Politik

Tom Chesshyre: Slow Train

Slow Train - Eine LiebeserklÀrung an Europa heute in 25 Stationen Book Cover
Slow Train – Eine LiebeserklĂ€rung an Europa heute in 25 Stationen Tom Chesshyre Dumont Reise/mairdumont Erschienen am: 14.04.2020 Seiten: 334 ISBN: 978-3-7701-6696-1 Übersetzerin: Astrid Gravert

Inhalt:

Die Freiheit auf Schienen genießen – dafĂŒr begibt sich Tom Chesshyre auf eine abenteuerliche Zugreise quer durch Europa, von London ĂŒber die Ukraine bis nach Venedig. Das eigenetliche Reiseziel, Europa und seine Bewohner kennenlernen.

Tom Chesshyre reist ohne genauen Plan, eben dorthin, wohin die Schienen fĂŒhren, und freundet sich unterwegs mit seinen Mitreisenden an – und natĂŒrlich mit dem ein oder anderen Schaffner. Ein persönlicher Reisebericht, der zeigt, was Europa zusammenhĂ€lt. Und eine leidenschaftliche Einladung, sich mit dem nĂ€chsten Zug selbst auf den Weg zu machen. (Klappentext)

Rezension:

Als Groß-Britannien sich dafĂŒr entscheidet, die EuropĂ€ische Union zu verlassen, besteigt der Reiseschriftsteller Tom Chesshyre einen Zug und begibt sich auf die Suche nach eben dem, wovon sich so viele seiner Landsleute entfernt zu haben scheinen. Was ist das, dieses Europa? Welche Bedeutung hat der Begriff, der fĂŒr die Einen Hoffungsschimmer und Sehnsuchtsort, fĂŒr die anderen ProjektionsflĂ€che allen Übels darstellt?

Was können wir heute noch von diesem Zusammenhalt fĂŒr uns mitnehmen, der zunehmend zu bröckeln beginnt. Mit einem Interrailticket durchquert der Autor den Kontinent, von West nach Ost, Endstation Venedig.

Reiseberichte sind Momentaufnahmen bestimmter ZustĂ€nde und zumeist sehr subjektiv. Da nimmt sich dieser von Tom Chesdshyre nicht aus, dessen Liebe zu ZĂŒgen bereits auf den ersten Seiten auffĂ€llt. Der Leser begleitet den Autor von Station zu Station, die Kapiteleinteilung folgt der Reiseroute. EindrĂŒcklich sind die Schilderungen von Begegnungen im Zug, kurzen Momenten der Beobachtung an den Bahnsteigen. Passieren tut nicht viel.

Tom Chesshyre lĂ€sst sich treiben und ĂŒberraschen, ob von belgischen Schaffnern oder im Museum der zerbrochenen Beziehungen, irgendwo im ehemaligen Jugoslawien. Das macht nichts. Interessant sind ohnehin die Gedanken des Briten, die mit zunehmender Entfernung von zu Hause immer mehr zum dortigen politischen Geschehen schweifen. Werden in einem Europa, in dem sich die Staaten immer mehr von einander entfernen, Reisen wie diese noch möglich sein?

Am Rande der Bahnsteige, Bahnhöfe, zeigen sich fĂŒr Autor und LeserInnen, wie Europa heute noch wirkt und was das fĂŒr die Menschen bedeuten kann, etwa im gebeutelten Kosovo oder in der von den jĂŒngsten Auseinandersetzungen mit Russland geplagten Ukraine.

Sachlich, doch immer auch mit viel Emotionen verbunden, beschreibt Chesshyre was er sieht ohne ins Kitschige abzugleiten. Nur manchmal ist das Technische, die Eisenbahnliebhaberei dann doch etwas zu viel des Guten. Fans des Rollwerks auf Schienen kommen jedoch auf ihre Kosten. Liebhaber von Reiseberichten, ohnehin.

Ein PlĂ€doyer fĂŒr Europa, ob nun innerhalb eines politischen Gebildes, so doch als Gemeinschaft, in der ein jeder sein eigenes Leben lebt und doch auf den jeweils Anderen einwirkt. Die Eisenbahn verbindet heute noch ganze LĂ€nder und Regionen, funktioniert auch dort zuweilen, wo Politik gerade auseinander triftet.

Auf persönlicher Ebene scheint noch zu klappen, was offiziell immer schwieriger wird. Tom Chesshyre beobachtet, saugt auf und spricht mit den Menschen, hört zu. Das Reisen auf Schienen macht neugierig, verbindet, verÀndert Blickwinkel. Einen hauch davon kann man aus diesem Bericht mitnehmen. Damit ist dann schon ein Anfang gemacht.

Autor:

Tom Chesshyre wurde 1971 geboren und ist ein britischer Reiseschriftsteller. FĂŒr verschiedene Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichte er mehrere Reportagen, u.a. bei The Times. Auch fĂŒr National Geographic war er bereits tĂ€tig. Über das Zugreisen schrieb er bereits mehrere Reiseberichte. Chesshyre lebt in London.

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Morten Traavik: LiebesgrĂŒĂŸe aus Nordkorea

LiebesgrĂŒĂŸe aus Nordkorea Book Cover
LiebesgrĂŒĂŸe aus Nordkorea Morten Traavik Suhrkamp Erschienen am: 18.05.2020 Seiten: 292 ISBN: 978-3-518-47053-4 Übersetzer: Stefan Pluschkat

Inhalt:

In den letzten zehn Jahren ist Morten Traavik mehr als zwanzig Mal nach Nordkorea gereist, dem abgeschottesten Land der Welt, als offizieller Kulturattache Norwegens. In Zusammenarbeit mit den notorisch verschlossenen Behörden gelangen ihm bahnbrechende Projekte – wie das erste Rockkonzert auf nordkoreanischen Boden – bis zum Herbst 2017, als er alle Beziehungen zum Land kappen musste.

Jetzt erzĂ€hlt er, was er erlebt hat: Durch die unerwartete Freundschaft mit einem nordkoreanischen Staatsdiener dringt Traavik immer tiefer in die Irrungen und wirrungen dieses Landes ein, bis der regierung seine kontroversen und subversiven Ideen zu weit gehen… (Klappentext)

Rezension:

Man kann sich wahrlich leichtere Herausforderungen suchen, als in einem der undurchsichtigsten LĂ€ndern der Welt kulturelle Projekte anstoßen zu wollen, und doch hat der Norweger morten Traavik genau das getan. Damit gewann er einen Einblick in das Funktionieren dieses Staates, wie es wohl kaum jemanden bisher gelungen ist. Nun ist sein erstes Buch, ausgerechnet dazu, in deutscher Übersetzung erschienen. Doch, wer ist Morten Traavik eigentlich genau?

KĂŒnstler, Musiker, Regisseur, Kommentator, irgendwie treffen all diese und noch mehr Bezeichnungen auf den Skandinavier zu, der sich in jedem Fall den Verdienst gemacht hat, das abgeschottete Land, sein Regime und die Menschen, die dort leben, verstehen zu wollen. Das ist ihm in gewisser Weise gelungen.

Er erzĂ€hlt von seiner Arbeit und der TuchfĂŒhlung mit einem unberechenbaren GegenĂŒber, verliert dabei nicht den Blick fĂŒr das Wesentliche. Wie setzt man, behutsam, Ideen um, wenn der Partner willkĂŒrlich und wechselhaft handelt, wenn dein Kontakt genau so oder noch mehr Angst hat vor den Konsequenzen, und seien diese auch nur rein hypothetisch?

So kann es schon einmal in teils slapstickhaften Situationen ausarten, sich mit einer Disco-Kugel bei einem Propagandaevent fotografieren zu lassen oder einem Ausflug in den Versuch eines Spagat Nordkoreas auf TauchfĂŒhlung mit den sonst verhassten Kapitalismus. Mit detaillierten Kenntnissen stellt Traavik die Geschichte Koreas dar, die letztendlich in der teilung der halbinsel mĂŒndete, zeigt die Bedeutung der Kim-Dynastie auf, und das, was das Regime bis heute daraus macht. Sachlich erklĂ€rt er das Funktionieren des UnverstĂ€ndlichen.

Auflockert wird die Aneinanderreihung von teils unverdaulichen EindrĂŒcken durch genau so ungewöhnliche Rezepte. WĂŒrde man mit einem Hund nach Nordkorea einreisen, wĂ€re dies an sich eine EinfĂŒhrung von Lebensmitteln?

Davon abgesehen bezieht er Stellung zum Fall Otto Warmbier, versucht LĂŒgen, Propaganda und tatsĂ€chliches Geschehen so gut, wie möglich auseinander zu halten, erklĂ€rt, warum diese Episode der Geschichte so abgelaufen ist, warum dies aus Sicht Nordkoreas kaum anders hĂ€tte funktionieren können, zumal mit Blick auf den eigenen Machterhalt.

Nicht dabei, aber an einigen anderen Stellen geht er etwas zu freundlich mit dem totalitĂ€ren Staat um, worĂŒber zu diskutieren wĂ€re. Dazu mĂŒsste man sich jedoch selbst ein ebenso detailliertes Bild machen, wie dies der Autor getan hat.

Komödie ist Tragödie plus Zeit.

Morten Traavik: „LiebesgrĂŒĂŸe aus Nordkorea“, Suhrkamp.

Nach diesem Motto berichtet, durchsetzt mit einem Fototeil, von einem Land, welches zwar nicht zu unterschĂ€tzen ist, aber in teilen gnadenlos ĂŒberschĂ€tzt wird. Interessant, sein Einblick in die Zusammenarbeit mit den nordkoreanischen Behörden, aber auch den örtlichen Gegebenheiten , zugleich die Linkliste als ergĂ€nzende Quellen.

So gehört „LiebesgrĂŒĂŸe aus Nordkorea“ zu der wenig vorhandenen kritisch hoffnungsvollen Literatur, die es in diesem Bereich zu finden gibt, kann man lesen, sollte sich jedoch auch ergĂ€nzend mit weiterfĂŒhrenden Berichten, etwa Geflohener und anderer Kenner des Landes beschĂ€ftigen, um ein abgerundetes Bild zu bekommen. Alleine dieses Sachbuch mit den kurzweiligen episodenhaften und flĂŒssig zu lesenden Abschnitten, tut dies nicht.

Autor:

Morten Traavik wurde 1971 geboren und ist ein norwegischer Reggisseur und KĂŒnstler. Er arbeitete in Russland und Schweden an kulturellen projekten und stellte in Zusammenarbeit mit dem nordkoreanischen Regime mehrere Projekte auf die Beine, die kurz vor der vollendung gestoppt wurden. Er engagiert sich gegen Landminen in Angola und Kambodscha und arbeitet ĂŒber kunst- und Genregrenzen hinweg.

ErgÀnzungen nach der Rezension:

In seiner Jugend war der Autor Mitglied einer Gruppe von Leuten, die den Austausch mit Nordkorea wollten und wohl auch die Ideologie nicht ganz schlecht fanden, um das einmal so zu formulieren. So ist der Gedanke fĂŒr die weitere Arbeit des spĂ€teren KĂŒnstlers entstanden. Nordkorea galt vor den Hungersnöten zum Teil in Skandinavien als durchaus solventer Staat.

Die Projekte spĂ€ter waren aber 2017 schon dem Regime zu heikel, im Blick auf die vewobenenen und sich ĂŒberschneidenden Kompetenzen der einzelnen Behörden und die politische Tonlage wurde schĂ€rfer, so dass man da schon die Arbeit beendete. Wohlgemerkt, Nordkorea mit ihm. Das Buch entstand spĂ€ter.

Zudem, dass er sich zu Warmbier in diesem Werk ausfĂŒhrlich Ă€ußert und durchaus die Inszenierungen des Schauprozesses zu deuten weiß, das erzwungene falsche GestĂ€ndnis, aber auch, welche Fehler der Amerikaner wohl gemacht haben könnte, dĂŒrfte den nordkoreanischen Behörden ebenso sauer aufstoßen. Traavik trennt hier ganz gut das Geschehen auf.

Wo ich Zweifel habe, ist, dass er einen doch in manchen Teilen etwas zu sehr optimistischen Blick auf die Sicht der Dinge hat.

Das mĂŒsstet ihr aber wirklich selbst lesen.

Sachliteratur, die man vielleicht zuerst gelesen haben sollte:

RĂŒdiger Frank: Nordkorea – Innenansichten eines totalen Staates

RĂŒdiger Frank: Unterwegs in Nordkorea – eine Gratwanderung

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Claudia Weber: Der Pakt

Der Pakt Book Cover
Der Pakt Claudia Weber C.H. Beck Erschienen am: 18.07.2019 Seiten: 276 ISBN: 978-3-406-73531-8

Inhalt:
Im Zweiten Weltkrieg waren Nazideutschland und die Sowjetunion nicht nur erbitterte Gegner, sondern vorĂŒbergehend auch VerbĂŒndete.

Der Pakt war mehr als das politische ZweckbĂŒndnis, das Hitlers Überfall auf Polen erlaubte und den Krieg fĂŒr die Sowjetunion hinauszögerte. Seine Wirkung blieb nicht nur auf Osteuropa beschrĂ€nkt, auch wenn beide MĂ€chte ihren Gewaltfuror dort entfesselten. Claudia Weber zeichnet nach, wie Hitler und Stalin einen ganzen Kontinent in weniger als zwei Jahren ins Verderben stĂŒrzten. (Klappentext)

Rezension:
Monate vor Kriegsbeginn horchte die Welt auf. Neben den offiziellen Meldungen machten GerĂŒchte die Runde. unglaublich und unerklĂ€rlich fĂŒr die Völker Europas nicht zuletzt auch fĂŒr die Deutschen und die Russen selbst.

Deren oberste politische FĂŒhrungen, die sich ideologisch diametral gegenĂŒber standen, gingen zum handschlag ĂŒber und hatten einen Pakt geschlossen, den sich niemand ob der vergangenen feindlichen Rhetorik und entgegengesetzten Weltanschauungen erklĂ€ren konnte. Was also, steckte dahinter?

Claudia Weber begibt sich auf Spurensuche in politischen und privaten Archiven, zwischen Moskau und Berlin. Die Professorin fĂŒr Zeitgeschichte rekonstruiert die Ereignisse, die dem Schlimmsten aller Kriege vorausgingen, den es je gegeben hat.

Das vorliegende Werk ist das Ergebnis ihrer unermĂŒdlichen Recherchearbeit, die dennoch nicht alle Geheimnisse aufdecken konnte. „Der Pakt“, zeigt dennoch auf, wie zwei Diktatoren Europa unter sich aufteilten und fĂŒr Jahre in den Abgrund stĂŒrzten.

Im C.H. Beck Verlag erschienen, der sich hiermit wieder einmal der Aufarbeitung eines geschichtlichen Kapitels verdient gemacht hat, zeigt Claudia Weber auf, wie und warum die Bestandteile des Hitler-Stalin-Paktes beschlossen wurden, welche GesprĂ€che und Überlegungen dem vorausgingen, welchen Nutzen und Vorteile sich die beiden Vertragspartner davon versprachen.

Die Historikerin zeigt, dass es hierbei nicht nur um die Aufteilung eines Kontinents ging, sondern auch um intensive wirtschaftliche Beziehungen, fernab aller Ideologien und strategischen Überlegungen.

Detalliert werden hier Konsultationen zwischen Deutschen und Sowjets geschildert, sowie die Interpretation ihrer direkten und indirekten Nachbarn, etwa den Polen oder den Briten.

Diese Ausgewogenheit ist notwendig zur zeitlichen Einordnung, gleichzeitig sehe ich einige Formulierungen, so wie sie zwischen den Buchdeckeln geschrieben stehen, kritisch, lenken sie doch die Sympathie manchmal auf die falsche Seite. GrĂ¶ĂŸtenteils gelingt es der Autorin jedoch, neutral zu sein, so dass dies nicht allzu sehr ins Gewicht fĂ€llt.

Kurzweilig und spannend wie ein Krimi liest sich die Historie zwischen den „two evils“, wie der damalige britische Premier Winston Churchill die Diktoratoren Hitler und Stalin bezeichnete, ihrem Streben nach Macht, Einfluss und territorialen Gewinnen, die Europa auf Jahrzehnte hinaus verĂ€ndern sollten.

Insbesondere die von beiden LĂ€ndern vorab geknĂŒpften, jedoch selten besprochenen, wirtschaftlichen Beziehungen werden hier haarscharf analysiert.

Aufgelockert durch zahlreiche Fotografien und Einbindung noch nicht zu hÀufig genutzten Quellenmaterials kann dieses Werk als ErgÀnzung und Vertiefung der Materie genutzt werden, zumal auch das Vertragsprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes selbst mit eingebunden ist, wie auch das geheime Zusatzdokument.

Claudia Weber schildert eindrucksvoll dieses Ereignis, welches dem Weltenbrand vorausging, der unmittelbare Folge davon zwingend sein musste. Trotz Abstrichen in manchen Formulierungen, sehr informativ geschrieben, empfehlenswert zu lesen.

Autorin:
Claudia Weber wurde 1969 geboren und ist eine deutsche Historikerin. Seit 2014 ist sie Professorin fĂŒr EuropĂ€ische Zeitgeschichte in Frankfurt/Oder. ZunĂ€chst studierte sie Lehramt in Leipzig, danach SĂŒdslavistik, Politik- und Osteuropawissenschaften.

Nach mehreren Zwischenstationen sind ihre Forschungsschwerpunkte die Gewalt- und Diktaturengeschichte des 20. Jahrhunderts, die Kulturgeschichte des Kalten Krieges, sowie die vergleichende Imperiengeschichte. Sie veröffentlicht reglmĂ€ĂŸig BeitrĂ€ge in nationalen und internationalen Fachzeitschriften.

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Andrew Roberts: Feuersturm

Feuersturm Book Cover
Feuersturm Andrew Roberts Rezensionsexemplar/Sachbuch C.H. Beck Hardcover Seiten: 896 ISBN: 978-3-406-70052-1

Inhalt:

Warum verloren die AchsenmĂ€chte den Zweiten Weltkrieg? TatsĂ€chlich durch strategische Fehler und aus ideologischer Verblendung oder wegen der Übermacht der Alliierten? Im Mittelpunkt der analyse stehen die MilitĂ€rgeschichte und die Operationen, Schlachten zu Land, zu Wasser und in der Luft, der Wettlauf in der RĂŒstung und Informationsbeschaffung.

Der Historiker Andrew Roberts begibt sich auf Spurensuche durch den Verlauf eines Krieges, der Millionen Menschen weltweit das Leben kostete, zu den Schlachtfeldern und wechselt zwischen den Ebenen, von den Politikern bis zu den GenerĂ€len und einfachen Soldaten und ihren unzĂ€hligen Opfern. ErzĂ€hlt wird eine Geschichte von Europa, ĂŒber Asien und Amerika. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:

Wer auf FlohmĂ€rkten nach BĂŒchern stöbert, stolpert des Öfteren ĂŒber ziemlich einseitige Literatur, die als solche kaum zu bezeichnen ist. Sogenannte Militaria, die aus einer zweifelhaften Sichtweise heraus geschrieben wurde und besonders das Geschehen um den Zweiten Weltkrieg sehr einseitig darstellt. GefĂŒhlt ist auf den meisten FlohmĂ€rkten jeder zweite BĂŒcherstand mit solcherlei Schriften bestĂŒckt.

Anders dagegen gut bestĂŒckte Bibliotheken oder BuchlĂ€den mit großen Sachbuch-Abteilungen, in denen inzwischen sehr viele Aspekte des Schlimmsten aller Kriege beleuchtet werden.

Heruntergebrochen auf Personengeschichte, Biografien oder den Geschehnissen in einzelnen LĂ€ndern oder zu bestimmten Jahren findet sich dort eine Vielfalt wieder, fĂŒr die man den Verlagen, Autoren und Historikern, aber auch natĂŒrlich unzĂ€hligen Zeitzeugen dankbar sein muss. Und nun liegt mit „Feuersturm – Eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs“ eine besonnene und ruhige Analyse des militĂ€rischen Geschehens innerhalb des Zweiten Weltkriegs vor.

Andrew Roberts hat sich mit seiner Recherche in unzĂ€hlige Archive begeben und die Schlachtfelder des Zweiten Weltkrieges besucht. Herausgekommen ist ein Portrait der Ereignisse von den Vorbereitungen fĂŒr die grĂ¶ĂŸte aller Katastrophen bis hinein zu den Moment, in dem das UnglĂŒck, welches die AchsenmĂ€chte, das Deutsche Reich, Japan und Italien, auf die Welt stĂŒrzen ließen, sich ĂŒber sie selbst umkehrte.

Haarscharf analysiert er die die Entscheidungen von Politikern und Offizieren, die Bewegungen der Heere, Marinen und LuftstreitkrÀfte aller Beteiligten und ihre Auswirkungen auf den Verlauf des Krieges, um herauszufinden, warum Hitler den Krieg verlor und die Alliierten siegten.

Herausgekommen ist eine umfassende Analyse, die bald zu den Standardwerken fĂŒr Geschichtsinteressierte und Historikern gehören dĂŒrfte, konzentriert auf den rein militĂ€rischen Aspekt. Das muss man mögen, so etwas zu lesen, anderenfalls wird man durch die AusfĂŒhrlichkeit der Beschreibung entsprechender Operationen aus den Konzept gebracht. Ausschweifende Kapitel nehmen sich jeweils einen Erdteil oder eine bestimmte Gegend vor, analysieren etwa das Vorgehen in Pearl Habor oder auch weniger bekannten SchauplĂ€tzen, etwa den Philippinen.

Viel Faktenwissen bekommt der Leser alleine durch die Veranschaulichung und GegenĂŒberstellung von Zahlen, etwa Truppen- oder WaffenstĂ€rken. Wer so tief nicht ins Detail gehen möchte oder das Durchhaltevermögen und die Konzentration ĂŒber weite Strecken nicht aufbringen kann, wird spĂ€testens hier raus sein. Alle anderen bekommen mehrere Aspekte vorgesetzt, warum der Zweite Weltkrieg eben so und nicht anders verlief.

Das alleine macht Andrew Roberts‘ Werk zu einer lesenswerten LektĂŒre. Grobe Schnitzer leistet sich der Autor und Historiker jedoch auch, darunter solche, die einfach unverzeihlich sind. Um nur ein Beispiel zu nennen: Zitat

Nachdem die Beiden eine Zyankalikapsel an ihrer SchĂ€ferhĂŒndin Blondi getestet hatten – von der sie offensichtlich annahmen, dass sie in einem Deutschland nach dem Sturz des Nationalsozialismus auch nicht mehr leben wollte…

Andrew Roberts: Feuersturm – Eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs

Dies im Abschnitt ĂŒber den Selbstmord Adolf Hitlers und Eva Brauns. Jeder nur annĂ€hernd Geschichtsinteressierte muss ĂŒber eine solche Formulierung, von der ich hoffe, dass sie einfach der Übersetzung geschuldet ist, den Kopf schĂŒtteln. Hitler testete die Kapsel an seinem Hund, da er Himmler, von dem er diese bezogen hatte, zu diesem Zeitpunkt misstraute.

Nichts anderes ist richtig. Alleine fĂŒr solch eine Formulierung muss es AbzĂŒge geben und auch fĂŒr die zwei SchlusssĂ€tze nach einer an sich ganz guten und nachvollziehbaren Analyse.

Das geht so nicht und ist nach der Detailliertheit des gesamten Werkes weder angebracht, noch ausreichend. Manche Bemerkungen sind einfach zu flapsig. Und dies tut gerade solchen Ausarbeitungen nicht gut. Wer darĂŒber hinwegsehen kann, hat trotz allem mit „Feuersturm“ eine gute Analyse des Geschehens im Zweiten Weltkrieg vorliegen. Aufpassen sollte man dennoch.

Autor:

Andrew Roberts wurde 1963 in London geboren und ist ein britischer Historiker und Publizist. Er besuchte nach der Schule die UniversitÀt von Cambridge und graduierte in Moderne Geschichte. Von 1985-1988 arbeitete er als Investmentbanker und veröffentlichte 1991 sein erstes geschichtswissenschaftliches Werk.

Nach weiteren Veröffentlichungen setzte er sich 2001 mit der Schlacht von Waterloo und 2003 mit den unterschiedlichen FĂŒhrungsstilen Hitlers und Chruchills auseinander. Seine Biografie Napoleons wurde mehrfach ausgezeichnet. Als Kolumnist veröffentlicht er regelmĂ€ĂŸig in verschiedenen Zeitungen, ist BefĂŒhrworter des Thatcherismus‘ und AnhĂ€nger des Brexit. Roberts hat derzeit eine Professort am King’s College in London inne.

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Gerd Hankel: Ruanda 1994 bis heute

Ruanda - 1994 bis heute Book Cover
Ruanda – 1994 bis heute Gerd Hankel Taschenbuch Zu Klampen Verlag Seiten: 159 ISBN: 978-3-86674-590-2

Inhalt:

Vom April bis Juli 1994 wurden in Ruanda zigtausend Menschen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit ermordet. Das Land ist zum Synonym fĂŒr den Völkermord an den Tutsi geworden, aber auch fĂŒr dessen Aufarbeitung und vorbildliche VergangenheitsbewĂ€ltigung. Doch, unter der OberflĂ€che brodelt es wieder.

Die Zeichen, dass der Völkermord als politisches Instrument genutzt wird, dessen BewĂ€ltigung zur UnterdrĂŒckung kritischer Stimmen genutzt wird, mehren sich. Hinter dem Vorzeigestaat verbirgt sich ein totalitĂ€res Regime und dessen durchsetzung eines Geschichtsbildes, welches keinen Widerspruch duldet. Ein ernĂŒchterndes PortrĂ€t des Vorzeigestaats in Zentralafrika. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:

Insbesondere Autoren von SachbĂŒchern haben die Aufgabe, den leser mit einer Thematik vertraut zu machen, sie auf etwas zu stoßen oder wachzurĂŒtteln und genau dies tut Gerd Hankel mit seinem Standardwerk ĂŒber den Verarbeitungsprozess des Völkermordes in Ruanda. KĂŒrzlich erschien die vorliegende ErgĂ€nzung und Aktualisierung, die nicht minder aufrĂŒttelnd die Ereignisse in Zentralafrika analysiert und in ein neues Licht stellt.

Doch, zunĂ€chst, der Autor ist ein Kenner der Thematik, beschĂ€ftigt sich der Wissenschaftler schon lĂ€nger mti Völkermorden im Allgemeinen und der Geschichte Ruandas im Besonderen. Diese wird kurz, aber detailliert genug umrissen, um den noch nicht vertrauten Lesern einen Überblick zu geben.

Sehr faktenreich ist die BeschÀftigung mit den Sachverhalten, an die man konzentriert herangehen muss. Analysiert wird von Anfang an, zahlreiche Beispiele an Personen festgemacht. Zahlen und Statistiken bekommen ein Gesicht.

Das ist zuweilen anstrengend. Doch, die Auseinandersetzung funktioniert nur so, zumal sich Gerd Hankel hier gegen einem ganzen Trott politischer Ansichten und der allgemeinen Diplomatie stellt, die nicht einen Blick unter die OberflĂ€che wagen. Dies gilt fĂŒr Frankreich, ebenso wie Deutschland, Amerika oder Groß-Britannien.

Nur langsam werden erste Risse sichtbar. Diese sind auch kaum zu vermeiden, beschreibt Hankel doch, wie sich nach einem offensichtlichen Terrorregime ein anderes etabliert, welches verdeckt operiert und nur zugern sich als Garant der Aufarbeitung vergangenen Übels inszeniert, nicht ohne das eigene Fehlverhalten zu kaschieren.

Noch immer verschwinden Menschen spurlos, die auf Ungereimtheiten in den Prozessen zur Verarbeitung des Völkermordes aufmerksam machen oder gar in der Vergangenheit heutiger Regierungsmitglieder Ruandas kramen. Dem Leuchtturm Afrikas gehen langsam aber sicher die Lichter aus.

Hankel stellt, unterstĂŒtzt durch zahlreiche erdrĂŒckende Quellen und Begegnungen, schlĂŒsselt die Rolle von Staat und Wirtschaft fĂŒr die Verarbeitung auf, das Handeln einzelner Gruppen auf die NachbarlĂ€nder Ruandas und der damit verbunden Wechselwirkung wieder hin zu dem kleinen zentralafrikanischen Land.

Wer hat heute die DeutungsautoritĂ€t ĂŒber die Geschehnisse Mitte der 1990er jahre und wie viel Unrecht vertrĂ€gt der Fortschritt. Übersichtlich gegliedert und konzentriert, letzteres muss der Leser unbedingt sein, liest sich die Aktualisierung des 2016 erschienen Berichts etwas anstrengend, jedoch verliert man seine rosarote Brille, zieht gar den Vergleich zur Verarbeitung anderer Kriegsverbrechen Ă€hnlicher Coleur.

Man kann froh sein, dass es etwa bei der Behandlung der Trias Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord, etwa in Deutschland anders zugegangen ist. Der Autor weist hier aber auch auf die Unterschiede zu den Geschehnissen in Ruanda hin.

Wer umfassend sich ĂŒber die Verarbeitung des Völkermordes in Ruanda informieren und dabei einen Blick unter die schöne glatte OberflĂ€che werden möchte, ist mit diesem Werk gut bedient, muss sich jedoch vollstĂ€ndig darauf konzentrieren. Kein Buch zum Nebenherlesen, welches es auch nicht sein soll. Gerd Hankels Verdienst ist es, einiges an unserem, vielleicht falschen Bild auf die Ereignisse in Ruanda zurechtzurĂŒcken. Alleine dafĂŒr schon, lohnt die LektĂŒre.

Autor:

Gerd Hankel wurde 957 in BĂŒderich bei Wesel geboren und ist Jurist und Sprachwissenschaftler. Er studierte zunĂ€chst in Mainz, Granada und Bremen, bevor er 1993 freier Mitarbeiter des Hamburger Instituts fĂŒr Sozialforschung wurde. Seit 1998 ist er zudem wissenschaftlicher Angestellter der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur.

Seit 2002 untersucht er den Völkermord in Ruanda, insbesondere die Verarbeitung dessen durch die sogenannten Gacaca-Gerichte. Zudem veröffentlichte er u.a. ein Werk ĂŒber die strafrechtliche Verfolgung deutscher Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg.

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Andreas Petersen: Die Moskauer

Die Moskauer Book Cover
Die Moskauer Andreas Petersen S. Fischer Erschienen am: 13.03.2019 Seiten: 361 ISBN: 978-3-397435-5

Inhalt:

Die DDR war vor allem in den ersten Jahrzehnten geprĂ€gt von Paranoia und Denunziation. Die GrĂŒndergeneration um Pieck und Ulbricht hatte einst in Moskau die Jahre des Terrors ĂŒberlebt, in denen Stalin mehr Spitzenkader der KPD ermorden ließ als Hitler. Angst und Verrat wurden NormalitĂ€t.

Ab 1945 setzten sich die „Moskauer“ im Machtstreben um die FĂŒhrung in der sowjetisch besetzten Zone durch. Zweifel und Fragen waren nicht erwĂŒnscht. Die „Moskauer“ hĂ€tten sich sonst ihrer eigenen Verstrickung stellen mĂŒssen. Im neuen werdenden Staat setzten siee die gleichen Methoden ein, denen sie fast alle Jahre zuvor zum Opfer fielen. Das Stalintrauma und seine Folgen, analysiert von Andreas Petersen. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:

Die Geschichte der DDR begann schon Jahre vor der GrĂŒndung mit einer Gruppe von Kommunisten, die sich vor den Nazis in die Sowjetunion flĂŒchten konnten und in den Jahren des Exils versuchten, eine Machtbasis fĂŒr einen spĂ€teren Neuanfang zu schmieden. Mit Hilfe der Sowjets gelang dies auch spĂ€ter, doch der Weg zur Macht war fĂŒr Ulbricht, Pieck und andere weder von vornherein klar vorgezeichnet, noch sicher.

Stalin, der im eigenen Land mit den Jahren unter immer grĂ¶ĂŸeren Verfolgungswahn litt, ließ Hunderttausende seiner Landsleute, offiziere des MilitĂ€rs und selbst der Geheimdienste ermorden, schreckte auch nicht vor der Ermordung der Exilanten zurĂŒck.

Hunderte KPD-Mitglieder wurden deportiert, gefoltert und ermordet. So viel zur bekannten Geschichte. Doch, wie prĂ€gte das die FĂŒhrungsriege der KPD und welche Auswirkungen hatte dies spĂ€ter auf das eigene Herrschaftsverhalten nach dem Krieg? Andreas Petersen hat Einblick genommen in TagebĂŒcher, Archive und Berichte. Herausgekommen dabei ist ein minutiös gezeichnetes Sachbuch.

Leider auch ein schwer zu lesendes. Dieses Kapitel deutscher und auch russischer Geschichte ist alleine von der Thematik her sehr interessant, zumal noch nicht alle Archive geöffnet und ausgewertet sind und es noch ganz wenige Zeitzeugen gibt, die davon berichten können. In sofern hĂ€tten „Die Moskauer“ interessant und spannend beschrieben werden können, das werden und das Formen der GrĂŒndergeneration der DDR.

Warum dieses absolute Machtstreben, Denunziation und Aushorchen selbst unter politischen Gleichgesinnten und die Schaffung eines Klimas der Angst, welches ĂŒber den Tode Stalins noch hinaus wirkte? Warum löschte der Diktator selbst seine kĂŒnftigen verbĂŒndeten einst beinahe selbst komplett aus? Weshalb setzten die DDR-Oberen diese Politik unter anderen Vorzeichen, obwohl selbst einst Betroffene, in ihrem eigenen Staat fort?

Ein Stoff, wie gemacht fĂŒr einen Politkrimi, jedoch unglaublich reich an Fakten und Statistiken, die auch durch persönliche Geschichten fassbar gemacht werden können. Alleine mit letzteren geht der Autor jedoch allzu sparsum um, so dass am Ende ein schwer zu lesender, fĂŒr den Laien kaum aufzunehmender Text ĂŒbrig bleibt, der mehrmals gelesen werden muss, um verinnerlicht zu werden.

Was hĂ€ngen bleibt, sind LĂ€ngen und einzelne Fakten. Persönlichkeitsgeschichte, die sonst in solchen Werken den Leser bei Stange hĂ€lt, ist rar gesĂ€t. das funktioniert nur ungenĂŒgend, zumal man praktisch gezwungen ist, AbsĂ€tze wiederholend sich zu GemĂŒte zu fĂŒhren und langsam zu lesen.

Vielleicht dachte der Autor beim Schreiben eher an sein sonstiges Zielpublikum? Im Regelfall sind das Studenten. FĂŒr’s Fach sind „Die Moskauer“ jedenfalls nach meinem dafĂŒrhalten mehr geeignet, als jetzt fĂŒr den Laien, der sich mit Geschichte beschĂ€ftigen und sich diesem bestimmten Kapitel mal von einer etwas anderen Sicht aus nĂ€hern möchte.

Als populĂ€rwissenschaftliches Werk funktioniert es nicht, was schade ist, denn die zahlreichen Quellen, die auf eine intensive Recherchearbeit schließen lassen, verknĂŒpft mit einzelner Personengeschichte, hĂ€tten anders aufbereitet interessanter wirken können. So aber ist die Thematik nicht greifbarer geworden. Schade.

Autor:

Andreas Petersen wurde 1961 in Köln geboren und ist ein deutscher Historiker. Nach der Schule studierte er OsteuropĂ€ische Geschichte an der UniversitĂ€t ZĂŒrich und war Mitarbeiter an der Freien UniversitĂ€t Berlin. Als Dozent fĂŒr Zeitgeschichte wirkt er an der Fachhochschule Nordwestschweiz und ist zudem GrĂŒndungsprĂ€sident des Forums fĂŒr Zeitzeugen in Aarau. Er schreibt fĂŒr Tageszeitungen und Zeitschriften, pendelt zwischen Berlin und ZĂŒrich. Er ist Herausgeber und Autor mehrerer sachgeschichtlicher Werke.

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Veit Etzold: Staatsfeind

Staatsfeind Book Cover
Staatsfeind Rezensionsexemplar/Thriller Droemer Taschenbuch Seiten: 461 ISBN: 978-3-426-30668-0

Inhalt:

Was wĂ€re, wenn: Der ehemalige KSK-Soldat Iwo Retzick wird von seinem alten Kameraden Philipp kontaktiert, der als Politiker Karriere macht. Philipp braucht Iwos Hilfe bei einem Vorhaben, das die Zukunft der Bundesrepublik Deutschland fĂŒr alle Zeiten verĂ€ndern soll. Was sich da zwischen Dubai, Berlin und New York zusammenbraucht, ist so ungeheuerlich, dass es selbst Iwos schlimmste AlbtrĂ€ume ĂŒbersteigt. Doch die Verschwörung reicht bis in die allerhöchsten kreise von Finanzwesen, Politik und Sicherheitsdiensten, und wenn Iwo sie stoppen will, muss er sich entscheiden: Opfere ich mich selbst, oder opfere ich alle anderen? (Klappentext)

Rezension:

In Zeiten, in denen die Demokratie von mehreren Seiten der Gesellschaft auf den PrĂŒfstein gestellt wird, nicht nur im benachbarten oder weiter entfernten Ausland, sondern auch hier im deutschsprachigen Raum kommt dieses Szenario gerade recht. Zum dreißigsten Jahrestag des Mauerfalls soll in Deutschland, vorbereitet durch Terrorakte ein Umsturz geschehen, der die Welt aus den Angeln heben soll.

So zumindest der Plan. Fortan soll es wieder zwei deutsche Staaten unterschiedlicher PrÀgung geben und die Welt, so wie wir sie kennen, nicht mehr existieren. In mitten dieses Szenarios befindet sich plötzlich, mehr als ihm lieb ist, der zweifelnde und unzufriedene ehemalige KSK-Soldat Iwo Retzick, der bald darauf sich entscheiden muss, zu welcher Seite er gehören möchte. Doch, wie er sich auch entscheidet, wird er den Showdown aufhalten können?

Es ist das Szenario eines politischen Albtraumes oder, besser formuliert, politischen Erdbebens, welches uns der Autor hier aufzeigt und in Teilen vielleicht nicht einmal so unrealistisch ist.

Wie viel Wert ist uns heute noch die Demokratie als Staatsform, unsere Sicherheit gegenĂŒber freiheitlichen GrundsĂ€tzen und an welchen Ecken und Enden beginnen die offensichtlichen sicherheitstechnischen Fehler der Entscheidungen unserer Politiker einen Weg in die falsche Richtung einzuschlagen? Stellt sich der Leser diese Fragen, einhergehend mit allen Folgen, ist man von der Variante Etzolds nicht einmal so weit entfernt.

Detaillier ausgearbeitet, lernt man nach und nach die Protaqgonisten der verschieden agierenden Seiten kennen. Es gibt hierbei kein absolut Gutes und Böse, sondern zahlreiche Grautöne, die gegeneinander ankÀmpfen, um mal in Farben zu sprechen. Das ist sehr schön gemacht, zumal man so die Handlung aller Beteiligten nachvollziehen kann, auch und gerade die des Antihelden.

Der Autor stellt in kurzweiligen SĂ€tzen die ZusammenhĂ€nge eines großen Spiels um Macht und Intrigen dar, so dass es einem kalt ĂŒber den RĂŒcken laufen wird. Kurze Kapitel und zahlreiche Cliffhanger runden die Geschichte ab, so dass sich „Staatsfeind2 schon nach wenigen Seiten zu einem Pageturner mit kontinuierlichen Spannungsbogen entwickelt, der sich in einem großen Knall entlĂ€dt.

Als Essenz bleiben die Fragen, was fĂŒr eine Gesellschaft wollen wir? Was mĂŒssen wir dafĂŒr tun? Wo sind rote Linien, die wir nicht ĂŒberschreiten dĂŒrfen oder wo wir verhindern mĂŒssen, dass andere sie ĂŒberschreiten? Sehr schön dargestellt und verpackt in einer spannenden Geschichte, die zudem AnknĂŒpfungspunkte bietet zu anderen Romanen des Autoren, den man danach einen kritischen Blick auf das sicherheitspolitische Geschehen in Deutschland unterstellen darf.

Den Buch zugrunde liegen nach eigenen Angaben Recherchen und Befragungen von SicherheitskrĂ€ften, die ein eher schlechtes Bild ĂŒber deren eigenen Zustand zeichnen, was man auch dem vorliegenden Thriller entnehmen kann. Hoffen wir nur, dass dieses Szenario so oder so Ă€hnlich nie Wirklichkeit werden wird.

Autor:

Veit Etzold wurde 1973 in Bremen geboren und ist ein deutscher Schriftsteller. Nach einer Ausbildung studierte er zunĂ€chst in Oldenburg, London und Barcelona und promovierte 2005 im Bereich Medienwissenschaften. Er arbeitete fĂŒr Medienunternehmen, Banken und Unternehmensberatungen, sowie in der Management-Ausbildung. Seit 2010 veröffentlicht er zudem Romane und Thriller, sowie SachbĂŒcher zum Thema -Storytelling-. Als Unternehmensberater integriert er die Erkenntnisse der Thrillerstrategie in die GeschĂ€ftswelt, etwa in Bezug auf VerĂ€nderungsprozesse durch die Methodik des Storytelling darzustelleb, Er ist Professor an der Hochschule Aalen und lebt mit seiner Familie in Berlin.

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Masha Gessen/Misha Friedmann: Vergessen

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Vergessen Masha Gessen/Misha Friedmann dtv Erschienen am: 28.02.2019 Seiten: 160 ISBN: 978-3-423-28172-0

Inhalt:

In Kolyma, im Osten Sibiriens, leben Menschen, die die Geschichte vergessen zu haben scheint. Unter stalin als Zwangsarbeiter in die Uranminen deportiert, konnten sie sich dei Heimreise nach der Freilassung nicht leisten und leben bis heute neben den verfallenden Ruinen des Massenmords. Die preisgekrönte Journalistin Masha Gessen und der Fotograf Misha Friedman sind auf der Suche nach den Spuren des Gulag nach Russland gereist.

Sie haben die letzten Überlebenden und Angehörige der Opfer in Kolyma getroffen, haben in der Strafkolonie Perm aufgespĂŒrt, was heute noch vom System der UnterdrĂŒckung zu finden ist, und waren in den TodeswĂ€ldern Kareliens. mit den Mitteln des genau beobachtenden Journalismus und der Schwarzweißfotografie halten Gessen und Friedman fest, was im heutigen Russland, dem Putin ein Bild von Macht und Herrlichkeit verordnet hat, keinen Platz findet. „Vergessen“ ist ein Mahnmal der Erinnerung an den Archipel Gulag. (Klappentext)

Rezension:

Vergleichsweise schmal kommt dieser Band daher und prĂ€sentiert sich als Coffe Table Book, mit seinen schönen, jedoch sehr erdrĂŒckenden Schwarzweisfotografien. Doch, anders als die WohlfĂŒhlbĂŒcher mancher Kataloge, erzĂ€hlen die Bilder und dazugehörigen Texte die Geschichte von Verzweiflung und Leid, der in der Stalinzeit Verurteilten und in die verbannung geschickten Bevölkerung.

Jeden konnte es treffen, ob Parteimitglied, einfacher Angestellter, Bauer, ganz egal. Die SchÀtzungen der Opferzahlen reichen von Hunderttausenden bis hin zu Millionen. Viele verschwanden in den Lagern Sibiriens. Kolyma, ein Schreckens(w)ort.

Als der Nachfolger des „StĂ€hlernen“, Chruschtschow, die Verbrechen öffentlich machte, viele HĂ€ftlinge, lĂ€ngst nicht alle amnestierte, standen diese vor dem nichts. Viele konnten nicht mehr in ihre alte Heimat zurĂŒck. Sie blieben dort, wo sie waren. Ihre Nachfahren leben zum Teil heute noch dort.

Die Journalistin Masha Gessen und der Fotograf haben sich aufgemacht, in die WĂ€lder Kareliens und in den sibierischen Osten des Landes, stießen auf Überreste des Schreckes und den Versuch, Erinnerung zu wahren und zu interpretieren.

Wie gedenkt man den Opfern der Stalinzeit im heutigen Russland, welchen Umgang pflegt man mit den taten und warum fĂ€llt eine Aufarbeitung dessen, was geschah, so schwer? Mit den Blick fĂŒr’s Wesentliche besuchten die beiden Autoren Nachfahren der Verbannten und Menschen, die die offizielle Politik Russlands ĂŒbernommen haben und so die Gedinkrichtung des Landes bestimmen.

Ein Gang durch einen Park gestĂŒrzter Skulpturen gehört ebenso dazu, wie eine LagerstĂ€tte, die zum SĂŒpielplatz mit historischen Kolorit fĂŒr Putins Nationalisten avancierte.

Was bleibt ĂŒbrig und welcher Umgang mit Geschichte ist der Richtige? Wie Gedenken in einem Land, in der es zu viele TĂ€ter gab, die Opfer waren und umgekehrt? Der Eindruck eines eigenwilligen und bezeichnenden GeschichtsverstĂ€ndnisses, gekoppelt mit den Schicksal der Menschen, auf deren RĂŒcken ein Konflikt um die historische Wahrhaftigkeit ausgefochten wird.

Der Leser bleibt indes ratlos zurĂŒck. FĂŒr ihr Werk haben Gessen und Friedman den Preis der Leipziger Buchmesse zur EuropĂ€ischen VerstĂ€ndigung 2019 bekommen, und werfen damit mehr Fragen auf, als sie beantworten können. Immerhin wird das Blickfeld ungemein erweitert. Aber, ob das ausreicht?

Autoren:

Masha Gessen wurde 1967 in Moskau geboren und emigrierte Anfang der 1980er Jahre mit ihren Eltern in die USA. Nach Ende der Sowjetunion berichtete sie als Journalistin aus der russischen Hauptstadt und gilt als eine der Stimmen der Opposition gegen Wladimir Putin.

Ihre Biografie ĂŒber ihn war ein internationaler Bestseller. Sie bekam den National Book Award verliehen und den Preis der Leipziger Buchmesse zur EuropĂ€ischen VerstĂ€ndigung (2019). Sie lebt mit Frau und zwei Kindern in New York City und schreibt fĂŒr The New Yorker und The New York Times.

Misha Friedman wurde 1977 geboren, auf den Gebiet der heutigen Republik Moldau. Auch er emigirerte, studierte zunĂ€chst Wirtschaft und Internationale Beziehungen in Großbritannien und den USA. On seiner Arbeit als Fotograf beschĂ€ftigt er sich mit der Ukraine und Russland, mit Korruption und Patriotismus.

FĂŒr seine Arbeit erhielt er u.a, den Preis des Pulitzer Center on Crisis Reporting. Friedman lebt ebenfalls mit seiner Familie in New York City, arbeitet fĂŒr diverse Zeitungen und Zeitschriften. In Deutschland erschienen seine Arbeiten u.a. in der Zeitschrift Der Spiegel.

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Ben Rhodes: Im Weissen Haus

Im Weissen Haus Book Cover
Im Weissen Haus Ben Rhodes C.H. Beck Erschienen am: 21.02.2019 Seiten: 576 ISBN: 978-3-406-73507-3 Übersetzer: Enrico Heinemann (u.a.)

Inhalt:

Acht Jahre lang sah Ben Rhodes fast alles, was im Herzen von Barack Obamas PrĂ€sidentschaft passierte. In seinem rasant geschriebenen, aufrichtigen, klugen Buch schildert er die Dramen dieser PrĂ€sidentschaft, die Ideale, von denen Obama sich leiten ließ, und die Grenzen des Machbaren, auf die er traf. Selten hat man einen so intimen, luziden Einblick in die inneren Gesetze der Politik im Zentrum der amerikanischen Weltmacht erhalten. (Klappentext)

Rezension:

Die Menschen scheinen sich nach Ruhe und BestĂ€ndigkeit, nach ZuverlĂ€ssigkeit zu sehnen, in einer Welt, in der aus allen Ecken Gegenwind zu spĂŒren ist. Kaum anders ist es zu erklĂ€ren, warum gerade jetzt, da Amerika in seinen politischen Ebenen immer mehr Wackelkandidat statt strategischer oder anders zuverlĂ€ssiger Partner zu werden scheint, BĂŒcher der ehemaligen Entscheider, politischen Berater, fĂŒr die Sicherheit verantwortlich Gewesene, selbst deren Ehefrauen weltweit auf den Bestsellerlisten ihren Platz finden.

Nach der ehemaligen First Lady oder gescheiterten Geheimdienstchefs ist nun der politische Bericht Ben Rhodes‘ auf den Markt, in dem der New Yorker beschreibt, wie er vom Mitarbeiter eines poltiischen Thinktank zum Berater von Barack Obama wurde und an politischen Projekten arbeiten konnte, auf deren Außenwirkung Obamas Bild in der Öffentlichkeit aufbauen sollte.

Der Autor beschreibt sich selbst, so der Eindruck eines Lesers, als immer wieder zweifelnden Beobachter, der dennoch Ziele und Visionen verfolgt, nicht zuletzt die von barack Obama sich selbst zu Eigen machte. Vom kleinen Redenschreiber bis hinein in die Entscheidungsebenen des Weißen Hauses, dem Handlungsspielraum eines prĂ€sidenten erfĂ€hrt man einiges, was man so noch nicht gehört hat.

Große Momente mit großer Wirkung werden indes klein gehalten. Sicherheitsrechtlichen Bestimmungen geschuldet, wird etwa die fassung Bin Ladens sehr schnell abgehandelt, das kleinteilige und entnervende Spiel und Aushandeln kleinster politischer Erfolge dagegen en detail beschrieben. Das schafft LĂ€ngen, die diese Biografie einer PrĂ€sidentschaft und nicht zuletzt des Autoren selbst kennzeichnen, zeigt aber auch die Schwierigkeiten mit denen Barack Obama und sein Team zu kĂ€mpfen hatten.

Es ist aber auch ein Zeichen dafĂŒr, welche KĂ€mpfe die letzten jahre diese Politik bestimmten, und was nach den ersten schwarzen PrĂ€sidenten folgen sollte.

Stark ist Ben Rhodes vor allem darin, wenn es um die Aushandlung der poltischen Projekte und Themen geht, die er selbst maßgebend gestalten konnte. So erfĂ€hrt man eben nicht nur ĂŒber die Arbeit eines Redenschreibers, sondern noch mehr ĂŒber die HintergrĂŒnde und Entwicklung von Obamas Kuba-Politik, welches ein persönlichesw Projekt Rhodes‘ war oder Amerikas Rolle beim Atomdeal mit den Iran, sowie der Orientierungssuche im Prozess des Arabischen FrĂŒhlings 2011.

AusfĂŒhrlich, jedoch nicht abgehoben und immer wieder die gesamte Entwicklung sehend, beschreibt der Autor seine Sicht auf eine PrĂ€sidentschaft, bei der er das GlĂŒck hatte, ein Teil davon zu sein und eine aktive Rolle zu spielen.

Es sind nicht nur die Worte: „Yes, we can!“, die zum Wahlkampfslogan und Motto Obamas avancieren sollten, die aus der Feder seines Teams stammten, sondern zahlreiche andere Elemente, die der amerikanischen Poltik inzwischen völlig abhanden gekommen sind und von denen zu hoffen ist, dass sie sich eines Tages wieder darauf besinnt. Vielleicht muss es deshalb solche BĂŒcher geben und vielleicht gerade daher, haben sie jetzt solch einen Erfolg?

Ben Rhodes‘ Innenansichten, die einen anderen und wichtigen Blickwinkel auf ein anderes politisches Amerika werfen, als das, welches sich derzeit im Vordergrund befindet und eine Hommage an eine ganz besondere PrĂ€sidentschaft.

Autor:

Benjamin J. „Ben“ Rhodes wurde 1977 in New York City/USA geboren und war Stellvertretender Berater fĂŒr nationale Sicherheit und strategische Kommunikation des ehemaligen US-PrĂ€sidenten Barack Obama.

Nach der Schule besuchte er die Rice University in Houston/Texas und studierte Politikwissenschaften und Anglistik, spĂ€ter Kreatives Schreiben an der New York University. 1997 engagierte er sich fĂŒr die Wiederwahl Giulianis zum BĂŒrgermeister von New York City, im Sommer 2001 arbeitete er fĂŒr Diana Reynas Kampagne zur Wahl des rats der Stadt New York.

Ende 2006 arbeite er als Redenschreiber fĂŒr Mike Warner. Nachdem dieser seine Kandidatur fĂŒr die anstehende PrĂ€sidentschaftswahl fĂŒr beendet erklĂ€rtete, wechselte er zu Obama und schrieb von beginn an seine Reden, arbeiete spĂ€ter als stellvertretender Sicherheitsberater des PrĂ€sidenten und an politischen Projekten zur Aussohnung mit Kuba oder der Verhandlung des Atomdieals mit den Iran. heute ist er Co-chair der Organisation National Security Action in Washington und arbeitet weiter als Berater fĂŒr Barack Obama.

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Andre Francois-Poncet: Botschafter in Berlin 1931-1938 (1)

Botschafter in Berlin 1931-1938 Book Cover
Botschafter in Berlin 1931-1938 Andre Francois-Poncet
Buchserie: Teil 1
Europaverlag Erschienen am: 21.09.2018 (Neuauflage) Hardcover ISBN: 978-3-95890-224-4

Inhalt:

Andre Francois-Poncet war seinerzeit der dienstĂ€lteste und erfahrenste Diplomat und Botschafter im Deutschen Reich, der den Aufstieg der Nazis in Berlin beobachtete und fĂŒr sein Land analysierte.

Von 1931 an schrieb er regelmĂ€ĂŸig Telegramme und schickte Berichte an das französische Außenministerium, konferierte mit Nazi-GrĂ¶ĂŸen und stellt im ersten Teil seiner Erinnerungen dar, wie Rechtstaatlichkeit und Demokratie unterwandert und ausgehölt wurden, wie der politische Quereinsteiger Hitler zum mĂ€chtigsten Mann werden sollte, der Europa und die Welt in den Abgrund stĂŒrzte.

Von der Machtergreifung bis zum letzten AufbĂ€umen des Friedens, der Konferenz von MĂŒnchen, skizziert Francois-Poncet die deutsche Politik der 1930er Jahre. ihre Wirkung im Inneren und auf das Ausland. (eigene Inhaltsangabe)

BĂŒcher der Reihe:

Andre Francois-Poncet: Botschafter in Berlin 1931-1938 (1)

Andre Francois-Poncet: Von Versailles bis Potsdam (2)

Andre Francois-Poncet: Tagebuch eines Gefangenen (3)

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Rezension:
Von vielen Seiten ist sie bereits beschrieben worden und wird auch immer noch beleuchtet werden, die deutsche Geschichte in wundersamen aber grausamen Zeiten.

Grausam, weil nur wenige Zeitgenossen ernstnahmen, was ihre SchlĂ€chter laut verkĂŒndeten, einige hießen die Vorhaben sogar gut, wundersam, weil sich nicht wenige die Augen rieben ob der neuen Töne, die im Regierungsviertel Berlins der 1930er Jahre herrschten. Dies nun sind die neu aufgelegten Erinnerungen des wohl erfahrensten Diplomaten jener Zeit, des französischen Botschafters Andre Fracois-Poncet 1931-1938.

Neu verlegt im Europaverlag öffnen sich dem Leser die TĂŒren des diplomatischen Parketts und er erfĂ€hrt, welche HĂŒrden die Politik des Auslands im Umgang mit den neuen Machthabern des Deutschen Reiches zu nehmen hatten, woran sie schließlich scheitern sollten.

Zwei Jahre nach Kriegsende in Frankreich erstmals erschienen, ein wenig spĂ€ter auch dort, was von Deutschland ĂŒbrig geblieben war, erzĂ€hlt Francois-Poncet, wie er erstaunt die Erosion der Rechtstaatlichkeit und demokratie zur Kenntnis nehmen musste und welche Schwierigkeiten sich ergaben, erkannten die neuen Machthaber gĂŒltige VertrĂ€ge nur scheinbar an, nutzten HintertĂŒrchen und spielten mit falschen Karten, um In- und Ausland immer wieder vor vollendete Tatsachen zu stellen, die in den Abgrund fĂŒhren sollten.

Detailliert schildert der ehemalige Botschafter Begegnungen mit Nazi-grĂ¶ĂŸen von Göring bis Hitler, beschreibt die brodelnde Stimmung auf den Straßen Berlins und die VorgĂ€nge des Notenaustausches zwischen den Alliierten des Ersten Weltkrieges, die nicht an einem Strang zogen und somit die Tore öffneten, fĂŒr das politsche Va banque Spiel, welches die Nazis auszureizen wussten.

Pointiert beschreibt der Autor die Entmachtung der Weimarer Demokratie, die VorgÀnge zur Machtsicherung um den Röhm-Putsch und schildert, welch politische Hektik dem Austritt deutschlands aus den Völkerbund oder dem Ende von Locarno voraus gingen.

Bishin zum letzten AufbĂ€umen, der MĂŒnchener Konferenz, gelingt so ein Blick hinter die Kulissen und abseits des Geschichtsunterricht bekommt der Leser ein GefĂŒhl dafĂŒr, wie aufwendig und fragil es war, mit den Nazis Politik zu machen, die dann doch nicht halten sollte.

Im Gegensatz zu seinen privaten Erinnerungen „Tagebuch eines Gefangenen“, die spĂ€ter veröffentlicht wurden, ist hier der Ton lt. des Herausgebers Thomas Gayda sehr diplomatisch gehalten, eben so, wie Francois-Poncet die Mehrheit der Deutschen, deren Kultur er schĂ€tzte, verstand.

Um so grĂ¶ĂŸer wirkt die ErschĂŒtterung, die der Autor durchblicken lĂ€sst, resultierend aus unerhörten Ereignissen in unerhörten Tagen. Dem kann man sich als Leser kaum entziehen. Die Sogwirkung solcher Zeitzeugenberichte ist einfach zu groß und gerade darin liegt der Wert des Berichts, zumal hier eben mal eine ganz andere Draufsicht, die französische, als die bekanntere Sicht deutscher Zeitzeugen oder die amerikanischer und britischer Historiker, zum Tragen kommt.

Das funktioniert auch heute noch. Ja, vielleicht sogar besonders gut, wo sich wieder eine Partei in Deutschland anschickt, demokratische und rechtstaatliche Werte auszuhöhlen.

Francois-Poncet hĂ€tte die Parallelen mit Sicherheit gesehen und davor gewarnt und so ist „Botschafter in Berlin 1931-1938“ ein hoch politisches und aktuelles Dokument, welches ernstgenommen werden muss. Zu viel steht auf den Spiel.

Ein gut lesbarer und erschĂŒtternder Bericht, ĂŒber das, was damals niemand wahrhaben wollte, auch im benachbarten Ausland nicht und eine Analyse dessen, wie schnell die demokratischen Fundamente von Weimar unter den willfĂ€hrigen HĂ€nden der Nazis und ihrer Gönner zerbröselten, die spĂ€ter die Deutschen mitsamt ihrer neuen FĂŒhrungsriege in den Abgrund stĂŒrzen sollten.

Der Diplomat Andre Francois-Poncet, der spĂ€ter wieder an die Deutschen glauben und einer der ersten befĂŒrworter einer VerstĂ€ndigung nach dem Krieg gewesen ist, beschreibt klar die internen und von außen sichtbaren VorgĂ€nge und setzte sich ein Denk- und den Deutschen ein Mahnmal.

Es bleibt diesen ĂŒberlassen, es heute wieder anzunehmen. Europas und Deutschlands Frieden wĂ€re es zu wĂŒnschen.

Autor:
Andre Francois-Poncet wurde 1887 in Frankreich geboren und war Germanist, Politiker und Diplomat, französischer Botschafter in Berlin und spÀter in Rom. Nach dem Krieg begleitete er den Posten des französischen Hohen Kommissars in Deutschland von 1949-1955.

Er wurde 1943 von den Deutschen verhaftet. Nach der Befreiung begleitete er verschiedene diplomatische Posten und fungierte als PrÀsident des Französischen Roten Kreuzes 1955-1967, ab 1960 als PrÀsident des Rats der EuropÀischen Bewegung. Er starb 1978 in Paris.

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