Jugendbuch

Michael Gruenbaum: Wir sind die Adler

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Wir sind die Adler Michael Gruenbaum/Todd Hasak-Lowy Rowohlt Kindler Erschienen am: 22.04.2017 Seiten: 346 ISBN: 978-3-463-40679-4 Übersetzer: Jan Möller

Inhalt:

Michael -Mischa- erlebt eine behütete Kindheit in Prag. Er spielt gern Fußball, der Vater ist ein erfolgreicher Anwalt. Doch als Mischa gerade acht Jahre alt ist, marschieren die Deutschen ein. Die Repressionen nehmen zu, bis zur Gründung des Prager Ghettos, in dem Mischa mit seiner Familie landet.

Aber das ist nicht die Endstation: 1942 wird er mit Mutter und Schwester ins Konzentrationslager Theresienstadt gebracht. Dort lebt er mit vierzig anderen Jungen in einem Schlafsaal unter der Leitung von Franta, der die Jungen heimlich unterrichtet – vaterfigur, Beschützer und Mentor zugleich.

Die Kinder bilden eine verschworene Gemeinschaft, viele wachsen Mischa ans Herz wie Brüder. Doch über allen schwebt stehts die Angst, in einem der Züge gesetzt zu werden, die an einen Ort namens Auschwitz fahren… (Klappentext)

Rezension:

Genreübergreifende Werke haben das Zeug dazu, etwas weiter oben auf den Bücherstapeln der Läden zu landen, gerade wenn sie eine beeindruckende Geschichte zur Grundlage haben. Und so liegt mit „Wir sind die Adler“, ein beeindruckendes Werk aus dem Kindler-Verlag vor, welches sowohl eine Kindheitsbiografie, Zeitgeschichte, Kriegsroman und Jugendbuch darstellt.

Eines, dass es in sich hat. In Romanform erzählt wird die Geschichte von Michael Gruenbaum, der als Junge in Prag aufwächst, seine Eltern gehören zu den angesehenen Familien der tschechoslowakischen Hauptstadt, als die Nazis einmarschieren.

Sofort gibt es überall Einschränkungen, Verordnungen, Verbote, die der anfangs achtjährige Junge nicht begreifen kann. Er ist Jude und damit plötzlich am Rande der Gesellschaft. Die Ausgrenzungen fangen beim Vebrot des betretens bestimmter Straßenzüge an, bishin zur Jagd über die selben durch Gleichaltrige.

Das Geld wird knapper, die Eltern verlieren ihre Arbeiten, schließlich wird der Vater mitgenommen. Mischa sieht später nur noch den Sarg auf der Beerdigung. Dann kommen Deportationsbescheide. Terezin, die große Unbekannte und auch dort wird das Leben ständig bedroht.

Der Junge findet sich schnell ein, zwangsläufig, doch spürt er, wie er immer mehr an den Rand des Todes rückt. Wahre Geschichte ist immer noch die eindrücklichste, besonders wenn sie in einem Zeitraum spielt, den wir nicht vergessen sollten.

Und, wenn sie gut erzählt ist. Michael Gruenbaums Kindheit aus den Erinnerungen aufgeschrieben, ausformuliert von einem der besten Jugendbuchautoren Amerikas, fesselt, fasziniert und stößt den Leser in die Abgründe menschlicher Grausamkeiten, die für die besetzten Völker Europas und besonders für die jüdischen Bürger der betroffenen Länder, Realität wurden.

Am Anfang nur Gerüchte, die kaum zu glauben waren, wurde bald den meisten Menschen klar, welches die Ziele der „Herrenmenschen“ waren. Hasak-Lowy und Gruenbaum beschreiben dessen Erlebnisse aus Kindessicht auf.

Der Junge muss in einem viel zu kleinen Körper zu schnell erwachsen werden und handeln, um zu überleben. Mehr als einmal kommt er nur um Haaresbreite mit dem Schrecken davon.

Der Leser spürt all die Ängste, die Unsicherheiten, die Verzweiflungen, wenn wieder einmal Freunde verschwinden, schlechte Nachrichten aus anderen lagern eintreffen oder der Hunger übermäßig wird.

Hasak-Lowy merkt man die gute Schreibarbeit, selbst in der Übersetzung, an. Auch die Rechercheleistungen sind großartig. Wer einmal die Schauplätze in Prag und Terezin besichtigt hat, kann sich sofort hineinversetzen, wer diese Orte noch nicht betreten hat, wird den Wunsch verspüren, den Jungen aus dieser Hölle herauszuholen.

Michael Gruenbaum erinnert sich und Hasak-Lowy hat ergänzt, hat ereignisse rekonstruiert und so findet der Leser, der sich schon länger mit den Kindern von Theresienstadt beschäftigt, Jungen wie Petr Ginz oder Zdenek Taussig wieder, durchleidet deren Schicksale.

Kinder sagen immer die Wahrheit, nehmen die Welt mit ihren Augen neugierig auf, haben Hoffnungen und Träume, finden das kleine Glück auch in schwersten Zeiten. Dies gelingt den Autoren zu zeigen und zieht sich wie ein roter Faden durch dieses Werk, welches für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen gut lesbar und beeindruckend ist.

Wieder ein Stück Personengeschichte, welches für die Nachwelt unbedingt bewahrt werden muss. Mit der Veröffentlichung im englisch- und deutschsprachigen Raum ist schon mal ein erster Schritt getan.

Michael Gruenbaum und den vielen anderen Kindern in Theresienstadt, besonders denen, die es nicht geschafft haben, ist es zu wünschen, dass dieses Buch viele Leser findet.

Autoren:

Michael Gruenbaum wurde 1930 in Prag geboren, wo er bis zu seiner Deportation nach Thersienstadt (Terezin) mit seiner Familie lebte. Nach der Befreiung des Ghettos wanderte er 1950 in die USA aus, wo er studierte und zwei Jahre in der US-Army diente.

Er arbeitete im öffentlichen Dienst, gründete eine Beratungsfirma und engagierte sich im Bereich Stadtplanung. Noch bis in die 2000er Jahre gab es Wiedersehenstreffen der überlebenden Jungen aus Theresienstadt.

Todd Hasak-Lowy ist Kinder- und Jugendbuchautor. Er promovierte in Vergleichende Literaturwissenschaft auf der University of California, Berkeley, war zudem wissenschaftlicher Mitarbeiter, dann außerordentlicher Professor für Hebräisch und Literatur an der University of Florida.

Er gab diese Position auf und schrieb Romane, wie „Dass ich ich bin, ist genau so verrückt wie die Tatsache, dass du du bist“. Für die Kindheitsgeschichte von Michael Gruenbaum fungierte er als Co-Autor. Er übersetzt hebräische Werke ins Englische und gibt Kurse in Kreatives Schreiben an der School of Arts Institute in Chicago.

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Kai Meyer: Die Spur der Bücher

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Die Spur der Bücher Kai Meyer Fischer FJB Erschienen am: 24.08.2017 Hardcover ISBN: 978-3-8414-4005-1

Inhalt:

Eine Stadt im Bann der Bücher. Mercy Amberdale ist in Buchläden und Antiquariaten aufgewachsen. Sie kennt den Zauber der Geschichten und besitzt das Talent der Bibliomantik. Für reiche Sammler besorgt sie die kostbarsten Titel, pirscht nachts durch Englands geheime Bibliotheken.

Doch dann folgt sie der Spur der Bücher zum Schauplatz eines rätselhaften Mordes: Ein Buchhändler ist inmitten seines Ladens verbrannt, ohne dass ein Stück Papier zu Schaden kam. Mercy gerät in ein Netz aus magischen Intrigen und dunklen Familiengeheimnissen, bis die Suche nach der Wahrheit sie zur Wurzel aller Bibliomantik führt. (Klappentext)

Einordnung:

Der Band ist der Auftakt zu einer Reihe, um die Vorgeschichte zur „Seiten der Welt“-Trilogie.

Rezension:

Leser wissen es schon immer. Büchern liegt eine geheimnisvolle Kraft zu Grunde. Die sagenumwobene Magie der Bibliomantik. Bibliomanten wissen diese Kraft zu nutzen, um Dinge zu erschaffen oder sich zu verteidigen und Leser von Kai Meyer wissen darum spätestens seit dem Auftakt der „Seiten der Welt“-Trilogie.

Dies nun ist ihre Vorgeschichte. Wie begann sich die Adamitische Akadamie nach dem Zusammenbruch des Scharlachsaals und der damit verbundenen Enthronisierung zweier altehrwürdiger Familien der Bibliomantik zu etablieren, die fortan die Geschicke dieses magischen Zweigs kontrollieren sollte?

Wie entstand sie überhaupt und ist Bibliomantik wirklich besser, wenn ihnen Romane zu Grunde liegen, anstatt Fortsetzungsgeschichten auf billigen Zeitungspapier?

Diesen und vielen weiteren Fragen geht Kai Meyer nach und schickt seine Protagonisten Mercy Amberdayle, Tempest und Philander auf eine abenteuerliche Reise durch das viktorianische London, welches gerade ins Industriezeitalter aufbricht, was Einfluss auch auf die Papierherstellung und gedruckte Werke hat.

Dabei wird von Beginn an nicht gerade zimperlich mit den Figuren umgegangen, die allesamt sehr klar und deutlich vor Augen geführt werden und sicher in den nächsten Bänden noch weiter an Farbe und Tiefe gewinnen.

Spannend geht es dabei zur Sache, Langeweile kommt nicht auf. Der Autor wirft seine Leser von einem Ereignis ins andere. Das tut dem Lesefluss sehr gut. Man möchte dran bleiben, immer mehr erfahren und kann sie förmlich spüren, diese Büchermagie.

Doch, der Autor möchte vieles und das an manchen Stellen zu schnell. Zwischen einzelnen Abschnitten fehlen Sätze, die ein Übergang sanft gestalten. Wie als hätte Meyer diese vergessen. So wird der Leser auch mal schnell ins kalte Wasser geworfen und hat nicht selten das Gefühl, irgendetwas wichtiges gerade überlesen zu haben. Hat er nicht, denn es steht einfach nicht geschrieben.

Brüche sind grundsätzlich nicht immer schlecht, in dieser Häufigkeit ist es aber, so empfunden, kein guter Stil und trägt eher zur Verwirrung denn zum Verständnis bei. Stilistisch ist das aber auch schon die einzige Schwäche.

Entschädigt wird der Leser jedoch durch eine phantastische Welt, von der jeder Leser insgeheim hofft, dass es sie gibt, der Begegnung mit bekannten und neuen interessanten Protagonisten und einem großartigen Abenteuer. Auf dass nicht wenige der Spur der Bücher folgen werden.

Autor:

Kai Meyer wurde 1969 in Lübeck geboren, wuchs im Rheinland auf und studierte einige Semester Film, Theater und Philosophie. Danach voluntierte er bei einer Tageszeitung und arbeitet seit 1995 als freier Schriftsteller.

Sein erstes Buch veröffentlichte er im Alter von 24 Jahren, inzwischen sind es um die 50 Romane für Erwachsene und Jugendliche. Darunter einige unter seinem Pseudonym „Alexander Nix“. Seine Werke wurden mit dem Deutschen Bücherpreis und dem Deutschen Kinder- und Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Die Bücher wurden in über 30 Sprachen übersetzt.

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Hermann Schulz: Warum wir Günter umbringen wollten

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Warum wir Günter umbringen wollten Hermann Schulz Aladin Erschienen am: 23.08.2013 Seiten: 156 ISBN: 978-3-8489-2017-4 Illustrationen: Maria Luisa Witte

Inhalt:

März 1947, in einer Zeit zwischen Krieg ud Frieden. Freddy und seine Freunde stromern an den Nachmittagen durch die Wiesen, rüber zum Moor, Günter immer im Schlepptau. Aber Günter ist irgendwie anders, der tickt nicht richtig, sagen sie. Sie machen sich über ihn lustig, quälen ihn.

Dann bekommen sie Angst, Günter könnte sie bei den Erwachsenen verpfeifen – und fassen einen ungeheuren Plan. (Klappentext)

Rezension:

Irgendwo im ländlichen Osten des kriegszerstörten Deutschlands stromert eine Bande von Jungen durch das Unterholz. Gebeutelt vom vergangenen Krieg, durchleben sie in ihrem Dorf und den Feldern und Wäldern der Umgebung ihre Abenteuer, wenn sie nicht bei der Ernte oder dem Versorgen der noch übrig gebliebenen Tiere mithelfen müssen.

Keiner kümmert sich um sie. Die Tage fließen zäh dahin. Freddy, etwa 10 Jahre alt, ist einer von ihnen. Es wird sein letzter Sommer werden, bevor er wieder zu seinen Eltern in die Stadt zurück muss. Die Zeit vergeht schneller als ihm lieb ist. Doch, bis dahin bahnt sich eine ungeheure Katastrophe an.

Die Jungen haben Günter im Schlepptau, ein Gleichaltriger aus der Nachbarschaft. Durch schlimme Erlebnisse kriegsgeschädigt und zurückgeblieben, ist er in der Rangordnung der Jungen-Bande ganz unten. Sie quälen und demütigen ihn.

Günter sagt den Erwachsenen nichts, die nur die Auswirkungen der Schikanen bemerken. Doch, den Jungen ist klar, Günter muss verschwinden, spurlos, bevor er zu reden beginnt. Alle Jungs, einschließlich Freddy, stehen vor einer schwierigen Entscheidung.

Bis auf den gleich ins Auge springenden Titel hat dieser Roman nicht nur eine spannende Geschichte, sndern auch wunderbare Illustratioen, auf die es sich lohnt, zuerst einzugehen.

Sie lockern ein schwer im Magen liegendes Thema auf, welches wahrscheinlich der Zielgruppe sonst nur schwer vermittelbar gewesen wäre.

Tatsächlich kann man sich durch die Aquarellzeichnungen förmlich in diese Welt der Jungen, deren ganzer Kosmos aus dem Dorfleben und die Natur, um sie herum, besteht, hineindenken und erlebt zugleich eine spannende Geschichte, wie sie sich tatsächlich zugetragen haben könnte.

Hermann Schulz beschreibt die Leiden der Dorfbevölkerung nach dem Krieg, die sowohl mit Versorgungsmabngel, mehr noch mit dem Flüchtlingsstrom zurechtkommen mussten, der nach dem Krieg die Bilder bestimmte, auch Kriegsheimkehrer und Gefangenschaft sind Thematiken, die hier in dem Kinderbuch sanft eingeführt werden. Das macht der Autor praktisch in Nebensätzen.

Im Vordergrund aber steht ein spannender Krimi, für Jungen und auch sonst geschrieben. Die Protagonisten bleiben dabei nicht farblos, sondern werden, für ein Kinderbuch unglaublich gut, detailreich herausgearbeitet.

Insbesondere Freddy und Günter, anfangs die zwei Gegenpole, gewinnen dadurch an Sympathie und nähern sich im Laufe der Geschichte einander an.

Starke, nicht einseitige Kinder- oder besser gesagt frühe Jugendliteratur, mit einer Ernstnahme der Protagonisten ohne erhobenen Zeigefinger, hat man selten. Hier kann man sie finden, und das gerade mit einem so sensiblen Thema als Hintergrund.

Der Autor beschäftigt sich mit den Nachwirkungen des Krieges in allen Facetten, mit Vorurteilen und ihren Konsequenten, die heute, natürlich in anderer Form, auch noch eine Rolle spielen.

Vielleicht die große Stärke der Geschichte, dass sie in ihren Fragen immer noch brandaktuell ist. Wie sehen wir andere Menschen, vor allem, wenn sie nicht der Norm entsrpechen? Wie gehen wir miteinander um?

Welche Entscheidungen wollen wir treffen? Bequeme oder schwierige, die sich jedoch auf lange Sicht als richtig darstellen? Welche Konsequenzen sind wir bereit, für unsere Taten in Kauf zu nehmen? Können wir schlechte Beschlüsse, einmal gefasst, trotzdem aufhalten oder ändern?

Diese Fragen, ohne erhobenen Zeigefinger zu stellen, ist die große Stärke von Hermann Schulz‘ Roman. Eine Geschichte, die sich unbedingt zu lesen lohnt.

Autor:

Hermann Schulz wurde 1938 in Nkalinzi, Tansania geboren und ist ein deutscher Schriftsteller und ehemaliger Verleger. Als Sohn eines deutschen Missionars in Ostafrika, wuchs er in Deutschland auf und machte nach der Schule eine Lehre im Buchhandel.

Zudem arebietete er im Bergbau, übernahm jedoch als Nachfolger des späteren Bundespräsidenten Johannes Rau den Peter Hammer Verlag in Wuppertal, dem er von 1967 bis 2001 angehörte. Ab 1998 erschienen seine ersten Romane, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde.

Er ist Mitarbeiter der Zeitschrift AMOS und engagiert sich im Bereich Literatur und Internationaler Verständigung. Er ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

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Gavin Extence: Das unerhörte Leben des Alex Woods

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Das unerhörte Leben des Alex Woods Gavin Extence Blanvalet Verlag Erschienen am: Seiten: 477 ISBN: 978-3-7341-0098-7

Inhalt:

Alex Woods ist zehn Jahre alt, und er weiß, dass man sich mit einer hellseherisch begabten Mutter bei den Mitschülern nicht beliebt macht. Und dass die unwahrscheinlichsten Ereignisse eintreten können – er trägt Narben, die das beweisen. Was Alex noch nicht weiß, ist, dass er in dem übellaunigen Mr. Peterson einen ungleichen Freund finden wird. Der ihm sagt, dass man nur ein einziges leben hat und immer die bestmöglichen Entscheidungen treffen sollte. Darum ist Alex, als er sieben Jahre später mit 113 Gramm Marihuana und einer Urne voller Asche in Dover gestoppt wird, einigermaßen sicher, dass er das Richtige getan hat… (Klappentext)

Rezension:

An sich ist es eine Geschichte, die ähnlich schon hundertfach erzählt sein dürfte. Eine sich langsam entwickelnde Freundschaft zwischen zwei Personen, die eigentlich nichts miteinander gemeinsam haben aber feststellen, dass sie einander brauchen und das Leben des jeweils Anderen mit Sinn erfüllen. So auch hier. Gavin Extence stützt sich auf dieses altbekannte Konstrukt, entwickelt daraus jedoch gleich auf den ersten Seiten eine Geschichte, die die Leser in ihren Bann zieht.

Zunächst liegt das an den unheimlich symphatischen Protagonisten, den wir zu Beginn des Romans am Ende der Geschichte treffen und der diese dann gedanklich aufrollt aber auch an die verqueren Gegenparts von Alex Woods, der für sein Alter immer ein wenig zu altklug und sonderbar wirkt, den aber ein Naturphänomen entgültig zur lokalen Berühmtheit, zumindest zeitweilig, und zum Sonderling unter seinen Mitschülern macht.

Und, es ist nicht der Himmel, der ihm auf den Kopf fällt.

Einfühlsam beschreibt der Autor den nicht so ganz gewöhnlichen Alltag seines Protagonisten aus der Ich-Perspektive, welche eine Nähe zum Leser herstellt, die zweifelsfrei funktioniert. Fast hat man das Gefühl, daneben zu stehen und Alex‘ Erzählungen zu lauschen. Noch realistischer dadurch, dass keine der Figuren aalglatt wirkt, viele nicht gerade gesellschaftskonform. Ecken udn Kanten, die sich jedoch im Zeitraum von sieben Jahren, in dem die Geschichte spielt, weiterentwickeln dürfen, was extence behutsam, jedoch mit immer schnelleren Erzähltempo, vorantreibt.

Dabei klingt der Plot der Geschichte in Form eines Himmelsobjektes zun#ächst einmal unglaubwürdig, doch gibt es ihn tatsächlich. Der deutsche Alex Woods heißt Gerry Blank und wurde als 14-jähriger 2009 von einem Meteoriten auf den Schulweg getroffen. Man darf also streiten, ob alles Gute wirklich von Oben kommt.

Für andere, die sich weniger Gedanken darüber machen möchten, bleibt dieser feinfühlige Roman über einen sympathischen Nerd und seine Mitmenschen, die einem schnell ans Herz wachsen werden. Fast ist man traurig darüber, wenn man die letzte Seite umgeschlagen hat, doch ein wenig glücklicher als vor dem Lesen.

Dieses Kleinod hat es nicht verdient, auf den Stapeln ungelesener Bücher dieser Welt auf seine Leser zu warten und sollte sofort hervorgeholt werden. Ein Meteoriteneinschlag kann schließlich dein Leben verändern. Für den Protagonisten Alex Woods tut er das ganz wundersam.

Und als Leser bekommen wir eine wunderschöne Geschichte über Freundschaft, Halt und Familie. Darüber, dass es oft die Quer- und Andersdenkenden sind, die in der Gesellschaft vielleicht schief angesehen werden, aber insgesamt ihren Weg ohne größere Fehlschläge gehen und oft die für sie richtigen Entscheidungen treffen. Alex Woods macht dies so wunderbar, wie Gavin Extence, dem mit seinem Debütroman ein großartiger Wurf gelungen ist.

Autor:

Gavin Extence wurde 1982 geboren und wuchs in der englischen Grafschaft Lincolnshire auf. 2013 veröffentlichte er seinen ersten Roman, der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. 2015 veröffentlichte er seinen zweiten Roman, der 2016 ins Deutsche übersetzt wurde. Der Autor lebt mit seiner Familie in Sheffield.

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Interview mit Katja Brandis auf der Leipziger Buchmesse 2017

An dieser Stelle sollte eigentlich eine Videoaufnahme des Interviews zu sehen sein, die ich auf der Leipziger Buchmesse 2017 gemacht habe. Jedoch ist auch hier, ähnlich wie beim Interview mit Sebastian Fitzek, die Aufnahme so gut geraten, dass die Kamera auch hier sämtliche Hintergrundgeräusche mit aufgenommen hat.

Die herauszufiltern würde zwar funktionieren, doch würde man das eigentliche Interview dann ebenfalls kaum verstehen. Daher auch hier in Textform.

Viel Spaß dabei.

NH: Von wegen Kinder und Jugendliche lesen nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Hier am Arena-Stand tummeln sich ganz viele. Bei mir ist Katja Brandis. Sie hat eine phantastische Tierwesen-Fantasy-Reihe für Kinder geschrieben.

KB: Letztes Jahr begonnen. Der erste Band ist im Juni erschienen.

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NH: Stimmt. Das folgte sehr schnell aufeinander. Schreiben sich Kinderbücher einfach schneller als Jugendbücher?

KB: Das hängt davon ab, wie komplex der Plot ist und wie viel Spaß es einem macht. Wenn es extrem kompliziert ist, zum Beispiel meine Jugendromane haben um die 450 Seiten, rechne ich immer ein halbes Jahr und bei den „Woodwalkers“ rechne ich drei Monate, denn die haben oft nur etwa 250 Seiten. Es ist nicht so viel Aufwand, und es schreibt sich sehr locker weg, weil die Arbeit daran sehr viel Spaß macht.

NH: „Woodwalkers“ ist die Reihe, um die es heute geht. Zwei Bände sind bisher erschienen. Es geht hier um Carag, einen Gestaltwandler zwischen Berglöwe und Menschenjunge, der beschließt, bei den Menschen leben zu wollen.

Er verlässt dafür seine Familie, nimmt dafür die Gestalt eines Menschen an und kommt später auf eine Schule, in der noch andere Menschen/Tiere seiner Art unterrichtet werden, damit umzugehen und sich unter den Menschen zurechtzufinden.

„Gestaltwandler“ kommen viel in den indianischen Mythen aus Amerika vor. Stammt die Idee davon?

KB: Die Idee stammt aus dem Yellowstone-Nationalpark. Das ist nicht nur eine phantastische Landschaft, sondern die vielen Tiere und da dachte ich mir: Wie wäre es wohl, wenn sich manche dieser in einen Menschen verwandeln könnten?

Natürlich spielen die alten schamanischen Mythen mit rein. Es gab ja schon immer Legenden von Göttern, zum Beispiel die Sphinx. Es gibt einfach viele Göttergestalten, die so etwas können. In Wirklichkeit waren es bestimmt „Woodwalker“, die sich da als Götter ausgegeben haben.

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NH: Und die haben Sie jetzt aufgestöbert. Solche Internatsgeschichten gibt es häufiger. „Harry Potter“, und vorher gab es sie ja auch schon. Das ist jetzt aber schon nochmal ein neues Element. Wie entstand die Idee? Waren Sie im Yellowstone-Nationalpark recherchieren?

KB: Da ist die Idee entstanden. Ich habe gleich angefangen zu recherchieren, da ich wusste, dass ich darüber schreiben möchte. Diese Vielfalt an Tieren spiegelt sich dann natürlich auch in der Schule wieder. Rothörnchen sieht man dort ständig. Bisons haben wir ganz viele beobachtet.

Da dachte ich: Wie die wohl als Mensch wären? Wie sehen die aus? Solche Zwischengänger zwischen den Welten sind ja auch besondere Persönlichkeiten, da die ein schweres Leben haben. Sie werden weder von den Tieren noch den Menschen wirklich akzeptiert und müssen in beiden Welten irgendwie klarkommen.

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Autorin: Katja Brandis
Titel: Woodwalkers (1) - Carags Verwandlung
Seiten: 280
ISBN: 978-3-401-60196-0
Verlag: Arena

NH: In den Büchern gibt es dann auch die Rudelbeziehungen zwischen den Tieren, wie zum Beispiel den Wölfen. Dann gibt es Einzelgänger. Das gibt es auch in der wirklichen Welt. Wie wichtig war es, dies so nah wie möglich darzustellen? Raben verfolgen wahrscheinlich die Wölfe, weil sie wissen, da fällt irgendwann mal etwas von der Beute für sie ab?

KB: Nicht immer. Raben spielen mitunter mit jungen Wölfen zusammen. Deswegen nennt man sie auch Wolfsvögel. Ich habe das so nah wie möglich abgebildet, wie das in der Natur ist.

Pumas und Wölfe sind in der Natur wirklich verfeindet, da Wölfe im Rudel den Pumas die Beute abjagen und vertreiben die auch ganz oft aus ihren Revieren. Ich habe mir vorgestellt, dass das auch Carags Familie passiert ist und sie deswegen das Revier verlassen mussten.

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NH: Bevor es zu den „Woodwalkers“ gekommen ist, haben Sie noch viele andere Geschichten geschrieben. Da war für alle Altersgruppen, für Kinder und Jugendliche, etwas dabei.

KB: Ich schreibe hauptsächlich für Jugendliche ab 12 Jahren. Das kann aber auch von Erwachsenen gelesen werden.

NH: Arena, wo die Bücher erscheinen, ist ein Jugendbuch-orientierter Verlag. Damit sind Sie trotzdem zufrieden?

KB: Arena ist super. Die haben sich so für die „Woodwalkers“ eingesetzt. Aber der Verlag ist auch generell sehr offen.

NH: Heutzutage spielt ja nicht nur die Geschichte eine Rolle. Auch das Cover wird immer wichtiger, und Arena gibt sich bei den Büchern da immer sehr viel Mühe. Woher stammt die Idee für das Cover?

KB: Das kam vom Verlag, von der Illustratorin Claudia Carls, welche sicher zum Erfolg beigetragen hat, und die Illustrationen sind auch wunderschön geworden. Die Pumas zum Beispiel gefallen mir sehr gut. Sie kann auch sehr gut Tiere zeichnen und hat Carags Aussehen sehr gut getroffen.

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Die Zeichnungen stammen von der Illustratorin Claudia Carls.
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Autorin: Katja Brandis
Titel: Woodwalkers (2) - Gefährliche Freudnschaft
Seiten: 280ISBN: 978-3-401-80629-7
Verlag: Arena

NH: Also, ist er jetzt so wie Sie sich ihn vorgestellt haben?

KB: Ja. Oder auch die Wölfin Tiffany, ist auch sehr gut gelungen.

NH: Die Augen auf den Covern leuchten. Heben sich ein wenig davon ab. Ist das jetzt eigentlich eine Geschichte mehr für Jungen oder mehr für Mädchen?

KB: Es wird zum Glück von beiden gelesen. Ich bekomme allerdings zwei Drittel der Leserbriefe von Jungen und ein Drittel von Mädchen.

Es spricht beide an, aber Jungs wohl noch einen Tick stärker, obwohl Jungs gar nicht so viel lesen. Es ist ein großes Glück, wenn man es schafft, die einzubinden.

NH: Wir sitzen hier vor einem Regal mit Büchern, die wohl mehrheitlich von Mädchen gelesen werden. Jungs-Bücher gibt es nicht so häufig.

KB: Das stimmt. Ich habe selbst einen elfjährigen Jungen, und es gibt nicht so viel für die, habe das daher schon ein wenig auch auf ihn zugeschnitten.

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NH: Da fehlten die Geschichten?

KB: Na ja, es gibt halt nicht so super viel für Jungs. Diese rosa Glitzer-Cover, damit kann man denen nicht kommen. Ich habe ihm jedes Kapitel auch vorgelesen, wenn es fertig war und geschaut, bei welchem Gag lacht er, bei welchem nicht.

Wenn ich gemerkt habe, die Spannung zieht nicht so, habe ich die Szene sofort umgeschrieben, also sehr auf ihn geachtet während des Vorlesens, um die Geschichte zu optimieren.

NH: Es ist also im Prinzip eine Geschichte für ihren Sohn.

KB: Von echten Kindern auch getestet.

NH: Funktioniert dann natürlich auch bei anderen Kindern. Warum auch nicht? Wie wird es weiter mit den „Woodwalkers“ gehen?

KB: Das kann ich schon sagen. Der dritte Band kommt im Juli 2017 raus, den vierten schreibe ich gerade. Da habe ich jetzt ein Drittel fertig. Der wird im Januar herauskommen. Wir planen im halbjährigen Abstand. Es sind dann fünf oder sechs Bände geplant.

NH: Carag ist am Anfang der Geschichte elf Jahre alt, in der Hauptgeschichte dreizehn. Die Kinder können mit den Charakteren mitwachsen.

KB: Bis zu 15 Jahren. Es wird aber auch von Dreizehnjährigen problemlos gelesen. Vierzehn geht auch noch.

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NH: Es soll aber schon so sein, dass sich die Charaktere weiterentwickeln?

KB: Natürlich.

NH: Es gibt ja Reihen, teilweise zum Beispiel Enid Blyton, wo die Charaktere nicht altern oder sich weiterentwickeln.

KB: Das wäre mir zu einfach. Es ist aber nicht so wie bei „Harry Potter“, dass die Bücher immer erwachsener werden. Der erste Band war ja wirklich ein Kinderbuch, später war das fast ein Erwachsenen-Roman.

Das wird es nicht geben. Die Bücher werden schon so ähnlich bleiebn aber natürlich entwickelt sich Carag weiter.

NH: Also freuen wir uns auf noch drei weitere Abenteuer von Carag, sehr viel Humor und sehr viele Erlebnisse von ihm und seinen Freunden. Mussten Sie sich manchmal beim Schreiben bremsen, dass es jetzt nicht doch zu hart wird?

KB: Die Natur ist halt hart. Die eine Mitschülerin von Carag ist eine Maus, die schon zehnmal fast getötet worden ist. Das ist einfach so in der Natur.

Es ist nicht so weichgespült, wie vielleicht andere Bücher. Es wird auch gekämpft. „Woodwalker“ müssen das Überleben bei Kämpfen trainieren. Sie haben ein schwieriges Leben, und das spiegelt sich dort auch wider.

NH: Dann noch eine letzte Frage. „Woodwalker“. Welche Gestalt haben Sie?

KB: Ich bin noch nicht ganz sicher. Entweder Falke oder Delfin? Aber ich liebe auch Raubkatzen. Deswegen habe ich einen Puma als Hauptfigur. Ich tendiere aber zu Delfin.

NH: Und wir dürfen jetzt alle herausfinden, welche Gestalt wir annehmen würden.

KB: Was würden Sie denn sein?

NH: Ich wäre wahrscheinlich auch etwas Katzenartiges, aber sicher kleiner als der Puma.

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KB: Ozelot?

NH: Ozelot klingt gut. Dann wünsche ich uns noch viel Spaß auf der Messe. Hatten Sie schon Gelegenheit sich ein wenig umzuschauen?

KB: Na ja, nicht wirklich. Hatte mehrere Lesungen und Umschauen war jetzt nicht so hoch auf der Prioritätenliste. Aber es war trotzdem eine gute Messe.

NH: Das hört man doch gerne. Dann wünsche ich uns allen noch viel Spaß und nicht vergessen, „Woodwalkers“ lesen!

KB: Guter Tipp. (lacht)

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Raquel J. Palacio: Wunder – Julian, Christopher & Charlotte erzählen

Wunder - Julian, Christopher & Charlotte erzählen Book Cover
Wunder – Julian, Christopher & Charlotte erzählen Raquel J. Palacio Hanser Erschienen am: 13.03.2017 Seiten: 350 ISBN: 978-3-446-25528-9 Übersetzer: Andre Mumot

Inhalt:

Der Welterfolg „Wunder“ erzählt von Auggie, dem Außenseiter mit dem entstellten Gesicht. Nun kommen Julian, Christopher und Charlotte zu Wort. Julian, der Mobber: Eigentlich hat er keinen Grund, so gemein zu sein. Doch durch Auggies Ankunft kehren seine überwunden geglaubten Albträume zurück.

Christopher, der beste Freund: Nach seinem Umzug vermisst er Auggie, ist zugleich aber auch froh, Abstand zu haben. Und Charlotte, die empathische Willkommensfreundin: Weil sie sich für Gerechtigkeit einsetzt, soll sie sich um Auggie kümmern – und beginnt zum ersten Mal an sich zu zweifeln.

Dieses berührende Kinderbuch erzählt von echter Freundschaft und davon, wie die Begegnung mit Auggie jeden verändert. (Verlagstext)

Rezension:

Der Wunsch nach einer Fortsetzung ist die Bestätigung für Autoren, zeigt er doch, wie sehr eine Geschichte und ihre Protagonisten geliebt werden, doch ist der Wunsch zugleich auch Fluch.

Die Fortsetzung muss zwangsläufig besser werden oder wenigstens genau so gut wie der Vorgänger, anderenfalls ist die Enttäuschung groß. Raquel J. Palacio weiß, vor allem um die Einzigkeit ihres Erstlings „Wunder“, das und legt mit ihrem neuen Buch bewusst keine zweite Geschichte um August auf. Den Jungen mit dem entstellten Gesicht.

Natürlich dürsten die Fans nach weiteren Informationen über den kämpferischen Jungen, der sich Anerkennung und Akzeptanz erst erstreiten musste, doch „Julian, Christopher & Charlotte erzählen“ ist eine ebenso wertvolle Parallelerzählung. Die Autorin schafft das Kunststück, obwohl die vormalige Hauptfigur hier nur Statist ist, eine facettenreiche Ergänzung vorzulegen, die Augusts Geschichte aus drei Blickwinkeln beleuchtet.

Und da wird sogar der Mobber sympathisch, der in „Wunder“ den hass sämtlicher Fans auf sich gezogen hat. Nicht umsonst geistert seit dem im Internet ein Plakat mit dem Spruch herum: „Keep calm and don’t be a Julian“ („Bleib ruhig und sei kein Julian“).

Julian hat eine eigene Geschichte zu erzählen, genau so wie zwei seiner besten Freunde, die ebenfalls zu Wort kommen und so hält Palacio ihren jungen Lesern den Spiegel vor. Ohne den sonst üblich erhobenen Zeigefinger.

Auch die anderen zwei Geschichten, deren Figuren sich zwischen dem was richtig ist und dem was der leichte Weg wäre entscheiden müssen, sind einfühlsam zu lesen. Ein Buch, was einem nachdenklich, aber mit einem Lächeln zurücklässt.

Die Menschen unterteilen sich nicht in Gut und Böse. Dazwischen liegen viele Grauzonen und oft ist es hilfreich, hinter die Fassaden zu schauen. Viele sind auf dem zweiten Blick oft ganz anders, auf den ersten Eindruck sollte man sich nicht verlassen.

In kurzen einprägsamen Kapiteln, die ursprünglich als zusätzliches E-Book entstanden und nun hiermit in gebundener Form vorliegen, lässt es sich leicht in die Geschichte eintauchen und erneut stellt sich die Frage, dieses Mal aus der Sicht der damit Konfrontierten, wie weit Inklusion schon ist oder ob sie überhaupt gelingt?

Was ist eine Behinderung, was ein bloßer Makel und was eine Bereicherung für unsere Gesellschaft. Kinder und Jugendliche einfühlsam an ein schwieriges Thema heranzuführen, gelingt Palacio hier ein zweites Mal überragend.

Es bleibt zu hoffen, dass diese drei Erzählungen genau so erfolgreich werden und die Autorin weitere solche Werke schreiben wird.

Autorin:

Raquel J. Palacio ist eine US-amerikanische Verlegerin, Schriftstellerin und Gestalterin für Buchcover. Der Name dabei ist ein Pseudonym ihres eigentlichen Namens Raquel Jaramillo, mit dem sie bis 2012 veröffentlichte.

Die Autorin lebt mit ihrer Familie und arbeitet in New York. 2012 erschien ihr Buch „Wonder“, welches ein Jahr später ins Deutsche übersetzt wurde.

Seit 2006 arbeitet sie in verschiedenen Positionen für den Verlag Workman und war 2013 Jurymitglied beim Internationalen Literaturfestival in Berlin für die Auszeichnung des außergwöhnlichsten Buches des Kinder- und Jugendprogramms. Ihr Jugendbuch „Wunder“ wurde verfilmt.

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Neil Smith: Das Leben nach Boo

Das Leben nach Boo Book Cover
Das Leben nach Boo Neil Smith Verlag: Schöffling & Co. Erschienen am: 08.02.2017 Seiten: 414 ISBN: 978-3-89561-496-5 Übersetzerin: Brigitte Walitzek

Inhalt:

Oliver »Boo« Dalrymple ist dreizehn Jahre alt, hochbegabt, wenig beliebt und vor allem tot. Gerade noch hat er an seinem Schulspind gestanden, in das Periodensystem vertieft, da findet er sich im Wiedergeburtsraum eines seltsamen Jenseits wieder.

Dort begrüßt ihn Thelma, ein schwarzes Mädchen, das in den sechziger Jahren gelyncht wurde, und erklärt ihm, was es damit auf sich hat: In einer von Mauern umgebenen Stadt leben ausschließlich verstorbene amerikanische Jugendliche seines Alters.

Quicklebendig verbringen sie ihre Zeit wie auf einem großen Schulhof, sausen auf Fahrrädern umher und werden von einem hippiehaften Gott namens Zig mit allem versorgt, was Dreizehnjährige zum Leben brauchen.

Boo hat gerade begonnen, sich an das Nachleben zu gewöhnen, als sein ehemaliger Klassenkamerad Johnny in der Stadt auftaucht und ein überraschendes neues Licht auf seine Vergangenheit wirft.

Auf der Suchenach der brutalen Wahrheit wird ihre gerade erst geschlossene Freundschaft ernsthaft auf die Probe gestellt. (Verlagstext)

Einordnung und Gestaltung:

Den Roman könnte man auch als Jugendbuch durchgehen lassen. In diesem Falle ist er ab 13-14 Jahren geeignet. Der Verlag differenziert hier nicht und vermarktet ihn auch als Roman.

Der Roman in der gebundenen Ausgabe, 1. Auflage, ist in elf unterschiedlichen Cover-Varianten erhältllich. Bei Online-Bestellungen ist es Zufall, welches man erhält, während man in größeren Buchhandlungen oft mehrere der Cover zur Auswahl hat.

Rezension:

Die Frage nach einem Leben nach dem Tod hat die Menschen seit jeher fasziniert. Was kommt nach unserem Sterben? Boo weiß die Antwort.

Eigentlich heißt er Oliver, doch seine Mitschüler nannten ihn, den Außenseiter so, der plötzlich im Wiederbelebungsraum einer Stadt aufwacht, die nur von 13-jährigen bewohnt wird.

Allen gemein ist, dass sie auf die eine oder andere Art ums Leben gekommen sind und nun 50 Jahre in ihrem dreizehnjährigen Ich verharren müssen, bevor sie entgültig ableben. Doch, Oliver weiß zwar, dass er tot ist, doch nicht, wie er gestorben ist.

Das letzte, an das er sich erinnern kann, ist, dass er an seinem Schulspind stand und die Elemente des Periodensystems aufgesagt hat. Doch, das zählt nicht mehr. Mit Hilfe neuer Freunde erkundet er seine „neue“ Welt, bis einer seiner Mitschüler das Reich der toten Jugendlichen betritt.

Johnny, der zuvor noch im Koma gelegen hatte, erklärt ihm, dass Boo und er bei einer Schulschießerei ums Leben gekommen sind. Der Attentäter auch. Der „Gunboy“ ist dabei ebenfalls gestorben. Und läuft wahrscheinlich nun in dieser neuen Welt frei herum.

Neil Smith schafft mit „Das Leben nach Boo“ ein wundervoll nachdenklich stimmendes Szenario, welches sich zu diskutieren lohnt. Es geht um wahrhaft existenzielle Fragen außerhalb unseres iridischen Lebens. Wo kommen wir hin, wenn wir nicht mehr sind?

Wie geht es weiter mit unserer Seele, zumal wenn sie früher gehen muss als üblich? Doch, nicht nur dafür verdient der Roman Aufmerksamkeit, lenkt er doch die Aufmerksamkeit auf ein vor allem US-amerikanisches Problem, ist es dort doch die USA selbst, die sich jedes Jahr auf’s Neue mehrfach der Frage stellen muss, wie mit Schulattentaten, -tätern und opfern umgehen, wenn auch die Probleme aus europäischer und kanadischer Sicht hausgemacht sein dürften.

Doch, Smith bleibt nicht bei diesen, sondern wirft weitere Fragen auf. Wie gehen wir mit Schuld und Schuldigen um? Was ist richtig und falsch?

Ja, sogar Fragen von gesellschaftlichen Grenzen werden aufgeworfen, wenn man das Szenario betrachtet, dass es einen Himmel getrennt nach Altersklassen und Nationalitäten gibt.

Genau, wie Oliver und Johnny so manches Mal an diesen Problemen zu zerbrechen drohen, der eine früher, der andere später, merkt auch der Leser schnell die Begrenztheit des Gedankenspiels des Autoren.

Smith möchte zu viel, fabriziert Längen, wo keine sein müssten, was bei den kurzen Kapiteln, die allesamt nach den Elementen des Periodensystems nummeriert sind, an sich schon eine Kunst ist und droht allenthalebn, seine Leser zu verlieren.

Nur gerade so, schaffen es dann folgende spannendere Kapitel, die mit zunehmender Seitenzahl an Tempo gewinnen, den Leser wieder mitzunehmen. Letztendlich das Ausschlaggebende dafür, den Roman bis zum Ende durchzulesen.

Die Protagonisten bleiben zudem, bis auf wenige der Hauptfiguren (da, auch nicht alle) farblos und entwickeln sich kaum weiter, wenn der Autor auch beschreibt, dass selbst in der Welt der Dauer-13-jährigen Entwicklung, wenn auch nur charakterlich, existiert.

Auch logische Fehler hat diese Welt, regiert von einer Übergestalt namens Zig, der eher wie ein verplanter Lebenskünstler agiert statt wie eine Gottheit.

Zum einen die Beschränktheit des himmlichen Daseins auf 50 Jahre, zum anderen in Zigs Gabe den Kindern z.B. nur Comics und vegetarisches Essen, nicht aber Lexika und Fleisch zukommen zu lassen.

Leider ist zu wenig bekannt als dass man Smith missionarischen Eifer unterstellen könnte aber es fühlt sich an manchen Stellen ebendoch wie ein erhobener Zeigefinger an, der inkonsequent mal in die eine, dann in die andere Richtung zeigt.

Schade, da sich der Autor damit viel Potential von seiner Geschichte einfach vergibt. Das Grundthema „Das Leben nach Boo“ ist trotzdem überlegens- und lesenswert. Und, wem das ganze dennoch abgeht, kann ja immer noch alle elf Cover der deutschen Ausgabe sammeln.

Autor:

Neil Smith lebt als Autor und Übersetzer in Montreal, Kanada. Sein Debüt „Bang Crunch“ wurde von der Washingtron Post zum Buch des Jahres gewählt. Mit diesem Erzählband gewann Smith zahlreiche Preise.

Sein zweiter Roman „Das Leben nach Boo“ wurde bishlang in sieben Sprachen übersetzt. Auch dafür wurde er mehrfach ausgezeichnet.

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Patrick Ness: Sieben Minuten nach Mitternacht

Sieben Minuten nach Mitternacht Book Cover
Sieben Minuten nach Mitternacht Roman cbj Verlag Hardcover Seiten: 216 ISBN: 978-3-570-15374-1

Inhalt:
Das Monster tauchte kurz nach Mitternacht auf. Wie das bei Monstern eben üblich ist. Conor war wach, als es kam. Er hatte einen Albtraum gehabt. Na gut, nicht irgendeinen. Den Albtraum. Den einen, den er in letzter Zeit ziemlich oft hatte. Den mit der Finsternis und dem Wind und dem Schrei. Den mit den Händen, die er irgendwann nicht mehr festhalten konnte, egal, wie sehr er sich bemühte. Den, der immer damit endete, dass… (Klappentext)

Rezension:
Wenn man die Spreu vom Weizen trennt, bleibt von der ursprünglichen Menge nur ein kleiner Teil zurück. So ist es auch mit den zahlreichen Veröffentlichungen, die Jahr für Jahr den Büchermarkt erobern und gerade Patrick Ness ist hier mit einem wahrhaft faszinierenden und wunderschönen Juwel zu finden. „Sieben Minuten nach Mitternacht“ ist eigentlich ein Kinder- oder frühes Jugendbuch, sprengt aber alle Altersgrenzen und kann ebenso gut von Erwachsenen gelesen werden. Zu Grunde liegt eine erschütternde und berührende Geschichte.

Die eines Jungen, der Angst vor der Angst hat, sich dieser zu stellen und daran zu zerbrechen. Die eines Monsters, welches Conor, so der Name des dreizehnjährigen Protagonisten, fordert und zugleich auf ihn achtet. Die, einer Familie, die schon längst am Boden liegt und die letzten Züge der Verzweiflung erlebt. Patrick Ness hat sich als Autor die undankbarste Aufgabe vorgenommen, das Werk eines anderen zu beenden.

Siobhan Dowd konnte ihre Geschichte, die schon in Entwürfen existierte, nicht mehr schreiben, da sie vorher von ihrer Krankheit besiegt wurde und so hat der Verlag Ness die Verantwortung übertragen, eine Geschichte zu schreiben, die Dowd gefallen hätte. Eine unmögliche Aufgabe, die in den falschen Händen gelegt, nur schiefgehen kann. Ness aber ist der Kunstgriff gelungen, seinen Respekt vor der Autorin mit seinen eigenen Ideen und schriftstellerischen Talent zu verbinden. das merkt man in jeder Zeile.

Jede Zeile, die uns den Protagonisten näher bringt und begleiten lässt auf den Weg zu seiner Wahrheit. Diese ist emotional und geht unglaublich nahe. Der Leser leidet mit Conor, dessen Charakter und Beklemmung. Schüchternheit und Angst wunderbar herausgearbeitet wurde. Ein Sympathie-Träger, mit den man weinen möchte, den man halten möchte. Man selbst stürzt jedoch mit ihm in die Abgründe der Angst, einen geliebten Menschen zu verlieren. Vielleicht die größte persönliche Katastrophe, die man erleiden kann.

Der Autor zwingt mit seiner Geschichte, sich mit einer schwierigen Thematik auseinander zu setzen. Für Kinder, die dies lesen, gibt er Berührungspunkte, Erwachsene werden daran erinnert, dass man nie zu alt ist, sich vor diesen Moment zu fürchten. Eine Meisterleistung, ein unglaublicher Spagat.
Vollkommen aber machen die Zeichnungen Nesss‘ bzw. Dowds Roman, den man, dank flüssiger Schreibweise und kurzer Kapitel sowie faszinierender Geschichte, nur so wegliest.

Schwarz-Weiß-Bilder, die mal wie Kohlezeichnungen wirken, mal wie Aquarelle mit modernen grafischen Elementen und alleine für sich besonders sind, die Seiten aber zu einem wahrlichen Eye-Catcher machen. Dieses Kleinod der Literatur sollte man schon besitzen, alleine um es im Regal zu haben. Wer aber eintaucht in die Geschichte, sich von den Zeichnungen vereinnahmen lässt, erlebt einen wunderbaren Roman, der es verdient hat, in Ehren gehalten zu werden.

Eine ernste Thematik so anspruchsvoll und dennoch nicht hochtrabend mit erhobenen Zeigefinger zu verarbeiten, ist hier gelungen. Zu viele andere Bücher aus diesem Bereich sind einfach nur schlechter. Eine Wohltat für den, der diesen Roman liest. Vielleicht sogar um sieben Minuten nach Mitternacht?

Autoren/Zeichner:
Siobhan Dowd wurde 1960 in London geboren und ging nach dem Abitur an die Universität Oxford, wo sie studierte. Danach arbeitete sie als Redakteurin für PEN International und als freischaffende Autorin. 2006 veröffentlichte sie ihren Debütroman, der mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Nach drei Jahren Krankheit verstarb Dowd 2007 an Brustkrebs.

Patrick Ness wurde 1971 in Alexandria, Virginia, geboren und ist ein amerikanisch-britischer Journalist und Schriftsteller.Er studierte Englische Literatur an der Universität von Südkalifornien und erstellte nach seinem Abschluss Gebrauchsanweisungen und Formschreiben für eine Kabelfirma. Seit 1999 lebt er in London und arbeitete seit dem an seinem ersten Roman. Er unterrichtete Kreatives Schreiben, arbeitete für eine Tageszeitung als Rezensent. 2014 hielt Ness eine vielbeachtete Rede zu den gesellschaftlichen Anforderungen für Autoren von Kinder- und Jugendliteratur, selbst veröffentlichte er Kurzgeschichten seit 1997.

Im Jahr 2011 vollendete er die Geschichte „Sieben Minuten nach Mitternacht“ von Siobhan Dowd, die 2007 an Brustkrebs verstarb. Beide Autoren hatten sich nie getroffen, jedoch für den selben Herausgeber gearbeitet. Zum gleichnamigen Film, der 2017 erscheint, schrieb er das Drehbuch. Für seine Werke erhielt er zahlreiche Auszeichnungen.

Jim Kay illustriert seit 2015 die Bücher der Harry-Potter-Reihe und arbeitet darüber hinaus für Film, Verlage und Fernsehen.

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Raquel J. Palacio: Wunder

Wunder Book Cover
Wunder Raquel J. Palacio Hanser Erschienen am: 28.01.2013 Seiten: 447 ISBN: 978-3-423-62589-0 Übersetzer: Andre Mumot

Inhalt:

August ist zehn Jahre alt und lebt mit seinen Eltern und seiner Schwester Via in New York. August ist schlagfertig, witzig und sensibel. Eigentlich könnte also alles ganz normal sein in seinem Leben. Doch eines trennt August von seinen Altersgenossen: Sein Gesicht ist entstellt, und unzählige Operationen hat er schon über sich ergehen lassen müssen.

Das ist auch der Grund, warum er noch nie auf einer öffentlichen Schule war und bisher zu Hause unterrichtet wurde. Das neue Jahr aber soll alles ändern. August wird in die fünfte Klasse der Bezirksschule gehen, und natürlich hat er Angst.

Angst davor, angestarrt und ausgegrenzt zu werden. Doch August wäre nicht August, würde er nicht auch diese Herausforderung mit Bravour meistern! (Verlagstext)

Rezension:

In der heutigen Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint, in der Äußerlichkeiten an Bedeutung gewinnen und innere Werte ebenso verlieren, haben es Außenseiter schwer. Egal, ob ihrer Charakterzüge oder eben ihres Aussehns geschuldet, wer von der Norm abweicht wird ausgegrenzt und gemieden.

Um so wohltuender ist es, wenn dieses Thema aufgegriffen und behutsam aufgegriffen wird und den Lesern der Spiegel vorgehalten wird. Raquel J. Palacio hat dies getan und lässt uns Auggie, einen intelligenten, witzigen und gutmütigen Zehnjährigen begleiten, der nur einen Fehler hat.

Ein entstelltes Gesicht. Gendefekt und Geburtsfehler. Unzählige Operationen und Krankenhausaufenthaltehinter sich, muss er nun sich seiner psychologisch größten Herausforderung stellen.

Auggie soll die reguläre Schule besuchen und muss so Menschen gegenüber treten, die ihn aufgrund seines Äußeren im Allgemeinen meiden. Ein Spießrutenlauf beginnt, doch für seine Mitschüler wird der Sonderling bald seinen Schrecken verlieren und immer mehr findet Auggie Zugang zu seiner Klasse.

Der Hauptprotagonist, ein Sonderling, läd uns ein, seine Sicht auf die Welt zu erleben. Und die Freunde, und Familie, ihre Sicht auf ihn. Flüssig geschrieben sorgen die Perspektivwechsel der unterschiedlichen Protagonisten für eine abwechslungsreiche, berührende und einfach schöne Geschichte. Allein, es passiert nicht viel.

Einer der Romane, in denen weniger mehr ist Die üblichen Klassenkämpfe, Mobbing, Familienzwists und überholten gesellschaftlichen Standesdünkel kommen hier zur Sprache. Ganz normaler Alltag halt im Leben eines Zehnjährigen, wie es tatsächlich ablaufen könnte.

Mit solch einem Gesicht, mit solch einem Schicksal und dem Mut, allen Ansichten und Hindernissen entgegenzutreten.

Wer einmal in die Geschichte versinkt, wird so schnell nicht wieder auftauchen und sich in die einzelnen Protagonisten verlieben. Dabei stellt sich die Frage, wie vorurteilsfrei wir eigentlich sind? Welche Berührungsängste haben wir im Umgang mit körperlich (trifft auf Auggie zu) oder geistig (trifft hier nicht zu) Behinderten?

Und sollten wir diese nicht versuchen, über Bord zu werfen? Raquel J. Palacio stößt diesen Denkprozess an und fordert auf, nicht nur hinzusehen, sondern aufeinanderzu zu gehen, wenn auch ihr Ende ein wenig zu glatt wirkt.

Damit die Auggies in unserer Gesellschaft auf Augenhöhe gleichwertig gestellt sind. Geben wir ihnen diese Möglichkeit.

Autorin:

Raquel J. Palacio ist eine US-amerikanische Verlegerin, Schriftstellerin und Gestalterin für Buchcover. Der Name dabei ist ein Pseudonym ihres eigentlichen Namens Raquel Jaramillo, mit dem sie bis 2012 veröffentlichte.. Die Autorin lebt mit ihrer Familie und arbeitet in New York.

2012 erschien ihr Buch „Wonder“, welches ein Jahr später ins Deutsche übersetzt wurde. Seit 2006 arbeitet sie in verschiedenen Positionen für den Verlag Workman und war 2013 Jurymitglied beim Internationalen Literaturfestival in Berlin für die Auszeichnung des außergwöhnlichsten Buches des Kinder- und Jugendprogramms. Das Jugendbuch „Wunder“ wurde verfilmt.

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Andreas Steinhöfel: Anders

Anders Book Cover
Anders Andreas Steinhöfel Koenigskinder/Carlsen Erschienen am: 21.10.2014 Seiten: 237 ISBN: 978-3-551-56006-3

Handlung:

Nach dem Unfall sind Zeit und Welt aus den Fugen. 263 Tage liegt Felix Winter im Koma, exakt die Anzahl jener Tage, die seine Mutter vor elf Jahren mit ihm schwanger war. Dann erleben die Menschen um ihn herum ein Wunder: An einem prächtigen Sommertag kehrt der Winterjunge zurück ins Leben.

Und nennt sich von nun an anders, nämlich Anders. Er hat keinerlei Erinnerung mehr an die Zeit vor dem Unfall oder an den Unfall selbst … Und es gibt jemanden, der alles dafür tun wird, dass das so bleibt. (Klappentext)

Rezension:

Es ist der Fluch aller guten Autoren, dass man sie an ihren größten erfolgen misst. Auch Andreas Steinhöfel kann wahrscheinlich ein Lied davon singen.

Seine „Rico, Oskar und…“-Reihe ist witzige und anspruchsvoll unterhaltende Kinder- und frühe Jugendliteratur, die schon vor der Verfilmung des ersten Teils populär gewesen ist und dadurch noch einmal einen ungeheuren Schub bekommen hat.

Daneben laufen nicht weniger gute Werke, folgt man der Vielzahl von Rezensionen wie etwa „Beschützer der Diebe“ oder „Dirk und ich“, sein Erstling und nun auch noch „Anders“. Wobei „Anders“ wirklich anders ist.

Die Geschichte um den verunfallten Jungen, der ins Leben zurückkehrt, die Welt um sich herum anders wahrnimmt und infolge dessen, ebenso anders wahrgenommen wird, ist Abenteuer, Roman, ein wenig Krimi und vor allem ein gutes Jungenbuch für Groß und vor allem Klein.

Der Schreibstil lässt ein Lesen ohne Stolperfallen zu, es wird dennoch kein Blatt vor den Mund genommen und die Seiten fliegen nur so dahin.

Tatsächlich dürften selbst langsame Leser diesen Kinder-Roman innerhalb weniger Tage durch haben und dabei erleben, wie es sich für Felix und seine Umgebung anfüllt, wenn er nicht mehr Felix ist.

Sondern Anders.  

Der Autor schafft es hier, für ein Kinderbuch beinahe mit Seltenheitswert, die Figuren vielschichtig zu gestalten, niemand ist nur gut oder böse, selbst Felix nicht, seine Freunde oder die Erwachsenen.

Alltagsprobleme, wie die Beziehungsprobleme der Eltern werden nicht unter den Teppich gekehrt. Eine Sache mit der sich heutzutage viele Kinder herumschlagen müssen und nicht zuletzt die Entscheidung zwischen Richtig oder Falsch, die auch Felix „Anders“ treffen muss. Ohne dass Steinhöfel einen Zeigefinger erhebt.  

Als wäre das nicht alles Grund genug dafür, es zu lesen, empfehle ich dieses Werk auch wegen seiner Illustrationen und der Aufmachung. Peter Schössow hat hier ganze Arbeit geleistet.

Angefangen vom Titelbild, den goldfarbenen Schriftzügen und Seitenzahlen und den gelb-schwarzen Bildern am Anfang eines jeden Kapitels bis hin zum goldenen Lesebändchenist das auch ein eleganter Hingucker im Regal.

Andreas Steinhöfel hat geschafft, was er mit diesem Buch erreichen wollte. Nämlich nicht nur der Vater von Rico und Oskar zu sein sondern auch mal der Vater von jemand „Anders“.

Autor:

Andreas Steinhöfel wurde 1962 in Battenberg, Hessen, geboren und studierte später Biologie und Englisch auf Lehramt. Danach wechselte er zu Anglistik, Amerikanistik und Medienwissenschaften an der Universiät Marburg. Sein erstes Jugendbuch „Dirk und ich“ erschien 1991.

Seine bekanntesten Werke sind „Paul Vier und die Schröders“, die Rico-und-Oskar-Reihe. Er übersetzte zudem zahlreiche Kinder- und Jugendbücher ins Deutsche, einige seiner Werke wurden inzwischen verfilmt und gewannen, wie seine Bücher (Deutscher Jugendliteraturpreis 2009) einige bedeutsame Auszeichnungen. Heute lebt er im mittelhessischen Biedenkopf.

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