Kurz vor Beginn der diesjährigen Buchmesse häufte sich die Kritik. Zum einem an Kulturstaatsminister Weimer, dessen Umgang mit drei von der Jury für den Buchhandlungspreis ausgewählten und von ihm letztendlich ausgeschlossenen Buchhandlungen, wegen nicht näher benannten Verdächtigungen seitens des Verfassungsschutzes, zum anderen wegen des neuartigen Einlasskonzeptes der Messegesellschaft in den sozialen Medien, die wie ein Neuaufguss der letztjährigen Katastrophe klang, in deren Folge Menschen teilweise bis zu zwei (oder noch mehr) Stunden standen, um in die heiligen Messehallen zu gelangen.

Die Kritik an den Kulturstaatsminister ist noch lange nicht ausgestanden, bündelte sich aber über die Messetage hinaus in eine große gegenseitige Solidarität innerhalb der Buchbranche.
Viele, vor allem kleinere Verlage setzten Zeichen, größere (Hanser) luden die drei ausgeschlossenen Buchhandlungen zu ihren Messe-Feiern ein und eine Demo gab es am Vortag des ersten Messetages vor dem Gewandhaus zu Leipzig, in dem die Buchmesse traditionell eröffnet und diesmal der Kulturstaatsminister auch innerhalb einiges an Kritik und Seitenhieben einstecken musste. Auf weitere Veranstaltungen hatte er sich dann nicht getraut und alle Termine abgesagt, so dass die Buchmesse relativ friedlich starten konnte.
Friedlich und ohne Verspätung ging es am Vortag mit der Bahn für mich nach Leipzig. Schnell das Gepäck abgestellt, Kaffee getrunken und Richtung Innenstadt, wo einige Freunde ebenfalls bereits eintrafen, in ihre Unterkunft einchecken konnten, um dann ebenfalls die Messe traditionell zu eröffnen, was für uns einfach heißt, Indisch essen zu gehen, Messe-Pläne auszutauschen und vielleicht schon einmal vorab auszumachen, wo man sich eventuell auf dem Messegelände und bei welchen Veranstaltungen begegnen würde.
Nicht zu sagen, dass es diesmal sehr viele Lesungen und Gespräche gab, die parallel zueinander abliefen, für die man sich am liebsten zerteilt hätte. Übrigens gilt das auch für die reinen Blogger-Veranstaltungen, die reichlich spät per E-Mail eintrudelten. Das hat schon einmal besser geklappt.
Der erste Tag begann für mich sehr früh im Pressezentrum, mit einem Wiedersehen vieler Gesichter. Nicht zum ersten Mal konnte man dort, wer wollte, eine Verschiebung betrachten. Als ich angefangen habe, zu bloggen, waren noch mehrheitlich Journalisten dort, die sich den mehr als schlechten Kaffee geholt haben und miteinander diskutierten, heute füllen die Lücke des beinahe überall eingestampften Kulturjournalismus‘ Blogger, Booktuber, Booktooker und Bookstagram, was Vor- und Nachteile hat und zu freudigen Wiedersehen mancher führte. Ja, es ist jedes Mal wie ein großes Klassentreffen.
Man kennt sich untereinander.
Mein erster Weg führte am Donnerstag in Halle 5, dort sind immer die meisten der unabhängigen Verlage zu finden, einige begrüßt und schon stand die erste Lesung an. Für mich natürlich eine Sachbuch-Diskussion „Das Semitische als Grundlage der europäischen Demokratie„, so sperrig wie vielschichtig, um direkt danach in die Programm-Vorstellung von Rowohlt zu gelangen, in der zwei Autor:innen aus ihren neuesten Werken lasen. Iryna Fingerova aus „Zugwind“ und Till Raether aus „Meeresdunkel„, einem Mallorca-Thriller.



Danach ging es zum Schweizer Gemeinschaftsstand, wo Sasha Filipenko aus seinem Roman „Der Elefant“ gelesen hat, den er anschließend signierte. Von der parallel verlaufenden Blogger-Veranstaltung von Diogenes habe ich daher nur noch das Ende mitbekommen. Dort hat Shelly Kupferberg über ihren neuen Roman gesprochen. Bevor es dann noch mit Freunden aus dem Literaturforum buechertreff.de in der Stadt gemeinsam klönen ging, noch eine letzte Lesung von Gaea Schoeters aus ihren Romanen „Trophäe“ und „Das Geschenk„. Beide Romane sollte ich mir vielleicht einmal bei Gelegenheit anschauen. Ganz toll.
Am Freitag ging es erneut auf das Messegelände, wo die frisch ausgezeichnete Preisträgerin des Preises der Leipziger Buchmesse, der Kategorie Belletristik, Katerina Poladjan ihren Roman „Goldstrand“ vor Bloggenden vorstellen durfte. Das Buch habe ich mir kurz vorher gekauft.

Am Tag zuvor war das wohl kurzzeitig nicht mehr möglich, nachdem die Auszeichnung verkündet wurden war. Da hat man offenbar schnell für Nachschub gesorgt. Einige andere Verlage hatten nicht so viel Glück. Oder obwohl, doch. Gerade kleinere haben sich über den riesigen Andrang gefreut, der in diesem Jahr in den Hallen herrschte. Das Einlasssystem mit mehr Eingängen, breiteren Gängen zwischen den Ständen und einem konsequent schon von Beginn an geführten Einbahnwegesystem hat diesmal sehr gut funktioniert. 105.000 Besucher waren es zur Halbzeit (Donnerstag und Freitag) bereits, 9.000 mehr als im Jahr zuvor.
Das hat man zwar gemerkt, ich habe es jedoch nicht als störend oder in den Gängen behindernd wahrgenommen. Natürlich umgehe ich gewisse Stände, wie z. B. den von Sebastian Fitzek, der dieses Jahr einen eigenen hatte und an den man am Tag darauf nicht mal mehr ansatzweise herankam. Aber zum Mitteldeutschen Verlag bin ich wieder gern gegangen, der dieses Jahr sein 80-jähriges Bestehen feiert. Zuvor hatte ich Zeit für eine Lesung gehabt, mit dem Titel „Der Westen sind jetzt wir„, über die Verschiebung der Weltpolitik, insbesondere Amerikas Umgang mit Europa und umgekehrt.

Nebst interessanten Gesprächen beim Meet & Greet des wunderbaren Karl Rauch Verlags und beim Ultraviolett-Verlag, hat sich bei Wagenbach der Autor Dario Ferrari vorgestellt und seinen Roman „Die Pause ist vorbei“ gleich mit.
Der Messe-Samstag begann mit einer Blog-Idee und einem dazu notwendigen Bücherkauf (Welcher Bücherkauf ist nicht notwendig?) Irgendwie muss man ja auch mitspielen, wenn um die Fülle des leeren Koffers gewettet wird. Aber nein, mindestens drei Ideen für Blog-Beiträge, unabhängig von irgendwelchen Rezensionen nehme ich von der Buchmesse Leipzig mit. Eine Lesung zu „Daybreak in Gaza“ scheiterte fast an der Technik, doch der Autor konnte dann doch noch zur Messe zugeschaltet werden.
Vorher gab es ein Wiedersehen mit C. H. Beck, die erneut in der Kategorie Sachbuch gewinnen konnten (Marie-Janine Calcic „Balkan-Odyssee 1933-1941„). Danach hat Svenja Falk das ihre „Die letzten Tage der Diktatur“ (erschienen bei Klett-Cotta“ vorgestellt. Eine Gedicht-Lesung „Kultur und Krieg – Ukrainische Erfahrungen“ hat mich dagegen nicht ganz so überzeugt, eher schon Rasa Bugavicute-Pece, die aus ihrem Kinderroman „Der Junge, der im Dunkeln sah“ (erschienen bei Mirabilis) gelesen hat, wo ich nicht nur mit der Verlegerin, sondern auch, wie schon bei Filipenko, mit der jeweiligen Übersetzerin ins Gespräch gekommen bin.


Gerade solche Gespräche sind es, die sich am Rande von Messen ergeben, die diese für mich zu so etwas Besonderen machen. Die letzte Veranstaltung des Abends behandelte das Thema Neurodiversität in Romanen, bevor es dann unter einsetzenden strömenden Regen Richtung Innenstadt ging. Was tut man nicht alles für eine warme Mahlzeit.
Anschließend haben Freunde und ich die in der Nähe liegende Bar gestürmt und den Abend ausklingen lassen, nachdem es für einige den Tag darauf schon nach Hause zurückgehen sollte. Und ich mein Handy liegen lassen, dies aber erst in der letzten fahrenden Bahn des Abends sitzend gemerkt habe. Gedanklich schon den darauf folgenden Tag deswegen streichend, bekam ich das Handy aber am nächsten Tag Gott sei Dank wieder.
Dadurch wahr es mir dann doch möglich, den letzten Messetag mitzunehmen. Ist ja ohne irgendwie auch schade, und so habe ich mich dann auch Sonntag auf dem Messegelände eingefunden. Begonnen hat der Tag mit der Lesung zu „Schergenstaat Russland„, danach einem Blind-Date mit vier kleineren Verlagen in einer Sammelveranstaltung. Das dazugehörige Format hätte ich jetzt nicht gebraucht, die Verlage waren aber interessant. Nach einem letzten Messe-Rundgang war dann aber auch bei mir die Luft raus. Es ist einfach viel zu wenig Schlaf in der Nacht zuvor gewesen.
Aber von den Verlagen kam überall positives Feedback zu Messe-Verkäufen und Aktivitäten, sowie Interesse an den Ständen. Das hört man doch gerne. 313.000 Besucher (die 300.000er Marke hat man letztes Jahr nur knapp verpasst) kamen insgesamt. Das waren 17.000 Menschen mehr als im Vorjahr.
Mitgenommen, von der Messe, habe ich 31 Bücher. Ihr kennt den Ausdruck, das sprengt den Rahmen, obwohl in meinen Koffer noch ein paar mehr hineingepasst hätten. Meine Karte hat dazu aber leider nein gesagt. Und die Bahn genau so nein, zu einer bequemen Rückfahrt. Drei Waggons haben dem ausgebuchten Zug gefehlt. Enges beieinander stehen war angesagt. Nicht gerade angenehm, wenn man den obligatorischen Messe-Schnupfen mit sich herumträgt, zudem nicht der Einzige ist, der sich überladen hat.
So weit, so schön, mittlerweile bin ich wieder zu Hause und habe mich etwas sortieren können. Alles weitere nach und nach hier auf dem Blog.
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Ich muss leider die zum Teil schlechte Fotoqualität entschuldigen. Meine Kamera hat zwischendurch ausgesetzt, so dass die meisten Fotos nur Handyqualität haben.
