Jugendbuch

Franz Werner Schmidt: Pik reist nach Amerika

Inhalt:
Das gibt es doch nicht! Pik, ein zahmes Eichhörnchen, ist Bens Ein und Alles. Doch dann kommt Terry und stielt es … und das ausgerechnet kurz bevor Terry mit seinen reichen Eltern eine Reise nach Amerika antritt. Terry nimmt Pik mit an Bord. Und für Ben ist eines klar: Er muss hinterher und seinen Pik zurückbekommen. Franz Werner Schmidts klassische, temporeiche Abenteuergeschichte für kleine Leser erschien erstmals 1927 und erfuhr in den 1950er-Jahren zahlreiche Auflagen. Nicht zuletzt Wolfgang Herrndorf war begeistert von diesem Kinderbuch, das ihn zu „Tschick“ inspirierte. (Klappentext)

Rezension:
Es ist noch gar nicht so lange her, da waren Schiffsreisen quer über den Ozean noch ein großes Abenteuer. Was also liegt näher, als um eine solche Überfahrt eine spannende Geschichte für die Kleinsten zu erzählen. Genau das hat der Schriftsteller Franz Werner Schmidt im Jahr 1927 gemacht und einen witzig chaotischen Roadtrip über Wasser geschaffen, der sich auch heute noch gut lesen lässt. Auch heute noch ist dieses kleine humorvolle und kompakte Kinderbuch sehr leichtgängig zu lesen.

Erzählt wird die Geschichte von Ben, einen armen Jungen, zu dem ein Eichhörnchen Zutrauen gefunden hat, was den Neid von Terry entfacht, der mit seinen reichen Eltern kurz vor der Überfahrt nach Amerika steht. Terry entführt kurzerhand das Tier, was Ben überhaupt nicht auf sich sitzen lassen will. Kurzerhand häuert er als Küchenjunge auf den Schiff an, auf den sich Entführer und Entführtes befinden, was natürlich nicht lange gut gehen kann, weder vor neugierigen Erwachsenenaugen verborgen bleibt, noch vor Terry, dem schnell Gewissensbisse plagen.

Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, schließlich ist die kleine Novelle sehr kompakt gehalten. Das Eichhörnchen als Symbol für Neugier, Verspielt- und Lebendigkeit auf der einen Seite, die Jungen, die unterschiedlicher als Protagonisten nicht sein könnten, auf der anderen, jeder für sich als Gegenpool zu der recht steifen und regelverhafteten Erwachsenenwelt. Dies bringt allerhand Dynamik in die Erzählung, deren Hauptcharaktere man schnell lieben lernt.

Ben natürlich, der versucht für sich Gerechtigkeit wieder herzustellen und dabei auf allerhand Barrieren stößt, Terry, der mit seinem schlechten Gewissen Ecken und Kanten bekommt. Beide Charaktere sind dennoch gleichermaßen liebenswert wie nachvollziehbar gestaltet. Die Erzählung ist dabei den gesamten Handlungsstrang, der einem Katz- und Mausspiel gleicht, humorvoll gehalten. Düsternis wird hier höchstens angedeutet, übernimmt jedoch nie ganz die Atmosphäre der Geschichte.

Abwechselnd aus Sicht der beiden Jungen wird sie erzählt, in einer Tonalität und Sprache, die auch heute noch funktioniert und sich genau so gut lesen lässt, wie zur Zeit des Erscheinens. Wohltuend die Tatsache, dass der erhobene Zeigefinger hier eher widerwillig erscheint, ansonsten jedoch kann man sich gut in die Atmopshäre der damaligen Zeit einfinden, in der Klassenunterschiede noch plastischer zu Tage trugen, als das heute der Fall ist. Auch damit ist es dem Autoren gelungen, zu spielen und Gegensätze zu schaffen.

Die flüssige Erzählung beschränkt sich dem Hauptteil der Geschichte auf einem Handlungsort, den es Franz Werner Schmidt gelungen ist, mit wenigen Zeilen lebendig werden zu lassen. Es braucht nicht viele Worte um sich zum Beispiel die Kombüse des Schiffs oder die Kabinen, das Schiffsdeck vorzustellen und das Chaos, welches der unfreiwillige und ungewöhnliche Gast entfacht. So bildhaft sind die Formulierungen. Mehrfach muss man schmunzeln und nicht nur die Zielgruppe, meine ich, geht aus dieser Erzählung gut gelaunt heraus. Diese eignet sich im Übrigen mit ihrer immer noch aktuellen und gut zu lesenden Sprache gut fürs erste Selbstlesen wie auch für das Vorlesen.

Sowohl die Ausgestaltung der Charaktere als auch der Handlungsorte funktionieren hier sehr gut. Nicht verwunderlich daher, dass Wolfgang Herrndorf sich von diesen zu seiner Geschichte „Tschick“ lose inspirieren ließ, sie in einer anderen praktisch nebenbei erwähnte. Auch hier geht es um Abenteuer, Freundschaft und eine ungewöhnliche Reise und so ist „Pik reist nach Amerika“ nichts anderes als ein „Tschick“ für jüngere Kinder.

Dieses Buch ist mir über die Social Media Plattformen des Verlags über den Weg gelaufen. Ich bin froh, diese und damit die Erzählung entdeckt zu haben, die man einfach nur als lieb bezeichnen kann. Relativ wenig ist über deren Autoren bekannt. Um so schöner, dass es die Erzählung geschafft hat, zu überdauern.

Autor:
Franz Werner Schmidt lebte von 1888 bis 1930 und war ein deutscher Schriftsteller und Lektor beim Franz-Schneider-Verlag.

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Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Inhalt:
Jekabs ist ein Junge, der in einer ungewöhnlichen Familie geboren wurde. Aber er möchte gern wie alle anderen sein – mit dem Fahrrad herumfahren, Gameboy spielen, sich um sein Kätzchen kümmern, eine coole Jacke tragen, im See schwimmen und Liene liebevolle SMS schicken …

Mit großem Einfühlungsvermögen erzählt Rasa Bugavicute-Pece in ihrem preisgekrönten Jugendroman von Jekabs, der schon als Kind erwachsen sein soll, um seinen blinden Eltern im Alltag helfen zu können. Mit zunehmenden Alter will er sich aber auch von ihnen lösen, um eigene Wege gehen zu können. Seine Mutter hingegen versucht verzweifelt, alles zu tun, um ihr Kind nicht zu verlieren. (Klappentext)

Rezension:
Das vorliegende Jugendbuch der lettischen Autorin und Dramatikerin Rasa Bugavicute-Pece erzählt eine Geschichte von Veränderungen, Loslösung und einer Superkraft, die Jekabs vor allem vor Gleichaltrigen versucht, zu verbergen. Für seine Eltern und deren Freunde ist er der Junge, der im Dunkeln sieht. Doch diese Besonderheit birgt mit zunehmenden Alter Konfliktpotential zwischen deren und seiner Wahrnehmung der Welt. In der leichtgängigen und doch einfühlsamen Erzählung verfolgen wir Jekabs auf seinem Weg, der für seine Eltern schon als Kind erwachsen sein muss.

Wenn es eine Region verdient hat, mal wieder im Fokus der Buchmessen zu stehen oder eines deren Gastländer zu stellen, ist es das Baltikum, vom dem zuletzt Litauen 2017 in Leipzig und 2002 in Frankfurt, die gesamte Bandbreite seiner Literatur präsentieren durfte. Lettland dagegen bemüht sich seit Jahren darum, einmal das Gastland stellen zu dürfen und Bücher wie dieses hier würden die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient haben. In Lettland selbst ist die Autorin bekannt. Ihr zweites Buch liegt nun in der deutschen Übersetzung von Lil Reif im Mirabilis Verlag vor.

Jekabs ist der anfangs noch kindliche, später jugendliche Hauptprotagonisten, dessen Alltag wir verfolgen, der in der Umgebung eines Wohnheims für blinde Menschen aufwächst und schon früh lernen muss, mit den Gegebenheiten als einzig Sehender zurechtzukommen. Für ihn zunächst nichts besonderes, wird er sich der Situation mit zunehmenden Alter immer bewusst, aber auch den Einschränkungen, die es mit sich bringt, wenn die Eltern die Welt ganz anders wahrnehmen, als die beispielsweise seiner Klassenkameraden. Ein in die elterliche Ordnung tapsendes Kätzchen ist da nur einer der ersten von vielen Versuchen, Eigenständigkeit gegenüber den Eltern zu erlangen, deren Sicherheitsbedürfnis lange in eine Art Übervorsorglichkeit gegenüber ihren Sohn mündet.

Erst später, nachdem ich ein paar Mal bei Kriss, Klavs und Matisss gewesen war, habe ich verstanden, dass ihnen unsere Wohnung wie eine einzige Leere vorkommt, wie eine Wüste oder ein Gletscher – unglaublich exotisch, denn bei uns stehen hinter den Glasscheiben von der Schrankwand keine Massen von Glöckchen von Reisen, da sind keine unzähligen gerahmten Bilder, keine Bücherberge, Notizblöcke, Dokumentenmappen, keine bunten Musikkassetten, irgendwelche Kreisel, neun Kaffeeservices in verschiedenen Farben, Gläser in allen möglichen Größen, es gibt keinen bunten Haufen Hausschuhe im Flur, in dem man sich ein passendes Paar zusammensuchen muss und dazu mit dem Fuß darin herumwühlt. […] Wir haben keine Bilder. Es gibt einen Kalender, aber der zeigt meistens den falschen Monat.

Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Von diese Warte aus, sind die Handlungsweisen und Charakterzüge der Protagonisten nachvollziehbar, wobei vor allem jekabs als Hauptfigur alle Sympathien auf sich zieht. Sich seiner Sonderrolle bewusst, blitzt neben all den viel zu erwachsenen Verhalten, welches er an den Tag legen muss, immer wieder das Kindliche durch, nachvollziehbare Wünsche und Träume, aber auch das Bewusstsein für all die Einschränkungen der Erwachsenen, in deren Spannungsfeld er lebt und sich seine Freiheiten mühsam erkämpfen muss. Auch aus der Sicht seiner Mutter wird die Geschichte erzählt, so dass auch ihr Handeln verständlich ist, welches das spätere Potential für Konflikte begründet, welches der Erzählung ihre Ecken und Kanten gibt.

„Und, hast du eine an?“ Schon ist Mama in der Kabine und will mich abtasten. „Jetzt warte mal“, fauche ich und nehme die erste Jacke, sie ist mossgrün mit roten Streifen. […] „Jetzt zeig doch mal“, sagt Mama und tastet mich ab, den Vorhang hat sie aufgezogen, und über ihre Schulter hinweg sehe ich die Verkäuferin, die unauffällig versucht einzuschätzen, wie wir zurechtkommen. Na also, die Verkäuferin ist eine von denen, die genauer hinschauen, nachdem sie erst so tun, als gäbe es da nichts zum Schauen … […] Sie ist gut gelaunt – sie hat mir gerade eine Jacke gekauft, die mir gefällt. Ich greife nach Mamas Hand, die auf meinem rechten Ellbogen liegt, und drücke sie fest, danke. Kurz darauf ziehe ich dann aber meine Hand gleich wieder weg und stecke sie tief in meine Hosentasche – ein ganzes Stück weit entfernt kommen uns einige meiner Klassenkameraden entgegen. Sie gehören zu denen, die so tun, als würde ihnen gar nichts auffallen.

Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Dieses Spiel mit den Gegensätzen beherrscht Rasa Bugavicute-Pece genau so, wie sie es schafft, die inneren FGefühlswelten Jekabs‘ zu beschreiben und Orte lebendig vor dem inneren Auge entstehen zu lassen. Nicht zuletzt ist ihr das durch die Erwahrungswelt in ihrem eigenen Bekanntenkreis gelungen. Die Figuren sind liebevoll ausgestaltet, wie auch der Altag dargestellt, der vor allem zeigt, wie wichtig Ordnung und Organisation ist, in einer Welt, wo gerade der Sehsinn als sonst selbstverständlich erscheint. Auch, und das ist als jemand ohne diesen Erfahrungshorizont besonders spannend, werden Hilfsmittel für Blinde, um den Alltag zu bewältigen, ganz wie nebenbei beschrieben.

Das so einzuarbeiten, gleichzeitig einen Jungen auf der Suche nach seinem eigenen Weg zu beschreiben, ist die Stärke dieses kleinen Romans, den man nicht nur viele jugendliche Lesende wünscht. Auch für Erwachsene funktioniert das sehr gut, die sicher das beschriebene Spannungsverhältnis aus der elterlichen Perspektive nachvollziehen können. Der Autorin gelingt es den inneren Zwiespalt ihrer beider Hauptprotagonisten darzustellen. Andere Figuren dienen nur als Handlungstreibende. Der stete Perspektivwechsel zwischen Sohn und Mutter tut sein übriges dazu, diesem sehr besonderen Alltag gerne beizuwohnen, ohne dass es ins Klischeehafte abrutscht.

In sich schlüssig ist die „Der Junge, der im Dunkeln sah“ eine Erzählung, die berührt ohne Mitzleid mit ihren Figuren zu heucheln oder ins Voyeuristische abzugleiten. Auch verfolgen wir das Erwachsenwerden Jekabs ohne harte Brüche, bis zu einem gewissen Spannungsmoment, der eine klare Umkehr des Verhältnisses zwischen Eltern und Kind aufzeigt. Das passt hier wunderbar hinein.

Rasa Bugavicute-Pece erzählt die Normalität in der Welt des für Ausstehende Besonderen und hat dabei etwas geschaffen, was nur wenigen Autoren und Autorinnen in dieser kompakten Form so schön gelingt. Die Übertragung ins Deutsche durch Lil Reif hat sicher das ihre dazu beigetragen, dass das Jugendbuch so wertvoll macht, ohne den pädagogischen Gürtel, Achtung: Anspielung, zu erheben.

„Der Junge, der im Dunkeln sah“, hilft, uns für Perspektiven zu öffnen und sich darauf einzulassen, erzählt von einem Spannungsverhältnis, Selbstfindung und auch von Liebe und Fürsorge, sei es für die eigene erste oder und vor allem zu den eigenen Eltern, ohne sich selbst zu verlieren. Das ist viel für ein Jugendbuch. Hierfür hat die Autorin ein richtiges Maß gefunden und mit Jekabs einen Protagonisten, den man in sein Herz schließt und gerne wachsen lässt.

Autorin:
Rasa Bugavicute-Pece wurde 1988 in Riga geboren und ist eine lettische Dramatikerin und Autorin. Sie studierte an der Lettischen Kulturakademie und machte ihren Bachelor in Theater-, Film- und TV-Dramaturgie, danach erhielt sie einen Abschluss in Kulturmanagement und studierte Kreatives Schreiben. 2011 wurde sie zur Vorsitzenden der Lettischen Dramatikergilde gewält. Vier Jahre später arbeitete sie im Liepaja Theater. Auch in anderen, wie dem Lettischen Nationaltheater wurden ihre Werke aufgeführt. 2016 veröffentlichte sie ihren ersten Roman. 2020 wurde sie für ihren zweiten Roman „Der Junge, der im Dunkeln sah“, mit dem Janis Baltvilks Award ausgezeichnet.

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Alan Gratz/Syd Fini: Vor uns das Meer – Die Graphic Novel

Inhalt:
Drei verschiedene Kinder. Ein gemeinsames Schicksal: Die Flucht.

Josef ist ein jüdischer Junge, der in den 1930er Jahren aus Deutschland fliehen muss. Seine Familie und er gehen an Bord der St. Louis, das Schiff, welches sie in eine neue Welt bringen soll

Isabel ist ein kubanisches Mädchen, welches sich 1994 mit ihrer Familie angesichts der Unruhen und Aufstände auf einen Boot auf den Weg macht, in der Hoffnung, in den USA Sicherheit zu finden.

Mahmoud ist ein syrischer Junge, dessen Heimat 2015 von Gewalt und Zerstörung heimgesucht wird. Seine Familie und er begeben sich auf eine lange und gefährliche Reise nach Europa.

Erschütternde Reisen. Unvorstellbare Gefahren und die Hoffnung auf morgen. Und eine überraschende Wendung, die alle drei Geschichten miteinander verbindet. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:
Tatsächliche Geschehnisse erzählen die spannendsten Geschichten, zumal wenn sie sich thematisch miteinander verbinden lassen. So stand zurecht das Jugendbuch „Vor uns das Meer“ von Alan Gratz wochenlang nach Erscheinen auf den Bestsellerlisten. Jetzt hat dieses wunderbare und eindrückliche Werk eine Adaption als Graphic Novel erfahren, die aufgrund ihrer Aufmachung eigenständig behandelt werden muss.

Erzählt wird die Geschichte dreier Jugendlicher, die in verschiedenen Jahrzehnten zu Hause sind und eben diese Heimat aufgrund von Krieg, Terror und Verfolgung verlassen müssen. Das bedeutet nicht nur, Vertrautes in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft zurückzulassen, sondern auch ein Weg voller Gefahren und Entscheidungen, die das Ende der Kindheit markieren. Das ist es, was oft genug unterschlagen wird, wenn über Flüchtlinge berichtet wird. Die Grausamkeit der Endgültigkeit, die jeden Meter pflastert, den diese Menschen zurücklegen, wird so selten gesehen. Davon erzählt der Jugendbuchautor Alan Gratz und schafft es in seiner Geschichte sehr eindrucksvoll, dies lebendig vor Augen zu führen und seine Charaktere darzustellen und drei Schicksale miteinander zu verbinden.

Das funktioniert in Romanform schon sehr gut, basieren doch alle drei Geschichten auf realen Personen, auch nimmt der Autor Bezug auf tatsächlich verbürgtes, wenn es etwa um die Irrfahrt der St. Louis geht oder den Ereignissen im Jahr 2015. Eine Szene, im Jugendroman wie auch hier in der Graphic Novel ist zwar etwas over the top, in letzterer aber etwas besser umgesetzt. Und nun die Erzählung dieser wichtigen Thematik in grafischer Form. Hier ist dem Künstler Syd Fini ein wahres Meisterwerk gelungen.

Immer wieder wechseln wir zwischen den Geschichten der Kinder hin und her und halten uns damit getreu an die Buchvorlage. Klare Linien und kräftige Farben kennzeichnen die unterschiedlich großen Panels, die konzentriert die Schlüsselmomente der Geschichte zeigen, ohne etwas dabei zu verlieren. Schnell zieht man die Verbindung zwischen den drei Schicksalen, was zur DNA von „Vor uns das Meer“ gehört und einem nicht unberührt lassen kann. Hier tut vielleicht die Graphic Novel noch mehr als der Roman selbst. Die einzelnen Panels wirken dabei vergleichsweise düster, am Ende werden se zusammengeführt. Zudem geben Autor und Zeichner einen Überblick über die tatsächlichen Geschehnisse.

Diese Graphic Novel schafft eine noch festere Verbindung zu seiner Leserschaft und zeigt, wie sich die Schicksale einzelner über Jahrzehnte hinweg überkreuzen können, ohne das Leid dieser Menschen weichzuspülen oder der Thematik nicht gerecht zu werden. Da alles auf reale Geschichten beruht, gibt es keine überraschenden Wendungen, zumindest wenn man sich ein wenig mit Geschichte auskennt, doch gerade für Jugendliche, um sie mit der Thematik vertraut zu machen, ist diese Form der Aufbereitung sowohl nahbar als auch spannend erzählt. Auch gelingt es Syd Fini Rückblenden zeichnerisch gut einzubinden.

Diese Form des Erzählens hat etwas sehr filmisches und hilft, sich das alles vorzustellen. Vom Original geht dabei nichts verloren. Wer also nicht den Jugendroman zur Hand nehmen möchte, dem sei diese Graphic Novel unbedingt ans Herz gelehnt. Diese wird mitten ins Herz treffen und vielleicht einen neuen Zugang zu einer sehr schwer zu händelnden Thematik verschaffen. Und mehr kann man da nicht verlangen.

Autoren:
Alan Gratz wurde 1972 in Tennessee geboren und ist ein US-amerikanischer Autor im Kinder- und Jugendbuchbereich. Er studierte Kreatives Schreiben und arbeitete als Englischlehrer, bevor er seine ersten Werke veröffentlichte. 2024 wurde ein Werk von ihm in Schulbibliotheken verboten, welches sich mit dem Verbot bestimmter Bücher in den USA befasst. Seine Erzählung „Vor uns das Meer“ hingegen, konnte mehrere nationale und internationale Literaturpreise gewinnen. Zu diesem Werk werden in Deutschland Unterrichtsmaterialien angeboten, zudem wurden darüber mehrere wissenschaftliche Artikel verfasst.

Neben seinen Jugendbüchern schrieb er mehrere Artikel für Zeitungen und Zeitschriften, Radiowerbespots und Episoden für verschiedene Fernsehserien, sowie Theaterstücke.

Syd Fini ist ein iranischer Künstler, der während des Iran-Irak-Krieges geboren wurde und als Animationsfilmregisseur, Illustrator und Comiczeichner arbeitet. Er lebt in Brooklyn, New York.

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Patric J. Kaaf: Lucian Mason 3 – Und der Turm des Schatten

Inhalt:
Im dritten Schuljahr wird es alles andere einfach. Für Lucian, Ian, Silia und Haiden beginnt das Abenteuer mit einem Rückschlag: Sie verpassen die Polarfuchs, das mächtige Schiff zur Zauberschule Moridan. Nun müssen sie über Umwege ans Ziel gelangen, ein Weg, der voller Hindernisse und unerwarteter Gefahren steckt. Doch ihre Reise wird von rätselhaften Visionen überschattet:

Ein gigantischer Vogel mit schimmernden Flügeln und ein gewaltiger Turm, an dessen Spitze sich ein bedrohlischer Mahlstrom formiert. Ein Buch, das sich nicht öffnen lässt, Piraten greifen Seefahrer an und was hat ein Jäger in der Schule zu suchen. Welche dunklen Geheimnisse verbergen sich hinter all dem? Die vier Helden müssen nicht nur den Herausforderungen der Schule trotzden, sondern auch einem Rätsel auf die Spur kommen, das ihre Welt für immer verändern könnte. (Klappentext)

Einordnung in der Reihe:

Patric J. Kaaf: Lucian Mason 1 – Und der Splitter des Schicksals
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 2 – Und der Baum der Erinnerungen
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 3 – Und der Turm des Schatten
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 4 – Und das Erwachen der Finsternis

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Rezension:

Noch düsterer als die vorangegangenen Bände gibt sich der dritte Teil der Reihe um Jungmagier Lucian Mason, dessen Start ins neue Schuljahr turbolenter nicht sein könnte. Nachdem dieser in seinem zweiten Jahr etwas mehr über die Vergangenheit seiner Geschichte erfahren konnte und der Halt seiner Freunde zu ihm auf die Probe gestellt wurde, gerät nun Lucian noch mehr als ohnehin schon ins Zentrum der Ereignisse. Doch ist schnell klar, egal, welchen Weg er wählen wird, diese Entscheidung wird alles verändern.

Die Fortsetzung des Urban Fantasy Abenteuers aus der Feder von Patric J. Kaaf könnte rasanter nicht beginnen. Gleich zu Anfang werden der Protagonist und seine Freunde auf die Probe gestellt, deren Reise uns Lesende noch mehr über die magische Welt erfahren lässt, die mehr denn je dem Abgrund nahe scheint. Rasant wird dieses Schuljahr erzählt, in dem neue Figuren eingeführt werden, insbesondere die Antagonisten bekommen vielschichtige Figuren zur Seite gestellt. Nichts ist, wie es scheint, doch wird so die Probe für Lucian und die anderen Protagonisten noch größer als bisher.

Das Spiel der verschiedenen Seiten verläuft rasanter als in den vorangegangenen Bänden, was nicht zuletzt an der Art des Erzählens liegt. Der dritte Band ist kompakter gehalten als die Vorgänger. Hier merkt man den Flow, in dem Patric J. Kaaf mehr und mehr hineingefunden hat. Zwar gibt es immer noch Flüchtigkeitsfehler in manchen Formulierungen, doch werden diese immer weniger, so dass man sich ganz auf dieses fesselnde Abenteuer einlassen kann, in welchem nicht nur der Protagonist sich von einer verletzlicheren Seite zeigen darf. Im Gegenteil, Lucian Mason darf auch hier Ecken und Kanten haben, Fehler machen, zeigt sich dabei lernfähig und reflektiert.

Dies macht den Hauptprotagonisten glaubhaft, wie auch, dass gerade seine Freunde nicht alles hinnehmen, sondern vielschichtig reagieren. So sehr, dass man manchmal zwei Seiten hervorblitzen sieht, was sich besonders an Ian als weiteren der vier Hauptfiguren festmachen lässt. Die Ausgestaltung der Gegenseite ist es jedoch, was diesen Band ausmacht, sowie auch die Zunahme weiterer Handlungsorte, die auch die große Japan-Liebe des Autoren hervorblitzen lässt, geschweige denn von praktisch filmreif durchchoreografierten Kampfszenen. Wobei, da könnte noch mehr gehen.

Lucian Mason ist zugleich Handlungstreiber, doch zunehmend bestimmen auch die Perspektiven anderer Figuren das Geschehen, welches in sich schlüssig ist, wenn auch mancher Übergang noch glatter daherkommen könnte. Trotzdem gelingt Patric J. Kaaf auch hier ein Spannungsbogen, der diesen Band nicht zu sehr nach Mittelstück aussehen lassen, woran viele vergelichbare Reihen in dieser Höhe einfach kranken. Das ist hier hoch anzurechnen. Auch die Einarbeitung von Rückblenden oder Buchsichten (Ja, die.) fügt sich hier logisch.

Die Zunahme von Handlungsorten erweitert die magische Welt, macht sie noch fassbarer, wobei dies auch der Tatsache geschuldet ist, dass in Teilen Band 3 ein magischer Roadmovie ist, dem man einfach gerne folgt. Cliffhanger verbinden dabei gekonnt die einzelnen Kapitel, deren Szenerien gut vorstellbar sind. Auch hierbei wird kein unnötiges Wort oder gar eines zu viel verloren.

Vom Gefühl her würde ich diesen Band noch zu den für jüngere Jugendliche geeigneten zählen. Wie es mit Teil 4 aussieht, darf man gespannt sein. Folgt da ein harter Bruch oder schafft es der Autor das Mitwachsen des Lesepublikums ebenso fließend zu gestalten, wie es ihm bisher gelungen ist? Das eine solche Wendung naht, lässt zumindest die zunehmende Rasantheit vermuten. Hier darf man gespannt sein, aber auch, welche Prüfungen magischer oder anderer Natur Lucian und seine Freunde noch bestehen werden müssen und wie sich deren Verhalten mit zunehmenden Alter und weiterer Erkenntnis verändert.

Alleine diese Fragen schon lohnt ein Blick in die nächsten Bände, die hoffentlich genau so spannungsreich wie vielschichtig werden. Man freut sich jedenfalls nach diesem auf weitere Abenteuer von Lucian und seinen Freunden.

Autor:

Schon immer von Games und Filmen fasziniert, wollte Patrick J. Kaaf in diese Branche Fuß fassen. Als dies nicht funktionierte, begann er auf Anregung hin, seine Ideen aufzuschreiben. So entstand u. a. sein Roman „Lucian Mason und der Splitter des Schicksals“, der den Auftakt einer neuen Fantasy-Reihe bildet.

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Patric J. Kaaf: Lucian Mason 2 – Und der Baum der Erinnerungen

Inhalt:

Lucian Mason kehrt nach Moridan zurück, doch diesmal ist alles anders. Nach seinem triumphalen Sieg über Sivenna erwartet Lucian ein ruhiges Schuljahr. Doch das Schicksal hat andere Pläne. Zusammen mit seinen Freunden wird er mit Geisterproblemen, Lichtklingen, Monstern und Streit konfrontiert. Eine mysteriöse Katze und ein geheimnisvoller Wolf kreuzen seinen Weg und stellen ihn vor ungeahnte Herausforderungen. Als Lucian plötzlich an einem Ort landet, wo ein gewaltiger Baum auf ihn wartet, muss er erneut seinen Mut beweisen. Das Abenteuer, das vor ihm liegt, übersteigt alles, was er sich je vorstellen konnte.

Tauche ein in eine magische Welt und erlebe ein Abenteuer voller Magie, Geheimnisse und Mut.

Denn wir sind Moridan.
(Klappentext)

Bücher der Reihe:

Patric J. Kaaf: Lucian Mason 1 – Und der Splitter des Schicksals
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 2 – Und der Baum der Erinnerungen
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 3 – Und der Turm des Schatten
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 4 – Und das Erwachen der Finsternis

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Rezension:

In der Tradition typischer Internatsliteratur mit magischen Einsprengseln entführt uns Patric J. Kaaf erneut in die magische Welt Lucian Masons ein, der nun nach einem turbulenten ersten sein zweites Schuljahr im magischen Moridan beginnen soll. Die Geschichte, die erneut Coming of Age und Jugendliteratur gekonnt in eine Urban Fantasy einbindet, zeigt, wie eine Fortsetzung gelingen und ein zweiter Band keineswegs immer der schlechtere einer Reihe sein kann.

Dabei treten zu Beginn wieder Akteure auf, die für den Verlauf der Erzählung eine Rolle spielen werden, ohne zu viel vorweg zu nehmen, gleichzeitig gelingt es dem Autoren Lesende in den Bann einer Handlung zu ziehen, die zugleich ihre dunklen Schatten vorauswirft, ohne die jenigen zu verlieren, deren magische Reise mit den Auftaktband schon eine ganze Weile her ist.

Eine zusammenfassung der bisherigen Geschehnisse bekommt man praktisch innerhalb des Anfangs der Geschichte mitgeliefert, so dass ein schneller Wiedereinstieg gelingt und man sich voll und ganz den Charakteren, ihren Abenteuern und den Herausforderungen widmen kann, vor denen diese stehen.

Wieder im Vordergrund steht der titelgebende Hauptprotagonist, der auch hier empfindsamer und vielschichtiger sein darf, als auch wortwitziger auftreten darf, als dass eine gewisse Figur eines britischen Epos‘ sein darf, was eine Wohltat ist, ebenso wie die feine Zeichnung von Nebencharakteren, die noch mehr Raum bekommen, ebenso Herausforderungen zu bestreiten. Lucians größte, sich auf Ruhmeszuschreibungen einzulassen und auch Neid und Missgunst zu widerstehen, zugleich seinen Gerechtigkeitssinn zu Tage treten zu lassen, gelingt hier durch den gesamten Handlungsstrang hinweg, der mit zunehmender Seitenzahl ordentlich am Tempo zieht.

Nebst der Darstellung der Charaktere muss das Worldbuilding hervorgehoben werden, sowie das Magiesystem, welches eine ganz besondere Rolle in diesem Band bekommt. Der Herausforderung, eine Lichtklinge zu erlangen, mächtiges magisches Instrument dieser Welt, sind nicht alle Schülerinnen und Schüler gewachsen, aber auch Grundlage und Handlungstreiber für allerhand Abenteuer, in denen sich Lucian ohne es zu wollen, wiederfindet.

Hier nicht den Faden zu verlieren, ohne größere Logikfehler und unglaubwürdigen Wendungen, hat funktioniert. Auch merkt man deutlich, wie sich Schreib- und Erzählstil Patric J. Kaafs verbessert haben, trotzdem der Auftaktband und dieser als Fortsetzung natürlich nur zusammen funktionieren.

Die temporeich erzählten Kapitel fördern eine Lesegeschwindigkeit, durchsetzt mit zahlreichen Spannungsmomenten, auch Gegensätze funktionieren in diesem Setting gut. Trotz eingearbeiteten Lektorat stößt man hin und wieder aber auf Rechtschreibfehler, trotzdem meine ich auch hier eine Besserung im Gegensatz zum Erstling zu bemerken. So widmet man sich, wenn man denn stolpert, schnell wieder den Kampf zwischen Gut und Böse, Lüge und Wahrheit und Lucians Willen, auch mehr über sich selbst herauszufinden und zu bestehen.

Auch spürt man das Brodeln unter der Oberfläche, wobei die Herausarbeitung des Temperaments vom besten Freund der Hauptfigur mal witzig, mal erschütternd ist zu verfolgen, jedoch immer gelungen. Man fiebert mit. Man leidet mit. Auch ist man mal wütend. Das schafft eine teilweise sehr filmische Beschreibung. Lucian Mason als Miniserie wäre hier sehr gut vorstellbar.

Zeitebenen und Perspektiven wechseln, rahmen vor allem die Geschichte ein, um sich dann und wann zu berühren und am Ende teilweise zu verschwimmen. Wenn man junge Jugendliche als Zielgruppe ansetzt, könnte das durchaus eine Herausforderung beim Lesen bedeuten, auch ist die stetige unterschwellige Bedrohung und Düsternis ein Markenzeichen des Bandes, der mit seinen Beschreibungen von Auseinandersetzungen an japanische Kampfszenen erinnert. Auch das ist ein Element, welches selten so gelungen beschrieben wird.

In diesem Zusammenspiel funktioniert diese Fortsetzung des Auftaktbandes noch besser, da insgesamt rasanter aber auch harmonischer wirkend. Gerne bleibt man dran, um mehr über Lucian und die magische Welt zu erfahren, der behutsam neue Elemente hinzugefügt werden, deren Ausgestaltung Patric J. Kaaf im Verlauf der Reihe noch weiter forcieren wird. Einige Nebenfiguren, auch neue, bekommen so mehr Raum, auch gelingt es dem Autor sich in den passenden Momenten zurückzunehmen und diese in den Vordergrund treten zu lassen.

Habe ich für den Auftaktband noch wohlwollende vier Sterne gegeben, hält diese Bewertung nun auch unter Zuhilfenahme strengerer Gesichtspunkte stand. Dass ich praktisch eine Version mit Anmerkungen des Lektorats erhalten habe, dürfte der Aufregung einerseits, andererseits meinem Kaufverhalten geschuldet sein. In einer späteren Version sind sie nicht mehr anzutreffen.

Die Reihe lohnt sich folglich, sie weiter zu verfolgen, zudem gerade aus dem deutsprachigen Raum ich wenig vergleichbares gefunden habe. Auch wer bestimmte Urban-Fantasy-Elemente in Verbindung mit einer Coming of Age Geschichte sucht, wird hier fündig werden. Abenteuersuchende ohnehin. Denn, wir alle sind Moridan.

Autor:

Schon immer von Games und Filmen fasziniert, wollte Patrick J. Kaaf in diese Branche Fuß fassen. Als dies nicht funktionierte, begann er auf Anregung hin, seine Ideen aufzuschreiben. So entstand u. a. sein Roman „Lucian Mason und der Splitter des Schicksals“, der den Auftakt einer neuen Fantasy-Reihe bildet.

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Murmel Clausen: Leming

Inhalt:
Sie ist nicht so leicht, diese Sache mit dem Leben als geradenoch-Teenager: Kolja, Verena und Reinhold treffen in einem Suizid-Forum im Internet aufeinander. Gemeinsam wollen sie, um dem Ganzen ein passend dramatisches Ende zu setzen, an den Plattensee, um in einen erloschenen Vulkan zu springen. Nur dass Kolja eigentlich mitfährt, um die anderen beiden von dem Vorhaben abzubringen. Doch können eine chaotische Reise in einem getunten Audi, ein toter Opa, eine wilde Partynacht am Balaton, eine Sonnenfinsternis und letztlich ihre Freundschaft Verena und Reinhold neuen Lebensmut schenken? (Klappentext)

Rezension:
Knallhart ehrlich und brutal im Umgang mit seinen Protagonisten ist das vorliegende Jugendbuch „Leming“, von Schriftsteller und Drehbuchautor Murmel Clausen, der sich behutsam einer Thematik widmet, die schon eine Altersgruppe weiter schwierig zu händeln ist. Doch liest sich diese kleine, aber feine kompakte Erzählung über Suizidalität erstaunlich leichtgängig und kann damit einen Anker für junge Menschen schaffen, einen Anknüpfungspunkt für Gespräche zu finden.

Ein solcher Anker im Buch ist Kolja, Hauptprotagonist des Romans, der sich vor allem von seinem Vater unverstanden fühlt, ansonsten jedoch seine Rolle bereits zu Beginn der Geschichte gefunden hat. Er ist die gute Seele eines düsteren Forums, in dem sich Menschen über suizidale Gedanken austauschen, redet auf dessen Mitglieder ein und versucht sie so von manch einem angestrebten allerletzten Schritt abzuhalten.

Fein ausgearbeitet erfahren wir nach und nach mehr über sein Leben un dessen Sicht, aus der wir der Erzählung begegnen. Wir begleiten ihn auf einen Roadtrip Richtung Ungarn, in dem er versuchen wird, zwei Mitglieder des Forums, denen er sich nahe fühlt, unter Vorgabe, dass er ebenfalls einen Schlusspunkt ans Leben setzen wolle, von eben diesem abzuhalten. Doch ist dies überhaupt eine händelbare Aufgabe für einen Jugendlichen oder nicht doch mehrere Nummern zu groß?

Diese Frage schwingt über die gesamte Erzählung immer mit, die von der Dynamik des Hauptprotagonisten im Zusammenspiel mit zwei weiteren Nebenfiguren lebt, die nach und nach an Ecken und Kanten gewinnen. Sie alle sind nachvollziehbar gezeichnet, wankend in ihren Gefühlswelten, ebenso ist der Abstand vom Alter der Protagonisten glaubwürdig in ihren Charakteren dargestellt.

Reinhold als Ältester wirkt abgeklärt und in seinem Willen klar, während Kolja als Jüngster in seinen Gedankengängen schwankend und zuweilen unsicher dargestellt wird. Das macht die Figuren fassbar, auch wenn der Autor nur wenige Seiten braucht, um um sie herum eine sehr einnehmende Sogwirkung zu entfalten. Tatsächlich lässt sich dieser kleine Roman flüssig lesen. Die ernste thematik wird dabei immer wieder unterbrochen von Stellen mit Leichtigkeit und durchaus feinsinnigen Humor. Dadurch ist die Geschichte nicht nur für die Zielgruppe, sondern auch darüber hinaus lesbar.

In die Figuren kann man sich gut hineinversetzen. Der Hauptprotagonist ist hier Taktgeber und guter Beobachter. Zwar ahnt man durchaus schnell, wie die Erzählung ausgehen wird, doch liegt das am Genre und der Zielgebung des Autoren selbst, der ein eigenes Erlebnis zum Schreibanlass genommen hat. Am Ende des Buches stehen dann auch Hinweise und Links in Form von QR-Codes zur Telefonseelsorge als Zeichen, dass man mit seinen Sorgen nicht allein sein muss und es durchaus Hilfsangebote da draußen gibt. So ist dieses Buch Gesprächsangebot und Denkanstoß zugleich, auch wohl sehr gut in Schulen als Diskussionsanstoß denkbar.

Das liegt an der Ausgestaltung und Nahbarkeit der Protagonisten, ebenso am filmischen Schreibstil, der die wenigen Handlungsorte sehr plastisch vor Augen führt. Irgendwie passend, dass der Autor die Schein- und Trostlosigkeit des Balatons genommen und zumindest bei mir einen sehr ermüdenden Balaton-Urlaub in Erinnerung gerufen hat. Hier gibt das einmal Pluspunkte. Jedenfalls kann man sich das alles gut vorstellen. Murmel Clausen spielt da seine Profession als Drehbuchautor sehr in die Hände. Auch hat er damit unglaubwürdige Wendungen und Sprünge vermieden, wenn man einmal von der Vorhersehbarkeit absieht, die in diesem Genre fast gegeben zu sein scheint. Trotzdem fühlt sich „Leming“ in etwa so an, wie ein „Tschick“. Nur eben düsterer.

Dieses Buch hat das Zeug zur Schullektüre, spricht vor allem Jugendliche an, kann aber dennoch darüber hinaus gut gelesen werden, ohne großartig Abstriche machen zu müssen. Es ist Murmel Clausens Aufforderung über ein gesellschaftliches Tabu ins Gespräch zu kommen, was nur selten aufs Tableau gebracht wird, wenn überhaupt, dann, wenn es bereits zu spät ist. Die Ausgewogenheit zwischen der Schwere der Hauptthematik und die Leichtigkeit eingestreuter, auch fröhlicher Momente, macht die Erzählung dem zugänglich.

Man darf sich mehr solche kleinen aufs Wesentliche konzentrierte Geschichten wünschen, die vor allem ihre Zielgruppe ernst nehmen. Es wäre für uns alle ein Gewinn.

Anmerkung: Bei der Altersempfehlung würde ich ab 12/13 Jahren ansetzen.

Autor:
Claus-Henric „Murmel“ Clausen wurde 1973 in München geboren und ist ein deutscher Drehbuch- und Romanautor. Zunächst arbeitete für das Radio, nevor er gemeinsam mit Michael Herbig, Rick Kavanian und Christian Tramitz Drehbücher für verschiedene Fernsehshows zu schreiben begann. 2012 erschien sein erster Roman, dem weitere folgten, sowie Drehbücher zu mehreren Tatorten. Für seinen Roman „Leming“ wurde er 2024 mit dem Kinder- und Jugendbuchpreis „Luchs“ von Radio Bremen und der Zeitung „Die Zeit“ ausgezeichnet.

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Birge Tetzner: Fred im alten Rom

Inhalt:
Mit dem Nachtzug nach Rom! Gleich nach ihrer Ankunft begeben sich Fred und Opa Alfred auf die Spuren der alten Römer. Auf dem Forum Romanum beginnt die Tour. Über Jahrhunderte war dieser Platz der Nabel der Welt. Wie sah es damals hier aus, als die Caesaren sich mit prunkvollen Triumphzügen feiern ließen?

Im Kolosseum führt die Bauforscherin Flavia die beiden hinter die Kulissen ins Untergeschoss. Fred darf sogar mit einem nachgebauten Aufzug in die Arena fahren. Doch plötzlich ist alles anders: Er hört Wildkatzen fauchen und Bären brüllen. Als der Aufzug wieder nach unten fährt, weiß Fred, dass er im alten Rom gelandet ist! Er wird der Gehilfe des Medicus und zieht sogar in die Gladiatorenschule ein. Der fiese Imperator Commodus hat sich für die Festspiele eine besondere Attraktion ausgedacht. Da hat Fred eine Idee. Wird sie funktioinieren? (Klappentext)

Rezension:
Kaum, dass Fred aus der Wikingerzeit zurückgekehrt ist, steht schon die nächste Reise an. Der Junge und sein Großvater wollen die Stadt von Romulus und Remus erkunden und auf den Spuren der Cesaeren wandeln. Mit den Nachtzug geht es in die ewige Stadt, die schon so viel gesehen hat und auch die beiden wollen auf historischen Pfaden wandeln. Doch wieder einmal taucht Fred überraschend tiefer in die Geschichte ein als er eigentlich wollte, und erlebt die Zeit der Gladiatorenkämpfe hautnah.

Ein spannender Blick in die Vergangenheit und ein großes Abenteuer, dies sind die Kinderbücher der Schriftstellerin Birge Tetzner. Auch diesmal entführt die Autorin ihre junge Leserschaft hinein in eine faszinierende Epoche und zeigt mit dem Blick eines Jungen eine der faszinierenden aber auch harten Seiten der antiken Metropole.

Einer vergleichsweise ruhigen Einführung in die Gründungslegende Roms folgt eine spannende und temporeiche Zeitreise für den jungen Protagonisten, während der es viel zu entdecken gibt. Wie lebte es sich in und unweit des Kolosseums? Wie bereiteten sich die Glaidatoren für ihren Auftritt und ihre Kämpfe vor und welches Schicksal wartete auf Sieger und Besiegte? Mit Unterstützung zahlreicher kräftiger Illustrationen von Karl Uhlenbrock wird auch in diesem Teil, welchen man wie gewohnt von den anderen losgelöst lesen kann, Geschichte lebendig. Dabei ist die Hauptgeschichte sanft in eine fassbare Rahmenhandlung eingebettet.

Fred selbst dient, zusammen mit den ihnen umgebenden Protagonisten, in derer man sich gut hineinversetzen kann, als Identifikationsfigur. Neugier, Ideenreichtum, Mut über sich selbst hinauszuwachsen und etwas zu wagen, zeichnet den Protagonisten aus, den man gerne folgen muss. Auch werden wieder ohne hoch erhobenen Zeigefinger Werte wie Freundschaft und Vertrauen vermittelt. Zusätzlich vermitteln zahlreiche Infoboxen zahlreiches Wissen, unterstützt durch diesmal einen sehr umfassenden Informationsteil zum Römischen Reich und einen ebenso detaillierten Begriffe-Glossar. Auch hier erweist sich wieder, die Zielgruppe wird ernstgenommen, was sich auch an den Figuren festmachen lässt, die einem mit ihren Gegensätzen konfrontieren.

„Fred im alten Rom“, gibt es auch als Hörspiel. (Quelle: ultramar media)

Neben den Hauptprotagonisten erscheinen die für die Handlung wichtigen Figuren mit Ecken und Kanten, auch gibt es wieder eine junge Identifikationsfigur im Alter Freds, sozusagen als Äquivalent. Nur mit den Gegenspieler wird der Junge diesmal nicht direkt konfrontiert, doch schwebt dieser als latente ständige Bedrohung über die Köpfe der Protagonisten. Dies auszubalancieren ist der Autorin gelungen, zudem eingebettet in eine Welt, die allein durch derer Beschreibungen lebendig wird. Orte und Figuren sind gleichermaßen detailreich beschrieben. Gerade wer die antike Stätte kennt, kann dem nachspüren. Auch als Reiselektüre für die Zielgruppe lohnt sich das sehr.

Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt, jedoch hauptsächlich mit dem Blick des titelgebenden Protagonisten. Ohne Lücken oder unlogischen Wendungen, wenn man einmal die kindliche Phantasie zulässt, ist das Eintauchen in die Zeit, in die Erzählung eingebettet und dabei grundehrlich. Trotzdem oder gerade deswegen wechseln sich spannungsreiche Momente regelmäßig mit ruhigen ab. Wer liest, bekommt Zeit durchzuatmen.

In dieser Mischung aus Erzählung und Abenteuergeschichte, Lexikon und Sachbuch funktioniert auch „Fred im alten Rom“, welches nicht nur eine spannende Zeitreise bietet, sondern auch gleich Ausgflugstipps zu römischen Stätten und darauf basierenden Museen in Europa. Eine ganze Epoche, und mit Freds Reise ein Teil davon besonders, wird so erleb- und beinahe fassbar. Hörbar auch, wenn man da möchte. Noch viel mehr Reisen in die Geschichte, so auch diese, können die Kleinsten auch als Hörspiel erleben.

Das Kolosseum bei Nacht. (Quelle: Privatarchiv)

Neben den zahlreichen Illustrationen, die in leuchtenden kräftigen Farben gehalten sind, ist auf den Innenseiten der Buchdeckel eine Karte des Römischen Reiches zur Zeit seiner größten Ausdehnung in der Antike zu finden, was das Leseerlebnis ebenfalls noch einmal abrundet. Die Liebe und das Interesse zur Geschichte, wird bei der Lektüre ebenso deutlich, wie die vorangegangene Recherche-Lust. Es wird sehr akkurat erzählt, anhand von Figuren, die es tatsächlich so gegeben haben könnte, und macht damit sicher nicht nur der Zielgruppe Spaß und Lust, das Kolosseum und das Forum Romanum selbst zu entdecken.

Für Groß und Klein auch hier wieder eine unbedingte Empfehlung.

Autorin:
Birge Tetzner ist Kunsthistorikerin, Autorin und Sprecherin. Sie spricht Reportagen, erstellt Interviews und verfasst Nachrichten, ist Autorin für Museen, Ausstellungen und Kinder(hörbüchern. Im Verlag ultramar media erscheinen von ihr Bücher und Hörbücher für Kinder.

Illustrationen:
Karl Uhlenbrock ist Illustrator und Designer für Kinderbücher, Museen und Unternehmen.

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Michaela Göhr: Fantastische Abenteuer 1 – Ein unglaubliches Band

Inhalt:
Timo findet sich eigentlich ganz normal. Und mal ehrlich – kann er was dazu, dass er zufällig blind ist? Eines Tages zieht im Nachbarhaus eine Familie mit einem Jungen in seinem Alter ein. Und der ist nun echt nicht normal! Alles, was Simon sich vorstellt, wird wirklich – egal, ob es sich um Schokotorte, Inline-Skates oder einen megastarken Riesen handelt. Schnell freunden sich die beiden ungleichen Jungen an und erleben aufregende Abenteuer zusammen. Eigentlich läuft alles perfekt – bis finstere Gestalten aus Simons Vergangenheit auftauchen und sowohl die Freunde als auch ihre Familien in große Gefahr bringen. (Klappentext)

Reihe:
Dies ist der erste Band der Kinderbuchreihe „Fantastische Abenteuer“, von Michaela Göhr. Parallel dazu gibt es eine Jugend-/Erwachsenenbuchreihe „Der Fantast“, die im Bereich Urban Fantasy den Protagonisten Simon durch sein Leben begleitet. Beide Reihen können unabhängig von einander gelesen werden.

Rezension:
Parallel zu der Urban-Fantasy-Reihe „Der Fantast“, ist aus der Feder von Michaela Göhr eine andere entstanden, die sich mehr an jüngere Leserinnen und Leser richtet. Mit „Fantastische Abenteuer“ sprengt die Autorin jede Einsortierung von sich selbst, in den Grenzen von Genres bis zu Zielgruppen und hat hier für Kinder eine ganz wunderbare Erzählung geschaffen, die die Kindheit der bereits in den Bänden für eine, nur etwas, ältere Leserschaft, noch einmal näher beleuchtet. Entstanden dabei ist eine Reihe über Freundschaft, Mut, Zusammenhalt und des über sich Hinauswachsens.

Nicht ganz so rasant wie in „Der Fantast“, lässt die Autorin hier die Geschichte aus Sicht des Freundes von Timo erzählen, der mit seiner Begabung, Dinge aus seiner Vorstellung heraus Wirklichkeit werden zu lassen, nicht nur das Zusammensein und Spielen zur Herausforderung werden lässt. Auch Begehrlichkeiten bei finsteren Menschen hat Simon längst geweckt, die seine Fantasie für ihre Zwecke einspannen wollen. Dies ist der Grund, warum der Junge und seine Familie in Timos Nachbarschaft ziehen.

Und Timo hat mit einer ganz eigenen Herausforderung zu kämpfen. Er ist blind und muss sich daher auf seine anderen Sinne verlassen. Doch sein neuer Freund wird ihn helfen, über sich hinauszuwachsen, sich auch mal etwas zu trauen, dabei jedoch als gleichrangig angesehen wird. Schon damit ist die Erzählung ungeheuer stark. Einw Einschränkung erzählt Michaela Göhr in ihrem kurzweiligen Roman nicht als Schwäche, sondern als Chance, zudem auch Timo sehr schnell die Rolle sowohl als Simons Korrekturat einnimmt. Zudem wird der Junge sehr schnell entdecken, dass auch der scheinbar perfekte Freund mit ganz eigenen Grenzen zu kämpfen hat.

Dies ist hier etwas anders herausgearbeitet als in der Jugendbuch- und Erwachsenenreihe. Eine Spur behutsamer. Während in „Der Fantast“, Simon, aus dessen Sicht heraus dort die Geschichte erzählt wird, manchmal eine Spur zu egositisch und sich selbst überschätzend, rüberkommt, wirkt hier der Wechsel der Perspektive sich wohltuend aus. Die Kindheit beider wird hier auf mehrere Bände gestreckt erzählt, in kompakten Kapiteln, immer wieder aufgelockert durch kleine Zeichnungen und im Anschluss mit einem kleinem Glossar, in denen vorkommende Begriffe, wie die Braille-Schrift, kindgerecht erklärt werden.

Nicht zuletzt die beiden Hauptprotagonisten sind auch hier feinsinnig ausgearbeitet, mit all ihren Schwächen und Stärken. Wie Inklusion funktioniert, natürlich im Sinne der Geschichte, zeigt die Autorin sehr unaufgeregt, ohne erhobenen Zeigefinger. Alle Figuren haben so ihre Ecken und Kanten. Selbst die Antagonisten sind nachvollziehbar gestaltet. Gegensätze, schon in Bezug der beiden Hauptfiguren zueinander, fügen sich in die Erzählung ein, ohne Lücken oder unerklärliche Wendungen entstehen zu lassen.

Insbesondere Timo ist als Identifikationsfigur gut herausgearbeitet. Nicht nur, dass man die Welt einmal aus einer gänzlich anderen Perspektive wahrnimmt, sondern auch seinen Gefühlen ob der Sprunghaftigkeit und Abenteuerlust, was milde ausgedrückt ist, seines Freundes gegenüber. Er ist schon ob seiner Voraussetzungen der ruhigere, überlegende nachdenkliche Part der beiden. Auch das ist hier als Plus-Punkt anzusehen, einmal einen solcher Art gestalteten Hauptcharakter zu haben.

Die Erzählung selbst ist nachvollziehbar und in sich schlüssig gestaltet. Rasante Momente wechseln sich hier etwas regelmäßiger als in „Der Fantast“, mit etwas ruhigeren ab. Diese gehören auch mit den darin formulierten Beschreibungen zu den stärkeren der Geschichte. Diese lebt insbesondere von kleinen Details, die ab und an eingestreut werden. Wie fühlt sich das an, wenn man, wortwörtlich, den Boden unter den Füßen verliert, den Grund dafür vielleicht zu wissen, aber eben nicht zu sehen? Das und anderes wird hier so ganz nebenbei kindgerecht erzählt und schafft „Einblick“ in eine sonst nicht oft zur Sprache gebrachten Welt.

Und trotzdem oder gerade deswegen kann man sich das Beschriebene bildlich gut vorstellen, sowohl was Orte als auch Figuren und ihre Handlungen angeht. Die Reihe funktioniert dabei für sich alleine, ebenso auch in Ergänzung zum parallel existierenden „Fantasten“. Hier ist Mitwachsen möglich. Wer Erzählungen für Kinder sucht, die unaufgeregt, Themen wie Inklusion und Freundschaft, Zusammenhalt, näherbringen, liegt hier in jedem Fall richtig. Auch die Einbindung fantastischer Elemente in die reale Welt funktioniert hier im Übrigen.

Michaela Göhr, die auch hier wieder Erfahrungen aus ihrer Arbeit in der Sonderpädagogik eingebracht hat, hat es mit diesem Buch noch einmal mehr geschafft, sich schriftstellerisch zu steigern und auch den Spagat zwischen Kinder- und Jugend- oder junger Erwachsenenliteratur hinzubekommen. Den fünften Stern möchte ich einmal offen lassen, um zu sehen, was da noch kommt.

Autorin:
Michaela Göhr ist eine deutsche Schriftstellerin und wurde 1972 im Sauerland geboren. Zunächst studierte sie Sonderpädagogik und arbeitet seit vielen Jahren an einer Förderschule Sehen. Mit dem Schreiben von Geschichten begann sie bereits in ihrer Kindheit. Ihren ersten Roman verfasste sie 2014. Seitdem schreibt sie Urban Fantasy für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

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Michaela Göhr: Der Fantast 1

Inhalt:
Simon erscheint auf den ersten Blick wie ein durchschnittlicher junger Mann. Seine mentale Kraft ist jedoch phänomenal: Alles, was er sich vorstellt, wird real, gegenständlich, lebendig! Merkwürdige, aufreibende Ereignisse sind seit seiner frühesten Kindheit an der Tagesordnung, was die verzweifelten Eltern dazu bringt, sich Spezialisten anzuvertrauen. Ein Entschluss, der das Leben der kleinen Familie in große Gefahr bringt. Simon wehrt sich auf seine ganz eigene Art. Seine Vorstellung wächst mit ihm, bis er mit der geballten Macht seiner Fantasie zurückschlägt …

Mit diesem Buch beginnt die spannende Lebensgeschichte des Fantasten, einem der ungewöhnlichsten Helden unserer Zeit. (Klappentext)

Reihe:
Dies ist der Auftaktband, also Band 1, der Reihe „Der Fantast“, der mit der Kindheit des Protagonisten beginnt und ein ganzes Leben erzählt. Parallel zu der aus fünf Bänden bestehenden Reihe, gibt es eine Kinderbuch-Reihe, die die Kindheit und Jugend des Protagonisten aus Sicht seines Freundes erzählt und breiter ausfächert, die hier mit Band 1 beschrieben ist.

Rezension:
In einer Mischung aus Fantasy-Roman und Jugendbuch nimmt Schriftstellerin Michaela Göhr ihre Leserschaft auf eine Reise voller Abenteuer und Gedanken, die die Welt verändern werden. Entstehen tun diese im Kopf des Protagonisten, der sie zu Gegenständen und Objekten formt, die wirklich werden, ohne sichtbar zu sein. Schon früh jedoch werden darauf andere aufmerksam, die diese Fähigkeiten für ihre eigenen Zwecke nutzen wollen. Mit zunehmenden Alter aber lernt Simon diese Kräfte immer besser zu formen und zu beherrschen, um für das Gute zu kämpfen. Gegen alle Widerstände.

Der Auftaktband, die seinen Fokus auf Kindheit und Jugend, bis hinein ins junge Erwachsenenalter des Protagonisten legt, ist eine Genre-Mischung par excellence und verbindet darüber hinaus auch noch zwei Reihen über Altersgrenzen hinweg. Mit „Der Fantast“ wird die Lebensgeschichte von Simon begonnen zu erzählen, der mit seiner ungewöhnlichen Begabung Begehrlichkeiten weckt, jedoch diese in etwas Positives umwandeln möchte, die davon abzweigende Reihe „Fantastische Abenteuer“ ist dagegen unter den Kinder- und frühen Jugendbüchern angesiedelt. Sie erzählt die Abenteuer der Kindheit und Jugend, aus Sicht des besten Freundes des Protagonisten, der trotz seiner Einschränkungen, Timo ist blind, im übertragenen Sinne zum Auge Simons, und auch dessen Gewissen, wird.

Doch mit „Der Fantast“ führt die Autorin in das Leben beider Protagonisten ein, die sich ob ihrer Einschränkungen und Begabungen gegenseitig ergänzen. Schon mit den ersten Konturen der Geschichte werden Ecken und Kanten der protagonisten sichtbar, die bei aller beschriebener Perfektion, die Simons Fähigkeiten hervorzubringen scheinen, Risse und Herausforderungen erscheinen lassen. Oberflächlich scheint der Protagonist das Mary Sue Klischee in Reinform zu bedienen, doch gerade im Zusammen- und Gegenspiel zu anderen Figuren zeigt sich das Unperfekte, auch in den Charakterzügen Simons. Gerade wenn dieser zweifelt und an seine Grenzen gelangt, die, ja, in anderen Sphären liegen als die ihn umgebender Menschen, zeigt sich eine gewisse Bandbreite, woraus kurze Momente des Innehaltens entstehen. Hier hat Michaela Göhr nicht nur ruhige Augenblicke, sondern besonders starke Szenen geschaffen.

Die Antagonisten sind klar definiert, zum Teil jedoch vielschichtiger und wandlungsfähiger als der Hauptprotagonist selbst, wobei dieser durch die Autorin in den Folgebänden sicherlich noch weiter entwickelt wird. Trotzdem kann man sich in beide Seiten gut hineinversetzen, gerade auch in deren Zusammenspiel. Daraus entstehende Szenen bleiben eher im Gedächtnis, trotzdem die Geschichte kaum Atempause zulässt, was manchmal des Guten zu viel wirkt, als vorkommende Dialoge. Die Stärke des Romans liegt vor allem in der Beschreibung von Aktionen der Figuren.

Perspektivisch wird die Geschichte vor allem aus der Sicht Simons erzählt, während andere Sichtweisen nur durch Dialoge und Wortwechsel zum Tragen kommen. Das Erzähltempo schafft spannungsreiche Momente, die aneinandergereiht wie auf eine Perlenkette durch die Erzählung führen, was zwar ein flüssiges Lesen schafft, andererseits auf Dauer jedoch ermüdet. Kurz den Roman pausieren lassen, um dann weiterzulesen, sollte jedoch hier helfen. An der einen oder anderen Stelle hätten hier ruhigere Momente dem Text gut getan, aber auch hier muss man eventuell den Band im Kontext der Reihe oder, wenn man die Kinderbuchreihe dazu nimmt, von Michaela Göhr geschaffenen Welt betrachten.

Positiv hervorzuheben ist, dass keine größeren Lücken oder unlogischen Wendungen im Sinne der Geschichte zu finden sind, was einem nicht stocken lässt, im Gegensatz zu ein paar Schreibfehlern, die aber gut und gerne in darauf folgenden Auflagen korrigiert werden könnten. Ansonsten fallen diese nicht weiter ins Gewicht.

Michaela Göhr beflügelt jedoch die Fantasie. Wenn Gedanken wirklich werden könnten, was würde man selbst damit anfangen? Beginnend beim Schokoeis, welches dann tatsächlich sich so anfühlt und auch so schmeckt wie echtes, ansonsten aber unsichtbar ist, bis hin zu Gegenständen oder Fluggeräten. Würdet ihr euch in einen Hubschrauber setzen, den ihr zwar fühlen, berühren, dessen Türen ihr öffnen, ihn aber ansonsten nicht sehen könntet? Und wenn er euren eigenen Kopf entspringen würde?

Mit ein paar Abzügen in der B-Note, jedoch Potenzial nach oben, zieht dieser Roman mit diesen Gedankengängen in die Geschichte hinein, zudem man sich das alles vorstellen kann. Noch spannender wird es dann sicher im weiteren Verlauf, wenn noch mehr Facetten, vor allem von Simon, sichtbar werden.

Da „Der Fantast“ sich weder an normale menschliche noch an Genre-Grenzen hält, ist diese Urban-Fantasy-Erzählung sowohl im Jugendbuchbereich lesbar, mit leichter Gewichtung zum zweiten. Elemente wie Freundschaft, Zusammenhalt, Mut und Über-sich-Hinauswachsen und ja, auch das Erkennen von Möglichkeiten und das Treffen von Entscheidungen werden hier thematisiert. Sehr viel schon für einen Auftakt, bei dem man gespannt sein darf, was Michaela Göhr in den Folgebänden daraus bereits gemacht hat.

In diesem Sinne gibt es hier gerne eine Leseempfehlung.

Autorin:
Michaela Göhr ist eine deutsche Schriftstellerin und wurde 1972 im Sauerland geboren. Zunächst studierte sie Sonderpädagogik und arbeitet seit vielen Jahren an einer Förderschule Sehen. Mit dem Schreiben von Geschichten begann sie bereits in ihrer Kindheit. Ihren ersten Roman verfasste sie 2014. Seitdem schreibt sie Urban Fantasy für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

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Birge Tetzner: Fred bei den Wikingern

Inhalt:
Irgendwo an einem Fjord in Dänemark lebte vor vielen, vielen Jahren der Wikingerjunge Ivar. Der Tag, an dem Fred zu ihm kommt, ist für Ivar ein trauriger Tag: Odin hat seinen Vater nach Walhall geholt – und das Dorf hat keinen Anführer mehr. Ivar muss ein schweres Erbe eintreten.

Wie soll er jemals ein so großer Krieger werden, wie sein Vater es war? Fred wird Ivar ein treuer Freund. Doch als der streitsüchtige Jarl Eirik sich rüstet, Ivars Dorf anzugreifen, brauchen die beiden schnell einen guten Plan. Fast ein Jahr bleibt Fred bei den Wikingern. Er hört die nordischen Sagas von Odin, Thor und Loki. Er lernt den Bootsbauer Harald kennen und erfährt von ihm, wie die Wikinger ihre schnellen Langschiffe bauten. Er trifft den grimmigen Knut (den er lieber nicht getroffen hätte) und die Seherin Thorbjörk. Bevor ein Jahr vergangen ist, warnt sie ihn, muss er die Wikinger wieder verlassen haben. Sonst wird es ihm nicht mehr gelingen. (Klappentext)

Rezension:
Nach Dänemark soll es gehen, doch als Freds Opa seinem Enkel mit auf die Reise nimmt, reist dieser gleich viel weiter. Ins Wasser, durch die Zeit gefallen, taucht der Junge in der Welt der Wikinger wieder auf, wo er doch eigentlich nur einen Ausflug auf einem nachgebauten Wikingerschiff unternehmen wollte. Ivar, dem Sohn des im Kampf gefallenen Stammesführers zum Geschenk gemacht, freundet dieser sich mit ihm an, als die Dorfgemeinschaft vor einer entscheidenden Auseinandersetzung steht. Nicht nur für Fred, der so das Leben und die Sagen der Wikinger kennenlernt, wird diese zu einer großen Herausforderung werden.

Buchtrailer zu „Fred bei den Wikingern“, von Birge Tetzner. (Quelle: Youtube ultramar media)

Das neu überarbeite Kinderbuch von Birge Tetzner entführt seine jungen Lesenden wieder einmal in ein spannendes Reiseabenteuer durch die Geschichte. Dabei ist diese vieles. Abenteuergeschichte, eine Erzählung über Freundschaft, Mut, Vertrauen und Gemeinschaft, zugleich jedoch auch Wissensvermittlung, wie sie spannender nicht sein könnte, ohne erhobenen Zeigefinger.

„Fred bei den Wikingern“ wirkt dabei auf mehreren Ebenen. Da wäre zunächst einmal die Geschichte selbst, die nicht nur mit den wunderbaren kräftigen Illustrationen von Karl Uhlenbrock aufwarten kann, sondern Protagonisten folgen lässt, die man sich sehr gut vor dem inneren Auge vorstellen kann. Mit den beiden Hauptfiguren, die man einfach nur gerne haben mag, kann sich die Zielgruppe wunderbar identifizieren. Junge Lesende dürften sich ernst genommen fühlen.

Ernste Fragestellungen, manchmal fast philosophische, werden hier auf Augenhöhe verhandelt und doch leicht verständlich vermittelt. Diesen müssen sich Fred und sein neuer Freund Ivar stellen, wie auch den erwachsenen Protagonisten, die ihrerseits mit Ecken und Kanten versehen sind und den fremden Jungen nach und nach in die Gemeinschaft aufnehmen und ihre Welt erklären. Passend zu den einzelnen Kapiteln wechselt das Erzähltempo. Man kann sich das gut als Hörspiel (was auch existiert) vorstellen. Eine sehr lebendige Sprache lässt sowohl Protagonisten und Landschaftsbilder vor dem inneren Auge entstehen.

Man fiebert mit Fred und den Wikingern mit. Werden diese den gefürchteten Jarl Eirik besiegen? Und wird Fred einen Weg finden, wieder in seine Welt zu gelangen? Letztere Frage schwingt immer mit, gleichzeitig möchte man jedoch mehr über die Welt der Wikinger erfahren. Auch das funktioniert sehr gut mit der Lektüre. Immer wieder gibt es an den Seitenrändern gut aufbereitete Wissenstexte, die verständlich formuliert sind. Autorin und Illustrator merkt man dabei viel Liebe zur Recherche und zum Detail an. Das beginnt mit der beinahe exakten Darstellung des Wikingerschiffmuseums Roskilde, bis hin zu den unterstützenden Informationstexten, die, als wäre das nicht schon genug, auch noch durch ein umfangreiches Glossar anhängt, welches ebenfalls kindgerecht aufbereitet ist.

Als spannende Abenteuergeschichte, Wissensvermittlung oder einfach nur zum Vorlesen, in die Illustrationen versinkend funktioniert „Fred bei den Wikingern“, dessen Hauptprotagonist in anderen Werken schon in die Eiszeit oder ins alte Rom hinein gereist ist, auch über die Zielgruppe hinaus. Und das ist einfach wunderbar.

Hier gehts zum Wikingerschiffsmuseum Roskilde: Hier klicken.

Autorin:
Birge Tetzner ist Kunsthistorikerin, Autorin und Sprecherin. Sie spricht Reportagen, erstellt Interviews und verfasst Nachrichten, ist Autorin für Museen, Ausstellungen und Kinder(hörbüchern. Im Verlag ultramar media erscheinen von ihr Bücher und Hörbücher für Kinder.

Illustrationen:
Karl Uhlenbrock ist Illustrator und Designer für Kinderbücher, Museen und Unternehmen.

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