Norwegen

Willy Brandt: Krieg in Norwegen

Inhalt:
Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kommen, leistet Herbert Frahm sofort Widerstand. Um sich vor der Verfolgung durch die Nazis zu schützen, benennt er sich um in Willy Brandt. 1933 verlässt er Deutschland und geht ins Exil nach Norwegen, um von dort aus den sozialdemokratischen Widerstand gegen Hitler zu organisieren. 1940 wird er Zeuge der Okkupation des Landes durch die Deutsche Wehrmacht. (Klappentext)

Rezension:
Die Besatzung Norwegens durch die Deutschen ist hierzulande ein beinahe vergessenes Stück Militärgeschichte, doch bereits während des Krieges erschien 1942 in der Schweiz ein Bericht darüber, wofür der Verleger von den Nationalsozialisten heftig kritisiert wurde. Geschrieben hat ihn kein anderer als Willy Brandt, der 1933 über Dänemark nach Norwegen fliehen musste, wo er einige Jahre später die Okkupation des Landes erleben musste. Dieser liegt nun, neu aufgelegt, im gleichnamigen Nachfolgeverlag vor und bringt damit auch ein hier beinahe vergessenes Stück Zeitgeschichte wieder ans Tageslicht.

Die Zeitspanne, über die da der spätere Bundeskanzler berichtet, ist nicht gerade groß. Tatsächlich sind es nur wenige Wochen, in denen die Land diesen Teil Nordeuropas angegriffen und sich untertan gemacht haben. Der Konflikt, der nur ein paar Jahre danach sich zum Weltkrieg ausweiten sollte, steht da noch am Anfang. Polen ist bereits überfallen, auch Dänemark schon besetzt. Der Krieg gegen Westeuropa steht noch bevor. Und mittendrin Herbert Frahm, der unter den Decknamen Willy Brandt versucht, von seinem Exil aus den sozialdemokratischen Widerstand zu organisieren, unter anderen Artikel für entsprechend politische Zeitungen schrieb.

Er ist der Beobachter dieser Tage, in denen ein militärisch ungenügend organisiertes Land mit seinen geringen Mitteln mancherorts erstaunlichen Widerstand leistet, an vielen Orten schlicht und ergreifend jedoch schnell gezwungen wird, eben jenen aufzugeben und zu kapitulieren. Er beschreibt dabei beide Seiten, insbesondere die der Norweger im Fokus. In sehr kompakter und nüchterner Form nähert er sich den Ereignissen und hat diese Beschreibungen nach den einzelnen Landesteilen und Regionen gegliedert.

In der neuen Ausgaben ergänzen hinten angestellte Anmerkungen den Text, sowie eine Karte zur Verdeutlichung diesen Bericht, der sehr nüchtern daherkommt, fast analytisch. Nur hin und wieder blitzen die Emotionen durch. Es ist die Arbeit eines Journalisten, die wir da lesen, der verstehen und verdeutlichen möchte, wie die Verteidigung trotz ungünstiger Umstände organisiert wurde, wo dies nicht klappte und welche Fehler dabei die Norweger machten, aber auch, dass die Topografie des Landes oft genug auch nicht den Deutschen in die Hände spielte.

Den Bericht muss man lesen, in dem Wissen, dass dieser nach damaligen Kenntnisstand verfasst und auch veröffentlicht wurde. Fakten, wie den späteren Verlauf des Krieges in Europa etwa, kann er noch nicht berücksichtigen. Auch über das Leben später unter der Besatzung konnte Willy Brandt zu diesem Zeitpunkt nicht berichten. Seinem Exil in Norwegen, musste kurz darauf Schweden folgen. Der Autor hat sich stattdessen auf diese wenigen Tage vom 09. April bis zum 09. Juni 1940 konzentriert und somit ein kleines, aber doch wichtiges Zeitdokument geschaffen.

Neben trockenen Tonalität jedoch, die nicht jedermanns Sache ist, muss man jedoch dieser Ausgabe leider eine mangelnde Überarbeitung ankreiden. Schreibfehler, Vertauschungen, von denen ich mir nicht sicher bin, ob sie im Original des Textes vorkommen und von diesem ungeprüft übernommen wurden oder ob dies bei der Übertragung des Textes geschehen ist. Das fällt das eine oder andere Mal auf. Man stolpert regelrecht drüber. Ist das Willy Brandt anzulasten oder dem Verlag? So oder so schmälert es nicht die Wichtigkeit des Textes über diese Zeit, die sicher heute auch einen guten Teil des Selbstverständnisses Norwegens ausmacht.

„Krieg in Norwegen“ liest sich deshalb interessant, da über diesen Teil des Krieges zuweilen recht wenig berichtet wird. Bis heute. So ist der Bericht für zeitgeschichtlich Interessierte spannend zu lesen, auch für jene, die mal einen beinahe journalistischen Text von Willy Brandt lesen möchten. Den Ton heute populärer Sachbücher darf man jedoch nicht erwarten.

Autor:
Willy Brandt wurde 1913 in Lübeck als Herbert Ernst Karl Frahm geboren und war ein deutscher Politiker, sowie von 1969 bis 1974 der vierte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Mit seiner Außenpolitik richtete er die Ostpolitik des Landes neu aus. Vor seiner Zeit als Kanzler, war er als Regierender Bürgermeister West-Berlins tätig, sowie Außenminister und Vizekanzler unter Kiesinger. Nach seinem Ausscheiden aus der Bundespolitik engagierte er sich für Frieden, Völkerverständigung und Abrüstung. Brandt erhielt 1971 den Friedensnobelpreis und starb 1992.

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Hanne Orstavik: Liebe

Inhalt:
Zwischen dem kleinen Jon und seiner Mutter besteht eine tiefe Verbindung, aber über ihre Wünsche und Erwartungen sprechen sie nicht. Schweigen und Missverstehen lösen die Ereignisse in dieser feingesponnenen Geschichte aus. (Klappentext)

Rezension:
Ein Roman über das Nebeneinanderher, welches ohne das Miteinander nicht geht, ist diese feine Novelle der Schriftstellerin Hanne Orstavik, die ihre beiden Protagonisten und uns Lesende in die norwegische Provinz entführt. Dort, in einem kleinen Ort, hat Vibeke kürzlich eine Stellung als Kulturbeauftragte angetreten und mit ihren Sohn Jon ein kleines Haus bezogen. Innerhalb einer Nacht zeigt sich die innige Beziehung beider zueinander, die bestimmt ist, durch die Ferne, die durch all die zwischen beiden nicht ausgesprochenen Worte entstanden ist.

Mit diesem Gegensatz spielt die Autorin, deren Spezialität es ist, mit wenig Worten viel zu sagen und dabei ihren beiden Protagonisten nicht ganz unähnlich ist. Tatsächlich passen Schreib- und Erzählstil zu der Geschichte, in der man trotz des ungewöhnlichen Aufbaus leicht hineinfindet. Wörtliche Rede wird ebenso wenig vom restlichen Text abgegrenzt, wie auch die einzelnen Szenen, die aus der Sicht beider Protagonisten wechselnd erzählt werden. Alles scheint von Zeile zu Zeile miteinander zu verschwimmen. Mit diesen Stil muss man zurechtkommen, um die Erzählung annehmen zu können und all das Ungesagte zu erfassen.

Dabei scheinen die beiden Figuren auf ihre Art und Weise eine innige Beziehung zu pflegen, die nicht viele Worte benötigt und eher durch Gesten bestimmt ist. Wir lernen Vibeke und Jon so nach und nach kennen, die beide ihre Eigenheiten pflegen, anhand derer wir Ecken und Kanten erfahren, sie jedoch auch als Protagonisten dieser kompakten Erzählung kennenlernen. Vibeke, die Belesene, die sich in Wörtern wie die Beobachtungen von Menschen verlieren kann, ihren Sohn zwar liebt, aber immer eine gewisse Distanz zu ihm wart. Jon, der Achtjährige, der diese Art mit anderen umzugehen, bereits verinnerlicht und übernommen hat. Sein ständiges Blinzeln vielleicht nur Tick, vielleicht auch der winzige Vorbote dessen, was kommen wird.

Beide schweigen. Immer wieder vergisst er, dass man es sehen kann. Und dann wird er wieder daran erinnert, denkt er. Ständig wird man an etwas erinnert. Er würde sich wünschen, dass man es nicht sehen könnte, dass er seinen Makel unter der Kleidung verstecken könnte, oder in seinem Inneren.

Hanne Orstavik: Liebe

Kurze stackatohafte Sätze, dennoch kunstvolle Sprache, erzählen diese Geschichte und lassen die Stunden, in denen sich alles zuspitzt, zwischen den Fingern zerrinnen. Schnell nimmt das Erzähltempo Fahrt auf. Nur äußerlich bleibt alles ruhig. Das liegt auch daran, dass wir immer nur den Gedanken der beiden Figuren folgen, die keine wirklichen Gegenspieler haben, sondern selbst Handlungstreibende sind und zwei Begegnungen praktisch zu Kammerspielen innerhalb des Ortes werden, deren Parallelität fasziniert. Leidtragender ist der Jüngere. Die Szenen aus Vibekes Sicht verfolgt man dazu im Gegensatz zunehmend mit offenen Mund.

Ich überlasse ihn ein wenig sich selbst, denkt sie, zeige ihm damit, dass auch dafür Platz ist. In unserem Beisammensein gibt es genug Raum dafür, dass er neben mir auch Beziehungen zu anderen Menschen pflegen kann. Ich kann schließlich nicht alle seine Bedürfnisse erfüllen. Und er im Übrigen meine auch nicht. Indem ich ihn allein lasse, zeige ich ihm viel mehr über mich, als wenn ich bliebe.

Hanne Orstavik: Liebe

Mehr braucht es nicht, um einen in die Geschichte hineinzuziehen, die Figuren und Schauplätze vor dem inneren Auge entstehen lässt. Das geschieht immer mit den Fokus, den die Figuren auf das jeweilige Geschehen haben. Alles andere wird zwar wahrgenommen, bleibt aber verhältnismäßig blass, ist jedoch auch nicht weiter von Bedeutung. So konzentriert ist die Erzählung und doch hat man die gesamte Zeit über nicht das Gefühl, etwas zu verlieren. Vermissen tut man gleich gar nichts. Orstavik verzichtet auf haarsträubende Wendungen, arbeitet zielgerichtet auf das Finale hin, fordert jedoch von ihrer Leserschaft da dieses in Gedanken weiter zu spinnen.

Wer mit halboffenen Enden nicht zurechtkommt, die trauriges oder brutales zumindest möglich erscheinen lassen, sollte da vielleicht die Finger von diesem Roman lassen. Die Figuren meinen Wärme, leben jedoch Kühle, ein innerer Konflikt, den beide nicht benennen und bezeichnen können, hier aber als lautes Schweigen bezeichnet werden darf. Das so zu transportieren, ist großartig gelungen. Diese Art des Erzählens ist in der Form selten zu lesen, dass die Geschichte alleine der Form wegen im Gedächtnis bleiben muss und auch die beiden Figuren so leicht nicht vergessen werden können. Es bleibt jedoch die Tatsache, dass man damit entweder damit zurechtkommt oder nicht. Wie für die Protagonisten, gibt es auch hier kein Dazwischen.

Autorin:
Hanne Orstavik wurde 1969 in Tana geboren und ist eine norwegische Schriftstellerin. 1994 veröffentlichte sie ihren ersten Roman „hakk“, dem weitere folgten. Ihre Werke wurden mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Havmannpris, 2000, sowie im Jahr 2002 Dobloug-Preis. Im deutschen erscheinen ihre Werke mehrheitlich im Karl Rauch Verlag.

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Die Leipziger Buchmesse 2025 – Du kommst hier nicht rein …

Nachvollziehbar war die Entscheidung der Messe-Leitung am Vortag des ersten Messetages, die Anzahl der noch zu vergebenen Tickets zum Wohle aller zu begrenzen und die Bitte an die Besucher, doch, wenn möglich, auf die Wochentage auszuweichen. Vorab wurde ebenso positiv in den sozialen Medien wahrgenommen, dass es diesmal ein Arwareness-Team geben würde, zu welchem man hätte gehen können, sollte man sich während der Messe unsicher oder überfordert fühlen, Grenzüberschreitungen oder Belästigungen erleben. Eines war ja von vornherein klar: Die nächsten Tage würden sich Unzählige durch die Messehallen schieben. 296.000 Besucher sollten es am Ende insgesamt sein.

Nicht nur die erlebten jedoch, vor allem am ersten Messetag zu Beginn eine böse Überraschung. Vor der Glashalle, die in den Jahren zuvor als Eingang zu den restlichen Messehallen fungierte, staute sich alles. da diese selbst erst Punkt 10:00 Uhr ihre Tore öffnete, so dass sich davor auf dem gesamten Gelände riesige Warteschlangen bildeten, die sich teilweise vermischten. Wo die Schlange für Ticketinhaber und Ticketkäufer, zwei unterschiedliche, waren, war wohl nicht immer klar. Zudem standen Besuchende teilweise bis zu zwei Stunden vor der Glashalle an, um hineingelassen zu werden. Unverständlich, zudem es nach Corona ja auch funktioniert hatte, selbst mit Taschenkontrollen in den Jahren zuvor schneller ging.

Auch einige Aussteller und Autorinnen und Autoren waren wohl betroffen, so wie an den Ständen teilweise diskutiert wurde. Von beiden Seiten muss es Menschen gegeben haben, die so nicht rechtzeitig zu ihren Veranstaltungen konnten. Nach einem Aufschrei in den sozialen und klassischen Medien änderte die Messe ihr Einlasskonzept zwar für die folgenden Tage, was wohl auch leidlich gut funktioniert hat, aber zumindest das muss nächstes Jahr anders gedacht werden, zumal es, wie bereits erwähnt, ja in den Jahren zuvor funktioniert hatte. Es kann jedoch nicht sein, dass der Hauptorganisator des Gastlandes deshalb Probleme hat, seine Mitarbeitende auf das Messegelände zu bekommen, geschweige denn dass Veranstaltungen für zehn Uhr angesetzt sind, aber nicht stattfinden können, da das Publikum oder daran beteiligte Personen fehlen, was berechtigterweise an einigen Ständen zu etwas Frustration führte.

Auch über die Kommunikation innerhalb des Security-Teams sollte einmal gesprochen werden. Die Presse durfte am ersten Tag einige Minuten eher durch die Hallen gehen, stieß jedoch an den darauf folgenden an ihre Grenzen, da die veränderten Regelungen nicht gerade großflächig, das heißt, direkt im Pressezentrum bekannt gegeben wurden, was zumindest bei mir zu weiteren Unmut geführt hatte, der ich jetzt nicht ständig auf den sozialen Medien unterwegs bin. Ein ausliegendes Informationsblatt auf den Tischen im Pressezentrum oder beim Einlass hätte vollkommen gereicht.

Nichts destotrotz war es eine sonst sehr gelungene Messe mit vielen interessanten Veranstaltungen, Begegnungen und Gesprächen. Über diese vielen positiven Eindrücke werde ich in den nächsten Tagen ausführlich schreiben. Alles Negative sei damit abgehakt.

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Die Leipziger Buchmesse 2025 – Eine Vorschau

Nur noch wenige Tage und es ist wieder so weit: Der wichtigste Frühjahrstreff der Buch- und Medienbranche öffnet seine Pforten auf der Leipziger Messe. Vom 27. bis zum 30. März findet die Leipziger Buchmesse statt, die zusammen mit der Manga-Comic Con und den Veranstaltungen im Rahmen des Programms „Leipzig liest“ im letzten Jahr über 280.000 Besucher begeistern konnte. Damals präsentierte sich eine ganze Gastland-Region, die Niederlande und Flandern, unter dem Motto „Alles außer flach“. In diesem Jahr dürfen wir literarisch in den hohen Norden reisen. „Worte bewegen Welten“ ist der Leitspruch des Gastlandes 2025, Norwegen.

Auch ich werde wieder Messe-Luft atmen dürfen und freue mich schon darauf, euch hinterher darüber berichten zu können. In den letzten Jahren waren dabei nicht nur die Lesungen, Interviews und Podiums-Diskussionen, denen man lauschen durfte, Highlights, sondern immer wieder auch Zufallsbegegnungen, Gespräche zwischen den Ständen. Ob nun mit Lesenden des Blogs, anderen Bloggenden oder an den Verlagsständen und auf Veranstaltungen. Prinzipiell jagd ohnehin auf der Messe ein Highlight das nächste.

Zahlreiche Veranstaltungen habe ich mir notiert, wie etwa bereits am Donnerstag die Eröffnung des Gastlandstandes Norwegen mit Kronprinzessin Mette-Marit oder „Reisefieber“ mit Julia Finkernagel am Stand von MDR Kultur. Wenn ihr auch die Messe besuchen wollt, hier findet ihr das Programm und die App, in der sich Lesungen, Signierstunden und anderes finden lässt, sortiert nach Ort und Datum. Wie ihr zur Messe gelangt, erfahrt ihr hier und den Messeplan könnt ihr hier finden.

Neben den üblichen Verdächtigen, wie Sebastian Fitzek, dessen Signierstunden wie in jedem Jahr auch diesmal sicherlich den Rahmen sprengen werden, empfehle ich euch einen Gang zu den Ständen des Netzwerks „Schöne Bücher„, der unabhängigen Verlage. Dort bekommt ihr nicht nur Lektüre abseits des Mainstreams sondern auch ein Goodie, wenn ihr euch an einer Sticker-Sammelaktion beteiligt. Wie das aussieht, könnt ihr hier nachlesen. Aber auch wer nicht sammelt, dem seien ein Blick auf diese und andere Verlagsstände natürlich empfohlen, von denen wir alle wohl unsere ganz eigenen Favoriten haben. Ob diese nun unter den klassischen Romanen, Mangas, Comics oder Graphic Novels oder Hörbüchern zu finden sind, die dieses Jahr nochmals besonders auf der Messe präsentiert werden oder gar zwischen den Regalen der Antiquariatsmesse und im Bereich Druck-Kunst.

Quelle: Privataufnahme (so viele Menschen)

Manch einer muss jedoch vielleicht den finanziellen Ruin mit einkalkulieren. Im Gegensatz zur Frankfurter Buchmesse, die ohnehin nur an zwei Tagen für die normalen Besucher geöffnet ist, dürft ihr schon ab Donnerstag auf die Leipziger Buchmesse und überall dort auch Bücher kaufen, nicht nur in der Messe-Buchhandlung selbst.

Treffen wir uns also zwischen den Gängen, an den Verlagsständen und stöbern uns gemeinsam durch die Verlagsprogramme. Ich wünsche uns allen viel Spaß in den kommenden Tagen. Und allen, die zu Hause bleiben, viel Spaß dann beim Stöbern in den Blogs, Literaturforum, auf Youtube und den zahlreichen Social Media Kanälen, auf denen hoffentlich ein wenig Messe-Feeling zu euch auf’s heimische Sofa transportiert werden wird. Und sicher das eine oder andere Buch euch auf die Wunschliste wandern lässt.

Euer findo.

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Vigdis Hjorth: Die Wahrheiten meiner Mutter

Inhalt:

Johanna ist keine gute Tochter. Um sich zu retten, hat sie die Familie verlassen. Jetzt, dreißig Jahre später, ist sie wieder zu Hause. Sie sucht Nähe, sie will den Kontakt zur Mutter erzwingen, doch die verweigert sich kühl jeder Annäherung. Heimgesucht von den Erinnerungen an die Kindheit zieht Johanna sich in eine einsame Hütte am Fjord zurück, wo es an ihr ist, die Verhältnisse zu ordnen und sich aus den familiären Zwängen zu befreien.

Vigdis Hjorth erzählt drastisch von unseren zerrütteten Beziehungen, von Sehnsucht und Enttäuschung und davon, wie man der Vergangenheit begegnet, ohne sich selbst aufzugeben. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:

Familiäre Gräben sind tief und breit, kaum zu überbücken. Johanna selbst steht vor einem solchen, als sie in das Land, die Stadt, zurückkehrt, in der sie aufwuchs. Längst ist aus der jungen Frau, die ihrer Heimat einst aufwuchs, eine erfolgreiche Künstlerin geworden. Der Auftakt dazu jedoch war scheinbar der größte Stein, der den Bruch mit den unnahbaren Eltern vor Jahrzehnten mehr als offensichtlich machte. Doch, lassen sich Wunden heilen? Der Mutter, der fremd gewordenen Schwester, die eigenen? Johanna möchte dies versuchen, möchte verstehen und tritt dabei eine innere Lawine los, die sie bald nicht mehr aufzuhalten vermag.

Der neue Roman „Die Wahrheiten meiner Mutter“, der norwegischen Autorin Vigdis Hjorth, beschreibt den Versuch einer Annäherung, von der man bereits zu Beginn ahnt, wie sie ausgehen wird. Der beschrieben Weg ist das Ziel, welches in mit der Seitenzahl zunehmenden Erzähltempo erreicht wird. Zugleich schauen wir ins Innere der Protagonistin, deren Psychogram nach und nach Konturen bekommt, die die Figur zunächst verständig und sympathisch wirken lässt, jedoch auch das Gegenteil von der Inhaltsangabe suggerierenden Wirkung erzielen kann. Nicht nur Wahrheiten verschieben sich langsam, später immer schneller.

Im inneren Monolog sucht die Protagonistin nach Antworten, erkennt die Unüberwindbarkeit der familiären Zerrüttung nicht und greift, um zu verstehen, zu immer drastischeren Maßnahmen. Da wird observiert, verfolgt, sich in eine ausweglose Situation hinein manövriert, die Schuldfrage nur einseitig beleuchtet. Die Protagonistin wird, das ist gleich zu Beginn klar, den Wandel nicht schaffen, nicht erkennen auch, wann man aufhören sollte zu suchen.

Sehr gewöhnungsbedürftig ist dies zu lesen, zu weilen wirken einzelne Kapitel wie eisige Wasserstrahlen. Unangenehm, fast abstoßend. Kurze, kompakt geschriebene Kapitel entfalten dennoch einen Sog, den man sich nicht entziehen mag, zudem wenn das Erzähltempo selbst anzieht. Darin zu versinken ist dennoch nur in der richtigen Stimmung zu empfehlen.

Die Handlung wird konsequent auf einen Zeitraum von wenigen Wochen beschränkt, auch das kleingehaltene Figurenensemble tragen zur Dramatik bei, wenn auch bis auf die Hauptprotagonistin selbst alle anderen vergleichsweise blass gezeichnet werden.Trotzdem bilden sich schnell Gegenpole, die man zumindest lesend nachvollziehen, wenn auch nicht unbedingt gutheißen, kann, was jedoch nichts daran ändert, dass sich das anfangs geschaffene Bild der Hauptprotagonistin schnell ändert. Womit wir beim Interpretieren wären, was man ja bei Kunstwerken gerne mal macht, oberflächlicher Kulminationspunkt des beschriebenen Familienzwists. 

Im Gesamtpaket ist dies verständlich und in sich schlüssig. Grrößere Stolpersteine gibt es nicht, alleine die Art des Umgangs der Figuren miteinander ist für jemanden, der zwar in einer chaotischen und auch durchaus mal streitenden Familie lebt, nicht immer nachvollziehbar. Überraschende Wendungen sind dünn gesät, dann jedoch sehr gezielt wirken, wie auch die Rückblenden sehr wirkungsvoll gesetzt sind. Die Form kompakter Kapitel bringt zudem die Beschrnkung auf wenige Details mit sich, gerade so, dass ein inneres Bild entsteht. Auch und gerade vom Straßenzug einer skandinavischen Stadt oder der in der dortigen Natur befindlichen Waldhütte. Vigdis Hjorth zeigt hier die Stärke innere Zerissenheit, ebenso einnehmende Szenenbilder zu zeichnen.

„Die Wahrheiten meiner Mutter“ ist ein sehr interessanter Roman über dysfunktionale Familienverhältnisse, zu großen Teilen schwere Kost, da es die Autorin nicht in allen Facetten uns Lesende leicht macht, die Hauptprotagonistin zu mögen. Immer wieder gibt es da Momente zum Überlegen, ob man da jetzt wirklich noch weiterlesen möchte. Ein interessantes Rezept, was jedoch in jedem Fall in Erinnerung bleiben wird. Ob im Guten oder Schlechten liegt daran, wie man sich zur Hauptfigur positioniert.

Ohne skandinavischen Mehltau, die Prise Melancholie ist hier erträglich, hat Vigdis Hjorth einen sehr ambivalenten Roman geschaffen, bei dem, alle Faktoren zusammen genommen, das Fazit schwerfällt. Rein sprachlich und handwerklich ein guter Text, damit auch mal Lob an die Übersetzerin Gabriele Haefs. Von der Handlung der Protagonistin her, so manches Mal zum Haare raufen.

Autorin:

Vigdis Hjorth wurde 1959 in Oslo geboren und ist eine norwegische Schriftstellerin. Sie studierte Ideengeschichte, Politikwissenschaften und Literatur und veröffentlichte zunächst ein Kinderbuch, lebte in Kopenhagen, Bergen, Schweiz und Frankreich. Es folgten weitere Romane, die mehrfach ausgezeichnet, übersetzt und verfilmt wurden. Sie war für den National Book Award sowie den Literaturpreis des Nordischen Ratzes nominiert.

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Neil Price: Die wahre Geschichte der Wikinger

Inhalt:

Waren die Wikinger wirklich die brandschatzenden Seefahrer und gewaltsamen Eroberer aus den Legenden? Der weltweit renommierte Experte Neil Price schreibt gegen die gängigen Vorurteile an und macht sich auf die Suche nach den echten Menschen hinter dem Mythos. Basierend auf neuesten archäologischen Funden, zahllosen Textquellen und nicht zuletzt der nordischen Mythologie selbst zeigt er uns die Wikinger erstmals so, wie sie selbst sich sahen.

Fundiert und überraschend lebendig schildert er ihr Alltagsleben und ihre reiche Kultur: Wie übten sie ihrer Religion aus, wie gestalteten sie Politik? Welche Rolle hatte die Frau, und wie zentral war Gewalt? Von Eirik I., genannt Blutaxt, der sich den norwegischen Thron erkämpfte, bis zur isländischen Entdeckerin Gudrid, die bis nach Amerika reiste, ist dies die definitive Geschichte der Wikinger und ihrer Zeit, opulent ausgestattet und prächtig bebildert. (Klappentext)

Rezension:

„Zuletzt geben die Götter ihnen Namen, ihre Substanz verwandelt sich in Klang. Der Mann ist Akr, die Esche. Die Frau ist Embla, die Ulme. […] Von diesem Paar stammt die gesamte Menschheit ab, durch die Jahrtausende bis in unsere Zeit.“

Neil Price: Die wahre Geschichte der Wikinger

So endet eine von vielen der Nachwelt überlieferten Sagas und doch bildet sie nur eine Perspektive von außen, auf ein Volk, welches in nur drei Jahrhunderten die skandinavische Welt für immer veränderterte und nicht zuletzt sich dadurch selbst. Doch von einem Volk oder einer Volksgruppe zu sprechen, ist zu vereinfachend.

Die Welt der Wikinger war vielschichtig komplex. Ihre Umgebung und die Menschen, mit denen sie in Berührung kamen, beeinflussten sie nachhaltig, so sehr, dass das Bild von ihnen vornehmlich durch diejenigen entstand, die ihren Einfluss ausgesetzt waren. Positiv und negativ. Wie aber sahen sich die Wikinger selbst? Der englische Historiker und Archäologe Neil Price zeichnet das Bild neu und erzählt ihre Geschichte nun aus der Innenperspektive.

Umrahmt von Kartenmaterial beginnt die Suche nach dem wahren Kern der Wikinger, die es so, wie uns Filme und Serien, Vorstellungen in den Köpfen der Menschen, weißmachen wollen, gar nicht gegeben hat. Tatsächlich war die damalige Welt viel komplexer und die Wikinger auch nicht ein einzelner Stamm, dessen Weg es zu verfolgen gilt.

„Wenn sie sich im Rahmen ihrer Raubzüge nach neuen Siedlungsmöglichkeiten umschauten, waren die Wikingergruppen nie ein zusammenhängendes Ganzes, und ihr Auszug aus Skandinavien war nicht koordiniert.“

Neil Price: Die wahre Geschichte der Wikinger

In seinem nun auf Deutsch vorliegenden Sachbuch führt folgerichtig die Spurensuche von den Gebieten des heutigen Skandinaviens bishin in die äußeren Winkel der damaligen Diaspora von Händlern und Kriegern, ihren Familien, Opfern, aber auch jenen, die von ihnen profitierten und sich letztendlich unabhängig von ihnen machen sollten. Gestützt auf archäologischen Funden, der Rekonstruktion von Gehöften, Seewegen oder etwa dem klischeehaften Langschiff, welches tatsächlich mal so existierte, der Entzifferung von Runentexten von Island bis hinein in das Gebiet der heutigen Ukraine entfaltet sich ein Bild, welches phantastischer ist, als all die Legenden, die es gibt.

„Zumindest die Helme aus Metall galten als so wertvoll, dass sie fast niemals ihre Besitzer mit ins Grab begleiteten. Und selbstverständlich hatte keiner ihrer Helme Hörner.“

Neil Price: Die wahre Geschichte der Wikinger

Der Autor beschreibt sehr detailliert den Weg, den die Wikinger nahmen, durch die Zeit, die sie prägten und durch die sie geprägt wurden, vom Leben in kleinen Gehöften in loser Gemeinschaft, über die Zeit der Seekönige bishin zur Herausbildung des Kerns der skandinavischen Nationen, wie wir sie heute kennen. Nicht immer einfach ist dies zu lesen. Neil Price wechselt ständig zwischen Sagas, der Schilderung archäologischer Stätten hin und her, zeigt auf, wo die damals konkurrierende christliche Religion ihre eigene Sichtweise den Geschehnissen überstülpt und damit den Blick verzehrt, und wo schlicht und einfach noch historische Lücken durch die Wissenschaft zu vervollständigen sind.

Der Text, der durch einen relativ schmalen Farbfototeil kaum aufgelockert wird, ist nur konzentriert zu lesen. Nebenbeilektüre ist es nicht. Für historisch Interessierte gibt es jedoch kaum vergleichbare Lektüre, in die sich ein Blick hineinzuwerfen lohnt. Die Beschreibung der Vielschichtigkeit der damaligen Welt spürt anhand zahlloser Textquellen dabei Politik, Wirtzschaft, Leben, Familie, Religion und Bräuchen nach, nicht zuletzt damaliger Geschlechterrollen, die ebenfalls Auswirkungen auf die Expansion der Wikinger hatten.

„Jenseits aller Stereotypen war die Wikingerzeit (und nicht nur in Skandinavien“ eine Zeit entsetzlicher Gewalt und ebenso schrecklicher Strukturen institutionalisierter, patriarchalischer Unterdrückung. Männer und Frauen, dazu Menschen, die über ein bemerkenswert breites Spektrum unterschiedlichster Geschlechtsidentitäten verfügten, lebten in und durch diese Netzwerke […].“

Neil Price: Die wahre Geschichte der Wikinger

Sehr kleinteilig erklärt Neil Price Zusammenhänge und versucht dabei den großen Umriss zu wahren, der zudem einlädt, an seinen Rändern nach weiterer Lektüre zu greifen, wobei es kaum mehr detailreicher geht. Was Simon Sebag-Montefoire im Zusammenhang mit der Geschichte der Romanows gelungen ist oder Alberto Angelo mit den Ereignissen um den Vulkanausbruch bei Pompeji, hat der Historiker hier, vielleicht auch im Gedenken für die Wikinger geschaffen. Die Lektüre, mit all ihren Fascetten, Schwächen und Stärken jedenfalls, muss man sich genau so wie bei den Zuvorgenannten vorstellen. Wer mit dieser Fülle an Informationen sich überfordert fühlt, wird hier nicht glücklich werden.

Allen anderen Lesenden bietet sich hier anschaulich zusammengestelltes Hintergrundwissen, welches ein vergangenes Zeitalter lebendig werden lässt. Danach jedenfalls wird man die Wikinger mit anderen Augen betrachten.

Autor:
Neil Price wurde 1965 geboren und ist ein englischer Archäologe und Historiker. Er studierte zunächst in London Archäologie und promovierte an der Universität Uppsala/Schweden im Jahr 2002. Zwischendurch unternahm er feldforschungen in Groß-Britannien, Deutschland und Malta (u. a.) und veröffentlichte eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten. Seit 2014 ist er Professor für Archäologie und Frühgeschichte in Uppsala und gilt als einer der führenden Experten für Wikinger weltweit.

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Torbjorn Ekelund: Mein Sohn und der Berg

Inhalt:

August ist sieben Jahre alt, als sein Vater Torbjorn Ekelund ihn auf eine erste große Tour in die Natur mitnimmt. Mit Rucksack und Zelt wandern sie durch magische Kiefernwälder und über felsige Pfade. Ihr Ziel: ein Berggipfel südwestlich von Oslo.

Dabei folgen sie den Spuren eines kleinen Jungen, der 122 Jahre zuvor auf der Route verschwunden ist. Ekelund sucht nach einer Erklärung, was damals passiert sein könnte und beobachtet fasziniert, wie spielerisch sein Sohn sich durch die Landschaft bewegt. Ein zärtlicher Text über unsere Verbundenheit mit den Elementen und die Beziehung zwischen Vater und Sohn. (Klappentext)

Rezension:

In der Nähe von Norwegens Hauptstadt Oslo liegt die kleine, aber doch zerklüftete und immer wieder Überraschungen bereithaltende Gebirgslandschaft des Skrim. Es ist nicht die größte unter den skandinavischen Naturlandschaften, doch betritt man sie, ist man in mitten einer der letzten ursprünglichen Gegenden Nordeuropas. Vor mehr als hundert Jahren spielte sich dort eine der schlimmsten Katastrophen ab, denen Eltern ausgesetzt sein können. Der norwegische Journalist Torbjorn Ekelund begab sich nun auf Spurensuche.

Es ist der Bericht einer faszinierenden Wanderung, die Beschreibung einer Vater-Sohn-Erfahrung und ein Stück nahezu unbekannter Geschichte, die uns hier erzählt wird. Einfühlsam nimmt der Autor seine Leserschaft mit auf eine Reise, die doch nur ein paar Tage andauert, doch deren Strapazen man beim Lesen förmlich selbst in den Knochen spüren wird.

Torbjorn Ekelund lässt sowohl die zuweilen unbarmherzige Natur des Skrim vor den Augen entstehen, nimmt uns zugleich jedoch mit, wenn er die Geschichte des kleinen Hans Torske erzählt, dabei selbst immer auf seinem Sohn ein wachsames Auge hat, der ihn auf die Reise begleitet und die Welt durch Kinderaugen erleben lässt. Für diesen ist es ein Abenteuer zwischen Vater und Sohn, mitten in der Natur. Jeder Stein wird umgedreht, jeder Stock inspiziert. Für den Vater geht es auch um die Erfahrung? Was geschah mit dem Jungen, in dem Alter seines Sohnes? Warum verirrte er sich? Was macht die Natur mit den Menschen?

Es ist ein liebevoller Bericht ohne mahnende Zeigefinger, wenn es um die Schönheit des Naturerlebnisses oder das Aufwachsen von Kindern in heutiger Zeit geht, gleichzeitig natürlich ein Gedenken an ein Stück Geschichte, welche sonst auch innerhalb der Region vor den Toren Oslos verloren ginge. Diese kleinen Erfahrungs-, Reisebericht wird man gerne lesen, nicht unbedingt erforderlich zwar, aber es schadet zumindest nicht. Nur ein Wermutstropfen bleibt. Eine Karte der Wanderung oder zumindest der Landschaft hätte gut als Ergänzung gewirkt.

Autor:

Torbjorn Ekelund wurde 1971 geboren und ist ein norwegischer Journalist und Autor. Er schreibt u. a. für die norwegische Zeitung Dagbladet und ist Mitherausgeber eines kleinen unabhängigen Buchverlags. Er begründete ein Onlinemagazin mit und veröffentlichte mehrere Bücher, die bereits in mehreren Sprachen erschienen sind.

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Erik Fosnes Hansen: Ein Hummerleben

Ein Hummerleben Book Cover
Ein Hummerleben Erik Fosnes Hansen Kiepenheuer & Witsch Hardcover Seiten: 384 ISBN: 978-3-462-05007-3

Inhalt:
Ein grandios erzählter Roman, der vor wunderschöner Kulisse den Niedergang eines einstmals mondänen Hotels in den norwegischen Bergen beschreibt, und eine Geschichte über Lügen, Geheimnisse, falsche Erwartungen und großelterliche Liebe. (Klappentext)

Rezension:
Mehr gibt der Klappentext nicht her und man braucht im Grunde auch nicht mehr zu wissen, doch zum Zwecke der Rezension, einige Ausführungen ohne zu spoilern. Ein neues Jahrzehnt bricht an, welches viele Veränderungen mit sich bringen wird, die auch vor der tiefen norwegischen Provinz nicht Halt machen.

Dies macht sich besonders im verhalten der Touristen bemerkbar, die nicht mehr länger im eigenen Land, sondern lieber weiter weg ihre Ferien verbringen möchten und so herrscht im Ort Favnesheim, in den norwegischen Bergen, gähnende Leere im ortsansässigen Hotel, welches Sedds Großeltern in nachfolgender Generation betreiben. Zunächst den Schein wahrend, beginnt mit dem Ausbleiben der Gäste der schleichende Niedergang.

Zunächst noch unbemerkt von Sedd, den geliebten Enkel, der schon früh gelernt hat, mitzuhelfen, dreht sich die Abwärtsspirale spätestens seit einem unglücklichen Abendessen, bei dem der ortsansässige Bankdirektor stirbt, immer schneller. Doch, der Schein muss sein. Was nicht ausgesprochen wird, passiert auch nicht. Wie lange geht das gut? Sätze, wie folgende, nehmen dies vorweg.

Das Schaben von Hummerscheren verfolgte mich die ganze Nacht.

Erik Fosnes Hansen „Ein Hummerleben“

Dies ist die Ausgangslange eines familiären Romans, mit dem Fosnes Hansen nichts weniger gelungen ist als eine Antwort auf die hierzulande hinlänglich bekannten Buddenbrooks zu geben. Den schleichenden Verfall in so einfühlsamen Worten zu packen und mit so liebenswerten Protagonisten zu besetzen, gelingt dem Autoren über den gesamten Spannungsbogen des Buches hinweg.

Die Handlung wird aus der Perspektive des potenziellen Hotelerben und Enkels beschrieben, der alle Sympathie ob seiner Blauäugigkeit, Starrköpfigkeit, seines Witzes und seiner Intelligenz, auch Naivität bekommen kann, aber auch so sich seine ganz eigenen Gedanken macht. Er ist der genaue Beobachter, der den beginnenden Untergang zunächst nur ahnt.

Auch die anderen Protagonisten sind allesamt nicht unsympathisch, wenn auch der Einstieg in den Roman durch deren Art und Weise teilweise etwas schwierig ist. Man braucht als Leser ein wenig, um in die Handlung hinein zu finden, was Schreib- und Erzählstil von Fosnes Hansen geschuldet ist, bekommt jedoch dann eine wunderbare Erzählung, in der norwegische Natur und Familientradition auf die Unerbittlichkeit des wirtschaftlichen Überlebens treffen.

„Und ebenso“, führ ich fort, „muss es sich auch mit Argentinien und den Engländern verhalten. Entweder kamen die zuletzt Genannten zuerst und die zuerst Genannten zuletzt, oder die zuerst Genannten kamen zuerst und die uletzt Genannten zuletzt, falls nicht noch eine dritte Partei im Spiel sein sollte, die…“

Erik Fosnes Hansen „Ein Hummerleben“

Solche sprachlichen Feinheiten, durchsetzt immer wieder mit einer Prise Nachdenklichkeit und manchmal auch unerbittlichen Humor durchziehen das gesamte Schriftstück und machen den Roman zu einem wahren Lesegenuss. Heruntergebrochen passiert dabei nicht mehr als im Klappentext ersichtlich, dies ist jedoch vollkommen ausreichend, wenn man auch von der einen oder anderen Länge absieht, die eine solche Geschichte mit sich bringt.

Manche Ausführungen des Hauptprotagonisten wirken zu lang, zu ausschweifend, doch Fosnes Hansen fängt sich hier immer wieder, so dass es trotzdem eine insgesamt runde Sache bleibt. Ob der Roman endet, wie das große Vergleichsstück von Thomas Mann, muss der Leser selbst herausfinden. Mit einer Prise norwegischer Gelassenheit ist dies jedoch möglich. Humor sollte jedoch nicht fehlen.

Auf unseren Friedhof stehen die Gräber dicht,
doch ist da noch Platz für eine ganze Herde.
Willkommen sei uns jede Seele, bei der erlischt das Licht.
Je mehr, desto besser, wir bringen euch unter die Erde.

Erik Fosnes Hansen „Ein Hummerleben“

Ist das nicht toll?

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Marcus & Martinus Gunnarsen: Unsere Geschichte

Unsere Geschichte Book Cover
Unsere Geschichte Marcus/Martinus Gunnarsen (u.a.) Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag Erschienen am: 01.11.2018 Seiten: 208 ISBN: 978-3-86265-750-6

Inhalt:

Hei, wir sind Marcus und Martinus Gunnarsen. Wir kommen aus Trofors, Norwegen, und haben eine Mama, einen Papa und zwei Schwestern. Wir gehen zur Schule, spielen Fußball, hören gern Musik, hängen mit Freunden ab und müssen iin der Woche um zehn im Bett sein. Wir sind zwei ganz gewöhnliche Jungs. Aber es gibt bei uns auch einige Dinge, die nicht ganz normal sind. Hier ist unsere bisherige Geschichte. (Klappentext)

Rezension:

In der Jugendecke finden sich in den Buchhandlungen immer öfter Bücher von Youtubern und Möchtegern-Stars, denen ihre Zielgruppe nacheifert und jede Bewegung auf den verschiedenen Social Media Kanälen verfolgt. Gemeinsam steht und fällt man, feiert Erfolge und baut eine Karriere auf, die manchmal aus nur wenig mehr als gutem Aussehen und einem richtigen Riecher für den Erfolg besteht, worin der auch immer liegen mag. Etwas anders gelagert ist die Geschichte dieses Buches.

Natürlich ist klar, dass hier die Hilfe eines Ghostwriters in Anspruch genommen wurde, deren Name man auch mit ein wenig Suche herausbekommt, doch erzählt wird hier die Geschichte zweier Teenager, die als Zwillingsbrüder einmal bei der skandinavischen Variante des Junior Eurovision Song Contests teilnahmen, den Mega Grand Prix jr., und diesen gewannen.

Dank Unterstützung der Eltern, einer gewaltigen Portion Glück und den Kontakten zu den richtigen Leuten stürmten sie bald darauf die norwegischen Charts, erreichten Gold und Platin, füllten mehrmals das Oslo Spektrum (ausverkauft) und eroberten nicht nur ihre Heimat, sondern bald darauf den rest Skandinaviens. Derzeit werden Länder, wie Deutschland und Frankreich, ins Auge gefasst. Zu dieser Strategie passt wunderbar das Buch.

Wir begleiten die Jungs hier auf ihren Weg zur Musik und durch die Stationen ihres bisherigen Weges. Der ist reich bebildert, gefühlt relativ wenig Text, aber das macht nichts. Die Fans freut es sicher. Aus Sicht der Zwillinge, die einfach nur ihren traum verfolgen, dabei unbändiges Glück haben, diesen auch verwirklichen zu können, staunen sie über Meilensteine, reflektieren jedoch auch, wie sehr sich ihr Leben inzwischen von dem ihrer Altersgenossen unterscheidet und wem sie das alles zu verdanken haben. Vor- und Nachteile, nicht vergessen.

Und mehr kann man oder braucht man auch nicht darüber zu sagen. Für Fans ist es ein Nice-to-have neben der Musik und den Konzertauftritten, von denen es inzwischen auch welche in Deutschland gab. Man macht’s einfach den Beispielen aus Amerika nach, ich werde hier Justin Bieber nicht erwähnen (ups), in manchen Teilen sogar noch besser. Bisher hat das funktioniert und so funktioniert auch dieses Buch. Wer nicht Fan ist, wird dieses ohnehin nicht lesen.

Verlinkungen:

Gewinnersong 2012 MGPjr „To draper vann“ (Zwei Wassertropfen)

Hei„, Song des allerersten Albums.

Girls„, erster englischsprachiger Song.

Auftritt bei der Nobelpreisverleihung, 2016

Autoren:

Mit Ghostwriter-Hilfe Marcus und Martinus Gunnarsen, die 2002 geboren wurden und zu den Youngstars der skandinavischen Musikszene gehören. Nach der Teilnahme am Mega Grand Prix Junior, den sie 2012 gewannen, schafften sie den Sprung zu Teenie-Stars, stürmten mehrfach die norwegischen, schwedischen und dänischen Charts. Ihre Platten räumten Gold und Silberstatus ab, bekamen Platin.

Sie wurden mit den Spellemann-Preis nominiert, den wichtigsten Preis der norwegischen Musikszene. Inzwischen gehören sie zu den etablierten Künstlern Norwegens, durften bei einer Verleihung des Friedensnobelpreises auftreten und planen als nächstes, in Europa Fuß zu fassen. In Norwegen erschien neben den Buch bereits ein Kinofilm, eine Miniserie. Regelmäßig sind sie zudem Gäste in skandinavischen Fernsehshows und auch als Synchronsprecher waren sie bereits unterwegs.

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Asne Seierstad: Einer von Uns

Einer von Uns Book Cover
Einer von Uns Asne Seierstad Kein & Aber Verlag Erschienen am: 28.04.2016 Seiten: 544 ISBN: 978-3-0369-5740-1

Inhalt:

Wie konnte sich anders Breivik, der im wohlhabenden Westen aufwuchs, zu einem perfiden Terroristen entwickeln? Asne Seierstads ausgezeichnetes Buch ist gleichzeitig psychologische Studie und literarisches True Crime, gleichzeitig Würdigung der opfer und eine messerscharfe Analyse einer Tat, die sich jederzeit und überall wiederholen könnte. (Klappentext)

Rezension:

Wenn es einen europäischen 11. September gibt, so ist es wohl der 22. Juli für Norwegen, der die Gesellschaft des skandinavischen Landes in ihren Grundfesten erschütterte. Die Bevölkerung, sonst für Offenheit und Toleranz bekannt, befand sich in einer Art Schockstarre, als die Bilder eines zerstörten Osloer Regierungsgebäudes über die Fernsehschirme flimmerten, noch mehr, als die Nachrichten Schüsse auf der nicht weit entfernten Insel Utoya vermeldeten.

Die Opfer waren großteils Jugendliche. Insgesamt 77 Menschen starben. Unzählige wurden schwer verletzt und tragen an den Spätfolgen noch heute.

Die Journalistin und Autorin war in ihrer Funktion als Reporterin für eine Zeitung bei den Gerichtsprozess um den Attentäter Breivik anwesend und recherchierte weiter, als dieser längst verurteilt war. Seierstad wälzte Gerichtsakten und psycholigsiche Gutachten, sprach mit Weggefährten und ehemaligen Bekannt- und Freundschaften Breiviks, mit dessen Mutter und studierte die Schriften des Mannes, der die größte Tragödie der jüngeren norwegischen Geschichte ausgelöst hatte.

Sie wollte das Unverständliche zumindest nachvollziehen können und herausfinden, wie in einem wohlsituierten Land jemand zur Bestie werden konnte.

Eingängig geschrieben und in klare Abschnitte geteilt, liest sich das Werk, dessen Untertitel im Deutschen fälschlicherweise an eine Biografie denken lässt, als wäre man bei den Ereignissen dabei. Das ist dann vielleicht auch der drängenste Kritikpunkt. Ob man sich beim Lesen eines solchen Berichtes wie im Film fühlen soll, wage ich zu bezweifeln.

Das ist grenzwertig und diskussionswürdig. Genau so, wie der Untertitel, der im Original sich eben nicht nur auf den Täter selbst bezieht, sondern ausdrücklich die eigentliche Tat zum Thema nimmt. Damit funktioniert das Werk auch.

Die Autorin stellt dem Bösen gegenüber, die Biografien seiner Opfer und zeigt damit zugleich das Grundverständnis skandinavischer Gesellschaften auf, welches die Norweger auch nach den Attentat versucht haben, hochzuhalten. Ein Pluspunkt, vergisst Seierstad doch hier gerade nicht, dass die Leidtragenden zu oft außerhalb des Fokus‘ geraten.

Mit einem Vor- und Nachwort rahmt sie ihre Recherchen ein, erklärt ihre Arbeits- und Herangehensweise, was die Verarbeitung widerum erklärt. Asne Seierstad wollte mit ihrem Werk „Rechtsextremismus entblößen, um ihn zu bekämpfen.“ Für ihren Ansatz bekam sie dafür den Preis der Leipziger Buchmesse 2018 zur Europäischen Verständigung.

Autorin:

Asne Seierstad wurde 1970 in Oslo geboren und ist eine norwegische Schriftstellerin und Jornalistin. Sie studierte zunächst Russisch, Spanisch und Ideengeschichte, bevor sie für die Zeitung Arbeiderbladet tätig wurde. Von 1993-96 berichtete sie als Auslandskorrespondentin aus Russland, 1997 aus China.

Von 1998 an arbeitere sie als Kriegsreporterin in verschiedenen Konfliktregionen, darunter Serbien, Afghanistan und Tschetschenien. Ihre Berichte wurden im norwegischen und schwedischen Fernsehen gesendet. Ihre Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Für „Einer von uns – Die Geschichte einesMassenmörders“ erhielt sie 2018 den Preis der Leipziger Buchmesse zur Europäischen Verständigung.

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