Sachbuch

Christian Zaschke: Hell’s Kitchen – Storys aus Manhattan

Inhalt:

Christian Zaschke ist Korrespondent einer gewissen Süddeutschen Zeitung, für die er Artikel schreibt, wenn mal wieder sein ungemein schwarzes Bürotelefon klingelt. Es sei denn, sein Freund V., der Fremdenführer ist dran und befielt mal wieder einen Ausflug durch die Stadt, oder er ist bei Freunden zum Thanksgiving eingeladen, lässt sich von seinem Friseur mit den zitternden Händen die Frisur verunstalten oder reist mit einem anderen Freund durch Amerika, dessen einziges Ziel es ist, entweder entdeckt zu werden oder zehn Kilo zuzunehmen. Wenn er nicht über die große Politik schreibt oder in der fabelhaften Schrottbar Rudy’s zu finden ist, schreibt der Journalist wunderbare Miniaturen. Versammelt sind sie hier in diesem Buch. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:

Wenn sein auffallend schwarzes Bürotelefon klingelt, fordert entweder eine gewisse Süddeutsche Zeitung, bei der Christian Zaschke als Korrespondent in Brot und Lohn steht, wieder einmal einen Artikel an oder sein Freund V., der Fremdenführer, der alles über seine Stadt weiß, befielt ihn zu Ausflügen, die oft in der fabelhaften Schrottbar Rudy’s enden, von der aus verschiedenen Gründen nicht verraten werden darf, wo sie liegt. Deren Türsteher würde ihm sonst beide Beine brechen. Auch sonst lässt der Journalist in seiner Kolumne die Bewohner des New Yorker Stadtteils Hell’s Kitchen lebendig werden, was mitunter chaotisch wirkt, wie der Haarschnitt durch die zitternden Hände seines Friseurs, jedoch immer urkomisch. Grund genug, Zaschkes Zeitungskolumne nun in Buchform lesen zu können.

Im zuweilen überhitzten und ruhelosen Amerika einen Ankerpunkt zu finden mag besonders schwer sein, wenn man in einer umso schnelllebigen Stadt seine Zelte aufschlägt und Berufs wegen die große Politik beobachten, von ihr berichten muss. Christian Zaschke, so scheint es, hat ihn gefunden und schreibt von den großen Ereignissen ebenso wie von den Menschen und den Befindlichkeiten, um ihn herum. Mit dem Blick aufs Wesentliche wirkt dies den Bewohnern von Hell’s Kitchen zugetan, oft mit mehr als nur einer Prise Humor.

Kurz und prägnant sind die, ursprünglich in der Zeitung erschienen Beiträge gehalten, so dass diese sich entweder voneinander losgelöst oder am Stück lesen lassen. Immer steht dabei eine Person, ein Ereignis abseits der großen Geschehnisse im Mittelpunkt. Ganz normale unnormale Alltagsbeschreibungen eines Korrespondenten- und eben Metropolenlebens. Aufhänger und Pointen finden sich da fast immer, nachdenkliche Zwischentöne für jene, die suchen. Und suchen tun sie alle, die sie in Hell’s Kitchen leben, wenn sie dieses Unbestimmte nicht schon längst gefunden haben. So ist auch der Journalist längst in diesem Bann geraten, von dem er über ein Jahr lang regelmäßig berichtet.

Charakterbeschreibungen liegen Zaschke dabei ebenso wie das lebendig werden lassen von Orten, so dass man diese gerne selbst besuchen oder sich von V., in die Irre oder durch den Central Park führen oder sich erklären lassen möchte, wie Pizza- und U-Bahn-Fahrkartenpreise mit der irischen Mafia zusammenhängen. Ein großer Spaß ist das, diese prägnanten Momente zu lesen, die einander in ihren Geschwindigkeiten wechseln, schneller jedenfalls als die Bauarbeiten auf den Balkonen eines gewissen ehemaligen Schwesternheimes vorangehen, zum Leidwesen nicht nur des Hibiskus‘ des Autoren.

Die Ausarbeitung der Personenbeschreibungen, die sich erst beim Lesen mehrerer Kolumnenbeiträge wie ein Puzzle zusammensetzen, ist außerordentlich, wie auch das Einfangen von Momenten in den Bann ziehen mag. Schreibe dies als jemand, der sich von Kurz- und Kürzestgeschichten sonst nicht so einfach einfangen lässt und als einer der wenigen, die New York als Reiseziel wenig bis gar nicht interessant finden. Christian Zaschke hat es mit dieser Sammlung jedoch geschafft, einen anderen Blickwinkel zu geben. Und ich suche mir jetzt auch eine Bar, von der ich dann aus verschiedenen Gründen nicht verraten werde können, wo sie liegt.

Autor:

Christian Zaschke wurde 1971 geboren und ist ein deutscher Journalist und Autor. Seit 2001 schreibt er für die Süddeutsche Zeitung, zunächst in der Zentralredaktion in München, bevor er 2011 bis 2017 nach London wechselte und dort als politischer Korrespondent tätig war. Davor studierte er Anglistik, Germanistik und Geschichte in Kiel, Edinburg und Belfast, absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München. Seit 2017 ist er SZ-Korrespondent in New York.

Christian Zaschke: Hell’s Kitchen – Storys aus Manhattan Weiterlesen »

Christian Grataloup: Die Geschichte der Welt – Ein Atlas

Inhalt:

Der erste Atlas für das Zeitalter der Globalgeschichte.

Dieser moderne Atlas der Weltgeschichte bringt die Geschichte der Menschheit auf ungewöhnliche Weise ins Bild. Von den Mesopotamiern und alten Ägyptern bis zur Machtentfaltung Chinas im 21. Jahrhundert und dem Klimawandel stellt Christian Grataloup jede Karte mit kurzen Begleittexten in ihren jeweiligen welthistorischen Kontext. So kombiniert das opulente, zum Schmökern einladende Werk neueste globalhistorische Erkenntnisse mit einer attraktiven und regelrecht spannenden Kartografie. (Klappentext)

Rezension:

Mit Atlanten lassen sich sehr leicht Zusammenhänge darstellen und ein Überblick zu verschiedenen Themen gewinnen. Gerade um die Dimension und das Ineinandergreifen historischer Ereignisse und Zeitabschnitte zu verstehen, ist diese Form der Aufbereitung von Wissen geeignet. Der Historiker Christian Grataloup hat den Versuch gewagt, einen gesamtgeschichtlichen Überblick in Kartenform zu schaffen, um so klassische historische Themen zu veranschaulichen, aber auch eher selten behandelte Aspekte, wie etwa die Guerilla-Bewegung in Lateinamerika aufs Tableau zu bringen. Der daraus entstandene Atlas der „Geschichte der Welt“ liegt nun in seiner deutschen Übersetzung vor.

Christian Grataloup: Die Geschichte der Welt – Ein Atlas

Wie jeder klassische Atlas ist dies kein Werk, welches streng hintereinander weggelesen werden soll. Nein, in übersichtlicher Form wird hier geschichtliches Wissen visualisiert. zu jeder Karte findet sich eine kurze zusammenfassende Erklärung, mitunter ein Zeitstrahl zur Verdeutlichung des Verlaufs, die Karten selbst sind sehr übersichtlich gehalten. Die Farbgebung lenkt den Blick aufs Wesentliche. Im Einzelnen sind zwar viele Informationen zu finden, jedoch nicht so, dass man beim Auffinden verloren gehen würde. So lädt das Gesamtwerk zum Stöbern ein, Themen vom geschichtlichen Interesse zu vertiefen, eventuell neue Aspekte der Historie zu entdecken.

Christian Grataloup: Die Geschichte der Welt – Ein Atlas

Die Texte sind kompakt gehalten. Karten können einzeln gelesen werden aber auch eine Beschäftigung mit einer größeren Spanne ist so möglich. Das Werk ist dabei gut einsetzbar zur Ausarbeitung von Vorträgen, sich Zusammenhänge in Erinnerung zu rufen. Hervorgehoben ist dabei die Vielzahl an historischen Inhalten, von Anbeginn der Menschheit bis in die heutige Zeit, so dass diese Ergänzung auch sinnvoll ist. Für Schüler, Studenten, in Bibliotheken und für sonst Interessierte.

Bei der Durchsicht ist nicht aufgefallen, dass etwas gefehlt hätte. Im Gegenteil, einige historische Zusammenhänge dürften vor allem in dieser Darstellungsform nicht wirklich überall bekannt sein. Den historischen Kontext kann solch ein Atlas natürlich nicht bieten, aber als Visualisierung dessen ist er ungemein hilfreich und ein Gewinn im Bücherregal.

Christian Grataloup: Die Geschichte der Welt – Ein Atlas

Autor:

Christian Grataloup wurde 1951 geboren und ist ein französischer Geograf und Historiker. Er ist emeritierter Professor an der Universität Paris VII. Am Institut d’etudes politiques de Paris hat er ebenso gelehrt, wie an den Universitäten von Reims, Dakar, Genf und Lüttich. Grataloup forschte u. a. zur Didaktik der Geografie als auch zur Geogeschichte der Globalisierung. Er ist Autor zahlreicher Werke, die bereits in mehreren Sprachen übersetzt wurde und zeichnet sich für eine Vielzahl von Fachartikeln verantwortlich.

Christian Grataloup: Die Geschichte der Welt – Ein Atlas Weiterlesen »

Frank Engehausen/Michael Erbe (u. A.): Deutsche Geschichte – von der Antike bis heute

Inhalt:
Das große Werk zur deutschen Geschichte – von der Spätantike bis heute

Umfassend und fundiert werden hier 2000 Jahre deutsche Geschichte in acht Epochen dargestellt. Ein Zeitstrahl und eine Einführung zu jedem Kapitel bieten einen Überblick über die Meilensteine und die prägenden Entwicklungen der jeweiligen Zeit. Die über 500 Fotos, Karten, Tabellen, Kurzporträts und Schlüsselbegriffe machen Zusammenhänge deutlich und erwecken deutsche Geschichte zum Leben. (Klappentext)

Rezension:

Gerade die Darstellung historischen Überblickwissens hat des Öfteren den Knackpunkt, dass je mehr man sich der Gegenwart annähert, auf Ereignisse zur Sprache kommt, deren Ausgang man noch gar nicht kennen kann, so dass es einer ständigen Aktualisierung bedarf. Hier endet die Darstellung des Überblicks der deutschen Geschichte mit dem Beginn der Übernahme der Macht einer neuen Regierung nach der der ersten Bundeskanzlerin Angela Merkel, doch zuvor ist viel passiert. Zweitausend Jahre Geschichte hat ein Team von Historikern nun zu einem Lexikon der Historie ausgearbeitet, vom Anbeginn der Antike bis hinein in unsere Zeit. Dargestellt wird unsere Geschichte, welche zugleich auch ein wichtiger Teil europäischer Geschichte ist, in all ihren aufregenden und zuweilen auch grausamen Fascetten.

In acht Abschnitten werden ausführlich Antike und Völkerwanderung, das Mittelalter, das konfessionelle Zeitalter (1495-1648), das Ancien Regime, das bürgerliche Zeitalter, die Zeit der Weltkriege und die Geschichte der deutschen Teilung, sowie der Wiedervereinigung dargestellt. Den Abschluss findet die Betrachtung in den 1990er Jahren bis hin zu den ersten Monaten der Regierung Scholz.

Ausführlich werden Wege beleuchtet, Wendepunkte und Kontraste unserer Geschichte, ergänzt mit zahlreichen Bildmaterial, Karten und Kurzbiografien, sowie ebenfalls an den Seitenrändern herausgestellten Begriffsklärungen. Man kann dies hintereinanderweg lesen oder als Lexikon gebrauchen, wie es wahrscheinlich von vielen Lernenden und Interessierten gebraucht wird. Dabei wird der Fokus nicht nur auf die große Politik gelegt, sondern auch auf Entwicklungen in den Bereichen Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur eingegangen, um ein umfassendes Bild zu erhalten.

Autorenkollektiv: Deutsche Geschichte – von der Antike bis heute, Seiten: 512, ISBN: 978-3-411-71020-1, Duden Verlag

Die einzelnen Texte sind von Stil und Machart her einheitlich gehalten, auf den neuesten Stand historischer Forschungen und ohne Vorwissen lesbar, wie dies bereits in vorangegangenen Wissensübersichten des Verlags der Fall ist. Wieder gelingt hier der Spagat zwischen ausführlicher und detaillierter Darstellung und kompakter Aufbereitung. Jedem Kapitel wird ein Zeitstrahl, sowie einer gesonderten Einführung vorangestellt.

Die Bewertung des Werks hierbei darf sich nicht auf den Inhalt als solchen beziehen. Unsere Geschichte ist verlaufen, wie sie es eben ist und die Bewertung derer erfolgt zwangsläufig immer durch ihr Ergebnis und der Betrachtung nachfolgender Generationen. Hier sei aber der sachliche Stil genannt, sowie die Aufbereitung, mit der man eine Bleiwüste verhindert hat. Ist man mit der Lektüre von einigen Abschnitten durch, hat man sich sicher nicht nur einen Gutteil Wissen für die Geschichts- oder auch Deutschprüfung (wenn es da um die historische Komponente geht) angeeignet. Einen modern aufbereiteten Rundumblick griffbereit zu haben, schadet ja nicht.

Insofern ist dies eine sinnvolle Ergänzung für das Regal.

Autorenkollektiv:
Frank Engehausen, Michael Erbe, Kay Peter Jankrift, Jörn Leonhard, Gabriele Metzler, Walter Mühlhausen, Dietmar Schiersner, Axel Schildt und Hans-Ulrich Thamer
(mehr über diese Personen: hier)

Frank Engehausen/Michael Erbe (u. A.): Deutsche Geschichte – von der Antike bis heute Weiterlesen »

Johan Eklöf: Das Verschwinden der Nacht

Inhalt:

Nachtfalter umschwirren eine Straßenlaterne – wer kennt den Anblick nicht? Die vielen Lampen und Lichter auf unseren Straßen und an unseren Häusern verwirren diese lichtempfindlichen Tiere. Und erschöpft sterben sie schließlich dort, statt ihrer nächtlichen Bestimmung, der Befruchtung nachtblühender Gewächse, nachzugehen.

Der schwedische Zoologe Johan Eklöf zeigt: Alle Rhythmen der Natur sind letztlich abhängig vom Wechsel zwischen Tag und Nacht. Fällt dieser Wechsel weg wegen des künstlichen Lichts, das unsere Welt immer stärker erhellt, dann hat das gravierende Folgen. Und auch der Mensch leidet unter zu viel Licht, weil Störungen seines Schlaf-wach-Rhythmus ihn krank machen.

Das Verschwinden der Nacht zeigt eindringlich, welche Bedeutung die Dunkelheit für die Natur hat – und welche Faszination von der Nacht ausgeht. (Klappentext)

Rezension:

Während das Genre Nature Writing in den Regalen der Buchhandlungen überhandnimmt, sucht man immer öfter das ins Dokumentarisch gehende Schreiben vergebens, genauso wie absolute Dunkelheit. Die ist selbst zu nachtschlafender Zeit kaum mehr zu finden. Das Licht, welches unsere Städte erhellt, überstrahlt einen Großteil der sonst sichtbaren Sterne und bringt den Biorhythmus nicht nur von Flora und Fauna durcheinander. Johann Eklöf, der seit Jahren den Spuren von Fledermäusen folgt, begibt sich im nicht mehr ganz so durchdringenden Dunkel der Nacht auf die Suche.

Gleich zu Beginn des Sachbuchs folgen wir dem Zoologen auf den Weg zu den immer spärlicher werdenden, noch nicht vom künstlichen Licht, angestrahlten Kirchtürmen Schwedens, die eine Herberge für Fledermauskolonien bilden. Das ist auch in dem sehr mit der Natur verbundenen skandinavischen Land inzwischen eine Seltenheit. Wird ein Gebäude mit künstlichem Licht bestrahlt, verschwinden die Flügeltiere, aber auch andere haben mit der von uns geschaffenen Situation zu kämpfen.

Man weiß schon lange, dass nachtfliegende Vögel sich in besonders große Höhe bewegen, wenn der Mond an einem klaren Himmel steht und tausend Sterne zu sehen sind. In bewölkten Nächten, bei Regen und Nebel fliegen die Vögel niedriger. In diesen Fällen ist aber das Risiko besonders groß, dass die Schwärme von Licht und Gebäuden verwirrt werden.

Johan Eklöf: Das Verschwinden der Nacht

Kurzweilig, anhand zahlreicher Beispiele, beschreibt Johan Eklöf, wie die Nacht zum Tag wurde und welche Folgen dies nicht nur für Tiere und Pflanzen hat. Neben dem sich wandelnden Klima sieht er das, was Astronomen schon länger Lichtverschmutzung nennen, als einen bedeutenden Faktor an, der uns zusätzlich zum Verhängnis werden könnte. Ein Schwarzseher ist er dennoch nicht. Ausgerechnet unsere moderne Beleuchtung könnte helfen, dem entgegen zu wirken.

Immer wieder spürt man beim Lesen die Begeisterung und die Faszination für das, was den meisten von uns insgeheim noch immer unheimlich erscheint, obwohl wir schon längst nicht mehr vom Dunkel unserer Vorfahren umgeben sind. Kenntnisreich erzählt der Autor von faszinierenden Naturschauspielen, Tierbegegnungen und wie wir unser Bedürfnis nach Licht, damit Orientierung, und das der Natur miteinander vereinbaren können. Der erhobene Zeigefinger fehlt, doch dem Autor fehlt nicht viel, so dass man sich beinahe in einer Dokumentation von David Attenborugh wähnt.

Eine weitere effektive Methode, um Ökosysteme zu stören und das Gleichgewicht zwischen Beutetieren und Räubern aufzuheben, liegt in einer Veränderung der Umwelt. Wenn wir unsere Abende und Nächte heller machen, verwirren wir nicht nur den zirkadianen Rhythmus der Tiere, sodass sie nicht mehr wissen, wann sie sich verstecken und wann sie auf die Jagd gehen sollen. Wir nehmen darüber hinaus sowohl Beutetieren als auch den Räubern auch die Möglichkeit, ihre Verstecke zu tarnen.

Johan: Eklöf: Das Verschwinden der Nacht

Viel Wissen nimmt man ohnedies aus der Lektüre mit und zugleich, was uns entgeht, wenn wir die Nacht bei Licht betrachten. Hier ist die Mischung, die beim Nature Writing oft genug im philosophischen Mehltau mündet, aus persönlichen Schilderungen und der Einbindung von Fakten sehr gut funktioniert. Es wurde Zeit, dass sich diesem sonst so unbeachteten Faktor jemand annimmt.

Autor:

Johan Eklöf wurde 1973 geboren und ist ein schwedischer Zoologe und Fledermausexperte. Er arbeitet als Naturschützer und berät Behörden, Stadtplaner und Organisationen zu den Themen Nachtökologie und naturfreundliche Beleuchtung.

Johan Eklöf: Das Verschwinden der Nacht Weiterlesen »

Milan Zimmermann: Murder Suicide – Der inszenierte Tod

Inhalt:

Eine junge Mutter erstickt ihre fünf Kinder und springt danach vor einen Zug; ein betagter Rentner ersticht seine demente Frau und tötet sich selbst mit einer Plastiktüte über dem Kopf; beim Landeanflug auf einen Flughafen bringt ein Pilot eine Passagiermaschine mit 174 Menschen zum Absturz. Und jedes Mal trauert und schweigt eine fassungslose Öffentlichkeit.

Milan Zimmermann, Experte für erweiterte Suizide, hat Dutzende solcher Fälle untersucht. Er blickt hinter die Mauer des Schweigens und kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Viele solcher Verbrechen könnten verhindert werden. (Klappentext)

Rezension:

Zu Recht schwer greifbar ist in unserer Gesellschaft die Thematik der erweiterten Suizide, gibt es doch keine einheitlichen Kriterien, nach denen eine Tat als solcher eingestuft wird. Nein, weltweit definiert man die Merkmale sog. erweiterter Suizide anders. Einheitliche Datenbanken und Maßnahmen, um dergleichen zu verhindern, sind so kaum möglich. Was ein Mord ist und wie mit Tat und Tätern wird, weiß man vielleicht. Angebote zur Prävention von Suiziden sind schon weniger bekannt. Wie sieht es da im Zwischenbereich aus? Nicht viel besser. Der Neurologe Milan Zimmermann setzt mit seinem Sachbuch hier nun an und füllt eine wichtige Lücke.

Wer nun glaubt, eine Aneinanderreihung von Fallbeispielen vor sich zu haben, der irrt. Im sehr nüchtern gehaltenen Stil versucht der Autor hier Unterscheidungsmerkmale näherzubringen und unterschiedliche Kategorien erweiterter Suizide darzustellen.

Sehr sachlich geht er dabei vor allem auf neurologische und psychische Komponenten ein, aber auch auf den Blick der Gesellschaft, sowie derer, die diese Taten begehen. Zimmermann stellt dar, warum gerade die medizinische Betrachtung sehr komplex und nicht nur systembedingt sehr komplex und voller Widrigkeiten steckt, was zuweilen sehr ausschweifend und so detailliert geschieht, dass man sich als Laie schon arg konzentrieren muss, um mitzuhalten. Fallbeispiele gehen da schnell unter. Die Kapitel sind themabedingt sehr ausführlich gehalten, wobei es durchaus gelingt, Unterschiede herauszustellen. Trotz allem empfiehlt sich langsames Lesen.

Nachdem begriffliche Unterschiede ausführlich betrachtet, medizinisch und gesellschaftlich beleuchtet sind, werden Präventionsmaßnahmen im Einzelnen und zum Schluss nochmals zusammenfassend dargestellt. Hiermit ist dann die Relevanz gegeben, die die ernste Natur des Werks unterstreicht, die Ausführungen unterstreicht und vielleicht sogar in der Lage versetzt, aufmerksamer gegenüber der eigenen Umgebung zu sein und zu verhindern, bevor es zum Schlimmsten kommt.

Wir müssen endlich von einer Stigmatisierung psychiatrischer Erkrankungen wegkommen.

Milan Zimmermann: Murder Suicide – Der inszenierte Tod

An manchen Stellen wären mehr Fallbeispiele wünschenswert gewesen, vielleicht die medizinisch-psychologischen Ausführungen in einem Kapitel gebündelt, um die Lektüre weniger anstrengend zu gestalten. Auch der Schreibstil hätte nicht ganz so schwer sein dürfen, wenn es schon die Thematik nicht ist. Hier kommt der Mediziner, der Wissenschaftler durch, der den Sachverhalt ergründen und näherbringen möchte. Das zumindest muss man anerkennen. Überhaupt ist es wichtig, dass einmal erweiterte Selbstmorde überhaupt zur Sprache gebracht werden, zudem mit dem Ziel, vielleicht einen Beitrag zu ihrer Verhinderung zu leisten.

Am Informationsgehalt und der Recherchequalität liegts nicht, eher an der Gliederung, die entweder anders oder kleinteiliger hätte ausfallen können und am sehr nüchtern gehaltenen Schreibstil, der doch nicht wenig an Konzentration verlangt. Dass die Thematik selbst kein Wohlfühlthema ist, versteht sich von selbst. So aber sollte man ohnehin nicht da herangehen. Wer sich etwas ernsthafter mit Kriminalistik abseits vom beinahe unterhaltenden True Crime beschäftigen möchte, sich auch für psychologische Komponenten davon interessiert, für jene ist die Lektüre empfehlenswert. Alle anderen sollten sich aber in jedem Fall das letzte Kapitel zu Gemüte führen.

Autor:
Milan Zimmermann ist seit 2016 Neurologe an der Universitätsklinik Tübingen und forscht am Hertie Institute for Clinical Brain Research über neurodegenerative Erkrankungen. Zuvor hat er am Institut für Rechtsmedizin der Berliner Charite mit seiner Arbeit über erweiterte Suizide promoviert. Er betreibt einen YouTube-Kanal MediKuss, der medizinisches Wissen auf leicht verständliche Weise vermittelt, zudem ist er nebenberuflich als Privatdozent tätig.

Milan Zimmermann: Murder Suicide – Der inszenierte Tod Weiterlesen »

Kurzblick: Große Kunstgeschichten für kleine Künstler*Innen

Kurzblick: In dieser Kategorie kommt all das zum Tragen, was sonst nirgendwo hineinpasst. Etwas nicht zu schreiben, wäre ja schade.

Der Begriff -Kunstmuseum- sorgt alleine schon für entsprechende Bilder im Kopf. Behangene Wände, steril und staubtrocken die Atmosphäre, hallende Schritte auf den Parkettböden und Aufsichtspersonen, die bei jedem Geräusch, lauter als ein leichtes Hüsteln, zusammenzucken und einschreiten. Vielleicht sind es, nicht nur, diese Dinge, die dafür sorgen, dass das Interesse für solche Stätten und die Werke, die dort präsentiert werden, schon in der Gruppe der Erwachsenen sehr limitiert ist? Kinder scheinen da erst recht unerreichbar zu sein, obwohl diese durchaus gerne malen, zeichnen, basteln, eben kreativ sind.

Amy Guglielmo/Petra Braun: Große Kunstgeschichten – Vincent van Gogh: Er sah die Welt in lebhaften Farben, ISBN: 978-3-8310-4452-8 (Abbildung: Dorling Kindersley)

Inzwischen jedoch gibt es Museen, die den Versuch wagen, dagegen zu steuern. Kreative Workshops in allen Richtungen werden angeboten, es gibt Führungen, die speziell auf die Kleinsten zugeschnitten werden, inzwischen auch Bücher, die einladen, selbst kreativ zu werden und etwa zu zeichnen, wie die Großen. Eine neue und dahingehend sehr anregende Reihe ist die der -Großen Kunstgeschichten- aus dem Sachbuchverlag Dorling Kindersley, die jetzt mit zwei Werken startet und zukünftig hoffentlich die eine oder andere Fortsetzung erfährt.

Beide Werke, erschienen bei Dorling Kindersley, ISBN: 978-3-8310-4452-8, sowie ISBN: 978-3-8310-4453-5, hier und hier. (Abbildungen: Dorling Kindersley)

In Zusammenarbeit mit dem New Yorker Metropolitan Museum of Art (MET) folgen die Autorinnen Gabrielle Balkan und die Illustratorin Josy Bloggs der amerikanischen Künstlerin Georgie O’Keeffe, während sich Amy Guglielmo und Petra Braun auf die Spuren Vincent van Goghs begeben. In verständlicher Sprache und wunderbar illustriert wird das Leben der beiden Kunstschaffenden dargestellt, Merkmale der Zeichenstile und einzelne Werke herausgestellt.

Damit nicht genug, auch werden immer wieder Anregungen gegeben, an denen sich nicht nur die Kleinsten versuchen können. So heißt es etwa: „Schau dir eine Pflanze genau an. Was siehst du? Versuche, die Einzelheiten zu malen.“, oder aber: „Betrachte deine Hand ganz genau und versuche, sie in verschiedenen Positionen zu zeichnen.“ Im Anschluss daran findet sich ein kleiner Zeitstrahl in Form einer Aneinanderreihung von Bildern, eine kleine Begriffssammlung, die nochmals Augenmerk auf wichtige beschriebene Informationen lenkt. Natürlich kindgerecht erklärt.

Gabrielle Balkan/Josy Bloggs: Große Kunstgeschichten – Georgia O’Keeffe: Sie sah die Welt in einer Blume, ISBN: 978-3-8310-4453-5 (Abbildung: Dorling Kindersley)

Zwei Werke, die für kreative Kinder sicher interessant sind, zudem einige Anregungen geben, um selbst kreativ zu werden und vielleicht einige davon auch für Museumsbesuche begeistern können. Das wäre doch schön. Eventuell gibt es die eine oder andere Idee, was man sonst noch malen könnte, gleich dazu.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Kurzblick: Große Kunstgeschichten für kleine Künstler*Innen Weiterlesen »

Peter Englund: Momentum – November 1942

Inhalt:

Im November 1942 drängt alles auf Entscheidung: Auf der Pazifikinsel Guadalcanal schlagen US-Streitkräfte die japanischen Besatzer zurück; in der Schlacht von El Alamein, Ägypten, werden die deutsch-italienischen Truppen zum Rückzug gezwungen; in Stalingrad wird die deutsche 6. Armee eingekreist.

Peter Englund schildert die Ereignisse in diesem entscheidenden Monat aus der Sicht derer, die sie erlebt haben: darunter ein deutscher U-Boot-Kommandant im Nordatlantik, ein zwölfjähriges Mädchen in Shanghai, ein sowjetischer Infanterist in Stalingrad, ein Partisan in den belarussischen Wäldern, eine Journalistin in Berlin, eine Hausfrau auf Long Island – neben bekannten Figuren wie Sophie Scholl, Ernst Jünger oder Albert Camus. Ein episches Geschichtswerk, das die existenzielle Dimension des Krieges erfahrbar macht. (Klappentext)

Rezension:

Nach der Erzählung eines spannenden Stücks skandinavischer Kriminalgeschichte hat sich der schwedische Historiker und Journalist Peter Englund einem Wendepunkt der Geschichte vorgenommen und seziert die wenigen Wochen, die sich rückblickend als mit entscheidend für den Ausgang des Zweiten Weltkriegs darstellen.

Der November 1942 ließ den Mythos der unbesiegbaren Deutschen ebenso bröckeln, wie die über alles erhabene Weltsicht einiger japanischer Militärs. Zugleich zeigte sich das Organisationstalent und die wirtschaftliche Stärke Amerikas, die zum entscheidenden Faktor des Krieges werden sollte, aber auch der unbedingte Durchhaltewillen der sowjetischen Streitkräfte, die bei Stalingrad auf Entscheidung drängten, sowie die brutale Unmenschlichkeit der Vernichtungslager.

Der Autor berichtet mit der Form des literarischen Sachbuchs und bringt die Perspektiven verschiedener Beteiligter rund um den Globus zur Sprache. Beinahe liest man dies wie einen Roman, hat jedoch ein auf gründlicher Recherche gestütztes Werk, welches unzählige Facetten beleuchtet. So verfolgen wir auch die ersten Schritte auf den Weg zur Atombombe, ebenso wie Leben in ihrem Exil, sowie nur scheinbar fernab aller Fronten die Auswirkungen des Krieges spürend.

Peter Englund beschreibt die Auswirkungen des Krieges auf die von ihm gewählten Protagonisten. Fast nüchtern verfolgt er deren Weg, nimmt sich Zeit, ohne Fäden und Biografien aus den Augen zu verlieren. Eine Karte, die das Innere der beiden Buchdeckel verkleidet, verdeutlicht Dimensionen, zwei Bildteile visualisieren das Erzählte. Die Gefahr, ausschweifend zu werden, ist der Autor durch ständige Perspektivwechsel umgangen, die jedoch zuweilen zum Innehalten zwingen, da zu viele Personen es mit sich bringen, durcheinander gebracht zu werden.

Der erzählte Zeitraum ist übersichtlich, doch ist in den Wochen des November 1942 so viel passiert, dass es sich lohnt, diesen gesondert zu betrachten, wie man es mit ähnlichen zeitlichen Abschnitten des Zweiten Weltkrieges bereits getan hat, oft beschränkt auf nur einem geografischen Raum, Land oder Personenkreis.

Diese Art der Betrachtung so geführt ist dagegen nicht so häufig und kann jene ansprechen, die sonst vor Mammutwerken nüchterner Sachliteratur zurückschrecken, zugleich werden auch in Europa eher unbekanntere Ereignisse zur Sprache gebracht. Wie viel wissen wir denn tatsächlich von den Kriegsgeschehen im asiatischen Raum und dem dadurch beeinflussten Alltag der Menschen, etwa in Shanghai oder Burma, wie viel von den Kämpfen auf den Inseln im Pazifischen Ozean?

So bringt der Autor bekannte und unbekanntere neue Facetten zusammen und gibt einen Überblick, der zwar genug detailschärfe besitzt, sich jedoch nicht im Klein-Klein verliert. Dies ist eine Schwäche seines Werks, zugleich jedoch dessen größte Stärke. Anders erzählt, müsste man sich auf nur einen Schauplatz beschränken oder diese Art des Erzählens zu Gunsten eines sachlicheren Stils aufgeben. Peter Englund ist der Spagat gelungen.

Autor:

Peter Englund wurde 1957 im schwedischen Ort Boden geboren und ist ein skandinavischer Historiker und Schriftsteller. Nach Abitur und Wehrdienst studierte er Archäologie, theoretische Philosophie und Geschichte, arbeitete danach im Nachrichtendienst der schwedischen Armee. 1988 veröffentlichte er ein Buch über die Schlacht bei Poltawa, ein Jahr danach promovierte er mit einer Untersuchung des Weltbilds des schwedischen Adels im 17. Jahrhundert.


Danach war er als Journalist und Korrespondent für verschiedene Zeitungen in Kriegs- und Krisengebieten tätig, veröffentlichte zahlreiche historische Werke und war u.a. Kommentator für Dokumentationen im schwedischen Fernsehen. Seit 2009 war er Mitglied der Schwedischen Akademie, die den Nobelpreis vergibt. Ein Amt, welches er is 2015 innehatte. Mehrere seiner Werke wurden in rund zwanzig Sprachen übersetzt.

Peter Englund: Momentum – November 1942 Weiterlesen »

Charlotte Schallie (Hrsg.): Aber ich lebe

Inhalt:

Emmie Abel überlebte als kleines Mädchen die Konzentrationslager Ravensbrück und Bergen-Belsen. David Schaffer entkam dem Genozid in Transnistrien, weil er sich nicht an die Regeln hielt. Die Brüder Nico und Rolf Kamp versteckten sich in den Niederlanden dreizehn Mal vor ihren Mördern. Zusammen mit den Überlebenden haben drei international bekannte Zeichner:innen deren Geschichten in Graphic Novels erzählt, die unvergesslich vor Augen führen, was der Holocaust für Kinder bedeutete – und nicht nur für sie. (Klappentext)

Rezension:

Immer weniger Zeitzeugen gibt es, die uns und vor allem den nachfolgenden Generationen erzählen können, wie es war, aufzuwachsen, inmitten des Holocausts, einem unvorstellbaren Terror ausgeliefert zu sein, in dem ein winziger Moment des Zögerns, eine falsche Entscheidung, ein unvorsichtiger Augenblick den Tod bedeuten konnte. Um so wichtiger ist es, deren Erinnerungen festzuhalten und sie so aufzubereiten, dass Interesse geweckt wird und die Geschichten der Erzählenden im Gedächtnis bleiben.

In einer Mischung aus Sachbuch und Graphic Novel versuchen dies mit „Aber ich lebe“ drei Illustratoren, die zusammen mit ihren Interview-Partnern deren Kindheit nachspüren und fangen mit unterschiedlichen Zeichenstilen sehr individuell deren und nicht zuletzt ihre eigenen Eindrücke ein, bevor am Ende der Streifzüge eine Nachbereitung in Textform eingefügt ist.

Zunächst Barbara Yelin, die die Geschichte von Emmie Arbel nachspürt. In düsteren und dunklen Farben erzählt sie die Geschichte des kleinen Mädchens, welches kaum alt genug ist, um zu begreifen und doch schon gelernt hat, zu überleben. Frohe Momente, sowie die heutige Zeit sind dagegen hell gehalten. Die Konturen verschwimmen, wenn Erinnerungen diffus werden, der Blick verliert sich in Details. Wie wirken Schrecken und Grauen der Kindheit bis ins hohe Erwachsenenalter hinein?

But I live / Barbara Yelin über Emmie Arbel

Eine andere Facette beleuchtet Miriam Libicki. Sie erzählt die Geschichte von David Schaffer, der am anderen Ende Europas den Folgen des Holocausts entkam. Die Zeichnerin setzt auf klare Konturen, im Gegensatz zu Yelin, auch die Farben sind leuchtender, heller gehalten. Hier ist es der Hintergrund der an detailschärfe verliert, während die Figuren immer fassbar und bestimmt bleiben. Manche Zeichnungen wirken beinahe holzschnittartig, als würde man mit Puppen das Erlebte lebendig werden lassen. Im Gegensatz zur ersten Geschichte bindet sich Libicki nicht ein, um Kontrast und Wirkung zu schaffen.

Zuletzt, die Erinnerungen von Rolf und Nico Kamp, erzählt von Gilad Seliktar. Die Zeichnungen sind in bläulichen und gelblichen Tönen gehalten und wirken beinahe wie ältere Fotos. Auch dieser Stil weiß eine, nein eigentlich zwei, Geschichte eindrucksvoll in Szene zu setzen, wobei natürlich alle drei Geschichten auf ihre Art in Erinnerung bleiben werden.

„Aber ich lebe – Vier Kinder überleben den Holocaust“, nach den Erinnerungen von Emmie Arbel, David Schaffer, Nico Kamp und Rolf Kamp (Quelle: C. H. Beck)

Diese sind dann auch nicht zu werten. Erlebt ist erlebt, wobei die Konzentration auf einzelne Szenen liegt. Keine Geschichte ist mit der anderen zu vergleichen und doch haben sie alle etwas gemeinsam. Das Ziel der Mitwirkenden ist in jedem Fall erreicht, um so mehr noch als auch der Entstehungsprozess, das Zusammenfinden der Zeichnenden mit Machern und Zeitzeugen illustriert dargestellt wird und eine Nachbereitung in Textform die weitergehenden Biografien von David Schaffer, Nico und Rolf Kamp, sowie Emmie Arbel beleuchtet.

Hier ist das Kunststück gelungen, Geschichte für die Nachwelt modern aufzubereiten, nicht nur für Kinder und Jugendliche. Im Englischen gibt es wohl dazu auch begleitendes Unterrichtsmaterial. Mit der Konzentration der Illustrierenden auf einzelne Punkte der Erinnerungen der Zeitzeugen werden zudem bestimmte Aspekte herausgestellt, zudem ein schwieriges Thema niedrigschwellig und doch anspruchsvoll aufbereitet.

Diese Art, Geschichte zu erzählen, funktioniert wunderbar, wenn die Zeichnenden, wie hier, nicht den Menschen aus den Blick verlieren. So reiht sich „Aber ich lebe“ gut ein, zu den Büchern gegen das Vergessen. Wünschenswert wäre es, noch mehr Werke dieser Art zu schaffen.

Leseprobe des Verlags: hier klicken

Verantwortliche:

Charlotte Schallié ist Professorin an der University of Victoria in Kanada und unterrichtet sowohl Germanistik als auch Holocaust Studies. 1965 in Toronto, Kanada geboren, wuchs sie in der Schweiz auf und studierte zunächst Geschichte und Germanistik in Vancouver. Sie veröffentlichte mehrere Werke u. a. zur Schweizerischen Geschichte im Zweiten Weltkrieg.

Barbara Yelin wurde 1977 in München geboren und ist eine deutsche Comic-Künstlerin. Sie studierte zunächst Illustration in Hamburg und zeichnete mehrere Comic-Geschichten, die in verschiedenen Zeitungen und Anthologien erschienen. 2012 erhielt sie eine Gastprofessor an der Hochschule der Bildenden Künste Saar, 2013-2015 war sie Dozentin in Erlangen.

Miriam Libicki ist Autorin der Graphic Novel „Jobnik!“ über ihren Wehrdienst in Israel sowie zahlreicher Nonfiction Comics. Sie wurde 2017 mit dem Vine Award for Canadian Jewish Literature ausgezeichnet.

Gilad Seliktar illustriert Kinderbücher, zeichnet Comics und Illustrationen für verschiedene israelische Zeichnungen unnd wurde 2018 bei der Vergabe des Israel Museum Ben-Yitzhak Award ausgezeichnet. Er ist autor mehrerer Graphic Novels und lehrt in Jerusalem an der Bezalel Academy of Arts and Design.

Sie erzählen die Geschichten von Emmie ArbelRolf und Nico Kamp, sowie David Schaffer.

Für externe Inhalte wird keine Haftung übernommen, diese gehören den Erstellern.

Charlotte Schallie (Hrsg.): Aber ich lebe Weiterlesen »

Udo Lielischkies: Im Schatten des Kreml

Inhalt:

Seit Wladimir Putin 1999 an die Macht kam, berichtete Udo Lielischkies als ARD-Korrespondent aus dem riesigen Land. In dieser Zeit hat er nicht nur die russische Politik, sondern auch den Wandel des russischen Lebens unter Putin hautnah miterlebt. Udo Lielischkies erzählt von seinen Erlebnissen zwischen Kreml und russischer Provinz und vor allem von den stillen Helden in den Weiten Russlands. Ein einzigartiges Bild des facettenreichen wie widersprüchlichen Landes. (Klappentext)

Rezension:

Fast zeitgleich, als Putin 1999 an die Macht kam, wechselte der ARD-Reporter Udo Lielischkies das Berichtsgebiet und begann einzutauchen, in das Leben und die große Politik des größten Landes der Erde. In seinem Sachbuch berichtet er, in der Neuauflage vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine, vom Wandel der russischen Gesellschaft, einem Staat, dessen Gesicht nun ein vollkommen anderes ist, aber auch von den Herausforderungen des Korrespondenten-Daseins, wenn nichts ist, wie es zunächst scheint.

Eingerahmt von Eindrücken des jüngsten Ereignisses beginnt der Autor das Erlebte von Beginn an, aufzurollen und zeigt die Schwierigkeiten des Reporterlebens in einem zunächst ihm unbekannten Land auf, sowie die Schnelllebigkeit der Ereignisse, die von Beginn an seine Tätigkeit bestimmte.

Dabei setzt er den Fokus auf einzelne Ereignisse, sowie auf seinen Begegnungen mit Menschen aus ganz Russland und portraitiert das Leben in Moskau ebenso, wie die Unzulänglichkeiten der Provinz, aber auch die Unberechenbarkeiten des Tschetschenien-Kriegs, das erste Geschehnis, welchem er für den ersten deutschen Fernsehsender auf den Grund gehen musste. Im Fokus dabei, neben der Einordnung politischer Entscheidungen für die Zuschauenden, immer auch die Menschen, die davon direkt betroffen waren, dabei einen vollkommenen und gefährlichen Umbau der russischen Gesellschaft zu erleben.

Kompakt reiht er Ereignis um Geschenis aneinander, zeigt die Konsequenzen auf und konzentriert sich dabei immer wieder auf einzelne Themen, wie die Gleichschaltung des einheimischen Journalismus‘, sowie dem Ausschalten derer, die versuchen, so lange, wie möglich, noch ihre eigene Sicht der Dinge zu publizieren oder aber die Vereinnahmung von Ernten kleiner Bauern durch übermächtige Agrar-Konzerne mit Verbindungen, hinein in höchste politische Ebenen.

Warum sind trotz offensichtlicher Willkür und um sich greifender Korruption, spurlos verschwindender Gelder aus thematisch begrenzten Budgets, so viele Menschen immer noch für Putin? Was hält dieses Land zusammen, wo das Vertrauen nicht Weniger längst zerstört ist und Russland längst ausblutet?

Anhand von zahlreichen Beispielen gibt er Einblick in den schwierigen Alltag der Menschen, die oft das propagierte Bild im Einklang mit der Wahrheit bringen müssen, was immer schwieriger wird. Was nützt es, ständig von Erfolgen zu hören, wenn der eigene Kühlschrank leer bleibt, da Löhne und Renten nicht zum leben reichen, Dächer undicht sind und kein Zugang zu sauberen Trinkwasser vorhanden ist. Udo Lielischkies gibt jedoch auch Einblick in den schwierigen Reporter-Alltag, Recherchearbeit, Berichtsglück und der Entscheidungsfindung, was berichtet wird, wenn sich die Ereignisse mal wieder überschlagen.

Doch nicht die großen Eindrücke sind es, die diese Rückschau so interessant macht, sondern die zahlreichen dokumentierten Begegnungen, vor allem mit Menschen, die die Differenzen sehen, jedoch nicht gegen die Allmacht des Staates und seiner Anhängel ankommen. Einmal mehr gilt der Spruch, Russland schert sich nicht um das Lebensglück seiner Menschen. Fasslungslos nimmt man das Beschriebene auf, welches zudem durch umfangreiches Quellenmaterial unterfüttert wird, welches der Autor hintenan stellt.

Udo Lielischkies hat Wandel und Widerspruch portraitiert, authentisch zudem, da auch er inzwischen in Russland Familie hat und sozusagen den Alltag mitbekommt. Das Land, was er 2018 verließ, war da längst ein anderes, als das, von welchem er 1999 zu berichten begann, vier Jahre später sowie so.

Der Journalist schlägt sich auf keine Seite, beobachtet und ordnet ein und zeigt an zahlreichen Beispielen auf, wie Entscheidungen verschiedener staatlicher Ebenen, gewollt ein System der Willkür und Korruption geschaffen haben, welches längst ein Eigenleben führt. so gewollt von der obersten Führung.

Der Ton wechselt dabei von sachlicher zu emotionaler Ebene. Sowohl die Portraits der Ereignisse als auch der teilhabenden Menschen waren sehr spannend zu lesen, aber auch, wie Berichtsalltag in einem solch kaum fassbaren Land überhaupt funktioniert. Vom letzteren hätte es nicht geschadet, noch mehr Beispiele aufgeführt zu sehen, jedoch auch so ist ein sehr bezeichnender Bericht. Udo Lielischkies zeigt, was passiert, wenn sich Politik und Volk auseinander entwickeln und nur durch verschiedene Formen von Gewalt und Willkür zusammengehalten werden. „Im Schatten des Kreml“ zeigen sich die Widersprüche.

Autor:

Udo Lielischkies wurde 1953 in Köln geboren und ist ein deutscher Journalist und ehemaliger Leiter des ARD-Studios in Moskau. Er studierte in Köln Volkswirtschaft und Soziologie, sowie Journalistik. 1980 begann er als Wirtschaftsredakteur beim WDR, nachdem er zuvor als freier Mitarbeiter tätig war.

Nach Stationen in verschiedenen Redaktionen wurde er 1994 Europa- und NATO-Korrespondernt in Brüssel, bevor er 1999 nach Moskau wechselte und von dort u. a. aus Tschetschenien und der Ukraine berichtete. Für seine Reportagen wurde er u. a. mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Ab 2006 war er kurzzeitig in washington tätig, kehrte jedoch bald für die ARD nach Moskau zurück und blieb dort bis zu seinem Ruhestand, 2018.

Udo Lielischkies: Im Schatten des Kreml Weiterlesen »

Jenny von Sperber: Fritz, der Gorilla

Inhalt:

Diese faszinierende Gorilla-Familiensaga erzählt nicht nur das bewegte Leben von Fritz, sondern zeigt auch die Entwicklung in europäischen Zoos im Umgang mit Menschenaffen auf. Als Jenny von Sperber Fritz zum ersten Mal begegnet, lässt der Gorilla sie nicht aus den Augen. Er ist damals schon über 50 Jahre alt, aber immer noch sehr charismatisch. Für die Journalistin ist klar: Sie will alles über das Leben von fritz herausfinden. (Klappentext)

Rezension:

Es ist noch gar nicht so lange her, da bekamen Zoos weltweit nicht selten ihre Tiere durch Wildfänge rund um die Welt, bis man diese Praxis durch internationale Abkommen weitgehend beendete. In Bezug auf Menschenaffen bedeutete dies oft, eine ganze Gruppe von Tieren zu töten, um an die Jungtiere heranzukommen. Wahrscheinlich, genau weiß man das nicht, kam so auch der Gorilla Fritz als einer der ersten seiner Art nach Deutschland und begründete dort eine Familiendynastie, die nicht nur den Wandel der Zootierhaltung erlebte. Die Journalistin Jenny von Sperber begab sich auf weltweite Spurensuche. Entstanden ist so eine beeindruckende tierische Biografie.

Mal etwas ganz anderes ist es, eine Biografie über ein Individuum unserer nächsten Verwandten zu verfassen, zugleich ein Sachbuch, welches sich mit dem Wandel der Betrachtung von Tieren und den Blick auf eine zeitgemäße Betrachtung von Zoos und Tierparks richtet. Dies kombiniert die Autorin hier in einem kompakten, einfühlsamen und doch sehr informationsreichen Sachbuch, welches sich spannend liest, ohne den objektiven Blick zu verlieren.

Interessant ist dabei der immerwährende Perspektivwechsel zwischen der Geschichte eines Tieres, welches nicht nur die Autorin ins herz geschlossen hat, dem sie trotz anfangs spärlich vorhandener Informationen auf den Grund gehen möchte, auch die Geschichte von Zoos, die Tiere zu reinen Anschauungsobjekten machten, bis zum heutigen Versuch einer, wie auch immer, artgerechten Tierhaltung. Natürlich verbunden mit Artenschutzprogrammen und dem Aufbau eines Backups für bedrohte Tierarten, die in freier Wildnis kaum eine Chance hätten, zu überleben, da Lebensräume immer kleinräumiger werden.

Jenny von Sperber geht dabei biografisch vor, hangelt sich anhand einer Zeitachse entlang und streut Episoden aus den Erinnerungen ehemaliger Mitarbeiter von Zoos, sowie Fritz‘ Nachkommen nach, um ein Gefühl für den beeindruckenden Gorilla-Mann zu bekommen, der nur ein paar Jahre nach ihrem ersten Treffen sterben, damit jedoch trotzdem seine Artgenossen in der Wildnis um mindestens zwanzig Jahre überleben sollte. Sie stellt dabei ethische Fragen über Tierhaltung und Artenschutz in Verbund mit Zoos, zudem die Probleme, mit denen sich das internationale Arterhaltungsprogramm heute auseinandersetzen muss.

Keineswegs nüchtern liest sich das. Den Zwiespalt der Autorin liest man in jeder Zeile, doch verlässt Jenny von Sperber, vielleicht auch wegen des Kontakts mit Zoomitarbeitern und Wissenschaftlern, Naturschützern, nicht die sachliche Ebene. Schon deshalb ist die Lektüre wertvoll, da sie sich nicht auf die oft sehr falsch oder zumindest ziemlich einseitig geführte Diskussion um die Daseinsberechtigung der Zoos und Tierparks einlässt. Die Autorin sieht Zweck und Nutzen, verknüpft diese mit einem großen Aber.

Schwenks zurück führen immer wieder zu Fritz und seinen Verwandten, so dass die Grundthematik nicht aus den Augen verloren wird. Interessant hierbei ist der Blick auf Fritz‘ Familie, deren Nachkommen inzwischen weltweit verstreut leben, aber auch, wie viel Wissen sich die Autorin im Laufe der Recherchen und Kontaktaufnahmen zu Sachverständigen und Experten erarbeitet haben muss. Zudem wird detailreich erzählt, ein großes Plus.

Das Sachbuch ist biografisch gehalten, eröffnet neue Blickwinkel und lässt uns einem unserer nächsten Verwandten fortan mit anderen Augen sehen. Mehr solche Beiträge zu Diskussionen wären wünschenswert, gerade wenn nicht die Festlegung auf nur eine Perspektive dieser zuträglich ist. Und das ist ja zumeist der Fall. Auch dafür steht dann Jenny von Sperbers „Fritz, der Gorilla“.

Autorin:

Jenny von Sperber wurde 1979 geboren und arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin. Für Rundfunk und Fernsehen veröffentlichte sie verschiedene Beiträge mit den Schwerpunkten Ökologie, Wild Life, sowie weitere gesellschaftlich relevante Themen. Ausgezeichnet wurde sie mit dem Heureka-Preis für Wissenschaftsjournalismus. Vorher studierte sie u. a. in Tokyo, Japan, bereiste für verschiedene Reportagen die Welt. „Fritz, der Gorilla“, ist ihr erstes Buch.

Jenny von Sperber: Fritz, der Gorilla Weiterlesen »