
Inhalt:
Angespannt wartet die Familie am gedeckten Tisch auf den Vater. Mutter, Tochter und Sohn sitzen vor einem Berg Muscheln, die allein das Oberhaupt der Familie gerne isst. Um die zähe Wartezeit zu überbrücken, beginnen sie miteinander zu reden. Je mehr sich der Vater verspätet, desto offener wird das Gespräch, desto umbarmherziger der Blick auf den autoritären Patriarchen und desto tiefer der Riss, der die scheinbare Familienidylle schließlich zu zerstören droht. (Klappentext)
Rezension:
Das Hinterfragen und Durchbrechen von autoritären Strukturen geschieht zunächst leise. Kleine Risse, die ein jeder für sich ausmacht, die später größer, lauter und für alle anderen sichtbar werden, bis es zum unweigerlichen Bruch kommt. Bezugnehmend auf die Strukturen eines Staates, den es heute nicht mehr gibt, hat die deutsche Schriftstellerin Birgit Vanderbeke ihre Novelle „Das Muschelessen“, im Jahre 1990 veröffentlicht und damit ein literarisches Kammerspiel geschaffen, welches sich heute ebenso auf das Verhältnis zwischen Staat und Bürger übertragen lässt.
Oberflächlich begegnen wir einer am Tisch sitzenden Familie, die auf das Zurückkehren des Vaters wartet, dessen Lieblingsessen vor sich hinköchelt. Aus der Sicht der Tochter wird dies erzählt. Das Geräusch, der sich öffnenden Muscheln, die sonst niemand so recht mag, lässt ihr die Haare am Körper zu Berge stehen. In der kurzweiligen Erzählung, die mit einem heute selten gewordenen, verschachtelten und langwierigen Schreibstil daherkommt, was alleine schon den Gegensatz der Geschichte verkörpert, warten wir mit der Familie, deren Ängste die einzelnen Mitglieder zuerst zaghaft, dann immer lauter und entschiedener artikulieren.
Schon mit den ersten Zeilen wird die Aufgewühltheit der Protagonisten deutlich, die innere Unruhe, die wir erfahren, zunächst durch die Beschreibungen der erzählenden Personen, die ihre Umgebung, ihre Mutter und ihren jüngeren Bruder, genau beobachtet. Nach und nach werden die Beweggründe der Figuren deutlich, für ihre Sichtweise auf die Vaterfigur. Das Erkennen, dass der Patriarch sie praktisch in eine emotionale Geiselhaft hält, die man auch als unsichtbare Mauer nehmen darf, braucht nur wenige Stunden. Die offene Auflehnung gegen den Antaogonisten, der nur durch die Betrachtung der Figuren in der Erzählung vorkommt, selbst jedoch nicht in direkter Erscheinung tritt, braucht dann nur ein zerbrochenes Glas.
Dabei stellen die Protagonisten alle Zustände des Lebens unter autoritären Strukturen dar. Mehr oder weniger offene Auflehnung, passiver Widerstand, Opportunismus treten hier innerhalb verschiedener Phasen der Handlung in Erscheinung, gewinnen und verlieren die Oberhand, bündeln sich schließlich zu einer finalen Szene, deren Ende offen bleiben muss. Wird der Kampf ausgefochten? Muss er überhaupt weitergeführt werden? Erledigt sich das Problem von selbst? Birgit Vanderbeke lässt ihre Leserschaft selbst denken. Die Fortführung des Szenarios findet in den Köpfen statt. Auch die Ausgestaltung der einzelnen Figuren gibt Raum zur Interpretation.
Zwar werden verschiedene Anekdoten aus dem Familienleben von der Erzählfigur hervorgeholt, alleine um die Handlung voranzutreiben, doch ergibt sich außer von ihr und von der Vaterfigur selbst, kein wirklich klares Bild. Die anderen zwei Figuren bleiben blass, so dass man zeitweilig das Gefühl hat, einem taktischen Spiel beizuwohnen, bei dem erst nach und nach sich ein jeder in die Karten schauen lässt. Sie alle haben ihre Schwierigkeiten, Probleme, Hoffnungen und Ängste. Zuweilen liest man fassungslos, was da geschieht.
Anfangs besonders im Sprachlichen gewöhnungsbedürftig, findet man doch schnell hinein in den Text, der sich immer rasanter lesen lässt. Es fühlt sich an, wie ein Strudel, in den man hineingerät und seinen Kräften dann nicht entkommen kann. Die Muscheln verkommen zum Symbol für den Wendepunkt. Ein Abschnitt endet, ein anderer beginnt. Das Kammerspiel selbst ist das Dazwischen.
Es gibt hier keinen Raum für unlogische Wendungen, aber Sprünge in der emotionalen Befreiung der Figuren von den Fesseln dieses Korsetts Familie, welches aufgebrochen wird. Das ständige Hin und Her, zwischen jetzt und vergangenen Ereignissen tut das Übrige für die Dynamik der Erzählung. Passieren tut da nicht viel, aber dafür eine ganze Menge.
Dieser Sog wirkt bis zum großen Knall, zudem auch das offene Ende passt, welches man wohl je nach Gefühlszustand und Erfahrungshorizont so oder so interpretiert. Beiwohnend kann man sich das alles bildlich vorstellen, als würde man einem Theaterstück beiwohnen. Es braucht ja nicht viel. Bis auf die Rückblenden spielt sich das alles in der Wohnung der Familie ab.
Aus der Novelle heraus lässt sich viel mitnehmen. Gedanken über Familienstrukturen, Widerstand, politische Strukturen, die durchaus eine Abbildung dessen sein können und das funktioniert bis in unsere Zeit, in der ein gewisser Bundeskanzler tut, was er tut und es in der Bevölkerung vor sich dahinbrodelt, man förmlich auf den großen Knall wartet oder ihn fürchtet. Je nach Lage und persönlicher Situation.
„Das Muschelessen“, ist damit eine zeitlose und doch hoch aktuelle Erzählung, deren zahlreiche Schichten es in sich haben. Damit das funktioniert, muss man nicht einmal die persönliche Geschichte der Autorin kennen, die einst selbst mit ihren Eltern kurz vor dem Mauerbau aus der DDR floh. Ein großartiger, gewaltiger kleiner Roman.
Autorin:
Birgit Margot Vanderbeke wurde 1956 in Dahme geboren und starb 2021 in Südfrankreich. Die spätere deutsche Schriftstellerin wuchs zunächst in der DDR, später in Frankfurt am Main auf, wo sie Jura, Germanistik und Romanistik studierte. Sie arbeitete beim Institut für Sozialforschung, seit 1993 zudem als freiberufliche Autorin. 2002 erschien der von ihr verfasste Band „Gebrauchsanweisung für Südfrankreich“. 1990 gewann sie mit einem Auszug aus dem Text „Das Muschelessen“, den Ingeborg-Bachmann-Preis.
