Michele K. Troy: Die Albatross Connection

Inhalt:

Die aufregende Geschichte des Albatross-Verlags – gegründet Ende 1931 in Hamburg – beschreibt in bester John-le-Carre-Manier, wie drei Glücksritter die Nazis austricksten, und ganz nebenbei die dramatischen Anfänge des modernen Taschenbuchs. (Klappentext)

Rezension:

Praktisch über Nacht überflügelte der Albatross seine Konkurrenten und blieb lange sichtbar das Wappentier eines der erfolgreichsten Verlage, die mitten im Europa des Zweiten Weltkriegs, tätig waren. Als Grenzen nahezu unüberwindbar waren, schufen die Gründer des Albatross-Verlags ein dichtes wirtschaftliches Netz und waren zuweilen so erfolgreich, dass sie selbst die strenge Zensur argwöhnischer NS-Behörden umgehen konnten, die dem Unternehmen misstrauten, es andererseits jedoch auch für ihre Ziele einzuspannen versuchten.

Ein Unternehmen, welches so nur in besonderen Zeiten existieren konnte und heutzutage fast dem Vergessen anheim gefallen ist, nachzuspüren, dieser Aufgabe hat sich sich die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Michele K. Troy gewidmet und so das entwirrt, was schon vor Augen der damaligen deutschen Obrigkeit schier undurchdringlich schien. In „Die Albatross Connection“ beschreibt sie detailliert die Entstehungsgeschichte eines Verlagsunternehmens und damit auch der Menschen, die einst englische Literatur auf den Kontinent heimisch machen und verbreiten wollten.

Und vorzüglich verpackt waren sie allerdings. Wenn Kleider Leute machtem, wie übrigens auch der schnittige persönliche Auftritt der Albatross-Chefs zu sagen schien, so machten die farbenfrohen Einbände und Schutzumschläge ihre Taschenbücher zu einer Klasse für sich.

Michele K. Troy: Die Albatross Connection

Aus Puzzleteilen zahlreicher privater und staatlicher Archive entstand in jahrelanger Recherche ein so spannendes Stück Literaturgeschichte, dass man diese zugleich als Krimi, Spionageroman oder Biografie der drei Albatross-Gründer lesen kann. Aber eben auch, dass (sich) am Schicksal dieses Unternehmens viele Köpfe zerbrachen.

Jahrelang verbarg sich Albatross, sichtbar für alle Welt. Nebelwerfen bewährte sich nicht nur als die beste Verteidigung gegen die Bürokratie des Nazistaates, sondern gewährte deutschen Lesern auch Zugang zu englischer und amerikanischer Literatur, als in Hitlerdeutschland die Reinigung des Volkstums von fremden Einflüssen längst im Gange war.

Michele K. Troy: Die Albatross Connection

Im Bann gezogen ist man dann, wenn die autorin etwa beschreibt, wie der Gründer John Holroy-Reece mithilfe von britisch-jüdischen Intellektuellen Finanzmittel auftreiben konnte, selbst jedoch für seine Mitstreiter kaum zu fassen war, gleichwohl diese in den gegnerisch zueinander stehenden Ländern Deutschland und Frankreich ihrerseits den Verlag am Leben erhielten.

Albatross hatte die duetschen Behörden glauben lassen, was sie glauben wollten […].

Michele K. Troy: Die Albatross Connection

Ohne den Faden bei ihren Recherchen verloren zu haben, taucht die Autorin in wundersame und erschreckende Zeiten ein, führt Lesenden die Fallstricke und Herausforderungen vor Augen, denen sich die Albatross-Connection, bestehend aus Holroyd-Reece, Kurt Enoch und Max Christian Wegner ausgesetzt sah, stellt jedoch auch dar, wie Wagemut und fast zu oft eine ungehörige Portion Glück ein Unternehmen unter den Augen eines Regimes überleben lassen haben, welches dessen Ideologie diametral entgegen stand.

Mit diesen Werk lässt Troy ein beeindruckendes Stück europäischer und nicht zuletzt deutscher Literaturgeschichte wieder lebendig werden, welches sicher seinen Eingang in die Bibliotheken entsprechender Hochschulen und Universitäten finden wird, so dass man dort eine detaillierte Überblicksschrift in den Händen halten kann. Doch nicht nur dort wird man beeindruckt zurückbleiben, ob dessen der Autorin es gelungen ist, die Puzzleteile aufzustöbern und zusammen zu fügen.

Der Albatross bildete die Grundlage des modernen Taschenbuchs, wie wir es heute kennen. Nicht nur für Literaturbegeisterte ist das Werk jedoch auch eine besondere Schrift gegen das Vergessen.

Autorin:

Michele K. Troy ist Professorin für Englische Literatur an der University of Hartford. Sie forscht zur angloamerikanischen Kultur in Europa zwischen und während der Weltkriege, sowie zur Entwicklung des modernen Taschenbuch und des Buchhandels während der NS-Zeit.

Kurzblick: Poetisiert Euch.

Wieder einmal ist es Zeit für einen Beitrag der Kategorie „Kurzblick“. Hier erscheint alles, was sonst nicht recht in irgendeine andere Kategorie passen möchte, was einer anderen Form bedarf oder wozu der Schreibende noch nicht allzu viel Vergleichsmaterial in der Hinterhand hält. Heute soll es dabei um einen kleinen Independent-Verlag gehen, der seit 2005 ganz im Zeichen von Lyrik und Illustration steht.

Wie ist es mit euch? Lyrik, das war der Part im Unterricht, mit den man sich eine gute Note zu Schulzeiten holen konnte, wer keine Probleme hatte, Texte auswendig zu lernen, aber auch dieser, der manchen von uns zu Fall brachte, wenn es um die ausführliche Interpretation ging. Wehe dem, man folgte der Meinung einschlägiger Lehrbücher oder -personen nicht und hatte irgendetwas in der Argumentation übersehen.

Lyrik ist jedoch schon immer mehr gewesen, als das starre Entlanghangeln und Festhalten an Formen. Das kann man natürlich tun, doch darf sie natürlich dazu dienen, den Gedanken freien Lauf zu lassen, zum Nachdenken anzuregen, Perspektiven zu gewinnen und einfach einmal zu zeigen, was mit Sprache möglich wird, wenn man sie nutzt. Der Text ist das eine, die haptische Form ist das andere. Die Gründer und Schreibenden des Verlagshaus Berlin bringen beides überein.
Dabei entstehen Werke, in denen man sich verlieren kann, wenn man es zulässt.

Lea Schneider, z. B., lebte einige Zeit in China und wirkt als freie Übersetzerin, Autorin und Lyrikerin, bringt ihre Gedanken zum Reich der Mitte in ihrem Lyrik-Band „made in china“ zum Ausdruck. Durchstreift werden sechs Orte, die alle pulsieren, voller Leben sind, von der Vergangenheit zehren, sie nicht loslassen können und doch unaufhaltsam voranschreiten, der Zukunft entgegen. Der Spagat, den die Bewohner von Beijing, Shanghai oder Hong Kong machen, täglich, zwischen alter Tradition und Geschichte und chinesischer Interpretation eines modernen Staats kommt dabei zum Tragen. Wie viel wissen oder was glauben wir zu wissen, über China, deren Städte sich zu gleichen scheinen, und doch ganz verschieden sind?

„made in china“, Gedichte von Lea Schneider, Illustrationen von Yimeng Wu
Edition Belletristik im Verlagshaus Berlin
Seiten: 108, ISBN: 978-3-945832-38-7

Odile Kennel begibt sich dagegen auf die Suche nach einem Gefühl. Was ist Lust? Worin besteht die überhaupt? Worauf kann man Lust haben, was bewirkt sie, wo durch wird sie ausgelöst? Können Texte, kann Sprache Lust bereiten? Sind Wörter körperlich? Mit der Sprache nach ihrem Lusthorizont suchend, im Rahmen der im Verlag herausgegegebenen Edition Poeticon sucht die Autorin, findet nicht, findet doch. Auch hier, man muss sich darauf einlassen, man muss sich den Text erschließen, auf sich wirken lassen.

„Lust“ von Odile Kennel
Edition Poeticon im Verlagshaus Berlin
Seiten: 48, ISBN: 978-3-945832-47-9

Inzwischen gibt es mehrere dieser Reihen, die auf Entdeckung durch uns Lesende warten. Wem dies nicht genügt, kann vom Verlagshaus Berlin auch die Lyrik abonnieren. Kurzum: Poetisiert Euch.

Caroline Draeger (Hrsg.): Angela Merkel – Die großen Reden

Inhalt:
„Deutschland, das sind wir alle.“, „Es ist sehr ernst.“ oder „Wir schaffen das.“ – diese Zitate aus wichtigen Reden von Bundeskanzlerin Angela Merkel machen Schlüsselmomente deutscher Politik lebendig. Sie zeigen, welch entscheidende Rolle die Reden der Kanzlerin spielten: während der Bankenkrise 2008, in der Flüchtligsdebatte 2015 und in besonderen Maße in der Corona-Pandemie 2020/21.

Angela Merkels Reden verdeutlichen, für welche Werte die erste Kanzlerin der Republik stand – jenseits aller politischen Interessen. Und warum uns ihre Worte weit über den Ort und den Anlass hinaus heute noch bewegen. (Klappentext)

Rezension:
Die Auswertung einer 16-jährigen Kanzlerschaft hatte bereits vor ihrem Ende begonnen. Bücher erschienen im Laufe ihrer letzten Legislaturperiode zu Hauf. Bildbände waren darunter, Biografien und Abrechnungen. Welchen Platz sich die erste Frau an der Spitze des politischen Geschehens der Bundesrepublik gesichert hat, wird die Zeit zeigen. Ihre Drei-Wort-Sätze, auf die man Angela Merkel gerne reduzierte, entwickelten ein Eigenleben, welches polarisierte, mindestens aber bezeichnend war, für die Zeit, in der sie fielen.

Jenseits von „Sie kennen mich.“ waren es jedoch immer auch große Reden, die Wegmarken markierten und Zeichen setzten, wenn sie auch unprätentiös vorgetragen wurden. Angela Merkel sprach nicht nur als erste deutsche Regierungschefin vor dem israelischen Parlament, der Knesset, auch vor dem amerikanischen Kongress, nicht zuletzt im Bundestag oder in zahlreichen Fernsehansprachen im Zuge der Corona-Pandemie. Da kam die frühere Wissenschaftlerin zum Vorschein, die mit der Wende ihren Einstieg in die Politik fand und beide Ebenen versuchte, miteinander in Einklang zu bringen.

„Es war weniger das Vorbereitete als das Spontane, nicht der Vortrag, sondern ihre Schlagfertigkeit, mit der Merkel einen Saal durchaus in wenigen Worten für sich einnehmen konnte, weil sie für kurze Zeit aus dem Amt ins Authentische wechselte.“

Nico Fried im Vorwort zu „Angela Merkel – Die großen Reden“.

Die Verlagslektorin Caroline Dreager und der Journalist Nico Fried haben zusammengetragen, was an Reden für die Zeitgeschichte bedeutsam werden dürfte. Sie werten dabei nicht, lediglich das Vorwort ordnet ein wenig ein, ansonsten ist man lesend frei, dies für sich selbst zu sortieren. Kennzeichnend, manches liest sich leichter, als es sich zum Zeitpunkt des Vortragens anhörte. Doch bekommen wir hier einen Einblick in minutiös ausgearbeitete Reden, die natürlich auf eine bestimmte Wirkung abzielten. Interessant auch, was sich vor allem an formulierten politischen Zielen umsetzen ließ und was nicht oder nur mit Abstrichen.

Das gesprochene Wort ist eines der wichtigsten Werkzeuge im Politikbetrieb, zumal der Regierungschefin. Etwas anderes als eine Sammlung von Reden braucht es daher nicht unbedingt. Unabhängig vom politischen Standpunkt der Lesenden ist dieses Werk ein gelungenes zeithistorisches Dokument.

Autoren:

Dr. Caroline Draeger wurde 1967 geboren und ist promovierte Sinologin. Sie arbeitet als Verlagslektorin.

Nico Fried wurde 1966 in Ulm geboren und ist ein deutscher Journalist. Er studierte in München und Hamburg Politikwissenschaften. Seit 2007 leitet er die Parlamentsredaktion der Süddeutschen Zeitung in Berlin. Vorher arbeitete er für die Berliner Zeitung, nachdem er im Jahr 2000 zur Süddeutschen Zeitung wechselte. 2004 übernahm er die journalistische Beobachtung der SPD.

Riku Onda: Die Aosawa-Morde

Inhalt:

An einem stürmischen Sommertag veranstaltet die Familie Aosawa ein rauschendes Fest. Doch die Feier verwandelt sich in eine Tragödie, als siebzehn Menschen durch Zyanid in ihren Getränken sterben. Die einzige Unversehrte ist Hisako, die blinde Tochter des Hauses. Kurz darauf begeht der Mann, der die getränke lieferte, Selbstmord und besiegelt damit scheinbar seine Schuld, während seine Motive im Dunkeln bleiben.

Jahre später versuchen die Autorin eines Buches über das Verbrechen und ein Ermittler, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Doch die Wahrheit ist nichts anderes als ein Gegenstand, der aus einer bestimmten Perspektive beleuchtet wird… (Klappentext)

Rezension:

Honne und Tatame sind Begriffe für gesellschaftliche Phänomene, wie sie in dieser Form wohl in kaum einem anderen Land so ausgeprägt existieren, wie in Japan. Der eine bezeichnet die wahrer Gefühle einer Person, die entgegengesetzt zu denen stehen können, die von der Gesellschaft erwartet werden. Der andere Begriff steht für die Äußerung und das Verhalten, welches von der Gesellschaft erwartet wird, je nachdem welche Position man inne hat.

Die damit verbundene Komplexität und damit einhergehenden Problematiken werden erst seit kurzem in der japanischen Öffentlichkeit diskutiert, bilden im ersten Kriminalroman der Autorin Riku Onda die Grundlage für zahlreiche spannende Momente.

Der Auftakt entspricht dem, klassischer Kriminalliteratur,. Wir Lesende wohnen einem Fest bei, welches von einer in der örtlichen Gemeinschaft anerkannten Familie ausgerichtet wird, wo es zur Katastrophe kommt. Gift in Getränken ist der Auslöser einer sich über Jahre ziehenden Handlung. Alleine Hintergründe, nicht zuletzt die Identität der mordenden Person, bleiben lange im Dunkeln.

Unnahbar sind von Beginn an alle Charaktere aus deren wechselnder Perspektive erzählt wird, ohne dies immer klar voneinander abzugrenzen. Hier ist Konzentration erforderlich. Der nüchterne und distanzierte Erzählstil ist gewöhnungsbedürftig und macht es anfangs schwer, in die Geschichte hinein zu finden. Doch wirkt dies wie ein Sog.

Man folgt den beiden Hauptprotagonisten auf der Suche nach Spuren, die einander kreuzen, parallel zueinader verlaufen, um dann doch wieder eine völlig andere Richtung zu nehmen. So ruhig, wie der erzählstil der Autorin wirktz, so unscheinbar sich die Übergänge lesen, so viele Verdächtige tun sich auf, was fast bis zum letzten Kapitel durchgehalten wird.

Subgenres der Kriminalliteratur werden hier gekonnt vermischt und ein einzigartiger Blick in die japanische Kultur der Verschlossenheit gewährt, sowie die Perspektiven einer Familie, die von außen kaum zu durchdringen sind. Eingebettet ist das in einem ruhigen, fast stoischen Schreibstil, den man als lesende Person anfangs ebenso stoisch aufzunehmen hat.

Zu gefühlige Menschen werden mit Riku Ondas Art des Erzählens wohl an ihre Grenzen stoßen, auch ist Durchhaltevermögen über weite Strecken nicht von Nachteil. Die Auflösung indes ist stimmig und folgerichtig. Hier gibt es keine wirren Wendungen, auch ist man selbst bis zur letzten Zeile gefordert. Kriminalliteratur nach durchschnittlich europäischen Maßstäben ist das nicht. Zudem sollte man auch nicht davor zurückschrecken, dass bewusst Fragen offen gehalten werden.

Wer damit zurechtkommt, den seien „Die Aosawa-Morde“ empfohlen. Nur zu tief ins Glas schauen, sollte man dabei vielleicht nicht, viel eher darauf achten, was sich darin befindet.

Autorin:

Riku Onda wurde 1964 geboren und ist eine japanische Schriftstellerin. 1992 veröffentlichte sie ihr literarisches Debüt, dem weitere Werke folgten. Im jahr 2005 gewann sie den Yokoshiwa Eiji Preis. Seit 2002 wurden bereits mehrere ihrer Werke verfilmt. Ihr Spannungsroman „Die Aoasawa-Morde“ gewann den Mystery of Writers of Japan Award.

Kurzblick: Mit System zum Gewinn – oder so!

Was war euer Hassfach in der Schule? Bei welchen Themen kamt ihr über die Bewunderung des Problems nicht hinaus, woraus sich noch mehr Probleme ergaben, die einem schließlich über den Kopf gewachsen sind und nicht mehr zu bewältigen waren? War das Sport, Chemie, seit ihr an einer Fremdsprache verzweifelt, wohingegen ihr z. B. in Deutsch oder Kunst glänzen konntet? Mein Angstfach in dieser Richtung war Mathematik.

Ohne ausführen zu wollen, welche Ängste und Verzweiflungen ich in mancher Unterrichtsstunde ausgestanden habe, von den Hausaufgaben und Übungen am Kinderzimmer-Schreibtisch gar nicht zu reden, schlägt folgendes Werk in genau diese Kerbe, weshalb es sich für mich auch jeder Rezensionsgrundlage entzieht. Vorstellen möchte ich es dennoch, da der Autor noch keine einzige Rezension oder Präsentation hat, außerhalb der Homepage des Verlags, mich darum bat, weil ich durchaus gerne über den gewohnten Tellerrand hinausblicke und ja nicht auszuschließen ist, dass ein blindes Huhn dann und wann doch einmal ein Korn findet.

Nun, ich bleibe leider blind. C. Otto, der Autor, hingegen nicht, zumindest im Roulette-Spiel. Vielleicht saßen Einige von uns schon einmal an einem Spielautomaten oder am Roulette-Tisch, haben sogar etwas gewonnen, die meisten von uns werden aber wohl eher verloren und sich dennoch gefragt haben, gibt es eine Art System, z. B. im Casino zu gewinnen? Dauerhaft? Der Autor hat dies untersucht, anhand von Computer-Simulationen und Versuchsreihen, die er in seinem Buch „Zeroline – Statistik schlägt Mathematik“ vorstellt und erklärt.

Hier kommen wir zu meinen Knackpunkt. Zwar kenne ich Grundzüge der Spielregeln von Roulette, auch sind mir Sachen wie Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Statistik durchaus ein Begriff, darüber hinaus jedoch wird es schwierig. Das Gelesene habe ich nicht verstanden oder nachvollziehen können. Ich schiebe das jetzt einfach auf mein mangelndes Zahlenverständnis. Es ist mir unmöglich zu sagen, ob das, was C. Otto hier beschreibt, haltbar ist, in nachgestellten Versuchsreihen sich auch so nachvollziehen lässt, ob es hier Lücken gibt, die Gefüllt werden müssen oder Schwachstellen. Daher möchte ich hier keine Wertung abgeben. Meine Befürchtung, ich müsste spielsüchtig werden, um das in praktischen Versuchen verstehen zu lernen, weswegen ich hier auf andere Meinungen gespannt wäre. Wie auch C. Otto selbst.

Vielleicht findet sich ja jemand, der das Buch liest, mit etwas mehr Verständnis für den Inhalt, als ich den habe und darüber ausführlicher schreiben kann, was mir nicht möglich ist und dies inhaltlich bewerten und besser präsentieren kann. Für alle Interessenten:

C. Otto: Zeroline – Statistik schlägt Mathematik
Seiten: 70, ISBN: 978-3-99107-068-1
Verlag: novum

Sasha Filipenko: Die Jagd

Inhalt:

Ein Journalist, der zu viel weiß. Ein Sohn, der seinen Vater verrät. Ein Oligarch, der keine Gnade kennt. Ein korrupter Schreiberling ohne jeden Skrupel. Medien, die auf Bestellung einen Ruf ruinieren. Sasha Filipenko erzählt die Geschichte des idealistischen Journalisten Anton Quint, der sich mit einem Oligarchen anlegt. Worauf dieser den Befehl gibt, Quint fertigzumachen. Die Hetzjagd ist eröffnet. (Klappentext)

Rezension:

Wer Belarus und Russland verstehen möchte, sollte sich einmal aufmerksam die Biografie Sasha Filipenkos anschauen. Zunächst nach St. Petersburg ausgewandert, um über sein Geburtsland unbehelligt schreiben, damit gleichzeitig aber auch unangreifbar das russische politische und gesellschaftliche System auf’s Korn zu nehmen, lebt der Autor inzwischen in Deutschland, um ohne Einschränkungen leben und schreiben zu können.

Er tut dies auf Russisch und nahm in seinem Roman „Rote Kreuze“ die Umdeutung der Geschichte vor, im Nachfolgeband dann das belarussische Gesellschaftssystem. In „Die Jagd“ beschreibt er, brandaktuell, den Einfluss der Oligarchen, Russlands Superreiche und das Dilemma derer, die versuchen, ehrlich zu bleiben.

Sperriger als die anderen, bereits auf Deutsch erschienenen Romane, gelingt der Einstieg in zwei parallel verlaufende Geschichten, die sich erst mit zunehmender Seitenzahl in einander verketten und auf die unvermeidbare Katastrophe zusteuern. Der Erzählstil ist gewöhnungsbedürftig, doch zunächst schaffen wechselnde Perspektiven eine Übersicht über die handelnden Protagonisten, die unterschiedlich zum gesellschaftlichen System stehen. Parallelen zu realen Personen sind hier nicht unbeabsichtigt.

„[…] Anton, für eure Zeitung kann man einen eigenen Friedhof aufmachen!“

Sasha Filipenko: Die Jagd

Tatsächlich lassen sich existierende Pendants im russischen Raum ausmachen, was der Erzählung eine ungeheure Brisanz verleiht, zumal jetzt in diesen Zeiten. Filipenko beschreibt familiäre Machtstrukturen nahe der großen Politik, nebst käuflichen und ideellen Medienjournalismus und die Unterschiedlichkeit des Umgangs der Menschen, die damit gelernt haben, zu leben. Ob sie das so akzeptieren oder eben nicht.

Im Gegensatz zu „Der ehemalige Sohn“ ist die Tonalität nicht gleich und überwiegend deprimierend, sondern steuert von einer, vielleicht nicht optimistischen Haltung, so doch Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen, zumindest von Seiten der Hauptfigur Anton Quints, erst langsam, dann immer schneller gen Abgrund zu.

„Es ist mein Beruf, an die anderen zu denken!“ „Aber denk doch auch einmal an uns. Oder sollen sich doch deine Opfer, die du andauernd rettest, wenigstens ein einziges Mal für dich einsetzen. Sollen sie mal dir helfen. […]“

Sasha Filipenko: Die Jagd

Filipenko zeigt, wenn auch nicht ganz so stimmig, dass es durchaus auch innerhalb der mächtigen Familien verschiedene Sichtweisen geben mag, zumindest auf einige Themenbereiche bezogen. Der Autor vergisst nicht die Zwischentöne, die vielen Wahrheiten, in denen man in einem System, wie dem russischen, leben kann und das ist großartig, zumal quasi aus dem Exil heraus geschrieben. Hier machen die Protagonisten beider Seiten eine nachvollziehbare Entwicklung durch.

Natürlich ist auch klar, bei welcher Figur die Sympathien liegen müssen, doch zeigt der Schreibende auch, welche Konsequenzen Idealisten in einem solchen Gesellschaftssystem zu tragen bereit sind. Es muss die Frage gestellt werden, ob dies notwendig ist, zumal wenn es darum geht, nicht nur aufzuzeigen, wo die kritischen Punkte liegen, sondern irgendwann auch darum, den eigenen Kopf aus der sich selbst angelegte Schlinge zu ziehen.

„[…] Die ganze Geschichte dieses Landes läuft darauf hinaus, dasss das Geschmeiß Menschen wie dich hinausekelt, und du erwartest, dass sich das plötzlich ändert.“

Sasha Filipenko: Die Jagd

Gegen Ende hat man dem Autoren den zu Beginn etwas hölzernen und unnahbaren Erzählstil verziehen und schaut gebannt auf das dargestellte Szenario, welches reale Vorbilder hat. Vielleicht hilft das zu verstehen, wie Russland funktioniert. Gerade aktuell ist dies bezeichnend. Das System ist hart im Umgang mit dem Lebensglück der Menschen. Filipenkos Roman zeigt, dass das durchaus für beide Seiten der russischen Gesellschaft gilt.

Autor:

Sasha Filipenko wurde 1984 in Minsk geboren und ist ein weißrussischer Schriftsteller der auf Russisch schreibt. In seiner Wahlheimat St. Petersburg studierte er nach einer abgebrochenen Musikausbildung Literatur und widmete sich der journalistischen Arbeit, war Drehbuch-Autor, Gag-Schreiber für eine Satire-Show und Fernsehmoderator. Aktuell lebt Filipenko in Deutschland.

Vladimir Vertlib: Zebra im Krieg

Inhalt:

In der Geschichte von Paul Sarianidis verbindet Vladimir Vertlib meisterhaft Ironie, Ernst, Menschenfreundlichkeit und politischen Scharfblick zu einem beklemmend aktuellen Roman: Paul lebt mit seiner Familie in einer vom Bürgerkrieg heruntergewirtschafteten osteuropäischen Stadt am Meer. Als er arbeitslos wird, verstrickt er sich immer tiefer in die wüsten Debatten, die in den Sozialen Medien toben.

Doch eines Tages wird Paul von Boris Lupowitsch, einem Rebellenführer, den er im Internet bedroht hat, verhaftet. Lupowitsch rechnet mit ihm vor laufender Kamera ab. Paul wird verhöhnt und gedemütigt, das Video millionenfach gesehen. Wie kann er mit dieser Schande weiterleben? Wird seine Familie ihm verzeihen? Und wird es ihm gelingen, einmal das Richtige zu tun? (Inhaltsangabe lt. Verlag)

Rezension:

Überschaubar ist die Anzahl der Romane, die von den aktuellen realen Geschehnissen überrollt werden und dennoch nichts von ihrer Brisanz verloren, ja, dadurch viel mehr hinzu gewonnen haben. Die vorliegende Erzählung des österreichischen Autoren Vladimir Vertlib veranschaulicht das in beeindruckender Art und Weise.

Wer liest, taucht in die wirren Tage einer von Bürgerkrieg gebeutelten osteuropäischen Stadt ein, die nicht näer benannt wird, deren reales Vorbild sich jedoch direkt in der Beschreibung der ersten Zeilen aufdrängt. Dort begleiten wir Paul, der in seiner durch Jobverlust erzwungenen Taten- und Perspektivlosigkeit einen an den Unruhen beteiligten Rebellenführer beleidigt, dieser anschließend sich rächt und damit nicht nur dessen Leben komplett auf den Kopf stellt.

Hier setzt die Geschichte an, deren Protagonist gefährlich oft zwischen den Polen schwankt, einerseits Sympathieträger zu sein, andererseits sein Kontingent an Wohlwollen der Lesenden zu schnell zu vebrauchen. Gleichzeitig ist dies eines der handlungstreibenden Elemente, an denen wir uns entlang der doch etwas umfangreicheren Kapitel entlang hangeln,, wobei der Autor den Hang zum Abstrusen hat.

Einmal davon abgesehen, was im beschriebenen Setting als normal gelten kann, hat der Schreibende besonders gen Ende damit über das Ziel hinausgeschossen, wie die Bürgerkriegsparteien auch den städtischen Zoo in Mitleidenschaft ziehen und der Streichelzoo, nun ja, im Nebensatz alles andere als gestreichelt wird. Abgesehen davon, dass Vertlib ebenso eine gehlörige Portion Ironie und Sarkasmus eingebracht hat.

Zuweilen wirkt das komisch, doch das Lachen bleibt einem noch, bevor man dies zulässt, im Halse stecken. Vladimir Vertilb hat es hier verstanden, seine Finger in die Wunden zu legen und schafft es, sprachlich die Extreme eines Bürgerkriegs, seine Absurditäten und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für den Einzelnen auf den Punkt zu bringen.

Der Charakterwandel des Hauptprotagonisten wirkt dabei an manchen Stellen zu glatt, in der nächsten Zeile wieder folgerichtig. Von der Tonalität her ist „Zebra im Krieg“ zwar auch erdrückend, jedoch nicht ganz so deprimierend wie etwa Serhij Zhadans Erzählung „Internat“, die etwas konsequenter wirkt.

Vertlib geht da etwas sanfter, aber ebenso bestimmt mit seinen Lesenden um, was sich in seiner Gesamtheit lohnt.

Autor:

Vladimir Vertlib wurde 1966 in Leningrad geboren und ist ein österreichischer Schriftsteller. Mit seiner Familie emigirerte er 1971 aus Russland und lebt seit 1981 in Österreich, wo er Volkswirtschaft studierte. Zunächst veröffentlichte er verschiedene Beiträge in Literaturzeitschriften. Sein erstes Buch erschien 1995. Vier Jahre später erhielt er den Österreichischen Förderungspreis für Literatur, sowie 2001 den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis.

Hendrik Bolz: Nullerjahre

Inhalt:

Ein Plattenbauviertel in Stralsund um die Jahrtausendwende, der nordöstlichste Winkel Deutschlands. Eine Welt, die, obwohl das Land längst nicht mehr „DDR“ heißt, wenig mit dem zu tun hat, was im Westen als Normalität durchgeht. Lediglich das RTL-Nachmittagsprogramm, das im Hintergrund zu hören ist, deutet darauf hin: Es sind die selben Nullerjahre.

Während die großen Brüder mit Glatze und Bomberjacke den Ton angeben, die Eltern mit eigenen Sorgen beschäftigt sind, stellen sich Hendrik und seine Freunde zwei Herausforderungen: Wie vertreiben sie sich die Zeit – und wie bekommen sie möglichst nicht auf die Fresse? Die Lösung findet sich: hart werden, stumpf werden. Die Mittel auch: Kraftsport, Drogen, Rap. (Klappentext)

Rezension:

Nach der großen Euphorie folgt zunächst die Ernüchterung. Arbeitsplätze brechen weg, wo blühende Landschaften versprochen wurden und so verlieren Hendriks Eltern und die seiner Freunde im Plattenbauviertel Knieper West den Anschluss an die Nachwendegesellschaft, während sich die Kinder und Jugendlichen ihren Platz erkämpfen. Der Weg bis ins Erwachsenenalter hinein ist steinig und voller Hindernisse. Da sind die im Viertel bekannten Schlägertypen noch das geringste Übel, immer öfter jedoch auch große Idole, denen es nachzueifern gilt, möchte man selbst nicht am unteren Ende der Rangordnung stehen. Oder am Boden liegen.

Hendrik Bolz‘ biografischer Roman nimmt uns mit durch seine Kindheit und Jugend im Plattenbauviertel, in welchem sich zunächst die Probleme häufen, aber auch die Heranwachsenden ihren Weg erst finden müssen, bevor das Leben in geregelten Bahnen verlaufen kann. Bis dahin wird viel ausprobiert und so befindet sich des Autoren alter Ego hin und hergerissen zwischen Verlockungen, den ältere Jugendliche ihm aufzeigen, bis zu Versuchen, sich durchzusetzen und zwischen Richtig und Falsch zu unterschieden.

Erzählt wird dies in derber Sprache, kurze prägnante Sätze wechseln mit wirren Gedankengängen, Rückblenden und Vorausschauen. Das ist nicht leicht zu lesen, zumal, wenn man vielleicht in der gleichen Zeit, aber in einem etwas anderen Rahmen aufgewachsen ist. Wer etwas behüteter seine Kindheit und Jugend verbracht hat, wird nur bestimmte Dinge nachvollziehen können, denen sich der Protagonist ausgesetzt sieht, teilweise von der einen oder anderen Episode wirklich abgestoßen sein.

Den ersten Alkoholrausch, die erste Prügelei mag man vielleicht noch nachempfinden. Die Gewaltexzesse, die Null-Bock-Mentalität und Perspektivlosigkeit sind dem jugendlichen Ich des Schreibers der Rezension (Mir!) dagegen unbekannt. Vielleicht hatte ich diese damals nur bei anderen aus den Augenwinkeln heraus registriert.

Doch, der Protagonist beweist nicht nur Anpassungs- sondern auch eine gewisse Wandlungsfähigkeit, mausert sich. Das ist bereits zu Beginn klar, anderenfalls wäre die Lektüre stellenweise kaum zu ertragen und man hätte nichts weniger als eine zeitlich nähere Variante der „Kinder vom Bahnhof Zoo“. Wer möchte schon so etwas nochmals lesen?

Im gleichen Genre ist es jedoch angesiedelt. Die Bestsellerliste sagt Sachbuch, Elemente sind jedoch auch aus den Bereichen Biografie oder Roman zu finden. Die Wahrheit liegt da wohl irgendwo in der Mitte, ebenso wie es mehrere Wege der Generation Nullerjahre gibt. Hendrik Bolz beschreibt nur (s)eine Variante von vielen.

Autor:

Hendrik Bolz wurde1988 in Leipzig geboren und ist ein deutscher Rapper. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Stralsund und zog nach dem Abitur nach Berlin, wo er u. a. ein Praktikum bei einem Online-Portal absolvierte und nebenbei die Musik für sich entdeckte. Ein erstes Album erschien 2011, zwei Jahre später die erste EP. 2022 erschien sein erstes literarisches Werk.

Kerstin Apel: Der Kreuzworträtselmord

Inhalt:

Die Berliner Journalistin Shiva ist alles andere als begeistert, als ihr Chef sie aus dem lang ersehnten Urlaub in Oberhof reißt, um einen uralten, längst gelösten Kriminalfall neu zu recherchieren. Und damit will der die miese Auflage steigern?

1981 hatte der Kreuzworträtselmord die ganze Republik wochenlang in Atem gehalten und eine der größten Fahndungsaktionen der DDR ausgelöst. Aber der Täter wurde gefasst und hat seine Strafe abgesessen. Lustlos beginnt Shiva, Zeugen zu befragen und die Fakten zu rekonstruieren. An eine Story glaubt sie nicht so recht.

Nur, warum gibt sich die Polizei so zugeknöpft und wer versucht, den Täter zu verstecken? Als Shiva eine Zeugin ausfindig macht, wird sie angegriffen. Was ist damals wirklich geschehen? (Klappentext)

Rezension:

In der Kriminalgeschichte Ostdeutschlands gehören die Ermittlungen im Fall des Verschwindens und der Ermordung des siebenjährigen Lars Bense zu den bekannteren unter den Fällen der ehemaligen DDR. Als ein Langstreckenläufer entlang der Bahngleise den Koffer mit der Kinderleiche findet, tappen die Ermittler der Volkspolizei zunächst im Dunkeln.

Erst später führt eine beispiellose Sammlung von Schriftproben zur Ergreifung und schließlich zur Verurteilung des Täters, wie sie so unter dem rechtstaatlichen System der Bundesrepublik nicht möglich gewesen wäre.

So viel zur Geschichte selbst, die bereits in mehreren Fernsehserien zur Grundlage genommen, sowie in einigen Dokumentationen verarbeitet wurde. Bis zum Erscheinen des True Crime Romans galt der Fall als aufgeklärt, ohne offene Fragen. Die stellten sich jedoch 2013 der Staatsanwaltschaft, als Kerstin Apel im Sutton Verlag die Fiktionalisierung der Geschichte veröffentlichte. Das brisante, die Autorin war als junge Erwachsene 1981 mit dem Täter befreundet.

In „Der Kreuzworträtselmord – Die wahre Geschichte“ wird die Geschichte zunächst aus der Sicht der Lokaljournalistin Shiva erzählt, die diesen Fall noch einmal nachrecherchieren soll, um eventuell Details zu finden, die bislang noch unentdeckt geblieben sind, um ihren Beitrag dafür zu leisten, die kränkelnde Auflage ihrer Zeitung zu retten. Nicht ahnend, in welches Wespennest sie stochert, begibt sie sich auf Spurensuche, auf eine Zeitreise in die jüngere Kriminalgeschichte und in menschliche Abgründe hinein.

So viel zur Geschichte, deren Grundgerüst mit dem realen Fall hinlänglich bekannt sein dürfte und abgesehen von der blaß bleibenden Hauptprotagonistin keine neuen Facetten einbringt. Wer diesen Krimi liest, bekommt ein flüssig zu lesenden, aber nach Schema F ausgearbeiteten Roman, den man ebenso wie die Ermittlungsbehörden sich nur zu Gemüte führt, da die Autorinschaft Detailwissen vermuten lässt, welches sonst so nicht möglich ist.

Jedoch wird gleich zu Beginn durch den Verlag klar gestellt, dass hier reales Geschehen hinreichend verfremdet wurde, so dass sich hieraus nicht wirklich Aussagen ziehen lassen. Die Staatsanwaltschaft hatte daraufhin auch ihre Ermittlungen 2014 wieder eingestellt.

Die Handlung, wenn auch absolut vorhersehbar, kommt dennoch schnell voran. Schreiben kann Kerstin Apel, auch ihr alter Ego, die Protagonistin, in der sie sich, wie auch immer, wiederfindet, ist nachvollziehbar dargestellt. Mit ihr kommt im zweiten Teil des Romans auch genug Tempo hinein, wenn auch der Abschluss im Blick auf die Rolle der Shiva nicht ganz rund wirkt. Da kommt das Autorinnendebüt dann doch zu sehr durch und die Schwächen in der nicht sehr tiefgehenden Ausarbeitung der Figuren.

Flüssig erzählt ist das alles, aber eben ohne wirkliche Überraschungen, immerhin ist keine Verklärung der Tat und auch sonst zu finden.

Bleibt die Frage, was wollte die Autorin mit diesen Kriminalroman erreichen? Ist die Fiktionalisierung eines schrecklichen Geschehens ausreichend, um dieses zu verarbeiten, vorausgesetzt, es ginge darum? Hat sie mit diesem zeitlichen Abstand verdeckt Wissen preisgeben wollen, was ihr damals aus verschiedenen Gründen nicht möglich gewesen ist?

Wollte sie einfach einmal sich im Schreiben ausprobieren und hat dafür Ereignisse verwendet, zu denen sie Berührungspunkte hat? Gehen wir davon aus, ist es ihr gelungen, wenn auch der ganz große Wurf ausgeblieben ist.

Autorin:

Kerstin Apel wurde 1963 geboren und lernte als Schülerin in Halle-Neustadt den Täter kennen, dessen Verbrechen in die deutsche Kriminalgeschichte eingehen sollte. Dies ist ihr erster Roman, mit dem sie das Erlebte 30 Jahre später zu verarbeiten suchte.

Rebiya Kadeer, Alexandra Cavelius: Die Himmelsstürmerin

Inhalt:

Rebiya Kadeer zählte einst zu den reichsten Frauen im Reich der Mitte. Nach einer beispiellosen Karriere begann sie schließlich, ihren politischen Einfluss zu nutzen und sich für die Rechte ihrer uigurischen Landsleute einzusetzen, einer muslimischen Volksgruppe im Nordwesten Chinas, die von Peking ihre religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Grundrechte einfordert. Damit wurde sie zur meistgehassten Frau des Regimes, das Gegner gnadenlos verfolgt, foltert und tötet.

Die chinesische Führung rächte sich an ihr und sperrte Rebiya Kdeer für fünf Jahre ins Gefängnis, wo sie Zeugin von Folter, Vergewaltigungen und Hinrichtungen wurde. Nachdem sich Menschenrechtsorganisationen aus der ganzen Welt für ihre Freilassung aus dem Gefängnis eingesetzt hatten, durfte sie in die USA ausreisen, wo sie ihren leidenschaftlichen Kampf für freiheit und Menschenrechte weiterführt. Ihr bewegtes Leben ist spannender als jeder Roman. (Klappentext)

Rezension:

Lange leugnete die chinesische Führung die Existenz der Internierungslager, deren Innenleben der raren Erzählungen Überlebender direkt der Hölle entsprungen zu schienen. Als sich aufgrund von Satellitenbildern deren Bestehen nicht mehr leugnen ließ, sprach die Kommunistische Partei beschönigend von Bildungsstätten, doch die Realität im Reich der Mitte sieht anders aus.

Im modernsten Überwachungsstaat werden jene unterdrückt, die es wagen könnten, den Führungsanspruch Pekings zu hinterfragen, allen voran Minderheiten, deren bloße Existenz schon als Bedrohung angesehen wird. D

Doch während die Bedrohung der Tibeter nicht zuletzt durch ihr religiöses Oberhaupt, des Dalai-Lama immer wieder in den Blick der Weltöffentlichkeit gerät, tut dies die Unterdrückung der im Nordwesten Chinas lebenden Uiguren erst seit kurzen. Die Journalistin Alexandra Cavelius hat mit der Menschenrechtsaktivistin, der Uigurin Rebiya Kadeer mehrfach gesprochen. daraus entstanden, ist dieses Werk.

Es erzählt die Lebensgeschichte dieser beeindruckenden Frau, deren außergewöhnliche Persönlichkeit schon von den Eltern so gesehen und in diese Richtung gefördert wurde. Kadeer erzählt von einem Leben zwischen den Kulturen und für ein Volk, ihre Erfolge, die sie zu einer angesehenen Person innerhalb der Region machten, wo sie lebte, aber auch in Gefahr brachten und schließlich zu Fall.

In beeindruckenden Bildern schildert sie die negativen Auswirkungen einer Geopolitik, die einem brutalen Eroberungsfeldzug gleicht und zusammengehalten wird, u. a. durch Folter und Gewalt, die sie am eigenen Leib erdulden musste, beginnend mit ihrem Aufwachsen, wirtschaftlichen Erfolgen und schließlich dem versuchten Brechen ihrer Persönlichkeit, was ihren Peinigern glücklicherweise nie vollständig gelang.

Beim Lesen stockt der Atem, ob der nächsten Schikane, des nächsten Rückschlags, aber auch vor einem nahezu unerschütterlichen Mut, der seines Gleichen sucht. Zunächst noch optimistisch, ihren Platz suchend, mehren sich die negativen Schläge, die bald keine Auswege mehr zulassen und schließlich in den Abgrund führen.

Die beiden Autorinnen legen dabei den Fokus auf dem Weg Kadeers in China und zeigen, wie ein System die unter ihm lebenden Menschen frisst. Die Gliederung orientiert sich dabei anhand der verschiedenen Lebensabschnitte Kadeers, ein Bildteil zeigt Fotos von wichtigen Lebensstationen. Nur eine geografische Karte ist nicht vorhanden, welche noch eine zusätzliche sinnvolle Ergänzung gewesen wäre.

Einfach zu lesen ist dies nicht. Der Text erfordert unbedingte Konzentration und Aufmerksamkeit, ob der gesellschaftlichen Befindlichkeiten, der Nuancen familiärer und kultureller Traditionen etwa, die aus heutiger Sicht einige Entscheidungen und Reaktionen Kadeers seltsam erscheinen lassen oder zumindest wagemutig.

Die Geschichte von Rebiya Kadeer und damit auch die Unterdrückung einer einst stolzen Volksgruppe muss unbedingt bekannter werden, in sofern ist Cavelius‘ Buch eines dieser modernen Werke gegen das Vergessen, die noch mehr Aufmerksamkeit verdienen.

Wer die Unruhe beim Lesen nicht scheut, wird hier bleibende Eindrücke erhalten.

Ausschnitt eines externen Interviews aus dem Jahr 2015: https://www.youtube.com/watch?v=ceJ5RjM1QjY , hier 2009: https://www.youtube.com/watch?v=pw2U1304IFE

Autorinnen:

Rebiya Kadeer wurde 1946 im Gebirge von Altay, im ehemaligen Ostturkestan geboren und ist Chinas bekannteste Menschenrechtlerin. Seit 2005 lebt sie im amerikanischen Exil und setzt sich dort für ihre uigurischen Landsleute ein. Sie wurde bereits mehrfach für den Friedensnobelpreis nominiert.

Alexandra Cavelius ist freie Autorin und Journalistin und schreibt für verschiedene zeitungen und Magazine. Auf Basis mehrerer Interviews entstand in Zusammenarbeit mit Sayragul Saytbay deren Biografie „Die Kronzeugin, sowie das Sachbuch „Die China-Protokolle“.