Michelle McNamara: Ich ging durch die Dunkelheit

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Ich ging durch die Dunkelheit Autorin: Michelle McNamara Rezensionsexemplar/Sachbuch Atrium Verlag Zürich Erschienen am: 23.08.2019 Hardcover Seiten: 416 ISBN: 978-3-85535-060-5 Übersetzerin: Eva Kemper

Inhalt:
In den Jahren 1976 bis 1986 erschütterte eine grausame und bis dato beispiellose Serie von Überfällen und Morden die USA. Der Täter kam immer nachts und erschütterte die Bewohner der Vororte kalifornischer Städte in ihren Grundfesten.

Immer grausamer wurden seine taten, doch trotz intensiver Ermittlungen kamen die Behörden dem „Golden State Killer“ nicht auf die Spur. Immer wieder entwischte er unerkannt in die Dunkelheit und ging in die Kriminalgeschichte ein. Dies ist die Geschichte einer Spurensuche, von Opfern, Ermittlern und einer Autorin, die es sich zur Aufgabe machten, einem Phantom auf die Spur zu kommen. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:
Die Jagd nach dem Täter kann besonders bei Altfällen, sog. „Cold Cases“, zur Obsession werden. Bei den Ermittlern, die ungelöste Taten nicht aufklären können und bei den Opfern und Angehörigen, die ewig mit dem verursachten Leid leben müssen. Wenn sie denn leben.

Und so war ein ganzer Landstrich in Kalifornien über Jahre damit beschäftigt, Taten eines Unbekannten zu erdulden, die sich in immer grausamere und erschreckendere Auswüchse steigerten, ohne dass man ihm auf die Spur kam. Die Ermittler blieben gefühlt immer einen Schritt zurück. Der Verursacher kam und verschwand lautlos in die Nacht. Unzählige Überfälle gingen auf sein Konto, zahlreiche Morde. In die Geschichte ging der Täter als „Golden State Killer“ ein.

In der deutschen Übersetzung im Atrium Verlag Zürich erschienen, liegt hier Michelle McNamaras Bericht „Ich ging in die Dunkelheit“ vor. Gleichsam eine Chronik des Schreckens schildert die Autorin hier detailliert die Taten und die jahrzehntelange vergebliche Spurensuche auf der Jagd nach einem Phantom.

Einmal das Interesse geweckt sammelte die Autorin über Jahre zahlreiche Informationen, nahm Kontakt zu Ermittlern und überlebenden Opfern auf und wurde so zur quasi gleichberechtigten Partnerin für Polizisten und all jenen, die den Täter entlarven und schließlich finden wollten.

Das vorliegende Werk hat die Informationsdichte eines Sachbuches. Tatsächlich stützte sich McNamara auf Polizeiberichten, zahlreichen Ermittlungsakten und Interviews mit ermittelnden Beamten und zahlreichen Zeugen. Ortsbegehungen und eigene Recherchen runden die Quellenlage ab.

Der Bericht ist jedoch zu keiner Zeit trocken oder gar zäh. Es gibt fast keine Längen, die der Leser überwinden muss. Nein, der Sog entfaltet sich gleichsam einer Krimiserie Zeile für Zeile. die Autorin, deren anfängliches Interesse zu einer jahrelang Obsession wurde, schildert auch, wie sehr und warum ausgerechnet sie der Fall so eingenommen hatte, wie sonst kaum einen Außenstehenden.

Positiv ist zu erwähnen, dass es hier nicht darum geht, voyeuristische Bedürfnisse zu befriedigen, sondern nur sehr kleinteilig geschildert wird, wie es sein konnte, dass ein Täter über Jahrzehnte mit seinen Untaten davonkommen und immer wieder von Neuen zuschlagen konnte.

Die Autorin stellt dabei jedoch ihre Emotionen nicht zurückk, sondern schildert in zeitlich gegliederten und kurzweiligen Kapiteln lebendig ein Stück amerikanischer Kriminalgeschichte, die unfassbar, erschreckend und traurig zugleich ist. Der Leser hat dabei zwei Linien, denen er folgen kann, zum einen die geschilderte und gleichzeitig die der Autorin, die bis zuletzt das Ziel hatte, den Täter zu entlarven und den Opfern Gerechtigkeit zukommen zu lassen, wie viele Ermittler auch.

Die Autorin starb im Jahr 2016.

Autorin:
Michelle McNamara wurde 1970 geboren und war eine amerikanische Schriftstellerin. Für Film und Fernsehen schrieb sie drehbücher und schrieb seit 2006 an einem Blog über True Crime. Insbesondere mit dem Fall des „Golden State Killer“ beschäftigte sie sich intensiv, begann Material und Spuren zu sammeln, nahm Kontakt zu Opfern und Ermittlern auf. Kurz vor Fertigstellung ihres Buches starb sie, im Jahr 2016.

Mario Ludwig: Tierische Jobs

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Tierische Jobs Mario Ludwig Sachbuch wbg Theiss Erschienen am: 05.06.2019 Hardcover Seiten: 192 ISBN: 978-3-8062-3964-5

Inhalt:
Was machen Tiere eigentlich beruflich? Ein Frosch als Schwangerschaftstest, Katzen als Spione und ein Esel als Schäferhund?

Unglaublich, aber wahr! Mario Ludwig stellt die unglaublichen und skurillen Berufe unserer tierischen Helfer vor und erzählt, wie sie uns mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten helfen, unseren Alltag besser zu meistern. Zum bewerbungsgespräch um die Stelle als Trüffelsucher taucht da neben dem Schwein auch schon mal ein Hund auf. Und warum nicht mal eine Taube einstellen statt einem Radiologen? (Klappentext)

Rezension:
Blindenhunde oder Pferde und Delfine, die zu therapeutischen zwecken eingesetzt werden, kennt an sich jeder. Auch die Brieftaube dürfte den meisten ein Begriff sein, nicht zuletzt der Schäferhund als Bewacher von Haus und Hof. Doch, unsere tierischen Freunde helfen uns bisweilen in noch ganz anderen Bereichen unseres Alltags. Der Biologe und Autor Dr. Mario Ludwig hat seine kuriosesten Funde einmal zusammengestellt. Entstanden ist ein witziges und kurioses Sachbuch.

In kleine Häppchen zum Nebenherschmökern zeigt der Autor, welche Tätigkeiten tiere schon eingenommen haben, um unseren Alltag zu bewältigen. Außen vor gelassen wird das Schicksal von medizinischen Versuchstieren ganz bewusst, da es zu diesem Themenkomplex bereits ausreichende und weiterführende Literatur gibt, doch wie sieht es eigentlich mit der ersten Hündin und dem ersten Schimpansen im Weltraum aus?

Weshalb bekommt eine bestimmte Rattenart eine Spezialausbildung als Minensucher und warum scheiterten die Amerikaner Katzen als Spione auszubilden? All dies erläutert der Autor im zuweilen ernsten, jedoch immer humorigen Unterton und zeigt, dass es manchmal ohne unsere tierischen Helfer nicht geht, zumal in vergangenen Zeiten als technische Lösungen noch weit eintfernt waren von unseren heutigen Möglichkeiten.

Jedes Kapitel umfasst maximal eine Hand voll Seiten und jede erdenkliche Tierart, die sich als Fußpfleger zuweilen aber auch als Archäologe betätigen. Und vielleicht steckt in unseren Haustieren doch mehr als wir denken? Der Autor jedenfalls, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, sondern auch zu eigenständiger Recherche einlädt, ist überzeugt von den tierischen Fähigkeiten, weiß jedoch auch um das Tierwohl, welches nicht außer Acht gelassen wird.

Nicht umsonst ist der meiste Purpurfarbstoff heute künstlichen Ursprungs und Vanillearoma aus Kuhdung zum Glück sehr selten.

Unterlegt ist das amüsante Sachbuch mit einer umfassenden Quellenangabe, doch wer unseren tierischen Helfern auf die Schliche kommen möchte, weiß am Ende wie gesucht werden soll. Wissenserwerb oder reine Unterhaltung, Mario Ludwig gelingt beides umfassend.

Autor:
Mario Ludwig wurde 1957 in Heidelberg geboren und ist ein deutscher Biologe und Autor. Nach der Schule studierte er zunächst Biologie und Sportwissenschaften, arbeitete bis 1992 am Zoologischen Institut der Universität Heidelberg.

Seit 1992 ist er in leitender Funktion bei der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage tätig und seit 1994 im Bereich der schädlingsbekämpfung und Gewässergüte tätig. Seit 1993 schreibt er Bücher über Tiere und Natur undist häufiger Gast in Fernseh- und Hörfunksendungen. Ludwig ist zudem als Dozent, Vortragsredner und Interviewpartner gefragt.

Erika Fatland: Die Grenze

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Die Grenze Erika Fatland Sachbuch Suhrkamp Erschienen am: 08.04.2019 Taschenbuch Seiten: 623 ISBN: 978-3-518-46974-3 Übersetzer: Ulrich Sonnenberg

Inhalt:
Erika Fatland, Autorin des Bestsellers „Sowjetistan“, reist entlang der über 20.000 Kilometer langen russischen Grenze durch 14 Länder und begegnet dort den unterschiedlichsten Menschen – Taxifahrern, Geschichtsprofessoren, Rentierhierten und anderen. Sie hört zu, stellt Fragen, sammelt Geschichten. So entstehen schillernde Porträts dieser eigenwilligen Menschen und Länder. Aber auch ein Porträt des weltpolitischen Giganten – aus der Sicht seiner Nachbarn. (Klappentext)

Rezension:
Der Vielvölkerstaat, der sich über zwei Kontinente erstreckt, ist faszinierend. Ständig im Wandel begriffen, geprägt durch die kulturellen Unterschiede seiner Bewohner und im ständigen Konflikt mit seinen Nachbarn, grenzt das Riesenreich heute an 14 Ländern. Norwegen teilt da noch die kleinste Grenze mit dem russischen Bären. Doch, was bedeutet es eigentlich heute, in Nachbarschaft eines Staates zu leben, dessen Überlebensstrategie sich vor allem auf Rohstoffe und territoriale Ambitionen bezieht?

Wie leben die Menschen in Ost und West, Nord und Süd an der Grenze zu Russland und was sagt dies letztlich über den Staat selbst aus? Die Journalistin und Autorin Erika Fatland hat sich aufgemacht zu den Menschen entlang der Grenze und spürt ihren Geschichten nach. Herausgekommen ist ein Sammelsurium an Geschichten, nicht zuletzt jedoch ein vielschichtiges Porträt eines Landes in ständiger Bewegung.

Nach ihrer vielbeachteten Reportagereise durch „Sowjetistan“ liegt in deutscher Übersetzung nun der nächste Bericht vor, dessen Vorbereitungen unglaublich strapaziös gewesen sein mussten. Der Weg durch den staatlichen Behördendschungel einzelner Länder dürfte da noch das geringste Problem gewesen sein, nimmt die Autorin hier ihre Leser erst wieder mit, nachdem diese abgeschlossen sind.

In mehreren Abschnitten sind Reise und Buch unterteilt. So fährt der Leser zunächst entland Russlands gewaltiger Küstenlinie, bevor es von Nordkorea ausgehend, entland der Landesgrenze Russlands bs nach Norwegen gibt, der letzten Etappe dieser gewaltigen Reise.

So vielfältig wie die Landschafts- und Umgebungsbeschreibungen, die wortgewaltig den Leser an die jeweiligen Orte versetzen, so sind es auch die Begegnungen mit gewöhnlichen und außergwewöhnlichen Menschen, die diese Reisereportage so besonders machen. Erika Fatland hört ihnen zu, Regimekritikern und Händlern, den Taxifahrern und ehemaligen Politikern, Zöllnern wie auch Utopisten.

Alle haben sie ihre eigene Geschichte zu erzählen und jeder Einzelne verbindet mit dem Nachbarland etwas, meist untersetzt mit zwiespältigen gefühlen. Vielerorts würde man gerne ohne ihn, weiß jedoch, dass dies nicht möglich ist, zumal auch Konflikte wie in Georgien oder der Ukraine zeigen, dass auch heute noch Russland sehr empfindlich reagiert. Je nachdem, welche Sichtweise man einnimmt.

Erika Fatland werdet dabei nicht, beobachtet nur und nimmt die eindrücke in sich auf. Zur Orientierungshilfe gibt es einen Kartenausschnitt für jede Reiseetappe, zwei Fototeile lockern den Bericht auf. Wieder einmal ist der Norwegerin ein ausgewogener Bericht über den aktuellen Zustand, diesmal über die Grenze zu Russland, gelungen, die mit gemischten Gefühlen betrachtet werden kann.

Je nachdem, wo man sich gerade befindet. Diesen Blick schärft die Autorin ungemein, scheut sich nicht kritisch zu hinterfragen, doch ist auch hier Politik das Eine, das alltägliche Leben etwas anderes. Das Bewusstsein dafür, wie Kultur und Geschichte, auch länger zurückliegende, Wirtschaft und Politik (dann wieder doch) zusammenhängen, gewinnt man nur durch solch einen Blickwinkel. Dies ist ihr gelungen. Für alle, die versuchen möchten zu verstehen, gleichzeitig entdecken und Hintergründe zur heutigen Situation Russlands und seiner Nachbarn ergründen möchten, eine empfehlenswerte Lektüre.

Autorin:
Erika Fatland wurde 1983 geboren und ist eine norwegische Journalistin und Autorin. Sie studierte Sozialanthropologie, spricht mehrere Sprachen und schreibt Reportagen und Artikel für zahlreiche Zeitungen und Magazine. Für ihren Reisebericht „Sowjetistan“ erhielt sie 2015 den norwegischen Buchhandelspreis, für die norwegische Ausgebe des vorliegenden Buches den Buchbloggerpreis 2018.

Peter Wyden: Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichte

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Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichte Peter Wyden Übersetzer: Ilse Strasmann Sachbuch Steidl Verlag Erschienen am: 27.02.2019 (Neuauflage) Hardcover Seiten: 384 ISBN: 978-3-95829-608-4

Inhalt:

Stella Goldschlag war blond, schön, intelligent, schlagfertig und vielseitig begabt. In einem anderen Land und zu einer anderen Zeit hätte sie eine glänzende Karriere gemacht, doch Stella war Jüdin und lebte in Deutschland. Um ihre Eltern vor den Deportationszügen zu bewahren, verriet sie untergetauchte Juden an die Gestapo, konnte sie nicht retten und machte dennoch weiter. Mörderisch effizient. Peter Wyden, eins Mitschüler Stellas an der privaten jüdischen Goldschmidtschule in Berlin sprach mit Überlebenden, Zeitzeugen, Historikern und Psychologen, nicht zuletzt, zwei Jahre vor ihrem Freitod, mit Stella selbst. Er urteilt nicht. Peter Wyden erzählt eine wahre Geschichte. (eigene Inhaltsangabe)

Inhalt:

Es ist noch gar nicht so lange her, da machte die Aufarbeitung der Geschichte um die jüdische Greiferin Stella Goldschlag durch Takis Würger Furore. Ein Aufschrei nach dem anderen erfolgte, als der Hanser-Verlag den Roman „Stella“ veröffentlichte und zugleich begannen sich die Leser für die wirklichen Geschehnisse zu interessieren. Doch, während die englischsprachige Ausgabe antiquarisch zu haben war, war die 1999 erschiene Übersetzung längst vergriffen und nur noch zu Phantasiepreisen zu erwerben. So entschloss sich der Steidl-Verlag dieses Werk neu aufzulegen, welches hiermit vorliegt.

Worum geht es? Der Klappentext zusammengekürzt, verrät schon viel und gibt den Umriss eines besonderen Sachbuches. Natürlich kennen wir Leser alle die Berichte von Überlebenden des Nazi-Regims, sowohl der Opfer als auch der Täter, doch gab es natürlich auch Menschen, wie zu jeder Krisenzeit, die irgendwo dazwischen standen. Solch ein Mensch war Stella goldschlag, die in die Gefänge der Gestapo geriet, und begann, um ihre Eltern und ihre eigene Haut zu retten, Berliner Juden zu verraten, die sich vor der Vernichtungsmechanerie der Nazis im Untergrund versteckt hielten.

Ersteres gelang nicht, doch um zumindest das zweite zu erreichen, machte sie weiter, als längst ihre Eltern deportiert werden. Peter Wyden ging nach dem Krieg der Frage nach, warum ausgerechnet Stella Goldschlag diesen Weg einschlug und welchen Lauf ihr Leben nahm, welches sie 1994 durch Selbstmord beendete. Wer war Stella Goldschlag, die „Greiferin“, das blonde Gift?

Es ist ein bemerkenswert differenziertes sachbuch, welches hier neu aufgelegt wurde, vor allem, wenn man um die tatsache weiß, dass sich Autor und Beschriebene seit ihrer Jugend kannten, dennoch so unterschiedliche Wege eingeschlagen hatten und einschlagen mussten. Peter Wyden wollte verstehen und recherchierte als Journalist und Privatmann jahrzehntelang zur Geschichte seiner ehemaligen Klassenkameradin.

Er stöberte in Archiven und Gerichtsakten, sprach mit Zeitzeugen, Opfern und Freunden von Stella Goldschlag, schließlich mit der Hauptperson selbst. Was muss ein Mensch durchmachen, um zu solchen Taten fähig zu sein? In welcher Extremsituation hätte man selbst vielleicht sich zu diesem schmählichen Verrat hinreißen lassen und wann genau kam es zum Knackpunkt, an dem Stella hätte aufhören müssen, wenn man das überhaupt gekonnt hätte? Wäre dies möglich.

Ohne zu werten zeichnet Wyden detailliert Stellas Weg nach, zeigt, wie sie so viele ihrer Mitmenschen an die Nazis verraten konnte und warum Geschichte und Taten sie nicht mehr los ließen, bis zu ihrem Ende. Zeitlos wirkt der Text, tatsächlich kann das Sachbuch auch heute noch gut gelesen werden und ist damit ein wichtiger Grundstein zur Geschichte der Verfolgung der Juden durch das NS-Regime in Berlin.

Im Stil des Journalisten, dem eine Geschichte begegnet und nicht loslässt, arbeitete der ehemalige und dann wiederholte Berliner an diesem Sachbuch, welches zeigt, dass es in besonderen Zeiten besondere Menschen gibt. Leider eben auch im schrecklichen Sinne. Das hat eine ungeheuerliche Qualität, die erdrückend wirkt, wobei Wyden seine journalistischen Fähigkeiten nicht nur in der Recherchearbeit selbst einzusetzen wusste.

Gegliedert, entlang der Lebens- und zeitlichen Abschnitte, durchsetzt mit zahlreichen Quellenangaben, doe vor allem aus Interviews mit Zeitzeugen bestehen, wie sie heute kaum mehr durchgeführt werden können, ist „Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichte“ ein zeitloses Sachbuch und eine Warnung zugleich. Was würden wir tun? Wie weit würde jeder Einzelne von uns gehen, um die eigene Haut zu retten?

Beten wir darum, dies nie erfahren zu müssen. Unabhängig von den Taten der Stella Goldschlag, so verachtenswert sie sind, hatte sie wohl kaum eine Wahl. Peter Wyden bewertet dies nicht, mit seinem Fazit bin ich dennoch nicht ganz glücklich. Davon abgesehen, gibt es hier eine unbedingte Leseempfehlung.

Autor:

Peter H. Wyden wurde als Peter Weidenreich 1923 in Berlin geboren und war ein deutsch-US-amerikanischer Journalist und Autor. Als Kind jüdischer Eltern besuchte er ab 1935 die jüdische Privatschule Dr. Goldtschmidt in Berlin und folh mit seiner Familie 1937 aus Berlin. Er studierte an der City University New York und diente anschließend in der US Army. Ab 1945 leitete er die Lokalredaktion Berlin der Allgemeinen Zeitung und arbeite als Reporter und Redakteur. Seit 1970 veröffentlichte er mehrere Bücher, 1992 auch über Stella Goldschlag, die als „Greiferin“ untergetauchte Juden in Berlin an die Gestapo verriet. Das Buch wurde 2019 neu aufgelegt. Peter wyden starb 1998 in Ridgefield/Connecticut.

Stephan Orth: Couchsurfing in China

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Couchsurfing in China Stephan Orth Sachbuch Piper/Malik Erschienen am: 01.03.2019 Taschenbuch Seiten: 250 ISBN: 978-3-89029-490-2

Inhalt:
Er reist mit Vorliebe durch Länder mit einem schlechten Ruf: Drei Monate lang erkundet Bestsellerautor Stephan Orth China, um herauszufinden, wie die neue Weltmacht tickt. Er besucht Metropolen, die mit totaler Überwachung experimentieren, und abgeschiedene Dörfer, in denen fürs Willkommensessen der Hund geschlachtet wird. Auf seiner Reise von Couch zu Couch versucht er sich als Wettkampf-Korbflechter, tanzender Englischlehrer und Casino-Glücksritter – und lernt, welche Träume und Ängste die Menschen bewegen. (Klappentext)

Rezension:

In Zeiten, in denen die Menschen immer mehr zusammenwachsen, Grenzen aufgrund der wirtschaftlichen Globalisierung aufweichen und alte Industrienationen zunehmend ins Hintertreffen geraten, kristallisiert sich im fernen Osten eine neue Weltmacht heraus.

Das Reich der Mitte, einst billige Werkbank und berüchtigt für Raukopien und Ideenklau, zudem mit Klischees belegt, gibt in Politik und Wirtschaft immer öfter den Ton an und ist in einigen technologischen Bereichen schon heute führend. Der Rest der Welt reibt sich verwundert die Augen, doch wie erleben die Menschen dort den Wandel, der einem kaum Schritt halten lässt? Stephan Orth begab sich auf die Suche nach Antworten und kehrte mit Erkenntnissen und vielen Fragen zurück.

So weit zur Thematik, erzählt der Journalist und Autor in gewohnter Manier von seiner liebsten Form des Reisens. Couchsurfing. Man stelle sein Sofa oder eine andere Schlafmöglichkeit Menschen aus aller Welt zur Verfügung und bekommt im Gegenzug selbige ebenfalls in aller Welt. So erkundete Stephan Orth bereits den Iran und Russland, bekam dabei Perspektiven eröffnet, die normalen Touristen verschlossen bleiben.

Wie lebt sich der Alltag abseits der großen und kleinen Plätze, für besucher hergerichtete Sehenswürdigkeiten und wie nehmen vor allem die Einheimischen ihr Land wahr? Ganz Journalist begab sich Orth nun nach China und reiste kreuz und quer durch ein Land voller Kontraste, die größer nirgendwo sonst ausfallen.

„Das wäre wirklich nicht nöig gewesen“, sage ich dann. Nie habe ich diesen Satz so ernst gemeint.

Stephan Orth zu einem seiner Gastgeber, nach der Erwähnung eines besonderen Mahls ihm zu Ehren.

In kurzweiligen Kapiteln, die jeweils nach Reiseetappen und Orten gegliedert sind, schildert er die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten und die Begegnungen mit Menschen, die so unterschiedlich wie vielfältig sind. Die chinesische Polizistin etwa, die die Vorteile einer überwachten Nation sieht, es jedoch mit den Regeln der politischen Indoktrination nicht so genau nimmt, die Künstlerin, die tagtäglich förmlich gezwungen ist, die Grenzen der freiheit bis zur Zensur auszutesten oder Kapitalismus im Kommunismus. Kasinos funktionieren auch im Reich der Mitte.

Mit genauen Blick schildert er Situationen, die man hierzulande nur als Kultrschock bezeichnen kann, aber auch den technologischen Fortschritt, der dort innerhalb weniger Monate Anlauf nimmt, in unsererheimat jedoch schon in der Planungsphase stecken bleibt.

Das hat alles Vor- und Nachteile, Kritik bleibt nicht aus, jedoch überwiegt das Staunen, welches Orth immer wieder antreibt, um so den Menschen auf dem Zahn zu fühlen, eine Momentaufnahme dieses Landes zu erhaschen. Das ist nicht vollkommen, ein sehr subjektiver Einblick wird hier gezeigt. Gut möglich, dass ein jeder Andere diese Eindrücke anders werten kann. Das Land ist einfach zu groß, die Gesellschaft zu schnelllebig. Was heute aktuell ist, ist morgen veraltet. Hochspannend ist es allemal.

Stephan Ort ist ins Gelingen verliebt und zeigt die Unterschiede zwischen politischen System und einem Querschnitt der Gesellschaft. Die böse Weltmacht aus den Nachrichten gibt es eben nicht nur, sondern auch Menschen unterschiedlichster Couleur, die ihren Teil dazu beitragen und ansonsten ihren Alltag bewältigen. Selbstbewusst, unsicher, arm oder reich, Anhänger des Systems, Mitläufer oder Andersdenkende.

Das Reich der Mitte, so die Erkenntnis, ist wandelbar und vielfältig, trotz versuchter Gleichschaltung und allgegenwertiger Kontrolle. Wer aufmerksam liest, bekommt zudem mit, wem genau das Buch gewidmet ist. Alleine dies ist für Europäer schon aufregend genug und muss der Leser selbst herausfinden. Viel Glück dabei.

Alberto Angela: Ein Tag im Alten Rom

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Ein Tag im Alten Rom Autor: Alberto Angela Übersetzerin: Julia Eisele Sachbuch Goldmann Verlag Erschienen am: 14.02.2011 Taschenbuch Seiten: 413 ISBN: 978-3-442-15638-2

Die Welt der Antike hautnah erleben!

Was ist ein Obolus? Wie wickelt man eine Toga? Wie teuer ist ein Sklave? Und wie fühlt es sich an, den Löwen zum Fraß vorgeworfen zu werden? Alberto Angela lässt uns einen Tag lang am bunten Treiben im antiken Rom teilnehmen:

Wir werfen einen Blick in prächtige Patrizierhäuser, dampfende Kochtöpfe und venusgefällige Schlafzimmer, erleben blutige Gladiatorenkämpfe im Kolosseum und nächtliche Festgelage am Ufer des Tibers. Mit allen Sinnen tauchen wir ein in die Alltagswelt und das Lebensgefühl der Alten Römer. Das ist Geschichte, wie sie lebendiger nicht sein könnte! (Klappentext)

Rezension:

Tausende Touristen erkunden heutzutage das, was vom einstigen Mittelpunkt der antiken Welt und von einem der ersten Imperien der Geschichte übrig geblieben ist. besonders in dessen ehemaligen Zentrum sind noch zahlreiche Überreste zu bestaunen, die einen kleinen Einblick über die ehemaligen Größe des antiken Roms geben.

Doch, die Ruinen auf den Palatin, den Kaiserforen oder das Colloseum sind durch die Jahrhunderte stark in Mitleidenschaft gezogen worden, und so ist es schwer vorstellbar, wie es war, das Leben im Rom der Antike.

Der italienische Paläontologe Alberto Angela nimmt seine Leser wieder gekonnt mit auf eine einmalige Zeitreise und lässt uns einen Tag im Leben eines römischen Bürgers nachvollziehen, der im Jahr 115 n. Chr., zur Zeit Trajans lebte. Von kurz vor Sonnenauf- bis nach Sonnenuntergang streifen wir durch die Gassen des Mittelpunktes der römischen Welt und erleben den Alltag aus vielen Blickwinkeln heraus.

Wir beobachten Sklaven, die eine Villa nach einem Festgelage am frühen Morgen säubern und sehen den domus und der domina beim Ankleiden zu. Detailliert schilder der Autor, welche Unterschiede und welche Gemeinsamkeiten der Alltag in damaliger und heutiger Zeit aufweisen und begibt sich mit uns in Tempeln, in die Gladiatorenarena oder den römischen Thermen.

Akribisch werden Fragen geklärt, kurzweilig anhand von tatsächlichen Funden, wie Inschriften und Mosaiken, konstruiert, was tatsächlich passiert sein könnte. Welche gesellschaftlichen Schichten gab es im Rom der Antike?

Vor welchen problemen sahen sich Stadtherren und Politik schon damals gestellt und warum waren Toilettengänge ein Gemeinschaftserlebnis? Was spielten oder lernten römische Kinder und was landete neben Flamingo und Siebenschläfer sonst noch in den Kochtöpfen?

Erstaunen wird man darüber, was es früher schon gab und welche Lösungen die Römer für Probleme aller Art hatten, aber auch, wenn man vergleicht, wie weit die Entwicklung, ob gesellschaftlicher oder technischer Natur seitdem vorangeschritten ist. Ohne Vorkenntnisse kann man Alberto Angela gut durch die kurzweiligen Kapitel folgen, der manchmal ausschweifend erzählt, jedoch durchweg zu begeistern und interessieren vermag.

Es ist dabei kein wissenschaftliches Buch, sondern ein Werk, welches ein Thema der breiten Masse näher bringt, jedoch auf nachweisbaren Funden im Staube Roms beruht. Erlebbarer Geschichtsunterricht, der begeistert. Wer Rom aus seinen Besuchen heraus kennt, wird vieles erkennen. Wer noch nicht in der Ewigen Stadt gewesen ist, wird spätestens jetzt den wunsch verspüren, die antiken Stätten besichtigen zu können.

Die Zeitreise ist in übersichtliche Kapitel, anhand von Uhrzeiten, gegliedert. Ein Tagesablauf eben. Dazwischen immer wieder wieder Einschübe, die einen grundsätzlichen Überblick über bestimmte Fragen geben und so erklären, was z.B. ein Sesterz wert gewesen ist oder was die ersten „Wolkenkratzer“ Roms gewesen sind.

So verwoben bringt der Autor eine sehr komplexe Thematik verständlich näher, auch wenn es sich nur um einen ganz gewöhnlichen Tag im Antiken Rom und dessen Blütezeit handelt. Lebendiger geht Geschichte kaum.

Autor:

Alberto Angela wurde 1962 in Paris geboren, studierte nach dem Abitur in Frankreich und in Italien Naturwissenschaften, bevor er sich weiter auf Paläontologie und Paläoanthropogie spezialisierte. Er arbeitete an verschiedenen Orten der Welt an Ausgrabungen und Forschungen und veröffentlichte mehrere in Fachkreisen anerkannte Aufsätze.

Als Wissenschaftsjournalist arbeitete er für Fernsehsender und veröffentlichte mehrere Sachbücher über die menschliche Entwicklungsgeschichte und das Alte Rom. Er ist Mitglied des Instituts für Menschliche Paläontologie in Rom.

Gerd Hankel: Ruanda 1994 bis heute

Inhalt:

Vom April bis Juli 1994 wurden in Ruanda zigtausend Menschen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit ermordet. Das Land ist zum Synonym für den Völkermord an den Tutsi geworden, aber auch für dessen Aufarbeitung und vorbildliche Vergangenheitsbewältigung. Doch, unter der Oberfläche brodelt es wieder.

Die Zeichen, dass der Völkermord als politisches Instrument genutzt wird, dessen Bewältigung zur Unterdrückung kritischer Stimmen genutzt wird, mehren sich. Hinter dem Vorzeigestaat verbirgt sich ein totalitäres Regime und dessen durchsetzung eines Geschichtsbildes, welches keinen Widerspruch duldet. Ein ernüchterndes Porträt des Vorzeigestaats in Zentralafrika. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:

Insbesondere Autoren von Sachbüchern haben die Aufgabe, den leser mit einer Thematik vertraut zu machen, sie auf etwas zu stoßen oder wachzurütteln und genau dies tut Gerd Hankel mit seinem Standardwerk über den Verarbeitungsprozess des Völkermordes in Ruanda. Kürzlich erschien die vorliegende Ergänzung und Aktualisierung, die nicht minder aufrüttelnd die Ereignisse in Zentralafrika analysiert und in ein neues Licht stellt.

Doch, zunächst, der Autor ist ein Kenner der Thematik, beschäftigt sich der Wissenschaftler schon länger mti Völkermorden im Allgemeinen und der Geschichte Ruandas im Besonderen. Diese wird kurz, aber detailliert genug umrissen, um den noch nicht vertrauten Lesern einen Überblick zu geben.

Sehr faktenreich ist die Beschäftigung mit den Sachverhalten, an die man konzentriert herangehen muss. Analysiert wird von Anfang an, zahlreiche Beispiele an Personen festgemacht. Zahlen und Statistiken bekommen ein Gesicht.

Das ist zuweilen anstrengend. Doch, die Auseinandersetzung funktioniert nur so, zumal sich Gerd Hankel hier gegen einem ganzen Trott politischer Ansichten und der allgemeinen Diplomatie stellt, die nicht einen Blick unter die Oberfläche wagen. Dies gilt für Frankreich, ebenso wie Deutschland, Amerika oder Groß-Britannien.

Nur langsam werden erste Risse sichtbar. Diese sind auch kaum zu vermeiden, beschreibt Hankel doch, wie sich nach einem offensichtlichen Terrorregime ein anderes etabliert, welches verdeckt operiert und nur zugern sich als Garant der Aufarbeitung vergangenen Übels inszeniert, nicht ohne das eigene Fehlverhalten zu kaschieren.

Noch immer verschwinden Menschen spurlos, die auf Ungereimtheiten in den Prozessen zur Verarbeitung des Völkermordes aufmerksam machen oder gar in der Vergangenheit heutiger Regierungsmitglieder Ruandas kramen. Dem Leuchtturm Afrikas gehen langsam aber sicher die Lichter aus.

Hankel stellt, unterstützt durch zahlreiche erdrückende Quellen und Begegnungen, schlüsselt die Rolle von Staat und Wirtschaft für die Verarbeitung auf, das Handeln einzelner Gruppen auf die Nachbarländer Ruandas und der damit verbunden Wechselwirkung wieder hin zu dem kleinen zentralafrikanischen Land.

Wer hat heute die Deutungsautorität über die Geschehnisse Mitte der 1990er jahre und wie viel Unrecht verträgt der Fortschritt. Übersichtlich gegliedert und konzentriert, letzteres muss der Leser unbedingt sein, liest sich die Aktualisierung des 2016 erschienen Berichts etwas anstrengend, jedoch verliert man seine rosarote Brille, zieht gar den Vergleich zur Verarbeitung anderer Kriegsverbrechen ähnlicher Coleur.

Man kann froh sein, dass es etwa bei der Behandlung der Trias Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord, etwa in Deutschland anders zugegangen ist. Der Autor weist hier aber auch auf die Unterschiede zu den Geschehnissen in Ruanda hin.

Wer umfassend sich über die Verarbeitung des Völkermordes in Ruanda informieren und dabei einen Blick unter die schöne glatte Oberfläche werden möchte, ist mit diesem Werk gut bedient, muss sich jedoch vollständig darauf konzentrieren. Kein Buch zum Nebenherlesen, welches es auch nicht sein soll. Gerd Hankels Verdienst ist es, einiges an unserem, vielleicht falschen Bild auf die Ereignisse in Ruanda zurechtzurücken. Alleine dafür schon, lohnt die Lektüre.

Autor:

Gerd Hankel wurde 957 in Büderich bei Wesel geboren und ist Jurist und Sprachwissenschaftler. Er studierte zunächst in Mainz, Granada und Bremen, bevor er 1993 freier Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung wurde. Seit 1998 ist er zudem wissenschaftlicher Angestellter der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur.

Seit 2002 untersucht er den Völkermord in Ruanda, insbesondere die Verarbeitung dessen durch die sogenannten Gacaca-Gerichte. Zudem veröffentlichte er u.a. ein Werk über die strafrechtliche Verfolgung deutscher Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg.

Ruanda 1994 bis heute

Autor: Gerd Hankel

Seiten 159

ISBN: 978-3-86674-590-2

zu Klampen Verlag

Sy Montgomery: Einfach Mensch sein – von Tieren lernen

Inhalt:

Machen uns Tiere zu besseren Menschen? Vertrauen, Instinkt und Gespür: Im Einssein mit der Natur finden wir unsere Lebendigkeit wieder. Im Beisein der Tiere wachsen wir manchmal über uns selbst hinaus. Ein Weisheitsbuch für unsere Zeit mit vielen Illustrationen und einem Nachwort von Donna Leon. (Klappentext)

Rezension:

In wie weit verändern uns zufällige Begegnungen mit Tieren? Welchen Einfluss nehmen Haus- und Nutztiere auf unser Leben? Viel ist schon darüber geschrieben worden. Ganze Aufsätze gibt es etwa über die Domestikation des Wolfes, woraus die verschiedenen Haushunde entstanden, die Unabhängigkeit der Katze, die den Mensch als „Dosenöffner“ duldet oder etwa in der Landwirtschaft der Nutzen von Schweinen und Kühen, der sich für viele in die Anzahl von Litern Milch bzw. Kilogramm Schwein fassen lässt.

Doch, was machen Tier mit unserer Psyche? Welchen Einfluss nehmen sie auf unser Wohlbefinden und was können wir von ihnen lernen? Die Autorin und Naturforscherin Sy Montgomery nimmt uns mit, auf eine erstaunliche Reise.

Nach dem durchschlagenden Erfolg ihres Bestsellers „Rendezvouz mit einem Oktopus“ erweitert die Schriftstellerin das Spektrum und wirft einen Blick auf verschiedene Tierarten. zwar ist ein achtarmiges Exemplar auch wieder dabei, doch geht es diesmal auch um schräge Vögel, einem Schwein und eigensinnigen Hunden. Montgomery schaut zurück auf diese Begegnungen und erklärt an der Wirkung auf sie selbst den Einfluss unserer tierischen Begleiter.

Kapitelweise widmet sie sich einer Bekanntschaft nmit einem Tier, nicht selten auch ein Wegbegleiter und zeigt nebenbei, wie man auch Lebensabschnitte in solche Portionen einteilen. Nach dem Haustier in der Kindheit etwa oder der schönsten Spinne Clarabelle.

Kurzweilig und melancholisch schildert sie ihr Leben mit und neben Tieren, zeigt, dass wir an ihnen wachsen, ebenso unserem eigenen Leben einen Sinn geben können. Ein jeder Haustierbesitzer kann das bestätigen. Fast literarisch mutet ihr Sachbuch an, schöne Umschreibungen, wie man sie selten in solchen Werken findet. Hier ist die Autorin unglaublich stark.

Genau da jedoch beginnt auch ihre große Schwäche, die sich schon in „Rendezvouz mit einem Oktopus“ allzu deutlich gezeigt hat. Natürlich sind manche Begegnungen mit Tieren sehr emotional, können uns aus der Bahn werfen und ausbremsen, doch Verklärungen, wie es einer Naturkennerin wie Montgomery nicht passieren darf; gut, lassen wir mal haustiere außen vor, aber selbst dann; hier jedoch zu oft geschehen, sind fehl am Platz. Ein Tier ist schließlich immer noch ein Tier.

Das ist Kritik auf hohem Niveau, zumal sich die Autorin immer wieder fängt und nochmals die Kurve bekommt. Dieses Werk, am ehesten ein literarisches Sachbuch, macht neugierig sowohl in die eine, als auch in die andere Richtung. Wie würde wohl ein Roman der Schriftstellerin Montgomery über ihre Tierbegegnungen sich lesen oder ein reines Sachbuch der Wissenschaftlerin?

Der Perspektivwechsel würde sich interessant machen. Bis dahin bleibt nur, entweder das Buch zu lesen oder das eigene Haustier (und andere Tiere) mit anderen Augen zu betrachten. Und vielleicht lernen wir dabei noch etwas anderes? Zum Beispiel, einfach Mensch zu sein.

Autorin:

Sy Montgomery wurde 1958 in Frankfurt/Main geboren und ist eine Naturforscherin, Schriftstellerin und Drehbuchautorin. 1979 schloss sie ihr Studium an der Syracuse University in den Fächern Journalismus, Französisch und Literatur ab, sowie in Psychologie. Ihr wurden zwei Ehrendoktortitel verlieren.

Ihre Bücher, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene, wurden für verschiedene Preise nominiert, u,.a. den National Book Award im Bereich Sachbuch. Sie schreibt Drehbücher u.a. für National Geographic TV und beteiligt sich an wissenschaftlichen Studien und Expeditionen im Bereich der Naturforschung.

Einfach Mensch sein – von Tieren lernen

Autorin: Sy Montgomery

Seiten: 207

ISBN: 978-3-257-07064-4

Diogenes

Alec Baldwin: Meine fantastische Präsidentschaft

Inhalt:

Während er die USA so unfassbar gut regiert wie keiner vor ihm, findet der Präsident trotz allem noch die Zeit, seine Memoiren in Echtzeit für die Nachwelt zu diktieren. So sind wir live dabei, wenn Trump durchs Weiße Haus flaniert und sich darüber ärgert, dass er es nicht kaufen kann. Denn dann würde auch im Oval Office endlich ein ordentlicher Fernseher hängen.

Doch eigentlich will er die ganzen Fake News gar nicht sehen. Lieber twittert er die Wahrheit morgens vom Bett aus. Politische Satire oder Tatsachenbericht? Kurt Andersens und Alec Baldwins Trump-Parodie trifft den ton des 45. amerikanischen Präsidenten so exakt, dass Fiktion und Realität mitunter zu verschwimmen scheinen – das Buch zu Alec baldwins legendären Auftritten als Donald Trump bei „Saturday Night Live“, die inzwischen einen „absoluten Kultstatus“ (Der Tagesspiegel) erreicht haben. (Inhaltstext Verlag)

Rezension:

Donald J. Trump olarisierte schon vor Erlangen der Präsidentschaft 2016 die Massen, um so mehr als er dieses Ziel erreichte und seitdem versucht, umstrittene politische Vorhaben umzusetzen. Egal, ob dazu Projekte wie der Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko gehören oder die Abkehr der Versöhnungspolitik mit Staaten wie Kuba oder den Iran, der 45. Präsident der Vereinigten Staaten eckt an, bei Freund und Feind.

Wie einst Michael Moore George W. Bush, nimmt nun Alec Baldwin in seinen Parodien den seines Erachtens „besten und erfolgreichsten aller US-Präsidenten“ auf’s Korn und parodiert ihn seit längerem in der Fernsehshow „Saturday Night Live“. Jetzt gibt es dazu das passende Buch.

Der sperrige Titel (Donald J. Trump – Meine fantastische Präsidentschaft – Die echte (NO FAKE!) Wahrheit über mich: Eine „sogenannnte Parodie von Alec Baldwin & Kurt Andersen“) sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich hier um kurzweilig amüsant zu lesende Lektüre handelt, bei der einem das Lachen im halse stecken bleibt.

So stellt man sich den Tagesablauf von Donald J. Trump, seinen Umgang mit anderen Staatsführern und vor allem Ministern, sowie Angestellten des Weißen Hauses vor. Kurt Andersen fühlt sich denkend in einen Menschen ein, den man hofft, nicht zu begegnen und zugleich man dankbar dafür ist, in diesen Zeiten nicht amerikanischer Staatsbürger zu sein.

Kurzweilig in leicht verdaulichen Häppchen arbeiten Baldwin und Andersen die Persönlichkeit Trumps heraus und zeigen, wie seine Sicht auf Ereignisse wie etwa das erste Aufeinandertreffen mit Putin oder die Reaktion auf entsprechende Umfragewerte hätten sein können, immer wieder mit Blick auf Twitter, dessen vorgegebene Zeichenanzahl nur viel zu kurze Texte zulässt.

Wo Michael Moore bei George W. Bush mit Sachbüchern gegengesteuert hat, arbeitet Alec Baldwin mit satirischen Parodien sich an Trump als Reizfigur ab und macht dies bravorös, so dass die Sketche mittlerweile zu den Highlights der Sendung „Saturday Night Live“ zählen. „Der beste Trump, den es je gab.“ titelte die Zeitschrift Focus, wobei man eigentlich inständig hofft, aus einem Alptraum zu erwachen.

Nun gibt es Trump als Buch, in erträglichen Dosen, für alle, denen die realität zu schlimm ist, um sie sich tagtäglich in den Nachrichten zu Gemüte zu führen. Manche Episoden hätte ich mir noch tiefgehender gewünscht, ausführlicher dargestellt, doch das große Kino, welches andersen und baldwin hier liefern, spielt sich im kopf ab und das ist allemal gelungen. Dafür eine Empfehlung.

Autoren:

Alec Baldwin wurde 1958 geboren und ist ein US-amerikanischer Schauspieler und Synchronspieler, der in zahlreichen Filmen und Fernsehserien mitspielte. Seit 2016 parodiert er Trump als US-Präsidenten in der Fernsehshow „Saturday Night Live“ und bekam dafür einen Emmy.

Kurt Andersen ist ein amerikanischer Schriftsteller und Journalist, der für mehrere amerikanische Zeitschriften und zeitungen schreibt. Zuletzt erschien auf Deutsch sein Sachbuch „Fantasyland. 500 Jahre Realitätsverlust. Die Geschichte Amerikas neu erzählt.“.

Alec Baldwin/Kurt Andersen
Meine fantastische Präsidentschaft
Seiten: 223
ISBN: 978-3-406-73535-6
C.H. Beck

Andreas Petersen: Die Moskauer

Inhalt:

Die DDR war vor allem in den ersten Jahrzehnten geprägt von Paranoia und Denunziation. Die Gründergeneration um Pieck und Ulbricht hatte einst in Moskau die Jahre des Terrors überlebt, in denen Stalin mehr Spitzenkader der KPD ermorden ließ als Hitler. Angst und Verrat wurden Normalität.

Ab 1945 setzten sich die „Moskauer“ im Machtstreben um die Führung in der sowjetisch besetzten Zone durch. Zweifel und Fragen waren nicht erwünscht. Die „Moskauer“ hätten sich sonst ihrer eigenen Verstrickung stellen müssen. Im neuen werdenden Staat setzten siee die gleichen Methoden ein, denen sie fast alle Jahre zuvor zum Opfer fielen. Das Stalintrauma und seine Folgen, analysiert von Andreas Petersen. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:

Die Geschichte der DDR begann schon Jahre vor der Gründung mit einer Gruppe von Kommunisten, die sich vor den Nazis in die Sowjetunion flüchten konnten und in den Jahren des Exils versuchten, eine Machtbasis für einen späteren Neuanfang zu schmieden. Mit Hilfe der Sowjets gelang dies auch später, doch der Weg zur Macht war für Ulbricht, Pieck und andere weder von vornherein klar vorgezeichnet, noch sicher.

Stalin, der im eigenen Land mit den Jahren unter immer größeren Verfolgungswahn litt, ließ Hunderttausende seiner Landsleute, offiziere des Militärs und selbst der Geheimdienste ermorden, schreckte auch nicht vor der Ermordung der Exilanten zurück.

Hunderte KPD-Mitglieder wurden deportiert, gefoltert und ermordet. So viel zur bekannten Geschichte. Doch, wie prägte das die Führungsriege der KPD und welche Auswirkungen hatte dies später auf das eigene Herrschaftsverhalten nach dem Krieg? Andreas Petersen hat Einblick genommen in Tagebücher, Archive und Berichte. Herausgekommen dabei ist ein minutiös gezeichnetes Sachbuch.

Leider auch ein schwer zu lesendes. Dieses Kapitel deutscher und auch russischer Geschichte ist alleine von der Thematik her sehr interessant, zumal noch nicht alle Archive geöffnet und ausgewertet sind und es noch ganz wenige Zeitzeugen gibt, die davon berichten können. In sofern hätten „Die Moskauer“ interessant und spannend beschrieben werden können, das werden und das Formen der Gründergeneration der DDR.

Warum dieses absolute Machtstreben, Denunziation und Aushorchen selbst unter politischen Gleichgesinnten und die Schaffung eines Klimas der Angst, welches über den Tode Stalins noch hinaus wirkte? Warum löschte der Diktator selbst seine künftigen verbündeten einst beinahe selbst komplett aus? Weshalb setzten die DDR-Oberen diese Politik unter anderen Vorzeichen, obwohl selbst einst Betroffene, in ihrem eigenen Staat fort?

Ein Stoff, wie gemacht für einen Politkrimi, jedoch unglaublich reich an Fakten und Statistiken, die auch durch persönliche Geschichten fassbar gemacht werden können. Alleine mit letzteren geht der Autor jedoch allzu sparsum um, so dass am Ende ein schwer zu lesender, für den Laien kaum aufzunehmender Text übrig bleibt, der mehrmals gelesen werden muss, um verinnerlicht zu werden.

Was hängen bleibt, sind Längen und einzelne Fakten. Persönlichkeitsgeschichte, die sonst in solchen Werken den Leser bei Stange hält, ist rar gesät. das funktioniert nur ungenügend, zumal man praktisch gezwungen ist, Absätze wiederholend sich zu Gemüte zu führen und langsam zu lesen.

Vielleicht dachte der Autor beim Schreiben eher an sein sonstiges Zielpublikum? Im Regelfall sind das Studenten. Für’s Fach sind „Die Moskauer“ jedenfalls nach meinem dafürhalten mehr geeignet, als jetzt für den Laien, der sich mit Geschichte beschäftigen und sich diesem bestimmten Kapitel mal von einer etwas anderen Sicht aus nähern möchte.

Als populärwissenschaftliches Werk funktioniert es nicht, was schade ist, denn die zahlreichen Quellen, die auf eine intensive Recherchearbeit schließen lassen, verknüpft mit einzelner Personengeschichte, hätten anders aufbereitet interessanter wirken können. So aber ist die Thematik nicht greifbarer geworden. Schade.

Autor:

Andreas Petersen wurde 1961 in Köln geboren und ist ein deutscher Historiker. Nach der Schule studierte er Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich und war Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin. Als Dozent für Zeitgeschichte wirkt er an der Fachhochschule Nordwestschweiz und ist zudem Gründungspräsident des Forums für Zeitzeugen in Aarau. Er schreibt für Tageszeitungen und Zeitschriften, pendelt zwischen Berlin und Zürich. Er ist Herausgeber und Autor mehrerer sachgeschichtlicher Werke.

Andreas Petersen
Die Moskauer
Seiten: 361
ISBN: 978-3-397435-5
S. Fischer Verlag