Mein Zimmer im Haus des Krieges
Janina Findeisen
Rezensionsexemplar/Sachbuch
Piper
Erschienen am: 02.04.2019
Hardcover
Seiten: 336
ISBN: 978-3-492-05940-4
Inhalt:
Die Journalistin Janina Findeisen wird 2015 auf einer Recherchereise in Syrien gekidnappt und anschließend 351 Tage gefangen gehalten. Sie war nach Syrien gereist, um ihre zum Islam konvertierte Schulfreundin zu treffen und zu verstehen, wie es zu deren Radikalisierung kam.
Kurz nach dem Treffen wird sie, die ihr erstes Kind erwartet, entführt. Sie verbringt fast ein Jahr an unterschiedlichen Orten, in wechselnde Zimmer eingesperrt, von bewaffneten Männern bewacht. In einem dieser Zimmer bringt sie ihren Sohn zur Welt. (Klappentext)
Rezension:
Entführt zu werden ist, wie ins Koma zu fallen: Das Leben drum herum geht weiter, nur ohne dich. Du bist plötzlich nicht mehr dabei, aber du bist trotzdem noch bei vollem Bewusstsein. Bloß kannst du nichts mehr tun, und keiner kann dir mehr helfen.
Janina Findeisen: „Mein Zimmer im Haus des Krieges“
Nehmen wir das Eingangszitat, welches auf der Umschlagsseite abgedruckt ist und womit die Autorin gleich auf den ersten Seiten beginnt, ihre Geschichte zu erzählen. Eigentlich sollte dies das nachspüren der Biografie einer ehemaligen Freundin werden, doch aus den Plänen Janina Findeisens, die Radikalisierung einer ehemaligen Schulkameradin nachzuvollziehen, wurde nichts.
In ihrem Bericht „Mein Zimmer im Haus des Krieges – 351 Tage gefangen in Syrien“ beschreibt die Journalistin, wie sie selbst in die Falle verschiedener Interessensgruppen ging und schließlich entführt wurde. Eingängig schildert sie ihre Situation und die Umstände, die sie blauäugig in eine unkalkulierbare Situation gleiten ließen, die außer Kontrolle geriet.
Janina Findeisen blickt in fassbaren Kapiteln zurück auf eine Freundschaft, die zum Anlass für eine Recherchereise werden sollte, die so ganz anders verlaufen sollte, als geplant. In einfachen Worten schildert sie ihre Beweggründe, sieht im Nachgang auch die Fahrlässigkeit und Dummheit einer solchen Unternehmung, in der selbst sonst hoch gehandelte Sicherheitsgarantien, die ein hohes Gut in der islamischen Welt darstellen, nichts gelten.
Das kann man verurteilen, doch sind die Tage der Unfreiheit und dem, was alles noch daraus hätte folgen können, nicht schon Strafe genug? Diese Frage sollte man sich als Leser stellen, bevor man urteilt.
Bezeichnend sind Sätze, wie dieser.
Meine Entscheidung, schwanger mit einer Sicherheitsgarantie in ein Land einzureisen, in dem Krieg herrscht, ist heute nicht mehr zu begreifen. Es war verantwortungslos, leichtsinnig und falsch. Ich bedauere diesen Schritt zutiefst, doch ich kann meinen Fehler weder ungeschehen machen, noch verbergen oder vergessen. Er ist Teil meiner Lebensgeschichte.
Janina Findeisen: „Mein Zimmer im Haus des Krieges“
Diskussionswürdig ohnehin.
Auch muss man feststellen, das weiß die Autorin, dass sie Glück
hatte. Viele andere Journalisten sind aus verschiedenen Gründen
schlechter aus der Situation herausgekommen als sie. Andere mussten für
ihre Beweggründe mit dem Leben bezahlen, denken wir etwa an den
Amerikaner James Foley, der entführt und vor laufender Kamera enthauptet
wurde. Dies sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man den Bericht
liest, vergisst auch die Autorin nicht und schlägt den Boden zu den
Auswirkungen des Krieges auf das Leben der Menschen in diesem failed
state.
Die Vorwürfe, die man Janina Findeisen machen kann, macht sie sich
selbst auch. Es geht jedoch vor allem um eine möglichst sachliche
Schilderung des Erlebten. Draufsicht auf Unfassbares. Auch, die
Verarbeitung dessen ist wohl Sinn und Zweck des Aufschreibens dieser
Geschichte gewesen und als solche sollte man den Bericht vielleicht auch
betrachten, Dann funktioniert es.
Das Buch gefällt nicht. Dafür ist die thematik zu krass und auch der Begriff Gefallen ist hier falsch gewählt. Janina Findeisen zeigt nur auf, wie sie die Zeit, einer Extremsituation ausgesetzt, überstehen konnte und wie klitzekleine Siege über die Entführer, kaum wahrnehmbar, ihr über diese Tage halfen, sich selbst nicht zu verlieren. Abgesehen vom Diskussionsstoff, den das Buch sicher sonst noch bietet.
Manche Momente im Leben sind teurer als andere, denn sie werden in einer anderen Währung bezahlt. Währung und Preis kennt nur, wer es bezahlen musste.
Janina Findeisen: „Mein Zimmer im Haus des Krieges“
Janina Findeisen steht stellvertretend für einige,
nicht für alle entführten Journalisten, erzählt damit eine andere
Geschichte als die, die sie ursprünglich aufschreiben wollte. In diesem
Sinne ist das flüssig zu lesende Werk, welches wie die Entführung selbst
Längen und Ungewissheiten aufweist, dann wieder rasant erzählt wird,
gelungen. Über die anderen Facetten muss sich der Leser selbst ein Bild
machen und gilt es zu diskutieren.
Autorin:
Janina Findeisen studierte Ethnologie und vergleichende
Religionswissenschaften, forschte zum deutschen Dschihad. Sie arbeitete
als freie Mitarbeiterin für den Rechercheverbund von NDR, WDR und SZ und
veröffentlichte unter Pseudonym Dokumentationen und Reportagen zur
deutschen Dschihadisten-Szene. Mit ihrer Familie lebt sie in Berlin.
VE: Jein. Ich bin langfristig schon optimistisch, da man ja ansonsten nicht existieren und langfristige Sachen machen würde, aber kurzfristig teilweise pessimistisch. Wenn man nicht immer das Schlimmste erwarten würde, könnte man auch keine Thriller schreiben, da passiert ja immer irgendetwas Negatives.
„Sind Sie ein optimistischer Mensch?“ Veit Etzold: „Jein.“
NH: Was hat Sie zu den Thriller
„Staatsfeind“ inspiriert?
VE: Ich habe 2013 mit einem ehemaligen
KSK-Kämpfer (Kommando Spezialkräfte) gesprochen. Der meinte, man
könnte einen Umsturz in Deutschland mit dreihundert Elitekräften
machen. Die würden ausreichen, um alles umzustürzen. Das erschien
mir plausibel und ich habe mir überlegt, was ist, wenn dies wirklich
der Fall wäre? Welche Kräfte würden sich bündeln? Wer würde so
etwas machen? Wie würde das aussehen?
Ich habe dann immer weiter recherchiert, mit verschiedenen Leuten gesprochen und gerade jetzt gibt es eine große Unzufriedenheit bei den Sicherheitsbehörden, die mit der Regierung nicht einverstanden sind, die sich im Stich gelassen fühlen, wo vielleicht die Möglichkeit besteht, so etwas hinzubekommen, gar nicht mal so unrealistisch ist. Auf alle Fälle realistischer als vielleicht vor zehn oder zwanzig Jahren.
NH: Dieses Ereignis, zuerst eines
Terroranschlags und dann eines Umsturzes, setzen Sie auf ein
historisches Ereignis. Den Mauerfall, der sich 2019 zum dreißigsten
Mal jährt. Warum dieses Datum?
VE: Dies ist ein historisches Datum und
die Separatisten wollen Deutschland spalten, in einem
nationalistischen und einem islamischen Staat und bedienen sich dann
auch Islamisten, die ihnen dabei helfen. In sofern wäre es eine
völlige Ironie, dass am dreißigsten Jahrestag der Wiedervereinigung
dann wieder alles auseinander gerissen wird. Der eine Teil
Deutschland wäre dann nationalistisch, der andere islamisch und
jeder der beiden Staaten ist für den anderen da, um ein
abschreckendes Beispiel zu geben.
NH: Sie hatten diese Idee und daraus
die Geschichte formuliert? Wie haben sie diese entwickelt? Gibt es
einen Schreibplan, der Anfang und das Ende stehen vorher fest oder
schreiben Sie und schauen, wo die Idee hinführt?
VE: Der Anfang steht und das Ende steht auch, genau so wie die ganze Story vorab. Es ändern sich vielleicht nur noch ein paar Sachen, auf einige bin ich erst zum Ende hin gekommen, die sich noch ganz gut einfügen ließen, aber bei Thrillern steht normalerweise die gesamte Geschichte gleich zu Beginn. Ich schreibe ein Expose, gliedere teilweise per Excel einzelne Szenen.
Wenn man einfach los schreibt, können logische Brüche entstehen und man kann vielleicht alles nochmal schreiben. Es ist unheimlich schwer, dies wieder hinzubekommen, während man nach einem Expose genau weiß, hier muss ein Charakter öfter auftauchen, hier ist der Bösewicht zu wenig präsent. Es ist um Einiges klarer und strukturierter. Ein Thriller versucht ja auch, den Leser auf eine falsche Fährte zu führen.
Veit Etzold: „Ein Thriller versucht ja auch, den Leser auf eine falsche Fährte zu führen.“
NH: Neben den Schreiben halten Sie
Vorträge und Seminare, arbeiten im Bereich der Unternehmensberatung.
Hilft dies beim Schreiben?
VE: Vor allem mache ich viel über Kontakte, Storytelling und Unternehmensberatung und da gibt es natürlich immer Leute, die sagen, wenn Sie mal eine spannende Idee brauchen, melden Sie sich bei mir. Menschen, die im Bereich Sicherheitstechnologie, IT, Banken arbeiten, haben immer spannende Geschichten zu erzählen, würden selbst vielleicht gerne schreiben, haben aber vielleicht nicht die Zeit dafür oder schaffen es nicht.
Das ist ein tolles Netzwerk, welches man immer kontaktieren kann. Es gibt natürlich Leute in den Sicherheitsbehörden, in der Armee, bei Elitetruppen, ein Netzwerk, welches Geschichten liefern kann, aber oft sagen sie natürlich auch, sie wollen nicht namentlich erwähnt werden.
NH: Gibt es für die Protagonisten
in Ihrem neuen Buch solche realen Vorbilder oder Menschen mit
entsprechenden Charaktereigenschaften?
VE: Cohagen, zum Beispiel ist ein Mensch von Typ Horst Mahler. Horst Mahler war Gründungsmitglied der RAF, hat RAF-Terroristen als Anwalt verteidigt und ist dann Mitglied der NPD geworden. Vom Links- zum Rechtsradikalen, sehr beweglich.
Da geht es wahrscheinlich nur um Umsturz und neue Gesellschaftsformen, die er möchte, egal was da jetzt drauf steht und so ähnlich ist Cohagen, der einer der Hauptverschwörer ist. Es sind schon einige Personen, die an reale angelehnt sind. Das wäre jetzt mit Horst Mahler eine prominente Figur. Es gibt aber viele andere, die ich kenne, die jedoch nicht erwähnt werden möchten.
NH: Für wie realistisch halten Sie
dieses Szenario?
VE: Ich halte die Grundsaat, die Möglichkeit ist relativ hoch. Heute höher denn je als in der Geschichte der Bundesrepublik. Hoffe, dass es dann nicht dazu kommen wird und am Ende alles gut ausgeht.
Es ist jedoch eine Sache, die sehr nah an der heutigen Situation ist, die entsprechende Auswirkungen hätte, wenn sie passiert und nicht komplett unwahrscheinlich ist. Ich wünsche es mir nicht, aber ich glaube, dass es in unserer Zeit eher wahrscheinlich ist als zuvor.
Veit Etzold: „Die Möglichkeit ist relativ hoch.“
NH: Polarisiert der Thriller?
VE: Ich habe schon Kritiken gehört,
E-Mails bekommen, wo es hieß, dass wäre zu krass und verachtend
gegenüber dem etablierten System. Wobei ich ja nicht sage, dass ich
das System verachte, nur sage, was kann passieren, wenn das
etablierte System nicht aufpasst. Ich möchte, dass Demokratie und
Freiheit weiter bestehen, es ist jedoch nicht Gott gegeben. Wenn man
es nicht immer wieder verteidigt, wird es vielleicht irgendwann
abgelöst. Das müssen wir verhindern.
NH: Trotzdem endet ihr Thriller
jetzt nicht gerade mit einem Happy End.
VE: Teilweise. Es muss ja ein Ende
haben. Hier liegt die Bestie am Boden, ist aber noch nicht tot. Man
weiß nicht, wie es weitergeht. Es könnte auch eine Richtung
eingeschlagen werden, die man gar nicht möchte.
NH: Das heißt, Fortsetzung folgt?
VE: Vielleicht. Könnte man überlegen. Dass es eine Fortsetzung gibt, könnte durchaus sein. Vielleicht aber auch nicht.
Veit Etzold: „Dass es eine Fortsetzung gibt, könnte durchaus sein.“
NH: Wie muss die Umgebung sein, um
solche Bücher zu schreiben?
VE: Ruhig. Lärm nervt mich, wenn ich
konzipiere, plotte und schreibe, ansonsten habe ich da keine großen
Anforderungen. Ein wenig Platz.
NH: Sebastian Fitzek sagte mal, um
so schöner die Umgebung, um so schrecklicher werden die Szenarien.
VE: Es muss eine schöne Umgebung sein.
Schöner Ausblick, zum Beispiel am Meer. Aber bei mir kann das auch
das Hotel sein oder im Flugzeug. Wichtig ist, dass man seinen
Gedanken ungestört Raum geben kann. Ansonsten stimmt das natürlich.
Je schöner die Umgebung, desto schlimmer die Themen. Jedenfalls,
wenn man Thriller schreibt.
NH: Was macht die Faszination für
Thriller aus? Gerne gelesen, im Feuilleton kommt er fast nicht vor.
VE: Sie werden gerne gelesen, da sie Themen behandeln, womit man sich in sicherer Atmosphäre gruseln kann. Der Mensch möchte sich gruseln, jedoch in sicherer Umgebung und nicht wirklich solchen Leuten begegnen, einerseits. Andererseits behandeln Thriller ganz oft den Tod und dieses Thema ist in unserer Gesellschaft völlig ausgelagert worden. Man sieht kaum mehr Tote. Früher hat man die auf den Schlachtfeldern gesehen. Tote werden nicht mehr zu Hause aufgebahrt.
Veit Etzold: „Thriller werden gerne gelesen, da sie Themen behandeln, womit man sich in sicherer Atmosphäre gruseln kann.“
Es gibt eine Lifestyle-Industrie und
wir glauben alle, wir sind für immer jung und unsterblich. Sind wir
nicht, aber glauben wir. Religiös gibt es eigentlich auch keine
Beschäftigung mit einem Leben nach dem Tod. Danach ist es vorbei.
Der Tod ist ausgeklammert worden, aber immer noch präsent. Eine Art
Underdog, der durch die Hintertür wieder hereinkommt, nachdem er
durch die Vordertür hinaus geschmissen wurde.
Der Thriller behandelt den Tod und die
Phänomene, die wir ausklammern, die aber für den Menschen trotzdem
interessant sind. Warum der Feuilleton das nicht möchte, keine
Ahnung. Wahrscheinlich, weil es irgendwie massentauglich oder nicht
intellektuell genug ist. Wir haben in Deutschland als einzigem Land
die Unterscheidung zwischen ernsthafter und Unterhaltungsliteratur.
Ernsthaft kommt ins Feuilleton, aber
nicht auf die SPIEGEL-Bestsellerliste. Bei Unterhaltung ist es
umgekehrt. In anderen Ländern werden auch Thriller in der New York
Times, Washington Post, Financial Times besprochen, hier nicht. Ich
verstehe es auch nicht.
NH: In Ihren Büchern kommen oft
Antihelden vor, bei denen man nicht weiß, wie man sich eigentlich zu
ihnen positionieren soll. Warum?
VE: Ich glaube, diese ganz klaren Helden, die man zuordnen kann, haben ausgedient. Die Leute wollen ambivalente Figuren, was man auch zunehmend an Serien sieht, in denen die Protagonisten nicht klar zuzuordnen sind. Die meisten Menschen sind ähnlich. Ein Mensch, der sagt, er würde nie töten. Wenn es aber darum geht, die eigene Frau, die eigenen Kinder zu retten, würde man vielleicht schon zum Mörder werden. Die Grenzen, was man machen würde und was nicht, sind immer fließend.
Veit Etzold: „Die Grenzen, was man machen würde und was nicht, sind immer fließend.“
Jeder Held, jeder normale Mensch ist
auch teilweise ein Antiheld. Das ist näher an den potenziellen
Lesern dran als ein Held, der völlig glatt gebügelt ist und weiß,
was er will. Wir wissen oft nicht, was wir genau wollen und wie wir
in Extremsituationen reagieren.
Das kommt auf die Situation an und in
solche werden die Helden hinein geschmissen. Das sind Menschen, keine
Superhelden, die eine gewisse Sache vielleicht gut können, ansonsten
genau so verletzlich und überfordert sind, wie vielleicht auch der
normale Leser in einer ähnlichen Situation.
NH: Dieses Szenario haben wir als
Leser und vor allem der Protagonist jetzt überstanden. In welches
werden wir uns als nächstes begeben?
VE: Als nächstes kommt wieder ein
Clara-Vidalis-Thriller, mittlerweile der siebte Band der Reihe, in
der Clara Vidalis einen Serienmörder jagt. Mehr kann ich noch nicht
verraten, es ist aber Bewährtes mit neuem Setting und neuen
Charakteren und einer ziemlichen Überraschung am Ende.
NH: Dann lassen wir uns überraschen.
Vielen Dank für das Gespräch.
VE: Vielen Dank.
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Die Moskauer
Andreas Petersen
Rezensionsexemplar/Sachbuch
S. Fischer
Erschienen am: 13.03.2019
Hardcover
Seiten: 361
ISBN: 978-3-397435-5
Inhalt:
Die DDR war vor allem in den ersten Jahrzehnten geprägt von Paranoia und Denunziation. Die Gründergeneration um Pieck und Ulbricht hatte einst in Moskau die Jahre des Terrors überlebt, in denen Stalin mehr Spitzenkader der KPD ermorden ließ als Hitler. Angst und Verrat wurden Normalität.
Ab 1945 setzten sich die „Moskauer“ im Machtstreben um die Führung in der sowjetisch besetzten Zone durch. Zweifel und Fragen waren nicht erwünscht. Die „Moskauer“ hätten sich sonst ihrer eigenen Verstrickung stellen müssen. Im neuen werdenden Staat setzten siee die gleichen Methoden ein, denen sie fast alle Jahre zuvor zum Opfer fielen. Das Stalintrauma und seine Folgen, analysiert von Andreas Petersen. (eigene Inhaltsangabe)
Rezension:
Die Geschichte der DDR begann schon Jahre vor der Gründung mit einer Gruppe von Kommunisten, die sich vor den Nazis in die Sowjetunion flüchten konnten und in den Jahren des Exils versuchten, eine Machtbasis für einen späteren Neuanfang zu schmieden. Mit Hilfe der Sowjets gelang dies auch später, doch der Weg zur Macht war für Ulbricht, Pieck und andere weder von vornherein klar vorgezeichnet, noch sicher.
Stalin, der im eigenen Land mit den Jahren unter immer größeren Verfolgungswahn litt, ließ Hunderttausende seiner Landsleute, offiziere des Militärs und selbst der Geheimdienste ermorden, schreckte auch nicht vor der Ermordung der Exilanten zurück.
Hunderte KPD-Mitglieder wurden deportiert, gefoltert und ermordet. So viel zur bekannten Geschichte. Doch, wie prägte das die Führungsriege der KPD und welche Auswirkungen hatte dies später auf das eigene Herrschaftsverhalten nach dem Krieg? Andreas Petersen hat Einblick genommen in Tagebücher, Archive und Berichte. Herausgekommen dabei ist ein minutiös gezeichnetes Sachbuch.
Leider auch ein schwer zu lesendes. Dieses Kapitel deutscher und auch russischer Geschichte ist alleine von der Thematik her sehr interessant, zumal noch nicht alle Archive geöffnet und ausgewertet sind und es noch ganz wenige Zeitzeugen gibt, die davon berichten können. In sofern hätten „Die Moskauer“ interessant und spannend beschrieben werden können, das werden und das Formen der Gründergeneration der DDR.
Warum dieses absolute Machtstreben, Denunziation und Aushorchen selbst unter politischen Gleichgesinnten und die Schaffung eines Klimas der Angst, welches über den Tode Stalins noch hinaus wirkte? Warum löschte der Diktator selbst seine künftigen verbündeten einst beinahe selbst komplett aus? Weshalb setzten die DDR-Oberen diese Politik unter anderen Vorzeichen, obwohl selbst einst Betroffene, in ihrem eigenen Staat fort?
Ein Stoff, wie gemacht für einen Politkrimi, jedoch unglaublich reich an Fakten und Statistiken, die auch durch persönliche Geschichten fassbar gemacht werden können. Alleine mit letzteren geht der Autor jedoch allzu sparsum um, so dass am Ende ein schwer zu lesender, für den Laien kaum aufzunehmender Text übrig bleibt, der mehrmals gelesen werden muss, um verinnerlicht zu werden.
Was hängen bleibt, sind Längen und einzelne Fakten. Persönlichkeitsgeschichte, die sonst in solchen Werken den Leser bei Stange hält, ist rar gesät. das funktioniert nur ungenügend, zumal man praktisch gezwungen ist, Absätze wiederholend sich zu Gemüte zu führen und langsam zu lesen.
Vielleicht dachte der Autor beim Schreiben eher an sein sonstiges Zielpublikum? Im Regelfall sind das Studenten. Für’s Fach sind „Die Moskauer“ jedenfalls nach meinem dafürhalten mehr geeignet, als jetzt für den Laien, der sich mit Geschichte beschäftigen und sich diesem bestimmten Kapitel mal von einer etwas anderen Sicht aus nähern möchte.
Als populärwissenschaftliches Werk funktioniert es nicht, was schade ist, denn die zahlreichen Quellen, die auf eine intensive Recherchearbeit schließen lassen, verknüpft mit einzelner Personengeschichte, hätten anders aufbereitet interessanter wirken können. So aber ist die Thematik nicht greifbarer geworden. Schade.
Autor:
Andreas Petersen wurde 1961 in Köln geboren und ist ein deutscher Historiker. Nach der Schule studierte er Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich und war Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin. Als Dozent für Zeitgeschichte wirkt er an der Fachhochschule Nordwestschweiz und ist zudem Gründungspräsident des Forums für Zeitzeugen in Aarau. Er schreibt für Tageszeitungen und Zeitschriften, pendelt zwischen Berlin und Zürich. Er ist Herausgeber und Autor mehrerer sachgeschichtlicher Werke.
„Wir sind Gäste in dieser Welt der Minute, Wir vergehen, und die Nächsten bleiben hier. Was wir miteinander tun, all diese freundlichen und angenehmen Dinge – das ist es doch, wofür wir leben, oder? Was, außer dem, werden sie mit in unsere Gräber legen? Nur drei Meter leinwand, nur“…
Zutisopeli/Die Minutenwelt, zitiert aus Constanze John „40 Tage Georgien“.
Es sind noch ein paar Dinge offen, die ich von der Messe mitgenommen habe, drei Interviews und Gespräche vor allem, die ich in Leipzig dieses Jahr mit verschiedenen Autoren geführt habe. Leider komme ich erst jetzt und in den nächsten Tagen wirklich dazu, diese zu sichten und werde dies hier, nach und nach, veröffentlichen. Gleich das erste Interview, welches ich vereinbart habe, veröffentliche ich jedoch in Form eines Berichts, da ich in diesem Falle noch besser meine Eindrücke schildern kann. Die anderen Interviews werde ich jedoch wirklich als solche veröffentlichen.
Das Gespräch selbst fand im Büro der Reisemission Leipzig GmbH statt, einer der vielen Veranstaltungsorte im Rahmen des Programms „Leipzig liest“. Diese Ausrichtung der Messe sorgt dafür, dass es eben eine wirkliche Publikumsmesse ist und nicht nur in den Messehallen selbst das Lesefieber gelebt wird. Und so versammelten sich in diesem Büro zahlreiche Zuhörer und Interessierte, um der Leipziger Schriftstellerin zu lauschen.
Constanze John 40 Tage Georgien – Unterwegs von Tiflis bis ans schwarze Meer Seiten: 411 ISBN: 978-3-7701-8293-0 Verlag: mairdumont
Mit so viel Andrang hatte man beim mairdumont Verlag, bei der Reisemission selbst, wohl nicht gerechnet, am allerwenigsten, so schien es mir, die Autorin. Doch Georgien als Land eine große Unbekannte, weckt Interesse. Wir sprechen hier vom letztjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse, doch durch Autoren wie Nino Haratischwili ist das Land immer noch im Gespräch. Auch darüber habe ich mit Constanze John gesprochen.
Doch, zunächst drängelten sich die Zuhörer in den zwei kleinen Büroräumen und die Lesung begann mit einer Einführung in Georgiens „Minutenwelt“. Diese Zeilen, oben zitiert, eröffnen den Reisebericht, der hier schon rezensiert wurde, zeigen, wie dieses Land, gelegen am Kaukasus, tickt.
Die Autorin berichtet von ihrer Entdeckung der Faszination für die georgische Lebensart und vor allem für die Menschen und ihre Geschichten. Fotos werden gezeigt, Ausschnitte gelesen. Als sich der Trubel legt, die Lesung beendet ist, ist der Wunsch, das Land selbst einmal zu bereisen, bei vielen Zuhörern weit nach oben gerückt. Die Autorin und ich sind dann noch in den Büros geblieben und haben miteinander gesprochen.
Zwischen Supra und „Minutenwelt“, nach ihrer Lesung, Constanze John.
Wir vertiefen das in der Lesung Gesagte und kommen schnell auf die Welt des Augenblicks zu sprechen, die die Lebensart der Georgier zu bestimmen scheint. Man lebt jetzt, in diesem Moment und soll dies auch bewusst tun. Dieser Gedanke beeindruckt, wie auch die dort gelebte Gastfreundschaft. Ein Jeder wird willkommen geheißen, aufgenommen, Höhepunkt vielleicht, in das große Ritual der Supra mit einbezogen zu werden, die einen bestimmten Ablauf vorweist.
Constanze John über „40 Tage in Georgien – Unterwegs von Tiflis bis ans Schwarze Meer“.
Als dies zur Sprache kommt, ist Constanze John wieder in Gedanken bei ihren Eindrücken von ihren Reisen dorthin, und wieder auch bei den Menschen, die in hippen wandlungsfähigen Städten leben, aber auch in rauen und ursprünglichen Dorfgemeinschaften, bei einer kreativen und jungen künstlerichen Szene, aber auch bei Familien, deren Familienbiografien durch den Konflikt mit dem großen Nachbarland Russland und den abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien gebeutelt sind.
Die Autorin kommt auf Begegnungen, etwa mit den Künstler Pridon zu sprechen, der in seiner ganz eigenen „Minutenwelt“ lebt, aber auch auf Momente des Glücks in Uschguli. Wer den Reisebericht gelesen hat, spürt die Sehnsucht der Autorin zu den bereisten Orten zwischen den Zeilen, beim Vortrag und auch im Gespräch hat sie das nochmals unterstrichen.
Wer Georgien einmal erlebt hat, verfällt dem wohl vollkommen. Und auch dem Humor dieses Volkes, wenn es Witze über die Armenier macht, wie es umgekehrt genau so geschieht, oder wenn mit lachenden Augen von der Entstehungslegende berichtet wird, die die Autorin im Gespräch ebenfalls nochmals hervorhebt.
Constane John hat sich Georgien über die Menschen und ihre Geschichten erschlossen.
Als Gott nämlich die Länder auf die einzelnen Völker verteilte, feierten Armenier und Georgier jeweils rauschende Feste. Als die Verteilung beendet war, blieb für die Armenier nur noch das Land der Steine übrig, die Georgier, die immer noch feierten , bekamen erst einmal nichts. Gott hatte jedoch Erbarmen und schenkte ihnen einen Flecken Erde, den er selbst für sich als Ruhesitz vorgesehen hatte. Unter einer Bedingung, nämlich, dass die georgier jeden Gast freundlich aufnehmen mussten, der zu ihnen käme. Und das tun sie bis heute.
Wie sich das auswirkt, kann man dann in Constanze Johns Reisebericht nachlesen, doch, nach ein paar Tipps gefragt, welche Orte man in diesem Land unbedingt besucht haben sollte, hat die Autorin folgende für uns Leser und Reisende:
Tblissi, als pulsierende Stadt im inneren des Landes mit abwechslunsgreichen Nachtleben.
Uschguli, das höchst gelegene Dorf Georgiens. Die Geschichte Georgiens, konzentriert auf einen Punkt. Wehrtürme als Wahrzeichen und die Kraft der natur in der Bergwelt des Kaukasus. und die Menschen, stolz und eigensinnig, die dort leben.
Wardsia, das größte von drei Höhlenklöstern Georgiens, phänomenal und eindrucksvoll.
Wenn ich etwas aus dem Buch, der Lesung selbst und dem Gespräch mit der Autorin mitgenommen habe, ist es diese Faszination für ein Land, welches man vielleicht nicht auf den ersten Blick weniger als Reiseziel, mehr als Ort der Begegnungen sehen sollte. Die macht man dort nämlich, eingenommen von der Gastfreundschaft der Bevölkerung, in den Städten und Dörfern Georgiens. Letztlich ist es das, was von solchen Erfahrungen bleibt. Vor allem in dieser „Minutenwelt“. Danke, für diesen Austausch der Autorin Constanze John und den Damen und Herren von mairdumont.
Fotos und Bericht dürfen ohne Genehmigung weder vervielfältigt, noch anders verbreitet werden und sind Eigentum des Autoren. Alle Rechte liegen bei findsobeucher.com, der Autorin und mairdumont.
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Niemand weiß, dass du hier bist
Nicoletta Giampietro
Rezensionsexemplar/Roman
Piper
Erschienen am: 01.03.2019
Hardocver
Seiten: 416
ISBN: 978-3-492-05918-3
Inhalt:
Der zwölfjährige Lorenzo soll bei seiner Tante in Siena unterkommen, bis der Krieg vorüber ist. Die Toskana gilt als sicher. Mit seinem neuen Freund Franco träumt Lorenzo vom glorreichen Triumph des faschistischen Italiens. Doch die Begegnung mit Daniele bringt seine Überzeugungen ins Wanken. Daniele ist Jude. Als die Stadt schließlich von den Deutschen besetzt wird, schweben er und seine Eltern in großer Gefahr. Und Lorenzo trifft eine folgenreiche Entscheidung. (Klappentext)
Rezension:
Es gibt Romane, deren Geschichten verschwinden, sobald man den Buchdeckel zugeklappt hat und andere, die bleiben und nachwirken. Zur letzteren Sorte gehört „Niemand weiß, dass du hier bist“ von Nicoletta Giampietro. Das Debüt der italienischen Autorin erzählt die Geschichte des kleinen Lorenzo, der vor den Kriegswirren des Zweiten Weltkrieges in Afrika ins vermeintlich sichere Italien zu Verwandten gebracht wird und dort mit seinem neuen Freund Franco vom Siegeszug des Faschismus träumt.
Zunächst ist alles noch aufregend, auch wenn erste Anzeichen von der Grausamkeit und Bedingungslosigkeit auch den Kinderaugen des Zwölfjährigen nicht entgehen. Jüdische Mitschüler verschwinden aus dem Unterricht, immer schwieriger wird es, an Lebensmittel zu kommen, die Tante eckt mit allzu freier Meinungsäußerung an.
Im Szenario einer Kleinstadt, Siena, in der Toskana konzentrieren
sich die Auswirkungen des Krieges. Viel packt die Autorin hinein. An
historischen Gegebenheiten orierentierent, an realen Personen nur leicht
angelehnt, hat sie einen Aufarbeitungsversuch eines Stückes
italienischer Geschichte geschaffen, der fasst zu vergessen werden
drohte.
Zunächst die Protagonisten, in deren Zentrum der anfangs zwölfjährige Lorenzo steht. Aufgewachsen in Tripolis, ist er der wache Charakter, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird. Zugleich außenstehender Beobachter und Beteiligter trägt der Protagonist die Geschichte.
Detailliert zeigt die Autorin den Zwiespalt auf, in dem Lorenzo sich befindet, vor allem in den gegensätzlichen Freundschaften, einerseits zum gleichaltrigen Franco, dessen Familie vom Faschismus profitiert, er selbst ist ganz der Ideologie verfallen, andererseits im späteren Verlauf zu Daniele, der nur knapp dem Unheil der Deportation entgeht. Beide Freundschaften bringen Lorenzo, auf die eine oder andere Art und Weise, in Gefahr.
Immer wieder fallen dabei bezeichnende Sätze, wie dieser:
Ich war an einem sicheren Ort gebracht und zurückgelassen worden. Aber Kriege sind unberechenbar. Und sichere Orte auch.
Nicoletta Giampietro: Niemand weiß, dass du hier bist
Die Geschichte entfaltet eine Sogwirkung, zunächst nur leicht, mit zunehmender Seitenzahl immer stärker, der man sich nicht entziehen kann. Dazu trägt ein kontinuierlicher Spannungsbogen bei und die Tatsache, dass die Autorin möglichst viele Themen gezielt untergebracht hat.
Zwar nur haarscharf an der Überfrachtung vorbei, sind auch die Nebenfiguren so detailliert gezeichnet, dass sie fassbar werden, allen voran Figuren wie Matteo oder Zia Chiara, die durchaus zur Identifikation taugen. Lorenzo steht irgendwo dazwischen. Auch thematisch macht es Giampietro ihren Lesern nicht leicht. Geschont wird niemand.
Es werden die Auswirkungen des Krieges auf den Alltag, das Denken und Handeln der Partisanen, der Mitläufer und der Täter behandelt, aber auch dort immer wieder gezeigt, dass jede Geschichte zwei seiten hat, eine großer Stärke des Romans, unterstützt durch sprachlich wunderbare Bilder.
… fast verschmolzen mit der Wand, zitternd wie ein Pappelblatt im Wind, schmutzig und mit riesigen, angsterfüllten Augen, …
Nicoletta Giampietro: Niemand weiß, dass du hier bist
Geschichtliche Aufarbeitung kennen wir von deutscher, niederländischer oder von polnischer Seite, dieser Roman zeigt einen Versuch etwas Unfassbares fassbar zu machen aus italienischer Sicht. So gelungen, habe ich selten etwas gelesen und kann diesen Roman nur jeden Interessierten ans Herz legen.
In klarer verständlicher Sprache und nicht allzu langen Kapiteln verfolgt die Autorin das Handeln ihres Protgonisten über mehrere Jahre, in denen Lorenzo einen Prozess des zu schnellen Erwachsenwerdens durchmachen muss. Leben, damit der andere überlebt, dabei einen klareren Blick bekommen. Vielleicht kann man es so zusammenfassen?
Emotional, nicht kitschig, beschreibt die Autorin Lorenzos Weg und
zeigt im Nachwort auf, welchen realen Gegebenheiten einzelne Elemente
der Handlung und Beschreibungen entlehnt sind. Gerade dies macht
„Niemand weiß, dass du da bist“ zu einem unglaublich starken Roman,
dessen Geschichte sich so oder ähnlich tatsächlich hätte abspielen
können. Manche Szenen sind der Realität entlehnt.
Wer diesen Roman liest, wird dies mit zunehmend offenen Mund tun und
viel Stoff zum Nachdenken bekommen. Eine Geschichte mit Nachhall, die
ihres Gleichen sucht, gegen das Vergessen und für das Erinnern. Eine
unbedingte Empfehlung.
Autorin:
Nicoletta Giampietro wurde 1960 in Mailand geboren und wuchs in einer
italienisch-französischen Familie auf. Sie studierte nach der Schule
Politikwissenschaften und geschichte in Mailand und Tübingen, zog 1986
nach Deutschland. Seit 1995 lebt sie in mainz, nach Stationen in Köln
und Rotterdam. Sie spricht mehrere Sprachen. „Niemand weiß, dass du hier
bist“ ist ihr erster Roman.
Der Araber von morgen – 4
Serie: Der Araber von morgen
Riad Sattouf
Graphic Novel
Penguin Verlag
Softcover
Seiten: 280
ISBN: 978-3-60102-9
Inhalt:
Der Zeichner Riad Sattouf erzählt in dieser als Graphic Novel gehaltenen biografischen Reihe „Der Araber von morgen“ vom Aufwachsen zwischen der europäischen und der arabischen Welt. Der Leser begleitet Riad von Kindheit an durch die Heimat seiner Mutter, Frankreich, und des Landes seines Vaters, Syrien. In Band 4 erzählt Riad Sattouf von seinem leben als Teenager.
Seine Eltern leben sich immer mehr auseinander und streiten nur noch. Die Differenzen zwischen den Kulturen lassen die Risse zwischen ihnen immer größer werden. Riads Vater, einst arabisch modern, wird immer konservativer und entwickelt einen radikalen Plan. Währenddessen hat Riad mit den typischen Problemen eines Teenagers zu kämpfen. Schließlich kommt es zum großen Knall. (eigene Inhaltsangabe)
Die Abstände zwischen dem Erscheinen der einzelnen Bände wurden mit Fortschreiten der Geschichte größer. Alleine, es hat sich gelohnt. Nun liegt ein neues Puzzleteil der hochinteressanten und künstlerisch brisanten Biografie von Riad Sattouf vor, der zuvor schon mit drei Bänden seine Leser begeistern konnte. Der Autor und Zeichner erzählt hierbei, wie gewohnt, aus seinen Erinnerungen heraus, episodenhaft vom Aufwachsen zwischen den Welten.
Zur Erinnerung, Sattouf stammt aus der Beziehung einer Französin und eines Syrers und lebte entsprechend zwischen den Kulturkreisen, kennt den Nahen Osten seiner Kindheit, sowie die Widersprüche, die sich daraus aus Begegnungen und Erlebnissen in Frankreich für ihn bildeten. Im Zentrum, immer dabei, Riads Familie.
Im vorliegenden Band, den man erst nach den anderen gelesen haben sollte, erzählt Sattouf von seinen Teenager-Jahren, die er vorwiegend in Frankreich verbrhhcte. Der einst so aufgeklärte Vater wendet sich immer mehr der Religion zu und verliert sich im Glauben an autoritäre Regime des Nahen Ostens, allen voran Saudi Arabiens und des Iraks unter Sadam Hussein, entfernt sich dabei immer mehr von seiner Frau, die zusehen muss, wie ihr das Familienleben entgleitet.
Selbst über Länderdistanzen streiten sich die Eltern zunehmend, wobei sein Vater einen immer größeren Spagat zwischen seinen Vorstellungen eines Familienlebens wahrnimmt, aber nicht wahrhaben will, Riads Mutter zwischendurch gegen eine schwere Krebserkrankung zu kämpfen hat. Als wäre das nicht genug, kommen für Riad die üblichen Probleme eines Heranwachsenden hinzu.
In diesem Band zeigt der Zeichner, wie er langsam die kindliche sicht auf die Geschehnisse ablegte und durch den Blick eines hinterfragenden Jugendlichen ersetzte. Distanzen und Differenzen werden sichtbarer, die Signalfarben, in denen die einzelnen Szenen gefärbt sind, gewinnen hier nochmals an Bedeutung.
Ein bestimmender Federstrich gibt den Stil vor und lässt die Protagonisten, Riad und dessen Familie, lebendig werden. Blau steht dabei für das Leben in Frankreich, helles Rosa und kontrastreiches Grün für Syrien, Rot für den eskalierenden Konflikt.
Von letzterem gibt es viele in diesem Band, in kürzeren Abständen als
in den vorherigen. Harmonie, auch Melancholie, fast nur in den Szenen,
in denen sich der Vater abwesend zeigt. Riad Sattoufs Erinnerungen
führen den Leser derweil durch den Ersten Golfkrieg und der
Ausweglosigkeit des Teenagers, der erkennen muss, dass die Beziehung
seiner Eltern auf verlorenen Posten steht, ophne selbst sich in den
Gruppen der Jugendlichen einordnen zu können. Egal, welcher Kulturkreis.
Es ist eine besondere Graphic Novel, die hier biografisch erzählerisch wirken kann und auf einen großen Knall am Ende zusteuert, der zudem kein größerer Cliffhanger hätte werden können. Dass funktioniert erstaunlich gut, wobei durch die ausufernde Seitenanzahl hier erstmals auch wirklich störende Längen entstanden sind, von denen man hofft, im nachfolgenden Band bitte verschont zu bleiben.
Wer jedoch die vorangegangenen Schriften und Zeichnungen mochte, wird dies auch mit Band 4 der Reihe tun, die zumindest einen größeren Spannungsbogen aufweisen kann, wie es nur eine Graphioc Novel in diesem Falle vermag, zumal viele Kinder zwischen den Kulturkreisen diese inneren Konflike in ähnlichen Varianten kennen dürften. Riad Sattouf versucht dies in seinen Zeichnungen zu verarbeiten. Mit „Der Araber von morgen – 4“ ist es ihm ein weiteres Mal gelungen.
Autor:
Riad Sattouf wurde 1978 in Paris geboren und ist ein französischer Comicautor, Zeichner und Filmregisseur. Bekannt wurde er durch seine Reihe „Der Araber von morgen“, in der über seine Kindheit in Libyen und Syrien berichtet, sowie durch mehrere Filme. Seine Kindheit verbrachte er zwischen den Ländern des Nahen Ostens, bevor er als Jugendlicher nach Frankreich zurückkehrte.
Nach seinem Abitur besuchte er die Schule für angewandte Künste in Nantes, studierte später Animation an der Ecole des Gobelins in Paris. Von 2004-2014 zeichnete er für das Satiremagazin Charlie Hebdo, von 2014 an arbeitete er an eine Comicserie, die als Fortsetzungsgeschichte in einer französischen Zeitschrift, später als Buch erschien. Er erhielt den Rudolph-Dirks-Award 2017 und den Max-und-Moritz-Preis, ein Jahr darauf. Sattouf lebt und arbeitet in Paris.
Zara & Zoe – Rache in Marseille
Alexander Oetker
Rezensionsexemplar/Thriller
Droemer
Erschienen am: 01.04.2019
Taschenbuch
Seiten: 328
ISBN: 978-3-425-30715-1
Inhalt:
Ein Zwilling, der keine Regeln brechen darf.
Ein Zwilling, der keine Regeln kennt.
Zusammen kämpfen sie gegen erbarmungslose Terroristen.
Gesetz und Gewalt – vereint in zwei Schwestern. Die eine Cop – die andere Mafiosa.
Um eine Katastrophe zu verfindern, müssen sie die Rollen tauschen.
Ihr Kampf gegen fanatischen Terror wird zum epischen Showdown zwischen Gut und Böse.
(Klappentext)
Rezension:
Thriller, die von der ersten Seite an, ein schnelles Tempo vorlegen, haben es zumeist in sich, so auch das vorliegende Szenario von Alexander Oetker. Der Frankreichkenner, Journalist und Schriftsteller entführt den Leser nach Marseille, in die Tiefen der Banlieues, grauer Vorstädte, die sich längst jeder staatlichen Kontrolle entzogen haben, Korruption, Drogenhandel und Terrorismus ihre Brutstätten haben.
Im vorliegenden Band ermitteln die scharf gezeichneten Protagonisten, die Europol-Beamten Zara von Hardenberg und ihr Kollege Isaakson. Was zunächst wie ein Mord mit Anhängsel aussieht, entwickelt sich jedoch schnell zu einem Fass ohne Boden. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, für den Zara ihre ärgste Feindin einspannen muss. Ihre eigene Schwester.
So viel zur Handlung, von der man mehr nicht verraten sollte, die jedoch durchaus trägt und einen kontinuierlichen Spannungsbogen praktisch garantiert. Rasant geschrieben, hat der Autor hier genau das richtige Maß zwischen den wichtigen Details und unwichtigeren Geplänkel gefunden. Positiv auffallend ist dabei, dass alle Protagonisten verschiedene Fascetten aufweisen. Das reine Gut-Böse-Schema gibt es nur auf den ersten Blick.
Auch Orts- und Milieubeschreibungen gehören zu den Pluspunkten des Autoren. Man nimmt dies dem Autoren ab und verliert sich in die Gluthitze der Stadt am Mittelmeer, die anscheinend mehr Schatten- als Sonnenseiten vorzuweisen hat. Nichts rät eher ab, doerthin zu reisen, als dieser thriller. Kurze und prägnante Kapitel laufen in wechselnder Perspektive einem Showdown entgegen, der einen großen Knall schon früh erahnen lässt.
Dort wird es indes kritisch. Gerade das Endszenario kann ich dem Schriftsteller nicht abnehmen. Zu unglaubwürdig, zu schnell und zu kurz erzählt. Was am Anfang noch funktioniert, reicht mit Fortschreiten der Seitenzahl nicht aus, um gerade ständige Krimileser bei Stange zu halten und zu überzeugen. Die Geschichte wirkt dann wie ein Fernsehfilm, den man mal gesehen, dann jedoch schnell wieder verdrängt hat.
Das ist schade, da viele Themen aufgegriffen werden, die man detailliert hätte verarbeiten können. Die Chancenlosigkeit in den Vorstädten, Radikalisierung, Terrorismus, organisierte Kriminalität, das Drogenmilieu, Mafiabande, um nur einige zu nennen. Das wird alles angeschnitten und im Schnelldurchlauf zusammengefügt, reicht jedoch nicht. Vielleicht hätte man sich hier auf weniger konzentrieren, dies jedoch ausfühlicher verarbeiten können.
Im letzten Viertel fehlt der Biss, jedoch würde ich gerne mehr über die einzelnen Protagonisten erfahren und damit weitere Fälle lesen. Gegen den Auftakt als Reihe, hätte ich nichts. Dann könnte der Autor diese Schwächen mit einer stärkeren Fortsetzung wettmachen.
Autor:
Alexander Oetker wurde 1982 geboren und ist ein deutscher Journalist und Schriftsteller. Er begann Sozial- und Politikwissenschaften zu studieren und beendete dies jedoch nicht, arbeitete v on 1998 bis 2000 freiberuflich für die Berliner Zeitung. Danach arbeitete er für die Mediengruppe RTL und war von 2005-2007 Berlin-Korrespondent.
Von 2008 an, leitete er das Westeuropa-studio und berichtete für RTL/n-tv/Vox aus Paris. Seit 2012 ist er politischer Korrespondent in Berlin. 2017 erschien sein erster Kriminalroman. Oetker schreibt unter eigenen Namen, sowie unter Pseudonym und lebt mit seiner Familie in Berlin.
In fremder Nähe
Reinhard Kuhnert
Rezensionsexemplar/Roman
Mirabilis Verlag
Erschienen am: 22.02.2019
Taschenbuch
Seiten: 272
ISBN: 978-3-9818484-9-6
Inhalt:
Elias Effert ist Theatermann. Stückeschreiber, Regisseur und Liedermacher und feiert in der DDR große Erfolge, bis er zu sehr mit seinen Texten aneckt. Der Geschasste verlässt die DDR, nur einer holt ihn in Westberlin ab. Joachim, Chef eines Westberliner Theaters, will helfen.
Doch, Elias ist skeptisch, nach und nach stellen sich jedoch erste Erfolge ein. Effert erlebt aber auch die Zweifel und Schwierigkeiten, ein Westler zu werden. Eine Welt wurde ihm fremd, die andere wird nie ganz nah. Nach Jahren öffnet sich für Elias ein völlig unerwarteter Weg. (eigene Inhaltsangabe).
Rezension:
Wenn man den Umschlagstext und die Inhaltsangabe eines großen Verkaufsportals auf diese art und Weise zusammenfasst, könnte man fast den Eindruck bekommen, man hätte es hier mit einer spannenden und wendungsreichen Thematik zu tun, wird aber gleichsam auf den ersten Seiten enttäuscht werden. Und die gehören schon zu den spannendsten, welche der Künstlerroman zu bieten hat.
Geschrieben hat ihn Reinhart Kuhnert, der hier als Theatermensch seine eigene Biografie verarbeitet hat und von den Schwierigkeiten erzählt, zwischen Tür und Angel, in diesem Fall zwischen Ost und West zu leben und nirgendwo so richtig anzukommen.
Und genau das passiert zunächst auch mit den Leser. Vielleicht liegt
es daran, dass mir das bewusste Erleben der DDR- und Wendezeit fehlt,
jedenfalls ist das anfangs noch verständliche Verhalten und Denken des
Hauptprotagonisten, welches ihn zu einer durchaus wandelbaren und
interessanten Figur hätte machen können, mir sehr schnell gehörig auf
die Nerven gegangen. Diese ständigen Selbstzweifel, das Jammern wird mit
der Zeit so unerträglich, dass es auch nicht hilft, dass man aufgrund
des Erzählstils geradezu durch die Seiten fliegt.
Zu nennen sind die beiden Hauptfiguren, Effert zum einen und zum anderen Kramert, die gleichsam gegensätzliche Pole ihrer Orientierung bilden, denen man jedoch beide gegen eine Ziegelmauer stoßen möchte. Fast möchte man beiden Protagonisten zu schreien, man kann sich aber auch anstellen.
Ansonsten bewegt sich außer der dahinplätschernden Handlung nicht viel. Sinnsuche, vielleicht nicht ohne Sinn aber ohne Ergebnis und irgendwie habe ich das von diesen Roman erwartet. War dann vielleicht auch ein Fehler von mir.
Interessant ist die Verschmelzung der Geschichte des Autors mit der seines Protagonisten. Hier erweißt sich das Reale wieder einmal spannender als die gesponnene Geschichte. Kuhnert hat selbst eine Dissidentenbiografie vorzuweisen und ging in den 1980er jahren in den Westen, musste als Künstler praktisch von Null auf starten, verarbeitete mit diesem Roman wahrscheinlich all die Gedanken, die ihn seither begleiteten.
Er verwendete dafür reale Texte, die er selbst für verschiedene Theaterbühnen schrieb und legte sie seinen Protagonisten in den Mund oder in der Füllertinte. Solch einen Kniff zu verwenden ist stark. Um so bedauerlicher, dass Kuhnert nicht mehr daraus gemacht hat als diesen Roman, der mich fragend zurücklässt und farblos erscheint.
Vielleicht wirkt die Geschichte anders, wenn man selbst eine ähnliche
Biografie aufweisen kann oder zumindest der Generation des Autoren
angehört oder dessen Berufsgruppe? Mir fehlte leider der Zugang.
Autor:
Reinhard Kuhnert ist Schauspieler, Regieassistent und Regisseur und arbeitete an verschiedenen Theatern in der DDR, später in Westberlin und im Ausland.. Bis 1983 wirkte er als erfolgreicher Dramatiker in Ostberlin, bevor er nach zunehmenden Konflikten mit der Zensur und den folgenden Rauswurf aus den Schriftstellerverband der DDR nach Westberlin übersieltelte.
Er schreibt Stücke für Theater, Funk und Fernsehen aber auch Romane und Gedichte.Von 1994 bis 2007 lebte er in Galway/Irland und war dort Gastdozent der dortigen Universität, sowie 2006 an der Universität und dem Victorian College of Arts Melbourne. Er erhielt 1999 den Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlins und 2017 die Goldene Schallplatte.
Wenn nicht jetzt, wann dann? Was passiert, wenn eine Managerin ihren Job an den Nagel hängt, den Rucksack schultert und bis in die hinterste Mongolei reist? In Rumänien wird sie fast von Peter Maffay überfahren, dafür genießt sie in Georgien Gastfreundschaft 2.0 (Promille). Sie gerät in die Fänge des russischen Geheimdienstes, isst Suppe auf Tadschikisch (ohne Löffel!) und versucht sich als kirgisische Schwiegertochter in der Sommerjurte. Ach ja – und dreht darüber mit ihrem Kameramann eine launige TV-Serie. Alles zum ersten Mal.
Ein wunderbar geistreiches wie humorvolles Buch über echte premieren, die ein oder andere Panne und das große Glück vom Unterwegs-Sein. (Klappentext)
Bücher der Reihe:
Julia Finkernagel: Ostwärts 1 – Ostwärts oder wie man mit den Händen Suppe isst, ohne sich nachher umziehen zu müssen
Bei Filmen bin ich immer vorsichtig, wenn der Trailer die Höhepunkte
vorwegzunehmen scheint, bei Büchern geht es mir mit Klappentexten
ebenso, wobei da die Wahrscheinlichkeit irgendwie höher zu sein scheint,
dass sich die beschriebene Geschichte vollkommen anders entwickelt.
Diese Inhaltsangabe klang witzig und genau nach dem, was heute im
Internet zahlreich angeklickt wird. Spontane Reiseerlebnisse für den
Moment festgehalten, nur eben in Buchform. Und es funktioniert.
Julia Finkernagel hat eigentlich als Managerin am Frankfurter
Flughafen gearbeitet, bevor sie sich ein Sabbatjahr nahm und seit dem
für den MDR in die verschiedensten Winkel der Erde reist. Mit Kamera-
und Tonmann gilt es, die Geschichten der Menschen zu ergründen, die dort
leben und die Zuschauer zu Hause in fremde Welten zu entführen. Alltag
mal anders und immer darauf bedacht, spontane Ereignisse mitzunehmen.
Keine Reisereportage im klassischen Sinn. So entpuppte sich „Ostwärts“
zu einem der erfolgreicheren Formate des MDR.
Doch, wie waren die Anfänge und wie lernte Julia Finkernagel, wie
Fernsehen funktioniert? Dies und natürlich ihre kuriosen Erlebnisse in
den Ländern, die sie als erstes bereiste, beschreibt sie mit humorvollen
Blick in ihrem Buch „Ostwärts oder wie man lernt, mit den Händen Suppe
zu essen, ohne sich nachher umziehen zu müssen“ und reiht Kuriositäten,
Erlebnisse und Menschen so aneinander, dass man das Gefühl hat, die
Autorin auf der Reise zu begleiten, zudem Erlebnisse zu erfahren, die es
nie schafften, gesendet zu werden.
Nichts ist statisch oder faktenlastisch, als Reiseführer ist das Buch nicht zu gebrauchen, eher als Erfahrungsbericht, den man trotzdem einiges für sich mitnehmen kann. „Krieg und Frieden“ taugt zum Beispiel nicht nur als Lektüre, sondern auch (Bücherfreunde festhalten!) als Toilettenpapier, wenn man nichts anderes hat und wenn man Hunger hat, ist man Plov.
Schriftstellerisch ist der Reisebericht, der in kurzweiligen und übersichtlichen Kapiteln über Polen, der Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, bis nach Georgien, Russland, Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan und in die mongolische Steppe wird, zwar kein großer Wurf, aber um so amüsanter und nachdrücklicher zu lesen. Reisen erweitert schließlich den horizont und warum nicht einmal ein eher etwas ungewöhnliches Ziel in seine To-do-Liste aufnehmen?
Wie funktioniwert Fernsehen und wie leben die Menschen fernab
touristischer Standardrouten in dennoch reiseinteressanten Ländern? Wie
viel Promille muss man bekommen, um eine georgische Tischrunde zu
überstehen und warum wechselt der Tee in Tadschikistan mehrfach das
Gefäß, bevor er getrunken wird? Dies alles und noch viel mehr, mit
Appetit auf bulgarischen Schopska-salat und, na ja, eben Plov im
Reisebericht der etwas anderen Art, auch wenn man wissen möchte, wie man
in der weiten Steppe Pipi macht, ohne gesehen zu werden. Na dann, gute
Reise.
Autorin:
Julia Finkernagel ist eine deutsche Moderatorin, Drehbuchautorin, Redakteurin und Drehbuchautorin. Nach der Schule studierte sie zunächst Kommunikationsdesign und arbeitete am Frankfurter Flughafen im Bereich der Planung des flugbetriebes. 2007 nahm sie sich ein Sabbatjahr und bereiste die Welt.
Auf die Berichte, die sie zunächst per E-Mail versendete, wurde der MDR aufmerksam, so begann die Geschichte der Dokumentationsreihe „Ostwärts – mit den Rucksack der Sonne entgegen“, die bis 2014 gesendet wurde. Seit dem arbeitet sie zudem als producerin für verschiedene Fernsehformate und wurde 2011 zudem für ein Qualifizierungsprogramm für Filmschaffende ausgewählt. 2016 war Finkernagel Mitglied der Jury der Biberacher Filmfestspiele. Dies ist ihr erstes Buch.
Irgendwann ist die Luft raus und normalerweise ist das bei mir am vierten Messetag der Fall. Zu viele Eindrücke sammelt man auf der Buchmesse, zu viele Kilometer läuft man und zu viele Bücher wandern von den mobilen Kassierern zu mir in die Tasche. Gut, am letzten Punkt habe ich selbst Schuld, was kaufe ich auch Bücher, aber wenn sonst nichts ist? In diesem Jahr jedoch hatte ich auch am sonntag Lust und Muse, Lesungen zu besuchen. Ob’s am Wetter lag? Wer weiß?
Los ging es mit einer Gesprächsrunde über die Zensur zu DDR-Zeiten und die Zensur heute. Gemeinsamkeiten, Unterschiede und wie diese Entwicklung zu erklären ist. Brisantes Thema und hoch interessant, genau so wie die nächste Lesung, in der mal wieder über den Tellerrand geschaut wurde, was ja häufiger so war auf dieser Buchmesse.
Der Zu Klampen Verlag stellte mit seinem Autor Gerd Hankel ein Buch über die Verarbeitung des Völkermords in Ruanda 1994 vor, welcher auch 25 Jahre danach noch für große Widersprüche sorgt. Hier möchte ich jedoch nicht zu viel verraten, da ich dieses Buch zu gegebener Zeit noch rezensieren werde. Nur so viel, ich wusste von diesem zeithistorischen Geschehnis nichts, um so mehr beeindruckte mich die Lesung. Der PapyRossa Verlag stellte indes ein Buch über die Bewegung der Resistance, des antfaschistischen Widerstands in Frankreich vor. Nicht minder interessant.
Der Verleger zu Klampen stellt „Ruanda 1994. Vom Umgang mit den Völkermord“ vor.
Am 24. Mai zeigt der deutsch-französische Kultursender ARTE eine 24-Stunden-Reportage über Europa, genauer gesagt über die junge Generation, die nur diesen Kontinent ohne Grenzen und mit einer umspannenden Wähhrung kennt, mit all den Vor- und Nachteilen, die dies mit sich bringt. 47 Kamerateams begleiteten in 26 Ländern 60 Protagonisten und so wurde auf der Messe, die sich in den letzten jahren auch immer ein wenig politisch zeigte, diese Sendung vorgestellt, die etwa an „24 Stunden Berlin“ anknüpft, nach dem gleichen Konzept. Könnte spannend werden.
„24h Europa“, die Sendung wird am 24. Mai auf ARTE ausgestrahlt.
Danach ging es zu einer Lesung über einen Familienroman, der in Marseille spielt und von der Thematik her hätte ganz interessant werden können. Das ist ja eine Stadt, in der mehr Migranten als Franzosn leben und über eine dort lebende, aus verschiedenen Nationen zusammengewürfelte Familie geht es auch in diesem Roman, dessen Titel ich schon wieder vergessen habe. Da kann man sich vorstellen, wie „spannend“ die Lesung war. Irgendetwas ist ja immer.
Harald Jähner „Wolfszeit. deutschland und die Deutschen 1945-1955“
Beendet habe ich die Buchmesse für mich mit einem besuchten Interview eines der Preisträger auf der Leipziger Messe. Auf den ARD-Forum wurde das Sachbuch „Wolfszeit – Deutschland und die Deutschen 1945-1955“ vorgestellt und es war zum Ende des Tages dort noch einmal richtig voll. Hatte aber dennoch eine relativ gute Sicht auf das Geschehen. Das Buch ist zumindest vorgermerkt, sollte ich irgendwann einmal dazu kommen.
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Und dann, Ende. Das war sie, die Leipziger Buchmesse 2019, bei der ich am Ende 18 Bücher schwerer runtergegangen bin, viele Menschen von Verlagen, viele autoren und viele Blogger, Literaturforen-Mitglieder und andere getroffen habe. Jedes einzelne Gespräch, auch wenn es manchmal nur ein zwei Minuten waren, hat mir spaß gemacht und ich freue mich auf das nächste Jahr. Das letzte Jahr war die Messe der Begegnungen, dieses Jahr war es für mich die Messe der Geschichten. Ist ja auch mal ganz schön. Ich hatte weniger Termine als in den letzten Jahren, habe mehrmals spontan etwas anderes gemacht, als ursprünglich geplant und war am Ende nicht so gestresst, wie z.B. im vergangenen Jahr. Das ist doch schon etwas.
Beeindruckt war ich von Tschechien als Gastland, welches sich auf wunderbare Art und Weise, ser vielfältig, präsentiert hat und mit zahlreichen Neu- und Erstübersetzungen aufwarten konnte. Ein Blick zu unseren Nachbarn lohnt und ich freue mich, mehr tschechische Autoren demnächst zu lesen. Einige Bücher liegen schon bereit.
https://www.instagram.com/p/BvZRl7GFmEN/
Demnächst kommen noch die Interviews, die ich auf der Messe geführt habe. Jetzt werde ich mich erst einmal durch den ganzen neuen Lesestoff durcharbeiten. Das gehört für mich zu den schönsten Nachwirkungen, bis es dann im nächsten jahr wieder heißt, Leipzig liest und findo liest mit.
Euer findo.
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