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Laurent Petitmangin: Was es braucht in der Nacht

Inhalt:

Fus und Gillou, 10 und 7, sind sein ganzer Stolz. Doch dann stirbt seine Frau, und er steht allein da mit seinen Jungs. Die Arbeit als Monteur bei der Staatsbahn SNCF, Haushalt, Erziehung: Er gibt sein Bestes, bringt die Jungs zum Fußball, zeltet mit ihnen in den Ferien. Die ersten Jahre lĂ€uft alles einigermaßen glatt. Nur Fus wird in der Schule schlechter, sodass er schließlich nicht in Paris studieren kann. Der Vater tröstet sich damit, dass zwischen ihnen alles beim Alten bleibt – bis er entdeckt, dass der 20-JĂ€hrige mit einer rechtsextremen Clique rumhĂ€ngt.

Wie fĂŒhlt man sich, wenn das eigene Kind in falsche Kreise gerĂ€t, die eigenen Werte verrĂ€t? Was kann man tun? Eine Tragödie zwingt den Vater zu einer Antwort. (Klappentext)

Rezension:

Eine Geschichte gleichsam eines französischen Films. okay, ganz so schlimm ist die Sache nicht. Vielmehr hat Laurent Petitmangin mit „Was es braucht in der Nacht“ ein bezeichnendes AutorendebĂŒt vorgelegt. Hier erzĂ€hlt er die Geschichte einer Entfremdung. Ein Schicksalsschlag entfernt, zunĂ€chst schleichend, den Vater von seinem Ă€ltesten Sohn, der haltsuchend in den Einfluss einer rechten Gruppe gerĂ€t und somit sich von den elterlichen Idealen immer mehr entfernt.

Der Vater sieht dies mit Sorge, doch, was soll, kann er tun? Im direkten Zusammenspiel Ă€ndert sich zunĂ€chst auch nichts. Schnell ist eine gemeinsame Ebene gefunden. Der Alltag muss funktionieren, nicht zuletzt auch des jĂŒngsten seiner Söhne wegen. Das tut es, bis sich die Katastrophe Bahn bricht. Doch, was bleibt, was muss, wenn selbst Blut nicht mehr dicker als Wasser zu sein scheint?

Laurent Petitmangin beschreibt einfĂŒhlsam das Auseinanderbrechen einer Familie, deren Protagonisten sich immer weiter von einander entfernen und doch nicht ohne einander können. Das UnverstĂ€ndnis des Einen wird ebenso beschrieben, wie auch das Hineinschlittern in eine Gefahrenzone, die beide Protagonisten nicht sehen oder kontrollieren können.

FĂŒr Frankreich selbst ist dies eine hoch aktuelle ErzĂ€hlung, ist sie doch bezeichnend fĂŒr eine extreme Spaltung der gesellschaftlichen Sichtweisen, fĂŒr deren in einem Teil eine Fundamentalisierung in Richtung Rechtsextremismus eine annehmbare Option erscheint. Ohne zu sehen, was dies fĂŒr Folgen haben kann. In einer Zeit, in der eine rechtsextreme PrĂ€sidentschaft in Frankreich im Rahmen des Möglichen erscheint. Der Autor nimmt sich die Zeit jedoch auch fĂŒr das Infragestellen einer Vater-Sohn-Beziehung. Wie weit reicht der Einfluss von Eltern und was tun, wenn dies einmal nicht der Fall ist, und sich alles auf den Abgrund hinzu bewegt?

Es ist ein erschĂŒtternder und zugleich nachdenklicher Roman, ruhig in seinen Beschreibungen, ohne lange Strecken vorzuweisen. Das gibt die kompakte Form einfach nicht her. Die Konzentration zudem, auf eine Perspektive, tut ihr ĂŒbriges, diese Geschichte zu etwas Besonderen zu machen. An der einen oder anderen Stelle bin ich dabei mit der Übersetzung nicht wirklich glĂŒcklich. Hier wĂ€re die Vorlage des französischen Originals interessant. Auch das Ende ist vielleicht etwas zu einfach. Ansonsten jedoch hat Petitmangin durchaus eine runde erzĂ€hlung vorgelegt, fĂŒr die man sich einen ruhigen Moment nehmen sollte.

Autor:

Laurent Petitmangin wurde 1965 in Lothringen geboren und studierte in Lyon, bevor er fĂŒr die französische Fluggesellschaft Air France zu arbeiten begann. Nach verschiedenen Stationen rund um die Welt, lebt er heute in Paris. „Was es braucht in der Nacht“ ist sein erster Roman.

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Christian Bommarius: Im Rausch des Aufruhrs – Deutschland 1923

Inhalt:

Franzosen und Belgier besetzen das Ruhrgebiet. Tucholsky wirft hin und geht zur Bank. Hemingway wird nicht bedient. Das Rheinland will sich vom Reich abspalten. Anita Berber hat sie alle in der Hand, Joseph Roth steht vor dem Durchbruch. In Hamburg proben Kommunisten den Aufstand und Hitlers Bierkellerputsch scheitert in MĂŒnchen blutig. Ein Brot kostet 399 Milliarden Mark.
(Klappentext)

Rezension:

Die neue Demokratie steht auf wackligen Beinen, akzeptiert wird sie nur von wenigen. Die Niederlage des Ersten Weltkriegs ist noch nicht zu lange her. Einen Weg zur Stabilisierung hat man noch nicht gefunden, gefundenes Fressen fĂŒr radikale KrĂ€fte. Das Geld verliert immer mehr an Wert. Bald schon wird der Lohn in Schubkarren ausgegeben werden mĂŒssen.

FĂŒr Banken arbeitende Druckereien suchen hĂ€nderingend Angestellte. Auch ein spĂ€terer Propagandaminister, sowie ein kranker Schriftsteller finden sich hinter Bankschalter wieder. Es ist das Jahr 1923, kurz bevor der deutsche Staat sich zu stabilisieren beginnt und zugleich auch Risse bekommt, die ihn spĂ€ter mit zu Fall bringen sollten. Der Journalist Christian Bommarius hat sich mit der rĂŒhrigen Zeitspanne von zwölf ereignisreichen Monaten beschĂ€ftigt.

Ein Sachbuch als historischer Kalender, dies ist die Aufmachung, in der jedem Monatskapitel zunĂ€chst eine Übersicht der zu den Zeitpunkt stattfindenden Ereignisse vorangestellt wird, eingefĂŒhrt durch jeweils mehrere bezeichnende Fotos. Fast literarisch wird die Zusammenfassung danach aufgefĂ€chert. Wir begleiten Politiker und solche, die es einmal werden, Putschisten, KĂŒnstler und Literaten durch dieses flirrende Jahr und einen geschassten Monarchen, der von seiner RĂŒckkehr trĂ€umt.

Die Fakten sind bekannt. Beiderseits der Grenze des Ruhrgebiets, welches von den Franzosen besetzt wird, nichts Neues. Trotzdem wirken die Texte zuweilen hölzern. LeichtgĂ€ngig ist etwas anderes. Ein Lesefluss entsteht alleine nicht durch den vielseitigen Wechsel der beschriebenen Ereignisse, die zwar ausgiebig recherchiert wurden, aber fĂŒr Sprunghaftigkeit wirken. Es gilt, Überblickswissen zu erlangen. Wer dieses bereits hat, sollte sich spezialisierter LektĂŒre zuwenden. Hier wird Grundlagenwissen aufgefrischt.

Eine gute ErgĂ€nzung ist das Personenverzeichnis hintenan, welches einen Ausblick auf den weiteren Verlauf der im Text aufgefĂŒhrten Biografien gibt, deren Weichen auch und besonders im Jahr 1923 gestellt wurden.

Was sehr interessant dargestellt wird, sind die Auswirkungen der Inflation auf die einzelnen Wege der jeweiligen Personen, doch immer dort, wo es spannend wird, erfolgt der Wechsel zum nĂ€chsten Momentum. Dabei hat der Autor ein umfangreiches Detailwissen vorzuweisen. Vielleicht wĂ€re hier die Konzentration auf einen Bereich, etwa Kunst und Kultur, nur Wirtschaft oder nur Politiker, vorteilhafter gewesen? Eine EinfĂŒhrung und Übersicht ist es jedoch allemal.

Autor:

Christian Bommarius wurde 1958 geboren und ist ein deutscher Journalist und Autor. Nach der Schule studierte er Rechtswissenschaften und Germanistik, bevor er als Korrespondent beim Bundesverfassungsgericht arbeitete. Er war von 1998 bis 2017 Redakteur bei der „Berliner Zeitung“, anschließend Kolumnist der „SĂŒddeutschen Zeitung“. Er arbeitet zudem als freier Autor und wurde bereits mit dem otto-Brenner-Preis (2018) und den Heinrich-Mann-Preis der Akademie der KĂŒnste, Berlin, ausgezeichnet.

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Über ein physisches Leseerlebnis und Appetit auf Wöbkenbrot

Als der aktuellen Lage geschuldet, Messen ausfielen, wurden so einige Verlage, Autoren und Autorinnen aktiv und haben die Möglichkeiten der sozialen Medien sehr ausfĂŒhrlich genutzt und auch diverse Tools, die wir ausgiebig in unserem Arbeitsalltag integriert haben dĂŒrften. So konnten Lesungen, Interviews und GesprĂ€chsrunden weiter stattfinden.

Der Kontakt zwischen Literaturszene und Leserschaft kam so nicht zum Erliegen, doch ein kleiner Stich im Herzen ließ PrĂ€senzveranstaltungen schmerzlich vermissen. AutorInnen direkt gegenĂŒber zu stehen, mit denen zu sprechen, vielleicht ein Foto zu machen und sich eine Signatur zu holen, ein persönliches Feedback zu geben, ist doch etwas anderes, als Bildschirm-AtmosphĂ€re zu spĂŒren, die wir ja sowie so zu oft spĂŒren.

Die erste grĂ¶ĂŸere Gelegenheit war jetzt fĂŒr mich die jĂŒngst vergangene PopUp-Buchmesse in Leipzig, aus der von den dort anwesenden Verlagen noch einige Werke hier nach und nach vorgestellt werden und nun, in etwas kleineren Rahmen die Veranstaltung des Mirabilis Verlags und der Letretage Berlin, in der der Autor JĂŒrgen Meier aus seinem Roman „Wöbkenbrot und Pinselstrich“ las.

JĂŒrgen Meier: Wöbkenbrot und Pinselstrich
Seiten: 343, ISBN: 978-3-947857-08-1
Mirabilis Verlag

Weder den Veranstaltungsort, noch das Ankerzentrum fĂŒr Literatur Lettretage kannte ich vorher, auch nicht JĂŒrgen Meier und so bin ich dort ganz unbefangen gewesen, ohne zu wissen, was mich eigentlich erwartet. Der Ort selbst sehr unscheinbar, der Raum ĂŒbersichtlich, ist wohl das, was man in Berlin als atmosphĂ€risch bezeichnen wĂŒrde. Gewirkt hat er in jedem Fall und vor allem der Autor selbst.

Mehrere Abschnitte las er im kleineren Rahmen aus seinem Werk vor, welches hier noch nĂ€her vorgestellt werden wird und entfachte quasi einen vor dem Publikum ablaufenden Film, ĂŒber zwei Familien ĂŒber ein Jahrhundert. Und das funktionierte gut, sehr gut sogar, so dass ich gespannt darauf bin, Protagonisten, Orte, die Handlung und die Kunst selbst zu entdecken. Ich werde davon berichten.

Danach ging es ins GesprÀch. Der Autor und das Publikum, die Verlagsmitarbeiterin, die Literaturagentin, Freunde, Bekannte des Schreibenden und irgendwo auch ich. Jeder unterhielt sich im Laufe des Abends mit jedem, diskutierte und entdeckte das Gesicht hinter E-Mai-Adressen und auch sonst. Der Film, den der Autor entfacht hatte, lief also praktisch weiter.

Ich freue mich jetzt auf die LektĂŒre, vertiefte Kontakte und die eine oder andere Idee fĂŒr Projekte, die ich im Kopf habe und vielleicht mit anderen weiterspinnen werde. Das hĂ€tte eine Online-Veranstaltung so nicht gekonnt, bin ich mir sicher. Schon das Lesen von JĂŒrgen Meier hĂ€tte nicht annĂ€hernd so wirken können, wie es live gewesen ist. So blieb am Ende nicht nur der Appetit auf Wöbkenbrot.

Der virtuelle Spendenhut

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Georg Thiel: Nachtfahrt

Inhalt:

Wien 1997. Markus, MatthÀus, Lukas und Johannes kennen einander seit dem ersten Schultag und sind, obwohl sie von Temperament und Wesen unterschiedlicher nicht sein könnten, eng befreundet. Diverse Frauengeschichten, bewusstseinsverÀnderte Substanzen und eine Leiche spÀter finden sie sich auf einem rasanten Roadtrip wieder, der allerdings ganz anders verlÀuft als geplant. (Klappentext)

Rezension:

„Die Katastrophe fĂ€ngt damit an, dass man aus dem Bett steigt.“

Georg Thiel: Nachtfahrt

Im Grunde Alltag, der unberechenbar seine Protagonisten in ein kaum zu entwirrendes Chaos stĂŒrzt und die Leserschaft gleich mit. So könnte man diesen Roman zusammenfassen, in dem Georg Thiel seinen Protagonisten viel zumutet, gleichsam den Lesenden viel zutraut.

Dabei beginnt alles zunĂ€chst mit einem Knall, gleichsam einer zufallenden TĂŒr oder den Koffer mit Sachen, der einem der Protagonisten vor die FĂŒĂŸe geworfen wird. Wohlgemerkt vom Balkon herunter, komplementiert aus der Wohnung von der ehemaligen Freundin. So wirr geht es zunĂ€chst weiter. In den Stil muss man erst einfinden und lernt so die Hauptfiguren kennen. Freunde seit Kindertagen zwischen Jobs, Beziehungen und dem einen oder anderen Joint, der da die Runde macht.

Das ganze Leben, die unterschiedlichsten Charaktere, verteilt auf den schmalen Schultern der Protagonisten. Johannes ist da der Ruhepol in der Runde, Lukas voller wilder Ideen und irgendwann auch im Besitz eines Spanferkels als Hauptpreis des Kartenspiels in der Dorfwirtschaft. Wer bis hierhin nicht folgen konnte, wird an diesen Text seine helle Freude haben. wer eine klare Linie erkennt, der sowie so. Mehr darf, kann man jedoch auch nicht verraten, ohne allzu viel vorweg zu nehmen.

Der Stil ist gewöhnungsbedĂŒrftig, die Ausgestaltung der HandlungsstrĂ€nge ist es auch. Alles ist vorhanden, dann wieder auch nicht. Das Tempo ist rasant, wird mit zunehmender Seitenzahl immer schneller. Der „Nachtfahrt“ wohnt ein Zauber inne, aber Obacht. Dennoch, einige LĂŒcken bleiben. Nicht alles wird auserzĂ€hlt.

Ohne diesen speziellen Humor, den der Autor hier eingewoben hat, funktioniert das nicht, sondern wirkt wie jeder andere schon mehrfach geschilderte Roadtrip auch. Nur wer hier lachen kann, fĂŒr den funktioniert die Geschichte. FĂŒr alle anderen wird der Text nicht wirken. Die Haupthandlung selbst hĂ€tte dabei gerne ausufernder sein dĂŒrfen. Auf die Spitze getrieben ist das nicht. Auch das Ende wirkt zu abrupt. Hier ein paar Zeilen mehr, dafĂŒr die Vorgeschichte etwas weniger ausfĂŒhrlich. Widerum passt es zum Motto des Romans. Darauf ein Spanferkel, bitte.

Autor:

Georg Thiel wurde 1971 geboren und ist ein österreichischer Schriftsteller und Ausstellungskurator.

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Joachim KĂ€ppner: Soldaten im Widerstand

Inhalt:

Die „Strafdivision 999“ (1942-1945) ist bis heute von Mythen und Legenden umgeben. Wenig bekannt ist immer noch, dass viele ihrer Soldaten Kommunisten, Sozialdemokraten und andere waren, die gegen das Naziregime Widerstand geleistet hatten und dafĂŒr in GefĂ€ngnisse und Konzentrationslager gesteckt worden waren.

Aber dann, als der Wehrmacht 1942 an allen Fronten Soldaten zu fehlen begannen, zog sie diese zuvor als „wehrunwĂŒrdig“ abgestempelten MĂ€nner kurzerhand ein. Sie sollten nun fĂŒr das Regime jenen Krieg fĂŒhren, dem sie sich doch entgegengestellt hatten. Viele der Zwangssoldaten setzten ihren Kampf gegen die Schreckensherrschaft selbst in der verhassten Uniform fort. Dieses Buch erzĂ€hlt ihre Geschichte. (Klappentext)

Rezension:

Es mĂŒssen Menschen ĂŒbrig bleiben, die gegen das Furchtbare, das mit dem Namen Hitler ĂŒber die Welt kam, kĂ€mpfen. Wenn auch mit der Hilflosigkeit von Zwergen, die vor einen rollenden Panzer Kieselsteine werfen, um ihn aufzuhalten. Die trotzdem nicht aufhören mit den Kieselsteinen.

Joachim KĂ€ppner: Soldaten im Widerstand

Es ist ein wenig beachtetes Kapitel der deutschen Geschichte, welches der Historiker und Journalist joachim KĂ€ppner in seinem neuen werk beleuchtet. Zeugenberichte sind rar, teilweise zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme wenig beachtet oder versucht und umgedeutet durch die neue vorherrschende Ideologie, je nachdem auf welcher Seite des nach dem Krieg hochgezogenen „Eisernen Vorhangs“ man suchte.

Wenige betroffene haben damit ihren frieden machen können und doch gab es sie, vor 1945, Soldaten, die eigentlich keine sein wollten und die auch das damals herrschende NS-Regime nicht wollte, aber spĂ€testens mit den sich abzeichnenden Niederlagen in Stalingrad und in Nordafrika brauchte. Sozialdemokraten, Kommunisten und andere, die fĂŒr ihre Überzeugungen vorher Zuchthausstrafen absitzen oder gar in die Konzentrationslager gebracht wurden, mussten nun kĂ€mpfen, im stĂ€ndigen Zwiespalt auch mit sich selbst.

Ein erschĂŒtterndes, weil noch zu wenig beleuchtetes StĂŒck Historie wird hier im rahmen von Personengeschichte betrachtet. Dies kann zuweilen problematisch werden, da diese Art von Begutachtung nur selten objektiv ist und zu wenig Fascetten Beachtung finden.

Wenn jedoch ein bestimmter Aspekt schon in der zeithistorischen Bearbeitung strÀflich vernachlÀssigt wird, ist das durchaus legitim und so eröffnet Joachim KÀppner eine neue Perspektive. Die verschiedenen Blickwinkel werden durch eine Auswahl von verschiedenen Personenbiografien hineingebracht, denen wir folgen, um so nach und nach uns ein ganzes Bild machen zu können.

Der Stil ist dabei so nĂŒchtern, wie es nur geht, was zur Folge hat, dass auch LĂ€ngen entstehen. Gleichzeitig wird Geschichte, da sie eben in diesem Werk nicht unpersönlich daher kommt, fassbar und im Großen und Ganzen spannend erzĂ€hlt. GestĂŒtzt auf Zeitzeugenberichte, die teilweise erst ideologisch entfĂ€rbt oder ĂŒberhaupt erst wiedergefunden werden mussten, berichtet der Historiker und zeigt eine bisher wenig betrachtete Seite des Zweiten Weltkriegs auf.

Nicht fehlen dĂŒrfen dabei Vor- und Nachbetrachtung, die gleichermaßen fundiert recherchiert erscheinen. UnterfĂŒttert ist dies mit einer, fĂŒr diese wenig beleuchtete Thematik, doch guten Quellenlage.

Wie sind diese MĂ€nner damit umgegangen, fĂŒr ein Regime kĂ€mpfen zu mĂŒssen, dessen Gegner sie eigentlich waren? Welchen Zwiespalt mussten sie aushalten, in Uniform und spĂ€ter im umgang mit der Thematik in den beiden deutschen Nacvhfolgestaaten und wie beeinflussten einerserseits die tĂ€glichen Schrecken und Notwendigkeit des Krieges das Handeln, wie auch die eigenen Überzeugungen im Umgang mit inneren und Ă€ußeren Faktoren? War es möglich, Widerstand zu leisten, mit der Waffe in der Hand?

Nicht zuletzt in unserer Zeit sehr aktuell und diskutierenswert.

Joachim KĂ€ppner, ĂŒber Soldaten, die lieber keine sein wollten.

Autor:

Joachim KÀppner wurde 1961 in Bonn geboren und ist ein deutscher Journalist und Historiker. Nach der Schule studierte er Geschichte und Politische Wissenschaften in Bonn und Jerusalem und arbeitete 1982 als fester freier Mitarbeiter beim General-Anzeiger. Nach einem Praktikum in Johannesburg, besuchte er die Deutsche Journalistenschule in MÀnchen und war ab 1987 als freier Journalist tÀtig.

Er arbeitete fĂŒr verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, 1998 an der Forschungsstelle fĂŒr Zeitgeschichte in Hamburg. 1999 begann er fĂŒr die SĂŒddeutsche Zeitung in MĂŒnchen zu arbeiten und verfasste mehrere SachbĂŒcher ĂŒber militĂ€rische und politische Themen. 1999 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis, 2011 den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis.

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Bernhard Kegel: Ausgestorbene Tiere

Inhalt:
Quagga, Elfenbeinspecht, Koalalemur und Riesenalk: Wer weiß heute noch, wie diese Tiere aussahen, wo sie lebten, wie sie klangen – ja dass sie ĂŒberhaupt existiert haben? Anhand von historischen Illustrationen erinnert dieses Buch an die Schönheit von fĂŒnfzig ausgestorbenen Tierarten und verbindet biologisch und naturgeschichtlich Wissenswertes mit anekdoten und Kuriosem. EindrĂŒcklich fĂŒhrt es uns auf diese Weise die Verluste vor Augen, die die Tierwelt bereits erlitten hat, und bewahrt heutzutage unbekannte Spezies vor dem Vergessen. (Klappentext)

Rezension:

Unser Planet unterliegt stĂ€ndigen VerĂ€nderungen, damit auch die auf ihm existierende Flora und Fauna. Massenaussterben, wie dass der Dinosaurier oder globale klimatische VerĂ€nderungen, unterstĂŒtzt von AusbrĂŒchen gewaltiger Vulkane, deren Asche fĂŒr lĂ€ngere Zeit den Himmel ĂŒber weite Strecken verdunkeln konnte, gab es schon immer und infolge dessen wandelte sich auch das biologische GefĂŒge auf unserer Erde.

Arten kamen und gingen. Wer sich nicht kurzfristig anpassen konnte, verschwand von der BildflĂ€che und hinterließ eine LĂŒcke, die entweder frei blieb oder durch eine andere Tierart besetzt wurde. TatsĂ€chlich ist jeder Art nur eine begrenzte Zeit auf unserem Planeten vergönnt, doch dass derzeitige immer schnellere Voranschreiten vom Verschwinden verschiedener Tierarten, hat oftmals nur eine Ursache, uns Menschen.

Der Biologe Bernhard Kegel hat stellvertretend fĂŒnfzig von ihnen aufgelistet und so geholfen, sie vor dem Vergessen zu bewahren. Er erzĂ€hlt, wie es zum Verschwinden des Falklandfuchses kam, des Japanischen Seelöwens oder des Tasmanischen Beutelwolfs und beschreibt, wann eine Art eigentlich als ausgestorben gilt, wie Wissenschaftler versuchen, die Letzten ihrer Art zu retten oder auf der Suche, nach vielleicht doch ĂŒberlebenden Populationen einer lang nicht mehr gesichteten Spezies, sich begeben.

Der Autor zeigt zudem auf, wie fragil manche Arten in AbhĂ€ngigkeit voneinander existieren und was dies fĂŒr extrem bedrohte bedeutet, was die Forschung jedoch auch mit RĂŒckzĂŒchtung oder Gentechnik versucht, zu erreichen.

Das so entstandene Lexikon, welches nur einen winzigen Ausschnitt der Thematik zeigen kann, ist ausreichend um zu verdeutlichen, was bereits verloren ging und was wir, geht das Aussterben der Arten, von uns befeuert, im gleichen Tempo voran, noch zu verlieren drohen.

Der erhobene Zeigefinger bleibt dabei stecken, vielmehr setzt Bernhard Kegel den ausgewĂ€hlten, von unserem Planeten verschwundenen Arten und ihren letzten Vertretern, wie etwa Lonesome George, der letzten Pinta-Riesenschildkröte, die 2012 auf Galapagos starb, ein wĂŒrdevolles Denkmal. Er beschreibt ihre Entdeckung und zugleich ihren Untergang. Historische Illustrationen, von Menschen, die noch nicht wussten, dass sie Arten portraitieren, die einmal nicht mehr existieren wĂŒrden, ergĂ€nzen diesen Band.

Das Aussterben geht derweil weiter voran. Zahlreiche Insekten sind heute kaum mehr zu hören, die uns noch vor wenigen Jahrzehnten umschwirrten. In einigen StĂ€dten verschwinden gar „Allerweltstiere“ wie der Sperling. Doch zeigt der Autor, dass es auch Hoffnung gibt. So manche Art wird durch intensiven Schutz und speziell ausgerichteten Aufzuchtprogrammen vor dem Schicksal vieler anderer bewahrt.

Doch, eines wird beim Lesen dieses ansonsten sehr nĂŒchtern gehaltenen Bandes schnell klar. Die Liste ausgestorner Tiere ist lang und wird tĂ€glich grĂ¶ĂŸer, ohne dass viele Arten genauer erforscht oder beschrieben sind. Wir sind dafĂŒr verantwortlich, denn zu viele andere Arten hĂ€tten es ebenso verdient, hier ebenso aufgefĂŒhrt zu werden.

Autor:

Bernhard Alexander Kegel wurde 1953 geboren und ist ein deutscher Autor. ZunĂ€chst studierte er Chemie und Biologie an der Freien UniversitĂ€t Berlin, danach war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter tĂ€tig. 1991 arbeitete er mit Freiland- und Laboruntersuchungen zur Wirkung u. a. von Herbiziden. Seit 1996 ist er zudem schriftstellerisch tĂ€tig und Autor mehrerer biologischer und ökologischer SachbĂŒcher, 1993 veröffentlichte er zudem seinen ersten Roman.

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Tete Loeper: Barfuß in Deutschland

Inhalt:

Mutoni, eine junge, gebildete Frau aus ruanda, beschließt nach dem Tod ihrer Mutter auszuwandern. Über eine ehemalige MitschĂŒlerin erhĂ€lt sie das Angebot, nach Hamburg zu ziehen und dort einen Mann zu heiraten. Voller Zuversicht und Hoffnung auf ein besseres Leben begibt sie sich auf den Weg nach Deutschland. Entgegen ihren Erwartungen findet sie sich jedoch schon bald in unterdrĂŒckenden, teils gewaltvollen ArbeitsverhĂ€ltnissen wieder. Die Erfahrungen, die sie als Schwarze Migrantin in Deutschland alltĂ€glich macht, fĂŒhren sie schließlich zu einer unerwarteten Entscheidung… (Klappentext)

Rezension:

Als alle FĂ€den in ihrer Heimat förmlich zerreißen, entschließt sich die junge und lebensfrohe Mutoni ihr Heimatland Ruanda zu verlassen. In der Stadt, in der sie aufgewachsen ist, hĂ€lt sie nichts mehr, nachdem mehrere Familienmitglieder ebenfalls den Schritt in die Ferne gewagt haben, die Mutter gestorben ist und das Bild, welches sie von Europa im Kopf hat, immer verfĂŒhrerischer wird.

Ein Angebot, in Deutschland einen Mann zu heiraten, den sie kaum kennt, zu arbeiten und Fuß zu fassen, kommt da gerade recht. Doch, nicht nur Temperaturen und Kleidung sorgen schnell fĂŒr einen Kulturschock. Mutoni erkennt schnell, dass sie unter falschen Versprechungen hergelockt wurde. Ihr gelingt es, sich davon zu befreien, doch auch alltĂ€glichere Nadelstiche setzen ihr zu, gerade wenn den Verursachern contra gegeben wird.

Sie stoppte augenblicklich in ihrer Bewegung und warf mir einen skeptischen Blick zu. Es hatte ihr wohl die Sprache verschlagen, denn wortlos verließ sie die KĂŒche und schloss demonstrativ die WohnzimmertĂŒr hinter sich.

Tete Loeper: Barfuß in Deutschland

So beginnt die Geschichte, die die Autorin und Journalistin Tete Loeper anhand ihrer und die Anderer Erfahrungen entlang aufgeschrieben und zu einem berĂŒhrenden Roman gewoben hat, der einen nachdenklich zurĂŒcklassen wird. In kompakter Form schafft sie es, all die Hoffnungen und EnttĂ€uschungen, die Gewalterfahrungen unterzubringen, seien sie nun physischer oder psychischer Natur, dass es einem beim Lesen kalt den RĂŒcken hinunter laufen wird. Unweigerlich wird man sich zudem fragen, wie viel HĂ€rte das Lektorat herausnehmen musste, gerade zu Beginn, damit der Text gerade zu Beginn noch fĂŒr Lesende zu verarbeiten ist.

Dieses GefĂŒhl wird nach und nach durch zwar immer kleinere aber auch spĂŒr- und sichtbare Nadelstiche ersetzt, die die Protagonistin verspĂŒrt, ob nun durch ihre Umgebung ungewollt oder gewollt hervorgerufen. Loeper gibt hier einen Ansatz von Vorstellungen weiter, die niemand aktiv erleben möchte, der leider jedoch immer noch Alltag fĂŒr viele ist. Gleichzeitig ist es der Autorin in prĂ€gnanter Sprache gelungen, auf wenigen Seiten ihrer Protagonistin eine gewisse WandlungsfĂ€higkeit angedeien zu lassen, die weit ĂŒber das hinaus geht, was sich anfangs erahnen lĂ€sst.

Das setzt dann auch eine gewisse FĂ€higkeit beim Lesenden voraus, sich selbst zu hinterfragen. Wie bestimmen Klischees unser Denken und Handeln, auch unbewusst? Wie kommentieren und beobachten wir, wie wirkt dies nach außen und wie ist es gemeint, im Guten oder auch im Schlechten? Was macht das mit jenen, die dann im Fokus stehen? Was macht es mit uns, als Gesellschaft? Wenn man sich diese Punkte einmal nach dem Lesen des Romans durch den Kopf gehen lĂ€sst, hat dieser sehr viel erreicht.

Autorin:

Divine Gashugi Umulisa, bekannt unter ihrem Pseudonym Tete Loeper, wurde 1990 in Ruanda geboren. Sie lebte wĂ€hrend des Völkermords an den Tutsi in Burundi und im Kongo im Exil. Nach ihrem Studium des Journalismus arbeitete sie in verschiedenen Forschungsprojekten mit gefĂ€hrdeten MĂ€dchen und jungen Frauen, leitete Workshops fĂŒr Kreatives Schreiben. Seit 2016 lebt sie in Deutschland und arbeitet als Autorin, Schauspielerin, Bildungsreferentin fĂŒr interkulturellen Austausch und globales Lernen.

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Francis Seeck: Zugang verwehrt

Inhalt:

Eine bislang weitgehend ignorierte Diskriminierungsform prÀgt das Leben vieler Menschen fundamental: Klassismus. Die Diskriminierung aufgrund von sozialer Herkunft und Position spaltet unsere Gesellschaft, in der die Schranken zwischen den Klassen immer unnachgiebiger werden. Soziale Unterschiede spitzen sich dramatisch zu. Und Francis Seeck zeigt ganz klar: Eine gerechte Gesellschaft können wir nur erreichen, wenn wir uns mit Klassismus auseinandersetzen! (Klappentext)

Rezension:

Eine der großen Gefahren fĂŒr den Zusammenhalt unserer Gesellschaft ist verglichen mit anderen Punkten, die ebenfalls zu deren Spaltung beitragen, vergleichsweise unsichtbar oder, genauer, vor allem sichtbar fĂŒr jene, die es betrifft. Klassismus ist der Oberbegriff dieses PhĂ€nomens, welches das Leben einer immer grĂ¶ĂŸeren Gruppe von Menschen bestimmt und dies von Geburt an. Die Kulturanthropologin und Antidiskriminierungstrainerin Francis Seeck hat nun eine zugĂ€ngliche Diskussionsgrundlage verfasst, die zum Anlass genommen werden darf, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Wenn immer mehr Einkommen fĂŒr Miete aufgewendet werden muss, ParkbĂ€nke so gestaltet werden, dass sich wohnungslose Menschen nicht lĂ€nger dort aufhalten mögen und können, gleichzeitig die LĂŒcke zwischen Arm und Reich immer unĂŒberwindbarer wird, ein Aufstieg sowohl materiell als auch sonst gesellschaftlich kaum mehr möglich ist, ist dies nichts anderes als sich eine immer stetiger zeigende Festigung von Unterschieden. Damit ist dies Grundlage einer Ideologie, die nicht nur allein als Diskriminierungsform, sondern fast immer auch in Verbund mit anderen daherkommt.

Die Autorin, als Eine, die sich selbst durch Klassenschranken kĂ€mpfen musste, erklĂ€rt die Entstehung des Begriffs und seine Fascetten, die historische Dimension und ihre heutigen AusprĂ€gungen, zugleich VerknĂŒpfungspunkte und Lösungsmechanismen, ĂŒber die zumindest nachgedacht werden sollte.

Dieses Buch soll zeigen, wie die oft ignorierte Diskriminierungskategorie Klassismus unsere Gesellschaft umfassend prĂ€gt. Mein Ziel ist, Menschen fĂŒr Klassismus zu sensibilisieren, damit wir gemeinsam fĂŒr eine sozial gerechtere Gesellschaft kĂ€mpfen. Es reicht nicht, ĂŒber Klassismus zu reden und neue Theorien zu entwickeln, wir sollten auch ins klassismuskritische Handeln kommen.

Francis Seeck: Zugang verwehrt – Keine Chance in der Klassengesellschaft

Das klingt zunÀchst sehr technisch, doch anhand von Beispielen, die sie immer wieder einbringt, beleuchtet Seeck beide Seiten unserer und vergangener klassistischer Gesellschaften, derer die danach streben und derer, die dagegen ankÀmpfen. Gleichzeitig verliert sie jedoch nicht den Blick auf jene, die als Opfer dieses Systems so stark darin gefangen sind, dass sie Hilfe brauchen, um sich da raus zu kÀmpfen. Dies aus Perspektiven, die heute immer noch zu wenig eingenommen werden.

Wie auch den Schreibenden der bereits erschienenden Streitschriften der Reihe „ZĂŒndstoff“ gelingt es ihr in kompakter Form Grundlagenwissen zu einer wenig bisher differenziert beleuchteten Thematik zu vermitteln, dass zwangslĂ€ufig neue Perspektiven gewonnen werden, ohne dass man zugleich mit allen genannten LösungsvorschlĂ€gen einverstanden muss.

Schnell wird man jedoch feststellen, wie sehr man selbst vielleicht im klassistischen Denken verhaftet und wie schwer es angesichts unserer Gesellschaft ist, dauerhaft umzudenken. Diesen Prozess anzustoßen, ist ein Kraftakt, der mit dem Lesen der Denkschrift und der Diskussion die folgen sollte, der Francis Seeck gelungen ist.

Autorin:

Francis Seeck wurde 1987 geboren und ist eine deutsche Kulturantropologin und Antidiskriminierungstrainerin. Sie studierte zunÀchst Kulturwissenschaften an der Europa UniversitÀt Viadrina und EuropÀische Ethnologie an der Humboldt UniversitÀt Berlin, an der sie auch promovierte. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u. a. Antidiskriminierung und Gender, qualitative Sozialforschung und soziale Gerechtigkeit.

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Florian Schwiecker/Michael Tsokos: Eberhardt & Jarmer 2 – Der 13. Mann

Inhalt:

Ein Mann. Eine Leiche. Ein Abgrund.
Rocco Eberhardt kann kaum glauben, was den unscheinbaren Timo Krampe in seine Anwaltskanzlei fĂŒhrt: Timo wollte mit seinem Freund Jörg einen Skandal von enormer Sprengkraft aufdecken, doch nun ist Jörg verschwunden. Emordet, wie Rechtsmediziner Justus Jarmer angesichts der Wasserleiche auf seinem Tisch vermutet.

Und auch Timos Leben scheint in Gefahr, denn seine EnthĂŒllung ist wahrlich brisant: Im Rahmen des Granther-Experiments hatten Berliner JugendĂ€mter noch bis 2003 Pflegekinder bewusst an pĂ€dophile MĂ€nner vermittelt – auch Timo und Jörg. Und die Verantwortlichen sitzen inzwischen an den Schalthebeln der Macht… (Klappentext)

BĂŒcher der Reihe:

Rezension:

Ein rechtsmedizinisch, nur angehauchter, Justiz-Krimi ist das, was diesmal die Autoren Florian Schwiecker und Michael Tsokos vorgelegt haben, der jedoch um so spannender daherkommt, wie auch die Anlehnung an reale Geschehnisse hoch brisant ist.

Wieder enstpannt sich ein zunĂ€chst relativ harmloser, dennoch dĂŒster erscheinender Fall um das ungleiche Ermittler-Duo, den Rechtsmediziner Justus Jarmer, der eine aus einem Berliner Kanal geborgene Leiche obduzieren muss, und Strafverteidiger Rocco Eberhardt, der diesmal in die Verlegenheit kommt, ein Opfer mit einer unglaublichen Geschichte vertreten zu mĂŒssen. Beide FĂ€lle sind schnell einer und der wirbelt genug Staub auf, dass nicht nur die beiden Hauptprotagonisten sich bald einem gewaltigen Sturm gegenĂŒber sehen.

Dabei ist der ErzĂ€hlstil, wie auch schon mit Auftakt der Reihe, weiterhin sehr ruhig, wenn auch zahlreiche Thriller-Elemente, wie Kapitel, erzĂ€hlt aus den verschiedenen Sichtweisen der handlungsgebenden Figuren, vorhanden sind und genug Wendungen, um Lesende zu verwirren und aufs Glatteis zu fĂŒhren.

Dabei gelingt den Schreibenden die Protagonisten mit einer genĂŒgenden Prise RealitĂ€t auszustatten und sich entlang von Geschehnissen zu hangeln, die dennoch genĂŒgend verfremdet und abgewandelt wurden, wie man anhand des Nachworts erfĂ€hrt. Schließlich ist nichts grausamer als die RealitĂ€t.

Spannend ist hier die psychologische Komponente der Figur Timo Krampe herausgearbeitet, genau so, wie die des zuerst unscheinbar bleibenden Gegenspielenden. Dessen IdentitĂ€t und Rolle wird schnell klar, nur beinahe zu schnell. Mit wenigen Kapiteln rĂŒckt das Taktieren der Protagonisten in den Vordergrund, woraus eine interessante Dynamik entsteht.

Nicht ganz so detailliert sind gerichtsmedizinische Elemente, weshalb dieser Krimi durchaus, wenn auch mit Vorsicht, jene sich zu GemĂŒte fĂŒhren können, die es nicht ganz so blutig mögen. Insgesamt kann man den beiden Autoren zuschreiben, einen Band geschrieben zu haben, der nicht schwĂ€cher ist als der erste, an ErzĂ€hltempo zulegt und Lust macht, auf weitere FĂ€lle (die ansonsten unabhĂ€ngig voneinander gelesen werden können).

Autoren:

Michael Tsokos wurde 1967 in Kiel geboren und ist ein deutscher Rechtsmediziner und Professor an der Charite Berlin. Seit 2007 leitet er dort das Institut fĂŒr Rechtsmedizin und das Landesinstitut fĂŒr gerichtliche und soziale Medizin in Berlin-Moabit. Zudem ist er als Autor von SachbĂŒchern und Thrillern, oft in Kombination mit anderen Autoren tĂ€tig.Seit 2014 engagiert er sich als Botschafter des Deutschen Kindervereins.

Florian Schwiecker wurde 1972 in Kiel geboren und ist vom Beruf Strafverteidiger. 2017 erschien sein erster Thriller. FĂŒr eine Zeitung schreibt er regelmĂ€ĂŸig eine Thriller-Kolumne.

Der Autor lebt in Berlin.

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Michele K. Troy: Die Albatross Connection

Inhalt:

Die aufregende Geschichte des Albatross-Verlags – gegrĂŒndet Ende 1931 in Hamburg – beschreibt in bester John-le-Carre-Manier, wie drei GlĂŒcksritter die Nazis austricksten, und ganz nebenbei die dramatischen AnfĂ€nge des modernen Taschenbuchs. (Klappentext)

Rezension:

Praktisch ĂŒber Nacht ĂŒberflĂŒgelte der Albatross seine Konkurrenten und blieb lange sichtbar das Wappentier eines der erfolgreichsten Verlage, die mitten im Europa des Zweiten Weltkriegs, tĂ€tig waren. Als Grenzen nahezu unĂŒberwindbar waren, schufen die GrĂŒnder des Albatross-Verlags ein dichtes wirtschaftliches Netz und waren zuweilen so erfolgreich, dass sie selbst die strenge Zensur argwöhnischer NS-Behörden umgehen konnten, die dem Unternehmen misstrauten, es andererseits jedoch auch fĂŒr ihre Ziele einzuspannen versuchten.

Ein Unternehmen, welches so nur in besonderen Zeiten existieren konnte und heutzutage fast dem Vergessen anheim gefallen ist, nachzuspĂŒren, dieser Aufgabe hat sich sich die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Michele K. Troy gewidmet und so das entwirrt, was schon vor Augen der damaligen deutschen Obrigkeit schier undurchdringlich schien. In „Die Albatross Connection“ beschreibt sie detailliert die Entstehungsgeschichte eines Verlagsunternehmens und damit auch der Menschen, die einst englische Literatur auf den Kontinent heimisch machen und verbreiten wollten.

Und vorzĂŒglich verpackt waren sie allerdings. Wenn Kleider Leute machtem, wie ĂŒbrigens auch der schnittige persönliche Auftritt der Albatross-Chefs zu sagen schien, so machten die farbenfrohen EinbĂ€nde und SchutzumschlĂ€ge ihre TaschenbĂŒcher zu einer Klasse fĂŒr sich.

Michele K. Troy: Die Albatross Connection

Aus Puzzleteilen zahlreicher privater und staatlicher Archive entstand in jahrelanger Recherche ein so spannendes StĂŒck Literaturgeschichte, dass man diese zugleich als Krimi, Spionageroman oder Biografie der drei Albatross-GrĂŒnder lesen kann. Aber eben auch, dass (sich) am Schicksal dieses Unternehmens viele Köpfe zerbrachen.

Jahrelang verbarg sich Albatross, sichtbar fĂŒr alle Welt. Nebelwerfen bewĂ€hrte sich nicht nur als die beste Verteidigung gegen die BĂŒrokratie des Nazistaates, sondern gewĂ€hrte deutschen Lesern auch Zugang zu englischer und amerikanischer Literatur, als in Hitlerdeutschland die Reinigung des Volkstums von fremden EinflĂŒssen lĂ€ngst im Gange war.

Michele K. Troy: Die Albatross Connection

Im Bann gezogen ist man dann, wenn die autorin etwa beschreibt, wie der GrĂŒnder John Holroy-Reece mithilfe von britisch-jĂŒdischen Intellektuellen Finanzmittel auftreiben konnte, selbst jedoch fĂŒr seine Mitstreiter kaum zu fassen war, gleichwohl diese in den gegnerisch zueinander stehenden LĂ€ndern Deutschland und Frankreich ihrerseits den Verlag am Leben erhielten.

Albatross hatte die duetschen Behörden glauben lassen, was sie glauben wollten [
].

Michele K. Troy: Die Albatross Connection

Ohne den Faden bei ihren Recherchen verloren zu haben, taucht die Autorin in wundersame und erschreckende Zeiten ein, fĂŒhrt Lesenden die Fallstricke und Herausforderungen vor Augen, denen sich die Albatross-Connection, bestehend aus Holroyd-Reece, Kurt Enoch und Max Christian Wegner ausgesetzt sah, stellt jedoch auch dar, wie Wagemut und fast zu oft eine ungehörige Portion GlĂŒck ein Unternehmen unter den Augen eines Regimes ĂŒberleben lassen haben, welches dessen Ideologie diametral entgegen stand.

Mit diesen Werk lĂ€sst Troy ein beeindruckendes StĂŒck europĂ€ischer und nicht zuletzt deutscher Literaturgeschichte wieder lebendig werden, welches sicher seinen Eingang in die Bibliotheken entsprechender Hochschulen und UniversitĂ€ten finden wird, so dass man dort eine detaillierte Überblicksschrift in den HĂ€nden halten kann. Doch nicht nur dort wird man beeindruckt zurĂŒckbleiben, ob dessen der Autorin es gelungen ist, die Puzzleteile aufzustöbern und zusammen zu fĂŒgen.

Der Albatross bildete die Grundlage des modernen Taschenbuchs, wie wir es heute kennen. Nicht nur fĂŒr Literaturbegeisterte ist das Werk jedoch auch eine besondere Schrift gegen das Vergessen.

Autorin:

Michele K. Troy ist Professorin fĂŒr Englische Literatur an der University of Hartford. Sie forscht zur angloamerikanischen Kultur in Europa zwischen und wĂ€hrend der Weltkriege, sowie zur Entwicklung des modernen Taschenbuch und des Buchhandels wĂ€hrend der NS-Zeit.

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