Andreas Speit: Reichsbürger – Die unterschätzte Gefahr

9783861539582Autor: Andreas Speit (u.a.)
Titel: Reichsbürger – Die unterschätzte Gefahr
Seiten: 215
ISBN: 978-3-86153-958-2
Verlag: Ch. Links Verlag

Inhalt:
Als im Oktober 2016 im fränkischen Georgensmünd ein Spezialkommando der Polizei in das Wohnhaus eines Reichsbürgers eindringt, um dort gehortete Waffen zu beschlagnahmen, eröffnet dieser das Feuer und verletzt vier Beamte. Einer von ihnen wird tödlich getroffen.

Der Schütze gehört zu jener Bewegung von Verschwörungsfanatikern, die die Bundesrepublik und ihre gesetze nicht anerkennen. Bis dahin hatte der Staat dieAngehörigen der Szene als „Spinner“ und ungefährlich abgetan.

Der Rechtsextremismus-Experte Andreas Speit beleuchtet gemeinsam mit weiteren Fachleuten die Ideologie und die Akteure der verschiedenen Gruppen. Sie analysieren deren Weltbild und beschreiben, wie ihnen angemessen zu begegnen ist. (Klappentext)

Autor:
Andreas Speit wurde 1966 geboren und ist ein in Hamburg lebender Journalist und Autor. Nach einer Ausbildung zum Heilerziehungspfleger studierte Sozialwissenschaften und arbeitete danach als freier Journalist. Seit 1991 beschäftigt er sich regelmäßig mit Themen zum Rechtsextremismus und schreibt u.a. für die taz.

Kolumnen für verschiedene Zeitungen verfasste er ebenso, wie Arbeiten für das politische Feuilleton von Deutschlandradio. 2006-2010 gehörte er zu den Autoren des Themendossiers Rechtsextremismus der Bundeszentrale für politische Bildung. Seine Werke werden von Wissenschaftlern genutzt und regelmäßig zitiert. Speit wurde für seine Arbeit mehrfach ausgezeichnet.

Rezension:
Sie beschäftigen die Behörden mit seitenlangen Schreiben, gestückt mit verqueren Begründungen für Ablehnungen von amtlich zugestellten Forderungen, erheben ihrerseits ebenfalls davon absurdeste und treiben Amtspersonen und Angestellte in Ländern und Kommunen in den Wahnsinn.

So oder ähnlich könnte man es beschreiben, wie der Staat dieses seit längerer Zeit schon existierende Phänomen, nicht mit der Gesellschaft kompatibeler Mitmenschen, betrachtete, und erst seit ein paar jahren ernst nimmt. viel zu spät laut derer, die sich mit den „Reichsbürgern“ herumschlagen müssen und den Rechtsextremismusexperten um Andreas Speit.

Gemeinsam mit Journalisten, Wissenschaftlern und Justitiaren begibt sich der Autor auf Spurensuche an den rechten Rand der Republik. Er sucht Reichsbürger auf, analysiert ins kleinste Detail Vorfälle, die schließlich in den Tod eines Polizisten mündeten und zeigt auf, warum der Staat eben nicht mit vereinzelten Irrläufern, sondern einer konkreten und mit Vorsicht zu genießenden Bewegung konfrontiert ist, die unsere Gesellschaft zunehmend in Frage stellt.

Im sehr ausführlich und detaillierten Sachbuch scheint zusammengefasst das gegeben, was den Landesämtern für Verfassungsschutz bisweilen so sträflich misslingt. Die Analyse einer, zuerst lose erscheinenden, Bewegung von Grund auf. Zuerst werden verschiedene Gruppierungen dargestellt und eine politische Einordnung versucht, danach detailliert Personenanalyse betrieben, wie sich einzelne Individuen zu Köpfen dieser aufschwingen konnten, und woraus die Legitimation aus derer sicht heraus besteht, sich vollkommen dem Staat und der Gesellschaft zu entziehen.

Im folgenden wird die Konfrontation der reichsbürger mit der öffentlichen Verwaltung verdeutlicht, und wie die Behörden langsam lernen, mit diesem Phänomen umzugehen, sowie die zunehmende Gewaltbereitschaft herausgeschält. Nicht zuletzt die politische Verortung wird beschrieben, sowie die Strukturen und die Vernetzung untereinander, aber auch die Auswirkungen einer seit längeren nicht erfolgten politischen Auseinandersetzung des Staates mit diesem Phänomen.

Zuletzt werden Ausblicke jenseits der Grenze, etwa nach Österreich und der Schweiz gewagt, Vergleichslinien gezogen und deutliche Warnungen ausgesprochen, welche wachrütteln sollen.

Andreas Speit und seine Mitautoren haben recherchiert, mit Menschen innerhalb der Szene gesprochen, was sie antreibt und bewegt, Gerichtsfälle analysiert und geschaut, wie der Umgang der für die innere Sicherheit zuständigen Geheimdienste damit ist bzw. welche Reaktionen an welchen Stellen fehlgeleitet waren, wie der Stand damals gewesen und heute ist.

Dicht recherchiert und detailliert analysiert ist daraus ein Fachbuch über eine ansonsten im Dunkeln liegende Szene entstanden, welches aufrütteln soll, und vor allem gewisse staatliche Stellen aufrütteln soll, aber auch die angestellten der Kommunen Orientierung geben kann, anhand zahlreicher Beispiele und Geschehnisse, wie diesem zu begegnen ist.

In poltiisch schwierigen Zeiten stellt Andreas Speit so zusätzlich einen Themenbereich zur Debatte, der facettenreich alle Aspekte zur Sprache bringt und ein Fazit zieht, welches nachdenklich stimmen sollte. Es ist an der Zeit, wenigstens zu versuchen etwas zu verstehen, was kaum verständlich ist. Erkenne deinen Feind, um ihn zu begegnen.

Nimm ihn ernst. Der marktschreierische Warnzeitung des Boulevardjournalismus‘ fehlt hier jedoch. „Reichsbürger – Die unterschätzte Gefahr“, ist eine Sachanalyse für Fachleute und Laien, die nicht ungelesen bleiben darf und Beachtung finden muss.

Reich an Informationen ohne überflüssigen Ballast, aber mit einer tiefen Quellenlage gelingt es den Autoren, fachlich das zusammen zu fassen, was ansonsten kaum zu greifen ist. Ohne verschnörkelter und ausschweifender Sprache, sachlicher Klartext mit zahlreichen Beispielen. Davon sollte es mehr auf den Büchertischen geben.

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