Politik

Can Dündar/Mohamed Anwar: Erdogan

Inhalt:
Mit der gezeichneten Biografie von Recep Tayyip Erdogan legen der Journalist Can Dündar und der Zeichner Mohamed Anwar einen Meilenstein der Graphic Novel Literatur vor.

Für jeden Menschen wird klar, wie der türkische Präsident Erdogan den Berg der Macht bestieg, was seine Interessen sind und wie er sie verfolgt. Die Entwicklungen in der heutigen Türkei werden nachvollziehbar, die Herausforderungen der türkischen Gesellschaft und die Schwierigkeiten im Umgang mit einem autoritären Machthaber, der sich in den Augen des italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi, zu einem Diktator wandelte.

Das Buch erklärt, es verurteilt nicht. Es ist ein Beitrag zur Aufklärung über die politische Türkei. Das Werk überrascht, fasziniert und ernüchtert. (Klappentext)

Rezension:
Einen ungewöhnlichen Weg, die Geschichte eines Menschen zu erzählen, der inzwischen ein Land auf sich selbst und seine Gefolgsleute ganz und gar auf sich selbst zugeschnitten hat, haben der Zeichner Mohamed Anwar und der Journalist Can Dündar gewählt. Daraus entstanden ist eine Biografie über dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, in Form einer Graphic Novel. Die Hintergründe minutiös recherchiert zeigt sie wie das Land den Menschen formte, der später sich zum autoritären Herrscher entwickeln sollte und wie Erdogan die dem Staat zugrunde liegenden Mittel nutzte, um auf den Gipfel der Macht zu gelangen.

Spätere Jahre ausgelassen, haben sich die Macher ganz auf den Weg zur Ernennung Erdogans zum türkischen Ministerpräsidenten konzentriert, wie dieser die politischen Mechanismen zu nutzen wusste und vor allem, den richtigen Riecher für bestimmte Stimmungen im politischen Establishment zu wahren, aber auch den Willen zur Macht zu portraitieren. Can Dündar und Mohamed Anwar zeigen auf, wie der frühe Erdogan mit Rückschlägen und Widersachern umging und zeigen den Wandel eines politischen Chamäleons, welches er ist.

Die dargestellten Ereignisse sind dabei belegt, anhand von Recherchen innerhalb einer Vielzahl schriftlicher Quellen, Berichte von Erdogan selbst als auch von langjährigen Wegbegleitern verschiedener biografischer Stationen und manchem Foto, welches Ereignisse festhält, an dem der so Porträtierte später überhaupt nicht gerne erinnert werden möchte. Diese wurden innerhalb der Geschichte im gleichen grafischen Stil gezeigt, welches die Graphic Novel einnimmt. Verschieden große Panels zeigen im Kontrast von Schwarz Weiß diesen Menschen, über den am Ende so vieles klar zu sein scheint. Ohne zu werten. Gezeigt wird, was war.

Dies ist die Stärke dieser eindrucksvollen und sehr besonderen Biografie, in der Schlüsselmomente durchaus auch eine ganze Seite einnehmen, um ihre Wirkung zu entfalten. Es ist zugleich eine Graphic Novel, die zum Recherchieren einlädt, ohne dass man von zu viel Sachinformation erschlagen werden würde. Mit dieser Biografie erhält man dennoch ein gewichtiges Stück Geschichte, deren Fortsetzung ein noch größeres Politikum wäre, auch wenn Erdogan beiden Schaffenden schon genug zürnen dürfte. Trotzdem oder vor allem deshalb wäre eine weitere, ebenso ernsthafte wie neutrale Auseinandersetzung mit den weiteren Stationen dieses Mannes wünschenswert.

Autoren:
Can Dündar wurde 1961 in Ankara geboren und ist ein türkischer Journalist, Autor und Dokumentarfilmer. 1979 unternahm er erste Schritte in Richtung Journalismus, bis er 1988 zum Fernsehen wechselte und dort u. a. die Hauptnachrichten moderierte. Zudem betätigte er sich als Autor und schrieb über 40 Bücher in der Türkei. Nach einem Bericht für die renommierteste Zeitung des Landes wurde er nach einem Bericht verhaftet, im Zuge eines Revisionsverfahren jedoch freigelassen. 2016 wurde ein Schusswaffen-Attentat auf ihn ausgeübt. 2016 reiste er nach Deutschland aus, dort schreibt er regelmäßig für DIE ZEIT und andere Zeitschriften und Magazine. Er wurde mehrfach ausgezeichnet und leidet das gemeinsam mit Correctiv geründete Online-Magazin und Webradio #ÖZGÜRÜZ.

Mohamed Anwar ist ein ägyptisch-sudanesischer Comiczeichner und politischer Karikaturist. 2007 begann er seine Laufbahn als Zeichner für eine ägyptische Tageszeitung, während seines Studiums der Biomedizintechnik. Er schrieb für mehrere ägyptische und arabische Zeitungen und Zeitschiften und wechselte 2010 zu der auflagestärksten in Ägypten, in der er noch immer Cartoons veröffentlicht. 2017 wurde Anwar mit einem der renommiertesten Preisen des ägyptischen Journalismus ausgezeichnet. Nach Revision der Reformen wurde Anwar 2019 verhaftet und aus Ägypten deportiert. Nach Station im Libanon ließ er sich in Berlin nieder.

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Marcus Bensmann/David Schraven: Europas Brandstifter – Putins Krieg gegen den Westen

Inhalt:
Wladimir Putins Einfluss in Europa wächst. Damit er Russland wieder zu vergangener Größe und Macht führen kann, muss die Westbindung Europas fallen. Seinen Griff nach der Vorherrschaft auf dem Kontinent hat der russische Präsident lange vorbereitet: Über zweieinhalb Jahrzehnte hat Russland unter Putin seine Netzwerke in Europa ausgebaut und Deutschland abhängig gemacht von seinem Gas.

Desinformationskampagnen, Cyberattacken und Sabotageaktionen destabilisieren die Ordnung und den Frieden in der EU. Parteien wie AfD und BSW nähern sich ideologisch dem Kreml und vertreten dessen Positionen, während das transatlantische Bündnis zersetzt wird.

„Europas Brandstifter“ bündelt die Russland-Recherchen des gemeinnützigen Medienhauses Correctiv aus den vergangengen zehn Jahren. Wir haben alte Stasi-Akten zu Putins frühen Jahren in Dresden ausgewertet, das Lobbynetzwerk um Gazprom mit seinen Verstrickungen bis tief in die deutsche Politik transparant gemacht und über Russlands Verrohung berichtet, über die Korruption im Justizsystem, über die Gewalterziehung in der Armee und die Kriegsverbrechen russischer Soldaten. Dieses Buch erzählt die Geschichte eines jahrzehntelangen Angriffs. Europa muss sich ihm endlich stellen. (Klappentext)

Rezension:
Spätestens seit den Überfall auf die Ukraine, aber Cyberattacken, die ganze Verwaltungen im Westen zeitweise lahmgelegt haben, ist klar, das Russland unter Putin versucht mit vielfältigen Möglichkeiten eine Lücke zu schließen, die nach Ansicht Putins seit dem Zerfall der Sowjetunion bestand. Sei es geopolitischer Natur, aber auch gegen Kritiker eines Systems, welches spätestens seit der Machtübernahme Putins ganz und gar auf dem ersten Mann im Kreml zugeschnitten wird, unterstützt von einer Gesellschaft, deren Verrohungen der Gewalt von Soldaten und brachialer Methoden der russischen Geheimdienste kennzeichnend sind.

Das journalistische Netzwerk Correctiv hat nun seine Reportagen der vergangenen Jahre aktualisiert und gebündelt, unter Federführung der Autoren Marcus Bensmann und David Schraven zusammengestellt. In „Europas Brandstifter – Putins Krieg gegen den Westen“ verfolgen sie die Spuren des KGB-Mann Putins von Dresden aus, bis in die höchsten Ebenen der russischen Politik und zeigen auf, wie Putin einerseits treue Gefolgsleute in Position gebracht und diese sich selbst lange Jahre danach erkenntlich zeigen, bis tief hinein in die deutsche Wirtschaft und Politik.

Wie funktioniert das Lobby-Netzwerk von politischen Entscheidungen im Kreml und der Geheimdienste bis hinein zu beinahe undurchsichtigen Firmengeflechten, die in Deutschland auch bis nach Beginn des Ukraine-Krieges abhängig machen sollen einerseits und gleichzeitig unsere demokratische Grundordnung destabilisieren? Durch Hackerattacken des FSB, bis hin zu Anschlägen auf missliebige Personen, die sich kritisch zeigen.

Correctiv schlüsselt auf, zeigt detailliert und genau diese Verstrickungen auf und zieht Linien von Putins Biografie bishin zu den brutalsten Auswirkungen im Ukraine-Krieg, der in Russland selbst nur Spezialoperation genannt werden darf, ohne auch die Mauern des Schweigens voller Erinnerungslücken zu verschweigen, auf die die Journalisten stoßen, wenn sie Personen zu bestimmten Lobby-Veranstaltungen, etwa in Sotchi, befragen oder dass sich Wehren von Politikern, die ihr Anteil an der Abhängigkeit von Moskau nicht gerne Schwarz auf Weiss sehen wollten. Dabei stellt sich mittendrin auch die Frage, wie umfassend oder für die Masse übersichtlich, kann Journalismus noch sein, wenn dies geschieht?

Die Autoren der Reportagen versuchen dies und schaffen es in einer Deutlichkeit ihr Anliegen an uns, und vor allem an die Politik mit klaren Worten zu formulieren. Das Russland-Bild, welches manche Entscheidungsträger hierzulande noch in sich tragen, ist gefährlich veraltet oder gar romantisiert, wenn auch einige wenige Stellschrauben seit Erscheinen des Buches nun anders gestellt wurden. Bündig klärt Correctiv hier die Fascette hinter dem auf, was gerade passiert und was Putin und seine Getreuen über Mittelsmänner und staatliche Organe versuchen zu erreichen.

Nichts weniger als die Zerstörung des Zusammenhalts der westlichen Gesellschaft und das Abhängigmachen zu Gunsten von Macht und Einfluss. Wer diese Verflechtungen verstehen möchte, ist daher mit der Lektüre bestens bedient, die einerseits dem Zeitstrahl der Biografie Putins und der russischen Aktivitäten folgt, andererseits Strategien, Gewalt und das politische System, sowie das Lobbynetzwerk im Einzelnen aufschlüsselt. Jede Thematik für sich würde ausreichen, ein eigenes Buch noch ausführlicher zu füllen. Das ist aber auch der einzige Kritikpunkt.

Autoren:
Marcus Bensmann wurde 1969 geboren und ist ein deutscher Journalist. Bekannt wurde er durch seine Augenzeugenberichte über die Unruhen in Usbekistan, 2005, wegen der er schließlich gezwungen wurde, das Land zu verlassen. Im Jahr 2014 untersuchte er die russische Urheberschaft des MH-17-Abschusses. Der Invesitigativjournalist arbeitete für verschiedene Zeitungen und Magazine und ist seit 2014 Mitglied des Recherchenetzwerks Collectiv. Dort recherchiert er zu Russland und zur AfD.

David Schraven wurde 1970 in Bottrop geboren und ist ein deutscher Journalist. Schon während des Studiums arbeitete er als freier Journalist für verschiedene Zeitungen und Magazine und war Mitgründer des Nachrichtenbüros Zentralasien/Kirgisien. 1996 wurde er Gründungsgeschäftsführer der taz-Redaktion Ruhr. Daneben arbeitete er mehrere Jahre als Dozent im Bereich Nachrichtenschreiben der Universität Essen. Nach verschiedenen Stationen leitet er seit 2014 das gemeinnützige Recherchebüro Correctiv und gründete2017 zusammen mit Corndt Schnibben die Online-Journalistenschule Reporterfabrik. Für seine Arbeit wurde er vielfach ausgezeichnet.

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Barbara Schennerlein: Aeroarctic

nhalt:
Sommer 1931. Das Luftschiff Graf Zeppelin steigt zu seiner aufsehenerregenden Forschungsfahrt über noch unentdeckte Polargebiete auf. Wie gelang es der Gesellschaft Aeroarctic, das Projekt zum Erfolg zu führen – trotz enormer politischer und wirtschaftlicher Hürden? Und was hat es mit dem Mythos auf sich, der nach der Expedition entstand?

Rezension:
Zwischen den beiden Weltkriegen eröffnete sich ein kurzes Zeitfenster, der vielzitierte Mantel der Geschichte, in dem Pioniergeist und Kooperation zwischen Ländern möglich war, die sich später spinnefeind werden sollten, noch aber ihre Rolle suchten. Dies galt vor allem für Deutschland auf der einen Seite, dem kaum ein anderer Spielraum als den der Wissenschaft blieb, um sich international wieder Bedeutung zu verleihen, als auch für die Sowjetunion, die nach Jahren des Bürgerkriegs ebenso in der großen Politik isoliert gewesen ist. Da kam dieses ambitionierte Projekt gerade Recht.

Mit einem Zeppelin wollten Wissenschaftler die Arktis erkundigen. Doch vorab galt es riesige wirtschaftliche und politische Hürden zu bewältigen. Die Ingenieurwissenschaftlerin Barbara Schennerlein berichtet in ihrem gut recherchierten Sachbuch von diesem einmaligen, sehr besonderen und heute fast vergessenen wissenschaftlichen Unternehmen.

LZ 127 Graf Zeppelin, dieser fabelhafte, silberne Fisch, der da ruhig im Ozean der Luft schwamm, diese Märchenerscheinung, die mit der silbrigen Himmelsbläue in eins zu verschmelzen schien.

Hugo Eckener

Die Faszination Eis ist heute immer noch etwas, in der große Pioniertaten möglich sind, doch galt dies im besonderen Maße zu einer Zeit, als die Flugtechnik am Anfang ihrer Entwicklung stand und noch immer große Teile der Landkarte schwer zugänglich waren oder noch gänzlich unbekannt. Detailliert beschreibt die Autorin, wie Männer aus unterschiedlichen Beweggründen zur Zusammenarbeit fanden und über nationale Grenzen, die heute noch starrer waren als damals, begannen ein Projekt von bis dato nicht bekannter Größenordnung zu formen, mit denen man neue Grundlagen für die Wissenschaft legen, andererseits aber auch die Tauglichkeit des Luftschiffs für die Polargebiete unter Beweis stellen wollte.

Doch, wie nachhaltig war dieses Projekt eigentlich, welche Fallstricke mussten Männer wie Walther Bruns oder Huho Eckener, zeitweise auch Fridtjof Nansen überwinden, ob politischer oder wissenschaftlicher Natur, was genau wollte man überhaupt erkunden, wo doch so viele offene Fragen vor allem einen engen finanziellen Spielraum gegenüber stehen sollten. Die Autorin zeigt auf Grundlage intensiver Recherchen das Werden eines internationalen Projektes, welches so erst Jahrzehnte später wieder möglich sein sollte. Dabei nutzt sie eine, teilweise erst durch sie, zusammengeführte Quellenlage, ergänzt durch vielseitiges Karten- und Bildmaterial, um uns in diese Zeit eintauchen zu lassen, die von Pioniergeist bestimmt gewesen ist.

Das liest sich fast filmisch, zu weilen wie ein dicht gepackter Krimi. Sehr detailliert beleuchtet Barbara Schennerlein das „Zeppelin-Arktis-Projekt“, und die Ergebnisse der daraus resultierenden Forschungen, die in Teilen noch später von der Fachwelt gewürdigt wurden und Basis für weitere wissenschaftliche Arbeiten bilden sollten. Sie zeigt aber auch den sehr steinigen Weg von Vorhaben dieser Größenordnung in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten und welche Auswirkungen das Mit- und Gegeneinander verschiedener Interessen hatte, sowie warum nur für einen kurzen aber bezeichnenden Moment der Geschichte der Zeppelin das Mittel der Wahl gewesen ist.

Zusammengefasst ergibt sich eine spannende wissenschaftliche, aber durchaus literarisch zu lesende Dokumentation, die man mit diesem Sachbuch in den Händen hält. Die Faszination Arktis und Begeisterung für die technische Pionierleistung, die hier beschrieben wird, schimmert in jeder einzelnen Zeile durch. Wer einen heute fast vergessenen Aspekt der Polarforschung, unter deutscher Federführung wohlgemerkt, erkunden möchte, ist diese Lektüre wohl zu empfehlen.

Instagram der Autorin: Hier klicken.

Autorin:
Barbara Schennerlein ist eine deutsche Integnieurwissenschaftlerin und Autorin. Sie forscht zur Geschichte der Erschließung der Polarregionen und war Mitglied einer kleinen Forschergruppe, die die seit Jahrzehnten verlassene Polarstation Buchta Tichaja zu neuem Leben erweckten. Bevor sie sich vollständig den Studien zur Polargeschichte widmete, arbeitete sie viele Jahre in der Software-Branche.

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Johann-Günther König: Anschluss verpasst!

Inhalt:
„Wir bitten um Entschuldigung.“

Diese Durchsage bekommen Bahnreisende heutzutage viel zu oft zu hören. Verspätungen und Zugausfälle prägen mittlerweile das Alltagsgeschäft. Zuverlässigkeit ist längst kein Qualitätsmerkmal der Deutschen Bahn mehr. Die Gründe dafür sind vielfältig. Bislang hat stets der Straßen- und Luftverkehr verkehrspolitische Vorfahrt genossen. Nun ist es aber allerhöchste Eisenbahn, dem klimaschonenden Schienenverkehr oberste Priorität einzuräumen.

Doch wie ist es überhaupt zu dem Niedergang gekommen? Sind die Weichen mit den Gleissanierungen richtig gestellt? Führt der verordnete Wettbewerb die Bahn wirklich in die Zukunft?

Johann-Günther König beleuchtet Zusammenhänge und Hintergründe des akuten Desasters und welche Potenziale in der Deutschen Bahn schlummern. (Klappentext)

Rezension:
Ob im Nah- oder Fernverkehr, immer öfter liegen die Nerven blank. Fahrgäste, die vergeblich auf Züge warten oder durch sich aufsummierende Verspätungen Termine verpassen, in Züge ein steigen, die ebenso lawede sind wie die Bahnhöfe, die sie verlassen, sich mit immer kostenspieligeren Bauexperimenten konfrontiert sehen oder mit Streiks, den die mittlerweile auch entnervten Angestellten gegen das Management führen, welches selbst kaum Herr über schier undurchsichtige Unternehemsverflechtungen zu sein scheint. Dabei ist die Bahn eigentlich das Verkehrsmittel der Stunde und scheint in anderen Ländern durchaus zu funktionieren, auch wenn es hier und da Herausforderungen zu meistern gibt.

Der Autor Johann-Günther König hat sich auf Spurensuche zwischen den Bahngleisen begeben. Dabei entstanden ist ein informatives und gut recherchiertes Sachbuch, welches die Krise der Deutschen Bahn beleuchtet und zeigt, warum Aufgeben keine Option ist.

Jenseits von Satire- und Aufregerbüchern liegt mit „Anschluss verpasst!“ ein faktenreiches Sachbuch vor, welches die Geschichte und die Anfänge dessen, was wir heute als Krise eines großen Mischkonzerns betrachten dürfen, beleuchtet, der nicht nur den Spagat zwischen Nah- und Fernverkehr immer mehr schlecht als recht zu leisten versucht, sondern auch im Auslands- oder Logistikgeschäft mit seinen zahlreichen Verflechtungen stets die falschen Weichen zu stellen scheint, wenn die denn einmal funktionieren.

Sehr analytisch beleuchtet der Autor die Auswirkungen vergangener Bahnreformen und zeigt auf, welche Anteile daran, Akteure wie die Europäische Union, die Aufeinanderreihung verschiedener Verkehrsminister und eine Konzernstruktur hat, die, selbst wenn man ernsthaft Probleme angehen wollte, keine wirkliche Lösung zulässt. In kompakt gehaltenen Kapiteln werden Aspekte wie Bauprojekte oder der Deutschlandtakt analysiert, und die Schwachstellen aufgezeigt, die nicht nur die Passagiere mittlerweile auf den Zahnfleisch gehen lassen.

Ohne Polemik werden Fakten und Selbstdarstellungen der Bahn so genau unter die Lupe genommen, dass Kapitel, die sich eigentlich bequem für eine Bahnfahrt eignen, langsam und konzentriert zu Gemüte geführt werden müssen, aber auch, welche Punkte umgesetzt werden müssten, um die Bahn wieder auf die richtige Spur zu bringen.

Kenntnisreich ohne überflüssige Worte zeigt Johann-Günther König die Vielschichtigkeit dessen auf, an welchen Ecken und Enden es an Willen, Geld und Weitsicht fehlt und bei wem genau die Verantwortlichkeiten zu suchen sind, denn inzwischen sind einfach zu viele Akteure daran beteiligt. Nicht immer ist dies einfach zu lesen, doch macht die Lektüre vieles von dem verständlicher, was da passiert. Und diesen Schritt mitzufahren, ist ja schon einmal ein Anfang.

Autor:
Johann-Günther König wurde 1952 in Bremen geboren und ist ein deutscher Schriftsteller und Publizist. Nach der Schule studierte er Sozialpädagogik und arbeitete in der Kinderkulturforschung, währenddessen zugleich seine ersten literarischen Arbeiten erschienenn. Nach seiner Promotion wirkte er dann als Vertriebsmanagaer und Geschäftsführer für Unternehmen der Telekommunikation und Elektronik. Seit 1975 veröffentlicht er Prosa, Gedichte, literarische Reiseführer und Sachbücher, schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine.

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Michael Sommer: Mordsache Caesar

Inhalt:
Rom hält den Atem an: Während der Senatssitzung am 15. März 44 v. Chr. ist Gaius Julius Caesar unter den Dolchen der Verschwörer gefallen – tödlich verwundet durch mindestens 23 Stiche. Wie konnte es so weit kommen? Wer waren die Täter? Welche Motive trieben sie an? Als historischer Ermittler untersucht Michael Sommer den berühmtesten Mordfall der Weltgeschichte und präsentiert seine Ergebnisse – eine packende Geschichte, die sich wie ein Kriminalroman auf den unvermeidlichen Höhepunkt hin zuspitzt. (Klappentext)

Rezension:
Noch immer vermag das alte antike Rom zu faszinieren. Von Anbeginn seiner Gründungslegende über das Königstum hinaus, bis zu dessen Sturz, dem nachfolgend der Bildung der Republik und des Kaisertums, ranken sich zahlreiche Geschichten um die Menschen, die die Geschicke dessen bestimmten, was später einmal das Römische Reich genannt werden sollte.

Einem Wendepunkt in dessen Geschichte nimmt sich nun der Althistoriker Michael Sommer an und erzählt, wie einige Männer aus verschiedenen Gründen versuchten, die letzten Reste der Republik durch einen Mord versuchten zu retten. Was waren ihre Gründe? Wie planten sie? Welche Ziele hatten die Verschwörer gegen denen, der sich zuvor zum Diktator auf Lebenszeit ausrufen lassen hatte? Gaius Julius Caesar.

Der Verlauf des Ereignisses ist von seinem Höhepunkt her bekannt. Auch der berühmte Ausspruch, den man Caesar mitsamt seiner letzten Atemzüge bis heute in den Mund legt, sind längst geflügelte Worte, doch wie kam es eigentlich zu diesem Komplott, welches die unterschiedlichsten Männer zusammenbrachte und in einem Ziel vereinte? Was folgte daraus?

Der Autor spinnt den Boden und erzählt kurzweilig von einem der spannendsten Momente der antiken Geschichte. Von der Gründungslegende an, werden die Biografien der einzelnen Verschwörer durchleuchtet. Wer hatte welche Gründe? Wo waren Wendepunkte`Wer wurde wann und wie, warum in den Kreis der Verschwörer mit welcher Rolle einbezogen?

Michael Sommer zeigt detailliert ein sehr differenziertes Bild aus politischen wie moralischen Beweggründen, die die Täter leiteten, die dennoch ihre Position und Befähigung, überhaupt erst in diese Rolle zu kommen, dem Diktator selbst verdankten. Der Autor legt aber auch dar, weshalb sich ein Julius Caesar als Produkt seiner Zeit überhaupt etablieren konnte und weshalb zwar der Tyrann am Ende beseitigt gewesen ist, aber dennoch die vorherhigen Verhältnisse nicht wieder hergestellt werden konnten.

Eine intensive Auseinandersetzung mit der historischen Quellenlage, die kritisch betrachtet werden muss, stammt doch das Wenige, was wir wissen, von den Verschwören selbst oder von Personen, die nicht unmittelbar am Geschehen beteiligt waren, ist Grundlage der Recherchen, welches das Gerüst für dieses hochspannend zu lesende Sachbuch bilden, welches dem Anspruch gerecht wird, sowohl Laien einen Überblick und Zugang zum historischen Ereignis zu bieten, als auch neueste Erkenntnisse historisch gerecht einzuordnen.

Jedes Kapitel, welches nochmal mehrfach untergliedert ist, widmet sich einem der Verschwörer. Überschneidungen sind da zwangsläufig gegeben, welche ein konzentriertes Beschäftigen und Innehalten verlangen, zudem die Namensähnlichkeiten der Personen zueinander eine Herausforderung darstellen können.

Aufgelockert durch wenige Abbildungen, etwa historischer Münzen und einer Karte im Innenteil, welche das Römische Reich in seiner Ausdehnung zurzeit Julius Caesars zeigt, kann man die Lektüre nur mit Gewinn lesen, zudem die Überlegungen des Historikers nachvollziehen, der diese abgesetzt vom eigentlichen Text immer wieder einstreut.

Auch die Nachbetrachtung wird nicht vergessen. So gelingt eine Einordnung im geschichtlichen Verlauf. Was folgte auf Caesars Ermordung? Haben die Verschwörer ihre Ziele erreicht? Wer waren die tatsächlichen Sieger? Sie selbst oder gar am Ende lachende Dritte? Auch das wird erzählt, wenn auch Michael Sommer seinen Fokus nicht verliert. Und man selbst eintauchend in die Geschichte diese Tage und Wochen, die dem vorausgegangen sind, nachfühlen kann. Auch dafür braucht es solche Bücher, die Geschichte gleichsam wie einen Krimi erzählen können.

Das ist hier wunderbar gelungen.

Autor:
Michael Sommer wurde 1970 in Bremen geboren und ist ein deutscher Althistoriker. Er studierte zunächst u. a. Geschichte, Klassische Philologie, Alte Geschichte und Politikwissenschaft in Freiburg am Breisgau, bevor er im dortiken Orientalischen Seminar Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter wurde.

Nach Stationen in Oxford, habilitierte er und war in Liverpool als auch in Freiburg tätig, bevor er eine Professur für alte Geschichte in Oldenburg annahm. Seine Themen sind u. a. die Wirtschafts- und Sozialgeschichte der römischen Kaiserzeit, sowie die verschiedenen antiken Kulturen. Neben Gastbeiträgen im Magazin Cicero veröffentlicht Sommer in verschiedenen Fachzeitschriften, sowie in mehreren Büchern zur antiken Geschichte.

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Kurt Fricke/Christoph Werner: Michel de Montaigne – Philosoph der Lebenskunst

Inhalt:
Der Franzose Michel Eyquem de Montaigne (1533-1592) wirkte viele Jahre als Jurist und Politiker (u. a. als Bürgermeister in Bodeaux), bevor er sich auf sein Anwesen im Perigord zurückzog. Hier schrieb er seine „Essais“ (dt. Versuche) nieder und begründete damit ein neues Literaturgenre, die Essayistik. In seinem Hauptwerk (1572-1592) widmete er sich dem Menschen in all seinen Facetten. Als Grundlage diente ihm das eigene Ich, das er für die damalige Zeit überaus offen behandelte.

So beschrieb er azuch seine körperlichen Gebrechen oder Probleme beim Geschlehctsverkehr. Obwohl nicht als philosophisches Werk angelegt, sind die „Essais“ gespickt mit Aussagen philosophischen Inhalts, die bis heute eine überraschende Originalität und Aktualität bewahrt haben. Die Autoren haben die Gedankengänge Montaignes nach philosophischen Fragestellungen geordnet und stellen sie mit biografischen Informationen vor. (Klappentext)

Rezension:
Eigentlich kein Philosoph, war Michel de Montaigne Beamter und Politiker im Dienste des Königs von Frankreich, doch befähigte seine finanzielle Unabhängigkeit und nicht zuletzt seine Bildung ihn, sich über grundsätzliche gesellschaftliche Fragen Gedanken zu machen und sie zu seinem eigenen Leben in Bezug zu setzen. Für die damalige Zeit recht fortschrittlich, war er dabei an manchen Stellen dem Denken Immanuel Kants, welcher 200 Jahre später lebte, als denen der Gesellschaft, in der er lebte. Der Historiker Kurt Fricke und der Germanistiker Christoph Werner haben sich den niedergeschriebenen „Essais“ Montaignes angenommen. Herausgekommen dabei ist eine bemerkenswerte Übersicht.

Wie in den anderen Heften der Reihe „Philosophie für untwergs“, die mittlerweile mehr als zwanzig Hefte umfasst, hat man sich hier zunächst mit der Biografie der dargestellten Persönlichkeit befasst, die, gelinde gesagt beeindruckend ist. Aus einer sichtlich priviligierten Position heraus, seiner gesellschaftlichen Stellung folgend, machte Montaigne sich durchaus ganzheitlich fortschrittliche Gedanken, ohne jedoch die Staatsform etwa, von und in der er lebte, grundsätzlich in Frage zu stellen. Dennoch war dies der Kirche nicht geheuer, so dass seine Schriften nach seinem Tod zunächst auf den Index gestellt und erst Jahrzehnte später wieder freigegeben wurden. Bis dahin hatte sich jedoch das gesellschaftliche Denken so gewandelt, dass man die von ihm dargestellten Punkte nicht mehr ignorieren konnte.

Kurzweilig und konzentriert stellen die Autoren den Lebensweg Montaignes dar, bevor sie auf die einzelnen Punkte seiner Schriften eingehen. In Bezug zu seiner eigenen Biografie stellt er Erkenntnistheorie, Ethik und Religion auf den Prüfstand, nicht zuletzt auch Politik und Gesellschaft und zeigt, für diese Zeit nicht selbstverständlich, ziemlich fortschrittliche Ansichten, die sich teilweise auch ins Heute übertragen lassen. Damit nimmt er, so erläutern dies Fricke und Werner eine Position innerhalb der Aufreihung von Philosophen ein, die ihn, obwohl er sich dort nicht hauptsächlich einordnen lässt, die ihn gleichberechtigt zu Kant, Platon und anderen erscheinen lässt, die ebenfalls Bestandteil dieser Reihe sind. Gleichzeitig wird so der Blickwinkel der Philosophie und deren Übersetzung auch in den, damaligen, praktischen Alltag veranschaulicht.

Zwischen den Heften der „Philosophie für unterwegs“, ist dieses aufgrund derer beschriebenen Person ein herausragendes, welches auch gelesen werden kann, wenn man ansonsten nur wenig Zugang zur Philosophie hat.

Autoren:
Kurt Fricke wurde 1967 in Halle/Salle geboren und ist ein deutscher Historiker, Verlagslektor und Autor. Nach Schlosserlehre und Militärdienst studierte er zunächst Geschichte und Philosophie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, bevor er als freiberuflicher Historiker tätig war. Nach seiner Promotion begann er im Lektorat beim Mitteldeutschen Verlag und verfasste verschiedene Veröffentlichungen zur deutschen Zeitgeschichte. Im Jahr 2010 erschien sein erstes Prosa-Debüt.

Christoph Werner wurde 1939 in Halle/Saale geboren und ist ein deutscher Schriftsteller, Literaturwissenschaftler, Sprachlehrer und Übersetzer. Zunächst studierte er Anglistik und Germanistik und war im Anschluss Lehrer an einer Oberschule und im Hochschuldienst tätig. Seine sprachwissenschaftliche Tätigkeit schlug sich in mehreren Veröffentlichtungen zur englischen Fachsprache der Verfahrenstechnik wieder. Naxch seiner Promotion arbeitete er als selbstständiger Übersetzer und Sprachlehrer und siedelte 1989 in die Bundesrepublik Deutschland über. Bis 2002 war er wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Angewandte Sprachwissenschaft der Universität Hildesheim tätig. In diese Zeit fiel die Veröffentlung seines ersten Werkes, zudem schrieb er zahlreiche Geschichten für eine literarische Zeitschrift des Wissenschaftlichen Verlages Trier.

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Karl Kraus: Die Sprache – Der Eros der Logik

Inhalt:
Für Kraus ist die Sprache nicht bloß Kommunikationsmittel für beliebige Zwecke, sondern vielmehr ein wahrhaftiger Ausdruck des Denkens, der sich in Form und Inhalt vereinigt. Daher kämpft er in seier Kritik insbesondere gegen die „Verlotterung“ der Sprache an, worunter er die Korruption, die Unwahrhaftigkeit im Denken und die Verfallserscheinungen in Kultur und Gesellschaft insgesamt versteht. (Klappentext)

Rezension:
Die kleinste Unstimmigkeit, die scheinbar eine höchst lokal und zeitlich begrenzte Bedeutung hat, offenbart die großen Übel der Epoche und der Welt. Davon war der österreichische Kultur- und Sprachkritiker, der Publizist Karl Kraus überzeugt, der die Sprache für einen der wichtigsten Indikatoren für die Missstände auf der Welt hielt. Im nachlässigen Umgang mit ihr sah er den nachlässigen Umgang seiner Zeitgenossen mit allen Fragestellungen und Herausforderungen. Regelmäßig schrieb er gegen den Missbrauch der Sprache in seiner von ihm selbst gegründeten Zeitung „Die Fakel“ an. Einige der Aufsätze und Essays, die später auch in Buchform erscheinen sollten, sind hier nun neu auferlegt und versammelt.

Akribisch verfolgte Sprachanalythik mit derer er die sprachliche Inhumanität von Presse und Journalistik aufdecken wollte, gewürzt mit einer gewaltigen Portion Spott und Skepsis, auch gegenüber den eigenen Betrachtungen zeichnen seine Texte aus und geben uns heute einen Überblick über den damaligen Sprachgebrauch und eine besondere Sicht auf so manchen auch schon zu Kraus‘ lebzeiten hochgelobten Schriftsteller. Für ihn war die Presse Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges und für die Kriegsbegeisterung, Schreibtischtäter als Kriegshetzer, denen er die Finger in die Wunden legt.

Dabei spielt er mit Gegensätzen, Formulierungen, argumentiert so lange, bis man lesend innehalten muss, Passagen erneut lesen. Leichte Kost sind Kraus‘ Texte nicht, waren sie nie. Um so ausführlicher sie sind, um so länger hat man daran zu kauen, beginnt selbst mit Sprache zu spielen. Für ihn galt der Wert der Worte. Das wirkt missionarisch. Der erhobene Zeigefinger des Autoren schwingt überall mit. Aus den Texten allein erschließt sich dessen kritischer Blick auf die Welt. Nie kommt da der Eindruck auf, einen einfachen Menschen vor sich zu haben. Dennoch blitzt hier und da eine Prise Humor durch. Man merkt die Freude am Spiel mit der Sprache, eines Karl Kraus, der sich damit nicht wenige Feinde gemacht haben dürfte, der sich nie einordnen ließ.

Wenn wir etwas von dieser Unbeugsamkeit und dem Sprachwitz mitnehmen können, auch eine gehörige Portion Gesellschaftskritik, die sich durchaus ins Heute übertragen lässt, ist schon viel gewonnen.

Autor:
Karl Kraus wurde 1874 geboren und studierte zunächst Jura, wechselte aber wenig später zu Philosophie und Germanistik. Er war ein österreichischer Schriftsteller, Publizist, Satiriker, förderte junge Autoren und war Sprach-, Kultur und Medienkritiker zugleich. Zu seinen wichtigsten Werken gehört sein Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ (1918), sowie seine Zeitschrift „Die Fackel“, welche 1899 gegründet wurde und bis 1936 erschien. Er starb 1936 in Wien.

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Vera Politkowskaja: Meine Mutter hätte es Krieg genannt

Inhalt:
Am 7. Oktober 2006 wird die Journalistin Anna Politkowskaja vor ihrer Wohnung in Moskau ermordet. Es ist das tragische Ende einer jahrzehntelangen Verfolgung durch den russischen Staatsapparat. Auf einen Schlag wird Anna Politkowskaja zur weltweiten Symbolfigur für den Kampf um Gerechtigkeit und Meinungsfreiheit. Bis heute gilt sie als eine der wichtigsten Kritikerinnen von Putins Russland. In diesem Buch erzählt ihre Tochter erstmals die ganze Geschichte ihrer Mutter: persönlich, bewegend und erschreckend aktuell. (Klappentext)

Rezension:

Meine Mutter war nie bequem. Weder für die russischen Behörden noch für den Durchschnittsbürger, der in einer Zeitung blättert und die Artikel liest.

Vera Politkowskaja: Meine Mutter hätte es Krieg genannt

Immer war sie Überbringerin schlechter Nachrichten, die Journalistin, die über die Wahrheit schrieb, über Soldaten, Banditen und gewöhnliche Menschen, die im Fleischwolf des Krieges gelandet waren. Sie sprach von Schmerz, Tod, zerfetzten Körpern und ahnte früh, dass sie dafür womöglich einen hohen Preis bezahlen müssen würde. Zwei Jahre nach einem Mordanschlag während eines Fluges nach Beslan wurde Anna Politkowskaja vor ihrer Wohnung schließlich ermordet. Genau an dem Geburtstag des Mannes, dessen schärfste Kritikerin sie war. Wladimir Putin.

Jahre nach den Mord, der aus westlicher Sicht bis heute nicht als vollständig aufgeklärt gilt, ist die Journalistin, die wie keine andere für den Kampf umd Wahrheit und Meinungsfreiheit in ihrem Heimatland vergessen, doch ihr Schaffen wirkt nach im Leben ihrer Kinder, deren Abstammung erneut zum Lebensrisiko wird, als Russland einen neuen Krieg vom Zaun bricht. Kurz nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs, der in Russland nur „Spezialoperation“ genannt werden darf, sieht sich die Tochter der Journalistin gezwungen, mit ihrer Tochter außer Landes zu fliehen und beginnt zu erzählen. Vom Leben ihrer Mutter, journalistischer Größe und dem Verschwinden der Freiheit schreibt die Autorin und setzt damit Anna Politkowskaja ein Denkmal.

Die Menschen, über die in ihren Artikeln sprach, waren nicht bloß „Quellen“, flüchtige Kontakte, die ihr lediglich dazu dienten, die für ihre Arbeit notwendigen Aussagen zu sammeln. Sie nahm Anteil an ihrem Schmerz, ihrem Unglück.

Vera Politkowskaja: Meine Mutter hätte es Krieg genannt

Beginnen tut sie in der Gegenwart und spannt dabei den Bogen zur Geschichte ihrer Familie, die immer wieder aufgegriffen wird und verrät, wie Anna Politkowskaja zu den Menschen wurde, den wir kennen und lässt zudem hinter die Fassade blicken. An Kritik sparen tut sie dabei nicht, an ihrer Mutter, die die Gefahren, die eine Arbeit wie diese, in einem zunehmend autoritärer werdenden Staat mit sich bringt, durchaus richtig einschätzen konnte und dennoch bis zur physischen Erschöpfung sich Themen und Protagonisten ihrer Texte zu eigen machte, als auch an sie als Privatmensch, der nie ein einfacher gewesen ist.

Aber auch und natürlich das System, innerhalb dessen sie Journalismus in Reinform betrieb wird nicht ausgespart. Wie gestaltete sich journalistische Arbeit gegen den Strom, gegen politischen Druck, in einem Land, welches einer zunehmend gleichgeschalteten Medienlandschaft erlag? Auch dieser Frage geht Vera Politkowskaja nach, immer nach der Suche nach dem Antrieb ihrer Mutter und einer Erklärung für etwas, was nicht zu erklären ist.

Die Mehrzahl der Kollegen hatte […] eine ziemlich distanzierte, wenn nicht sogar offen kritische Haltung meiner Mutter und ihrer Arbeit gegenüber. Auch wenn sie sich nach ihrem Tod zu Lobeshymnen aufschwangen und ihre Verbundenheit beteuerten.

Vera Politkowskaja: Meine Mutter hätte es Krieg genannt

Auch wenn dies unpassend klingen mag, diese Lebensgeschichte, im Kontext des gesellschaftlichen und politischen Geschehens im Russland Politkowskajas liest sich ungemein spannend. Die Journalistin, der es immer darum ging, die Wahrheit zu beschreiben, den Menschen eine Stimme zu geben, und den Hintergründen nachzuspüren, bekommt hier klare Konturen. Eindrucksvoll werden hier die Differenzen zwischen der Privatperson und der Politkowskaja dargestellt, die die Welt kannte, aber auch, wie Journalismus unter den Druck von Extrembedingungen funktionierte. In klaren Sätzen zeigt sich der Versuch, der als gelungen zu bezeichnen ist, einem Leben nachzufühlen und zugleich, Parallelen zu sich selbst zu ziehen. Gleichwohl die Autorin einen ganz anderen Weg eingeschlagen hat.

Wie viel Druck verträgt ein Mensch? Welchen Preis verlangt die Wahrheit? Fragen, die zwischen den Zeilen gestellt werden. Andere dagegen bleiben komplett unbeantwortet. In Russland ist der Journalismus, wie ihn Anna Politkowskaja betrieben hat, die diese beantwortet hätte können, mit ihr gestorben. Mit ihren Texten und diesem Buch aber bleibt zumindest hier ihr Denkmal gewart.

Autorin:
Vera Politkowskaja wurde 1980 in Moskau geboren und ist die Tochter der weltbekannten Journalistin Anna Politkowskaja. Nach Aubruch des Ukraine-Krieges floh sie zusammen mit ihrer Tochter an einem sicheren Ort.

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Kocku von Stuckrad: Nach der Ausbeutung

Inhalt:
Es ist heute kein Geheimnis mehr, dass sich die Erde in einem gewaltigen Transformationsprozess befindet. Die globale Klimakatastrophe hat einen Punkt erreicht, an dem die Lebensfähigkeit vieler Ökosysteme und Arten, auch das Überleben des Menschen, auf dem Spiel stehen. Zunehmen setzt sich die Erkenntnis durch, dass es eine radikale Veränderung im Verhältnis zwischen dem Menschen und der nichtmenschlichen Welt geben muss, wenn wir eine lebendige Zukunft des Planeten sicherstellen möchten.

Wie können wir unser Wissen über die Welt erweitern und so gestalten, dass es die Verletzlichkeit des Lebens respektiert und den Menschen als Teil einer planetarischen Lebensgemeinschaft begreift? Welche Konsequenzen hat ein solcher Ansatz für Wissenschaft, Gesellschaft und Politik? Das sind die Fragen, denen Kocku von Stuckrad in seinem neuen Buch nachgeht. (Klappentext)

Rezension:
Wissenschaft neu denken, in Bezug mit Kultur und Natur zu setzen und damit die Trennung von Geist und Materie aufzubrechen. Dies ist der Ansatz, den der Religionswissenschaftler Kocku von Stuckrad verfolgt, um den Menschen in ein komplexes Beziehungsgeflecht mit der nichtmenschlichen Welt in Verbindung zu bringen und so den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen. Diese Wende,, die er „Mitweltethik“ nennt, soll konkrete Zukunftsperspektiven bieten und die Ausbeutungsregime von Patriarchat, Kapitalismus und Kolonialismus überwinden. Das übergreifende Denkmodell beschreibt er nun in seinem neuen Sachbuch „Nach der Ausbeutung“, welches den Spagat wagt, zwischen Philosophie, Religion und den traditionellen Naturwissenschaften.

Der Ansatz dabei, wie wir Menschen an den Punkt gekommen sind, die Erde kurz vor einem Kollaps und damit selbst einen Fuß bereits im Abgrund stehen zu haben, ist nachvollziehbar. Säulenartig werden die Zustände, die er als Ausbeutungsregime zu benennen weiß, erläutert und zueinander in Bezug gesetzt, bevor der Autor dazu übergeht, zu erklären, wie Wissenschaft abweichend von traditionellen Pfaden bereits in Ansätzen neu gedacht wird, um sie zu überwinden. Die Erkenntnis, interdisziplinär arbeiten zu müssen und dabei auch ungewöhnliche Wege zu verfolgen, ist nicht neu, auch Naturobjekten eine Stimme zu verleihen, mit Hilfe von Kunst und Kultur, ist etwas, was man bereits in einigen Regionen der Welt verfolgt, doch geht von Stuckrad noch viel weiter.

Hier beginnt jedoch eine Problematik, die der Autor sich zwar wünscht aufzubrechen, aber von der alle Lesenden wissen, wie unrealistisch das ist. Wirtschafts- und politische Systeme werden sich nicht so ohne Weiteres umwandeln lassen, auch sind wir Menschen heute um einiges rationaler gestrickt, als es notwendig wäre, um sich auf dieses von ihm verfolgte Denkmodell einzulassen. Eine spannende philosophische Überlegung gleitet damit so weit ins Spiritistische ab, dass es schwer fällt, die ernstzunehmenden Punkte noch von den esoterischen zu trennen. Das tut im Übrigen auch dem Lesefluss nicht gut.

Ein komplexes Modell, welches in Ansätzen sich zwar verfolgen, ganzheitlich aber nicht umsetzen lassen wird, derart zu vertiefen, ist kaum nachzuvollziehen, zudem heute der Komplexität geschuldet, immer mehr fachübergreifende wissenschaftliche Projekte gibt, die im Maße ihrer Möglichkeiten genau das machen, was der Autor sich vorstellt, soweit es nicht ins quasi Religiöse abgleitet. In diesem Sachbuch fehlt mir die rationale Komponente zu sehr, so dass sich einige Fragen und damit Lücken ergeben, die einfach bestehen bleiben. Das mag der Profession von Stuckrads entsprechen, verfehlt aber das Ziel, die Lesenden voll und ganz mitzunehmen.

Autor:
Kocku von Stuckrad wurde 1966 in Kpandu/Ghana geboren und ist ein deutscher Religionswissenschaftler. Er studierte zunächst vergleichende Religionswissenschaft, Philosophie und Judaistik in Bonn und Köln, und promovierte sowie habilitierte anschließend an der Universität Bremen. 2002 folgte eine Gastprofessur an der Universität Bayreuth, anschließend war er in Groningen tätig. Er ist Mitglied der Tierschutzpartei und Beisitzer in derer Berliner Landesverband.

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Carlo Masala: Wenn Russland gewinnt – Ein Szenario

Inhalt:

März 2028: Russische Truppen erobern die estnische Kleinstadt Narwa und die Insel Hiiumaa in der Ostsee. Der Angriff auf das Baltikum hat begonnen. Jetzt rächt sich, dass Europa nach dem Ende des Krieges in der Ukraine nicht aufgerüstet hat und wichtige Fähigkeiten fehlen. Gilt Artikel 5 der NATO? Wie wird sich die Allianz entscheiden? Riskiert sie den atomkrieg?

Wir haben uns daran gewöhnt, dass am Ende alles gut ausgeht. Aber was, wenn nicht? Was, wenn Russland gewinnt? Es ist nur ein hypothetisches Zukunftsszenario, das der renommierte Politikwissenschaftler und Militärexperte Carlo Masala in seinem neuen Buch entwirft – aber es zeigt auf besonders drastische Weise, was heute auf dem Spiel steht. (Klappentext)

Rezension:

Als die Ukraine am Boden liegend einen Waffenstillstand schließen muss, der einer Kapitulation gleichkommt, gibt der russische Präsident Putin überraschend sein Amt ab und lässt eine neue jüngere Generation an die Schalthebel der Macht. Der Neue im Kreml ist im kriegsmüden Westen ein unbeschriebenes Blatt, doch in den Morgenstunden des März 2028 besetzen russische Truppen eine kleine Estland vorgelagerte Insel und eine Kleinstadt mit mehrheitlich russischsprachiger Bevölkerung, gleichzeitig mehren sich in Europa Sabotageakte.

Doch, was will Russland, welches sich zunächst nicht weiterbewegt wirklich und wie soll man darauf reagieren? Estland und die anderen baltischen Staaten fordern die Auslösung von Art. 5, den Bündnisfall des militärischen Beistandsvertrages. Nicht alle Mitglieder der NATO aber wollen das Risiko eines Krieges, möglicherweise mit Atomwaffen eingehen. Wie viel aber ist dann das Bündnis wert und was wären die Folgen?

Szenarien, Planspiele sind seit jeher Bestandteile militärischen Denkens. Einen Schritt voraus zu sein, sich auf alle Möglichkeiten und Eventualitäten vorzubereiten, um dann im Ernstfall folgerichtig reagieren zu können, ist notwendiger den je geworden. In Cyber-Kriegen werden Trollarmeen ins Feld geführt, um ganze Gesellschaften und Systeme zu destabilisieren.

Mit ihrem Auftreten stellen einige Staaten die gegenwärtige Weltordnung in Frage. Der Politikwissenschaftler und Militärexperte Carlo Masala zeigt an einer dieser Gedankenspiralen, wie viel davon abhängt, wie wir auf etwaige Bedrohungslagen reagieren und wählt einen der nächsten realistischen Ausgangspunkte. Der Angriff auf das Territorium der baltischen Staaten ist so weit weg nicht. Schon heute wird an deren Grenzen massiv aufgerüstet, während auf der anderen Seite der Zäune Russland Militärübungen abhält und sich regelmäßig versucht, in innerpolitsche Belange der Länder einzumischen, die es zu seiner Einflussspähre zählt.

Der Autor zeigt dabei in sehr komprimierter Form die politische Schrittfolge und verdeutlicht die Klaviatur, auf der Russland mit den Ängsten der Europäer zu spielen vermag, aber auch, was es bedeutet, wenn Europa nicht geeint und geschlossen handelt und vor allem, weiter es versäumt, Lücken zu schließen, die entstehen, sollte Amerika sich entgültig aus dem gemeinsamen Militärbündnis verabschieden.

In einzelnen Kapiteln verfolgen wir an unterschiedlichen Schauplätzen, die im zeitlichen Verlauf in dichter Abfolge wechseln. Klare Sätze verdeutlichen die Brisanz der Thematik, ohne die verschiedenen Perspektiven nachzuvollziehen- Am Ende ist klar, es gibt viele Verlierer, einenen scheinbaren Gewinner und einen lachenden Dritten. Und das sind weder Russland, die USA noch Europa.

Ein strategisches Planspiel, in welchem alle Akteure mit den Muskeln spielen, um das Beste für sich herauszuholen ohne das Schlimmste eintreten zu lassen, liegt hier vor und liest sich beinahe wie ein Politthriller. Nur, dass alles tatsächlich so geschehen könnte, wenn wir nicht aufpassen, ist eben das, weshalb es so wichtig ist, solche und andere Szenarien zu durchdenken und entsprechend Lehren daraus zu ziehen. Carlo Masala versucht, hier vereinfacht aber deutlich aufzuzeigen, dass sich die NATO und ihre Partner nicht länger herausreden können, wenn es um das Verteidigen unserer Freiheiten geht, auch wenn es uns nicht immer direkt betrifft.

Man möge dieses Buch sämtlichen beschwichtigenden Politikern um die Ohren hauen.

Autor:

Carlo Masala wurde 1968 geboren und ist Professor für Internationale Politk an der Universität der Bundeswehr in München und Kommentator für deutsche und ausländische Medien. Er gilt als Experte für bewaffnete Konflikte.

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