis heute präsent ist.
Als Kinder der 1990er-Jahre, geprägt von Industriebrachen einerseits und US-amerikanischer Popkultur, sowie der globalen Digitalmoderne andererseits, betrachten sie kritisch, aber auch mit Nachsicht ihre Kindheit und die Zeit seit der Wiedervereinigung. So entwerfen die Fotografien, Gedichte, Kurzgeschichten und Essays ein Bild vom Gegenwartsgefühl einer Generation, die hin und her gerissen ist zwischen Ost und West auf der Suche nach einer eigenen Identität.
Rezension:
Erst Loch in der Landschaft, der man gnadenlos über Jahrzehnte ihre Schätze entrissen hat, füllt sich nach der Wende so mancher Tagebau im Osten mit Wasser. Grünanlagen, Badestellen, fertig ist das Naherholungsgebiet, so lange der so angelegte ünstliche See nicht kippt und damit die nächste ökologische Vollkatastrophe folgt. Andernorts verfallen Gebäude, Industriebrachen ehemaliger Betriebe, die in der neuen Zeit sich nicht halten können.
Warenhauslandschaften auf der grünen Wiese sind die Zeichen dieser neuen Zeit, in der die eine oder andere verlassene Kaserne der Russen zum verbotenen und heimlichen Abenteuerspielplatz wird oder eine große Familienfeier in Omas Garten stattfindet. Es ist die Zeit, in der die Eltern sich in einem neuen System orientieren müssen, so manche verlieren den Anschluss, und einer Kindergeneration, die zwischen den Stühlen stehen wird.
Philipp Baumgarten hat dies über Jahre hinweg dokumentiert und ein beeindruckendes Fotoarchiv geschaffen. Das verlassene Geschäft hat er ebenso portraitiert, wie den Plattenbau, der dem Bagger zum Opfer fällt. Bilder, die Eindruck machen, wenn sie alleine für sich stehen und man sich in Gedanken sagen hört, ja, genau so war es. Das kenn ich auch noch.
Mit genau dem Blick des Kindes, welches den Wandel seiner Umgebung wahrgenommen hat. Erst nur in Nuancen, später dann bewusster. Und das macht etwas mit einem. Da wird der Begriff „ostdeutsch“ zum bewussten Bruch ein jeder Unterhaltung, eine Autorin betrachtet andernorts das Fansein eines dahinsiechenden dortigen Fußballvereins, dessen eigentümlicher Name genau darauf schließen lässt, in welcher Region Gesamtdeutschlands dieser zu verorten ist.
Andere betrachten den schon damals nach der Wende wahrnehmbaren Rassismus, versuchen in kurzen Prosa-, Sachtexten oder Gedichten ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Nachdenklich, mal optimistisch, mal verzweifelt werden ganz unterschiedliche Stimmen zwischen den Seiten eingefangen, eines Landes, in den man sich plötzlich frei bewegen konnte, was für diese Generation so ganz verständlich sein wird, wie die Lehrer aus einem alten System, die nun in einem neuen unterrichten mussten.
Beim Durchblättern wird klar, auch für diese Generation, die Niedergang und Aufschwung, Digitalisierung gleichermaßen erlebt hat, sind das viele Grautöne, Schattierungen, denen sie begegnen musste. Und dies immernoch tut.
Was macht das aber mit einem? Was macht das oder hat das mit mir gemacht, haben sich die Autorinnen und Autoren gefragt und darauf ganz unterschiedliche Antworten gefunden. Sind wir eben dadurch besonders widerstandsfähig oder verletzlich? Was fällt uns ins Auge, was der Generation vor oder nach uns nicht auffallen wird?
Gerade weil wir (Ich gehöre zu genau dieser Generation.) eben in dieser Zeit des Dazwischen aufgewachsen sind. So ist hier aus zahlreichen Puzzleteilen ein wichtiges Buch entstanden, welches diesen besonderen Blick zeigt, vielen Wende- und direkt Nachwendekindern viele Stimmen gibt. Genau so wie der Fotograf, genau so wie die Schreibenden sich Gedanken gemacht haben, macht diese Sammlung beim Lesen etwas mit einem. Berührt. Wühlt auf. Hinterfragt.
Überrascht mit Schnittpunkten und unterschiedlichen Sichtweisen, aber auch Gemeinsamkeiten. Dieses große Ganze verlieren auch wir Wende-Millennials manchmal zu sehr aus dem Blick. Dieses Zeitdokument kann durchaus helfen, sich wieder zu fokussieren.
Herausgeber:
Philipp Baumgarten wurde 1985 in Zeitz geboren und ist freischaffender Künstler, Herausgeber und Kulturmanager. Er studierte Medienproduktion und Kunstgeschichte in Dresden und Karlsruhe, arbeitetete im dortigen Institut für Bildmedien ZKM und gründete in Zeitz die Kultur- und Bildungsstätte Kloster Posa mit, der er bis 2020 als künstlerischer Leiter vorstand. In seiner Arbeit setzt er sich mit den transformativen Folgen im ländlichen Raum Ostdeutschlands auseinander.
Annekathrin Kohout wurde 1989 in Weida geboren und ist freie Autorin und Mitherausgeberin der Buchreihe Digitale Bildkulturen, sowie einer Zeitschrift. Sie arbeitet zudem für das Journal of Global Pop Cultures. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit der Ästhetik und Theorie von Pop- und Populärkultur, den sozialen Medien und der Gegenwartskunst. Ihr erstes Sachbuch erschien 2019 „Netzfeminismus“, weitere folgten. Sie promovierte 2021 und arbeitet regelmäßig als Gastdozentin in Hildesheim, Leipzig und Dresden.
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