St.Louis

Alan Gratz/Syd Fini: Vor uns das Meer – Die Graphic Novel

Inhalt:
Drei verschiedene Kinder. Ein gemeinsames Schicksal: Die Flucht.

Josef ist ein jüdischer Junge, der in den 1930er Jahren aus Deutschland fliehen muss. Seine Familie und er gehen an Bord der St. Louis, das Schiff, welches sie in eine neue Welt bringen soll

Isabel ist ein kubanisches Mädchen, welches sich 1994 mit ihrer Familie angesichts der Unruhen und Aufstände auf einen Boot auf den Weg macht, in der Hoffnung, in den USA Sicherheit zu finden.

Mahmoud ist ein syrischer Junge, dessen Heimat 2015 von Gewalt und Zerstörung heimgesucht wird. Seine Familie und er begeben sich auf eine lange und gefährliche Reise nach Europa.

Erschütternde Reisen. Unvorstellbare Gefahren und die Hoffnung auf morgen. Und eine überraschende Wendung, die alle drei Geschichten miteinander verbindet. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:
Tatsächliche Geschehnisse erzählen die spannendsten Geschichten, zumal wenn sie sich thematisch miteinander verbinden lassen. So stand zurecht das Jugendbuch „Vor uns das Meer“ von Alan Gratz wochenlang nach Erscheinen auf den Bestsellerlisten. Jetzt hat dieses wunderbare und eindrückliche Werk eine Adaption als Graphic Novel erfahren, die aufgrund ihrer Aufmachung eigenständig behandelt werden muss.

Erzählt wird die Geschichte dreier Jugendlicher, die in verschiedenen Jahrzehnten zu Hause sind und eben diese Heimat aufgrund von Krieg, Terror und Verfolgung verlassen müssen. Das bedeutet nicht nur, Vertrautes in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft zurückzulassen, sondern auch ein Weg voller Gefahren und Entscheidungen, die das Ende der Kindheit markieren. Das ist es, was oft genug unterschlagen wird, wenn über Flüchtlinge berichtet wird. Die Grausamkeit der Endgültigkeit, die jeden Meter pflastert, den diese Menschen zurücklegen, wird so selten gesehen. Davon erzählt der Jugendbuchautor Alan Gratz und schafft es in seiner Geschichte sehr eindrucksvoll, dies lebendig vor Augen zu führen und seine Charaktere darzustellen und drei Schicksale miteinander zu verbinden.

Das funktioniert in Romanform schon sehr gut, basieren doch alle drei Geschichten auf realen Personen, auch nimmt der Autor Bezug auf tatsächlich verbürgtes, wenn es etwa um die Irrfahrt der St. Louis geht oder den Ereignissen im Jahr 2015. Eine Szene, im Jugendroman wie auch hier in der Graphic Novel ist zwar etwas over the top, in letzterer aber etwas besser umgesetzt. Und nun die Erzählung dieser wichtigen Thematik in grafischer Form. Hier ist dem Künstler Syd Fini ein wahres Meisterwerk gelungen.

Immer wieder wechseln wir zwischen den Geschichten der Kinder hin und her und halten uns damit getreu an die Buchvorlage. Klare Linien und kräftige Farben kennzeichnen die unterschiedlich großen Panels, die konzentriert die Schlüsselmomente der Geschichte zeigen, ohne etwas dabei zu verlieren. Schnell zieht man die Verbindung zwischen den drei Schicksalen, was zur DNA von „Vor uns das Meer“ gehört und einem nicht unberührt lassen kann. Hier tut vielleicht die Graphic Novel noch mehr als der Roman selbst. Die einzelnen Panels wirken dabei vergleichsweise düster, am Ende werden se zusammengeführt. Zudem geben Autor und Zeichner einen Überblick über die tatsächlichen Geschehnisse.

Diese Graphic Novel schafft eine noch festere Verbindung zu seiner Leserschaft und zeigt, wie sich die Schicksale einzelner über Jahrzehnte hinweg überkreuzen können, ohne das Leid dieser Menschen weichzuspülen oder der Thematik nicht gerecht zu werden. Da alles auf reale Geschichten beruht, gibt es keine überraschenden Wendungen, zumindest wenn man sich ein wenig mit Geschichte auskennt, doch gerade für Jugendliche, um sie mit der Thematik vertraut zu machen, ist diese Form der Aufbereitung sowohl nahbar als auch spannend erzählt. Auch gelingt es Syd Fini Rückblenden zeichnerisch gut einzubinden.

Diese Form des Erzählens hat etwas sehr filmisches und hilft, sich das alles vorzustellen. Vom Original geht dabei nichts verloren. Wer also nicht den Jugendroman zur Hand nehmen möchte, dem sei diese Graphic Novel unbedingt ans Herz gelehnt. Diese wird mitten ins Herz treffen und vielleicht einen neuen Zugang zu einer sehr schwer zu händelnden Thematik verschaffen. Und mehr kann man da nicht verlangen.

Autoren:
Alan Gratz wurde 1972 in Tennessee geboren und ist ein US-amerikanischer Autor im Kinder- und Jugendbuchbereich. Er studierte Kreatives Schreiben und arbeitete als Englischlehrer, bevor er seine ersten Werke veröffentlichte. 2024 wurde ein Werk von ihm in Schulbibliotheken verboten, welches sich mit dem Verbot bestimmter Bücher in den USA befasst. Seine Erzählung „Vor uns das Meer“ hingegen, konnte mehrere nationale und internationale Literaturpreise gewinnen. Zu diesem Werk werden in Deutschland Unterrichtsmaterialien angeboten, zudem wurden darüber mehrere wissenschaftliche Artikel verfasst.

Neben seinen Jugendbüchern schrieb er mehrere Artikel für Zeitungen und Zeitschriften, Radiowerbespots und Episoden für verschiedene Fernsehserien, sowie Theaterstücke.

Syd Fini ist ein iranischer Künstler, der während des Iran-Irak-Krieges geboren wurde und als Animationsfilmregisseur, Illustrator und Comiczeichner arbeitet. Er lebt in Brooklyn, New York.

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Alan Gratz: Vor uns das Meer

Vor uns das Meer Book Cover
Vor uns das Meer Alan Gratz Erschienen am: 17.02.2020 Hanser Seiten: 301 ISBN: 978-3-446-26613-1 Übersetzerin: Meritxell Janina Piel

Inhalt:

Wenn das eigene Zuhause zu einem Ort der Angst und Unmenschlichkeit wird, ist es kein Zuhause mehr.

Josef ist 11, als er 1939 mit seiner Familie aus Deutschland vor den Nazis fliehen muss. Isabel lebt im Jahr 1994 in Kuba und leidet Hunger – auch sie begibt sich auf eine gefährliche Reise in das verheißungsvolle Amerika. Und der 12-jährige Mahmoud verlässt im Jahr 2015 seine zerstörte Heimatstadt Aleppo, um in Deutschland neu anzufangen.

Alan Gratz verwebt geschickt und ungemein spannend die Geschichten und Schicksale dreier Kinder aus unterschiedlichen Zeiten. Ein zeitloses Buch über Vertreibung und Hoffnung, über die Sehnsucht nach Heimat und Ankommen. (Klappentext)

Rezension:

Unerwartet taucht zwischen den Büchern in den Regalen manchmal ein Juwel auf, was nachhaltig beeindruckt. Rar und kostbar, wenn die Protagonisten berühren und der Schreibende es schafft, seine Leser zu fesseln und nachdenklich zu stimmen. Ein solches Kunststück ist Alan Gratz gelungen. Der amerikanische Autor bringt wie kaum jemand anderes drei Geschichten, drei Zeitebenen, drei Handlungsstränge zusammen und versucht so, kaum zu Erklärendes begreifbar zu machen.

Kapitelweise wechselt die Perspektive zwischen den Zeiten. Die drei Hauptprotagonisten erzählen aus der Ich-Perspektive vom Grauen, welches sie erleben, ihren Sehnsüchten, Träumen. Wir Leser erleben, wenn Hoffnung in Verzweiflung umschlägt und Entscheidungen über Leben und Tod getroffen werden müssen, von jenen, die eigentlich noch Kinder sind, aber viel zu schnell erwachsen werden müssen. 1933 übernehmen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht. Die jüdische Bevölkerung wird an den Rand gedrängt.

Auch Josefs Familie sucht einen Ausweg und ergattert Tickets für das Schiff St. Louis nach Kuba. Jahrzehnte später sucht auch Isabels Familie, die in Kuba hungert und politisch bedrängt wird, nach einem Ausweg und schließlich muss 2015 auch Mahmouds Familie den Kriegswirren in Syrien entfliehen. Verbindendes Element sind Sehnsüchte und Hoffnungen, eine böse Ahnung von Gefahr, falls die Flucht schiefgehen sollte. Werden die drei Jugendlichen ihr Ziel erreichen?

Spannend und einfühlsam beschreibt Alan Gratz den Weg der drei, der anhand von gezeichneten Karten im Anhang des Romans nachvollzogen werdne, nicht zuletzt durch eine historische Einordnung des Autoren im Nachwort. Der Lesende wird mitfiebern, mitleiden.

Unerträglich die Spannung, nur ganz karg blitzen sie auf, die kleinen Momente des Glücks, das Hervorscheinen einer viel zu schnell beendeten Kindheit, nur damit das Schicksal im nächsten Moment wieder mit aller Härte zurückschlagen kann. Ja, so könnte die Geschichte von drei Kindern tatsächlich verlaufen sein. Nachvollziehbar ehrlich geht Gratz mit der Zielgruppe um, wenn auch ein paar Momente ganz klar over the top sind und nicht so recht passen mögen.

Das schmälert die Lektüre nicht und so ist dieses Werk auf einer Linie mit z.B. „Damals war es Friedrich“, von Hans Peter Richter zu nennen, wenn auch Gratz gleich mehrere Zeitebenen zu fassen bekommt. Der kontinuierliche Spannungsbogen aller drei Geschichten lässt bis zum Ende nicht locker, wird unscheinbar miteinander verwoben. Die Auflösung selbst vermag zu überraschen, wirkt wie ein Schrei und schüttelt die Leser förmlich.

Wir haben es in der Hand, nicht mehr zu zu lassen, dass sich solche Geschichte wiederholt. Alleine, uns gelingt dies nicht, wie die jüngste der drei Zeitebenen zeigt.

Wie ist das, die Heimat, die gewohnte Umgebung, Spielkameraden, eine Perspektive aufzugeben und dann ständig auf der Hut zu sein? Immer die Gefahr vor Augen, beim nächsten falschen Wort, mit der nächsten falschen Bewegung umzukommen? Beieindruckend in der Lektüre, nachhallend wie kaum anderes.

Eine unbedingte Leseempfehlung.

Autor:

Alan Gratz wurde 1972 in Knoxville, Tennessee, und ist ein amerikanischer Schriftsteller. Er studierte Kreatives Schreiben und veröffentlichte 2006 sein erstes Jugendbuch. Weitere folgten. 2017 gewann er den National Jewish Book Award. Der Autor lebt in Asheville, North Carolina.

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