Rück- und Ausblick

Mein Rückblick durch’s Bücherjahr 2021

Immer wieder stelle ich fest, dass gerade in, sagen wir, fordernden Zeiten, mir Bücher einen besonderen Halt geben. Mit dem Lesen einiger Seiten auf den Weg zur Arbeit oder vor Hochfahren des Büro-Laptops im Home Office starte ich in den Tag, abends auf den Nachhauseweg in der U-Bahn schaufel ich mir mit Büchern den Kopf frei und komme auf andere Gedanken. So habe ich dieses Jahr viele Bücher für mich entdecken können, mehr gelesen als etwa im Jahr 2020, erstaunlicherweise mit vergleichsweise wenigen Totalausfällen. Nur einen Abbruch hatte ich auf den Zähler. Darum soll es heute aber nicht gehen. 2021 war für uns alle anstrengend genug. daher habe ich mich dazu entschlossen, meinen Rückblick auf die Lese-Highlights des Jahres zu beschränken und die anderen Werke aus meinem Gedächtnis zu verdrängen. Wer diese sich noch einmal zu Gemüte führen möchte, den bleibt nichts übrig, als die Rezensionen zu durchstöbern. Hier soll es heute nur um die Highlights gehen. Über die Flops sprechen wir zu oft.

Eine Top 10 auszuwählen, ist mir dabei nicht gelungen, so zeige ich ganze zwanzig Bücher, die ich in positiver Erinnerung habe. Von der Belletristik bis zum Sachbuch, von der Neuerscheinung bis zur Backlistliteratur ist alles dabei. Natürlich könnte ich noch viel mehr Werke nennen, aber ihr kennt den Ausdruck: „Das sprengt den Rahmen!“. 🙂

Während Björn Stephan mich mit seinem Schreibdebüt, einem sensiblen Coming of Age Roman, überraschen konnte, entführte mich Esther Horvath gleich zu Beginn des Jahres in die eisigen Gefilde der Arktis. Sie begleitete die bis dato größte von den Forschern des deutschen Alfred-Wegner-Instituts angeführte Polarexpedition, auf dem Eisbrecher „Polarstern“ und brachte beeindruckende Fotos mit nach Hause, die sie in diesem Bildband versammelt hat. Stephan Orth nahm seine LeserInnen dagegen in ein nahezu noch unbekanntes Land. Saudi-Arabien. Immer, Auge und Auge mit Scheichs und Kamelen. Unvergessen natürlich, das Interview, welches ich mit ihm führen durfte.

Christa von Bernuths Kriminalroman „Tief in der Erde“, der auf wahre Begebenheiten eines spekatkulären Falls der bundesdeutschen Kriminalgeschichte beruht, gehört im Bereich True Crime zu meinen Highlights, wie auch Sasha Filipenko, der mit seinem Roman „Der ehemalige Sohn“ tief in die belarussische Gesellschaft Einblick nehmen lässt. Noch nie habe ich einen, über weite Strecken, so deprimierenden Roman gelesen, der jedoch sehr eindrucksvoll zu lesen ist und deshalb definitiv zu meinen Highlights zählt. Olga Grjasnowas Essay über den Nutzen von Mehrsprachigkeit war nichtminder aufschlussreich.

Genau so wie ich Olga Grjasnowas Ausführungen zur Mehrsprachigkeit empfehlen kann, möchte ich allen Natasha A. Kellys Essay über Rassismus ans Herz legen. Hier beschreibt sie, woher Rassismus kommt, wie das wirkt und wie wir dieses strukturelle Problem lösen können. Ihr Werk hatte in jedem Fall den Preis für die am schwersten zu schreibende Rezension gewonnen. So oft habe ich, glaube ich, selten, nach den richtigen Worten gesucht. Khue Pham beeindruckte mit ihrem halbbiografischen Roman einer über die Welt verstreuten, ursprünglich aus Vietnam stammenden Familie und Stefanie vor Schulte mit einer sprachlich so anspruchsvollen erzählung, die ihres Gleichen sucht.

Familiengeschichten oder Coming of Age dominierten bei mir im Bereich der Belletristik und so kann ich auch Alex Schulman „Die Überlebenden“, wie auch das Debüt von janina Hecht „In diesen Sommern“ zu meinen Highlights zählen. In beiden Romanen geht es um Kindheiten und den nicht ganz so einfachen Umgang damit, im Erwachsenenalter, während Ariel Magnus in seinem Roman „Das zweite Leben des Adolf Eichmanns“, den eben genannten wieder lebendig werden lässt, bis zu seiner Entführung und Verhaftung durch Agenten des israelischen Geheimdiensts Mossad. Spannend und erschreckend zugleich , einmal diese Perspektive einzunehmen.

Wie bekommen wir die Fragestellungen und Probleme, die sich gerade jetzt klar und deutlich zeigen, in den Griff? Wo liegen die Stellschrauben im Gesundheitssystem und unserer Gesellschaft? Was muss sich ändern, da Applaus nicht genug ist? Diese Fragen stellt der Journalist David Gutensohn und zeigt, wie Lösungen aussehen können und was in winzigkleinen Schritten schon jetzt passiert oder, wo es noch viel zu tun gibt. Frank Vorpahl entwirrt derweil Mythos und Wirklichkeit um Heinrich Schliemann und Xose Neira Vilas‘ Novelle „Tagebuch einer Kindheit in Galicien“ war genau so erschreckend, wie düster, wie hoffnungsvoll.

Der Historiker Uwe Wittstock zeigt in seinem romanhaft anmutenden Sachbuch „Februar 33 – Der Winter der Literatur“, wie schnell Kunst und Kultur von den Nationalsozialisten nach ihrer Machtübernahme vereinnahmt wurden und Schriftsteller, wie Künstler, ins Abseits gedrängt oder für ideologische Zwecke ausgenutzt wurden. Das Werk zählt wohl bei so Einigen zu den Highlights, wie vielleicht auch „Shuggie Bain“ von Douglas Stuart, eine traurigere und trostlosere Version und Mischung aus „Billie Elliott“ oder Frank McCourts „Die Asche meiner Mutter“. Fast möchte man die Hauptfigur aus den Roman herausziehen, und sie vor allem Übel der Welt beschützen.

Last, but not least. Karsten Krogmann und Marco Seng konstruierten in ihrem Sachbuch „Der Todespfleger“ die Geschichte des Krankenpflegers Niels Högel, der zum größten Serienmörder der deutschen Nachkriegsgeschichte avancieren sollte, zeigen die Mühlen der Justiz auf, eben so wie deren Schlagkraft, während Roman Deininger und Uwe Ritzer noch einmal Olympia 1972 aufleben lassen, welches so anders werden sollte, als die Spiele der Nazis 1936, und dann doch durch einen Terroranschlag in ihren Grudnfesten erschüttert wurden. Nach zwei Sachbüchern, zu guter Letzt ein wunderschöner Roman, „Heaven“, von Mieko Kawakami, über Mobbing und zarter Freundschaft.

Das waren sie nun, meine zwanzig Highlights des Jahres, die ich um noch weitere Werke hätte ergänzen können, doch lade ich euch natürlich ein, im Rezensionsverzeichnis nach Herzenslust zu stöbern, nach diesen oder nach anderen Werken, nicht nur Highlights, aber eben auch. Es hat mir wieder großen Spaß gemacht, so vielschichtig, auch für euch, zu lesen und ich freue mich auf das kommende Lesejahr, was hoffentlich genau so abwechslungsreich und spannend werden wird.

Vielleicht ist ja das eine oder andere Werk, auch für euch, dabei?

Bis zum nächsten Jahr. Nicht vergessen, wir lesen uns.

Viele Grüße,

findo.

2020 – written by Stephen King, directed by Quentin Tarantino

Zumindest aus literarischer Sicht war es nicht ganz so schlimm, wie dieser Schriftzug aus den sozialen Medien suggeriert, wenn ich auch im Alltag gerne gefragt worden wäre, ob ich in einem solchen Szenario gerne mitspielen wollen würde. Aber, welches Virus macht das schon? Dankbar bin ich, dass es bisher in meinem Umfeld niemanden direkt getroffen hat. Das soll bitte so bleiben. Beruflich musste ich mich zwar neu orientieren, bisher kann ich jedoch nicht klagen. Das ist viel mehr, als bei anderen, die an 2020 noch mehr zu knappern haben, trotzdem bin ich dankbar für ein paar Konstanten, die geblieben sind. Dazu gehört seit über vier Jahren mein Blog, in dem ich über das schreibe, was ich gelesen habe, mit dem einen oder anderen Blick über den Tellerrand hinaus.

Auch in diesem Jahr habe ich viele gute Bücher gelesen und nur ganz wenige Flops verzeichnen müssen. Inzwischen kenne ich meinen Lesegeschmack ganz gut und kann zumindest erahnen, was nicht ganz abwegig werden wird. Nur einmal musste ich in diesem Jahr das Lesen abbrechen. Für mich eine Neuerung, der ich sonst den Anspruch habe, alles zu beenden, was ich begonnen habe. Das gilt ganz besonders für Literatur. Es lag in diesem Fall nicht einmal an der erzählten Geschichte, alleine habe ich gemerkt, dass bestimmte literarische Formen trotz wiederholter Versuche, einfach nichts für mich sind, andere dafür um so besser funktionieren.

Um die 80 Bücher habe ich dieses Jahr gelesen, etwas langsamer im Tempo, jedoch auch konzentrierter als in den vergangenen Jahren. Zwei Drittel waren davon Rezensionsexemplare, die anderen habe ich geschenkt bekommen, als Dauerleihgabe oder mir selbst gekauft. Mein SuB, der Stapel ungelesener Bücher, ist die meiste Zeit gewachsen und dürfte nun fast dreistellig sein. Im nächsten Jahr möchte ich daran arbeiten. Ich habe daher weniger bei Verlagen und literarischen Agenturen angefragt als bisher. Mal schauen, ob das dann auch so funktioniert.

Der Großteil meiner gelesenen Bücher macht das Genre Sachbuch aus, wozu ich Biografien, Werke über Geschichte, Erfahrungs- und Reiseberichte zähle, kuriose Sammlungen. Danach folgen Romane, Krimis und Thriller, zu einem ganz kleinen Teil Kinder- und Jugendbücher, Graphic Novels und Mangas. Ganz wenig kam hier nicht zur Sprache, über das allermeist Gelesene habe ich jedoch geschrieben. Auch Beiträge zu Challenges, wie die von Nico vom Buchwinkel haben Impulse gegeben, sowie meine eigene Weltreise-Challenge. Bei ersteren werde ich im nächsten Jahr wieder mitmischen, meine eigenenen mir gestellten Aufgaben, zu denen ich euch herzlich einlade, werde ich ebenso verfolgen. 2020 habe ich das alles hinbekommen. Bin einmal ganz optimistisch, dass das auch im nächsten Jahr klappt, zudem gleich zu Beginn des Jahres meine Aktion des Sachbuch-Monats Januar startetn soll, in der das Sachbuch im Fokus steht.

Jetzt aber zu den wirklich wichtigen Dingen, hier sind meine Top 10 der gelesenen Bücher 2020. Wenn auch mir so etwas immer schwerfällt, zusammen zu stellen.

Daran gibt es nichts zu rütteln.
Jasmin Schreibers „Marianengraben“, erschienen bei eichborn, ist das absolute Lesehighlight für mich unter den Romanen gewesen.
Thomas Reinertsen Bergs „Auf einem Blatt die ganze Welt“, erschienen bei dtv, ist das Gegenstück dazu im Bereich Sachbuch.
"Pandatage" von James Gould-Bourn, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, ist in jedem Fall lesenswert.
Der Rest der Werke erfolgt ohne Rangfolge, da ich noch viel mehr empfehlenswerte Bücher hätte nennen können.
Erschienen ist "Das Licht der frühen Jahre" bei ullstein.
Erri de Luca hat mich durch seine ruhige Erzählweise und die schöne Sprache beeindruckt.
Jens Steiner "Ameisen unterm Brennglas", erschienen bei Arche.
Auch die Schweizer können einfühlsam erzählen.
Adele Brand über "Füchse - Unsere wilden Nachbarn", erschienen bei C.H. Beck.
Ein Sachbuch über mein Lieblingstier kann ich nicht unerwähnt lassen.
Stephen King "Das Institut", erschienen bei Heyne.
Damit sind wir wieder beim Großmeister des Horrors.
Der Roman "Das Museum der Welt", erschienen bei dtv.
Christopher Kloeble entführte mich nach Indien.
Aimee Carter "Der Fluch des Phönix", erschienen bei Oetinger.
Jugendbücher waren nicht ganz so zahlreich, hier aber einmal eines mit einem berührenden Protagonisten.
Wiebke von Carolsfeld lebt dort, arbeitete früher jedoch bei Kiepenheuer & Witsch, wo dieses Jahr ihr Roman erschien.
Kanada war das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, die nur in einem eng begrenzten Rahmen stattfinden konnte.

Wie geschrieben, ich hätte noch viel mehr lesenswerte Bücher nennen können, aber wir wollen es einmal bei den genannten belassen.

Was bleibt? Die Hoffnung auf ein besseres kommendes Jahr und auf genau so interessanten und vielfältigen Lesestoff, auf aufregende Challenges und lesenswerte Neuerscheinungen, abwechslungsreichen und spannenden Aktionen, auf Treffen und Messen (Drückt die Daumen.).

Ich danke nochmals allen Verlagsmenschen und literarischen Agenturen, allen BloggerInnen und Booktubern, den AutorInnnen der gelesenen und noch zu lesenden Bücher.

Vor allem aber danke ich euch, die ihr lest, was ich schreibe, mich in den sozialen Medien verfolgt, euch mit mir austauscht oder unterstützt, Schnellschreib- und andere Fehler ertragt. Ihr seid klasse. Schlagen wir mit 2021 ein neues Kapitel auf.

Viele Grüße,

Euer findo.