queer

S. E. Harmon: Das erste und letzte Abenteuer von Kit Sawyer

Inhalt:
Christopher „Kit“ Sawyer, Historiker und Spross einer legendären Archäologenfamilie, bevorzugt das ruhige Leben am Schreibtisch, ohne Peitsche und Fedora. Doch als er ein altes Relikt entschlüsselt, befreit er unbeabsichtigt eine mächtige Kraft, die nur durch eine Wiedervereinigung mit einem aztekischen Gott gebändigt werden kann. Allerdings weiß niemand außer Kit, wo genau in Mexiko sich dessen Tempel befindet. Also bleibt ihm keine Wahl, und er macht sich auf den Weg.

Doch er reist nicht allein. Auf Wunsch ihres Großvaters wird er von seinem nervigen Ex-Stiefbruder Ethan Stone begleitet, einem erfahrenen Entdecker und Archäologen, der ihr Überleben im Dschungel sichern soll. Und das ist auch bitter nötig, denn sie sind nicht die Einzigen auf der Suche nach dem geheimnisvollen Tempel … (Klappentext)

Rezension:
Zwischen zwei Buchdeckelnm liegt mit „Das erste und letzte Abenteuer von Kit Sawyer“ eine zwischen den Genre schwankende Erzählung vor, die zwischen Abenteuer und Romance hin und her pendelt. Die leichtgängig zu lesende Erzählung aus der Feder der Schriftstellerin S. E. Harmon nimmt sich dabei Anleihen von Indiana Jones und setzt eine an sich trockene Thematik so rasant um, dass man teilweise glaubt, selbst von einem allmächtigen und wütenden aztekischen Gott beobachtet, verfolgt und kontrolliert zu werden.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Kit, der aus einer Archäölogenfamilie stammt, selbst jedoch aufgrund seiner Epilepsie vorwiegend zur Büroarbeit verdammt ist. In dieser Rolle hält er Vorlesung und hat sich auf das Entschlüsseln alter Schriften spezialisiert, wird jedoch von der Fachwelt, wie auch, in seiner Wahrnehmung, von der eigenen Familie als ein Sawyer zweiter Klasse wahrgenommen. Nur die Seele eines aztekischen Gottes sieht eine andere Aufgabe für ihn vor, als diese von einem alten Artefakt auf ihn überspringt und sich nach und nach seiner Natur bemächtigt. Ein immer rasanteres und in vielerlei Hinsicht turbolenter werdendes Abenteuer beginnt.

Dies ist der Auftakt dieser Geschichte, deren Dynamik hauptsächlich aus dem Spiel dieses Hauptcharakters und seines Gegenübers besteht, gewürzt mit Elementen klassischer Actionfilme und einer gehörigen Portion Romance, die sich aus einer stiefgeschwisterlichen Rivalität heraus entwickelt. Die Erzählung beschränkt sich auf einen Zeitraum unbestimmter Tage bis hin zu wenigen Wochen, wobei Raum und Zeit zuweilen im Dickicht des mittelamerikanischen Dschungels zu verschwimmen scheinen. Handlungstreibend ist dabei nicht nur die anbahnende Beziehung der Hauptfiguren, nein, auch die deutlich gestalteten Antagonisten, die zu Beginn sich im Hintergrund halten, geben das immer schnellere Tempo vor.

Dieses tut der Erzählung gut, die ansonsten nur aus der Perspektive der titelgebenden Hauptfigur erzählt wird, den wir auf Schritt und Tritt und ja, leider auch beim deutlich ausformulierten Liebesspiel begleiten. Dieses Element ist unnötig und macht zuweilen den Eindruck eines Platzhalters, hätte viel subtiler gestaltet werden und damit vielleicht sogar eine noch tiefere Wirkung entfalten können. Wer Trash mag oder Seifenopern, wird daran jedoch sicher seine Freude haben.

Die Szenen lassen sich jedoch gut quer lesen, trotzdem hat man hinterher das Gefühl, eine zusammenhängende und dann durchaus gut unterhaltende Geschichte gehabt zu haben, ohne etwas wichtiges zu verpassen. Was jedoch sehr angenehm hervorsticht, ist der Sarkasmus, die Ironie, die der Hauptfigur ihre Ecken und Kanten gibt. Dieser Humor trägt einiges zur Unterhaltsamkeit der Erzählung bei. Die Antagonisten sind als klassische Bösewichte gestaltet, aber auch Kits Konterpart Ethan hat eher eine graue anstatt weiße Weste. Das sticht ebenfalls positiv hervor.

Die Verletzlichkeit der Hauptfigur und die so temporeich erzählte Abenteuergeschichte sind die wesentlichen und tragenden Elemente der Handlung, die zuweilen ins Fantastische abgleitet. Der Roman ist für den Kopf klassisches Popcornkino, mit den man am Ende gut unterhalten werden kann, wenn man von einzelnen Schwachstellen absieht, die entstanden sind, da doch einzelne Szenen mehr Ausgestaltung bedarft hätten. Größere Logikfehler und Irrungen in den Wendungen habe ich nicht entdeckt. Das Tattoo ist, wie auch in der Realität ein Extra, was es nicht gebraucht hätte. Hier liegt die Entscheidung wohl bei den Lesenden, ob man dies jetzt als unnötigen Kitsch abtut oder als ein ausschmückendes Element betrachtet, für die Erzählung wohlgemerkt.

Die Haupthandlung ist geringfügig eingerahmt, so dass sich daraus auch die Struktur des Romans ergibt, der ansonsten in rasant erzählten Kapitel gegliedert ist. Dabei muss man eines der Autorin lassen. Sie weiß filmisch Personen wie Orte zu erzählen. Man kann sich das alles auf den großen Fernsehbildschirm oder der Kinoleinwand vorstellen. Das gilt für Schauplätze ebenso wie für jeden einzelnen Schweißtropfen aus Dschungel- oder anderen Gründen. Andererseits soll die Geschichte hauptsächlich unterhalten. Großartig nachwirken tut sie nicht. Trotzdem ist es durchaus so, dass man danach bereit ist, gerne weitere Abenteuer mit Kit zu erleben. Bitte ohne Liebesszenen. Bisher ist diese Erzählung allerdings ein Einzelband, was auch etwas für sich hat.

Wer eine solche Genre-Mischung mag, wobei ich jetzt keine ähnliche kenne, wird mit S. E. Harmons „Das erste und letzte Abenteuer von Kit Sawyer“ auf seine Kosten kommen. Andere werden wohl Abstriche machen müssen, und dennoch eine überwiegend gute Zeit mit diesem Roman haben, zudem es wenige Geschichten innerhalb dieses dann doch interessanten Settings geben dürfte. Abenteur, Trash, Liebe und ganz viel Drama hat die Autorin hier miteinander verbunden. Je nachdem, wer welches dieser Elemente wie hoch gewichtet, für jene ist dies mit Sicherheit eine empfehlenswerte Lektüre. Nur bitte dabei keinen aztekischen Gott erwecken, ja?

Autorin:
S. E. Harmons stürmische Liebe zum Schreiben dauert bereits ein Leben lang an. Der Weg zu einem guten Buch ist jedoch steinig, weshalb sie ihre Leidenschaft schon mehrere Male aufgeben wollte. Letztendlich hat die Muse sie jedoch immer wieder an den Schreibtisch zurückgeholt. S. E. Harmon lebt seit ihrer Geburt in Florida, hat einen Bachelor of Arts und einen Master in Fine Arts. Früher hat sie ihre Zeit mit Bewerbungsunterlagen für Bildungszuschüsse verbracht. Inzwischen schreibt und liest sie in jeder freien Minute Liebesromane. Als Betaleser hat sie derzeit ihren neugierigen American Eskimo Dog auserkoren, der sich bereitwillig ihre Romane vorlesen lässt, vorausgesetzt, die Bezahlung in Form von Hundekeksen stimmt.

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Joseph Cassara: Das Haus der unfassbar Schönen

Das Haus der unfassbar Schönen Book Cover
Das Haus der unfassbar Schönen Joseph Cassara Kiepenheuer & Witsch Erschienen am: 11.04.2019 Seiten: 444 ISBN: 978-3-462-05169-8 Übersetzer: Stephan Kleiner

Inhalt:

New York, 1980: Die Stadt platzt fast vor Glamour und Energie und keine Subkultur könnte diesen Zeitraum besser verkörpern als die aufkommende LGBTQ-Ballroom-Szene. Neu in diese schillernde Welt kommt angel, eine gerade mal siebzehnjährige Dragqueen, schwer traumatisiert von ihrer eigenen Vergangenheit und auf der Suche nach einer Familie für Menschen ohne Familie.

Sie begegnet Hector, der davon träumt, Profitänzer zu werden. Die Beiden verlieben sich und gründen das Haus Xtravagaanza, in dem sie ausschließlich Latino-Queens aufnehmen, um in sogenannten Bällen gegen die anderen Häuser anzutreten. Zur Familie der Xtravaganzas gehören bald noch Venus, Juanito und Daniel; zusammen kämpfen die Xtravaganzas um Anerkennung und Respekt vor ihren Lebensentwürfen – und nicht zuletzt ums blanke Überleben, denn ein grausames Virus macht die Runde. (Klappentext)

Rezension:

Ein Roman, wie ein Schrei. So in etwa kann man die Geschichte aus der Feder Joseph Cassaras beschreiben, die uns Kiepenheuer & Witsch hier in der deutschen Übersetzung vorlegt. In seinem Debüt erzählt der aus New Jersey stammende Schriftsteller vom Wandel der Gesellschaft, einem flirrenden Jahrzehnt, Rausch und Extremen und Extremsituationen, denen sich die Protagonisten ausgesetzt sehen.

In handlichen Kapiteln begleiten wir die Figuren, die alle ihre Lebensgeschichte als schweres Paket mit sich herumtragen, durch das schillernde New York, jedoch in seine Schattenseiten hinein. Angel ist die Hauptprotagonistin, die ob ihrer Geschlechtsidentität aus den vorgegebenen engen Grenzen der Gesellschaft zunächst ausbricht, später anderen dabei hilft. In Zeiten von Diversity ein hochaktuelles Thema, welches noch vor wenigen Jahren weniger offen gehandhabt wurde, heute immer noch auf Barrieren stößt.

Vertiefend steht am Anfang der Einführung zunächst die Lebensgeschichte, eingebunden in die Romanhandlung, der Figuren, die zusammen einen Weg suchen, ihre eigene Identität zu finden, zu wahren und zu verteidigen. Das ist anfangs etwas anstrengend zu lesen. Man muss sich in Schreib- und Erzählstil, immer aus wechselnder Protagonisten-Sicht übrigens, einfinden.

Die eingeflochtenen hispanischen Redewendungen und Ausdrücke, der Slang des Buches macht das selbige nicht gerade zu einer einfachen Lektüre, zumal Joseph Cassara seine Protagonisten quält und sie von der einen in die andere Extremsituation wirft. Es geht ums Leben, die Liebe, den Tod, Gesellschaft und Ausgrenzung, Selbstfindung, Drogen und Sexualität. Auch das damals aufkommende HIV-Virus ist ein immer wiederkehrendes Thema.

Ziemlich viel für eine Geschichte. Es klappt, wenn es auch an einigen Stellen hakt. Übergänge zwischen einzelnen Handlungen hätte ich mir an mancher Stelle etwas sanfter gewünscht, rein vom Lesefluss her, Brüche dramatischer und in bestimmten Zeitebenen, zum Beispiel Rückblicke, wäre ich gerne ein wenig länger verharrt.

Wer sich ein wenig mit neuerer Zeitgeschichte, Subkulturen und LGBTQ auskennt, wird sich vielleicht leichter einfinden, andere werden neue Facetten entdecken und ein Jahrzehnt im Schnelldurchlauf durchleben, aus Sicht einer damals sehr weit ausgrenzten Gruppe von Menschen.

Josep Cassara hat mit diesem Roman gezeigt, dass er das Zeug dazu hat, in einer Reihe mit großen amerikanischen Schriftstellern, etwa Jonathan Safran Foer, genannt zu werden, die ein fortschrittliches und nachdenkliches, kritisches Amerika repräsentieren und den Finger auf die Wunden legen. Dafür hat sich dieses Werk, wenn auch mit kleineren Abstrichen, gelohnt. Und da kann man auch mal das extrem ablenkende Cover übersehen, welches ich jetzt jedoch als verlegerische Entscheidung werte.

Autor:

Joseph Cassara ist in New Jersey geboren und aufgewachsen. Er studierte zunächst an der Columbia University und schloss einen Schreibworkshop ab, bevor er selbst seinen ersten Roman „Das Haus der unfassbar Schönen“ veröffentlichte. Für diesen erhielt er bereits mehrere Preise. Parallel unterrichtet er selbst Kreatives Schreiben.

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