Mensch

Ewald Frie: Ein Hof und elf Geschwister

Inhalt:

Die stolze bäuerliche Landwirtschaft mit Viehmärkten, Selbstversorgung und harter Knochenarbeit ist im Laufe der Sechzigerjahre im rasanten Tempo und doch ganz leise verschwunden. Der Historiker Ewald Frie erzählt am Beispiel seiner Familie von diesem stillen Abschied. Sein glänzend geschriebenes Buch verwebt meisterhaft die eigenen Erfahrungen mit zeitgeschichtlichen Zusammenhängen und lässt so den großen Umbruch auf dem Land lebendig werden. (Klappentext)

Rezension:

Die Geschichte der Bundesrepublik wird zumeist von den Städten heraus beschrieben mit dem allseits bekannten Zeitstrahl, anhand dessen man sich orientieren kann, wogegen die Erzählung vom Höfesterben ein Narrativ bedient, welches lohnt, auseinandergenommen und neu erzählt, damit neu eingeordnet zu werden.

Ewald Frie und seine Geschwister haben den stillen Wandel einer Gesellschaftsform, die zunächst noch prägend den ländlichen Raum gestaltet hat und schließlich mit all den traditionellen Elementen verschwand, erlebt, gelebt und mitgestaltet. Am Beispiel seiner Familie zeigt der Historiker mit seinem Sachbuch Umbrüche als nahtlose Übergänge, in dem Verschwinden auch das sich Eröffnen von Chancen bedeutet hat, vor allem für die jüngeren unter den Geschwistern.

In „Ein Hof mit elf Geschwistern“ verbindet er Archivarbeit mit Interviews, die er in seiner Familie geführt hat, oral history, und zeigt dabei die Verschiebung von Wahrnehmung innerhalb einer Generation. Am Anfang wurde da die traditionelle Landwirtschaft noch als wirkliche Zukunftsperspektive wahrgenommen, schon alleine aufgrund der großen Anzahl von Geschwistern wegen, nur wenige Jahre später strebten die Kinder von Bernhard Frie anderen Lebenszielen nach. Der Hof von mittlerer Größe konnte perspektivisch nicht mehr zum Lebensunterhalt aller beitragen.

Ungeschönt, ohne Nostalgie, doch voller Empathie ist innerhalb der gewählten Erzählform ein bemerkenswerter Text entstanden, der nicht nur Wolke II zu Ehren gereicht, sondern eine wichtige Ergänzung zu all den Geschichten der Bundesrepublik darstellt. Auch eben das ist passiert.

Der Historiker beschreibt die Veränderungen der Sichtweisen von außen, jedoch vor allem von innen und damit noch viel mehr, geht es auch um die Rolle des Katholizismus im ländlichen Raum, Bildungschancen und Eroberungen von Spielräumen für sich selbst, immer auch unterstützt von den eigenen Eltern, die zunehmend die neuen Welten nicht mehr zur Gänze verstehen konnten, aber so weit wie möglich ihre Kinder bestärkten den ihren eigenen Platz darin zu finden.

Zumindest für die Frie-Geschwister, so geht es aus der Lektüre hervor, die zunächst die Perspektive des Vaters, dann der Mutter, eingerahmt von der Vor- und Nachgeschichte, beschreibt, kann der Wandel nicht nur als Abgesang, sondern auch als durchaus Erfolgsgeschichte gelten. Wie einst die Kuh des Vaters, die eine DLG-Ausstellung gewann.

Zurecht mit dem deutschen Sachbuchpreis 2023 ausgezeichnet, hat da Ewald Frie, diese Perspektive eingenommen, ein Unentschieden für sich herausgeholt.#

Ewald Fries Dankesrede zur Verleihung des Deutschen Sachbuchpreises 2023:

(Quelle: Deutscher Sachbuchpreis)

Autor:

Ewald Frie wurde 1962 in Nottuln geboren und ist ein deutscher Historiker. Als Sohn einer katholischen Bauernfamilie im Münsterland aufgewachsen, studierte er zunächst Katholische Theologie und Geschichte an der Universität Münster, bevor er von 1985 bis 1987 als Museumsführer arbeitete. Danach legte er 1988 seinen Magister ab und war 1989 bis 1991 Volontär am Institut für westfälische Regionalgeschichte Münster.

Er promovierte 1992 und habilitierte schließlich nach verschiedenen Stationen im Jahr 2001. In Tübingen ist er Professor für Neuere Geschichte und ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Frie ist Verfasser und Herausgeber verschiedener Werke. 2023 gewann er den Deutschen Sachbuchpreis.

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Bill McGuire: Treibhaus Erde

Inhalt:

Die Erde schwebt in akuter Gefahr. Unser einst lebensfreundlicher Planet ist auf dem besten Weg, zu einem sich selbst erhitzenden Treibhaus zu werden. Dieses Buch bietet eine fundierte Perspektive auf den Klimanotstand und zeigt, dass es praktisch unmöglich ist, die kritische 1,5°C-Marke noch zu halten.

Das Resultat: Der Kollaps unserer Ökosysteme lässt sich nicht mehr abwenden. Er wird unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft in den kommenden Jahrzehnten komplett auf den Kopf stellen. Bill McGuire, Professor für Geophysik und Klimafolgen, erklärt die wissenschaftlichen Hintergründe der Klimakrise und zeichnet ein unverblümtes, aber realistisches Bild der Welt, in der unsere Kinder alt werden.

Überschwemmungen, Dürren, Konflikte – so düster das Szenario auch sein mag, wir müssen uns damit auseinandersetzen. Damit aus einer besorgniserregenden Zukunft keine katastrophale wird. (Klappentext)

Rezension:

Verdrängung und falscher Optimismus sind es, die den wissenschaftlichen Konsens seit Jahrzehnten nicht an die Oberfläche drängen lassen und die Luft zum Atmen nehmen. Dabei begegnen wir überall auf unserem Planeten immer sichtbareren Folgen der Klimakrise, welche sich in häufiger und ausufernden Extrem-Wetterereignissen äußert, die längst in verschiedenen Teilen der Welt dazu führt, dass unser Planet in einen Zustand gerät, in dem der Mensch keinen Platz finden wird.

Doch wie sehen sie aus, die Klimaänderung, mit denen wir in Zukunft zu rechnen haben und wie müssen wir ihr begegnen. Der britische Klimato- und Vulkanologie Bill McGuire beschreibt in seinem Werk ein ungeschöntes wissenschaftlich abgesichertes Szenario, welches zeigt, dass es längst nicht mehr darum gehen muss, dessen Folgen abzuwenden, sondern ihnen zu begegnen.

Gletscher verschwinden und Eisschilde sind instabil, der steigende Meeresspiegel bedroht schon jetzt verschiedene Inselstaaten, Permafrostböden tauen auf und geben Methan frei, während Dürren und Überschwemmungen zu Ernteausfällen, damit zu politischen Unruhen führen. Dies ist erst der Anfang, einer sich immer schneller drehenden Abwärtsspirale, in der wir uns gerade befinden. In diesem sehr kompakt gehaltenen Sachbuch werden wissenschaftliche Fakten für Laien verständlich aufgeschlüsselt, was vor allem heißt, genau erklärt, wie sich Veränderungen etwa das Überschreiten bestimmter Klima-Kipppunkte konkret auswirken.

Zunächst beschreibt der Autor den Istzustand, bevor er auf die Geschichte klimatischer Veränderungen zu sprechen kommt und zeigt, wie schon jetzt und auch in Zukunft wir zum Spielball derer Geister werden, die wir einst gerufen haben. Eindrücklich warnt McGuire dabei vor Schwachstellen unserer menschlichen Zivilisation und schildert wie Klimakriege unser Zusammenleben, Gesundheit und Lebensqualität auf einem überhitzten Planeten sein werden, den wir unseren Kindern und Kindeskindern überlassen, aber auch selbst in naher Zukunft gegenüber stehen.

Einen Blick fürs Zuversicht verbietet sich da. Man möchte diese Denkschrift allen Klimaleugnern um die Ohren hauen, die politischen Eliten als verdammten Arbeitsauftrag zur klimagerechten Politik verpflichten, wie sie große Teile der Gesellschaft inzwischen fordern. Dieser Warnschuss ist nicht mehr der vor dem Bug. Längst sind zu viele Baustellen entstanden, die nicht mehr behoben werden können, doch zeigt McGuire, wie wir damit umgehen müssen. Die Zeit für Alternativen sind längst vorbei.

Dieses kompakt gehaltene, gut erklärende Sachbuch, mehr braucht man nicht, um zu verstehen, in welcher Welt wir uns befinden und schon bald befinden werden.

Autor:
Bill (William J.) McGuire wurde 1954 geboren und ist ein britischer Vulkanologe und emeritierter Professor für Geophysik und Klimagefahren am University College London. Er studierte zunächst Geologie, welche er später lehrte und beschäftigte sich in verschiedenen Forschungsgruppen mit Naturgewalten und Extremwetterereignissen. Zu seinen Forschungsgebieten gehört die Instabilität von Vulkanen, sowie die Art und Auswirkung geophysikalischer Ereignisse, sowie der Klimawandel und dessen Auswirkungen auf geologische Gefahren.

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Gina Louise Hunter: Essbare Insekten

Inhalt:
Von Anbeginn unserer prähistorischen Vergangenheit bis hin zu modernen Ernährungstrends spielen Insekten eine bedeutende Rolle. Heute ernähren sich schätzungsweise zwei Milliarden Menschen von ihnen, doch im Westen werden sie nur selten gegessen. Woran liegt es, wo doch unsere Vorfahren ebenso Insekten gegessen haben? Was können wir von ihnen und den Menschen, die diese heute noch auf den Speiseplan haben, lernen? Weshalb sind Insekten die Lebensmittel der Zukunft und welche Fragestellungen bringt dies mit sich? Die Anthropologin Gina Louise Hunter nimmt uns mit auf eine besondere kulinarische Reise.

Rezension:

Hierzulande eher auf Street Food Märkten oder in Szenerestaurants effektvoll serviert, spielen Käfer, Larven oder Heuschrecken eine eher untergeordnete Rolle, doch auch hier wächst die Anzahl der Interessenten, ein Markt, der andernorts auf der Welt riesig ist. Über 20.000 Familien in Thailand etwa betreiben Grillenfarmen. Längst sind auch große amerikanische Food-Konzerne auf das Potenzial der Krabbeltiere aufmerksam geworden. Warum, liegt auf der Hand. Schon in prähistorischen Zeiten haben wir Menschen uns von Insekten ernährt, die stets einfacher zu fangen waren als größere Säugetiere und die stetig wachsende Weltbevölkerung ist hungrig.

Doch in der westlichen Welt überwiegt der Ekel, dem sich eine noch kleine Anzahl von Pionieren zur Aufgabe gemacht hat, ihn zu überwinden. Die Anthropologin Gina Louise Hunter ist eine davon. In ihrem neuen Buch beschäftigt sie sich mit diesem Teil globaler Ernährungsgeschichte, wirft zunächst einen Blick in unsere Vergangenheit und schaut anschließend, wie mit der Thematik in anderen Teilen des Erdballs umgegangen wird, sowie was wir daraus lernen können.

Aufgelockert mit Fotos zeigt der sehr emphatisch gehaltene Bericht, worauf geachtet werden muss, wenn wir Insekten als eine Art globales Superfood begreifen und unserer Küche zugänglich machen, Vorteile und Nachteile dieser Art von Lebensmittel, z. B. auch als potenzielle Einnahmequelle von Menschen derzeit armer Regionen, bei richtiger Handhabung. Gut recherchiert schwankt dieses Sachbuch zwischen gesellschaftlichen Zustandsbericht und historischen Abriss, endet dann in eine Art historischen Kochbuch, in dem etwa österreichische Kipferl eine ganz neue Grundzutat aufweisen.

Jetzt immer noch skeptisch? Bitte zu diesem Werk greifen und zumindest mal auf dem nächsten Streetfood-Markt probieren, wenn etwa gebratene Mehlwürmer oder Heuschrecken angeboten werden. Oder gar Lebensmittel auf Mehlwurmmehlbasis, in denen man das verarbeitete Insekt nicht sieht. Wenn der Hunger auf der Welt nicht weiter wachsen soll, muss auch hierzulande über eine Erweiterung des Speiseplans nachgedacht werden. Gina Louise Hunters Buch ist ein Anfang.

Autorin:

Gina Louise Hunter ist Professorin für Anthropologie an der Illinois State University.

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Manfred Kühn: Kant – Eine Biographie

Inhalt:
Heinrich Heine hat gespottet, von Immanuel Kant könne niemand eine Lebensgeschichte schreiben, denn Kant habe weder ein Leben noch eine Geschichte gehabt. In seiner mittlerweile zum Klassiker avancierten Biographie des größten deutschen Philosophen räumt Manfred Kühn mit der Legende von Kants ereignislosem Professorenleben gründlich auf. Er zeichnet das Bild eines eleganten und geistreichen Gentlemans, der eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben seiner Heimatstadt Königsberg spielte. (Klappentext)

Rezension:
Im Wesentlichen auf drei Biografien, geschrieben von drei Herren, die Kant zu unterschiedlichen Zeitpunkten seines Lebens gekannt haben, stützt sich unser Wissen um den vielschichtigen Philosophen aus Königsberg, geschrieben, auf eine bestimmte Deutung aufgelegt, sind sie jede für sich nur Puzzleteile, die sich vor allem auf die Person und Ansichten in ihren letzten Lebensjahren bezieht, doch wie haben sich Kants Sichtweisen auf die Rolle des Menschen, seinen Wirkungsgrad im Spannungsfeld zwischen Philosophie und Religion entwickelt?

Der amerikanische Philosoph Manfred Kühn wirft, um diese Fragen zu beantworten, mit dieser Biografie einen neuen Blick auf das Werden Kants, dessen jungen Jahre, um die Entwicklung der Kantschen Philosophie nachzuverfolgen und schafft so ein differenziertes Bild dessen Lebens, seinem Denken und seiner Zeit.

Bevor der Lebensweg Kants verfolgt und detailliert geschildert wird, ist eine Personenübersicht dem sehr ausführlich gehaltenen Text vorangestellt, in dem die einzelnen Protagonisten, die einst die Wege des Königsberger Philosophen kreuzten, vorgestellt und in ihrer Beziehung zu diesem eingeordnet werden. Erst danach erfolgt eine Erklärung Manfred Kühns zu dessen Herangehensweise in seiner Betrachtung, die philosophische Theorien und Werke in Bezug setzt zu Kants Lebensabschnitten, in denen sie entstanden und schließlich veröffentlicht wurden.

Die philosophischen Überlegungen sind dabei stilistisch hervorgehoben, werden überdies auch ausführlich erklärt, ebenso wie Meinungsstreite und Auseinandersetzungen der damaligen Zeit. Diese Vorgehensweise führt zu einer sehr komplexen Art von Biografie, die zwar erhellend, dennoch nicht immer leichtgängig zu lesen ist. Das war zwar eines der Ziele Kühns, wobei dieses schnell an seine Grenzen gerät, wie selbst der Autor in seinem vorangestellten Prolog zugeben muss. Konzentration und vielleicht der eine oder andere Notizzettel sind also erforderlich, um Immanuel Kants Überlegungen Folge leisten zu können und Längen in der Lektüre zu überstehen.

Außerhalb der durchaus nüchternen Theorie hat es Kühn geschaffen, einen großen Denker aufleben zu lassen. Das historische Königsberg, seine gesellschaftlichen Strukturen und sein Gefüge innerhalb Preußens werden sehr anschaulich dargestellt, sowie die Auseinandersetzungen mit Kants Werken zu dessen Lebzeiten, schon für die Zeitgenossen von nicht ganz einfacher Natur. Hier ist dem Autoren eine sehr facettenreiche Schilderung gelungen, die viele Darstellungen Kants und die seiner Gegenüber zu einander neu in Beziehung setzt und einordnet.

Gänzlich unvertraut mit Kant sollte man nicht an die Lektüre dieser Biografie herangehen. Vorwissen ist zwar nicht unbedingt notwendig, aber vom Vorteil, um besonders komplexe, daher verschachtelte Textstrecken verfolgen zu können, derer man sonst geneigt ist, diese zu überfliegen. Das Werk Kühns soll zwar populärwissenschaftlich sein, geht jedoch einen Schritt weiter und ist eher geeignet, von Fachkundigen gelesen zu werden. Zuletzt rundet ein Zeitstrahl, ein ausführliches bibliografisches und Anmerkungsverzeichnis diese Biografie ab.

Autor:
Manfred Kühn ist em. Professor für Philosophie an der Boston University. Zuvor lehrte er an der Purdue University, USA, sowie in Marburg. Neben vielen Arbeiten über Kant, beschäftigte er sich mit Hume und Payne, die Aufklärung in Schottland, Frankreich und Deutschland, u. a. mit Johann Gottlieb Fichte.

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Vrouwkje Tuinman: Vorübergehender Aufenthalt

Inhalt:
Die Niederlande nach dem 2. Weltkrieg. Die boomende Industriestadt Eindhoven bietet Arbeit, Unterkunft und Vergnügen. Eine junge Witwe mit drei Kindern verwandelt ein heruntergekommenes Gästehaus in eine Pension, in der internationale Gäste aus der Unterhaltungsbranche gerne bleiben. Aber egal, wie hart sie arbeitet, sie kann dem unerbittlichen Schicksal nicht entrinnen, das über ihre Familie hereinbricht, in der nicht nur ein neuer Liebhaber eine mysteriöse Rolle spielt. Vrouwkje Tuinman zeichnet hintergründig das prägnante Sittenbild einer Stadt zwischen Vergangenheit und Hoffnung auf eine bessere Zukunft. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:

Dieser kleine Kurzroman, schwankend zwischen Novelle und literarischem True Crime hat es trotz oder gerade wegen seiner Kompaktheit in sich. Vrouwkje Tuinman, die niederländische Journalistin und Autorin, hat dafür einen Kriminalfall aus den 1950er Jahren adaptiert, der bis heute noch immer nicht ganz aufgelöst wurde. Dabei beginnt die Erzählung zunächst harmlos, in den nach den Krieg zerstörten Niederlanden herrscht Aufbruchstimmung, vor allem in größeren Städten. Chancen genug für eine verwitwete Frau, für ihren Lebensunterhalt und den ihrer Kinder zu sorgen. Zusammen mit ihrem Liebhaber übernimmt sie eine kleine Pension, die schon bald floriert, nicht ahnend, dass bald dunkle Wolken über das neue Familienglück aufziehen werden.

Aus dieser Ausgangssituation heraus entspinnt sich die Erzählung, die mit schnellen Schritten auf ein vielfaches Unheil zusteuert. Tatsächlich ist das Erzähltempo sehr hoch, ebenso wie die Figurenanzahl für den kompakten Text beachtlich ist, in dem die Autorin einen unbestimmten, aber kürzeren Zeitraum aufleben lässt. Das Lokalkolorit der Nachkriegszeit der Niederlande ist da ebenso beachtlich herausgearbeitet worden, wie auch die Figuren mit zunehmender Seitenzahl an Konturen gewinnen. Schnell wird man die Geschichte hineingesogen, gleichsam mit einem unguten Gefühl. Man ahnt sehr schnell, worauf die Novelle hinausläuft, wird aber gezwungen hinzuschauen, gleichwohl eine Auflösung bis zum Ende hin nicht zur Gänze erfolgen wird.

Trotzdem lohnt es sich, schon wegen der Protagonisten, wobei hauptsächlich zwei zu nennen sind, die später nicht zu den Antagonisten gehören werden, auch wenn man über die Beweggründe der einen nur den Kopf schütteln mag. Vor allem die Sicht der Mutter der Kinder und ihres Jüngsten, der irgendwann auch sein Schicksal zu ahnen beginnt, ihm aber nicht zu entrinnen vermag. Hier merkt man dann, das die Autorin zumindest zu einer Person, im Nachwort auch erwähnt, Kontakt gehabt haben muss, um tief hinein in diesen Kriminalfall eintauchen zu können. Eine Recherchearbeit, die sich definitiv gelohnt hat.

Die durchaus folgerichtige und in sich schlüssige Erzählung kommt ohne große Überraschungen aus. Erstaunlich ist allenfalls, in welchem Tempo der Verlauf sich abspielt, wobei einige Punkte bewusst der Phantasie der Lesenden überlassen werden. Und die ist ja bekanntlich grausamer als das, was jemand zu Papier bringen könnte. Für Auslassungen oder Rückblenden bleibt dabei keine Zeit, trotzdem kann man sich sowohl Schauplätze als auch Figuren gut vorstellen. Fans literarisch verarbeiteten True Crimes werden hier jedenfalls auf ihre Kosten kommen, zum Eindhovener Originalfall gibt es außerhalb dessen nicht unbedingt viel zu finden..

Hierzulande noch relativ unbekannt, ist es zu wünschen, dass Voruwkje Tuinmans Werke nach und nach übersetzt und so zugänglich gemacht werden. „Vorübergehender Aufenthalt“ als doppeldeutiger Titel steht einem interessanten und unter die Haut gehenden Text vor. Haben die anderen der Autorin auch nur ein Bruchteil davon über, darf man gespannt sein, was es da noch so alles zu lesen gibt. Dieses literarische True Crime war jedenfalls ungemein spannend zu lesen. Unbedingte Empfehlung.

Autorin:
Vrouwkje Tuinman wurde 1974 in den Niederlanden geboren und ist eine Dichterin, Autorin und Journalistin. Zunächst studierte sie Kultur- und Musikwissenschaften, bevor sie als freiberufliche Journalistin und Rezensentin zu arbeiten begann. Für Zeitungen und Zeitschriften schreibt sie seit dem und veröffentlichte 2004 ihren ersten Gedichtband, dem ein Roman folgte. Ebenfalls 2004 erhielt sie ein Literaturförderstipendium und wurde für den Libris Prijs nominiert. Tuinman saß in der Jury eines Gedichtwettbewerbes, wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. 2010 mit den Halewijnpreis der Stadt Roermond.

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Guido Knopp: Putins Helfer

Inhalt:
Wer sind die mächtigen Strippenzieher hinter dem russischen Präsidenten?

Über zweieinhalb Jahrzehnte nach seinem Weltbestseller „Hitlers Helfer“ porträtiert Guido Knopp in seinem neuen Buch nun die Mächtigen eines Reiches, das den Frieden in Europa mehr denn je bedroht: Putins Helfer.

Sie halten ihren Herrscher an der Macht, um selbst Einfluss zu nehmen und sich zu bereichern.

Es sind Oligarchen wie Roman Abramowitsch, die von der Nähe zum Diktator profitieren; routinierte Apparatschiks wie Sergej Lawrow, die als Sprachrohr ihres Herrn zu dienen haben – oder Kyrill der Erste, der als Patriarch von Moskau seine Kirche zum Erfüllungsgehilfen einer Diktatur macht. Sie alle sind Träger einer Tyrannei, die sich längst nicht nur nach innen richtet, sondern mittlerweile auch nach außen. (Klappentext)

Rezension:
Paladine, Träger und Garanten einer Herrschaft sind sie Mächtige in einem Reich, welches nach 1945 den Frieden in Europa mehr denn je bedroht. Sie alle stützen ein System und dessen Mann an der Spitze und sind gleichsam von dessen Willen und Launen abhängig. Putins Helfer verdienen dabei gut, auf den verschlungenen Pfaden zwischen entfesselten Kapitalismus und Korruption haben sie ein Vermögen angehäuft als Akteure einer Kleptokratie, die die russische Gesellschaft zerfrisst. Sie scheinen abhängig vom ehemaligen KGB-Offizier an der Spitze des Landes, doch könnten sie eines Tages einen Machtwechsel herbeiführen oder sich selbst nach oben katapultieren. Ebenso auch fallen. Schon mancher ist aus den Fenster gestürzt oder vergiftet worden. Der Journalist und Historiker Guido Knopp folgt den Spuren derer erstaunlichsten Figuren.

Und legt damit ein Zustandsbericht der russischen Führungsriege offen, eines engen Geflechts aus Wirtschaft, Politik und Militär, welche durch Korruption und mafiöser Methoden zusammen- und am Leben gehalten wird. Den sicheren Raum verlassend, den die Betrachtung bereits gelebter Personenbiografien bietet, gleicht die Lektüre hier einen Krimi. Das Sachbuch wurde 2023 veröffentlicht, längst müsste man zu einigen der beleuchteten Lebenswege Anmerkungen und Zusätze anfügen. Die Geschichte Prigoschins etwa, ist da als Beispiel zu nennen.

Sieben Personen aus Putins Umfeld werden in gewohnt kurzweiliger Form beleuchtet. Teilweise taucht man in Szenarien ein, die einem zuweilen an eine innere Form von Krieg und Frieden erinnern und gerade im Kontext der aktuellen Geschehnisse mehr als nur interessant zu betrachten sind. Unweigerlich zieht man Parallelen zwischen den dargestellten Personen, ebenso nach den „Vorbildern“ vergangener Diktaturen. Die Titel-Parallelität ist dabei bewusst gewählt und trifft, wie die Faust aufs Auge.

Recherchearbeit ist hierbei jedoch nicht leicht gewesen. Russlands Mächtige bleiben im Dunkeln, haben im Laufe der Jahren nur wenig von sich selbst verraten, weshalb sie im Gegensatz zu manch anderen Weg-Begleitern noch am Leben und auf einflussreichen Posten sind. Trotz Sanktionen und Auswirkungen, die sie eines Tages eventuell durchaus dazu treiben können, auf Putin jemand anderes folgen zu lassen. Spannend wird es immer dann, wenn weniger hierzulande bekannte Gesichter beleuchtet werden. Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche etwa, oder Russlands TV-Protagonist Nr. 1, Wladimir Solowjow, während man etwa von Lawrow ein Bild im Kopf haben dürfte.

Das Aufzeigen von Abhängigkeiten in einem kleptokratischen System ist Guido Knopp hier hervorragend gelungen, zudem er auch die Entwicklungen der jüngeren Zeitgeschichte Russlands nicht zu kurz kommen lässt. Zudem kann dieses Sachbuch als gelungenes Einführungswerk dienen, sich mit den darin beschriebenen Personen auseinanderzusetzen, um ein wenig den Kitt eines Systems zu begreifen, welches fernab aller Medienbilder agiert und mit Putin (über)lebt, zugleich aber auch dessen größte Gefahr sein könnte, wenn es denn wollte.

Autor:
Guido Knopp wurde 1948 geboren und ist ein deutscher Journalist, Historiker, Publizist und Moderator. Nach der Schule studierte er Geschichte, Politik und Publizistik und arbeitete zunächst als Redakteur verschiedener Zeitungen. So war er u.a. für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und der „Welt am Sonntag“ tätig. 1978 wechselte er zum ZDF und leidete ab 1984 die von ihm initiierte Redaktion „Zeitgeschichte“. Neben der Podiumsdiskussionsreihe „Aschaffenburger Gespräche“ verantwortete er zahlreiche Dokumentationsreihen zur deutschen Geschichte. Seit 2010 ist er Vorsitzender des Vereins „Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation.“ Guido Knopp erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. die „Goldene Kamera“ oder den „Emmy“. Er lebt mit seiner Familie in Mainz.

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Jochen Oppermann: Unglückliche Thronfolger

Inhalt:

Sie sind die Söhne von Alexander dem Großen, Julius Ceasar und Napoleon. Als Haupterben gewaltiger Reiche und ungeheurer Macht scheint ihnen die Welt zu Füßen zu liegen. Dennoch gelang es ihnen aber nie, auf die Sonnenseite der Geschichte zu treten. Doch woran lag das? Warum hatten sie keine Chance, zu den ganz Großen der Geschichte zu werden?

Anhand bisher weitestgehend unbeachteter Quellen beschäftigt sich das Buch erstmals mit diesen Fragen. Hinter den bloßen geschichtlichen Fakten ihrer Epoche werden auf diese Weise junge Menschen mit all ihren Hoffnungen, Träumen und Fehlern sichtbar. Sie erlebten Zeiten relativer Unbeschwertheit des Glücks, die von einem zum anderen Moment in ihr Gegenteil umschlagen konnten. Je nachdem, wie es das Schicksal „wollte“. (Klappentext)

Rezension:

Von Anfang an ein Spielball der Interessen wurde der Sohn Alexander des Großen etwa 13 Jahre alt, bevor er sterben musste. Auch einem Namensvetter, Alexej, der Sohn des letzten Zaren, erwartete viele Jahrhunderte später, ein grausamer Tod. Einer von vielen, völlig sinnlose Opfer von Zeitenwenden, der Taten ihrer Väter und daraus resultierender Folgen, manchmal auch ihres eigenen Charakters, wie etwa im Fall des Sohns von Napoleon. Nie war es ihnen, wenn überhaupt nur pro forma, symbolisch und für zu kurze Zeit, vergönnt, die ihnen zugedachte Rolle anzunehmen und auszufüllen.

Der Lehrer und Autor Jochen Oppermann hat sich mit einigen der Thronerben beschäftigt, deren Leben unglücklich verlaufen und eng mit den Umbrüchen von Epochen verbunden sein sollte. Herausgekommen ist dabei eine vielschichtige Sammlung von Kurzporträts, die uns durch die vergangenen Jahrtausende führen, ein jedes symptomatisch für seine Zeit.

In chronologischer Reinfolge arbeiten wir uns durch die Epochen, beginnend in der Welt der frühen Antike, bis hinein ins 20. Jahrhundert. Die Zeitspanne ist groß, die Auswahl an näher zu betrachteten Biografien muss begrenzt bleiben, um den Überblick zu waren, zudem zunächst ziemlich wage gehalten.

Gerade über die frühzeitlichen Figuren ist viel zu wenig bekannt, doch dank der kompakt gehaltenen Schreibweise muss sich der Autor nicht in Spekulationen ergehen, sondern hat gut lesbare und kurzweilig spannende Übersichten gehalten, die uns in die jeweiligen Epochen einführen und den Umständen, denen sich die einzelnen Thronfolger, bedingt der Historie zumeist männlich, ausgesetzt sahen und deren Zwängen sie nicht entgehen konnten.

Für ein gut recherchiertes historisches Sachbuch recht ungewohnt, beschreibt der Autor gefühlvoll die Lage und den Zerfall von Dynastien, denen die oftmals noch Kinder oder Jugendliche ausgesetzt waren, nicht aufhalten oder gar begreifen konnten. Tragisch sind die einzelnen Geschichten, etwa die des Sohnes Ludwig XVI., der seine Eltern nur um ein paar Jahre überleben sollte, um schließlich gerade einmal mit zehn Jahren doch noch zu sterben. Oppermann beschreibt nicht nur hier vor der Geschichte im Rückblick vollkommen sinnlos erscheinende Tode, den meisten Portraitierten traf zudem keine Schuld.

„Unglückliche Thronfolger“ kann jedoch nur ein Abriss des Wesentlichen sein, eine Art Einführung. Bedingt des Platzes dient dieses Sachbuch eher als Anstoß dazu, sich weiter tiefgehend mit den einzelnen Figuren zu beschäftigen. Etwa mit der Biografie Napoleons und seiner Familie lassen sich ganze Bücher füllen oder etwa auch mit dem Untergang der Stauffer-Dynastie, die nicht nur eine Tragödie vorzuweisen hat.

Nach zehnjähriger Recherche und Erarbeitung zahlreicher Quellen ist diese Sammlung trauriger Schicksale entstanden, deren einziger Fehler es ist, dass noch viel mehr Personen, es muss hier bei Beispielen bleiben, beschrieben werden könnten und die vorhandenen noch einer tiefergehenden Analyse lohnen, zudem ist die Nachbetrachtung mit ihren Vergleichen nicht in jedem Satz schlüssig, auch der eine oder andere Exkurs mehr, zwei sind zur Auflockerung der Thematik im Buch vorhanden, hätte die ohnehin interessante Lektüre noch gut ergänzen können. Trotzdem, wer einen Anknüpfungspunkt finden möchte, sich mit diesen sehr besonderen Figuren der Geschichte zu beschäftigen, macht mit Jochen Oppermanns Sachbuch nichts falsch.

Autor:

Jochen Oppermann wurde 1980 in Kaiserslautern geboren und ist ein deutscher Autor und Lehrer für Geschichte an einer Realschule. Im Jahr 2018 erschien sein Debüt „Im Rausch der Jahrhunderte – Alkohol macht Geschichte“, welches im In- und Ausland viel beachtetet wurde, zudem schreibt er für geschichtliche Magazine. In der Reihe „matrixwissen“ erschien sein Werk über den Deutsch-Französischen Krieg. Seine Bücher wurden bereits mehrfach übersetzt.

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Uwe Wittstock: Marseille 1940 – Die große Flucht der Literatur

Inhalt:
Juni 1940: Hitlers Wehrmacht hat Frankreich besiegt. Die Gestapo fahndet nach Heinrich Mann und Franz Werfel, nach Hannah Arendt, Lion Feuchtwanger und unzähligen anderen, die seit 1933 in Frankreich Asyl gefunden haben. Derweil kommt der Amerikaner Varian Fry nach Marseille, um so viele von ihnen wie möglich zu retten. Uwe Wittstock erzählt die aufwühlende Geschichte ihrer Flucht unter tödlichen Gefahren. (Klappentext)

Rezension:

In letzter Minute hat Heinrich Mann es geschafft, die Grenze ohne Aufsehen zu überqueren, Teil des kulturellen Exodus‘, der das Deutsche Reich mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten, erfasste. Auch andere, die sich politisch mit Werk und Worten gegen die neuen Machthaber positionierten, mussten fliehen. Viele Intellektuelle und Schriftsteller fanden sich darauf hin in Frankreich wieder.

Doch auch hier holt der Krieg jene, die sich in Sicherheit glaubten, ein. 1940 ist Frankreich besiegt, zerstückelt. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, Leib und Leben zu riskieren, sich außer Reichweite der Häscher zu bringen. In der unbesetzten Zone wird die Stadt Marseille zum Schicksalsort, an dem sich alles entscheidet.

Nach seinem Werk „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ nimmt sich der Autor Uwe Wittstock nun erneut einen kulturellen Wendepunkt an, der der Erzählung des Exodus des intellektuellen Lebens nach der Machtergreifung Hitlers in nichts nachsteht. Spannend, erzählt er die Geschichte derer, die sich versuchen, in Sicherheit vor den Zugriff der Nazis zu bringen, und derer, die dies ermöglichen. Biografien werden verwoben, wie Wege, die sich kreuzen. Ausgangspunkte sind ein Schriftsteller-Kongress im Exil, die Beobachtung ausbrechender Gewalt, Tatendrang und unermüdliche Hilfsbereitschaft.

Im Mittelpunkt der Journalist Varian Fry, der es mit seinen Mitstreitern schafft, in aller Kürze ein kleines aber effektives Netzwerk aufzubauen, in Frankreich später selbst die Fäden in den Händen halten muss, welche nicht nur durch das dortige Vichy-Regime unter Druck geraten. Akribisch folgen wir seinen Spuren und derer, denen er die Flucht verhilft.

Alma Mahler Werfel und Franz Werfel, Heinrich Mann, Anna Seghers und viele andere werden so gerettet. Fry und seine Unterstützer werden für einen entscheidenden Moment der Geschichte zu besonderen Menschen in einer besonderen Zeit.

Wie bereits in seinem vorangegangenen Werk werden die dicht gedrängten Ereignisse in Tagebuchform aufgefächert, welche das Drängen, die Eile und nicht selten die Ungewissheiten der Akteure herausstellt, deren Schicksale sich von einem auf dem anderen Tage ändern konnte.

Wieder sind es ausgewählte Personen, deren Wege hier beschrieben werden, stellvertretend für viele, die zwangsweise namenlos bleiben müssen, da wir zu wenig wissen, um von ihnen zu erzählen. Gleich zu Beginn wird dies vom Autoren selbst herausgestellt, dem der Spagat gelungen ist, ein zweites Mal ein literarisches, zudem in unseren Zeiten hoch nachdenklich machendes, Sachbuch zu schaffen.

Anhand von Tagebuchaufzeichnungen, nach dem Krieg niedergeschriebenen Erinnerungen oder Briefen, auf denen sich eine puzzleartige Recherche, die auch nach Marseille selbst führte, stützt, ist damit ein kulturelles Portrait entstanden. Kurzbiografien am Ende des Buches geben über das weitere Schicksal Aufschluss. Aufgelockert wird die Lektüre durch Kartenmaterial in den Innenseiten und zahlreichen Abbildungen, welche im Zusammenspiel diese Tage lebendig werden lassen.

Auch hier hat man, wie in „Februar 33“ erneut das Gefühl, allen Personen so nahe zu sein, als würde man daneben stehen, gegen alle Widrigkeiten Fluchten zu organisieren oder zu bestreiten. Diese Chronologie geht unter die Haut, mit einem sogar noch etwas flüssiger wirkenden Schreibstil als beim Vorgänger. Ein Buch über Menschlichkeit und Mut, über unwägbare Faktoren und Sekunden, die über Gelingen oder Scheitern entschieden.

Eine unbedingte Leseempfehlung.

Autor:

Uwe Wittstock wurde 1955 in Leipzig geboren und ist ein deutscher Literaturkritiker, Lektor und Autor. Zunächst arbeitete er als Journalist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wo er von 1980 bis 1989 der Literaturredaktion angehörte, danach wirkte er als Lektor beim S. Fischer Verlag.

Zur gleichen Zeit war er Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Neue Rundschau. Im Jahr 2000 wurde er stellvertretender Feuilletonchef der Tageszeitung Die Welt, zwei Jahre später Kulturkorrespondent in Frankfurt/Main. Bis 2017 arbeitete er als Literaturchef des Magazins Focus. Zu seinen Werken zählen mehrere Sachbücher. 1989 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis für Journalismus.

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Sabrina Imbler: So weit das Licht reicht

Inhalt:
So weit das Licht reicht ist Naturbuch, poetisches Memoir und Coming-of-Age-Geschichte in einem – ein faszinierender Tauchgang von der Oberfläche bis zum Meeresgrund. (Klappentext)

Rezension:

Nature Writing ist ein schwieriges Genre, werden doch Naturbeziehungen oft genug romantisiert, Tiere manchmal gar vermenschlicht. Wird dieses jedoch in Kombination mit etwas völlig Gegensätzlichen gebracht, dazu noch Einsprengsel anderer Bereiche der Literatur, insbesondere des Sachbuchs, ist es schwierig ein passendes Zusammenspiel zu erzeugen, da alle Lesende mit unterschiedlicher Erwartungshaltung an die Lektüre herangehen und wahrscheinlich selten diese vollkommen getroffen finden werden.

Genau dies ist der Autorin Sabrina Imbler mit dem hier vorliegenden Werk passiert, welches zwischen Nature Writing, den Versuch eines Sachbuchs und einem Selbstfindungsprozess schwangt, der einer Nabelschau gleichkommt. Der beschworene Blick auf die Kreaturen der Tiefsee, welcher der Untertitel zunächst vorgibt, kommt jedenfalls zu kurz.

Diese Abschnitte sind interessant, wie auch die Abschnitte, das Nachdenken der Autorin über sich selbst, sich faszinierend lesen, doch hätte es hier bereits der Qualität der Lektüre gut getan, wenn man aus einem tatsächlich zwei Bücher gemacht hätte.

So kommen an der einen Stelle wirklich spannende Ausführungen zu Meereslebewesen viel zu kurz, an anderer die zum Thema Gender, durchaus gespickt mit interessanten psychologischen Ausführungen, am Beispiel Imblers selbst, welche ich einmal positiv hervorheben möchte. Zusammengestellt jedoch wirken Übergänge nicht so, wie sie es könnten, hat man zwei unterschiedliche Werke, die nichts Halbes und nichts Ganzes ergeben.

Ein anderer Kritikpunkt ist da nur noch augenrollend zur Kenntnis zu nehmen, den die Autorin als Wissenschaftsjournalistin eigentlich aus sich heraus beherzigen müsste. Man vermenschlicht keine wilden Tiere. Spätestens damit ist für mich die gesamte Lektüre gefallen.

Die kompakte Form der Ausführungen bringt es mit sich, dass dort, wo Ausführungen wünschenswert wären, diese zu kurz kommen, anderswo derer zu viele sind, so dass man ein permanentes Ungleichgewicht vor Augen hat. Auf Dauer ist dies sehr anstrengend, da man geneigt ist, zu den für sich selbst interessanteren Stellen zu springen. Das kann man häufig tun, da Abschnitte gut übersichtlich gehalten werden, was man jedoch eher der Formatierung des Verlags anrechnen dürfte. Positiv erwähnenswert bleiben noch die liebevollen Illustrationen von Simon Ban zu Beginn jedes Kapitels.

Möchte ich Nature Writing, Coming of Age, populärwissenschaftliches oder Gedanken zum Ich und zum Gender lesen, kann ich das hier alles bekommen, jedoch hätte hier eine eindeutige Entscheidung, gleich wofür, der Lektüre gut getan.

Autorin:

Sabrina Imbler ist Wissenschaftsjournalistin und Autorin. Sie lebt in Brooklyn und veröffentlicht regelmäßig Essays und Reportagen in verschiedenen Zeitungen und Magazinen. Ihr Debüt „So weit das Licht reicht“ wurde zu den zehn besten Nonfiction-Büchern des Jahres 2022 gewählt.

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Thomas Edler: Reisebus & Pflaumenmus

Inhalt:

Jahre nach der Matura ergibt sich für die beiden Freunde Hannes und Thomas die Gelegenheit, mit einem Reisebus von Indien nach Europa zu fahren. Die Gelegenheit, aus dem Alltag auszubrechen, ist ein großes Abenteuer, doch schon bei der Einreise nach Pakistan kommt es zu Schwierigkeiten, die den gesamten Trip infrage stellen. Wenn sie es innerhalb der nächsten Tage schaffen, über die Grenze zu gelangen, waren alle Vorbereitungen umsonst.

Unterwegs auf einer Transitroute, die seit jeher Europa mit Asien verbindet, begegnen die beiden Freunden verschiedenen Kulturen, Menschen und Geschichten aus längst vergangenen Tagen. (abgewandelter Klappentext)

Rezension:

Es ist eine dieser Gelegenheiten, die sich nur selten im Leben, vielleicht nur einmal, ergibt und so ergreifen zwei Freunde die Chance, zwischen den Kulturen zu reisen. Ihr Weg führt sie entlang einer alten Handelsroute, späteren Hippie-Trail, in umgekehrter Richtung vom rastlosen Indien wieder zurück in die Heimat nach Österreich. Unterwegs mit einem VW Bus, kommen sie mit den Menschen ins Gespräch, Einheimische und andere Reisende, lassen sich deren Geschichten erzählen und spüren einer Vergangenheit nach, die auch heute noch Tempo und Empfindungen der durchquerten Regionen bestimmt.

Den modernen Reisebericht muss der Spagat gelingen, sowohl einerseits jene mitzunehmen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, nicht zu verklären oder in Klischees zu versinken, das Fernweh wecken und die Faszination der beteiligten Akteure zu transportieren. Nichts ist schlimmer als mit rosaroter Brille zu erzählen und dabei ein Publikum zu verlieren oder gar überhaupt nicht zu gewinnen.

Eventuell kennt jeder die eine oder andere Erzählung, gar längere Foto- oder Videovorführungen im Bekanntenkreis, die im Grunde nur für den jeweils Beteiligten Erinnerungen wecken, jedoch für andere eher den Stellenwert einer Hintergrundberieselung innehaben. Dieses Phänomen lässt sich nicht selten auf Texte übertragen. Thomas Edler gelingt in seiner Mischung aus Reportage und Bericht jedoch der Drahtseilakt, die Faszination herüberzubringen und sehr einnehmend von seinem großen Abenteuer zu erzählen.

Zum einen ist da der Bericht über die Fahrt selbst und die Schilderung von Begegnungen entlang des Weges, die ergänzt werden durch Blenden in die Geschichte der bereisten Orte, sowie Einblicke den Alltag der Menschen heute. Ergänzt durch rein informative Absätze, durchmischt mit Kuriosa von landestypischen Gerichten bis hin zur Teppichkunde, ist mit „Reisebus & Pflaumenbus“ das Porträt einer Reise gelungen, die man gerne nachverfolgt, zumal anhand von Fotos und der obligatorisch abgedruckten Routenkarte.

In ruhiger Tonalität erzählt Thomas Edler von einer Reise voller Unwägbarkeiten und faszinierenden Begegnungen, welche auf Gegenseitigkeit beruhen. Wohltuend hebt sich der positive Blick auf Gegebenheiten und Unterschiede hervor, immer im Vertrauen, dass der Reisetrip schon irgendwie vorangehen wird, schließlich ist man auf geschichtsträchtigen Routen unterwegs und das Gefährt hat ja den Weg in die andere Richtung auch ohne größere Probleme gemeistert.

Kurzweilig wirken die einzelnen Kapitel, in denen der Autor von den einzelnen Reiseabschnitten erzählt. Diese nehmen so ein, dass man sich gut vorstellen kann, diese Reise oder zumindest einzelne Teilstücke dieser selbst einmal nachzuvollziehen und ein Stück von dieser Faszination der beiden Freunde mitzunehmen, zumal ein gewichtiger Teil des Trips durch Länder folgt, von denen uns hier sonst nur bestimmte Bilder erreichen. Alleine deshalb schon ist dieser Bericht empfehlenswert. Entlang der einstigen altertümlichen Handeslrouten herrscht noch immer geschäftiges Treiben und lassen sich noch Abenteuer erleben.

Auch sprachlich schafft es „Reisebus & Pflaumenmus“ den Bogen zwischen Bericht und Informativen zu schlagen, wenn sich auch abschnittsweise einzelne Sätze das eine oder andere Mal wiederholen. Das kann jedoch auch meinen Lesegewohnheiten geschuldet sein, ist ohnehin nur ein Abzug in der B-Note, schließlich liegt der Fokus bei dieser Art von Reportagen auch woanders. Tatsächlich wünsche ich mir mehr solche Texte, die die Faszination für andere Länder und Kulturen wecken, dabei einen Rundumblick versuchen und Lust darauf machen, selbst Abenteuer zu erleben.

Autor:

Thomas Edler wurde 1971 geboren und ist ein österreichischer Projektmanager und Autor. Zunächst studierter er in Granz Betriebswissenschaften, bevor er im Bereich der erneuerbaren Energien tätig wurde. Nebenher schreibt er Texte über die Schulzeit und über das Reisen, versucht diese mit kulturellen Erfahrungen und historischen Gegebenheiten zu verbinden. In „Reisebus & Pflaumenmus“ erzählt er von seinem 2008 mit einem Freund unternommenen Trip von Indien nach Österreich.

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