Rezension

Timothee de Fombelle: Tobie Lolness II – Die Augen von Elisha

Tobie Lolness II - Die Augen von Elisha Book Cover
Tobie Lolness II – Die Augen von Elisha Timothee de Fombelle Gerstenberg Erschienen am: 01.11.2010 Seiten: 441 ISBN: 978-3-8369-5204-0 Übersetzer: Tobias Scheffel/Sabine Grebing

Handlung:

Seine Eltern leben noch! Nach zwei Jahren Exil im Grasland bringt die Nachricht Tobie dazu, auf die große Eiche zurückzukehren. Doch welch ein schrecklicher Anblick bietet sich ihm dort: Weite Teile des Baums sind abgestorben, die Bewohner leben in Angst und Schrecken – und sein Erzfeind Leo Blue will Tobies große Liebe Elisha zur Heirat zwingen. (Klappentext)

Reihenfolge der Bücher:

Timothee de Fombelle: Tobi Lolness I – Ein Leben in der Schwebe

Timothee de Fombelle: Tobi Lolness II – Die Augen der Elisha

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Rezension:

Der zweite Band einer Reihe entpuppt sich oft als der schwächere in einer Reihe. Sei es, weil die Übergänge ins Finale sich einfach hinziehen wie Baumharz oder das Pulver, was in Band 1 verschossen wurde, hier einfach an Wirkung verliert und man sich diese lieber für die Finalrunde aufspart.

Was aber, wenn die Reiehe tatsächlich nur aus zwei Bänden besteht und der erste von beiden einfach nur genial ist? Dann geht das entweder schief, wie bei Glukhovskys „Metro 2034“ oder wirkt phänomenal wie bei Tiomothee de Fombelle, der es geschafft hat, mit „Die Augen von Elisha“ einen würdigen Nachfolger zu veröffentlichen. Und auch hier gehe ich dieses Mal, weil sich das lohnt, zu allererst auf das Cover ein.

Cover von Taschenbüchern werden entweder sträflich vernachlässigt, manchen Grafiker würde man am liebsten in die Kunstschule stecken, damit diese sich bessern oder sie produzieren Hingucker, wie es Francois Place auch hier gelungen ist.

Dieses Mal liegt der Handlungsort, die Äste des Baumes, unter einer dicken Schneeschicht begraben. Die Kälte und Dunkelheit, die die Geschichte im Gegensatz zum Vorgänger prägen, ist deutlich zu spüren. Der Titelschirftzug ist in den Herbsttönen absterbender Blätter gehalten, wie auch der Baum langsam stirbt unter den Machenschaften von Tobies Erzfeinden Leo Blues Jo Mitch’s.

Diese haben die Macht in der fragilien Gesellschaft des Baumes unter sich aufgeteilt und eine Sklaven-Diktatur des Schreckens geschaffen. Widersacher, wie Tobies Eltern, werden gefangen gehalten und zur Zwangsarbeit eingesetzt, auf alle anderen wird eine gnadenlose Hetzjagd betrieben, nicht zuletzt nach Tobie selbst.

Timothee de Fombelle zeigt auch hier wieder, wie wichtig Zusammenhalt, Toleranz und Akzeptanz ist, ein Kinderbuch gegen Hass, Feindschaft und Rassismus und für eine vielfältige Zukunft, wie sie heute von allzu vielen verteufelt wird. Das Buch wurde freilich zu einem Zeitpunkt geschrieben als Rechtsradikalismus und Intoleranz noch nicht die alltäglichen Schlagzeilen bestimmten. Man mag daher de Fombelle entweder eine besondere Weitsicht auf zukünftige Ereignisse zugestehen oder zumindest den Appell, es nicht so weit kommen zu lassen. Zumindest mit letzteren ist er heute vielleicht als gescheitert zu betrachten, wenn er diese Absicht denn gehabt hat aber er zeigt auch, dass Diktaturen, ob staatliche oder die der Meinungen, nicht lange überleben und immer ein Enmde finden, was mehr als tröstlich ist.

Insgesamt ist dies ein wunderbarer Roman für Kinder und angehende Jugendliche, der seine Leser ernst nimmt und sowohl von Klein als auch von Groß gelesen werden kann. Die älteren Leser werden die vielen Parallelen zum Heute bemerken, für jüngere ist es einfach ein spannungsgeladener lehrreicher Roman über Macht, Diktatur und krimineller Energie aber auch über Umweltschutz, Toleranz und akzeptanz, den Kampf um Gerechtigkeit und um das, was richtig ist. Ohne den Zeigefinger zu erheben. Timothee de Fombelle hat dies, wieder einmal, hinbekommen ohne ins Schlingern zu geraten. Die insgesamt kurzen Kapitel, reich illustriert, lesen sich flüssig und sind gespickt mit Cliffhangern, die dem Lesen mehr als zuträglich sind. Gern möchte man, dass Tobies Welt wirklich existiert. So weit von unserer eigenen ist sie ja nicht entfernt.

Autor:

Timothee de Fombelle wurde 1973 in Paris geboren und ist ein französischer Schriftsteller und Dramatiker. Mit 17 Jahren gründete de Fombelle eine Theatergruppe, für die er selbst Stücke schrieb und inszenierte. Für eines dieser Stücke erhielt er in Zusammenarbeit mit dem Schauspieler Clement Sibony den Prix du Souffleur (2002) und wurde als Theaterautor bekannt. Heue ist er einer der bekanntesten franzöischen Schriftsteller.

Sein Jugendbuch „Tobie Lolness“ wurde in 26 Sprachen übersetzt und u.a. mit den meisten französischen Jugendliteraturpreisen sowie den italienischen Andersen-Preis ausgezeichnet. Der Auftakt der Duologie errschien erstmals 2008 inDeutschland.

Luca di Fulvio: Das Kind, das nachts die Sonne fand

Das Kind, das nachts die Sonne fand Book Cover
Das Kind, das nachts die Sonne fand Luca Di Fulvio bastei Lübbe Erschienen am: 12.03.2015 Seiten: 830 ISBN: 978-3404-17180-4

Handlung:

Raühnval, ein opulentes Herrschaftsgebiet in den Ostalpen. Dort führt der junge Marcus ein priviligiertes Leben als Sohn des Landesfürsten. Bis zu dem Tag, als bei einem Massaker seine Familie und alle übrigen Burgbewohner ermordet werden. Marcus überlebt dank der Hilfe Eloisas, der Tochter der Hebamme, und findet Aufnahme bei den Dorfbewohnern. Doch die Herrschaft eines grausamen neuen Fürsten lässt bald einen kühnen Plan in ihm reifen: Marcus will für ein Leben in Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen, für sich und für die übrigen Leibeigenen des Reichs.

Ein Vorhaben, das ihn erneut mit den dunkelsten Seiten des menschlichen Seins konfrontiert. Und ihm abermals das Kostbarste zu entreißen droht… (Klappentext)

Rezension:

Wenn ich Geschichte lesen möchte, greife ich meistens zu Sachbüchern, da ich nicht möchte, dass historische Fakten allzu sehr verdreht werden. Dann nämlich besteht die Gefahr, nicht mehr zwischen geschehenes und erfundenem unterscheiden zu können. Doch, habe ich mich dieses Mal an das neueste Werk von Luca di Fulvio gewagt, dessen andere Bestseller ich bisher unbeachtet gelassen hatte. Der italienische Autor nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise ins tiefste Mittelalter, genauer 1407, wo der 9-jährige Marcus als Sohn des Landesfürsten von Raühnval ein umsorgtes Leben führt.

Er schläft in einem echten Bett, ist nie hungrig und wird von seinen Eltern nach allen Regeln erzogen, die ihn später zum Nachfolger seines Vaters werden lassen sollen. Marcus ahnt nichts von der Welt da draußen, wo die Bewohner der Dörfer in Armut leben und mit den einfachsten Mitteln zurechtkommen und von dem leben müssen, was Feld, Wald und Tiere hergeben.

Doch, der Fürst ist gerecht und das Leben einigermaßen erträglich. Doch, auf einmal ändert sich alles. Die Herrscherfamilie fällt einem Massaker zum Opfer und nur Markus wird gerettet durch die mutige Tat von Eloisa, einem kleinen Mädchen seines Alters.

Doch nun, aller Privilegien beraubt, muss er ums Überleben kämpfen. Für ihn heißt das, lernen, wie ein einfacher Mensch zu leben und zu arbeiten. Die Vergangenheit lässt ihn jedoch keine Ruhe. Der grausame neue Fürst hat, ohne von der wahren Identität des Jungen zu ahnen, im ständig in Blick, wie alle anderen Leibeigenen auch. Marcus lernt sich zu behaupten und in seinem Inneren entwickelt er einen kühnen Plan.

Ein atemraubendes Historienstück, Abenteuer und Krimi zugleich und eine beeindruckende Zeitreise. Auch, wenn es Raühnval nicht wirklich gegeben hat. Doch, so oder ähnlich hätte es sich durchaus abspeielen können als in Mitteleuropa noch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation existierte und unzählige Fürsten um die Vormachtstellung im Reich kämpften und Komplotte mit- und gegeneinander schmiedeten. Der Unterschied zwischen Landbevölkerung und herrschenden Adel wird hier sehr schön und detailliert dargestellt, die Charaktere sind vielschichtig und nicht statisch. Tatsächlich ist die Wandlung, die Luca di Fulvio vor allem Marcus/Mikhail zuschreibt, beeindruckend beschrieben, was auch für die übrigen Protagonisten gilt. Tatsächlich versinkt man in diese Welt, leidet mit, hofft und bangt, so dass die über 800 Seiten schnell verfliegen. Ein sehr guter Historienroman, über einen Jungen, der nachts die Sonne fand.

Autor:

Luca di Fulvio wurde 1957 geboren und studierte nach der Schule Dramaturgie. Anschließend war er Mitglied des Livingf Theatre in London, bevor er 1996 seinen ersten Roman in Italien veröffentlichte. Der in Rom lebende Schriftsteller, dessen Werk „Der Junge, der Träume schenkte“ 2011 ins Deutsche übersetzt wurde, beschäftigt sich dabei immer wieder mit Problematiken wie Gewalt gegen Frauen oder das Leben der Emigranten im Noew York der 20er Jahre. „Das Kind, das nachts die Sonne fand“ ist sein dritter Roman, der im deutschsprachigen Raum erscheint.

Claude K. Dubois: Akim rennt

Akim rennt Book Cover
Akim rennt Kinderbuch Moritzverlag Hardcover Seiten: 96 ISBN: 978-3-895652-684

Handlung:

Kurz zuvor hatte Akim noch mit anderen Kindern Krieg gespielt, nun bricht selbiger über sein Dorf herein, in dem er lebt. Bomben fallen, es gibt Tote und Verletzte. Das Dorf wird von Soldaten besetzt, doch Akim kann fliehen.

Im Chaos des Krieges aber wird er von seiner Mutter getrennt. Auf der Flucht lernt er Hunger und Kälte kennen aber auch Menschen, die sich seiner annehmen. Angekommen schließlich im Lager einer Hilfsorganisation geschieht das Unglaubliche. Er trifft seine Mutter wieder.

Rezension:

Die Geschichte ist schnell erzählt und leicht zu verstehen, nachzuvollziehen, weshalb hier kaum von Spoilern gesprochen werden kann. Denn, hauptsächlich handelt es sich um ein Bilderbuch und die Texte, eigentlich nur ein paar Sätze sind so verständlich, dass Erstleser, Schulanfänger damit mehr als zurechtkommen, wenn sie gerade angefangen haben Sätze flüssig zu lesen. Es geht hier aber auch mehr um die Bilder.

In beeindruckenden Schwarz-Weiß-Brauntönen gezeichnet, wird die Figur des kleinen Akim greif- und die Schrecken des Krieges, von Flucht und Vertreibung nachvollziehbar. Dabei bezieht sich Dubois nicht auf einen bestimmten Krieg, Ortsangaben werden nicht gemacht. Die Geschichte spielt in allen Konfliktregionen dieser Welt.

Dies ist die Stärke Dubois‘. Ohne viele Worte, nur mit Zeichnungen eine ganze Geschichte zu erzählen. Es ist ein Kinderbuch für alle Kleinen, die beginnen, angesichts der aktuellen Situation in Europa und der Welt Fragen zu stellen.

Kinder bekommen mehr mit als Erwachsene denken. „Akim rennt“ sollte dennoch nur begleitend gelesen werden. Zu erdrückend, ernst und komplex ist die Thematik. Es ist aber auch ein Buch für Erwachsene, die mal etwas anderes in den Händen haben wollen als politischer Hetz-Literatur a la Sarrazin und Co.

In Zusammenarbeit mit PRO ASYL und Amnesty International entstand dieses beeindruckende Werk, welches sich lohnt zu besitzen und zurecht den Deutschen Jugendliteratur-Preis bekommen hat. Für 12 Seiten Text (immer nur ein paar aussagekräftige kurze Sätze pro Seite), der Rest sind Zeichnungen. Weniger ist auch hier mehr.

Autor:

Claude K. Dubois, geboren 1960 in Verviers, Belgien, unterrichtet Illustration an einer berühmten Kaderschmiede dieses Faches, dem Institut Saint-Luc in Lüttich/Liège/Luik, wo sie auch selbst studiert hat. Sie veröffentlichte mehr als 40 Bilderbücher, von denen einige bereits im deutschsprachigen Raum erschienen sind.

Tom Callaghan: Insp. Akyl Borubaew 2 – Tödlicher Frühling

Tödlicher Frühling Book Cover
Tödlicher Frühling Autor: Tom Callaghan Hoffmann & Campe – Atlantik Erschienen am: 10.03.2016 Seiten: 351 ISBN: 978-3-455-65048-8 Übersetzung: Kristian Lutze u.a.

Handlung:

Ein Feld unterhalb des schneebedeckten Tienschen Gebirges. Akyl Borubaew blickt auf sieben Kinderleichen hinab, deren Körper Spuren schlimmster Misshandlungen aufweisen. Wer ist zu so etwas fähig? Bei seinen Ermittlungen legt sich Borubaew mit den mächtigsten Kreisen des Landes an. Er weiß, dass er damit sein eigenes Leben auf’s Spiel setzt. (Klappentext)

Reihenfolge der Bücher:

Tom Callaghan: Insp. Akyl Borubaew 1 – Blutiger Winter

Tom Callaghan: Insp. Akyl Borubaew 2 – Tödlicher Frühling

Tom Callaghan: Insp. Akyl Borubaew 3 – Mörderischer Sommer

Tom Callaghan: Insp. Akyl Borubaew 4 – Erbarmungsloser Herbst

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Rezension:
Kirgistan ist den Nachrichten, wenn denn dort einmal etwas aufregendes passiert, allenfalls eine Randnotiz wert. Es eignet sich aber hervorragend als Kulisse eines Thrillers. Zumindest, wenn der aus der Feder von Tom Callaghan stammt.

So nimmt uns der Brite mit in die Abgründe des Splitterlandes, in dem alte Seilschaften aus längst vergangenen Sowjetzeiten immer noch wirken und Korruption und Misswirtschaft an der Tagesordnung sind.

So stößt der Protagonist an eine Mauer von Unwägbarkeiten und Hindernissen als es darum geht, mehrere Kindermorde aufzuklären, da auch hier die Mächtigen des Landes ihre Finger im Spiel haben.

Schließlich muss bis zum nächsten Umsturz, bis zum nächsten Putsch in die eigene Tasche gewirtschaftet werden, wehrend das Volk teilweise Neugeborene weggeben muss, um zumindest dem Rest der Familie das Überleben zu sichern.

Borubaew, ebenso zielstrebige, wie hartnäckige und sympathische Hauptfigur gratzt am Lack der Seilschaften des Landes und bekommt deren Unwägbarkeiten zu spüren, gerät selbst in den Malstrom der Ereignisse und in Vorwürfe, die ihm nicht nur seinen Job kosten können.

Doch der Inspektor deckt auf und sucht Beweise für eine schreckliche Vermutung. Doch der Atem der Mächtigen und Oligarchen ist lang und kalt.

Ein überaus spannender Thriller, den uns der Brite Tom Callaghan hier vorliegt, der unscheinbar und doch mit einem Knall ins rollen kommt, dessen Handlung aber erst langsam voranschreitet um dann mit voller Wucht zuzuschlagen.

Und so ganz nebenher lernt man etwas über das gesellschaftliche Funktionieren dieser Länder, wenn es ein solches gibt, auch wenn sich die Thriller-Gegebenheiten glücklicherweise nicht passgenau auf Kirgistan übertragen lassen. Doch, manchmal sorgt eben auch ein wahrer Kern für einen großartig grausamen und erschütternden Handlungsrahmen, der es in sich hat. Langeweile ausgeschlossen, Spannung bis zur letzten Seite.

Nur, wer öfter Politthriller/-krimis liest, wird das Ende leicht vorhersehbar finden, aber etwas völlig Neues zu erschaffen, kann man praktisch nicht verlangen. Alles ist schließlich irgendwie schon einmal da gewesen.

Die Verpackung von Themen wie Vettern- und Misswirtschaft, Oligarchentum und organisierte Kriminalität, Menschenhandel, hat mir aber hier sehr gut gefallen. Der Autor schafft mit seinem packenden Schreibstil genug Gänsehaut. Weglegen kann man den Trhiller aber auch nicht.

Die Kapitel kurz, Cliffhanger zahlreich und schnell hat man mehr Seiten insgesamt gelesen als man eigentlich wollte. Zu sehr wird man in den Strudel der Geschichte eingesogen. Einzig, die Ich-Perspektive war für mich gewöhnungsbedürftig, aber das liegt eher an meinem Leseverhalten, passt hier jedoch ganz gut.

Ein packender Polit- und Gesellschaftsthriller vor der Kulisse eines wunderbaren Landes, wie der Autor nach der Wucht des Endes im Dankeswort verrät. Kirgistan soll eine Reise wert sein, dennoch ist wohl niemanden zu empfehlen, sich in die Fußstapfen von Inspektor Borubaew zu begegeben. Wobei, als nur Leser kann man das ruhig machen.

Autor:
Tom Callaghan wurde in Groß-britannien geboren und studierte nach der Schule im englischen York, sowie in New York am Vassar College. Er arbeitete als Creative Group Head und lebte in London, New York und Philadelphia. Später zog er nach Dubai, wo er bis heute lebt. „Tödlicher Frühling“ ist sein zweiter Thriller um Inspektor Akyl Borubaew. Sein Erstling erschien im Jahr 2015.

Chris Chibnall/Erin Kelly: Broadchurch – Der Mörder unter uns

Broadchurch - Der Mörder unter uns Book Cover
Broadchurch – Der Mörder unter uns Christ Chibnall/Erin Kelly Fischer Taschenbuch Erschienen am: 21.08.2014 Seiten: 448 ISBN: 978-3-596-03076-7

Handlung:

Danny Latimer war elf Jahre, als er starb. Sterben musste. Seine Leiche fand man unten am Kliff. Bei ihren Ermittlungen stoßen Ellie Miller und Alec Hardy in dem kleinen Ort Broadchurch an der englischen Südküste auf mehr Verdächtige, als ihnen lieb ist.

Dannys Vater hat kein Alibi für die Tatzeit. Wo war er in dieser Nacht? Dannys Freund hat sämtliche Nachrichten von seinem PC und Handy gelöscht. Worum ging es da? Der Zeitungsverkäufer, die unfreundliche Frau im Trailerpark, der Postbote – sie alle haben etwas zu verbergen. aber was? Als die Wahrheit ans Licht kommt, ist in Broadchurch nichts mehr, wie es einmal war. (Klappentext)

Rezension:

Der Verlust eines Kindes ist das Schlimmste, was Eltern passieren kann. Noch schlimmer, wenn dieser Verlust durch Gewalt herbeigeführt wurde. So geschehen, in dem kleinen verschlafenen Ort Broadchurch, den sonst nur Touristen heimsuchen. Und bald ist nichts mehr wie es war.

Ellie Miller, Polizistin, ermittelt in der Dorfgemeinschaft, in der sie aufgewachsen ist und sieht bald den Wald vor lauter Verdächtigen nicht mehr. Verdächtige, die sie geglaubt hat, schon ihr gesamtes Leben lang zu kennen. Alec Hardy, ihr neuer Vorgesetzter, rau unnahbar, Ortsfremder, macht es ihr da nicht leichter.

Auch er trägt ein, wie der Rest der Bewohner des Ortes, dunkles Geheimnis mit sich. Doch, sie kommen mit den Ermittlungen nicht voran. Sie beginnen jeden Stein in Broadchurch umzudrehen, gehetzt von der Presse, gehetzt von der zerbrechenden Dorfgemeinschaft, in der jeder Jeden verdächtigt.

Doch irgendwann kommen sie der Lösung des Falles näher. Näher als ihnen lieb ist.

Buchvorlagen sind oft genug besser als die Filme, die darauf basieren. Doch, wie ist es umgekehrt? Wenn der Film, die Serie in diesem Falle, zuerst da war? Das Ergebnis ist gelungen. Erin Kelly gelingt es, dem Erfolg der Serie gerecht zu werden.

Die Protagonisten mit einem vertiefenden Profil versehen, nichts ist einseitig, nichts schwarz, nichts weiß und viele Grauschattierungen. Es gelingt hier, richtig in die Eigendynamik einer Dorfgemeinschaft einzutauchen, in der jeder jeden zu kennen glaubt und doch nur die Fassade sieht.

Viele kleine und große Aha- und Wow-Momente tragen zum Verwirrspiel bei und auch der Leser tappt so lange im Dunkeln, wie Miller und Hardy in ihrer Polizeiarbeit. Die Auflösung kommt dann mit einem Knall, der sich hätte ruhig noch über mehr Seiten ziehen können, aber bis dahin zittert man, entwirft eigene Theorien, wer es gewesen sein könnte, verwirft diese wieder und stellt neue auf. Ein gelungener Krimi aus England.

Entstehung des Buches:

Zuerst gab es eine erfolgreiche Serie im britischen Fernsehen, in der in über acht Folgen gezeigt wurde, wie ein Ermittler-Gespann sich zusammenrauft und einen einzigen Mordfall zu lösen versucht.

Dies gab den Machern der Serie die Chance, ihre Protagonisten zu entwickeln, ihnen Tiefe zu geben und zu zeigen, wie sich eine Gemeinschaft verändert, wenn der Alltag eines ganzen Dorfes in sich zusamenbricht.

In der schnelllebigen Fernsehlandschaft Groß-Britanniens war man damit erfolgreich, so dass immer mehr Fans der Serie nach dem Buch fragten. Mit „Die Mörder unter uns – Broadchurch“ liegt die Geschichte somit Taschenbuch vor.

Die Autoren:

Chris Chibnall ist ein Drehbuchautor so erfolgreicher Serie wie „Law & Order“ und „Doctor Who“. Er studierte Theater und Film an verschiedenen englischen Universitäten und produziert regelmäßig Theaterstücke für diverse Festivals in Groß-Britannien.

Seit 2006 arbeitet er als Schreiber und Ideengeber für verschiedene englische Fernsehserien. Seine Serie „Broadchurch“ lief erfolgreich im britischen Fernsehen und wurde bereits für Amerika adaptiert. In anderen Ländern hat man sich inzwischen die Ausstrahlungsrechte gesichert. „Broadchurch – Der Mörder unter uns“ ist die erste Serie von ihm, die in Buchform erschienen ist.

Erin Kelly ist eine englische Krimi-Autorin. Sie wurde 1976 in London geboren und wuchs in der Gegend von Essex auf. Sie studierte an der Warwick University englische Literaturwissenschaft und arbeitet seit 1998 als Journalistin.

Sie schrieb für die Zeitungen Sunday Times, den Sunday Telegraph und die Daily Mail. Ihr Debütroman „Das Gift des Sommers“ war ihr Durchbruch als Autorin. Mit ihrer Familie lebt sie in London.

J. M. Coetzee: Der Junge

Der Junge Book Cover
Der Junge J.M. Coetzee Fischer Taschenbuch Erschienen am: 01.05.2000 Seiten: 200 ISBN: 978-3-5961-4837-0 (vergriffen)

Handlung:

J. M. Coetzee eindringliches, vollkommen unsentimentales, dbei oft genug hochpetischens Buch der Erinnerung an eine schwierige Kindheit in einem öden Provinznest unweit von Kapstadt liest sich wie ein Roman.

Als Meisterwerk narrativer Autobiographik von der Kritik gefeiert, zeichnet dieses Buch das Porträt eines Jungen, in dem sich schon früh der Schriftsteller ankündigt. (Klappentext)

Rezension:

Er ist ein intelligenter Beobachter seiner Umgebung, Klassenprimus aus Angst davor, wegen schlechter Leistungen den Rohrstock seiner Lehrer spüren zu bekommen und obwohl noch Kind schon tonangebend in seiner Familie.

Dem Vater, der seine Familie ins Unglück stürzen wird misstraut, die Mutter vergöttert er und quält sie zugleich mit seinen Forderungen. Der kleine Bruder ist nur ein Abklatsch seiner selbst. Dies ist die Geschichte der Kindheit Coetzees, der später Schriftsteller werden und 2003 den Nobelpreis für Literatur erhalten sollte.

Ein autobiographischer Roman, der es in sich hat, im Hintergrund des Apartheid-Regimes Südafrikas als Nachkömmling europäisch-burischer Eltern seinen Platz in der Gesellschaft suchend.

So beschreibt der Autor detaillreich, ohne Längen, das Aufwachsen in diesem sonderbaren Land der Gegensätze und man beginnt Coetzee zu begreifen und damit auch eine ganze Generation von weißen Jungen, die noch im System der Rassen-Ideologie erzogen wurden und später erlebten, wie ein Land sich verändern musste.

Es ist ein beeindruckender kleiner Roman ohne Längen. Der Schreibstil zieht einem in den Bann. Fast ist es als wäre man selbst dieser Junge, der zwar mittendrin ist aber doch irgendwie immer Außenseiter.

Ob in der Schule, wo er sich zwanghaft irgendwo einordnen versucht oder in der Familie, wo er ebenso seinen Platz nicht wirklich finden will oder kann. Ein Roman über einen Jungen, der gerne wie jeder andere wäre, „normal“ und zugleich weiß, dass er es nicht ist, sondern schon früh begreift, dass er einmal ein vollkommen anderes Leben einschlagen wird als in seiner Schicht, in seiner Familie akzeptiert wird.

Mir hat es unheimlich Spaß gemacht über die Kindheit des Autors in dieser Form zu lesen, die ständig zwischen der Tyrannei und dem Jähzorn, dann wieder Intelligenz und Liebenswürdigkeit eines kleinen Jungen hin und her pendelte. Mehr muss man dazu nicht sagen.

Autor:

John M. Coetzee wurde 1940 in Kapstadt geborenn und studierte nach der Schule Literatur. Seur 1972 lehrte er an verschiedenen UniversitätenLiteratur, seit 1996 ust er zudem Mitglied des Committee of Social Thought der University of Chicago.

Seine Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. zwei Mal mit dem Booker Prize. 2003 bekam er den Nobelpreis für Literatur. Der Autor lebt heute in Australien.

Michelle Cohen Corasanti: Der Junge, der vom Frieden träumte

Der Junge, der vom Frieden träumte Book Cover
Der Junge, der vom Frieden träumte Michelle Cohen Corasanti Fischer Taschenbuch Erschienen am: 25.05.2016 Seiten: 399 ISBN: 978-3-596-03283-9 Übersetzerin: Adelheid Zöfel

Inhalt:

Der zwölfjährige Palästinenserjunge Achmed kämpft um das Überleben seiner Familie, der einst eine blühende Orangenfarm gehörte. Auf der Jagd nach einem Schmetterling kommt seine zweijährige Schwester Amal in einem Minenfeld ums Leben.

Als auch noch sein Vater verhaftet und der Familie alles genommen wird, ist er der Einzige, der sie retten kann. Denn Ahmed ist ein Mathematikgenie und erhält eines der begehrten Stipendien an der Universität von Tel Aviv. Doch dort ist er der einzige Palästinenser unter Juden…

Rezension:

Beinahe bilden die Romane, deren Titel alle so ähnlich klingen, ein eigenes Subgenre. „Der Junge, der…“, „Das Mädchen, dass…“, „Der Hundertjährige, der…“. Sie alle beleuchten das fiktive Leben eines Protagonisten und geben dennoch ein beeindruckendes Bild einer bestimmten Zeitepoche wieder und man meint, beinahe übersättigt zu werden von Romanen dieser Art.

Auf die Gefahr hin, dass dies passiert, hat auch der Fischerverlag zu solch einem Titel gegriffen, was hier jedoch keineswegs stört. Tatsächlich liegt mit Cohen Corasantis Roman ein beeindruckendes Werk vor, was sich unbedingt zu lesen lohnt.

Die Autorin erzählt die Geschichte eines Jungen, dessen Leben praktisch mit einem tiefen Fall in der Kindheit beginnt, geprägt von Armut, Verzweiflung aber auch ein wenig Hoffnung, den Kampf gegen alle Widerstände und schließlich dem Triumph der Hoffnung.

Einen Aufstieg, wie man es vielen Menschen in der Region gönnen, der jedoch nur höchst selten eben jenen gelingt. Corasanti zeichnet zudem sehr sensibel ein Bild der Palästinenser, die in einem schier unlösbaren Konflikt, die Israelis nicht minder, gefangen sind.

Auch das ein Punkt, der unbedingt beachtet werden sollte, verliert man doch diesen mit dem Abschalten der Nachrichten zu schnell aus den Augen. Der Autorin gelingt es, wenigstens für ein paar Stunden dem Leser einen Standpunkt einnehmen zu lassen ohne die andere Seite zu vernachlässigen. Eine große Kunst, dies auf vergleichsweise wenigen Seiten zu schaffen.

Natürlich ist das Ende mehr eine Wunschvorstellung der Autorin als ein realistisches Ereignis, doch man gönnt es den Protagonisten, der so viel durchmachen muss. Man leidet, freut und trauert mit ihm, triumphiert, hofft und bangt.

Der flüssige Schreibstil lässt einem in diese Welt, die gar nicht so weit entfernt ist von unserer eigenen, eintauchen und findet sich in einem von der Gesellschaft fast vergessenen ignorierten Konflikt wieder. Die Protagonisten und ihre Ansichten klingen glaubwürdig, ein „Böser“ macht eine schiere Wandlung durch, die beinahe schmerzt aber auch das gehört dazu.

Wie sonst wäre es wohl zu erklären, wie die Menschen in Palästina und Israel den Alltag dort aushalten können? Natürlich stellt sich die Autorin ganz klar auf eine Seite, was aber auch verständlich ist, wenn man ihre Geschichte betrachtet. Interessant nur, dass es nicht die „ihre“ Seite ist, sondern konkret die andere. Und dies glaubwürdig und ohne Groll.

Mit „Der Junge, der vom Frieden träumte“ sollte man sich ein paar Stunden Zeit nehmen, über den Konflikt Israel-Palästina nachzudenken und vor allem über die Menschen, die in dieser schier unlösbaren Situation sich zurechtfinden, eine Art Alltag leben müssen.

Egal, auf welcher Seite, es gibt unter beiden Schuldige und Anheizer, genau so wie Unschuldige, denen jedes Ausbrechen oder jeder Versuch verweigert wird, Frieden zu erwirken. Für sich und für andere.

Eine Region, die soviel politischen Sprengstoff für noch kommende Jahrzehnte birgen wird, deren Menschen hoffentlich eines Tages erkennen, dass sie nur zusammen all das überwinden und gemeinsam stark sein können.

Cohen Corasanti gibt die Hoffnung nicht auf, dass es dazu kommen wird, im Kleinen und Großen. Wenn mehr Menschen ihren Roman lesen würden, wenn es mehr dieser Ahmeds und Menachems geben würde, wie sie die Autorin beschreibt, wären wir auf einem guten Weg dorthin.

„Der Junge, der vom Frieden träumte“, eine faszinierende und wichtige Geschichtsstunde, vor allem aber ein großartiger Roman.

Autorin:

Michelle Cohen Corasanti ist eine in den USA geborene Jüdin. Ihre Eltern schickten sie nach Israel, um Hebräisch zu lernen, die jüdische Kultur und Religion zu studieren.

Sie besuchte die Hebrew University of Jerusalem, wo sie ihren Master in Nahostwissenschaften machte und arbeitete in Harvard für ihr Diplom. Inzwischen ist sie Anwältin für Menschenrechte. Dies ist ihr erster Roman.

Hans-Ulrich Treichel: Der Verlorene

Der Verlorene Book Cover
Der Verlorene Roman Suhrkamp Taschenbuch Seiten: 175 ISBN: 978-3-518-39561-5

Inhalt:

Hans-Ulrich Treichels Erzählung handelt von einer Familie, an deren Leben nichts außergewöhnlich scheint: Der Flucht aus den Ostgebieten im letzten Kriegsjahr folgt der erfolgreiche Aufbau einer neuen Existenz in den Zeiten des Wirtschaftswunders. Doch es gibt für sie nur ein einziges, alles beherrschendes Thema: die Suche nach dem auf dem Treck verlorengegangenen Erstgeborenen, nach Arnold.

»Arnold ist nicht tot. Er ist auch nicht verhungert«. Das erfährt der kleine Bruder und Ich-Erzähler eines Tages von seinen Eltern: »Jetzt begann ich zu begreifen, daß Arnold, der untote Bruder, die Hauptrolle in der Familie spielte und mir die Nebenrolle zugewiesen hatte.« In derVorstellung des Jungen wird das, was der Eltern größter Wunsch ist, zum Alptraum: daß der Verlorene gefunden wird. (Verlagstext)

Rezension:

Es ist ein äußerlich unscheinbarer Roman, der es in sich hat. Trotz oder gerade wegen seiner wenigen Seiten. Der Inhalt, derart komprimiert, ist Familienroman, Psychogramm und Gesellschaftsreport einer ganzen Generation. Der Familie geht es gut im Wirtschaftswunderland. Der Vater führt einen kleinen Familienbetrieb, hat Erfolg, expandiert und baut aus.

Immer neue Autos werden angeschafft. Man ist ja wieder wer. Die Mutter hält ihrem Mann den Rücken frei und der Sohn schlägt sich so durch. Ganz normal. Doch, auf der Familie liegt der schwere Schatten der Geschichte. Auf der Flucht aus den ehemaligen deutschen Gebieten ging einst der Erstgeborene verloren.

Der Nachfolger, der ihm praktisch nur vom Hörensagen und zahlreichen Fotos kennt (er selbst ist immer nur bruchstückenhaft zu sehen), leidet unter den Schwermut und der Trauer der Eltern über den Verlust.

Und fühlt die Gefahr der Verdrängung. Zum Glück, so denkt der Junge, ist Arnold eben verschollen. Er selbst, der die Geschichte aus seiner Sicht erzählt, bleibt bis zur letzten Seite namenlos. Er fühlt sich auch nicht ernstgenommen, unbeachtetes Kind. Doch, sein schlimmster Alptraum scheint wahr zu werden als eine Chance sich für die Eltern eröffnet, dass der Junge wieder gefunden wird.

Der Junge steht mit dem Rücken zur Wand, fühlt sich durch das Phantom „Bruder“ verdrängt, verloren in der Familie sowie so. Und so lässt er nur widerwillig die Tests über sich ergehen, die helfen sollen zu bestimmen, ob das Kind 2307 tatsächlich Sohn der Eltern ist oder eben nicht. Und freut sich über jedes Ergebnis, welches die Eltern immer mehr von ihrem Ziel der Zusammenführung der Familie entfernt.

Hans-Ulrich Treichel hat hier einen wunderbaren Roman geschrieben, der das Lebensgefühl der Anfangsjahre der Bundesrepublik Deutschland gut beschreibt, Erfolg im Wirtschaftswunder mit Trauer und Unsicherheit verschmischt als Folge des Zweiten Weltkrieges. Flucht und Vertreibung, das Auseinanderreißen von Familien und dem Wanken zwischen Hoffnung und Verlust.

Man fühlt regelrecht mit dem Jungen, freut sich, wenn er sich freut, bangt mit ihm, auch der Vater und später der örtliche Polizist Rudolph dienen als Identifikationsfiguren, die Mutter, die aus einer 0-Komma-Wahrscheinlichkeit für sich eine absolute Wahrscheinlichkeit macht, ist streckenweise einfach nur nervig und trotziger als der angehende Pubertierende, der die Situation reeller einschätzt.

Der flüssige Schreibstil macht dennoch die gesamte Geschichte sehr gut lesbar. Man kann sich das alles vorstellen und nachvollziehen, bekommt ein Gefühl für die Zeitepoche, welche sich besonders am Bild des Vaters orientiert.

Und im Nachhinein, ich habe den dazugehörigen Film „Der verlorene Bruder“ zuerst gesehen und bin dadurch erst auf das Buch gekommen, gehört es zu einem der wenigen Bücher, die sehr gut verfilmt wurden. Nicht zuletzt durch die grandiose Darstellung des Jungen durch den Kinder-Darsteller Noah Kraus.

Der weicht zwar etwas von der Selbst-Beschreibung der Romanfigur ab, macht den Protagonisten aber noch greifbarer. Für Buch und für Film eine ausdrückliche Empfehlung.

Autor:

Hans-Ulrich Treichel wurde 1952 in Versmold/Westfalen geboren und lebte dort bis 1986. Nach dem Abitur studierte er an der Freien Universität Berlin Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaften und promovierte 1983.

Seit 1995 lehrt er am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Bekannt wurde Treichel durch seinen Roman „Der Verlorene“ in dem er eigene Kindheitserinnerungen verarbeitete. Hans-Ulrich Treichel ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

Michael Tsokos: Fred Abel 2 – Zersetzt

Zersetzt<br>Reihe Fred Abel - 2 Book Cover
Zersetzt
Reihe Fred Abel – 2
Michael Tsokos Droemer Knaur Erschienen am: 01.04.2016 Seiten: 427 ISBN: 978-3-426-51877-9

Handlung:

Eigentlich hätte Dr. Fred Abel beim BKA alle Hände voll zu tun. Ein Mordopfer scheinbar ohne Verletzungen weckt düstere Erinnerungen in ihm – an einen sadystischen Psychopathen, der nie gefasst wurde.

Unversehens wird Abel jedoch abberufen zum bisher gefährlichsten Fall seiner Laufbahn: In Transnistrien, einem Pseudostaat von Moskaus Gnasen, warten zwei nahezu komplett zersetzte Leichen auf ihre Identifizierung. Und ein skrupelloser Geheimdienst fordert das „richtige“ Ergebnis – sonst steht nicht nur Abels Leben auf dem Spiel. (Klappentext)

Einordnung:

Bücher der Reihe:

Michael Tsokos: Fred Abel 1 – Zerschunden

Michael Tsokos: Fred Abel 2 – Zersetzt

Michael Tsokos: Fred Abel 3 – Zerbrochen

Michael Tsokos: Fred Abel 4 – Zerrissen

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Rezension:

In den Tiefen der menschlichen Seelen tun sich oft bei genaueren Hinschauen die erstaunlichsten Abgründe auf. Nicht anders, die Welt im Obduktionssaal der Gerichtsmedizin. Dr. Abel versucht anhand der Körper der Toden die Todesursachen zu ergründen und bearbeitet mit seinen Kollegen hochbrisante Fälle, die Stadt und Land in Atem halten.

Nicht nur, dass Fälle von Waterboarding in den Gebäuden des deutschen Bundestages die Regierung in Alarmbereitschaft versetzen, zusätzlich landet auch noch eine Leiche auf seinem Obduktionstisch, deren Todesmerkmale ihn unsanft an Begebenheiten seiner Vergangenheit erinnern.

Als Abel dann auch noch zu einer heiklen Mission nach Transnistrien aufbrechen muss, einem Pseudostaat, in dem nicht nur rote Sichelfahnen sondern auch altertümlich grausame Geheimdienstmethoden überlebt haben, sieht sich der Rechtsmediziner plötzlich selbst in einem Kampf gezwungen. Dieses Mal, um sein Leben.

Auch ohne den Erstling gelesen zu haben, schafft man den Einstieg in die Krimi-Reihe sehr gut. Tatsächlich lassen sich die Bücher wohl unabhängig voneinander lesen. Davon unberührt bleibt der flüssige Schreibstil, der im Zusammenhang mit den kurzen Kapiteln das Buch zu einem echten Pageturner macht.

Obwohl die Handlung sich teilweise zu sehr in die Beschreibung politischer Gegebenheiten und rechtsmedizinischer Details verliert. Wobei das auch unter der Rubrik „Berufskrankheit“ des Autoren fallen dürfte und nicht zuletzt der Anlehnung an wahre Fälle aus Tsokos beruflichen Leben geschuldet ist. Ansonsten ist der Thriller, der ausdrücklich das Merkmal True-Crime vom Verlag bekommen hat, packend zu lesen.

Auch, wenn Tsokos‘ Geschichte nicht so ganz unvorhersehbar ist, wie die seines Erstlings im Krimi-Bereich, welchen er zusammen mit Fitzek geschrieben hat. Dennoch, Fitzek-Fans werden auch hier auf ihre Kosten kommen und Fans des Rechtsmediziners, wenn er denn welche hat, sowie so.

Die Protagonisten sind recht schnell sympathisch oder eben nicht, insgesamt herrschen viele Schwarz-Weiss-, erst gegen Mitte der Handlung viele Grautöne vor. Die Vielzahl der Handlungsstränge, die teilweise nur sehr lose miteinander in Verbindung stehen, verwirrt zumindest geübte Leser dieses Genres nicht.

Alle anderen sollten aufpassen und sich konzentrieren, auch wenn das mitunter schlaflose Nächte bereiten kann. Interessant hier, unbedingt das Nachwort zu lesen. Dieses entbröselt dann die Fiktion von der Wahrheit und macht neugierig auf mehr. Denn, Tsokos hat aufgrund seines Berufes schon tausende Leichen gesehen und sicher jede Menge Geschichten zu erzählen.

Autoren:

Michael Tsokos wurde 1967 in Kiel geboren und ist ein deutscher Rechtsmediziner, sowie Professor an der Charite in Berlin. Er leitet seit 2007 deren Institut für Rechtsmedizin, gleichzeitig auch das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin-Moabit. Tsokos ist zudem ärztlicher Leiter der Gewaltschutzambulanz der Charite.

1998/99 war er im Auftrag des Bundeskriminalamtes an der Exumierung von Massengräbern im Kosovo tätig und half 2004 bei der Identifizierung von Opfern des Tsunamis in Thailand. Er ist Herausgeber mehrerer Fachaufsätze und populärer Sachbücher. Seinen ersten Krimi veröffentlichte er in Zusammenarbeit mit Sebastian Fitzek 2012.

Jürgen Todenhöfer: Inside IS – 10 Tage im Islamischen Staat

Inside IS - 10 Tage im "Islamischen Staat" Book Cover
Inside IS – 10 Tage im „Islamischen Staat“ Jürgen Todenhöfer Erschienen am: 27.04.2015 Hardcover Bertelsmann ISBN: 978-3-570-10276-3

Thematik:

Zehn Tage reiste Jürgen Todenhöfer als erster westlicher Publizist in Begleitung schwer bewaffneter Jihadisten durch den „Islamischen Staat“. Eine abenteuerliche Unternehmung mit ungewissen Ausgang.

Doch nur so ist es möglich, das Leben der gefährlichsten Terroristen der Welt hautnah nachzuvollziehen, ihren Alltag, ihre Motive. Bislang ist es niemanden gelungen, den IS so genau zu recherchieren. Todenhöfer: „Man muss dort gewesen sein, um das IS-Phänomen zu verstehen. Man muss seine Feinde kennen, wenn man sie besiegen will.“

Eindringlich wird vor den radikalen und unmenschlichenn Zielen des IS gewarnt, für die es keine Rechtfertigung gibt. Vor allem keine islamische. Der IS sei ein Kind des völkerrechtswidrigen Krieges gegen den Irak.

Todenhöfers dramatischer Report aus dem „Reich des Bösen“ ist eine eindringliche Mahnung, um einen politischen Ausweg aus der Gewaltspirale im Mittleren Osten zu finden. Und ein Plädoyer für eine klügere Antiterrorpolitik. (Klappentext)

Rezension:

Jürgfen Todenhofer ist ein durchaus umstrittener Journalist und Publizist. Nicht nur, weil er thematisch immer wieder kontroverse Themen aufgreift sondern stets mit beiden Seiten spricht. Mit Terroristen von etwa al-Qaida oder umstrittenen Machthabern wie den syrischen Präsidenten Assad auf der einen Seite, wie auch mit den ganz normalen Bürgern, mit Flüchtlingen und Menschenrechtlern auf der anderen.

Unter Journalisten umstritten, versucht er trotz Anfeindungen so ein ausgewogenes Bild von oftmals verqueren Situationen zu zeichnen, die sonst unverständlich bleiben. Für sein neuestes Projekt, dessen Erlöse wie immer für soziale Projekte gespendet werden, bereiste er mit Sohn Frederic den „Islamischen Staat“.

Wie funktioniert der Terrorstaat im Inneren? Was denken die Menschen, was die Machthaber? Was sind ihre Ziele und wie ist das mit dem Islam vereinbar, von dem diese predigen, den einzig wahren zu leben? Diese Fragen stellt sich Todenhöfer und nimmt dazu Kontakt auf, mit den gefährlichsten Männern der Welt.

Mit einer Sicherheitsgarantie des Kalifen macht er sich über die türkische Grenze auf, die Leute zu besuchen, die inzwischen zum Synonym für Terror und Grausamkeit schlechthin geworden sind. Rückkehr ungewiss. Das Medikament zur Selbsttötung immer griffbereit, um nicht zum Spielball des IS zu werden, sich dem im Notfall zu entziehen.

Und die Machthaber wissen um seine Einstellung, seine Arbeit, seine Meinung und versuchen ihre Ziele zu erklären. Offen und nicht weniger schrecklich als in den propaganda-Videos, die weltweit über das Internet flimmern.

Es kommt zu lautstarken Auseinandersetzungen aber auch zu intensiven Gesprächen und Beobachtungen auf den Marktplatz von Mosul oder im Kampfgebiet. Es geht um die Auslegung von islamischen Glaubenssätzen, Todenhöfer stellt sich dem mit fundierten Kenntnissen entgegen und entlarvt die Terroristen als unislamisch, diese widerum gewähren Einblick in ihre Weltsicht.

Eine gefährliche Reise, um wenigstens einen kleinen Einblick in das Funktionieren, den Alltag eines Gewalt-Regimes zu erhalten, dass sich im schlechtesten Falle noch mehr ausbreiten könnte und unmenschliche Folgen hätte. Im besten Falle ist dieser Bericht ein kleiner Stein auf den Weg zum Sieg über Grausamkeit und Terror.

Denn, „man muss seine Feinde versuchen zu verstehen, um sie zu besiegen“, so Todenhöfer selbst. Seine Reise gewährt einen Einblick und klärt vielleicht nicht alle Fragen, gibt aber Antworten. Antworten, über die es sich lohnt nachzudenken. Ein Plädoyer für den Islam und gegen die Gewalt der „Unislamisten“.

Eine Schrift für eine klügere Außenpolitik. Keinesfalls Propaganda für den „Islamischen Staat“, falls sich das die Machthaber erhofft haben als sie Todenhöfer in ihr „Land“ ließen. Dieser Versuch ist fehlgeschlagen.

Autor:

Jürgen Todenhöfer wurde 1940 geboren und saß 18 Jahre für die CDU im Bundestag. Er war Fraktionssprecher für Entwicklungshilfe und Rüstungskontrolle. Anschließend arbeitete er 22 Jahre an der Spitze eines großen Medienunternehmens. Immer wieder bereiste er Kriegs- und Krisenschauplätze im Mittleren Osten, vor allem Afghanistan, Irak, Syrien und Palästina.

Mit seinen Buchhonoraren unterstützt er verschiedene Projekte, wie ein Waisenhaus in Afghanistan, ein HIV-Kinderkrankenhaus im Kongo oder ein israelisch-palästinensisches Versöhnungsprojekt. Das Honorar dieses Buches geht an syrische und irakische Flüchtlinge sowie an Kinder in Gaza.