Roadtrip

Franz Werner Schmidt: Pik reist nach Amerika

Inhalt:
Das gibt es doch nicht! Pik, ein zahmes Eichhörnchen, ist Bens Ein und Alles. Doch dann kommt Terry und stielt es … und das ausgerechnet kurz bevor Terry mit seinen reichen Eltern eine Reise nach Amerika antritt. Terry nimmt Pik mit an Bord. Und für Ben ist eines klar: Er muss hinterher und seinen Pik zurückbekommen. Franz Werner Schmidts klassische, temporeiche Abenteuergeschichte für kleine Leser erschien erstmals 1927 und erfuhr in den 1950er-Jahren zahlreiche Auflagen. Nicht zuletzt Wolfgang Herrndorf war begeistert von diesem Kinderbuch, das ihn zu „Tschick“ inspirierte. (Klappentext)

Rezension:
Es ist noch gar nicht so lange her, da waren Schiffsreisen quer über den Ozean noch ein großes Abenteuer. Was also liegt näher, als um eine solche Überfahrt eine spannende Geschichte für die Kleinsten zu erzählen. Genau das hat der Schriftsteller Franz Werner Schmidt im Jahr 1927 gemacht und einen witzig chaotischen Roadtrip über Wasser geschaffen, der sich auch heute noch gut lesen lässt. Auch heute noch ist dieses kleine humorvolle und kompakte Kinderbuch sehr leichtgängig zu lesen.

Erzählt wird die Geschichte von Ben, einen armen Jungen, zu dem ein Eichhörnchen Zutrauen gefunden hat, was den Neid von Terry entfacht, der mit seinen reichen Eltern kurz vor der Überfahrt nach Amerika steht. Terry entführt kurzerhand das Tier, was Ben überhaupt nicht auf sich sitzen lassen will. Kurzerhand häuert er als Küchenjunge auf den Schiff an, auf den sich Entführer und Entführtes befinden, was natürlich nicht lange gut gehen kann, weder vor neugierigen Erwachsenenaugen verborgen bleibt, noch vor Terry, dem schnell Gewissensbisse plagen.

Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, schließlich ist die kleine Novelle sehr kompakt gehalten. Das Eichhörnchen als Symbol für Neugier, Verspielt- und Lebendigkeit auf der einen Seite, die Jungen, die unterschiedlicher als Protagonisten nicht sein könnten, auf der anderen, jeder für sich als Gegenpool zu der recht steifen und regelverhafteten Erwachsenenwelt. Dies bringt allerhand Dynamik in die Erzählung, deren Hauptcharaktere man schnell lieben lernt.

Ben natürlich, der versucht für sich Gerechtigkeit wieder herzustellen und dabei auf allerhand Barrieren stößt, Terry, der mit seinem schlechten Gewissen Ecken und Kanten bekommt. Beide Charaktere sind dennoch gleichermaßen liebenswert wie nachvollziehbar gestaltet. Die Erzählung ist dabei den gesamten Handlungsstrang, der einem Katz- und Mausspiel gleicht, humorvoll gehalten. Düsternis wird hier höchstens angedeutet, übernimmt jedoch nie ganz die Atmosphäre der Geschichte.

Abwechselnd aus Sicht der beiden Jungen wird sie erzählt, in einer Tonalität und Sprache, die auch heute noch funktioniert und sich genau so gut lesen lässt, wie zur Zeit des Erscheinens. Wohltuend die Tatsache, dass der erhobene Zeigefinger hier eher widerwillig erscheint, ansonsten jedoch kann man sich gut in die Atmopshäre der damaligen Zeit einfinden, in der Klassenunterschiede noch plastischer zu Tage trugen, als das heute der Fall ist. Auch damit ist es dem Autoren gelungen, zu spielen und Gegensätze zu schaffen.

Die flüssige Erzählung beschränkt sich dem Hauptteil der Geschichte auf einem Handlungsort, den es Franz Werner Schmidt gelungen ist, mit wenigen Zeilen lebendig werden zu lassen. Es braucht nicht viele Worte um sich zum Beispiel die Kombüse des Schiffs oder die Kabinen, das Schiffsdeck vorzustellen und das Chaos, welches der unfreiwillige und ungewöhnliche Gast entfacht. So bildhaft sind die Formulierungen. Mehrfach muss man schmunzeln und nicht nur die Zielgruppe, meine ich, geht aus dieser Erzählung gut gelaunt heraus. Diese eignet sich im Übrigen mit ihrer immer noch aktuellen und gut zu lesenden Sprache gut fürs erste Selbstlesen wie auch für das Vorlesen.

Sowohl die Ausgestaltung der Charaktere als auch der Handlungsorte funktionieren hier sehr gut. Nicht verwunderlich daher, dass Wolfgang Herrndorf sich von diesen zu seiner Geschichte „Tschick“ lose inspirieren ließ, sie in einer anderen praktisch nebenbei erwähnte. Auch hier geht es um Abenteuer, Freundschaft und eine ungewöhnliche Reise und so ist „Pik reist nach Amerika“ nichts anderes als ein „Tschick“ für jüngere Kinder.

Dieses Buch ist mir über die Social Media Plattformen des Verlags über den Weg gelaufen. Ich bin froh, diese und damit die Erzählung entdeckt zu haben, die man einfach nur als lieb bezeichnen kann. Relativ wenig ist über deren Autoren bekannt. Um so schöner, dass es die Erzählung geschafft hat, zu überdauern.

Autor:
Franz Werner Schmidt lebte von 1888 bis 1930 und war ein deutscher Schriftsteller und Lektor beim Franz-Schneider-Verlag.

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Christoph Kramer: Das Leben fing im Sommer an

Inhalt:
Der wärmste Sommer aller Zeiten, die erste große Liebe, eine Nacht, die alles verändert. Christoph Kramers Debüt katapultiert uns zurück in die Zeit im Leben, in der alles möglich schien und in der das größte Glück und die größte Verzweiflung ganz nah beieinanderlagen. Eine wunderbar melancholische Hommage an den Zauber aller Anfänge, die Magie der ersten Liebe und nicht zuletzt an die Freundschaft – die Geschichte eines Sommers, an den man sich immer erinnern wird. (Klappentext)

Rezension:
Mit einer Mischung aus Streiflichtern aus fiktionalisierten biografischen Details in Form, beinahe eines Jugendromans mit Roadtrip-Elementen nimmt uns der ehemalige Fußballer Christoph Kramer mit und lässt uns mit seinem Protagonisten einen unvergesslichen Sommer erleben, der für diesen gleich mehrere Sommermärchen bereithält. Melancholisch nachdenklich geschrieben, ist dieser Roman dennoch sehr zugänglich gehalten und nicht nur eben für Fans des Fußballs gedacht, einzutauchen und sich selbst an diese flirrende Zeit, auch die des letzten unbeschwerten Jahres der eigenen Jugend zu erinnern.

Es ist der Sommer eines Wechsels, den wir aus der Sicht des dem Autoren ähnlich gezeichneten Protagonisten erleben. Der letzte Sommer der Kindheit, der für Chris entscheidende Weichen stellt und viele offene Fragen bereithält, für den Jungen, der nur auf den Platz selbstsicher agiert, wobei auch dies in Frage gestellt wird.

Doch nur im Nebenstrang geht es um den Sport. Den 15-jährigen beschäftigen ganz normale Dinge, wie die Frage, wer möchte ich sein, werde ich eine Freundin bekommen. Wird sich jemand je für mich interessieren? All die Sachen halt, die einem so umtreiben, bis man sie dann zum ersten Mal erlebt. In diesem Roman, in dem Christoph Kramer so wohltuend ruhig von diesem flirrenden Sommer erzählt, dass man meint jeden einzelnen Sonnenstrahl, wie auch manch bittere Enttäuschung auf der Haut zu spüren, verbindet sich all dies zu einer kompakten Erzählung.

Der Protagonist vor allem und sein Freund Johnny sind detailliert gezeichnet und führen uns durch die Handlung, die aus der Sicht des ersteren erzählt und greifbar wird. Zugänglich ist die Sprache, die sowohl die Figuren mit all ihren Ecken und Kanten zeichnet, als auch Orte so nahe bringt, als würde man zum Beobachter der Handlung in derer direkten Umgebung.

Immer dann, wenn mehrere Stränge aufeinander treffen, verdichtet sich die Geschichte, die man auf weiter Strecke wie in Zeitlupe erlebt, nur um dann kopfüber in die chaotische Gefühlswelt eines Teenagers geworfen zu werden, der in vielen Dingen einfach noch nicht weiß, wohin mit sich. Dabei wird diese Zeit komprimiert auf wenige Tage, diese dafür fast momentgenau erzählt. Eigentlich passiert so gesehen nicht viel, dafür jedoch eine ganze Menge.

Die beiden Protagonisten sind umgeben von weiteren Figuren, die zumindest sprichwörtlich einander die Bälle zu spielen, und die Handlung vorantreiben. Stechende Charaktereigenschaften werden nur insofern herausgearbeitet, sofern sie der Handlung nützlich sind.

Wirkliche Antagonisten gibt es nicht, wie auch, wenn sie, wie man gleich von Beginn an annehmen darf, einer realen Dorfgemeinschaft entnommen sind, die zusammenhält, in der jeder jeden kennt. Christoph Kramer schafft es aber auch, diese in Kontext eines für ihn bedeutenden Jahres darzustellen und so Beständigkeit, Veränderung und Aufbruch zusammen zu bringen. Man hat das Gefühl so den beiden Hauptfiguren, vor allem Chris nahe zu sein, den Stimmungen nachspüren zu können.

Es gibt keinen wirklichen Perspektivwechsel, immer wieder aber treffende Charakterbeschreibungen, gekennzeichnet durch die melancholische und doch lebensfrohe Beschreibungen des Teenagers, der einen Sommer beschreibt, dessen Tage endlos scheinen. Die Erzählung besticht nicht durch absurde Wendungen, sondern durch die Tonalität und Nachvollziehbarkeit, auch durch die Sprünge zwischen den Tagen, denen jeder ein zu weilen sehr kompaktes Kapitel eingeräumt ist, welches die Haupthandlung einrahmt.

In die Erzählung findet man sich gut ein, da ein jeder zumindest in Teilen ähnliche Erinnerungen an den letzten Sommer seiner Jugend hat, auch wenn der weitere Verlauf der Geschichte des echten Chris‘ natürlich ein sehr besonderer ist. Die gezeichneten Parallelen lassen auf einen dabei sehr bodenständigen und besonnenen Menschen schließen, was man glaubwürdig nur so schreiben kann, wenn man charakterlich nicht zu weit davon entfernt ist.

Die Geschichte, in der einzelne Szenen vom Kammerspiel bis zum inneren Monolog und großem kleinen Drama irgendwie alles bereithalten, wirkt dadurch rund. Schauplätze wie Figuren entstehen so gekonnt vor dem inneren Auge. Manche Szene hätte ich mir dabei noch ausführlicher gewünscht und über andere Figuren gerne mehr erfahren. Christoph Kramer wäre das sicher auch gelungen. Dass es ein Debütroman und kein rein biografisches Werk ist, darf hier als Glücksfall bezeichnet werden. Ich würde gerne noch mehr in dieser Art von ihm lesen wollen.

Es ist ein Fußballroman ohne zu viel Fußball, ein fiktionalisiertes Stück Erinnerung, welches ein Stück hinter die Fassade schauen lässt, nicht nur für jene, die sich an das Jahr 2006 zurück erinnern möchten, sondern vielleicht genau so zurückblicken auf den letzten Sommer der eigenen Jugend und kann dabei von Erwachsenen wie Jugendlichen gleichermaßen gut gelesen werden. Das schafft ja auch nicht jede Erzählung.

Eine Erzählung, die eine Sinnsuche beschreibt, die Liebe zum Leben, zur Familie, die erste Liebe und eine besondere Freundschaft. Große Themen sind das, gekonnt komprimiert. Die Stimmung des Romans ist sehr besonders und es darf die Empfehlung ausgesprochen werden, sich davon einfangen zu lassen.

Autor:
Christoph Kramer wurde 1991 in Solingen geboren und ist ein ehemaliger Fußballspieler, TV-Experte und Schriftsteller. Von 2014 bis 2016 war er deutscher Nationalspieler und wurde 2014 Weltmeister. Er wurde in Solingen zum Sportler des Jahres 2ß14 und 2015 gewählt und lebt in Düsseldorf. 2025 veröffentlichte er seinen ersten Roman.

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Murmel Clausen: Leming

Inhalt:
Sie ist nicht so leicht, diese Sache mit dem Leben als geradenoch-Teenager: Kolja, Verena und Reinhold treffen in einem Suizid-Forum im Internet aufeinander. Gemeinsam wollen sie, um dem Ganzen ein passend dramatisches Ende zu setzen, an den Plattensee, um in einen erloschenen Vulkan zu springen. Nur dass Kolja eigentlich mitfährt, um die anderen beiden von dem Vorhaben abzubringen. Doch können eine chaotische Reise in einem getunten Audi, ein toter Opa, eine wilde Partynacht am Balaton, eine Sonnenfinsternis und letztlich ihre Freundschaft Verena und Reinhold neuen Lebensmut schenken? (Klappentext)

Rezension:
Knallhart ehrlich und brutal im Umgang mit seinen Protagonisten ist das vorliegende Jugendbuch „Leming“, von Schriftsteller und Drehbuchautor Murmel Clausen, der sich behutsam einer Thematik widmet, die schon eine Altersgruppe weiter schwierig zu händeln ist. Doch liest sich diese kleine, aber feine kompakte Erzählung über Suizidalität erstaunlich leichtgängig und kann damit einen Anker für junge Menschen schaffen, einen Anknüpfungspunkt für Gespräche zu finden.

Ein solcher Anker im Buch ist Kolja, Hauptprotagonist des Romans, der sich vor allem von seinem Vater unverstanden fühlt, ansonsten jedoch seine Rolle bereits zu Beginn der Geschichte gefunden hat. Er ist die gute Seele eines düsteren Forums, in dem sich Menschen über suizidale Gedanken austauschen, redet auf dessen Mitglieder ein und versucht sie so von manch einem angestrebten allerletzten Schritt abzuhalten.

Fein ausgearbeitet erfahren wir nach und nach mehr über sein Leben un dessen Sicht, aus der wir der Erzählung begegnen. Wir begleiten ihn auf einen Roadtrip Richtung Ungarn, in dem er versuchen wird, zwei Mitglieder des Forums, denen er sich nahe fühlt, unter Vorgabe, dass er ebenfalls einen Schlusspunkt ans Leben setzen wolle, von eben diesem abzuhalten. Doch ist dies überhaupt eine händelbare Aufgabe für einen Jugendlichen oder nicht doch mehrere Nummern zu groß?

Diese Frage schwingt über die gesamte Erzählung immer mit, die von der Dynamik des Hauptprotagonisten im Zusammenspiel mit zwei weiteren Nebenfiguren lebt, die nach und nach an Ecken und Kanten gewinnen. Sie alle sind nachvollziehbar gezeichnet, wankend in ihren Gefühlswelten, ebenso ist der Abstand vom Alter der Protagonisten glaubwürdig in ihren Charakteren dargestellt.

Reinhold als Ältester wirkt abgeklärt und in seinem Willen klar, während Kolja als Jüngster in seinen Gedankengängen schwankend und zuweilen unsicher dargestellt wird. Das macht die Figuren fassbar, auch wenn der Autor nur wenige Seiten braucht, um um sie herum eine sehr einnehmende Sogwirkung zu entfalten. Tatsächlich lässt sich dieser kleine Roman flüssig lesen. Die ernste thematik wird dabei immer wieder unterbrochen von Stellen mit Leichtigkeit und durchaus feinsinnigen Humor. Dadurch ist die Geschichte nicht nur für die Zielgruppe, sondern auch darüber hinaus lesbar.

In die Figuren kann man sich gut hineinversetzen. Der Hauptprotagonist ist hier Taktgeber und guter Beobachter. Zwar ahnt man durchaus schnell, wie die Erzählung ausgehen wird, doch liegt das am Genre und der Zielgebung des Autoren selbst, der ein eigenes Erlebnis zum Schreibanlass genommen hat. Am Ende des Buches stehen dann auch Hinweise und Links in Form von QR-Codes zur Telefonseelsorge als Zeichen, dass man mit seinen Sorgen nicht allein sein muss und es durchaus Hilfsangebote da draußen gibt. So ist dieses Buch Gesprächsangebot und Denkanstoß zugleich, auch wohl sehr gut in Schulen als Diskussionsanstoß denkbar.

Das liegt an der Ausgestaltung und Nahbarkeit der Protagonisten, ebenso am filmischen Schreibstil, der die wenigen Handlungsorte sehr plastisch vor Augen führt. Irgendwie passend, dass der Autor die Schein- und Trostlosigkeit des Balatons genommen und zumindest bei mir einen sehr ermüdenden Balaton-Urlaub in Erinnerung gerufen hat. Hier gibt das einmal Pluspunkte. Jedenfalls kann man sich das alles gut vorstellen. Murmel Clausen spielt da seine Profession als Drehbuchautor sehr in die Hände. Auch hat er damit unglaubwürdige Wendungen und Sprünge vermieden, wenn man einmal von der Vorhersehbarkeit absieht, die in diesem Genre fast gegeben zu sein scheint. Trotzdem fühlt sich „Leming“ in etwa so an, wie ein „Tschick“. Nur eben düsterer.

Dieses Buch hat das Zeug zur Schullektüre, spricht vor allem Jugendliche an, kann aber dennoch darüber hinaus gut gelesen werden, ohne großartig Abstriche machen zu müssen. Es ist Murmel Clausens Aufforderung über ein gesellschaftliches Tabu ins Gespräch zu kommen, was nur selten aufs Tableau gebracht wird, wenn überhaupt, dann, wenn es bereits zu spät ist. Die Ausgewogenheit zwischen der Schwere der Hauptthematik und die Leichtigkeit eingestreuter, auch fröhlicher Momente, macht die Erzählung dem zugänglich.

Man darf sich mehr solche kleinen aufs Wesentliche konzentrierte Geschichten wünschen, die vor allem ihre Zielgruppe ernst nehmen. Es wäre für uns alle ein Gewinn.

Anmerkung: Bei der Altersempfehlung würde ich ab 12/13 Jahren ansetzen.

Autor:
Claus-Henric „Murmel“ Clausen wurde 1973 in München geboren und ist ein deutscher Drehbuch- und Romanautor. Zunächst arbeitete für das Radio, nevor er gemeinsam mit Michael Herbig, Rick Kavanian und Christian Tramitz Drehbücher für verschiedene Fernsehshows zu schreiben begann. 2012 erschien sein erster Roman, dem weitere folgten, sowie Drehbücher zu mehreren Tatorten. Für seinen Roman „Leming“ wurde er 2024 mit dem Kinder- und Jugendbuchpreis „Luchs“ von Radio Bremen und der Zeitung „Die Zeit“ ausgezeichnet.

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Doris Wirth: Findet mich

Version 1.0.0

Inhalt:

Erwin bringt das Geld nach Hause, seine Frau kümmert sich um Kinder und Haushalt. Doch als Erwin Mitte 50 seinen Job verliert und sein Vater stirbt, fällt er in eine akute Krise. Er pendelt zwischen Verzweiflung und Größenwahn. In seinem Kopf sprießen bizarre Pläne und die Gier nach einem puren, triebhaften Leben in der Wildnis. Eines Tages zieht er los und verschwindet.

Sprachlich intensiv und formal virtuos verwebt Doris Wirth Familienroman und Roadmovie. Sie zeichnet das komplexe Psychogramm eines Mannes, der eine manische Psychose durchlebt. Aus wechselnden Perspektiven erzählt Findet mich Erwins Geschichte und zeichnet die der Familie über drei Generationen nach: von der Unterdrückung individueller Wünsche über die Prägung durch patriarchale Strukturen bis zur Suche neuer Rollen in der Gegenwart. (Klappentext)

Rezension:

Das vorliegende Romandebüt der Schweizer Autorin Doris Wirth, die zuvor bereits mehrere Erzählungen veröffentlicht, spürt den Veränderungen innerhalb einer Familie nach, deren Alltag plötzlich durch eine psychische Krankheit dominiert wird. Seiner Handlungsspielräume beraubt und seines Platzes verwiesen, spürt das ehemalige Oberhaupt nur noch den Drang, sich privaten Zwängen und dem gesellschaftlichen Druck zu entziehen und nähert nicht nur sich damit einem dunklen Abgrund an.

Leichtgängig klingt dies schon im Klappentext nicht an. Auch in der Zusammenfassung wirkt es nicht besser, doch liest sich der Wandel des Hauptprotagonisten und aller, die ihn umgeben, durchaus flüssig, in sofern wir sofort Bezüge zu den einzelnen Figuren herstellen können. In unserer schnelllebigen Gesellschaft sind nicht wenige selbst von psychischen Zwängen und Krankheiten betroffen oder kennen dies zumindest aus dem engeren Umfeld und so fällt das Einfinden leicht.

Nur wenige Stellschrauben, Auslöser, braucht die Autorin, um Verbindungen herzustellen. Die beiden Hauptfiguren, die im Laufe der Erzählung um eine geringe Anzahl erweitert werden, bekommen durch ihre Vorgeschichte Konturen. Diese sind klar gehalten, nach und nach schält sich das Unheil heraus. Dunkle Momente werden immer zahlreicher, ehe sie schließlich handlungsbestimmend wirken.

Vor allem für den männlichen Hauptpart, dessen Handeln man beinahe atemlos verfolgt. In der Art und Weise dessen, wirkt dies folgerichtig, ohne Lücken oder unlogische Sprünge zu hinterlassen. Bilder schafft hier die Autorin vor allem sehr stark durch innere Monologe, gedankliche Ausführungen, womit die Figuren ihre Ecken und Kanten bekommen. Im Kontrast zu dem vor allem so aufgebauten Protagonisten wirken die umgebenden Personen um so stärker. Doris Wirth gelingt es hier zu zeigen, dass auch Familienmitglieder mit einer solchen Situation zu kämpfen haben, nicht nur die Betroffenen selbst und das der Weg da raus nur entlang von Bruchkanten verlaufen kann.

Dieser Balanceakt erzeugt starke Bilder vor dem inneren Auge, auch bringt der stete Perspektivwechsel innerhalb der Kapitel eine temporeiche Dynamik mit sich. Dieser zu folgen ist dabei nicht sonderlich schwierig, wenn auch die Thematik nicht ohne ist. Man sollte dies vor dem Lesen wissen. Nicht jeder dürfte diese Erzählung einfach so weg lesen können. Auch der Genre-Mix trägt sein Übriges dazu bei. Psychogram und Roadmovie passen, das beweist Doris Wirth, hier wieder einmal gut zusammen. Schauplätze werden hier ebenso plastisch beschrieben wie Gefühlswelten, ohne ins Klischeehafte abzugleiten.

Immer wieder stolpert man dabei über einzelne Passagen, die hängen bleiben und nachdenklich machen. Manchmal ist es auch nur etwas Unbestimmtes, was beim Lesen zurückbleibt. Gerade für solche Momente lohnt sich das Lesen des Romans, in den man gerne den einzelnen Figuren neben dem Hauptprotagonisten noch mehr Raum geben würde, dabei wechseln die Sympathien durchaus von Kapitel zu Kapitel. Es hängt dann von den einzelnen Lesenden ab, welche Nachwirkungen hier Doris Wirth erzielt hat.

Ohne Spuren aber geht es nicht.

Autorin:

Doris Wirth wurde 1981 geboren und ist eine Schweizer Autorin. Zunächst studierte sie Germanistik, Filmwissenschaft und Philosophie in Zürich und Berlin, bevor 2014 ihr erster Erzählband erschien, dem weitere folgten. Für ihre Prosa mehrfach ausgezeichnet, erschien 2024 ihr Romandebüt. Die Gewinnerin mehrerer Literaturwettbewerbe lebt in Berlin.

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Raquel J. Palacio: Pony

Inhalt:
Silas muss hilflos mit ansehen, wie eines Nachts drei Fremde auftauchen und seinen Vater entführen. Als am nächsten Tag ein geheimnisvolles Pony vor seiner Tür auftaucht, weiß Silas, was er zu tun hat: Er begibt sich auf eine abenteuerliche Reise, um seinen Pa zu finden – eine Reise, auf der er es mit unerwarteten Gefahren, gut gehüteten Familiengeheimnissen und den Geistern der Vergangenheit zu tun bekommt. (Klappentext)

Rezension:

Vieles ist besonders an Silas, der allein mit seinem erfinderischen Vater auf einer Farm lebt. Der intelligente, aber zurückhaltende Junge hat einst einen Blitzschlag überlebt. Seit dem ist das Abbild eines Baumes auf seinem Rücken zu sehen, bei dem er vor dem Gewitter Schutz suchte. Auch sein einziger Freund ist besonders.

Ein Geist, den nur Silas selbst sehen kann. Lange sind es glückliche Tage, in denen Vater und Sohn für einen Wettbewerb versuchen, das beste Foto vom Mond zu schießen, doch eines Tages wird Silas‘ Vater von zwei Männern entführt. Der Junge nimmt all seinen Mut zusammen und begibt sich auf eine Reise, nach der nichts mehr so sein wird, wie zuvor.

Der neue Roman der Jugendbuchautorin Raquel J. Palacio entführt uns in eine Zeit voller Pioniergeist, jedoch auch kurz vor Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs und in ein großes Abenteuer. Der mystisch angehauchte Roadtrip zu Pferde erzählt von einer Suche, auf der der kleine Protagonist nur eines finden wird. Sich selbst. Dabei verwebt die Schriftstellerin Fiktion und Realität, zusammen mit ihrer Liebe zur Fotografie. In spannend angehauchten Kapiteln erzählt die Autorin diese wundersame Geschichte, die eine gänzlich andere Tonalität anschlägt, als zuvor ihr fulminanter Debütroman.

Das muss man mögen, doch sind die Ansätze, in die Geschichte hineingezogen zu werden, von Beginn an vorhanden. Der kleine Hauptprotagonist, ein phantasiebegabtes und intelligentes Kind, hält sich nicht für mutig, wächst jedoch im Verlauf der Handlung immer wieder über sich hinaus. Palacio hat offenbar ein Händchen für sich wandelnde Kindercharaktere, mit denen sie ein Identifikationspotential schafft, welches über die gesamte Lektüre trägt.

Das ist auch notwendig. Immer wieder entstehen einzelne Längen, da Übergänge teilweise holprig wirken und die Verbindung zwischen Mystik und Realität, eingewoben in dieser fiktionalen Geschichte nicht immer stimmig daherkommt. Klar definierte Antagonisten stehen im Gegensatz zu Charakteren, die dem Zwölfjährigen im Verlauf der Handlung zu Verbündeten werden. Palacio hat mit dieser Mischung eine Geschichte geschaffen, die vom Über-sich-hinaus-wachsen ebenso erzählt, wie von der Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft, was einem mit Silas, dessen Gefühlswelten umhergeworfen werden, mitfühlen lässt.

Im Gegensatz zu „Wunder“ behalten wir die Perspektive des Hauptprotagonisten bei, sein für die anderen Charaktere unsichtbarer Freund Mittenwool dient sowohl als Rat- als auch Impulsgeber. Natürlich ist, abgesehen von den mystischen Elementen, die Geschichte insgesamt sehr generisch erzählt. Wendungen wirken aus der erwachsenen Sicht heraus sehr gewollt, funktionieren jedoch im jüngeren Lesealter sicher besser. Trotzdem schafft es die Autorin sowohl Protagonisten als auch Schauplätze vor dem inneren Auge entstehen zu lassen. Eine Pferdegeschichte für Jungen hat man zudem ja auch nicht so häufig.

Sprachlich gibt es keinerlei Besonderheiten, dafür ganz viele Anspielungen auf Literatur oder die Geschichte der Fotografie, die die Autorin selbst im Nachwort erläutert. Jedes Kapitel wird zudem mit einem Foto eingeläutet, was das Ganze abrundet. Palacio hat mit ihrem Roman nicht das Level ihres Debüts halten können. Zu schnell verflüchtigt sich diese Geschichte, auch fehlt es diesem Western für Kinder etwas zu sehr an Tempo. Für die Zielgruppe ist dies jedoch vielleicht ausreichend.

Autorin:
Raquel J. Palacio ist das Pseudonym von Raquel Jaramillo, einer amerikanischen Verlegerin und Autorin. Sie wurde 1963 geboren und arbeitete zunächst als Art-Direktorin, Illustratorin und Buchcover Design und veröffentlichte verschiedene Kinder- und Jugendbücher, seit 2006 beim New Yorker Verlag Workman, für den sie seit dem in verschiedenen Positionen tätig war. 2013 war sie Jurymitglied des Kinder- und Jugendprogramms des Internationalen Literaturfestivals Berlin. Ein Jahr zuvor veröffentlichte sie ihr erstes eigenes Werk „Wunder“, welches in mehreren Sprachen übersetzt und verfilmt wurde. 2014 wurde sie mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

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Thomas Edler: Reisebus & Pflaumenmus

Inhalt:

Jahre nach der Matura ergibt sich für die beiden Freunde Hannes und Thomas die Gelegenheit, mit einem Reisebus von Indien nach Europa zu fahren. Die Gelegenheit, aus dem Alltag auszubrechen, ist ein großes Abenteuer, doch schon bei der Einreise nach Pakistan kommt es zu Schwierigkeiten, die den gesamten Trip infrage stellen. Wenn sie es innerhalb der nächsten Tage schaffen, über die Grenze zu gelangen, waren alle Vorbereitungen umsonst.

Unterwegs auf einer Transitroute, die seit jeher Europa mit Asien verbindet, begegnen die beiden Freunden verschiedenen Kulturen, Menschen und Geschichten aus längst vergangenen Tagen. (abgewandelter Klappentext)

Rezension:

Es ist eine dieser Gelegenheiten, die sich nur selten im Leben, vielleicht nur einmal, ergibt und so ergreifen zwei Freunde die Chance, zwischen den Kulturen zu reisen. Ihr Weg führt sie entlang einer alten Handelsroute, späteren Hippie-Trail, in umgekehrter Richtung vom rastlosen Indien wieder zurück in die Heimat nach Österreich. Unterwegs mit einem VW Bus, kommen sie mit den Menschen ins Gespräch, Einheimische und andere Reisende, lassen sich deren Geschichten erzählen und spüren einer Vergangenheit nach, die auch heute noch Tempo und Empfindungen der durchquerten Regionen bestimmt.

Den modernen Reisebericht muss der Spagat gelingen, sowohl einerseits jene mitzunehmen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, nicht zu verklären oder in Klischees zu versinken, das Fernweh wecken und die Faszination der beteiligten Akteure zu transportieren. Nichts ist schlimmer als mit rosaroter Brille zu erzählen und dabei ein Publikum zu verlieren oder gar überhaupt nicht zu gewinnen.

Eventuell kennt jeder die eine oder andere Erzählung, gar längere Foto- oder Videovorführungen im Bekanntenkreis, die im Grunde nur für den jeweils Beteiligten Erinnerungen wecken, jedoch für andere eher den Stellenwert einer Hintergrundberieselung innehaben. Dieses Phänomen lässt sich nicht selten auf Texte übertragen. Thomas Edler gelingt in seiner Mischung aus Reportage und Bericht jedoch der Drahtseilakt, die Faszination herüberzubringen und sehr einnehmend von seinem großen Abenteuer zu erzählen.

Zum einen ist da der Bericht über die Fahrt selbst und die Schilderung von Begegnungen entlang des Weges, die ergänzt werden durch Blenden in die Geschichte der bereisten Orte, sowie Einblicke den Alltag der Menschen heute. Ergänzt durch rein informative Absätze, durchmischt mit Kuriosa von landestypischen Gerichten bis hin zur Teppichkunde, ist mit „Reisebus & Pflaumenbus“ das Porträt einer Reise gelungen, die man gerne nachverfolgt, zumal anhand von Fotos und der obligatorisch abgedruckten Routenkarte.

In ruhiger Tonalität erzählt Thomas Edler von einer Reise voller Unwägbarkeiten und faszinierenden Begegnungen, welche auf Gegenseitigkeit beruhen. Wohltuend hebt sich der positive Blick auf Gegebenheiten und Unterschiede hervor, immer im Vertrauen, dass der Reisetrip schon irgendwie vorangehen wird, schließlich ist man auf geschichtsträchtigen Routen unterwegs und das Gefährt hat ja den Weg in die andere Richtung auch ohne größere Probleme gemeistert.

Kurzweilig wirken die einzelnen Kapitel, in denen der Autor von den einzelnen Reiseabschnitten erzählt. Diese nehmen so ein, dass man sich gut vorstellen kann, diese Reise oder zumindest einzelne Teilstücke dieser selbst einmal nachzuvollziehen und ein Stück von dieser Faszination der beiden Freunde mitzunehmen, zumal ein gewichtiger Teil des Trips durch Länder folgt, von denen uns hier sonst nur bestimmte Bilder erreichen. Alleine deshalb schon ist dieser Bericht empfehlenswert. Entlang der einstigen altertümlichen Handeslrouten herrscht noch immer geschäftiges Treiben und lassen sich noch Abenteuer erleben.

Auch sprachlich schafft es „Reisebus & Pflaumenmus“ den Bogen zwischen Bericht und Informativen zu schlagen, wenn sich auch abschnittsweise einzelne Sätze das eine oder andere Mal wiederholen. Das kann jedoch auch meinen Lesegewohnheiten geschuldet sein, ist ohnehin nur ein Abzug in der B-Note, schließlich liegt der Fokus bei dieser Art von Reportagen auch woanders. Tatsächlich wünsche ich mir mehr solche Texte, die die Faszination für andere Länder und Kulturen wecken, dabei einen Rundumblick versuchen und Lust darauf machen, selbst Abenteuer zu erleben.

Autor:

Thomas Edler wurde 1971 geboren und ist ein österreichischer Projektmanager und Autor. Zunächst studierter er in Granz Betriebswissenschaften, bevor er im Bereich der erneuerbaren Energien tätig wurde. Nebenher schreibt er Texte über die Schulzeit und über das Reisen, versucht diese mit kulturellen Erfahrungen und historischen Gegebenheiten zu verbinden. In „Reisebus & Pflaumenmus“ erzählt er von seinem 2008 mit einem Freund unternommenen Trip von Indien nach Österreich.

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Mario Schneider: Die Paradiese von gestern

Inhalt:

Ella und Rene, ein junges Paar aus Ostdeutschland, verbringen nach der Wende ihren ersten Sommer in Südfrankreich. Dabei geraten sie in das marode Schlosshotel der Madame de Violet, einer Gräfin, die mit ihrem Diener wie in einer vergessenen Zeit lebt. Sie werden ihre letzten Gäste sein. Die beiden erleben die Verlockungen und Enttäuschungen einer neuen Welt und die Zerbrechlichkeit ihrer fest geglaubten Beziehung. (Klappentext)

Rezension:

Die Historie einer vergangenen Welt oder ein französischer Film mit Überlänge in Buchform. Dies ist der Eindruck, nachdem man in die Geschichte eines Sommers auftaucht, genauer ein junges Paar bei ihrer ersten großen Reise begleitet. Die politische Landkarte hat sich gerade gewandelt und so können Ella und Rene nach der Wende erstmals durch Europa reisen und landen in einer Szenarie einer untergangenen Welt.

Wie aus der Zeit gefallen wirkt das marode Schlosshotel, welches auf einem zugewachsenen Hügel thront, ebenso wie auch seine letzten Bewohner von der Welt da draußen scheinbar vergessen wurden. Doch, Madame de Violet, alter französischer Adel, und ihr treuer Diener Vincent nehmen die beiden auf, was nicht nur ein Ende bedeuten soll, sondern alle Protagonisten vor persönlichen Herausforderungen stellen wird.

Mario Schneider versteht es, einen Film vor dem inneren Auge ablaufen zu lassen, was nicht zuletzt an den von ihm geschaffenen Figuren liegt. Allesamt haben sie Ecken und Kanten, sind nicht gerade Sympathieträger, was sie jedoch im zunehmenden Handlungsverlauf zu interessanten Entscheidungen und damit verbundenen Wechseln treibt. Dabei werden mehrere Geschichten erzählt. Natürlich die Liebesgeschichte, die irgendwie immer vor französischer Kulisse vorkommen muss, aber eben auch das Vergehen von Epochen und das Aufeinanderprallen gesellschaftlicher Gegensätze. Gerade letzteres ist dem Autoren gut gelungen. Auf diese Dynamik kann man sich einlassen, wenn man sich auf den zu weilen sehr ruhigen Erzählstil eingelassen hat.

Dreh- und Angelpunkt dieses Kammerspiels auf französischen Boden sind fünf belastete Figuren, die nicht nur gegenseitig, sondern auch bei Lesenden ein Wechselbad der Gefühle auslösen mögen. Kurze Sätze sind da selten. Mario Schneider beherrscht die Kunst der Ausschweifung, besonders wenn die Protagonisten sich selbst und ihren Gedanken ausgeliefert sind. Gegensätzlichkeiten werden hier teils bis zum Äußersten ausgespielt. Die Logik der Figuren erschließt sich erst nach und nach.

Damit einhergehend ist ein ständiger Perspektivwechsel, der auch die Geschwindigkeit der Erzählung bestimmt. Nach und nach fügen sich so Puzzleteile zusammen, die zunächst für den Lesenden, dann erst für die Protagonisten ein Gesamtbild ergeben und spätestens nach der Hälfte der Seiten eine in sich schlüssige Erzählung. Auch Rückblicke der Figuren tragen zur Abwechslung bei, sonst wäre hier etwas Mehltau zu viel.

Wer eine Liebesgeschichte sucht, ist mit „Die Paradiese von gestern“, ebenso gut bedient, wie die jenigen, die französisches Flair genießen möchten oder gar, in nur punktuellen Ansätzen ein kontinentales „Downtown Abbey“. Es ist jedoch auch die Erzählung über die Welten alten und neuen Adels, über das Zurechtfinden in einer neuen Welt, in der zum Ende hin einiges offen bleibt, wie dies auch, und hier sind wir wieder in der Nähe eines Films, einige Fragen offen bleiben, die man je nach Sympathie für die Figuren für sich selbst beantworten muss.

Hier sieht man das Können Mario Schneiders, der als Filmregisseur und Komponist natürlich genau weiß, wo Auslassungen besonders funktionieren. Jedoch hätte der Autor dies auch im eigentlichen Handlungsverlauf beherzigen können. Was zum Ende hin klappt, hätte auch im eigentlichen Verlauf gut funktioniert. Dennoch muss ich konstatieren, dass sich meine Einstellung zum Roman, die sich vor allem über die Protagonisten gebildet hat, nach und nach ins Positive gewandelt hat, so dass eine runde Geschichte vorfindet, wer sich darauf einlassen und mehrere erzählerische Längen aushalten kann.

Autor:

Mario Schneider wurde 1970 geboren und ist ein deutscher Regisseur, Autor und Filmkomponist. Nach der Schule absolvierte er eine Berufsausbildung zum Metallurgen für Hüttentechnik und studierte anschließend Musikwissenschaften, Philosophie und Kunstgeschichte, gefolgt von einem Kompositions- und Klavierstudium in Leipzig, im weiteren Verlauf München.

Nach seinem Abschluss als Diplomkomponist gründete er eine Filmproduktionsfirma und begann als Dokumentarfilmer und Regisseur zu arbeiten. Bekannt wurde er u. a. durch die Mansfeld-Trilogie (2005-2013). 2014 erschien sein erstes Buch. Ein Jahr später erhielt er den Klopstock-Förderpreis für neue Literatur, danach den Deutschen Filmmusikpreis. Er ist Mitglied der Akademie der Künste Sachsen-Anhalt.

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Georg Thiel: Nachtfahrt

Inhalt:

Wien 1997. Markus, Matthäus, Lukas und Johannes kennen einander seit dem ersten Schultag und sind, obwohl sie von Temperament und Wesen unterschiedlicher nicht sein könnten, eng befreundet. Diverse Frauengeschichten, bewusstseinsveränderte Substanzen und eine Leiche später finden sie sich auf einem rasanten Roadtrip wieder, der allerdings ganz anders verläuft als geplant. (Klappentext)

Rezension:

„Die Katastrophe fängt damit an, dass man aus dem Bett steigt.“

Georg Thiel: Nachtfahrt

Im Grunde Alltag, der unberechenbar seine Protagonisten in ein kaum zu entwirrendes Chaos stürzt und die Leserschaft gleich mit. So könnte man diesen Roman zusammenfassen, in dem Georg Thiel seinen Protagonisten viel zumutet, gleichsam den Lesenden viel zutraut.

Dabei beginnt alles zunächst mit einem Knall, gleichsam einer zufallenden Tür oder den Koffer mit Sachen, der einem der Protagonisten vor die Füße geworfen wird. Wohlgemerkt vom Balkon herunter, komplementiert aus der Wohnung von der ehemaligen Freundin. So wirr geht es zunächst weiter. In den Stil muss man erst einfinden und lernt so die Hauptfiguren kennen. Freunde seit Kindertagen zwischen Jobs, Beziehungen und dem einen oder anderen Joint, der da die Runde macht.

Das ganze Leben, die unterschiedlichsten Charaktere, verteilt auf den schmalen Schultern der Protagonisten. Johannes ist da der Ruhepol in der Runde, Lukas voller wilder Ideen und irgendwann auch im Besitz eines Spanferkels als Hauptpreis des Kartenspiels in der Dorfwirtschaft. Wer bis hierhin nicht folgen konnte, wird an diesen Text seine helle Freude haben. wer eine klare Linie erkennt, der sowie so. Mehr darf, kann man jedoch auch nicht verraten, ohne allzu viel vorweg zu nehmen.

Der Stil ist gewöhnungsbedürftig, die Ausgestaltung der Handlungsstränge ist es auch. Alles ist vorhanden, dann wieder auch nicht. Das Tempo ist rasant, wird mit zunehmender Seitenzahl immer schneller. Der „Nachtfahrt“ wohnt ein Zauber inne, aber Obacht. Dennoch, einige Lücken bleiben. Nicht alles wird auserzählt.

Ohne diesen speziellen Humor, den der Autor hier eingewoben hat, funktioniert das nicht, sondern wirkt wie jeder andere schon mehrfach geschilderte Roadtrip auch. Nur wer hier lachen kann, für den funktioniert die Geschichte. Für alle anderen wird der Text nicht wirken. Die Haupthandlung selbst hätte dabei gerne ausufernder sein dürfen. Auf die Spitze getrieben ist das nicht. Auch das Ende wirkt zu abrupt. Hier ein paar Zeilen mehr, dafür die Vorgeschichte etwas weniger ausführlich. Widerum passt es zum Motto des Romans. Darauf ein Spanferkel, bitte.

Autor:

Georg Thiel wurde 1971 geboren und ist ein österreichischer Schriftsteller und Ausstellungskurator.

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Monika Rech-Heider: Auf nach Neuland

Auf nach Neuland Book Cover
Auf nach Neuland Monika Rech-Heider Verlag: Benevento Erschienen am: 20.02.2020 Seiten: 271 ISBN: 978-3-7109-0086-0

Inhalt:

Raus aus der Job-Familie-Alltag-Tretmühle und rein ins Abenteuer. Monika Rech-Heider und ihr Mann nehmen ihre Kinder aus Schule und Kindergarten und durchqueren mit ihrem Bulli ein Jahr lang Europa.

Auf nach Neuland – ein Kontinent ohne Grenzen, ein Leben in Freiheit mit ganz viel Zeit. Vor allem aber eine Reise, die alles andere als geplant verläuft und nach der nichts mehr ist, wie es vorher war. (Klappentext)

Rezension:

Wir wollten den Kindern zeigen, dass das leben gut ist. Dass Europa gut ist. Dass wir hier zu Hause sind dass uns nichts passiert. Und der Plan ist aufgegangen.

Monika Rech-Heider „Auf nach Neuland“

Der Anfang dieses Roadtrips quer durch Europa liegt in einer vielschichtigen Sinnkrise und so ist der Bericht nicht nur Reisereportage, Selbsthilfebuch und Erfahrungsbericht, sondern die Geschichte einer Familie, auf den Weg zu sich selbst.

Aus dem gleichnamigen Blog heraus entstanden, den die Familie während der Reise führte, die zunächst mit einer Sinnkrise begann, erzählt die Autorin, wie es ihrem Mann, den Kindern und ihr selbst gelang, sich als Familie wieder zu finden und neu zu sortieren.

Einfühlsam und nahbar beschreibt Rech-Heider zunächst den Ausgangspunkt, der zu einem Trip mit großen Stolpersteinen führen sollte, die letztendlich nur überwindbare Herausforderungen darstellen sollten.

Für ähnliche Vorhaben gibt sie Tipps und Anregungen, etwa was die Organisation der Kinder angeht, da in Deutschland Schulpflicht herrscht und Ausbrüche aus dem system so nicht vorgesehen sind. Entgegen dem Gehalt vieler anderer Reiseberichte, beschreibt die Autorin hier, welche Probleme solch ein Vorhaben mit sich bringt.

Nichts wird beschönigt, weder fahrzeugtechnische Herausforderungen, noch familiär emotionale Achterbahnfahrten.

Dies ist die Stärke des Berichts, dessen kurzweilige Kapitel einen Lesefluss entstehen und so nicht nur die rein geografische Reise nachvollziehen lassen. Immer wieder gibt es Sprünge zwischen den einzelnen Zeitpunkten der Reise, sowie Rück- und Ausblicke ins Familienleben. Zeitrechnung, vor und nach der Reise.

Der emotionale Zugang wird dadurch hergestellt. Ein Leser kann sich sofort mit dem Ausbruchswillen aus dem alltäglichen Trott identifizieren. Auch die Freiheiten und Vorteile, jedoch auch Probleme Europas kommen zur Sprache.

Gleichzeitig wirken manche Beschreibungen zwar als für die Autorin selbst wichtig, für den Konsumierer der „Blogartikel“ auch mal belanglos. Dies stört und hemmt den Lesefluss, im nächsten Moment ist man jedoch gleich wieder in einer anderen Ecke Europas angelegt.

Monika Rech-Heiders Bericht lebt von den Beschreibungen der Begegnungen mit Menschen, die man wohl landläufig als Zufallsbekanntschaften bezeichnet, die die Familie auf ihren Weg hin machte, sowie der Gewissheit, dass es hier durchaus gelang, ein wenig aus diesem Abenteuer in die Zeit nach den Trip hinüber zu retten.

Natürlich muss eine Sinnkrise nicht unbedingt mit einer Auszeit oder einer Reise bewältigt werden, doch die kurzen Texte, die nach den jeweiligen Reiseabschnitten gegliedert sind, zeigen zumindest diese Möglichkeit auf.

Immerhin dies. In der Art mündlich vorgetragen, kommt der Bericht sicher noch emotionaler und tiefgehender rüber, schriftlich fehlt hier noch das gewisse Etwas. Als Anregung, für sich selbst einen Weg aus der Gleichförmigkeit des Alltags zu entrinnen, funktioniert „Auf nach Neuland“ dennoch.

Autor:

Monika Rech-Heider ist Geografin, Journalistin und Inhaberin einer kleinen PR-Agentur. Ihr Mann ist freiberuflicher Architekt. Zusammen reisten sie und ihre Kinder ein Jahr durch Europa. Aus dem zugehörigen Blog entstand das gleichnamige Buch.

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Jasmin Schreiber: Marianengraben

Marianengraben Book Cover
Marianengraben Jasmin Schreiber eichborn Verlag Erschienen am: 28.02.2020 Seiten: 254 ISBN: 978-3-8479-0042-9

Inhalt:
Paula braucht nicht viel zum Leben: ihre Wohnung, ein bisschen Geld für Essen und ihren kleinen Bruder Tim, den sie mehr liebt als alles andere auf der Welt. Doch dann geschieht ein schrecklicher Unfall, der sie in eine tiefe Depression stürzt.

Erst die merkwürdige Begegnung mit Helmut, einem schrulligen alten Herrn, erweckt wieder einen Funken Lebenswillen in ihr. Und schließlich begibt Paula sich zusammen mit Helmut auf eine abenteuerliche Reise, die sie Beide zu sich selbst zurückbringt – auf die eine oder andere Weise. (Klappentext)

Rezension:
Es passiert eigentlich nicht viel im neuesten Roman von Jasmin Schreiber und doch eine ganze Menge, lesen so einen wunderbar schmerzhaften, bedrückenden und dennoch lebensbejahenden Roman. Wie das zusammenpasst? Zu Beginn steht die Trauer der Hauptprotagonistin, der ein Leser sofort in sein Herz schließen wird.

Die Studentin Paula hat vor ein paar Jahren ihren kleinen Bruder durch das Meer verloren und ist seit dem tief gefallen. Im übertragenen Sinne bis an den Grund des Marianengrabens, des tiefsten Punkt der Ozeane. Nur ist es hier Lethargie und Depression, unverarbeiteter Schmerz, der die Oberhand hat.

Aus ihrer Perspektive erlebt man nun einen Roadtrip und damit auch ein Auftauchen, beschwerliches Ankämpfen gegen die Schuldgefühle. Gegenpol bildet der zweite Hauptprotagonist. Helmut, ein älterer Herr, der ebenso eine Geschichte zu erzählen hat. Auf diese zwei Figuren ist die Geschichte reduziert. Völlig ausreichend ist das.

Feinfühlig beschreibt die Autorin diesen schmerzhaften Verarbeitungs-prozess. Gebannt wird man in die Geschichte eingesogen. Manch kalter Schauer wird einem bei diesen Zeilen über den Rücken laufen, nur um dann wieder grinsen, manchmal laut auflachen zu müssen.

Diese Kontraste zu schaffen, ist Jasmin Schreiber hervorragend gelungen. Dies lässt in der Geschichte die Protagonisten durchhalten, ebenso fordert dies die Leser dieses gelungen Werks.

Auf Trauer folgt Verarbeitung. Diesen Prozess begleiten die Leser, die nach und nach die Puzzleteile der Geschichten beider Protagonisten erfahren, wenn Paula und Helmut so langsam aus dem sprichwörtlichen Meer auftauchen. Interessant dazu auch die Titelüberschriften.

Jasmin Schreiber hat nicht nur ihr Biologie-Studium der Protagonistin „umgehängt“. Viel steckt von der Autorin in Paula. Jede Zeile so gemeint. Jede Zeile ehrlich.

Dies alles ist die große Stärke von „Marianengraben“. Definitiv ein Highlight für alle, die ihn lesen werden und eine Mahnung, Menschen mit Depression die Hand zu reichen, niemals allein zu lassen, im übertragenen und wörtlichen Sinne, schwimmen zu lernen.

Autorin:

Jasmin Schreiber wurde 1988 geboren und ist studierte Biologin, arbeitet als Kommunikationsexepertin und Autorin. 2018 wurde sie als Bloggerin des Jahres ausgezeichnet. Sie arbeitet ehrenamtlich als Sterbebegleiterin und Sternenkinder-Fotografin. Die Autorin lebt in Frankfurt/Main.

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