Geschichte

Guido Knopp: Putins Helfer

Inhalt:
Wer sind die mächtigen Strippenzieher hinter dem russischen Präsidenten?

Über zweieinhalb Jahrzehnte nach seinem Weltbestseller „Hitlers Helfer“ porträtiert Guido Knopp in seinem neuen Buch nun die Mächtigen eines Reiches, das den Frieden in Europa mehr denn je bedroht: Putins Helfer.

Sie halten ihren Herrscher an der Macht, um selbst Einfluss zu nehmen und sich zu bereichern.

Es sind Oligarchen wie Roman Abramowitsch, die von der Nähe zum Diktator profitieren; routinierte Apparatschiks wie Sergej Lawrow, die als Sprachrohr ihres Herrn zu dienen haben – oder Kyrill der Erste, der als Patriarch von Moskau seine Kirche zum Erfüllungsgehilfen einer Diktatur macht. Sie alle sind Träger einer Tyrannei, die sich längst nicht nur nach innen richtet, sondern mittlerweile auch nach außen. (Klappentext)

Rezension:
Paladine, Träger und Garanten einer Herrschaft sind sie Mächtige in einem Reich, welches nach 1945 den Frieden in Europa mehr denn je bedroht. Sie alle stützen ein System und dessen Mann an der Spitze und sind gleichsam von dessen Willen und Launen abhängig. Putins Helfer verdienen dabei gut, auf den verschlungenen Pfaden zwischen entfesselten Kapitalismus und Korruption haben sie ein Vermögen angehäuft als Akteure einer Kleptokratie, die die russische Gesellschaft zerfrisst. Sie scheinen abhängig vom ehemaligen KGB-Offizier an der Spitze des Landes, doch könnten sie eines Tages einen Machtwechsel herbeiführen oder sich selbst nach oben katapultieren. Ebenso auch fallen. Schon mancher ist aus den Fenster gestürzt oder vergiftet worden. Der Journalist und Historiker Guido Knopp folgt den Spuren derer erstaunlichsten Figuren.

Und legt damit ein Zustandsbericht der russischen Führungsriege offen, eines engen Geflechts aus Wirtschaft, Politik und Militär, welche durch Korruption und mafiöser Methoden zusammen- und am Leben gehalten wird. Den sicheren Raum verlassend, den die Betrachtung bereits gelebter Personenbiografien bietet, gleicht die Lektüre hier einen Krimi. Das Sachbuch wurde 2023 veröffentlicht, längst müsste man zu einigen der beleuchteten Lebenswege Anmerkungen und Zusätze anfügen. Die Geschichte Prigoschins etwa, ist da als Beispiel zu nennen.

Sieben Personen aus Putins Umfeld werden in gewohnt kurzweiliger Form beleuchtet. Teilweise taucht man in Szenarien ein, die einem zuweilen an eine innere Form von Krieg und Frieden erinnern und gerade im Kontext der aktuellen Geschehnisse mehr als nur interessant zu betrachten sind. Unweigerlich zieht man Parallelen zwischen den dargestellten Personen, ebenso nach den „Vorbildern“ vergangener Diktaturen. Die Titel-Parallelität ist dabei bewusst gewählt und trifft, wie die Faust aufs Auge.

Recherchearbeit ist hierbei jedoch nicht leicht gewesen. Russlands Mächtige bleiben im Dunkeln, haben im Laufe der Jahren nur wenig von sich selbst verraten, weshalb sie im Gegensatz zu manch anderen Weg-Begleitern noch am Leben und auf einflussreichen Posten sind. Trotz Sanktionen und Auswirkungen, die sie eines Tages eventuell durchaus dazu treiben können, auf Putin jemand anderes folgen zu lassen. Spannend wird es immer dann, wenn weniger hierzulande bekannte Gesichter beleuchtet werden. Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche etwa, oder Russlands TV-Protagonist Nr. 1, Wladimir Solowjow, während man etwa von Lawrow ein Bild im Kopf haben dürfte.

Das Aufzeigen von Abhängigkeiten in einem kleptokratischen System ist Guido Knopp hier hervorragend gelungen, zudem er auch die Entwicklungen der jüngeren Zeitgeschichte Russlands nicht zu kurz kommen lässt. Zudem kann dieses Sachbuch als gelungenes Einführungswerk dienen, sich mit den darin beschriebenen Personen auseinanderzusetzen, um ein wenig den Kitt eines Systems zu begreifen, welches fernab aller Medienbilder agiert und mit Putin (über)lebt, zugleich aber auch dessen größte Gefahr sein könnte, wenn es denn wollte.

Autor:
Guido Knopp wurde 1948 geboren und ist ein deutscher Journalist, Historiker, Publizist und Moderator. Nach der Schule studierte er Geschichte, Politik und Publizistik und arbeitete zunächst als Redakteur verschiedener Zeitungen. So war er u.a. für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und der „Welt am Sonntag“ tätig. 1978 wechselte er zum ZDF und leidete ab 1984 die von ihm initiierte Redaktion „Zeitgeschichte“. Neben der Podiumsdiskussionsreihe „Aschaffenburger Gespräche“ verantwortete er zahlreiche Dokumentationsreihen zur deutschen Geschichte. Seit 2010 ist er Vorsitzender des Vereins „Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation.“ Guido Knopp erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. die „Goldene Kamera“ oder den „Emmy“. Er lebt mit seiner Familie in Mainz.

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David Böhm: Jetzt.

Inhalt:

Wie sieht die Zeit aus? Warum denken manche, sie haben keine? Wer hat die Uhr erfunden? Wie lange dauert das Jetzt?

Ein Buch über die Zeit, darüber, wie sich ihre Wahrnehmung verändert, darüber, was lange und was kurz dauert, was wir schaffen wollen und was wir die meiste Zeit unseres Lebens tun. Was Zeit für einen Hai, eine Eintagsfliege oder die Erdkugel bedeutet. Ein Buch über Bewusstsein, das immer genau jetzt geschieht, und darüber wie man das Universum nicht verschwendet.

Rezension:

Wer hat die Zeit erfunden und warum eigentlich? Wer festgelegt, wie lange eine Minute dauert und in welcher Zeitzone wir leben? Was machen wir eigentlich die ganze Zeit? Wann ist das Jetzt und wie lange dauert das? Wie viele Tage unseres Lebens versuchen wir einzuschlafen, schlafen tatsächlich oder verbringen wir auf Toilette?

Und wer hat die meiste Zeit, wer davon nur wenig? Der Autor David Böhm hat sich die Zeit genommen und ein Buch über die wahrscheinlich erste messbare Einheit geschrieben, die wir Menschen geschaffen haben, kuriose Fakten zusammengetragen und erklärt, warum für Erwachsene die Jahre immer schneller vergehen, für Kinder sich die Zeit bis zum nächsten Weihnachtsfest aber noch ewig zieht?

Wie lange dauert der Sommer auf dem Uranus, wie lange der Tag auf der Venus? Der Autor gibt uns ein Gefühl für etwas, was manche von uns gerne loslassen, andere ebenso festhalten möchten. Gelingt das? Unbedingt, David Böhm zumindest. Herausgekommen ist eine Mischung aus Kinder und Coffee Table Buch, Sachbuch und Kuriositätensammlung. Sinnvoller als mit diesem Buch kann man Zeit, wie viel davon, hängt von dir ab, kaum verbringen. Liebevoll gestaltet sind die Seiten.

Mal findet man eine Zeitleiste, dann wirft man einen Blick ins Universum und damit in die Vergangenheit oder treibt mit einem Eishai, der schon zu Shakespeares Zeitlegen durch die Tiefen des Ozeans. Nicht unbedingt Zeit für Konzentration, aber Zeit um zu versinken, braucht man für die Lektüre, die sowohl ins Kinderbuchregal hinein passt als auch die eigenen Sachbücher ergänzt. Eine Reise durch die Welt im Takt, schlagende Stunden und immer die Frage nach dem, was sein wird? Oder wäre, wären wir unsterblich?

Böhm nimmt uns mit, kurze kompakte Texte, eingebettet in wunderschöne Grafiken, und Fotos, die den Rahmen vorgeben, den Takt der Lektüre. Daran muss man sich natürlich nicht halten. Nacheinander lesen, okay. Aufblättern und spontan umgeschlagene Seite lesen, auch okay. Hier kann, sollte man sich die Zeit nehmen und wenn diese nur einen kurzen Moment lang ist. Ups, schon vorbei. Oder bist du noch mittendrin? Welche Zeit läuft in dir drin? Und draußen, in der Welt? Zeit für Fragen also, eine Frage der Zeit.

Zeit für dieses Buch. Nimm sie dir.

Autor:

David Böhm ist Absolvent der Akademie für Bildende Künste in Prag. Sein umfangreiches künstlerisches Werk wurde bereits in Galerien in New York, Berlin und Kiew ausgestellt.

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Hubert C. Kueter: Mein verdorbenes Blut

Inhalt:
Als Horst im Jahr 1936 sechs Jahre alt ist, verstirbt sein deutscher Vater, und er bleibt mit seiner jüdischen Mutter in Breslau. Dort überleben sie die Kriegsjahre. Nach dem Krieg fliehen sie wie viele Deutsche nach Westen. Im Nachkriegsdeutschland erleben sie wieder Antisemitismus. Horst entwickelt einen starken Überlebensinstinkt, der ihm in vielen Situationen hilft, seine Familie und Freunde vor Hunger und Not zu bewahren. Sein Leben wird von seiner angeborenen Faszination für Kochkunst, Musik und Sport geprägt.

Der Roman ist mit Witz und Eleganz geschrieben, macht aber auch die tief sitzende Traurigkeit spürbar, die mit der Geschichte der deutschen Juden verbunden ist. (Klappentext)

Rezension:

Ihre „Fahrkarte nach Amerika“ im Gepäck, begeben sich Mutter und Sohn nach Kriegsende, zusammen mit einem russischen Offizier auf die Flucht gen Westen, möchten sie dort ein neues Leben, unbehelligt von Anfeindungen und Ausgrenzung beginnen. Krieg und Holocaust haben sie mehr schlecht als recht überstanden, nicht zuletzt auch durch Horsts Einfallsreichtum und Wagemut. Den werden sie auch im Westen Europas benötigen. Vor allem Horst aber ahnt nicht, wie weit der Schatten der Vergangenheit reichen wird.

Doch selbst bis dahin gibt es viel zu erzählen. Der Autor Hubert C. Kueter taucht tief ein in seine Familiengeschichte und hat damit eine Erzählung geschaffen, die zwischen Biografie, Historienschau und Kriegsroman pendelt, zudem für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen lesenswert ist. Dabei ist dies ein sich sehr rasant lesender Text, in dem der Schreibende viele Ereignisse in enger Taktung aufeinander folgen lässt. Krieg verzeiht nichts, sondern wirbelt die Menschen umher. Das begreift man sehr schnell. Immer wieder jedoch gibt es ruhige Momente, die einem durchatmen und hungrig werden lassen.

Ja, auch das ist „Mein verdorbenes Blut“, welches nicht nur vom Leben in der Schwebe erzählt, sondern auch ein großer kulinarischer Roman, den man nicht mit leeren Magen lesen sollte. Der Autor schon als Kind Liebhaber guten Essens lässt hier die ganze Fülle der schlesischen Küche aufleben. Nebst der im Roman ausgestalteten Protagonisten sind zahlreiche Speisen hier die Hauptfigur, worauf dann auch der Untertitel verweist.

Das macht großen Spaß, wie auch dem Kind und Jugendlichen Horst auf seinen Hamstertouren zu folgen und Zeile für Zeile ihn und anderen Figuren Konturen angedeihen zu lassen. Durchbrochen werden die Erzählungen durch Tagebucheinträge der Mutter, die auf ihre Art versucht, sich und ihren Sohn das Überleben zu ermöglichen, in einer von Wirren und zahlreichen Unsicherheiten geprägten Zeit. Auch ihre Person nimmt sehr schnell Gestalt an, während andere Protagonisten über die Länge des Textes Nebenfiguren bleiben müssen, gleichwohl der Autor um deren Rolle weiß. Die Konzentration indes auf das Wesentliche tut dem Lesen der Erinnerungen gut.

Wichtig sind solche Zeitzeugenberichte gerade heute und lange war es nicht möglich, diesen Text in deutscher Sprache zu lesen. Der Autor Hubert C. Kueter hat seine Lebensgeschichte, die da zwischen den Genres schwankt, bereits 2008 im Englischen veröffentlicht. Erst durch eine Crowdfunding-Kampagne konnten Übersetzung und Druck im Yalden-Verlag realisiert werden. Nicht nur deshalb wünscht man diesem Werk möglichst viele Lesende.

Kueter beschreibt sehr eindrücklich Geschehnisse und kann Orte vor dem inneren Auge entstehen, nicht zuletzt einem das Wasser im Munde laufen lassen, wenn es um Rezepte und der Formulierung von schlesischen und anderen Gerichten geht. Man müsste das Werk geradezu zusammen mit einem Stück Streuselkuchen erwerben können. Das wäre toll. Die Erzählung umfasst die Kindheits- und Jugendjahre des Autoren, wirkt dabei recht kurzweilig, auch da ständig etwas passiert. Ereignislos war die damalige Zeit ja nicht.

Traurigkeit über Verlorenes wechselt mit kindlicher Neugier und jugendlichen (Über-)Mut, der einem den Atem anhalten und im nächsten Moment herzhaft lachen lässt. Der Autor schaut zurück, doch wirkt es insgesamt als stünde man direkt neben ihn in seinen jungen Jahren und erlebe all jene Geschehnisse mit. Nicht nur ausführliche und detaillierte Beschreibungen derer tun ihr übriges dazu. Man kann sich das alles bildlich vorstellen. Gleichzeitig ahnt man nur, wie viel auch Düsteres die Mutter von ihrem Sohn fernhalten konnte. Auch diesen Anstrengungen setzt Kueter hier ein Denkmal, welches berührt.

Dieses Werk ist zum einem Lebensgeschichte und Autobiografie, Erinnerung und Kriegsroman, sowie ein Buch, welches von Jugendlichen wie von Erwachsenen gleichermaßen gelesen werden kann. Bedauerlich ist einzig, dass nicht weiter erzählt wird, wie es dem Autor danach ergangen ist.

Zudem habe ich gerade keinen Streuselkuchen. 

Autor:
Hubert C. Kueter wurde 1930 in Breslau geboren und wanderte nach dem Zweiten Weltkrieg nach Amerika aus. Dort studierte er Germanistik und war von 1965 an bis 1997 als Professor am Colby College in Waterville, Maine, tätig, wo er Deutsch und Literatur unterrichtete. Zudem betrieb er zwischen 1975 bis 2003 ein Restaurant. Nach dem Ruhestand verfasste er seinen Memoiren-Roman, den er 2007 veröffentlichte.

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Jochen Oppermann: Unglückliche Thronfolger

Inhalt:

Sie sind die Söhne von Alexander dem Großen, Julius Ceasar und Napoleon. Als Haupterben gewaltiger Reiche und ungeheurer Macht scheint ihnen die Welt zu Füßen zu liegen. Dennoch gelang es ihnen aber nie, auf die Sonnenseite der Geschichte zu treten. Doch woran lag das? Warum hatten sie keine Chance, zu den ganz Großen der Geschichte zu werden?

Anhand bisher weitestgehend unbeachteter Quellen beschäftigt sich das Buch erstmals mit diesen Fragen. Hinter den bloßen geschichtlichen Fakten ihrer Epoche werden auf diese Weise junge Menschen mit all ihren Hoffnungen, Träumen und Fehlern sichtbar. Sie erlebten Zeiten relativer Unbeschwertheit des Glücks, die von einem zum anderen Moment in ihr Gegenteil umschlagen konnten. Je nachdem, wie es das Schicksal „wollte“. (Klappentext)

Rezension:

Von Anfang an ein Spielball der Interessen wurde der Sohn Alexander des Großen etwa 13 Jahre alt, bevor er sterben musste. Auch einem Namensvetter, Alexej, der Sohn des letzten Zaren, erwartete viele Jahrhunderte später, ein grausamer Tod. Einer von vielen, völlig sinnlose Opfer von Zeitenwenden, der Taten ihrer Väter und daraus resultierender Folgen, manchmal auch ihres eigenen Charakters, wie etwa im Fall des Sohns von Napoleon. Nie war es ihnen, wenn überhaupt nur pro forma, symbolisch und für zu kurze Zeit, vergönnt, die ihnen zugedachte Rolle anzunehmen und auszufüllen.

Der Lehrer und Autor Jochen Oppermann hat sich mit einigen der Thronerben beschäftigt, deren Leben unglücklich verlaufen und eng mit den Umbrüchen von Epochen verbunden sein sollte. Herausgekommen ist dabei eine vielschichtige Sammlung von Kurzporträts, die uns durch die vergangenen Jahrtausende führen, ein jedes symptomatisch für seine Zeit.

In chronologischer Reinfolge arbeiten wir uns durch die Epochen, beginnend in der Welt der frühen Antike, bis hinein ins 20. Jahrhundert. Die Zeitspanne ist groß, die Auswahl an näher zu betrachteten Biografien muss begrenzt bleiben, um den Überblick zu waren, zudem zunächst ziemlich wage gehalten.

Gerade über die frühzeitlichen Figuren ist viel zu wenig bekannt, doch dank der kompakt gehaltenen Schreibweise muss sich der Autor nicht in Spekulationen ergehen, sondern hat gut lesbare und kurzweilig spannende Übersichten gehalten, die uns in die jeweiligen Epochen einführen und den Umständen, denen sich die einzelnen Thronfolger, bedingt der Historie zumeist männlich, ausgesetzt sahen und deren Zwängen sie nicht entgehen konnten.

Für ein gut recherchiertes historisches Sachbuch recht ungewohnt, beschreibt der Autor gefühlvoll die Lage und den Zerfall von Dynastien, denen die oftmals noch Kinder oder Jugendliche ausgesetzt waren, nicht aufhalten oder gar begreifen konnten. Tragisch sind die einzelnen Geschichten, etwa die des Sohnes Ludwig XVI., der seine Eltern nur um ein paar Jahre überleben sollte, um schließlich gerade einmal mit zehn Jahren doch noch zu sterben. Oppermann beschreibt nicht nur hier vor der Geschichte im Rückblick vollkommen sinnlos erscheinende Tode, den meisten Portraitierten traf zudem keine Schuld.

„Unglückliche Thronfolger“ kann jedoch nur ein Abriss des Wesentlichen sein, eine Art Einführung. Bedingt des Platzes dient dieses Sachbuch eher als Anstoß dazu, sich weiter tiefgehend mit den einzelnen Figuren zu beschäftigen. Etwa mit der Biografie Napoleons und seiner Familie lassen sich ganze Bücher füllen oder etwa auch mit dem Untergang der Stauffer-Dynastie, die nicht nur eine Tragödie vorzuweisen hat.

Nach zehnjähriger Recherche und Erarbeitung zahlreicher Quellen ist diese Sammlung trauriger Schicksale entstanden, deren einziger Fehler es ist, dass noch viel mehr Personen, es muss hier bei Beispielen bleiben, beschrieben werden könnten und die vorhandenen noch einer tiefergehenden Analyse lohnen, zudem ist die Nachbetrachtung mit ihren Vergleichen nicht in jedem Satz schlüssig, auch der eine oder andere Exkurs mehr, zwei sind zur Auflockerung der Thematik im Buch vorhanden, hätte die ohnehin interessante Lektüre noch gut ergänzen können. Trotzdem, wer einen Anknüpfungspunkt finden möchte, sich mit diesen sehr besonderen Figuren der Geschichte zu beschäftigen, macht mit Jochen Oppermanns Sachbuch nichts falsch.

Autor:

Jochen Oppermann wurde 1980 in Kaiserslautern geboren und ist ein deutscher Autor und Lehrer für Geschichte an einer Realschule. Im Jahr 2018 erschien sein Debüt „Im Rausch der Jahrhunderte – Alkohol macht Geschichte“, welches im In- und Ausland viel beachtetet wurde, zudem schreibt er für geschichtliche Magazine. In der Reihe „matrixwissen“ erschien sein Werk über den Deutsch-Französischen Krieg. Seine Bücher wurden bereits mehrfach übersetzt.

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Helene Yalden: Trifilij, seine Frau Tatjana und seine Töchter Marseillaise und Felitsata

Inhalt:
Die außergewöhnliche Geschichte einer Familie, deren Mitglieder mit ungewöhnlichen Namen gesegnet waren. Zusammen mit den Charakteren der Erzählung durchleben wir über einen Zeitraum von fast 100 Jahren glückliche und tragische Momente im Leben mehrerer Generationen und werden Zeugen wichtiger historischer Ereignisse. Familiengeschichten, die in der Familie von Trifilij von Generation zu Generation weitergegeben wurden, haben Einfluss auf die Nachkommen – auf ihren Charakter und ihren Blick auf die Welt. Es ist so wichtig, die Verbindung zwischen den Generationen innerhalb einer Familie aufrechtzuerhalten! (Klappentext)

Rezension:

Eine Zeitreise hinein in das Auge des Sturmes, von dessen Mittelpunkt man die Brüche und Wendungen zum Guten, aber eben auch zum Schlechten betrachten kann, mit der Sicherheit des Jetzt, macht die Autorin und erzählt von stürmischen Zeiten und glücklichen Momenten, vor allem aber von ihrer eigenen Familie, die sich immer wieder neu einrichten und arrangieren muss. Der sperrig erscheinende Titel stellt zugleich die Hauptprotagonisten vor, deren Wege wir durch die jüngere Zeitgeschichte Russlands begleiten dürfen, vom russischen Bürgerkrieg an, bis zu den Punkt, an dem die Autorin selbst zur Protagonistin wird.

Die zuweilen sehr nüchtern, dennoch von Liebe zu den einzelnen Personen durchdrängte Geschichte beginnt beim Familienoberhaupt, der sich für die Ideen des Kommunismus begeistern kann und an der Seite Stalins wiederfinden, ein Drahtseilakt, der ihn später indirekt zu Fall bringen wird und wandelt dann perspektivisch zu den starken Frauenfiguren der Familie, die diese nach ihm dominieren werden. Aus drei Perspektiven, eingerahmt von einer Art Vor- und Nachbetrachtung der Autorin selbst, wird erzählt, jede in ihrer sehr eigenen Tonalität. Anfangs wirkt der Text dadurch gewöhnungsbedürftig, so bald man hineinkommt, eröffnet sich jedoch ein großes und vor allem vielschichtiges Panorama.

Trotzdem wird man durch die den Perspektiven zugrundeliegenden Unterschiede zu einem Teil des Textes mehr Zugang finden als zu den anderen, zudem wenn bestimmte Begrifflichkeiten einfach nicht geläufig sind. Dem hat Helene Yalden jedoch Abhilfe geschaffen. Ein Glossar erleichtert die Lektüre und Einordnung, ein Fototeil am Ende dieser Familienbiografie tut das Übrige zur Auflockerung. Über allem stehen die Fragen, was macht die Vergangenheit, was machen die Entscheidungen unserer Vorfahren mit uns, was verbindet uns, was unterscheidet? Was zieht sich durch mehrere Leben innerhalb einer Familie? Was folgt daraus? Und was sagt dies auch über Region und Menschen aus? Was ist eigentlich Heimat? Ein Land, eine Region, etwas Unbestimmtes in uns selbst?

Große Fragen zwischen den Zeilen, auf die es vielleicht keine eindeutige Antworten gibt. Die Autorin dürfte diese für sich zumindest gefunden haben, eingebunden in detailreich geschilderten Alltagsbeschreibungen, Traditionen, hervorzuheben die Gefühlsbeschreibungen, die punktuell gesetzt, doppelt nachhallen. Das muss man mögen, dann hat man auf mehreren Ebenen durchaus eine gewinnbringende Lektüre.

Autorin:

Helene Yalden wurde in Russland geboren und lebt seit 1995 mit ihrer Familie in Deutschland. Die Verlegerin und Autorin ist Naturwissenschaftlerin und Verfasserin mehrerer naturwissenschaftlicher Publikationen.

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Max Richard Leßmann: Sylter Welle

Inhalt:
Ein allerletztes Mal wollen Oma Lore und Opa Ludwig ihren Lieblingsferienort Sylt besuchen, gemeinsam mit ihrem Enkel Max. Drei Tage. Zwei Generationen. Eine Insel. Und die Frage: Würden wir unsere Familienangehörigen auch lieben, wären sie nicht mit uns verwandt?
(Klappentext)


Rezension:

Wie wird es sein, der voraussichtlich letzte Urlaub, zusammen mit den Großeltern, zudem nach längerer Zeit des Nichtsehens? Verändert haben sollen sie sich, sagt sein Bruder zu ihm. Zum Guten oder zum Schlechten, haben sie abgebaut? Fordert das Alter von ihnen, die die Familie einst dominierten nun ihren Tribut?

Fragen, die zunächst unbeantwortet bleiben müssen, der Autor aber freut sich zunächst einmal auf das Zusammentreffen und die gemeinsamen Tage auf Sylt, mit Opa Ludwig und Oma Lore. Eine Reise, mit der er auf liebevolle, wie skurrile Momente zurückblicken wird.

Was macht es mit uns, wenn die die wir lieben, ihre Dominanz und Kraft verlieren, die, die wir einst von ihnen abhängig gewesen sind, nun die Rolle der Helfenden annehmen müssen? Max Richard Lehmann beschreibt mit „Sylter Welle“ den Moment, an dem dieser Punkt längst schon Faktum, die Schwere, diesen anzunehmen, aber immer noch vorhanden ist. Rückblicke helfen dabei, das Denken an liebevolle Gesten, aber auch Äußerungen, die man einmal als Kind hinnehmen musste, erst später einordnen konnte.

Es ist kein Roman, kein Sachbuch, auch keine Familienbiografie, die hier vorliegt, kein Buch, welches mit Melancholie und Schwere vollgesogen ist, wie die Apfelringe, die längst ihre Weichheit verloren haben und zusammen mit Zucker eine kompakte Masse ergeben, immer noch essbar.

Jede Zeile ist getränkt voller Liebe, eine Aneinanderreihung von Anekdoten, ruhig, besonnen, ohne Groll und nicht zu hart gegenüber der älteren Generation oder sich selbst. Max Richard Leßmann ist dabei ein genauer Beobachter, hält die im Strandkorb sitzende Oma Lore ebenso fest, wie die Marotten des Großvaters.

Der Urlaub als Punkt, gemeinsame Momente in den Erinnerungen abzuspeichern, bevor sie aus dem familiären Gedächtnis verschwinden. Bevor der Strandkorb sprichwörtlich abbrennt oder jemand der Angestellten merkt, dass sich statt der angemeldeten zwei noch ein dritter Gast im Hotelzimmer einquartiert hat. Unbezahlt natürlich.

Eine Hommage an die Großeltern, wie sie wohl viele von uns erbringen können, Kindheitserinnerungen kulminiert in Form von einer klebrigen Süßigkeit. Auch dazu gibt es wohl für uns lesend äquivalente Punkte. Eine Frage vielleicht bleibt am Ende. Für wen nun ist dieses Buch? Wahrscheinlich am allermeisten für den Autoren selbst. Und für andere, die ebenso eine Oma Lore und einen Opa Ludwig haben oder hatten.

Wer sind wir also ohne oder mit unseren Großeltern? Was macht das mit uns? Und mit ihnen? Manchmal ist ein Urlaub der perfekte Zeitpunkt, darüber zu reflektieren. Verpassen wir ihn nicht.

Autor:

Max Richard Leßmann wurde 1991 in Paderborn geboren und ist ein deutscher Sänger und Autor. Als Schüler gründete Leßmann zusammen mit Freunden eine Indie-Rock-Band, solo trat er erstmals 2017 in Erscheinung mit „Liebe in Zeiten der Follower“. Sein gleichnamiger Gedichtband erschien 2022 bei Kiepenheuer & Witsch. Leßmann lebt in Berlin, betreibt zusammen mit seiner Frau einen Podcast und schreibt zudem Songtexte für u. a. Ina Müller und der Band Madsen.

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Joachim B. Schmidt: Kalmann und der schlafende Berg

Inhalt:
Kalmann sitzt in der Tinte. Besser gesagt, er sitzt im FBI-Hauptquartier in Washington. Dabei wollte er eigentlich nur seinen amerikanischen Vater besuchen. Doch der lässt ihn hängen, und ehe Kalmann sich’s versieht, sitzt er wieder im Flugzeug zurück nach Island. Im Hohen Norden hat er aber auch keine Ruhe. Ein Mord ist geschehen, und die Spuren reichen zurück bis nach Amerika und in den Kalten Krieg. Und wer muss diesen explosiven Fall aufklären? Korrektomundo: Kalmann, der berühmte Sheriff von Raufarhöfn. (Klappentext)

Rezension:

Nach der Geschichte mit dem Eisbären hat man ihn die Mauser abgenommen, auch rausfahren zum Eishaiangeln darf er nicht und so findet sich der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn auf den Parkplatz eines Einkaufzentrums wieder. Dort soll er für Ordnung sorgen und wer könnte sich da besser eignen als er, Kalmann. Der steht jedoch bald vor ganz anderen Herausforderungen.

Das Kennenlernen seines Vaters endet in einem Verhörraum des FBI. Selbstredend, dass nach seiner Ankunft auch zu Hause die Dinge aus dem Ruder laufen. Kalman jedoch folgt den Spuren und stößt nicht nur auf einen mysteriösen Fall, sondern auch den dunklen Schatten der Vergangenheit Islands.

Der neue Band des isländisch-schweizerischen Autoren Joachim B. Schmidt ist eine, im Vergleich zum Vorgänger, durchaus temporeich scheinende Fortsetzung mit einem liebenswerten Protagonisten, der durch Ecken und Kanten, vor allem aber durch seine klare Sicht auf die Dinge um ihn herum besticht.

Dieser besondere Blick, hervorgerufen durch die Eigenarten der Hauptfigur, die im Erstling durchaus diffus erscheinen, wurden hier konzentriert in die Geschichte eingearbeitet, was dem Werk sehr zu Gute kommt. Der Autor kennt sich aus und gibt seinen Protagonisten Zeit, einzutauchen, um der Handlung so eine sehr besondere Dynamik zu verpassen.

Zum einen durch den temporären Ortswechsel als auch von der Zeit, in die Joachim B. Schmidt die Handlung angesetzt hat, bringen diese mit sich. Verwoben werden die Ausklänge der Pandemie mit den 6. Januar, als die Welt ungläubig nach Washington schaute und die Isländer auf eine im Rucksack steckende Fahne ihres Landes blickten, die aus dem Rucksack eines der Teilnehmenden des Aufruhrs steckte. Reale Ereignisse sind so hier kunstvoll in den Roman eingebunden, ohne überdreht zu wirken. Auch die Wendung innerhalb der Romanhandlung funktioniert.

Dreh- und Angelpunkt des Romans ist Kalmanns Sicht auf die Dinge, die, bedingt durch seine Einschränkungen so ganz anders ist als die seiner Mitmenschen, die damit interagieren müssen. Der Antagonist kommt dabei von unerwarteter Seite. Nichts ist wie es scheint zwischen isländischen Bergen. Der Protagonist ist auf seine Art und Weise zugänglich und macht es leicht, Lesende in seine Weltsicht einzufühlen.

Klare Sprache steht dabei im Kontrast zu wieder einmal wunderbar eingearbeiteten Landschaftsbeschreibungen, die nicht einmal kitschig wirken. Nur das Ende des Romans wirkt etwas over the top, ansonsten ist die Erzählung in sich schlüssig aufgebaut, ohne Logikfehler.

Joachim B. Schmidt verwandelt dies zusammen mit isländischen Kuriositäten in eine durchaus packende Erzählung, selbst Sprünge, wenn vorhanden, scheinen gewollt.

Die Geschichte funktioniert und hat in ihrem zweiten Band an Tempo gewonnen, auch die Ortswechsel bringen Spannungsmomente hinein, ob die etwas größere Konkretisierung des „Krankheitsbildes“ Kalmanns dienlich ist, muss man selbst für sich entscheiden. Der Hauptprotagonist wirkt in jedem Falle nahbarer. Noch mehr Geschichten vom Sheriff von Raufarhöfn wären wünschenswert.

Autor:

Joachim B. Schmidt ist ein Schweizer Journalist und Schriftsteller, der zunächst eine Ausbildung zum diplomierten Hochbauzeichner absolvierte. Mit einer Kurzgeschichte gewann er einen Schreibwettbewerb und veröffentlichte erstmals 2013 seinen ersten Roman. Als Journalist und Touristenquide arbeitet er in Reykjavik, Island, wohin er 2007 ausgewandert ist. Sein Roman „Kalmann“ erschien 2020 bei Diogenes.

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Saul Friedländer: Blick in den Abgrund – Ein israelisches Tagebuch

Inhalt:

Israel steht am Abgrund. Das Israel, das wir kannten. Saul Friedländer, der große Historiker des Holocaust, hat ein Tagebuch geschrieben, in dem er die aktuellen Ereignisse schildert und kommentiert, in Rückblenden aus der Geschichte des Landes, das er mit aufgebaut hat, erzählt, Konflikte analysiert und über Lösungen nachdenkt. Sein Tagebuch geht unter die Haut und jeden etwas an, dem an Israel liegt. (Klappentext)

Rezension:

Nicht nur außenpolitisch sieht sich dieses kleine Land vor ständiger Herausforderung, auch innen ist es kompliziert. Die Gesellschaft Israels, sie befindet sich im Zangengriff radikaler Kräfte und verschiedener Sichtweisen jüdischer Religion und ihren Interpreten. Die politischen Köpfe dieses Systems agieren eigensinnig, sind teilweise korrupt und das zieht sich bis in die obersten Ebenen des Staates hinein.

Im Jahr 2023 versucht sich der israelische Präsident an eine Justizreform, die ihn vor einem Gerichtsprozess bewahren soll, seine Koalitionspartner suchen ebenfalls Wege, sich und ihren Anhängern Vorteile zu verschaffen. Die Demokratie und der Pluralismus des Landes, sie bleiben auf der Strecke. Immer mehr Menschen protestieren.

Einige denken gar ans Auswandern aus dem Land, welches einst Heimstatt aller Juden sein wollte. Der Historiker und Schriftsteller Saul Friedländer beobachtet die gesellschaftlichen Spannungen aus der Ferne, analysiert und zieht Verbindungen zur Vergangenheit, die auch die eigene ist. Entstanden ist dabei ein hochbrisantes und komplexes Tagebuch, zugleich ernüchternd und erschreckend.

Als Außenstehender fällt es bereits schwer, die außenpolitischen Ereignisse zu sortieren und eine Übersicht zu wahren. Zu viel ist bereits passiert mit diesem Land, in der Innenpolitik sieht es dabei nicht besser aus.

Von Januar 2023 bis zum Juli 2023 beschreibt der Autor Tag für Tag das aktuelle Geschehen, welches einem fassungslos werden lässt, angesichts der Herausforderungen, mit denen in der Region ohnehin alle Akteure konfrontiert werden oder sich gegenseitig aussetzen.

Hoch komplex ziehen sich die Fäden der Handlungen israelischer Spitzenpolitiker, deren Agieren die Unfähigkeit von Regierenden manch anderer Länder wie vorausschauendes und überlegtes Handeln aussehen lässt. Schon für jene, die tagtäglich mit rassistischen Aussagen von Ministern konfrontiert werden, aus einem Land, welches es eigentlich rein von der Historie besser wissen müsste, ist dies schwer zu ertragen.

Ohne Vorkenntnisse, etwa der Ausrichtung einzelner Gruppen und Parteien innerhalb Israels ist der Zugang zur Lektüre jedoch überhaupt nicht gegeben, selbst wenn zwischendurch Saul Friedländer einen Rückblick wagt, um bestimmte politische oder religiöse Denkweisen zu erklären, die das Bild Israels im Innern heute beherrschen.

Eine Lektüre für zwischendurch ist schon rein thematisch nicht möglich, doch einige fehlende Teile im Gesamtbild werden uns Lesenden geliefert. Sehr schnell kommt man dahinter, welche Politiker zur Seiten treten müssten, damit das Land auch innenpolitisch in ruhige Fahrwasser gerät. Das Handeln, welches beschrieben wird, führt in die Isolation. Selbst enge Freunde Israels gehen auf Distanz.

Es ist eine hervorragende und differenziert ernüchternde Diagnose, die wenig Raum für Hoffnung lässt. Die Form des Tagebuchs verdeutlicht die immer tiefere Spaltung des Landes, innerhalb von Monaten. Ratlos bleiben die zurück, die letztendlich damit leben und irgendwann versuchen müssen, die Situation aufzulösen. Für Saul Friedländer auch ein Blick auf ein Israel, welches er immer weniger als das erkennt, was er einst mitgestaltet hat.

Die Analyse zieht sich zwischen den religiösen Ausrichtungen in Verbindung der politischen Wirkung, vor allem nach innen, was aber das äußere bedingt. Die Frage, was kommt, wenn der Bruch vollständig ist, muss in Friedländers Buch unbeantwortet bleiben. Israel braucht jedoch jetzt schon, so das Gefühl nach dem Lesen, eine Menge Glück, dies nicht auszuprobieren.

Autor:

Saul Friedländer wurde 1932 in Prag geboren und ist ein israelischer Historiker und Autor. Kurz nach der Besetzung der Tschechoslowakei flohen seine Eltern nach Frankreich, erst nach Paris, später in die unbesetzte Zone. Nach Verhaftungen ausländischer Juden 1942 wurde er in einem jüdischen Kinderheim, später einem katholischen Internat versteckt und überlebte so den Holocaust.

Mit 15 Jahren ging er mit gefälschten Pass nach Palästina und absolvierte eine dreijährige Militärzeit und studierte schließlich in Paris und Genf, wo er 1963 in Geschichte promovierte. In verschiedenen Positionen arbeitete er für den israelischen Staat und ist ein bedeutender Historiker und war Mitglied verschiedener Organisationen. Er erhielt u.a. den Dan-David-Preis und den Balzan-Preis, sowie den Geschwister-Scholl-Preis und den Preis der Leipziger Buchmesse.

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Sergej Lebedew: Titan oder Die Gespenster der Vergangenheit

Inhalt:
Die sowjetische und postsowjetische Zeit erzeugt mit ihren verdrängten Verbrechen fortwährend neue Ungeheuer und Gespenster. Sergej Lebedew folgt in seinen Erzählungen dem vergifteten Erbe der Sowjetunion und seinen unheimlichen Spuren in der Gegenwart.

Obwohl seine Geschichten jeweils für sich stehen, verbindet sie ein gemeinsames Thema, ein gemeinsamer poetischer Raum. In diesem Raum ziehen die Schatten der Vergangenheit ruhelos umher, und die Toten rufen fortwährend nach Gerechtigkeit. (Klappentext)

Rezension:
So groß wie das Land, so einengend ist der Raum, in dem sich die Menschen bewegen. Russland hat das Lebensglück der Menschen verspielt, in der Vergangenheit, in der Gegenwart.

Die Schreibenden finden ihren Platz für Kritik fast nur noch im Exil und so lebt auch Sergej Lebedew schon längst nicht mehr in Moskau, sondern in Potsdam, doch die Gespenster der Vergangenheit lassen auch ihn nicht los und so sind in diesem Band eine Reihe seiner Erzählungen versammelt, die tief blicken lassen, in das, was dieses riesige und zu den Menschen garstige Land immer noch dominiert.

Kurzgeschichten reihen sich aneinander, wie an einer Kette, deren Perlen man scheinbar ohne System aneinander gereiht hat. Tatsächlich springen wir durch die Zeit und erleben Protagonisten, deren Schicksale vielfach übertragbar sind auf Dinge, die passieren, passiert sind. Der Richter etwa, der genau das Urteil fällt, welches von ihm erwartet wird, um den nächsten Schritt der Karriereleiter zu erklimmen, weit davon entfernt, was die Gerechtigkeit eigentlich verlangen würde.

Der Bahnwärter, der in der Einöde, auf den Spuren ehemaliger Häftlinge des Straflagersystems Stalins sitzt und auf das einzige Signal wartet, welches der Grund ist, überhaupt dorthin versetzt wurden zu sein, der Offizier, der hinter der Fassade die Risse an dem Gebäude erkennt, dem er dient, Bestandteil eines Systems, bestehend aus eben vielen Fassaden. Viel ist Schein im Russland der Vergangenheit und Gegenwart. Die Wirklichkeit ist grausam.

Trocken ist die Tonalität der Texte, die jeder für sich stehen und einzeln gelesen werden können. Immer springt man zwischen den Zeiten. Oft ist erst auf den zweiten Blick klar, welcher Epoche eine Erzählung zuzuordnen ist, lassen sich doch viele Elemente sowohl in die eine als auch in die andere übertragen. Die Protagonisten sind scharf gezeichnet. Manche Konturlosigkeit wird als Stilmittel bewusst eingesetzt.

Das Bewusstsein der Menschen suchte nach Bildern, nach einer Sprache zur Beschreibung der Tragödie – und griff dafür auf mystische Anspielungen zurück, die die unheilvolle Vergangenheit real werden ließen und sie gleichzeitig verfremdeten, sie zu einem Phänomen aus einer anderen Welt, einer anderen Realität werden ließen.

Sergej Lebedew: Titan oder Die Gespenster der Vergangenheit

Jede einzelne Zeile wirkt dennoch wie ein Nadelstich gegenüber der russischen Gesellschaft und Politik. Diesen Stil muss man mögen. Wer sich einmal eingefunden hat, entdeckt viele Parallelen und Ebenen. Gebäude stehen für Lebensläufe mit Brüchen, wie auch die Menschen selbst sich vielfach anpassen mussten, an sich praktisch über Nacht verändernde Bedingungen. Lebedew erzählt von jenen, die in diesem Spiel gelernt haben zu überleben und denen, die darin zerrieben wurden und werden.

Das Format der Kurzgeschichte ist ihre Kompaktheit, bringt es jedoch mit sich, dass einige der übergreifend durchdachten Texte direkt nach dem Lesen in Vergessenheit geraten, andere hätte man gerne ausführlicher gehabt und den Weg, die Strategien der handelnden Figuren verfolgt. Mit der Treffsicherheit Lebedews in Formulierungen möchte ich Romane lesen. Das könnte großartig werden.

Autor:
Sergej Lebedew wurde 1981 in Moskau geboren und ist ein russischer Schriftsteller. Er entstammt einer Geologenfamilie und suchte in seiner Schulzeit in aufgelassenen Minen nach Mineralien und Bergkristallen, wobei er auf Reste ehemaliger Lager des GULAG stieß. Lebedew studierte Geologie und arbeitete später als Journalist, veröffentlichte in einer Literaturzeitschrift Gedichte und Essays.

Sein erster Roman war 2011 auf der Vorschlagsliste zum Nationalen Bestsellerpreis Russlands und erschien zwei Jahre später in deutscher Übersetzung. 2013 erhielt er ein Stipendium des Literarischen Colloquiums Berlin. Sein 2015 in deutscher Übersetzung erschienener dritter Roman wurde in Russland erst 2016 veröffentlicht. Er äußerte sich mehrfach kritisch gegenüber Putin und lebt derzeit in Potsdam.

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Richard Overy: Weltenbrand

Inhalt:

Richard Overy zeichnet ein neues Bild des Zweiten Weltkriegs – als das letzte Aufbäumen des Imperialismus. Er zeigt ihn als den alles Vorausgegangene übertreffenden imperialistischen Krieg – in dem Achsenmächte ebenso wie Alliierte danach strebten, Imperien zu festigen, zu verteidigen, zu erweitern oder auch erst zu schaffen.

Ein weltumspannendes, zeitlich weit ausgreifendes Geschehen und eine Perspektive, in der etwa der Krieg im Pazifik stärker als bisher üblich in den Blick gerät; beginnend bereits 1931 mit dem Einfall des Japanischen Kaiserreichs in die Mandschurei, der die Richtung vorgab für das exzessive Expansionsstreben Italiens und Nazideutschlands. Overy schildert die Ereignisse, die in die Katastrophe führten, ebenso wie die Folgen für die neue Weltordnung nach 1945; er zeigt die geopolitisch-strategische wie die menschliche Dimension dieses Krieges, mit dem das imperialistische Zeitalter sein Ende finden sollte.

Das Opus magnum eines der bedeutendsten Historiker des Zweiten Weltkriegs, das Ergebnis jahrzehntelanger Forschung – und eine Neubewertung dieses zerstörerischsten aller Kriege, die uns auch unsere Gegenwart mit anderen Augen sehen lässt. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:

Der eurozentrische Blick bestimmt bis heute den Diskurs über den Zweiten Weltkrieg. Beginnend mit den politischen Umwälzungen in Mitteleuropa, der Machtübernahme der Faschisten in Italien, der Nationalsozialisten in Deutschland und dem Spanischen Bürgerkrieg rückt das Jahr 1939 mit all seinem Vorgeplänkel in das Blickfeld, doch der Krieg, der so zerstörerisch, so mörderisch wie kein anderer zuvor werden sollte, begann auf der anderen Seite der Erdkugel bereits viel eher.

Der britische Historiker Richard Overy bringt als einer der wenigen ausführlich auch uns weit entfernt scheinende Schauplätze näher und zeigt, dass bereits 1931 Vorläufer eines Krieges begannen, der weltumspannend zum letzten Aufbäumen des imperialen Zeitalters in seiner alten Form führen sollte.

In der Einführung dieses weit umspannenden Werks geht es zunächst um die Definition nach alter Lesart, um welche Art von Imperien die einzelnen Akteure kämpften bzw. welche sie zu erschaffen oder zu verhindern suchten, bevor es dann in chronologischer Abfolge zunächst um bekannte Abläufe geht. Schon in diesen ersten drei, dem eigentlichen Hauptwerk vorangehenden Kapiteln kommen Orte und Geschehnisse zum Tragen, die in der Mehrzahl der hier zu findenden Werke beinahe vernachlässigt werden.

Overy geht zum einen sehr kritisch mit der britischen Führung unter Churchill um, auch das ist eher selten zu lesen, zum anderen beleuchtet er das imperialistische Streben Japans in Asien ausführlich, vor allem die langwierigen und zermürbenden Auseinandersetzungen in China, die bei uns kaum zur Sprache kommen, werden in „Weltenbrand“ analysiert.

Auch betrachtet der Historiker sehr detailliert die Auseinandersetzung innerhalb der alliierten Partner, bei denen es nicht nur zwischen den Hauptakteuren zu Auseinandersetzungen kam, die nach 1945 beinahe nahtlos in den Kalten Krieg hinein führten, auch zeigt Overy die Bruchlinien zwischen Briten und Amerikanern, die diametral entgegengesetzte Ansichten zur künftigen Handhabung im Umgang mit dem imperialen Erbe hegten.

Akteure wie Indien, Australien oder Kanada, die einen Gutteil der britischen Streitmacht stellten werden in späteren Kapiteln beleuchtet, wie auch die inneren Konflikte der POC in der amerikanischen Armee. Alleine diese Punkte machen das Werk zu etwas besonderen, welches sich von der Masse an Lektüren abhebt, die über diese Zeitspanne, zudem auch ein kritischer Blick auf das Vorgehen der Alliierten selten zu finden ist.

Nach drei Kapiteln werden die Betrachtungen nach einem historischen Zeitstrahl verlassen und einzelne Themenkomplexe nochmals gesondert analysiert. Dies liest sich interessanter, da so auf zuvor vernachlässigte Aspekte nun noch einmal genauer eingegangen wird, wie etwa das komplexe Gebiet der Kriegswirtschaft, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Alliierten sowie den Achsenmächten, aber auch Kriegsführung, zuvor Mobilisierung oder die emotionale Geografie des Krieges werden beleuchtet.

Overy nimmt sich die Zeit, dies auszuführen, was innerhalb der Lektüre teilweise zwar zu erheblichen Längen führt und auch Wiederholungen und Bezugnahmen beinhaltet, doch in der Gesamtheit ergibt sich dadurch ein stimmigeres Bild, welches den zuvor erfolgten kurzen historischen Abriss noch einmal ergänzt.

„Weltenbrand – Der große imperiale Krieg 1931-1945“ zeigt, wie die alte imperiale Welt den schlimmsten aller Wege ging, um zu ihrem Ende zu kommen und daraus neue Akteure entstanden, die das Weltgeschehen fortan bestimmten und auch eine neue Definition von Imperien anstelle der alten trat. Zwar ergänzt durch mehrere Fototeile ist dieses Sachbuch mehr Standardwerk als es der populärwissenschaftlichen Lektüre dient und so liest es sich dann auch. Stellenweise doch trocken.

Unterfüttert werden die Ausführungen durch zahlreiche Quellen, die aus jahrzehntelanger Archivarbeit resultieren und einem Kartenteil, der auch wieder Bezug nimmt auf das anfangs erwähnte erweiterte Blickfeld, was eine intensive Beschäftigung mit der Thematik ermöglicht. Overys Blick auf die einzelnen Aspekte und deren unterschiedlichen Wirken an verschiedenen Schauplätzen, Vergleiche und daraus gezogene Schlussfolgerungen lassen eine gelungene Lektüre geschehen, aus der man mit mehr Wissen als vorher herausgeht.

Autor:
Richard James Overy wurde 1947 in London geboren und ist ein britischer Historiker. Er studierte zunächst in Cambridge, bevor er nach verschiedenen Stationen 1992 eine Professur für Moderne Geschichte am King’s College in London annahm. 2004 wechselte er an die University of Exeter, wo er ebenfalls Geschichte lehrt.

Er wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Wolfson History Prize und der Duke of Wellingon Medal for Military History. Seine Werke gelten als Standardwerke. 2014 wandte er sich gegen die Behauptung, die Bombardements gegen die deutsche Zivilbevölkerung hätten entscheidend zum Sieg der Alliierten beigetragen.

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