Coming of Age

Christoph Kramer: Das Leben fing im Sommer an

Inhalt:
Der wärmste Sommer aller Zeiten, die erste große Liebe, eine Nacht, die alles verändert. Christoph Kramers Debüt katapultiert uns zurück in die Zeit im Leben, in der alles möglich schien und in der das größte Glück und die größte Verzweiflung ganz nah beieinanderlagen. Eine wunderbar melancholische Hommage an den Zauber aller Anfänge, die Magie der ersten Liebe und nicht zuletzt an die Freundschaft – die Geschichte eines Sommers, an den man sich immer erinnern wird. (Klappentext)

Rezension:
Mit einer Mischung aus Streiflichtern aus fiktionalisierten biografischen Details in Form, beinahe eines Jugendromans mit Roadtrip-Elementen nimmt uns der ehemalige Fußballer Christoph Kramer mit und lässt uns mit seinem Protagonisten einen unvergesslichen Sommer erleben, der für diesen gleich mehrere Sommermärchen bereithält. Melancholisch nachdenklich geschrieben, ist dieser Roman dennoch sehr zugänglich gehalten und nicht nur eben für Fans des Fußballs gedacht, einzutauchen und sich selbst an diese flirrende Zeit, auch die des letzten unbeschwerten Jahres der eigenen Jugend zu erinnern.

Es ist der Sommer eines Wechsels, den wir aus der Sicht des dem Autoren ähnlich gezeichneten Protagonisten erleben. Der letzte Sommer der Kindheit, der für Chris entscheidende Weichen stellt und viele offene Fragen bereithält, für den Jungen, der nur auf den Platz selbstsicher agiert, wobei auch dies in Frage gestellt wird.

Doch nur im Nebenstrang geht es um den Sport. Den 15-jährigen beschäftigen ganz normale Dinge, wie die Frage, wer möchte ich sein, werde ich eine Freundin bekommen. Wird sich jemand je für mich interessieren? All die Sachen halt, die einem so umtreiben, bis man sie dann zum ersten Mal erlebt. In diesem Roman, in dem Christoph Kramer so wohltuend ruhig von diesem flirrenden Sommer erzählt, dass man meint jeden einzelnen Sonnenstrahl, wie auch manch bittere Enttäuschung auf der Haut zu spüren, verbindet sich all dies zu einer kompakten Erzählung.

Der Protagonist vor allem und sein Freund Johnny sind detailliert gezeichnet und führen uns durch die Handlung, die aus der Sicht des ersteren erzählt und greifbar wird. Zugänglich ist die Sprache, die sowohl die Figuren mit all ihren Ecken und Kanten zeichnet, als auch Orte so nahe bringt, als würde man zum Beobachter der Handlung in derer direkten Umgebung.

Immer dann, wenn mehrere Stränge aufeinander treffen, verdichtet sich die Geschichte, die man auf weiter Strecke wie in Zeitlupe erlebt, nur um dann kopfüber in die chaotische Gefühlswelt eines Teenagers geworfen zu werden, der in vielen Dingen einfach noch nicht weiß, wohin mit sich. Dabei wird diese Zeit komprimiert auf wenige Tage, diese dafür fast momentgenau erzählt. Eigentlich passiert so gesehen nicht viel, dafür jedoch eine ganze Menge.

Die beiden Protagonisten sind umgeben von weiteren Figuren, die zumindest sprichwörtlich einander die Bälle zu spielen, und die Handlung vorantreiben. Stechende Charaktereigenschaften werden nur insofern herausgearbeitet, sofern sie der Handlung nützlich sind.

Wirkliche Antagonisten gibt es nicht, wie auch, wenn sie, wie man gleich von Beginn an annehmen darf, einer realen Dorfgemeinschaft entnommen sind, die zusammenhält, in der jeder jeden kennt. Christoph Kramer schafft es aber auch, diese in Kontext eines für ihn bedeutenden Jahres darzustellen und so Beständigkeit, Veränderung und Aufbruch zusammen zu bringen. Man hat das Gefühl so den beiden Hauptfiguren, vor allem Chris nahe zu sein, den Stimmungen nachspüren zu können.

Es gibt keinen wirklichen Perspektivwechsel, immer wieder aber treffende Charakterbeschreibungen, gekennzeichnet durch die melancholische und doch lebensfrohe Beschreibungen des Teenagers, der einen Sommer beschreibt, dessen Tage endlos scheinen. Die Erzählung besticht nicht durch absurde Wendungen, sondern durch die Tonalität und Nachvollziehbarkeit, auch durch die Sprünge zwischen den Tagen, denen jeder ein zu weilen sehr kompaktes Kapitel eingeräumt ist, welches die Haupthandlung einrahmt.

In die Erzählung findet man sich gut ein, da ein jeder zumindest in Teilen ähnliche Erinnerungen an den letzten Sommer seiner Jugend hat, auch wenn der weitere Verlauf der Geschichte des echten Chris‘ natürlich ein sehr besonderer ist. Die gezeichneten Parallelen lassen auf einen dabei sehr bodenständigen und besonnenen Menschen schließen, was man glaubwürdig nur so schreiben kann, wenn man charakterlich nicht zu weit davon entfernt ist.

Die Geschichte, in der einzelne Szenen vom Kammerspiel bis zum inneren Monolog und großem kleinen Drama irgendwie alles bereithalten, wirkt dadurch rund. Schauplätze wie Figuren entstehen so gekonnt vor dem inneren Auge. Manche Szene hätte ich mir dabei noch ausführlicher gewünscht und über andere Figuren gerne mehr erfahren. Christoph Kramer wäre das sicher auch gelungen. Dass es ein Debütroman und kein rein biografisches Werk ist, darf hier als Glücksfall bezeichnet werden. Ich würde gerne noch mehr in dieser Art von ihm lesen wollen.

Es ist ein Fußballroman ohne zu viel Fußball, ein fiktionalisiertes Stück Erinnerung, welches ein Stück hinter die Fassade schauen lässt, nicht nur für jene, die sich an das Jahr 2006 zurück erinnern möchten, sondern vielleicht genau so zurückblicken auf den letzten Sommer der eigenen Jugend und kann dabei von Erwachsenen wie Jugendlichen gleichermaßen gut gelesen werden. Das schafft ja auch nicht jede Erzählung.

Eine Erzählung, die eine Sinnsuche beschreibt, die Liebe zum Leben, zur Familie, die erste Liebe und eine besondere Freundschaft. Große Themen sind das, gekonnt komprimiert. Die Stimmung des Romans ist sehr besonders und es darf die Empfehlung ausgesprochen werden, sich davon einfangen zu lassen.

Autor:
Christoph Kramer wurde 1991 in Solingen geboren und ist ein ehemaliger Fußballspieler, TV-Experte und Schriftsteller. Von 2014 bis 2016 war er deutscher Nationalspieler und wurde 2014 Weltmeister. Er wurde in Solingen zum Sportler des Jahres 2ß14 und 2015 gewählt und lebt in Düsseldorf. 2025 veröffentlichte er seinen ersten Roman.

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Gary Victor: Eine Violine für Adrien

Inhalt:
Port-au-Prince zu Beginn der Siebzigerjahre: Vor dem Hintergrund der Turbulenzen zur Zeit des Machtwechsels von Papa Doc zu Baby Doc träumt der vierzehnjährige Adrien davon, ein Violinenvirtuose zu werden. Voraussetzung dafür, dass er den Unterricht fortsetzen kann, ist allerdings eine eigene Geie. Da seine Eltern nicht die Mittel dafür haben, sucht er sich das Geld selbst zu beschaffen. Ein Offizier der Geheimpolizei macht ihn ein verlockendes Angebot. Adrien ahnt nicht, worauf er sich einlässt …

In seiner unverwechselbaren Handschrift erzählt Gary Victor davon, wie die Diktatur die unschuldigsten Träume und nobelsten Ziele pervertiert. Eine tragische Coming-of-age-Geschichte und zugleich ein Sittengemälde Haitis zu Duvalier-Zeit. (Klappentext)

Rezension:
Welche Grenzen bist du bereit zu überschreiten, wenn es darum geht, deinen Traum zu verfolgen, zudem in einem System, welches auch den Jüngsten ihre Unschuld nimmt? Diese Frage schwelt zentral in der Novelle Gary Victors, in der in dieser vorliegenden Coming-of-age-Geschichte dem Hauptprotagonisten die ganze Brutalität und Korruption seines Heimatlandes entgegenschlägt und ihn zwingen wird, eine Entscheidung zu fällen.

Erzählt wird die Geschichte eines haitischen Jungen, der in Zeiten großer Unsicherheiten seines Landes aufwächst und sich nichts sehnlicher wünscht, als genau so ein weit angesehener Geigenspieler zu werden, wie sein Lehrer, der zwar als politisch unsicher gilt, aber dennoch als Aushängeschild sein Land im Ausland präsentieren darf. Doch dafür braucht es eine eigene Geige. Wie anstellen, in einem Land, in dem die Zukunft ungewiss, die Wirtschaft schwach ist und auch die Eltern kaum Möglichkeiten haben, Adriens Traum Wirklichkeit werden zu lassen? Die einzige Möglichkeit für den Jugendlichen besteht darin, sich auf ein gefährliches Spiel einzulassen, so dass ein Tanz mit den Teufel gen Abgrund beginnt.

Eine Coming-of-age-Geschichte vor dem Hintergrund eines Landes und seiner Gesellschaft im Wandel ist ein häufiges Szenario. Alleine das Setting liest man hierzulande nicht allzu oft. Mit den Augen eines Vierzehnjährigen erleben wir das Leben in der Hauptstadt Haitis, welches sich damals schon instabil zeigte und dennoch in den Fängen einer brutalen Diktatur befand, die sich unerbittlich mit ihren Gegnern zeigt. Mit wenigen Worten öffnet uns der Schriftsteller ein Portrait dieser Zeit und zeigt das Leben der Menschen und die Auswirkungen ihrer Entscheidungen.

Adrien lernt Willkür und Korruption der Mächtigen ebenso kennen, zumal in unmittelbarer Nähe, ebenso wie die Opportunisten, die versuchen das Spiel zu spielen, um zu überleben, und dennoch, dann jedoch brutal in deren Fänge geraten. Auf der anderen Seite verdeckte Opposition und der Kampf ums Überleben, in einer Welt, in der wenige alles haben und viele so gut wie nichts. Wie ordnet man sich ein, wenn der Blick des Kindes verloren geht und man diese Entscheidung treffen muss?

Vor dieser Frage im Hintergrund ist es Gary Victor gelungen, eine tragende Hauptfigur mit Ecken und Kanten zu schaffen, die einerseits unschuldig genug ist, anderseits sich ihre Schrammen holt, um die Spannweite eines Systems zu verdeutlichen, welches den Menschen zu viel abverlangt. Zugleich erfahren wir Adrien als Spielball verschiedener Interessen, die bis zum Ende hin teilweise nur angedeutet und zwischen den Zeilen sichtbar werden. Sehr kompakt gehalten ist die Erzählung, die dennoch ein unglaubliches Tempo vorweisen kann, in der Schlag um Schlag ein Ereignis dem nächsten folgt. Andere Figuren sind da Handlungstreibende. Gegenüber jeder muss sich der junge Protagonist positionieren und eine Entscheidung treffen, um sein Ziel zu erreichen. Alleine die Summe derer raubt einem während des Lesens den Atem.

Nicht nur der Hauptprotagonist, aus dessen Sicht diese Geschichte weniger Tage, seinen Weg, auch seine (Alp-)Träume erfahren, ist voller Gegensätze, auch nur kurz erwähnte Figuren sind so vielschichtig gezeichnet, dass ihre Beweggründe trotz dem sie mehrheitlich Antagonisten sind, in diesem Setting nachvollziehbar scheinen. Alleine Adrien, dessen Unschuld in mehrfacher Hinsicht korrumpiert werden wird, behält den gesamten Handlungsstrang alle Sympathien bei sich.

Eine schriftstellerische Meisterleistung ist die Verbindung zwischen Wirklichkeit und Traumsequenzen, die nahtlos ineinander zu übergehen scheinen. Die Darstellung der haitischen Unterwelt erinnert dabei fast an phantastische Elemente gewisser Stephen King Geschichten, nur dass sich in ihr das ganze Elend und alles schlechte der Oberwelt sammelt, vor allem vor dem Hintergrund des politischen Systems, welches der Autor sehr prägnant darstellt. Genau diese Momente sind es, die einem innehalten und zugleich atemlos werden lassen. Alleine die Auflösung der letzten Wendung passt da nicht ganz hinein. Das Ende wirkt unrund, ist zumindest nicht so ausgestaltet, wie der Rest dieser sonst sehr feinen Erzählung.

Gary Victor beschreibt ansonsten das Leben jener Zeit, in der Hauptstadt Haitis, in allen Farben. Jeder Handlungsort entsteht beinahe filmisch vor dem inneren Auge und innerhalb derer kommt jede einzelne Szene einem Kammerspiel gleich. Diese wechseln so schnell, dass man nicht umhin kommt, mit zu fiebern. Die einzelnen Kapitel ergeben zusammen ein sehr schlüssiges Bild, welches nachhaltig im Gedächtnis bleibt. Einige Szenen wirken dabei wie Nadelstiche, direkt ins Herz.

Wer etwas mehr über das Leben Haitis, in dessen dunkelster Zeit, erfahren möchte, aber auch, was Macht mit den Menschen macht, die nichts anderes als deren Spielball sind und einmal in die Literatur dieses auch ansonsten fast nur mit negativen Schlagzeilen besetzten Landes werfen möchten, dem ist „Eine Violine für Adrien“ nur zu empfehlen, für die man weder Vorkenntnisse zu Violinen noch zur Geschichte des Inselstaates haben muss.

Autor:
Gary Victor wurde 1958 in Port-au-Prince geboren und ist ein haitianischer Schriftsteller. In seiner Heimat arbeitet er für Theater, Film, Rundfunk und Fernsehen. Im deutschsprachigen Raum ist er vor allem für seine Kriminalromane um Inspektor Azemar bekannt. Seine Schilderungen gesellschaftlicher Missstände stellen ihn in die Tradition der Sozialromane des 19. Jahrhunderts. Er wurde für seine Werke mehrfach ausgezeichnet. unter anderem mit dem Prix RFO. Zudem war er mehrfach auf der Krimibestenliste und der Litprom-Bestenliste Weltempfänger platziert.

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Anthony Passeron: Jacky

Inhalt:
Ende der Achtzigerjahre wachsen Anthony und sein Zwillingsbruder in einer engen Familie auf, in einem abgeschiedenen Tal im Hinterland von Nizza. Zusammen mit ihrem lebensfrohen Onkel vertreiben sie sich die Langeweile mit Videospielen – einer neuen Leidenschaft, die ihnen ihr Vater Jacky weitergibt. Nach und nach werden die Spiele zu einem Zufluchtsort für die Brüder, vor der Eintönigkeit ihres Alltags und vor den Schicksalsschlägen, die bald ihre Familie treffen. Bis zu dem plötzlichen, überraschenden Verschwinden ihres Vaters. (Klappentext)

Rezension:
Zunächst ist es nur eine einzelne Aktion, die man immer schneller ausführen muss, bis man unweigerlich scheitert, doch nach und nach werden die Konsolenspiele, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Welt, bald auch die französische Provinz erobern. Immer komplexer, so wie die Sicht des Kindes, welches nach und nach die Widersprüchlichkeit und auch harte Brutalität der Erwachsenenwelt erkennen muss, ohne sie gleich zu begreifen.

Mein Bruder und ich erstarrten vor unserer Mutter, die Augen vor Scham gerötet. Ich flehte sie mit Blicken an, unsere unüberlegte Frage nicht zu beantworten. Sie war kurz davor, ein Geheimnis zu verraten, eine Antwort zu geben, die unserer Kindheit ein Ende setzen könnte, und ich war noch nicht bereit dafür.

Anthony Passeron: Jacky

Für den französischen Autoren Anthony Passeron und seinem Zwillingsbruder waren diese Spiele die Rettung und zugleich ein Gleichnis dessen, für das, was mit ihrer Familie während der Kindheit passierte. Diese zwei Säulen bilden die Grundlagen seines autobiografischen Romans, mit dem der Autor versucht zu verarbeiten, was im Zeitraum des Lebenszyklus‘ dreier Spielkonsolen geschah.

„Jacky“ erzählt dabei gleich in mehrerer Hinsicht vom Verschwinden. Einerseits Verdrängungsprozess kleiner tradioneller Familienbetriebe und geübter Strukturen, in denen der eigene es immer schwerer hat, von der Vaterfigur am Laufen gehalten zu werden und schließlich aufgegeben werden muss, auf der anderen Seite der Wandel von Rollenbildern und Anforderungen an die nächste Generation, die Globalisierung, die schließlich in Form einer Seuche zwei Familienmitglieder das Leben kosten wird.

Zunehmend wird dabei für Anthony und seinem Zwillingsbruder die Welt der Videospiele zum Zufluchtsort, die nur zu Beginn zugleich das verbindende Element zur verschwindenden Vaterfigur ist. Neben dem Brüderpaar, Two Players Game, ist er die Hauptfigur dieses zweigliedrigen Romans, der parallel die Geschichte des Aufkommens der Spielekonsolen erzählt. Beginnend mit dem Atari 2600, der als erstes Dank des technisch begisterten Vaters in den Haushalt der Familie Einzug hält.

Dies erzählt der Autor in kompakt gehaltenen Kapiteln, in denen kein Wort zu viel verloren wird. Tatsächlich genügen wenige Sätze, um wie Nadelstiche Ereignisse schmerzvoll vor Augen erscheinen und Charaktere aufleben zu lassen. Es braucht nicht viel, Orte filmisch zu beschreiben, die Begeisterung für die anfangs aus nur einigen Pixel bestehenden Welten zu verdeutlichen, andererseits das Begreifen mit zunehmenden Alter, welches Anthony und sein Bruder gleichsam fortschreitender Spielelevel zur immer größeren Herausforderung werden wird. Wie viel kann ein Kind, wie viel eine Familie aushalten? Eine Frage, die sich mit zunehmender Seitenzahl immer vehementer in den Vordergrund schiebt und bald das handlungstreibende Element sein wird.

Unsere Eltern wollten, dass wir echte Schlägertypen waren und gleichzeitig diszipliniert genug, um in der Schule erfolgreich zu sein. Unweigerlich würden wir eine Seite enttäuschen müssen.

Anthony Passeron: Jacky

Erzählt wird der Roman aus der Sicht des jungen Anthony, dem gegenüber der Vater steht, der immer weniger Verständnis für seine empfindsamen Sprösslinge zeigt, aber eben auch selbst nie gelernt hat, Worte zu finden, um den eigenen Schmerz Ausdruck zu verleihen. Diese Sprachlosigkeit durchzieht die Erzählung und sagt dennoch so viel. Man kann das alles nicht lesen, ohne davon berührt zu werden, gerade wegen des Spiels mit den Gegensätzen, welches der Autor meisterhaft beherrscht.

Das störte mich weniger für mich als für meinen Vater. […] Trotzdem schämte ich mich am Ende des Kurses, wenn er mit meinen Turnschuhen in der Hand auf mich wartete, ich schämte mich vor ihm. Es half nichts, es war wie ein Fluch, etwas absolut Unvermeidliches. […], wenn ich vor seinen Augen eine Niederlage einsteckte, beschmutzte ich seinen Namen.

Anthony Passeron: Jacky

Einerseits das Nebeneinander der Figuren, welches im Verlauf der Geschichte fast zu einem Gegeneinander wird, aus der Perspektive des einem, andererseits die ungewöhnliche Gliederung des Romans entfachen eine Dynamik, die selbst aus wenig viel werden lässt, ohne dabei zu verlieren. Lücken gibt es da nicht. Unausgesprochenes tönt sehr laut. Der Gang Richtung Abgrund nimmt mit zunehmender Seitenzahl entsprechend Fahrt auf. Gekonnt gesetzte Rückblenden ergänzen diese wunderbare kleine Erzählung, die die Dynamik einer Familie aufzeigt, die an ihre Grenzen gerät.

Der Schriftsteller Anthony Passeron verarbeitet nach seinem Debüt hier einen weiteren Aspekt seiner Familiengeschichte und setzt dabei auch den Anfängen einer Technologie ein Denkmal, die bis heute in ihren Ausprägungen Millionen beeinflusst und manchen sicherlich auch Zuflucht und Rettung bietet. Jeder, der selbst schon ein neues technisches Gerät angeschaltet und dem zugesehen hat, wie der Bildschirm zum Leben erwacht, kann das nachvollziehen. Auch alle anderen wird diese Geschichte voller Sehnsucht und Traurigkeit so schnell nicht loslassen, was sicherlich zu großen Teilen der hervorragenden Übersetzung Lena Müllers zu verdanken ist.

Wer sich für ungewöhnlich erzählte Familiendynamiken begeistern kann, zudem die Abgründe menschlicher Schicksalsschläge nachspüren, gleichzeitig ein Stück Zeitgeschichte ergründen will, dem ist „Jacky“ von Anthony Passeron zu empfehlen. Gleichwohl muss man sagen, dass es nicht zu empfehlen ist, ist man selbst gerade nicht in positiver Stimmung. Game Over.

Autor:
Anthony Passeron wurde 1983 geboren und ist ein französischer Schriftsteller. Er wurde in Nizza geboren und studierte nach der Schule französische Literatur, die er unterrichtete, bevor er selbst zum Autor wurde. Sein erster Roman erschien 2024 in der deutschen Übersetzung. „Jacky“ ist Passerons zweite Erzählung.

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Christian Schünemann: Bis die Sonne scheint

Inhalt:
Es ist das Jahr 1983. Daniel steht kurz vor seiner Konfirmation und träumt von blauen Samtsakko und grauer Flanellhose. Doch seit er die Eltern nächtlich belauscht hat, schwant ihm, dass daraus nichts wird. Hormanns sind pleite und wissen nicht mehr, wie sie die sechsköpfige Familie über die Runden bringen sollen.

So erfinderisch die Eltern auch sind, eines können sie nicht: mit Geld umgehen. Was sie dagegen beherrschen: den Schein wahren, auch noch, als der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht.

Ein grandioser Roman über eine fast normale deutsche Familie.
(Klappentext)

Rezension:
Wie bewahrt man den Schein, wenn die Geschäfte schlecht laufen und das Geld in den Fingern zerrinnt? Wenn das Haus so löchrig ist wie ein Schweizer Käse und Klassenfahrt wie Konfirmation der Kinder anstehen? Daniels Eltern gelingt das zeitweilig ganz gut. Die Leidtragenden sind der Hauptprotagonist und seine Geschwister.

Christian Schünemann zeichnet in seinem Roman „Bis die Sonne scheint“, das Leben einer Familie im dauerhaften Ausnahmezustand nach und zeigt auf, was es bedeutet, wenn der Realitätsverlust der Eltern nicht nur zur wirtschaftlichen Instabilität führt.

Nachempfunden ist diese Erzählung krisenhafter Zeiten der Familiengeschichte des Autors, der anhand eines Stapel von Briefen, sowie den eigenen Erinnerungen, denen seiner Geschwister und Verwandter die Geschichte seiner Kindheit und Jugend festhält, zugleich jedoch auch der Frage nachgeht, woher das kommt. So wandelt der Roman zwischen den Zeiten. Zunächst lernen wir, innerhalb ser kompakt gehaltener Kapitel, den Hauptprotagonisten und seine Mutter kennen, die den ersten Riss in der Fassade erfahren, als auf der Bank nichts mehr geht, um wenig später bei der Geschichte von Daniels Eltern zu landen.

Beide Handlungsstränge werden nach und nach zusammengeführt, ohne viele Worte zu verlieren. Eine ausschweifende Erzählung ist das nicht, doch bekommt man Zeile für Zeile Verständnis für das Handeln der erwachsenen Protagonisten einerseits, ist andererseits jedoch um so fassungsloser, wie es möglich ist, die Realität so gar nicht anzuerkennen. Das ist dann irgendwann auch nicht mehr mit Kurzschlusshandeln zu erklären.

Der Hauptprotagonist bleibt dabei die gesamte Handlung über einziger Sympathieträger der Geschichte. Als jüngste Figur leidet er am meisten darunter. Das bei der Konfirmation, die ohnehin lange auf der Kippe steht, ist schneller weg als er blinzeln kann, die Kursfahrt nach Frankreich ebenso fix obsolet.

Dazu das Spiel der Eltern, die gerade, wenn es besonders schlecht läuft, die Familie in teure Lokale und Restaurants ausführt. Wie hält man diesen Spagat nur aus, fragt man sich lesend, auch wenn sich wenigstens zum Teil das Handeln der Erwachsenen aus ihrer Vergangenheit heraus erklären lässt. Das herauszuarbeiten, ist dem Autoren gut gelungen, dessen Hauptprotagonist der letzte Rest kindlichen unbedingten Glaubens an die Eltern in diesen seinen Jugendjahren zwischen den Fingern zerrinnt. Die Eltern sind sozusagen der Gegenpart. Die Erwachsenenwelt als harte Realität mit all ihren Brüchen bildet dazu den starken Kontrast in dieser Erzählung, der man mehr und mehr fassungslos gegenüber steht.

Kurzweilig ist die Lektüre, die im Haupthandlungsstrang durch den Blick Daniels bestimmt wird, der das Unheil auf sich zukommen sieht und damit einen größeren Weitblick beweist, als die Erwachsenen, die sich als unfähig erweisen, unangenehme Wahrheiten anzuerkennen. Dieses Spiel entfacht eine Dynamik, die der Handlung ihr Tempo gibt, deren Ende relativ offen gehalten wird.

Eingerahmt wird die Erzählung von viel Lokalkolorit, welche Schauplätze vor dem inneren Auge und einiges an Atmosphäre aufleben lässt. Zugleich gelingt es Schünemann nicht nur damit aber auch eine Erzählung zu schaffen, die versetzt in unsere heutige Zeit noch genau so funktionieren würde. Der Kampf ums Überleben, wenn einem die Felle drohen wegzuschwimmen, könnte so auch heute noch in der einen oder anderen Form passieren.

Nicht nur, wen diese Zeiten der westdeutschen 1980er Jahre noch sehr lebendig in Erinnerung sind, ist diese Lektüre zu empfehlen, sondern auch jenen, die ein Stück Zeitgeschichte erfahren wollen, die sonst nicht so häufig zur Sprache kommt. Schließlich wird die Geschichte der Bundesrepublik zumeist vom Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg her erzählt, die Krisenjahre danach aber vergleichsweise sehr kurz abgehandelt. Alleine dafür lohnt sich die Lektüre.

Autor:
Christian Schürmann wurde 1986 in Bremen geboren und ist ein deutscher Schriftsteller und Drehbuchautor. Er studierte Slawistik in Berlin und St. Petersburg, arbeitete in Moskau und Bosnien-Herzegowina. Bei Diogenes erschien seine Krimiserie, sowie verschiedene Krimiromane, verfasst zusammen mit Jelena Volic. Christian Schünemann lebt in Berlin.

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Takis Würger: Für Polina

Inhalt:
Als er vierzehn ist, verliebt sich Hannes Prager in das Mädchen Polina. Um ihr seine Liebe zu zeigen, komponiert der wundersam begabte Junge eine Melodie, die Polinas ganzes Sehnen und Wünschen umfasst. Kurz danach stirbt Hannes‘ Mutter bei einem Unfall, mit ihr stirbt seine Musik und Hannes‘ und Polinas Wege trennen sich. Nach Jahren, in denen er nichts als Leere fühlt, erkennt Hannes: Er muss Polina wiederfinden. Doch das Einzige, womit er sie erreichen kann, ist ihre Melodie. (Klappentext)

Rezension:
Diese Texte, in die man sich hineinstürzt, in sie versinkt und berührt zurückbleibt, deren Figuren man festhalten will, mit ihnen leidet und die einem auch nach dem Lesen nicht loslassen, sie gibt es selten. Doch wenn man nur einen von ihnen einmal erwischt, möchte man daran festhalten, diesen Moment nicht verlieren.

Der Roman „Für Polina“ von Schriftsteller Takis Würger gehört dazu, der nicht nur die Geschichte zweier Menschen erzählt, die ohne einander nicht können, ohne einander nicht sind, sondern auch, welche Bindung Musik zu schaffen vermag und wie sie unsere Herzen berührt. Hannes und Polina sind die Hauptfiguren dieses Kleinods, die beinahe wie Geschwister zusammen aufwachsen, nachdem sich ihre Mütter im Krankenhaus kennengelernt und miteinander befreundet haben.

Schon früh erkennen die Erwachsenen die Begabung des Jungen, den sonst nichts zu interessieren scheint, die tiefe echte Begeisterung für die Wirkung von Melodien, die sich fortan durch sein Leben ziehen werden.

Auf der anderen Seite Polina, lebenslustig, das Gegenteil von distanziert, für die die Menschen um sie herum immer greifbarer sind als für ihn. Charakterzüge zweier Persönlichkeiten, die sich fortan gegenseitig ergänzen, bis im späten Jugend-, dann jungen Erwachsenenalter die ersten von vielen Brüchen folgen, die Narben in beider Seelen hinterlassen werden.

Eingebetet ist die Coming of Age Geschichte in einem Text gleichsam einer Melodie, die wir über mehrere Jahrzehnte hinweg verfolgen, zumeist aus der Perspektive von Hannes, nur hin und wieder im Wechsel mit anderen, den Nebenfiguren, die als Handlungstreiber fungieren. Großteils genügt der Hauptprotagonist sich selbst, für den die Musik alles ist, alles andere nichts, der Abhängigkeiten lange zu ignorieren versucht, bis er lernt, damit umzugehen, und Konsequenzen zu ziehen, ohne teilweise darauf zu achten, wie das bei der Umgebung ankommt.

Diese Kompromisslosigkeit liest sich faszinierend und ist folgerichtig für die Glaubwürdigkeit der Figur, die so viele Ecken und Kanten hast, nichts an sich heranlässt, um im Inneren den Körper vor dem Zerreißen zu schützen. Mit wenigen Worten schafft es Takis Würger dennoch sehr gefühlvoll dies zur Sprache zu bringen, dem damit nicht nur die Ausgestaltung seiner Charaktere gelingt, sondern auch Orte sehr filmisch vor dem inneren Auge entstehen lässt.

Die Kraft des Textes, in dem einzelne Formulierungen die Lesenden immer wieder aufmerken lassen, liegt eben darin, dass man ihn wirken lassen muss. Vielleicht mit der Klaviermusik von Florian Christl im Hintergrund, dessen Stücke seit der szenischen Lesung unter dessen Begleitung für mich jetzt immer mit dieser Geschichte verbunden sein werden. Diese Verbindung von zwei Kunstrichtungen, Musik und Literatur, habe ich so vorher auch noch nicht erleben können, wie auch Hannes die Wirkung seiner eigenen Musik erst spät annehmen kann.

* U. a. dieses Stück hat Florian Christl tatsächlich bei der szenischen Lesung gespielt.

Es ist nicht nur die Neuinterpretation der klassischen unglücklichen Liebesgeschichte, sondern eben diese Verbindung, die hier Takis Würger gelingt, der mit „Für Polina“ beweist, dass es manchmal keinen großen Knalleffekt braucht, keine Wendung, die sich anfühlt, wie eine aus der Klavierheft gefallene Note. Manchmal reicht das in sich Hineinhorchen, das sich Treiben lassen.

Die Kraft von Literatur, die Kraft von Musik, die hier erzählt wird, lohnt sich mit jeder Zeile. Nicht nur deshalb ist Takis Würgers Roman eine unbedingte Empfehlung.

Autor:
Takis Würger wurde 1985 in Hohenhameln geboren und ist ein deutscher Journalist und Autor. Nach einem Volontariant bei der Münchner Abendzeitung und dem Besuch der Henri-Nannen-Schule arbeitete er ls Redakteur beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel. 2014 studierte er in Cambridge Human, Social and Politcal Science. Er berichtete u. a. aus Afghanistan, Mexiko und der Ukraine. Für seine journalistische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Ein Sachbuch von ihm erschien 2015, „Der Club“ war sein erster Roman, dem weitere folgten.

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Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

Inhalt:
Sese kann keinen Streich widerstehen, und seine Familie glaubt, der Teufel stecke ihm im Leib. Um ihrem Groll zu entgehen, flüchtet sich Sese in seine Fantasie – eine Welt, in der die Hühner zu wilden Panthern werden und ein kleiner Orangenbaum ihn zu Abenteuern überredet. Und wo ganz, ganz sicher der beste Mensch der Welt auf ihn wartet. (Klappentext)

Rezension:
Zwischen fiktionalisierter Kindheitsbiografie und Coming of Age Geschichte schwankt die Erzählung des brasilianischen Schriftstellers Jose Mauro de Vasconcelos, die direkt nach Erscheinen 1968 Aufsehen erregte. Die kompakt gehaltene Novelle, in der beinahe durchgehend ein Orangenbaum der einzig positive Bezugspunkt für den kleinen jungen Protagonisten ist, verliert kein Wort zu viel und geht dennoch direkt unter die Haut.

Ich wollte nur noch in Liebesfilme gehen, wie die Großen sie nannten. Filme, in denen viele Küsse vorkommen und viel Zärtlichkeit und wo alle sich lieben. War ich selber nur dazu da, verprügelt zu werden, so konnte ich dort doch wenigstens sehen, wie andere Menschen sich gern mochten.

Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

Erzäht wird die Geschichte einer Kindheit, die einzig Trostlosigkeit in Hülle und Fülle zu bieten hat. Allen voran vor den Schlägen der Eltern und seiner älteren Geschwister flüchtet sich der kleine Hauptprotagonist in eine farbenfrohe Phantasiewelt, die ihn stets zu Streichen animiert, wofür es im nächsten Moment promt erneut Prügel hagelt, die den Jungen nach und nach seinen Glauben an sich selbst verlieren lässt, wobei auch nicht hilfreich ist, dass die stete Armut der Familie keine Perspektiven bietet. Selbst in Kinderaugen, die nur Wut und Verzweiflung in den Augen der Älteren sehen oder zu Weihnachten keine Geschenke.

„Ich weiß, warum. Weil ich wirklich gar nichts tauge. Ich bin so böse; weißt du, was Weihnachten passiert? Da kommt nicht das Jesuskind, da kommt das Teufelskind auf die Welt …!“
[…]
„Ich bin so schlecht, ich hätte gar nicht geboren werden dürfen. Das habe ich neulich auch schon zu Mama gesagt.“

Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

In der Erzählung, die kein überflüssiges Wort enthält, begleiten wir die Hauptfigur durch die erste Zeit des bewussten Erlebens in der Kindheit, der mit wachen Augen seine Umgebung wahrnimmt, um darauf zu reagieren und dann fast immer den kürzeren zu ziehen. Fürsprecher hat er wehrlos kaum, von der Familie ist es beinahe allein eine ältere Schwester, ansonsten werden nach und nach nur wenige außenstehende Erwachsene zu positiven Bezugspunkten aufgebaut. Alle anderen Figuren sind im Gegensatz zu Sese, dessen Verbrechen es ist, Kind zu sein in einer kinderfeindlichen Umgebung, aus dessen Sicht klare Antagonisten.

„Keiner von seiner Familie hat Verständnis für dieses Kind. Ich habe noch nie einen Jungen gesehen, der so sensibel ist.“

Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

Das macht den kleinen und intelligenten Jungen zu einem klaren Sympathieträger, der so sensibel wie mutig sich einer Welt entgegen stellt, die dem Kinde überdrüssig ist, allen voran die eigenen Eltern. Nicht nur der Wechsel zwischen realen Erleben und Phantasie kennzeichnet die Dynamik der Erzählung, auch Seses tiefgängige Gedanken, natürlich auch die Streiche in dichter Abfolge provozieren geradezu ein hohes Lesetempo, welches man nur gegen Ende stocken lässt, um an den entsprechenden Stellen innehalten zu können.

Diesen Tempowechsel so gekonnt hinzubekommen, ist hier wirklich gelungen. Erwähnenswert, die Erzählung verliert dadurch nichts, sondern gewinnt eher. Alle Figuren ohne Ausnahme, haben ihre Ecken und Kanten. Keine ist zu blass gezeichnet, als dass man sie sich nicht vor dem inneren Auge vorstellen könnte. Auch Orte, wobei diese überschaubar an der Zahl sind, werden sehr plastisch dargestellt. Die Schilderung der Gefühlswelt Seses tut ihr übriges. Zudem werden wichtige Themen wie Geldsorgen und Armut, aber auch Gewalt in der Familie thematisiert. Bemerkenswert, wenn man die Entstehungszeit des Romans betrachtet.

All dies überein zu bringen, ist Jose Mauro de Vasconcelos mit „Mein kleiner Orangenbaum“, in der einfühlsamen Übersetzung von Marianne Jolowicz vorliegend, so gut gelungen, dass die kleine Novelle sich in das Gedächtnis eingräbt, wie die Wurzeln besagter Pflanze in die Erde. Mehr kann man da gar nicht verlangen.

Autor:
Jose Mauro de Vasconcelos wurde 1920 in Rio de Janeiro geboren und war ein brasilianischer Schriftsteller. Bereits 1942 erschien seine erste von zahlreichen Erzählungen, deren bekannteste „Mein kleiner Orangenbaum“ 1968 veröffentlicht und ein Jahr später ins Deutsche übersetzt wurde. Der Schriftsteller studierte Medizin, Jura, Philosophie und Malerei, arbeitete als Lehrer, Bananenlader, Krankenpfleger und Fischer, bevor er das Schreiben zu seinem Beruf machte. Vasconcelos starb 1984 in Sao Paulo.

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Patric J. Kaaf: Lucian Mason 2 – Und der Baum der Erinnerungen

Inhalt:

Lucian Mason kehrt nach Moridan zurück, doch diesmal ist alles anders. Nach seinem triumphalen Sieg über Sivenna erwartet Lucian ein ruhiges Schuljahr. Doch das Schicksal hat andere Pläne. Zusammen mit seinen Freunden wird er mit Geisterproblemen, Lichtklingen, Monstern und Streit konfrontiert. Eine mysteriöse Katze und ein geheimnisvoller Wolf kreuzen seinen Weg und stellen ihn vor ungeahnte Herausforderungen. Als Lucian plötzlich an einem Ort landet, wo ein gewaltiger Baum auf ihn wartet, muss er erneut seinen Mut beweisen. Das Abenteuer, das vor ihm liegt, übersteigt alles, was er sich je vorstellen konnte.

Tauche ein in eine magische Welt und erlebe ein Abenteuer voller Magie, Geheimnisse und Mut.

Denn wir sind Moridan.
(Klappentext)

Bücher der Reihe:

Patric J. Kaaf: Lucian Mason 1 – Und der Splitter des Schicksals
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 2 – Und der Baum der Erinnerungen
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 3 – Und der Turm des Schatten
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 4 – Und das Erwachen der Finsternis

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Rezension:

In der Tradition typischer Internatsliteratur mit magischen Einsprengseln entführt uns Patric J. Kaaf erneut in die magische Welt Lucian Masons ein, der nun nach einem turbulenten ersten sein zweites Schuljahr im magischen Moridan beginnen soll. Die Geschichte, die erneut Coming of Age und Jugendliteratur gekonnt in eine Urban Fantasy einbindet, zeigt, wie eine Fortsetzung gelingen und ein zweiter Band keineswegs immer der schlechtere einer Reihe sein kann.

Dabei treten zu Beginn wieder Akteure auf, die für den Verlauf der Erzählung eine Rolle spielen werden, ohne zu viel vorweg zu nehmen, gleichzeitig gelingt es dem Autoren Lesende in den Bann einer Handlung zu ziehen, die zugleich ihre dunklen Schatten vorauswirft, ohne die jenigen zu verlieren, deren magische Reise mit den Auftaktband schon eine ganze Weile her ist.

Eine zusammenfassung der bisherigen Geschehnisse bekommt man praktisch innerhalb des Anfangs der Geschichte mitgeliefert, so dass ein schneller Wiedereinstieg gelingt und man sich voll und ganz den Charakteren, ihren Abenteuern und den Herausforderungen widmen kann, vor denen diese stehen.

Wieder im Vordergrund steht der titelgebende Hauptprotagonist, der auch hier empfindsamer und vielschichtiger sein darf, als auch wortwitziger auftreten darf, als dass eine gewisse Figur eines britischen Epos‘ sein darf, was eine Wohltat ist, ebenso wie die feine Zeichnung von Nebencharakteren, die noch mehr Raum bekommen, ebenso Herausforderungen zu bestreiten. Lucians größte, sich auf Ruhmeszuschreibungen einzulassen und auch Neid und Missgunst zu widerstehen, zugleich seinen Gerechtigkeitssinn zu Tage treten zu lassen, gelingt hier durch den gesamten Handlungsstrang hinweg, der mit zunehmender Seitenzahl ordentlich am Tempo zieht.

Nebst der Darstellung der Charaktere muss das Worldbuilding hervorgehoben werden, sowie das Magiesystem, welches eine ganz besondere Rolle in diesem Band bekommt. Der Herausforderung, eine Lichtklinge zu erlangen, mächtiges magisches Instrument dieser Welt, sind nicht alle Schülerinnen und Schüler gewachsen, aber auch Grundlage und Handlungstreiber für allerhand Abenteuer, in denen sich Lucian ohne es zu wollen, wiederfindet.

Hier nicht den Faden zu verlieren, ohne größere Logikfehler und unglaubwürdigen Wendungen, hat funktioniert. Auch merkt man deutlich, wie sich Schreib- und Erzählstil Patric J. Kaafs verbessert haben, trotzdem der Auftaktband und dieser als Fortsetzung natürlich nur zusammen funktionieren.

Die temporeich erzählten Kapitel fördern eine Lesegeschwindigkeit, durchsetzt mit zahlreichen Spannungsmomenten, auch Gegensätze funktionieren in diesem Setting gut. Trotz eingearbeiteten Lektorat stößt man hin und wieder aber auf Rechtschreibfehler, trotzdem meine ich auch hier eine Besserung im Gegensatz zum Erstling zu bemerken. So widmet man sich, wenn man denn stolpert, schnell wieder den Kampf zwischen Gut und Böse, Lüge und Wahrheit und Lucians Willen, auch mehr über sich selbst herauszufinden und zu bestehen.

Auch spürt man das Brodeln unter der Oberfläche, wobei die Herausarbeitung des Temperaments vom besten Freund der Hauptfigur mal witzig, mal erschütternd ist zu verfolgen, jedoch immer gelungen. Man fiebert mit. Man leidet mit. Auch ist man mal wütend. Das schafft eine teilweise sehr filmische Beschreibung. Lucian Mason als Miniserie wäre hier sehr gut vorstellbar.

Zeitebenen und Perspektiven wechseln, rahmen vor allem die Geschichte ein, um sich dann und wann zu berühren und am Ende teilweise zu verschwimmen. Wenn man junge Jugendliche als Zielgruppe ansetzt, könnte das durchaus eine Herausforderung beim Lesen bedeuten, auch ist die stetige unterschwellige Bedrohung und Düsternis ein Markenzeichen des Bandes, der mit seinen Beschreibungen von Auseinandersetzungen an japanische Kampfszenen erinnert. Auch das ist ein Element, welches selten so gelungen beschrieben wird.

In diesem Zusammenspiel funktioniert diese Fortsetzung des Auftaktbandes noch besser, da insgesamt rasanter aber auch harmonischer wirkend. Gerne bleibt man dran, um mehr über Lucian und die magische Welt zu erfahren, der behutsam neue Elemente hinzugefügt werden, deren Ausgestaltung Patric J. Kaaf im Verlauf der Reihe noch weiter forcieren wird. Einige Nebenfiguren, auch neue, bekommen so mehr Raum, auch gelingt es dem Autor sich in den passenden Momenten zurückzunehmen und diese in den Vordergrund treten zu lassen.

Habe ich für den Auftaktband noch wohlwollende vier Sterne gegeben, hält diese Bewertung nun auch unter Zuhilfenahme strengerer Gesichtspunkte stand. Dass ich praktisch eine Version mit Anmerkungen des Lektorats erhalten habe, dürfte der Aufregung einerseits, andererseits meinem Kaufverhalten geschuldet sein. In einer späteren Version sind sie nicht mehr anzutreffen.

Die Reihe lohnt sich folglich, sie weiter zu verfolgen, zudem gerade aus dem deutsprachigen Raum ich wenig vergleichbares gefunden habe. Auch wer bestimmte Urban-Fantasy-Elemente in Verbindung mit einer Coming of Age Geschichte sucht, wird hier fündig werden. Abenteuersuchende ohnehin. Denn, wir alle sind Moridan.

Autor:

Schon immer von Games und Filmen fasziniert, wollte Patrick J. Kaaf in diese Branche Fuß fassen. Als dies nicht funktionierte, begann er auf Anregung hin, seine Ideen aufzuschreiben. So entstand u. a. sein Roman „Lucian Mason und der Splitter des Schicksals“, der den Auftakt einer neuen Fantasy-Reihe bildet.

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Murmel Clausen: Leming

Inhalt:
Sie ist nicht so leicht, diese Sache mit dem Leben als geradenoch-Teenager: Kolja, Verena und Reinhold treffen in einem Suizid-Forum im Internet aufeinander. Gemeinsam wollen sie, um dem Ganzen ein passend dramatisches Ende zu setzen, an den Plattensee, um in einen erloschenen Vulkan zu springen. Nur dass Kolja eigentlich mitfährt, um die anderen beiden von dem Vorhaben abzubringen. Doch können eine chaotische Reise in einem getunten Audi, ein toter Opa, eine wilde Partynacht am Balaton, eine Sonnenfinsternis und letztlich ihre Freundschaft Verena und Reinhold neuen Lebensmut schenken? (Klappentext)

Rezension:
Knallhart ehrlich und brutal im Umgang mit seinen Protagonisten ist das vorliegende Jugendbuch „Leming“, von Schriftsteller und Drehbuchautor Murmel Clausen, der sich behutsam einer Thematik widmet, die schon eine Altersgruppe weiter schwierig zu händeln ist. Doch liest sich diese kleine, aber feine kompakte Erzählung über Suizidalität erstaunlich leichtgängig und kann damit einen Anker für junge Menschen schaffen, einen Anknüpfungspunkt für Gespräche zu finden.

Ein solcher Anker im Buch ist Kolja, Hauptprotagonist des Romans, der sich vor allem von seinem Vater unverstanden fühlt, ansonsten jedoch seine Rolle bereits zu Beginn der Geschichte gefunden hat. Er ist die gute Seele eines düsteren Forums, in dem sich Menschen über suizidale Gedanken austauschen, redet auf dessen Mitglieder ein und versucht sie so von manch einem angestrebten allerletzten Schritt abzuhalten.

Fein ausgearbeitet erfahren wir nach und nach mehr über sein Leben un dessen Sicht, aus der wir der Erzählung begegnen. Wir begleiten ihn auf einen Roadtrip Richtung Ungarn, in dem er versuchen wird, zwei Mitglieder des Forums, denen er sich nahe fühlt, unter Vorgabe, dass er ebenfalls einen Schlusspunkt ans Leben setzen wolle, von eben diesem abzuhalten. Doch ist dies überhaupt eine händelbare Aufgabe für einen Jugendlichen oder nicht doch mehrere Nummern zu groß?

Diese Frage schwingt über die gesamte Erzählung immer mit, die von der Dynamik des Hauptprotagonisten im Zusammenspiel mit zwei weiteren Nebenfiguren lebt, die nach und nach an Ecken und Kanten gewinnen. Sie alle sind nachvollziehbar gezeichnet, wankend in ihren Gefühlswelten, ebenso ist der Abstand vom Alter der Protagonisten glaubwürdig in ihren Charakteren dargestellt.

Reinhold als Ältester wirkt abgeklärt und in seinem Willen klar, während Kolja als Jüngster in seinen Gedankengängen schwankend und zuweilen unsicher dargestellt wird. Das macht die Figuren fassbar, auch wenn der Autor nur wenige Seiten braucht, um um sie herum eine sehr einnehmende Sogwirkung zu entfalten. Tatsächlich lässt sich dieser kleine Roman flüssig lesen. Die ernste thematik wird dabei immer wieder unterbrochen von Stellen mit Leichtigkeit und durchaus feinsinnigen Humor. Dadurch ist die Geschichte nicht nur für die Zielgruppe, sondern auch darüber hinaus lesbar.

In die Figuren kann man sich gut hineinversetzen. Der Hauptprotagonist ist hier Taktgeber und guter Beobachter. Zwar ahnt man durchaus schnell, wie die Erzählung ausgehen wird, doch liegt das am Genre und der Zielgebung des Autoren selbst, der ein eigenes Erlebnis zum Schreibanlass genommen hat. Am Ende des Buches stehen dann auch Hinweise und Links in Form von QR-Codes zur Telefonseelsorge als Zeichen, dass man mit seinen Sorgen nicht allein sein muss und es durchaus Hilfsangebote da draußen gibt. So ist dieses Buch Gesprächsangebot und Denkanstoß zugleich, auch wohl sehr gut in Schulen als Diskussionsanstoß denkbar.

Das liegt an der Ausgestaltung und Nahbarkeit der Protagonisten, ebenso am filmischen Schreibstil, der die wenigen Handlungsorte sehr plastisch vor Augen führt. Irgendwie passend, dass der Autor die Schein- und Trostlosigkeit des Balatons genommen und zumindest bei mir einen sehr ermüdenden Balaton-Urlaub in Erinnerung gerufen hat. Hier gibt das einmal Pluspunkte. Jedenfalls kann man sich das alles gut vorstellen. Murmel Clausen spielt da seine Profession als Drehbuchautor sehr in die Hände. Auch hat er damit unglaubwürdige Wendungen und Sprünge vermieden, wenn man einmal von der Vorhersehbarkeit absieht, die in diesem Genre fast gegeben zu sein scheint. Trotzdem fühlt sich „Leming“ in etwa so an, wie ein „Tschick“. Nur eben düsterer.

Dieses Buch hat das Zeug zur Schullektüre, spricht vor allem Jugendliche an, kann aber dennoch darüber hinaus gut gelesen werden, ohne großartig Abstriche machen zu müssen. Es ist Murmel Clausens Aufforderung über ein gesellschaftliches Tabu ins Gespräch zu kommen, was nur selten aufs Tableau gebracht wird, wenn überhaupt, dann, wenn es bereits zu spät ist. Die Ausgewogenheit zwischen der Schwere der Hauptthematik und die Leichtigkeit eingestreuter, auch fröhlicher Momente, macht die Erzählung dem zugänglich.

Man darf sich mehr solche kleinen aufs Wesentliche konzentrierte Geschichten wünschen, die vor allem ihre Zielgruppe ernst nehmen. Es wäre für uns alle ein Gewinn.

Anmerkung: Bei der Altersempfehlung würde ich ab 12/13 Jahren ansetzen.

Autor:
Claus-Henric „Murmel“ Clausen wurde 1973 in München geboren und ist ein deutscher Drehbuch- und Romanautor. Zunächst arbeitete für das Radio, nevor er gemeinsam mit Michael Herbig, Rick Kavanian und Christian Tramitz Drehbücher für verschiedene Fernsehshows zu schreiben begann. 2012 erschien sein erster Roman, dem weitere folgten, sowie Drehbücher zu mehreren Tatorten. Für seinen Roman „Leming“ wurde er 2024 mit dem Kinder- und Jugendbuchpreis „Luchs“ von Radio Bremen und der Zeitung „Die Zeit“ ausgezeichnet.

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Matias Riikonen: Matara

Inhalt:
Ein Buch, das uns Lesende in die Kindheit zurückführt und nachempfinden lässt, wie groß und unendlich wichtig alles war. Denn Matara ist ein Staat – geboren aus kindlicher Imagination. Es ist die Geschichte von Jungen, die im finnischen Wald einen Staat mit Grenzen, Gesetzen und einer Armee entstehen lassen. Sie patrouillieren, tragen Schwerter, führen Krieg und haben Gesetze. Das Wichtigste besagt: Es ist verboten, von dem zu sprechen, was außerhalb von Matara passiert. (Klappentext)

Rezension:
Wenn man den „Krieg der Knöpfe“ mit „Herr der Fliegen“ vermengt und eine Prise „Peter Pan“ hinzufügt, erhält man im Finnischen „Matara“. Dies ist ein Land, geboren aus der kindlichen Phantasie einer Herrscharr von Jungen, die in den nordischen Wäldern ihre Sommerferien verbringen. Beaufsichtigt von den Erwachsenen werden sie nur in der eigentlichen Einrichtung, doch bleibt diese außen vor, sobald die Kinder und Jugendlichen ihre Fahrräder abstellen und das Tor hinter sich schließen. Der Autor Matias Riikonen erzählt in seinem Übersetzungsdebüt von Kämpfen und Ränkespielen, Ritualen in Matara, in dem Phantasie und Wirklichkeit miteinander verschwimmen.

Diese Erzählung schwebt geradezu förmlich zwischen Jugendroman und Erwachsenenliteratur. In ausschweifenden Naturbeschreibungen eingebettet, begleiten wir die Protagonisten im Alter zwischen neun und fünfzehn Jahren, die in ihrer Gedankenwelt einen Staat nach altem römischen Vorbild haben entstehen lassen, dessen Geschehnisse für wenige Wochen alles überlagert. Langsam werden wir in diese Szenarie eingeführt, in der wir jeden Windhauch spüren werden, jeden Ast unter unseren Füßen. Das Erzähltempo steigert sich dabei allmählich von Kapitel zu Kapitel. Atemlos steuert man in „Matara“ auf ein großes Finale zu, welches alles verändern wird.

Vor allem die Sicht zweier Brüder, die anders als die anderen Figuren unbenannt bleiben, ist es, durch die wir die Geschehnisse verfolgen. Ihnen folgen wir durch das Gestrüpp und machen uns von ihrer Umgebung ein Bild. Anfangs ist nicht klar, was genau Phantasie ist und wo die Wirklichkeit beginnt. Doch die zwei Hauptprotagonisten nehmen schnell Formen an. Auch ihre Sicht auf die Dinge wird schnell nachvollziehbar. Zeile für Zeile wird das Gefüge klarer, auch die Feindbilder der Jungen, andere „Stämme“. Ob aus der gleichen Einrichtung stammend, bleibt im Unklaren. Nicht alles wird hier erläutert. So scheint es sich mit „Matara“ um ein reines Jungen-Camp zu handeln. Mädchen existieren in dieser Welt nur im übertragenen Sinne.

Feindbilder indes sind schnell klar, sowie auch die Charaktere, denen sich die Jungen zu eigen machen. Dieses komplexe Gebilde trägt die Geschichte, in der stets eine unterschwellige Spannung mitschwingt. Diese Gegensätze entfachen eine gute Dynamik, derer man gerne folgt. Auch gibt es keine Lücken oder Wendungen, die Unklarheiten offen lassen. Die Brutalität eines „Herr der Fliegen“ wird dadurch abgemildert, dass die Kinder auch beim brutalen Spiel mit den Holzschwertern am Ende noch zwischen Vorstellung und Realität unterscheiden können. Wer besiegt ist, nimmt sich aus dem selbigen. Wie, ist faszinierend nachzuspüren.

Der Autor weiß an den richtigen Stellen Akzente zu setzen, ausführliche Beschreibungen wechseln mit Zeilen ab, in denen man lesend sich seinen eigenen Gedanken überlassen wird. Auch das zunächst unmerklich, dann immer schneller steigenede Erzähltempo tut dazu sein Übriges. Förmlich wird man in diese Welt eingesogen, kann sich das allesamt vorstellen. Auch jeden Mückenstich.

Wer die Mitte sucht zwischen „Herr der Fliegen“ und „Krieg der Köpfe“ wird sie in „Matara“ finden, nach meinem Empfinden insgesamt aber flüssiger lesbar. Die darin beschriebene Welt zeigt all das, was mit Verwachsen der kindlichen Phantasie verloren geht. Große Abenteuer, aber auch die Brutalität des Erwachsenwerdens. Versammelt auf so wenigen Seiten, ist Matias Riikonen hiermit ein Meisterstück gelungen.

Autor:
Matias Riikonen wurde 1989 geboren und ist ein finnischer Schriftsteller. Er hat in Helsinki Literatur studiert und wurde für sein Debütroman 2012 mit den Helsingin-Sanomat-Literaturpreis ausgezeichnet. „Matara“ ist sein erster Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde.

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Michaela Göhr: Der Fantast 1

Inhalt:
Simon erscheint auf den ersten Blick wie ein durchschnittlicher junger Mann. Seine mentale Kraft ist jedoch phänomenal: Alles, was er sich vorstellt, wird real, gegenständlich, lebendig! Merkwürdige, aufreibende Ereignisse sind seit seiner frühesten Kindheit an der Tagesordnung, was die verzweifelten Eltern dazu bringt, sich Spezialisten anzuvertrauen. Ein Entschluss, der das Leben der kleinen Familie in große Gefahr bringt. Simon wehrt sich auf seine ganz eigene Art. Seine Vorstellung wächst mit ihm, bis er mit der geballten Macht seiner Fantasie zurückschlägt …

Mit diesem Buch beginnt die spannende Lebensgeschichte des Fantasten, einem der ungewöhnlichsten Helden unserer Zeit. (Klappentext)

Reihe:
Dies ist der Auftaktband, also Band 1, der Reihe „Der Fantast“, der mit der Kindheit des Protagonisten beginnt und ein ganzes Leben erzählt. Parallel zu der aus fünf Bänden bestehenden Reihe, gibt es eine Kinderbuch-Reihe, die die Kindheit und Jugend des Protagonisten aus Sicht seines Freundes erzählt und breiter ausfächert, die hier mit Band 1 beschrieben ist.

Rezension:
In einer Mischung aus Fantasy-Roman und Jugendbuch nimmt Schriftstellerin Michaela Göhr ihre Leserschaft auf eine Reise voller Abenteuer und Gedanken, die die Welt verändern werden. Entstehen tun diese im Kopf des Protagonisten, der sie zu Gegenständen und Objekten formt, die wirklich werden, ohne sichtbar zu sein. Schon früh jedoch werden darauf andere aufmerksam, die diese Fähigkeiten für ihre eigenen Zwecke nutzen wollen. Mit zunehmenden Alter aber lernt Simon diese Kräfte immer besser zu formen und zu beherrschen, um für das Gute zu kämpfen. Gegen alle Widerstände.

Der Auftaktband, die seinen Fokus auf Kindheit und Jugend, bis hinein ins junge Erwachsenenalter des Protagonisten legt, ist eine Genre-Mischung par excellence und verbindet darüber hinaus auch noch zwei Reihen über Altersgrenzen hinweg. Mit „Der Fantast“ wird die Lebensgeschichte von Simon begonnen zu erzählen, der mit seiner ungewöhnlichen Begabung Begehrlichkeiten weckt, jedoch diese in etwas Positives umwandeln möchte, die davon abzweigende Reihe „Fantastische Abenteuer“ ist dagegen unter den Kinder- und frühen Jugendbüchern angesiedelt. Sie erzählt die Abenteuer der Kindheit und Jugend, aus Sicht des besten Freundes des Protagonisten, der trotz seiner Einschränkungen, Timo ist blind, im übertragenen Sinne zum Auge Simons, und auch dessen Gewissen, wird.

Doch mit „Der Fantast“ führt die Autorin in das Leben beider Protagonisten ein, die sich ob ihrer Einschränkungen und Begabungen gegenseitig ergänzen. Schon mit den ersten Konturen der Geschichte werden Ecken und Kanten der protagonisten sichtbar, die bei aller beschriebener Perfektion, die Simons Fähigkeiten hervorzubringen scheinen, Risse und Herausforderungen erscheinen lassen. Oberflächlich scheint der Protagonist das Mary Sue Klischee in Reinform zu bedienen, doch gerade im Zusammen- und Gegenspiel zu anderen Figuren zeigt sich das Unperfekte, auch in den Charakterzügen Simons. Gerade wenn dieser zweifelt und an seine Grenzen gelangt, die, ja, in anderen Sphären liegen als die ihn umgebender Menschen, zeigt sich eine gewisse Bandbreite, woraus kurze Momente des Innehaltens entstehen. Hier hat Michaela Göhr nicht nur ruhige Augenblicke, sondern besonders starke Szenen geschaffen.

Die Antagonisten sind klar definiert, zum Teil jedoch vielschichtiger und wandlungsfähiger als der Hauptprotagonist selbst, wobei dieser durch die Autorin in den Folgebänden sicherlich noch weiter entwickelt wird. Trotzdem kann man sich in beide Seiten gut hineinversetzen, gerade auch in deren Zusammenspiel. Daraus entstehende Szenen bleiben eher im Gedächtnis, trotzdem die Geschichte kaum Atempause zulässt, was manchmal des Guten zu viel wirkt, als vorkommende Dialoge. Die Stärke des Romans liegt vor allem in der Beschreibung von Aktionen der Figuren.

Perspektivisch wird die Geschichte vor allem aus der Sicht Simons erzählt, während andere Sichtweisen nur durch Dialoge und Wortwechsel zum Tragen kommen. Das Erzähltempo schafft spannungsreiche Momente, die aneinandergereiht wie auf eine Perlenkette durch die Erzählung führen, was zwar ein flüssiges Lesen schafft, andererseits auf Dauer jedoch ermüdet. Kurz den Roman pausieren lassen, um dann weiterzulesen, sollte jedoch hier helfen. An der einen oder anderen Stelle hätten hier ruhigere Momente dem Text gut getan, aber auch hier muss man eventuell den Band im Kontext der Reihe oder, wenn man die Kinderbuchreihe dazu nimmt, von Michaela Göhr geschaffenen Welt betrachten.

Positiv hervorzuheben ist, dass keine größeren Lücken oder unlogischen Wendungen im Sinne der Geschichte zu finden sind, was einem nicht stocken lässt, im Gegensatz zu ein paar Schreibfehlern, die aber gut und gerne in darauf folgenden Auflagen korrigiert werden könnten. Ansonsten fallen diese nicht weiter ins Gewicht.

Michaela Göhr beflügelt jedoch die Fantasie. Wenn Gedanken wirklich werden könnten, was würde man selbst damit anfangen? Beginnend beim Schokoeis, welches dann tatsächlich sich so anfühlt und auch so schmeckt wie echtes, ansonsten aber unsichtbar ist, bis hin zu Gegenständen oder Fluggeräten. Würdet ihr euch in einen Hubschrauber setzen, den ihr zwar fühlen, berühren, dessen Türen ihr öffnen, ihn aber ansonsten nicht sehen könntet? Und wenn er euren eigenen Kopf entspringen würde?

Mit ein paar Abzügen in der B-Note, jedoch Potenzial nach oben, zieht dieser Roman mit diesen Gedankengängen in die Geschichte hinein, zudem man sich das alles vorstellen kann. Noch spannender wird es dann sicher im weiteren Verlauf, wenn noch mehr Facetten, vor allem von Simon, sichtbar werden.

Da „Der Fantast“ sich weder an normale menschliche noch an Genre-Grenzen hält, ist diese Urban-Fantasy-Erzählung sowohl im Jugendbuchbereich lesbar, mit leichter Gewichtung zum zweiten. Elemente wie Freundschaft, Zusammenhalt, Mut und Über-sich-Hinauswachsen und ja, auch das Erkennen von Möglichkeiten und das Treffen von Entscheidungen werden hier thematisiert. Sehr viel schon für einen Auftakt, bei dem man gespannt sein darf, was Michaela Göhr in den Folgebänden daraus bereits gemacht hat.

In diesem Sinne gibt es hier gerne eine Leseempfehlung.

Autorin:
Michaela Göhr ist eine deutsche Schriftstellerin und wurde 1972 im Sauerland geboren. Zunächst studierte sie Sonderpädagogik und arbeitet seit vielen Jahren an einer Förderschule Sehen. Mit dem Schreiben von Geschichten begann sie bereits in ihrer Kindheit. Ihren ersten Roman verfasste sie 2014. Seitdem schreibt sie Urban Fantasy für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

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