Sachbuch

John Blake: Das Titanic-Bordbuch

Inhalt:

Zur Zeit ihres Stapellaufs war die TITANIC der Stolz der White Star Line. Das größte und schönste Passagierschiff der Welt verkörperte den Zeitgeist in Eleganz und Stil. Dieses Buch ist ein einzigartiger Leitfaden für Passagiere, um sich auf den berühmtesten Schiff der Welt zurechtzufinden. Es erzählt die Geschichte seiner Entstehung und bietet einen umfassenden Einblick in die luxuriösen Ausstattungen und Räumlichkeiten.

Darüber hinaus enthält es eine Fülle unentbehrlicher Informationen für die Passagiere der ersten, zweiten und dritten Klasse. Nehmen Sie teil an der begeisterten Vorfreude auf die Jungfernfahrt und die Auszüge aus Originaldokumenten, die an den Glanz des Schiffes und den unübertroffenen Komfort der Passagiere erinnern. (Klappentext)

Rezension:

Alles an Bord ist gut, in vielen Fällen sogar brilliant durchdacht und großartig ausgeführt. Die Passagiere werden in den prunkvollen Räumlichkeiten, auf den herrlichen Promenaden, in der Turnhalle, im Squashraum, in den türkischen Bädern, im Schwimmbad, auf der Palm Court Veranda usw. Komfort, Luxus, Erholung und Wohlbefinden genießen können. Darüber hinaus sind die Kabinen in ihrer Anordnung, Geräumigkeit und Ausstattung perfekte Zufluchtsorte, in denen man angenehme Stunden verbringen und frei von störenden Geräuchen schlummern und sich erholen kann. Komfort, Eleganz und Sicherheit sind Vorzüge, die einen besonderen Reiz auf Passagiere ausüben – an Bord der Olympic und Titanic gibt es sie im Überfluss.

Auszug aus einer Broschüre der White Star Line, 1911.

Der Ausgang der Geschichte ist bekannt. Für die Jungfernfahrt des damals luxuriösesten Passagierschiffs der Welt wählt Kapitän Edward Smith die nördliche Route über den Atlantik. Anfang des 20. Jahrhunderts einer der verhängnisvollen Fehler, die sich rächen. Das Schiff kann einem Eisberg nicht mehr ausweichen und sinkt. Über 1400 Menschen sterben, u. a. da damalige Vorschriften nicht für alle Passagiere Rettungsboote vorsahen. Mit der Titanic starb auch der unabdingbare Glaube an die Absolutheit der Technik.

Was heute das Wetteifern der Fluggesellschaften um Passagiere ist oder sich in den immer größeren Kreuzfahrtschiffen widerspiegelt, die die Weltmeere durchqueren, nahm seinen Beginn im Wettbewerb großer Reedereien, nicht zuletzt britischer, vor allem auf der symbolträchtigen Atlantikroute. Auswanderer träumten auf den Überfahrten vom Leben in der neuen Welt, die Reichen und Wohlhabenden genossen den Luxus eines Komforthotels während der Reise.

Die Titanic, die im Jahr 1911 von Stapel lief, war das Aushängeschild der White Star Line, wurde vor der Überfahrt als „nahezu unsinkbar“ beschrieben. Nur letzteres Wort sollte sich in die Köpfe der an Bord gehenden Menschen einbrennen.

Die Nacht auf den 14. April 1912 steht bis heute im Fokus vieler Filme und Bücher, doch wie muss es sich für die Menschen zunächst angefühlt haben, dieses Schiff zu betreten, ohne natürlich von der nahenden Katastrophe auch nur zu ahnen? Wie wurde die Titanic beworben? Welche Besonderheiten, Raffinessen und Neuerungen wurden hervorgehoben? Welche Vorstellungen hatten künftige Passagiere von der bevorstehenden Überfahrt? Einblick gewährt das vorliegende Werk.

Natürlich, es ist ein rein fiktiver Band, der in der deutschen Übersetzung von Klaus Neumann im Delius Klasing Verlag vorliegt, doch versammelt er eine Vielzahl von echtem Material, welches an eine Überfahrt Interessierte damals zu sehen und lesen bekamen. Zusammengefasst ist daraus ein Bordbuch entstanden, wie es rein theoretisch jedem Passagier in die Hand hätte gedrückt werden können, eine Ansammlung von Fakten, die uns in die Visionen ihrer Erbauer und in die Köpfe derer tauchen lässt, die ein Ticket für die Überfahrt gelöst haben.

So befinden sich nicht nur Auszüge aus Werbebroschüren, wie oben zitiert, in diesem Werk, auch Speisekarten oder nützliche Informationen, um sich an Bord zurechtzufinden. Wann kann wer den Fitnessraum benutzen? Was kostet und wie sendet man ein Telegramm an die Lieben daheim?

Aus welchen Passagierunterkünften kann man wählen, welcher Komfort erwartet Passagiere der ersten, zweiten oder der dritten Klasse? Wie hoch ist die Leihgebühr für Liegestühle an Bord, wie teuer das Ticket für mitreisende Haustiere? Schließlich, wie funktioniert dieses Wunderwerk der Technik überhaupt, wo befinden sich die Rettungsboote, die man ja nicht brauchen wird?

Für historisch und ozeanisch Interessierte ist dieses Werk, welches man sowohl als fiktive Werbebroschüre lesen kann als auch als ein als Faktensammlung orientiertes Sachbuch, eine wohltuende Abwechslung, da hier der Fokus auf eine Überfahrt selbst liegt, nicht auf die tatsächlich geschehene Katastrophe.

Es hätte ja schließlich alles anders kommen können, der Untergang als Folge mehrerer unglückseeliger Faktoren. In der Tonalität gehalten, wie zur damaligen Zeit, gibt es nur einen einzigen Kritikpunkt, die Schriftgröße betreffend. Im Zusammenspiel mit dem auf alt getrimmten Hintergrund ist das nicht immer angenehm zu lesen. Es sorgen jedoch unzählige Abbildungen und Grafiken für Auflockerungen, auch diese sind im Stil des Beginns des 20. Jahrhunderts gehalten.

Eine Zeitreise, die sich unbedingt lohnt. Kommt an Bord. Erkundet das Schiff, genießt die Fahrt und den Luxus an Bord. Ihr werdet es nicht bereuen.

Autor:

John Blake ist ein ehemaliger Marineoffizier und Nautiker. Als Mitglied des Royal Institute of Navigation ist er Autor von mehreren seefahrtshistorischen Büchern.

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Mein Rückblick durch’s Bücherjahr 2021

Immer wieder stelle ich fest, dass gerade in, sagen wir, fordernden Zeiten, mir Bücher einen besonderen Halt geben. Mit dem Lesen einiger Seiten auf den Weg zur Arbeit oder vor Hochfahren des Büro-Laptops im Home Office starte ich in den Tag, abends auf den Nachhauseweg in der U-Bahn schaufel ich mir mit Büchern den Kopf frei und komme auf andere Gedanken. So habe ich dieses Jahr viele Bücher für mich entdecken können, mehr gelesen als etwa im Jahr 2020, erstaunlicherweise mit vergleichsweise wenigen Totalausfällen. Nur einen Abbruch hatte ich auf den Zähler. Darum soll es heute aber nicht gehen. 2021 war für uns alle anstrengend genug. daher habe ich mich dazu entschlossen, meinen Rückblick auf die Lese-Highlights des Jahres zu beschränken und die anderen Werke aus meinem Gedächtnis zu verdrängen. Wer diese sich noch einmal zu Gemüte führen möchte, den bleibt nichts übrig, als die Rezensionen zu durchstöbern. Hier soll es heute nur um die Highlights gehen. Über die Flops sprechen wir zu oft.

Eine Top 10 auszuwählen, ist mir dabei nicht gelungen, so zeige ich ganze zwanzig Bücher, die ich in positiver Erinnerung habe. Von der Belletristik bis zum Sachbuch, von der Neuerscheinung bis zur Backlistliteratur ist alles dabei. Natürlich könnte ich noch viel mehr Werke nennen, aber ihr kennt den Ausdruck: „Das sprengt den Rahmen!“. 🙂

Während Björn Stephan mich mit seinem Schreibdebüt, einem sensiblen Coming of Age Roman, überraschen konnte, entführte mich Esther Horvath gleich zu Beginn des Jahres in die eisigen Gefilde der Arktis. Sie begleitete die bis dato größte von den Forschern des deutschen Alfred-Wegner-Instituts angeführte Polarexpedition, auf dem Eisbrecher „Polarstern“ und brachte beeindruckende Fotos mit nach Hause, die sie in diesem Bildband versammelt hat. Stephan Orth nahm seine LeserInnen dagegen in ein nahezu noch unbekanntes Land. Saudi-Arabien. Immer, Auge und Auge mit Scheichs und Kamelen. Unvergessen natürlich, das Interview, welches ich mit ihm führen durfte.

Christa von Bernuths Kriminalroman „Tief in der Erde“, der auf wahre Begebenheiten eines spekatkulären Falls der bundesdeutschen Kriminalgeschichte beruht, gehört im Bereich True Crime zu meinen Highlights, wie auch Sasha Filipenko, der mit seinem Roman „Der ehemalige Sohn“ tief in die belarussische Gesellschaft Einblick nehmen lässt. Noch nie habe ich einen, über weite Strecken, so deprimierenden Roman gelesen, der jedoch sehr eindrucksvoll zu lesen ist und deshalb definitiv zu meinen Highlights zählt. Olga Grjasnowas Essay über den Nutzen von Mehrsprachigkeit war nichtminder aufschlussreich.

Genau so wie ich Olga Grjasnowas Ausführungen zur Mehrsprachigkeit empfehlen kann, möchte ich allen Natasha A. Kellys Essay über Rassismus ans Herz legen. Hier beschreibt sie, woher Rassismus kommt, wie das wirkt und wie wir dieses strukturelle Problem lösen können. Ihr Werk hatte in jedem Fall den Preis für die am schwersten zu schreibende Rezension gewonnen. So oft habe ich, glaube ich, selten, nach den richtigen Worten gesucht. Khue Pham beeindruckte mit ihrem halbbiografischen Roman einer über die Welt verstreuten, ursprünglich aus Vietnam stammenden Familie und Stefanie vor Schulte mit einer sprachlich so anspruchsvollen erzählung, die ihres Gleichen sucht.

Familiengeschichten oder Coming of Age dominierten bei mir im Bereich der Belletristik und so kann ich auch Alex Schulman „Die Überlebenden“, wie auch das Debüt von janina Hecht „In diesen Sommern“ zu meinen Highlights zählen. In beiden Romanen geht es um Kindheiten und den nicht ganz so einfachen Umgang damit, im Erwachsenenalter, während Ariel Magnus in seinem Roman „Das zweite Leben des Adolf Eichmanns“, den eben genannten wieder lebendig werden lässt, bis zu seiner Entführung und Verhaftung durch Agenten des israelischen Geheimdiensts Mossad. Spannend und erschreckend zugleich , einmal diese Perspektive einzunehmen.

Wie bekommen wir die Fragestellungen und Probleme, die sich gerade jetzt klar und deutlich zeigen, in den Griff? Wo liegen die Stellschrauben im Gesundheitssystem und unserer Gesellschaft? Was muss sich ändern, da Applaus nicht genug ist? Diese Fragen stellt der Journalist David Gutensohn und zeigt, wie Lösungen aussehen können und was in winzigkleinen Schritten schon jetzt passiert oder, wo es noch viel zu tun gibt. Frank Vorpahl entwirrt derweil Mythos und Wirklichkeit um Heinrich Schliemann und Xose Neira Vilas‘ Novelle „Tagebuch einer Kindheit in Galicien“ war genau so erschreckend, wie düster, wie hoffnungsvoll.

Der Historiker Uwe Wittstock zeigt in seinem romanhaft anmutenden Sachbuch „Februar 33 – Der Winter der Literatur“, wie schnell Kunst und Kultur von den Nationalsozialisten nach ihrer Machtübernahme vereinnahmt wurden und Schriftsteller, wie Künstler, ins Abseits gedrängt oder für ideologische Zwecke ausgenutzt wurden. Das Werk zählt wohl bei so Einigen zu den Highlights, wie vielleicht auch „Shuggie Bain“ von Douglas Stuart, eine traurigere und trostlosere Version und Mischung aus „Billie Elliott“ oder Frank McCourts „Die Asche meiner Mutter“. Fast möchte man die Hauptfigur aus den Roman herausziehen, und sie vor allem Übel der Welt beschützen.

Last, but not least. Karsten Krogmann und Marco Seng konstruierten in ihrem Sachbuch „Der Todespfleger“ die Geschichte des Krankenpflegers Niels Högel, der zum größten Serienmörder der deutschen Nachkriegsgeschichte avancieren sollte, zeigen die Mühlen der Justiz auf, eben so wie deren Schlagkraft, während Roman Deininger und Uwe Ritzer noch einmal Olympia 1972 aufleben lassen, welches so anders werden sollte, als die Spiele der Nazis 1936, und dann doch durch einen Terroranschlag in ihren Grudnfesten erschüttert wurden. Nach zwei Sachbüchern, zu guter Letzt ein wunderschöner Roman, „Heaven“, von Mieko Kawakami, über Mobbing und zarter Freundschaft.

Das waren sie nun, meine zwanzig Highlights des Jahres, die ich um noch weitere Werke hätte ergänzen können, doch lade ich euch natürlich ein, im Rezensionsverzeichnis nach Herzenslust zu stöbern, nach diesen oder nach anderen Werken, nicht nur Highlights, aber eben auch. Es hat mir wieder großen Spaß gemacht, so vielschichtig, auch für euch, zu lesen und ich freue mich auf das kommende Lesejahr, was hoffentlich genau so abwechslungsreich und spannend werden wird.

Vielleicht ist ja das eine oder andere Werk, auch für euch, dabei?

Bis zum nächsten Jahr. Nicht vergessen, wir lesen uns.

Viele Grüße,

findo.

Der virtuelle Spendenhut

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Christa Dürscheid: Wie sagt man wo?

Inhalt:

Unsere deutsche Sprache ist außerordentlich reich an Variationen in Wortwahl und Grammatik oder regionalen Ausprägungen. Wir reden von Schuhbändeln, Schuhsenkeln oder Schuhriemchen. Wir schreiben Soße, Sosse oder Sauce und sagen, je nach lokaler Verortung, „Ich erinnere sie gut“ oder „Ich erinnere mich gut an sie„.

Hat’s noch mehr solcher Beispiele? dieses Buch sammelt über 300 anregende Einblicke in sprachliche Phänomene und zeigt, wie vielfältig das Deutsche im Gesprochenen, im Geschriebenen und über Grenzen hinweg sein kann. (Klappentext)

Rezension:

Über 500.000 Stichwörter umfasst das Universalwörterbuch der Deutschen Sprache, ergänzt mit Angaben zur Herkunft dieser, der Grammatik oder der Aussprache , hinzu kommen zahlreiche Varianten der rechtschreibung, der Wörter im Kommunikationsverhalten, des Wortschatzes und der Grammatik, die sich regional unterschiedlich gestalten kann. So ergeben sich für den einen oder anderen Begriff zahlreiche Varianten, deren Sammlung zur Sisyphosarbeit ausarten kann, doch wie kam diese überhaupt zustande? Die Sprachwissenschaftlerin Christa Dürscheid begab sich auf Spurensuche.

Was sagt ihr, wenn ihr das Endstück eines Brotlaibs meint oder den Überrest eines gegessenen Apfels benennen wollt? Seht ihr die Sache durchweg oder durchwegs positiv? Gebt ihr der Polizei eine Persons- oder eine Personenbeschreibung?

Geordnet wie ein Lexikon hat die Autorin eine handliche Übersicht einer auswahl von Begriffen und Bezeichnungen erstellt, die sich häppchenweise lesen lassen, durchsetzt mit Grafiken, die das ganze auflockern. Diese zeigen immer den gesamten deutschsprachigen Raum, einschließlich der Schweiz, Österreich und der Region der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Wissenzuwachs dabei garantiert. Die eine oder andere regionale Sprachbarriere wird geknackt.

Diese Übersicht empfiehlt sich zu verwenden, wie ein Lexikon. Hintereinander weglesen scheint auf den ersten Blick zu funktionieren, wird hier jedoch zu schnell trocken, auch mag natürlich nicht alles immer von gleichem Interesse sein. Manche Erklärungen wünscht man sich zudem ausführlicher, ansonsten könnte es passieren, dass man ins Ziel eines ABC-Schützen gerät, der einem zum Mond schießt. Möchte man doch beides nicht.

Für meine Begriffe hätte die Ansammlung von Begriffen noch ausführlicher, die eine oder andere Auflockerung mehr eingefügt werden können. Zudem hat mir das rezensionsbedingte Hintereinanderweglesen hier eher ein Bein gestellt als eine eingängige lektüre unterstützt, die es ja eigentlich sein soll. Mit Lesen a la Lexika funktioniert es besser.

Autorin:

Christa Dürscheid wurde 1959 in Kehl-Kork geboren und ist eine deutsche Linguistin. Sie lehr an der Universität Zürich, Philosophische Fakultät und hat den Lehrstuhl für Deutsche Sprache, Abteilung Linguistik inne. Nach dem Studium bis 1981 in Deutsch, Französisch und Erziehungswissenschaften in Freiburg und Köln promovierte sie 1988. Nach Gastaufenthalten in Prag und Budapest, dem Institut für Fremdsprachen der Nanjing-Universität in China, sowie weiteren Universitäten war sie Lehrbeauftragte in Köln.

Von 1999 bis 2000 war Dürscheid als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Stuttgart, danach als Hochschuldozentin für Deutsche Sprache, Literatur und ihre didaktik in Münster tätig. Nach einer Vortragsreise in Südkorea folgte sie dem Ruf der Universität Zürich. 2002 erhielt sie den Konrad-Duden-Preis. Sie forscht zur Linguistik und Syntax der deutschen Sprache, sowie zum Sprachgebrauch und der Variantengrammatik des Standarddeutschen.

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Catherine Raven: Fuchs & ich

Inhalt:

Catherine Raven ist überzeugte Einzelkämpferin. Als sie sich mitten im Nirgendwo eine kleine Hütte mit einem blauen Dach baut, ist ihre Isolation komplett. Ihre Gesellschaft ist die Natur, die verblüffend lebendige Tier- und Pflanzenwelt, mit der sie ihr Land teilt. Eines Tages bemerkt sie einen wilden Fuchs, der jeden Nachmittag um 16.15 Uhr auf ihrem Grundstück erscheint. Entgegen allen wissenschaftlichen Gepflogenheiten beginnt sie, ihm aus „der kleine Prinz“ vorzulesen. (Klappentext)

Rezension:

Selbst in den unwirtlichsten Regionen unseres Planeten kommt er vor, in Wüsten oder den Polargebieten. Mittlerweile ist er auch in unsere Städte gezogen und lebt Seite an Seite mit den Menschen. Doch, kaum jemand kennt sie näher. Ein flüchtiger Blick und dann ist der Fuchs meist schon aus unserem Sichtfeld verschwunden.

Die Rangerin und Biologin Catherine Raven hatte die Gelegenheit in unmittelbarer Nähe zu ihrem eigenen Wohnhaus, in der Abgeschiedenheit Montanas, eines dieser Tiere zu beobachten. Ihren tierischen Besucher beginnt sie aus dem Buch „Der kleine Prinz“ vorzulesen. Die Geschichte eines Versuches der Annäherung.

Ein Tierfilmer, der das Verhalten einiger Bären falsch einschätzte, musste seinen Versuch der Annäherung vor einigen Jahren mit dem Leben bezahlen. Geglaubt hatte er, diese Tiere richtig deuten zu können, sie zu kennen und gilt seither allen als Mahnmal, die einen Umgang mit Lebewesen pflegen, die weder domnestiziert sind, noch irgendwie sonst bestrebt sind, mit Menschen zu interagieren.

Wenn Wildtiere dies tun, steckt meist mehr dahinter und oft ist dies nicht unbedingt positiv besetzt. Davon abgesehen weiß jeder Naturwissenschaftler um seine Reputation, wenn er oder sie sich auf allzu große Nähe mit Tieren einlässt, die eigentlich nur beobachtet werden sollten. Alles andere wäre ein zu starker Eingriff in den natürlichen Lauf der Dinge, den es zu erforschen gitl.

Jetzt, dieses Buch, in welchem die Autorin den Spagat wagt, zwischen Nature writing und Sachbuch, sowie Studie der eigenen Persönlichkeit, aufgrund derer man das Werk umbenennen müsste. Überwiegend geht es hier nämlich um sie selbst, statt um das erstbenannte Tier. Alle, die ein informatives und unterhaltsames Sachbuch über Füchse lesen möchten, ist eher andere Lektüre zu empfehlen.

Man erfährt viel darüber, warum Raven die Abgeschiedenheit ihres Lebens liebt, nicht unbedingt mit anderen Menschen kompatibel ist und wie diese länger anhaltenden, immer wiederkehrenden Begegnungen mit dem Fuchs zustande kamen, aber nicht so sehr über die Biologie der Tiere selbst. Faktenorientierung ist etwas anderes.

Wenn der Schlag in Richtung Sachbuch nicht gelingt, wie verhält es sich hier mit der Einordnung zum sog. Nature Writing? Das funktioniert eher. Der Autorin gelingen durchaus liebevolle Beschreibungen, sehr romantisiert, von der sie umgebenden Tier- und Pflanzenwelt, was sich meines Erachtens aber gerade für eine Wissenschaftlerin einfach verbietet.

Da ist es auch kaum hilfreich, dass sie hin und wieder doch noch ein paar interessante Fakten einstreut, als würde sie sich dann doch im einen oder anderen Moment ihres Berufes bewusst werden.

Sy Montgomery hat mit ihrem Werk über Kraken gezeigt, dass es auch in diesem Bereich gelingen kann, bevor man in allzu kitischige Szenarien hinein rutscht, die Kurve zu bekommen. Hier funktioniert das nicht und das hat, wie beschrieben, nichts mit einem Schreibstil zu tun, der zwischen Gefühlsduseligkeit und unglaublichen Längen schwankt. Wer sich eher an Fakten orientiert und auch auf Wissenzuwachs hofft, ist damit an der falschen Stelle. Von einer Wissenschaftlerin erwarte ich definitiv eine andere Art und Weise, sich Tieren zu nähern.

Diese Vermenschlichung ist fehl am Platz.

Das war mein Fehler und so habe ich nun das Buch auf Seite 150 abbrechen müssen.
Vielleicht gelingt es ja euch, einen besseren Zugang zu der Lektüre zu finden.

Autorin:

Catherine Raven widmet sich als Autorin und Wissenschaftlerin der Natur. Sie studierte Biologie und arbeitete als Rangerin in den Nationalparks Glacier, Mount Rainier und Voyagers, hilet Vorträge an Universitäten, anschließend leitete sie Expeditionen, z.B. durch den Yellowstone Nationalpark. In verschiedenen Magazinen und Zeitschriften veröffentlicht sie regelmäßig Beiträge und hat u. a. ein Buch über Forstwirtschaft veröffentlicht. Raven unterrichtet derzeit an der South University Savannah, in Georgia.

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Karsten Krogmann/Marco Seng: Der Todespfleger

Inhalt:

Klinikum Delmenhorst im Juni 2005: Während seiner Spätschicht auf der Intensivstation spritzt Krankenpfleger Niels Högel einem Patienten ein nicht verschriebenes Medikament. Kurz darauf ist der Mann tot. Nur langsam kommt heraus, dass Högel bereits Dutzende Menschen ermordet hat, vielleicht Hunderte. Für 91 Taten wurde er inzwischen verurteilt, doch bis heute ist der Fall nicht abgeschlossen.

Die preisgekrönten Journalisten Karsten Krogmann und Marco Seng waren hautnah an den Ermittlungen gegen den Todespfleger beteiligt und verdichten die verschiedenen Handlungsstränge dieses Falls zu einem fesselnden Krimi. Sie recherchieren, wie Högel so lange unbemerkt töten konnte, berichten von bisher unbekannten Fakten und lassen die Angehörigen der Opfer zu Wort kommen. Nicht zuletzt gehen sie darauf ein, wie ein ganz normaler junger Mann aus Norddeutschland zum skrupellosesten Serientäter der deutschen Nachkriegsgeschichte werden konnte. (Klappentext)

Rezension:

Wer in die Obhut medizinischen Personals gerät, in Kliniken oder Pflegeheim, möchte sich in kompetenten Händen, Verletzungen und Krankheiten fachgerecht behandelt wissen. Allen Problemen und Schwächen unseres Gesundheitssystems zum Trotz funktioniert dies meist sehr gut. Nicht wenige in der Medizin und Pflege kümmern sich aufopferungsvoll um ihre ihnen anvertrauten Patienten. Um so mehr erschütterte in den 2000er Jahren eine Mordserie in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst die Öffentlichkeit.

Ein Pfleger hatte mehreren Patienten, wie schon zuvor in seiner ersten Anstellung Medikamente verabreicht, die in falscher Dosierung zu Herzstillständen führen können und somit Reanimationen provoziert, die nicht notwendig gewesen wären, damit den Tod Unzähliger in Kauf genommen. Zuvor nur als auf Station umherlaufendes Gerücht kursierend, stand nun eine Gewissheit. Doch, wie viele Menschen hatte Niels Högel noch auf den Gewissen? Ermittlungen begannen, die sich über Jahre zogen.

Die Journalisten Karsten Krogmann und Marco Seng begleiteten als Gerichtsreporter die Prozesse von Beginn an und legten über Jahre hinweg Puzzleteile eines Falls frei, der ganz Deutschland erschütterte. Wie ein Krimi liest sich nun diese hier vorliegende Zusammenfassung ohne zu sehr auf den Täter fixiert zu sein. die stärke dieses Berichts ist hier der Fokus auf die Opfer, deren Geschichte anhand einiger Beispiele erzählt wird, aber auch die Sichtweise der ermittelnden Personen, der Justiz und auch der Angehörigen und Kollegen dargestellt wird. Mit den Täter indes haben die Autoren nicht gesprochen. Zu groß die Gefahr, sonst eine Plattform für narzisstische Selbstdarstellung zu bieten. Das Unfassbare bleibt auch so unbegreiflich genug.

Dabei gelingt den beiden ein Rundumblick, der einem die Haare zu Berge stehen lässt. Zunächst steht da natürlich die Frage im raum, warum jemand zum Serienmörder wird und wie dieser seine Taten jahrelang unbemerkt begehen konnte? Warum erstreckten sich die Ermittlungen über einem solch langen Zeitraum? Was vermag Justiz zu leisten, was nicht?

Krogmann und Seng gelingt ein Einblick in die kaltblütige Psyche des Täters, ohne die Opfer aus den Blick zu verlieren. Behutsam tasten sie sich chronologisch bvoran, von der ersten Tätigkeit Högels als Krankenpfleger, bis zu seiner Verurteilung, die zwanzigeinhalb Jahre nach dem ersten Mord stattfinden sollte und noch immer offene Fragen lässt.

Die Faszination für das unfassbar Böse wird hier bedient, ohne diesem den roten Teppich auszurollen. Sehr sachlich berichten die Journalisten vond en Geschehnissen, ohne Unwissen mit leeren Behauptungen zu füllen oder die eingenommene Perspektive aus den Blick zu verlieren. Eine jahrelange Rechercheleistung liegt hier gebündelt vor, welche ein Lehrstück deutscher Ermittlungs- und ja, auch Rechtsgeschichte zeigt, sowohl als auch dass Täter auch Jahrzehnte später noch zur Rechenschaft gezogen werden können.

Eingerahmt wird die Darstellung durch einen einordnenden Prolog, sowie einer übersichtlichen Chronologie der Ereignisse, sowie der Konsequenzen von Politik und Medizin, aber auch eines Kurzumrisses von ähnlich gelagerten Fällen. Eher nüchtern, nicht wirklich reißerisch berichten Krogmann und Seng und geben Opfern und ihren Angehörigen eine Stimme.

Autoren:

Karsten Krogmann wurde 1968 geboren und ist ein deutscher Journalist und Autor. Als Chefreporter arbeitete er für die Nordwest-Zeitung in Oldenburg. Seit 2020 ist er Pressechef des Weissen Rings in Mainz.

Marco Seng wurde 1968 geboren und arbeitete als Reporter in Berlin, Essen, Hannover und Oldenburg. Seit 2018 ist er Redakteur für Landespolitik bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung.

Für ihre Recherchen um den Fall Niels Högel wurden beide Journalisten ausgezeichnet, u. a. mit dem Theodor-Wolff-Preis und dem Nannen-Preis.

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Johann Hinrich Claussen/Ulrich Lilie: Für sich sein

Inhalt:

Jeder scheint die Einsamkeit zu kennen, und doch ist sie wie ein unerforschter Kontinent. Johann Hinrich Claussen und Ulrich Lilie vermessen in ihrem kurzweiligen Atlas Zufluchtsorte, an denen man endlich „für sich“ ist, die Weiten der Loneliness, die man melancholisch durchwandert, das Reich der Solitude, in das sich Mönche, Wissenschaftler und Künstler zurückziehen, und die eisigen Regionen der Isolation, in denen man zu erfrieren droht. Sie erklären, was die Forschung über Einsamkeit sagt, und weisen Wege der Befreiung. Ein hilfreicher Führer für alle, die den Kontinent der Einsamkeit näher erkunden und sicher wieder verlassen wollen. (Klappentext)

Rezension:

Familien werden immer kleiner, die Anzahl alleinlebender Menschen steigt stetig. Bestattungen ohne Trauernde nehmen zu. Unter den Lebenden entführen Stress und Depressionen zuweilen in das Reich der Einsamkeit. Doch, was ist das überhaupt? Welche Zustände der Einsamkeit gibt es? Gibt es neben der ungewollten auch gewollte Einsamkeit? Wie kehrt man Einsamkeit um? Wann ist sie erwünscht, wann zu gefährlich, um sie zu ignorieren?

Die Autoren Johann Hinrich Claussen und Ulrich Lilie haben sich nicht nur zurückgezogen, um für uns Lesende das Reich der Einsamkeit zu erkunden.

Der Begriff der Einsamkeit ist zunächst und vor allem psychologisch interessant, doch kann dieser auf vielen weiteren Ebenen betrachtet werden. Folgerichtig erklären die Autoren anhand verschiedener Beispiele die Arten der Einsamkeit, die sie meinen, festgestellt zu haben. Ein spannender Ansatz ist das, der spannend erzählt, zum Nachdenken über sich und Andere führt, hier jedoch nicht funktioniert. Der Einstieg ist so anstrengend wie ermüdend zu lesen. Schon für die ersten Seiten muss man volle Konzentrationj und, am besten, drei Tassen Kaffee aufbieten. Wer da ein ganzes Buch durchhält, verdient Hochachtung.

Fachlich schwebt dieses Sachbuch irgendwo zwischen Populärwissenschaft und Ratgeber. Positiv ist zu erwähnen, dass Angebote wie Seelsorgetelefonnummern hinten an erwähnt werden, auch einige historische Referenzen lesen sich interessant, doch so umfassend das vorliegende Werk ist, es funktioniert nur bedingt. Zu oft schweifen beim Lesen die Gedanken ab, zu viele Stellen muss man immer und immer wieder nachlesen, um ja nicht den Faden zu verlieren.

Ein sehr trockener Schreibstil negiert die an sich kurzen Kapitel. zu viel wiederholt sich einfach. Im Gedächtnis bleibt dann kaum etwas haften. Grundsätzlich ist das für ein Sachbuch eher schlecht, für einen Ratgeber sowie so. Gut gemeint ist eben nicht immer wirklich gut. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Autoren:

Johann Hinrich Claussen wurde 1964 in Hamburg geboren und ist ein deutscher Theologe und Autor. Zunächst studierte er Theologie in Tübingen, Hamburg und London, bevor er promovierte. Im selben Jahr wurde zum Pastor der Nordelbischen Kirche ordiniert und tratt eine erste Pfarrstelle an. Er habilitierte 2005 an der Universität Hamburg und lehrte später als Privatdozent. Von 2007 bis 2016 war er Hauptpastor in St. Nikolai in Hamburg, 2016 schließlich im Rat der EKD Leiter des Kulturbüros in Berlin. Claussen schreibt regelmäßig für deutsche Zeitungen und Zeitschriften sowie für verschiedene Anstalten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Er gehört zum Herausgeberkreis der Predigtstudien.

Ulrich Lilie wurde 1957 in Rhumspringe geboren und ist ein deutscher Theologe. Seit 2014 ist er Präsident der Diakonie in Deutschland und 2020 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung.

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Hans Peter Schütz: Wolfgang Schäuble – Zwei Leben

Inhalt:

Wolfgang Schäuble prägt seit einem halben Jahrhundert die deutsche Politik: Bundestagsabgeordneter der CDU, später Innenminister, Finanzminister und jetzt Bundestagspräsident. Sein Intellekt, seine Disziplin und Loyalität sind auch beim politischen Gegner anerkannt. Hans Peter Schütz hat für seine umfassend aktualisierte und erweiterte Biografie mit Schäuble und dessen Familie gesprochen, Weggefährten und politische Gegner befragt. So schildert er nicht nur den Weg eines Ausnahmepolitikers, sonder auch die weniger bekannte Seite des Menschen schäuble. (Klappentext)

Rezension:

Als die Schüsse fielen, veränderte sich sein Leben von einem Moment auf den anderen komplett. Seit dem 12. Oktober 1990 ist der heute dienstälteste Politiker des deutschen Bundestags gelähmt und an den Rollstuhl gefesselt. Seit dem gibt es für Wolfgang Schäuble ein Leben vor dem Attentat und eines danach. Wer ist der Mann aus dem baden-württembergischen Offenburg, der hart gegen sich selbst, beinahe ohne Rücksicht auf seine Gesundheit, Politik gemacht und dessen Genauigkeit, Durchhaltevermögen und Detailversessenheit bei politischen Gegnern und Freunden berühmt, zu weilen auch berüchtigt ist?

Warum scheiterte Schäuble daran, Bundeskanzler oder -präsident zu werden, gleichwohl er für seine politische Arbeit geachtet und manchmal auch gefürchtet wurde. Der Journalist Hans Peter Schütz hat über Jahre den Politiker begleitet, Freunde, Weggefährten, Familie und Gegner gesprochen. Herausgekommen dabei ist 2012 ein vielschichtiges Porträt. Nun liegt seine Aktualisierung vor.

Politische Biografen begehen häufig einen kaum zu gelingenden Balanceakt. Bindet man die zu porträtierende Person sehr stark mit ein, besteht die Gefahr, den objektiven Blick zu verlieren und wenig Kritik zu zulassen. Hält man sich dagegen nur an externe Quellen entfernt man sich von dem Menschen, dessen Vielschichtigkeit dann gar nicht gut genug herausgearbeitet werden kann.

Der Versuch Hans Peter Schütz‘ gelingt zu großen Teilen, dies einmal vorab, da beide Seiten des vor allem politischen Leben Wolfgang Schäubles herausgearbeitet werden. Der Blick des Journalisten richtet sich dennoch an die Wegmarken des Ausnahmetalents, dessen Loyalität häufig missbraucht wurde, dennoch dieser einstweilen wie Sisyphos immerzu neue Herausforderungen in der Politik suchte. Oft genug fanden sie ihn.

Der Autor und Journalist schildert, wie das Attentat das politische Leben und Arbeiten YSchäuble veränderten, welche Rolle dieser einnahm in der Neuregelung der Hauptstadtfrage und wie zu den Architekten der Einheit von bundesdeutscher Seite aus nicht nur Kohl oder Genscher, sondern auch Schäuble gezählt werden müssen und worin heute seine politischen Leitlinien bestehen.

Kritik wird da geäußert, wo der Politiker seinen selbstgestellten Anforderungen nicht gerecht wurde oder Schäubles Ungeduld und Härte in die falsche Richtung wirkte. Dabei spannt Schütz einen großen Bogen von den politischen Anfängen in den 1960er Jahren bis heute, erzählt detail- und kenntnisreich von den kleinen und großen Anekdoten Schäubles, ohne wichtiges aus den Augen zu verlieren. Unterstützt wird dies durch die zahlreichen Interviews und Befragungen von Wegbegleitern und politischen Gegnern.

Natürlich orientiert sich die Biografie kapitelmäßig an einer Art Zeitstrahl, dennoch hat man nicht unbedingt das Gefühl ein starres Konstrukt sich zu gemüte zu führen. So ist dieser Text, der weder Schmähschrift noch Huldigung ist, leicht zugänglich. Es stellt sich die Frage, wie die Politik aussehe, wenn es mehr Politiker vom Format Schäubles geben würde? Diese Frage muss man nach dem Leben sich selbst beantworten.

Autor:

Hans Peter Schütz wurde 1939 in Donaueschingen geboren und war ein deutscher Politikjournalist und Autor. Zunächst studierte er Soziologie an der Freien Universität Berlin und begann ein Volontariat beim Schwäbischen Tagblatt in Tübingen, bevor er als Politikredakteur der Ulmer Südwest Presse arbeitete.

Für diese und die Stuttgarter Nachrichten war er 1974 bis 1988 Korrespondent in Bonn. 1988 wurde er Leiter des Bonner Büros des Nachrichtenmagazins Stern, ab 1992 stellvertretender Chefredaktuer bei der Südwest presse. 1996 übernahm er die Ressortleitung Politik beim Stern. seit 2007 arbeitete er als freier Autor. 2012 veröffentlichte er eine Biografie zu Wolfgang Schäuble, die 2021 nochmals aktualisiert wurde. Schütz starb am 17. Mai 2021 bei Berlin.

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David Gutensohn: Pflege in der Krise – Applaus ist nicht genug

Inhalt:

Eines der größten Probleme der Gegenwart hat uns die Corona-Pandemie unerbittlich vor Augen geführt: Unser Gesundheits- und Pflegesystem ist in der Krise. David Gutensohn schreibt engagiert und fundiert über die Herausforderungen, vor denen wir stehen. Mit konkreten Vorschlägen ruft er zum Wandel auf und zeichnet die Vision eines funktionierenden Gesundheitssektors. deutlich wird dabei: Der Pflegenotstand betrifft uns alle, und der Zeitpunkt zum Handeln ist jetzt! (Klappentext)

Rezension:

Wenn Ökosysteme sich nicht mehr aus eigener Kraft regenerieren, klimatische Veränderungen nicht mehr rückgängig gemacht werden können, spricht die Wissenschaft von Kipppunkten. Das sind Momente, in denen unaufhaltsame Folgen in Gang gesetzt werden und nicht mehr umkehrbar gemacht werden können.

Auch unsere Sozialsysteme, unser Gesundheits- und Pflegesystem hat einen solchen, spätestens dann, wenn die geburtenstärksten Jahrgänge der Republik in den Ruhestand gehen und viele von ihnen im Alter gepflegt werden müssen. Schon heute jedoch, stößt die Versorgung Pflegebedürftiger an ihre Grenzen. Pflegekräfte haben weder Wertschätzung in unserer Gesellschaft, noch Zeit für die Patienten, die zu einem reinen Kostenfaktor für die Verwaltungen großer Krankenhauskonzerne geworden sind. Personalmangel, schlechte Bezahlung, wenig Aus- und Weiterbildungschancen tragen ihr übriges dazu bei.

Der Journalist David Gutensohn, der von klein auf mit Pflegenden und zu pflegenden in Kontakt gekommen ist, rechechiert seit längerem zu Thermen wie Gesundheits- und Pflegesystem und hat in der nun vorliegenden Denkschrift herausgearbeitet, wie einige der entscheidenden Mängel mit denen wir heute umgehen müssen, entstanden sind, und wie diese behoben werden können, auch und im Blick auf unsere Zukunft.

Sachlich stellt er zunächst dar, wie unser Gesundheitssystem kommerzialisiert wurde und was dies für die Arbeit in Krankenhäusern und in der Pflege bedeutet. Gutensohn erläutert am Beispiel der viel diskutierten Fallpauschale, wie diese funktioniert, was ursprünglich damit erreicht werden sollte und wie die negativen Auswirkungen sich heute auf medizinische Behandlungen auswirkt, wie sie die schere zwischen chronisch unterfinanzierten kommunalen Krankenhäusern und florierenden Krankenhauskonzernen weiter öffnet. Dem gegenüber stellt er zugleich Lösungsansätze, wie sie heute regional schon versucht werden und erläutert punktuell, was getan werden muss, um die kommunale medizinische Versorgung auch in Zukunft zu gewährleisten.

Diese Gliederung, zuerst die Entstehung eines Problems aufzuzeigen, deren Auswirkungen zu erläutern und dann anhand von Lösungswegen Strategien aufzuzeigen, wie man den Herausforderungen begegnen könnte, durchzieht die gesamte Denkschrift, die bewusst positiv gehalten ist. Zwar sieht der Autor die kritischen Punkte dieser Thematik und die Schwierigkeiten, die damit einher gehen, Gutensohn zeigt jedoch, wie es gelingen kann, dem zu begegnen. Zudem werden viele weitere Facetten erläutert, wie der gravierende Fachkräftemangel oder wie zukünftig unser Gesundheitssystem finanziert werden könnte.

Hier versucht jemand, der den Bereich Pflege und Gesundheit aus eigenem erleben, unzähligen Recherchen und Interviews mit Fachkräften kennt, aufzuzeigen, wie kritisch der momentane Ist-Zustand sich zeigt und wie dem begegnet werden kann. Für und Wider der angesprochenen Punkte werden dabei für Laien verständlich erläutert. Schwierigkeiten dem zu folgen, hat man hier beim Lesen nicht. Bewusst werden fachspezifische Begriffe vermieden. Die Denkschrift selbst entstand aus der Recherche von Gutensohn und anderen geschriebenen Artikeln, aus denen vor allem praktische Beispiele und Szenarien gezogen werden.

David Gutensohn gibt hier Denkanstöße, die sich die Parteien allesamt zu Eigen machen könnten, wenn sie den anstehenden Problemen wirklich begegnen wollten. Zeit dafür wäre jetzt noch, gerade so. er zeigt aber auch, wie sich das gesellschaftliche Klima gegenüber den Pflegenden, etwa in Krankenhäusern und Heimen, ändern müsste, sowie, um nicht ganz den positiven Blick zu verlieren, was sich bereits heute schon tut. Applaus ist nicht genug. War es nie.

Autor:

David Gutensohn hat in Berlin Sozailwissenschaft studiert und besuchte danach die Deutsche Journalistenschule in München. Für Zeit Online schreibt er seit 2019 als Redakteuer über Gesundheits- und Sozialpolitik und Arbeitsmärkte. Er wuchs als Sohn zweier Pflegekräfte in einem Seniorenheim auf und beschäftigt sich heute sehr intensiv mit unserem Pflegesystem.

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Timo Peters: Couchsailing

Inhalt:

Timo Peters hat kein Boot, so gut wie keine Segelerfahrung und kaum Geld – aber den Traum, auf einem Segelboot den Atlantik zu überqueren: Mit leichtem Gepäck macht er sich auf die Suche nach einem Kapitän, bei dem er anheuern kann. In mehreren Etappen und auf verschiedenen Schiffen geht es über den Ozean – unterwegs erwarten ihn überraschende Herausforderungen, Grenzerfahrungen und wunderliche Begegnungen. Eine unvergessliche Reise, ein unglaubliches Abenteuer! (Klappentext)

Rezension:

Spätestens seit Stephan Orth dürfte vielen der Begriff Couchsourfing geläufig sein, doch funktioniert diese Form des Reisens auch auf hoher See? Ein Platz in einer Koje gegen eine helfende Hand an Bord? Mit nur wenig Segelerfahrung, wenn man diese überhaupt so bezeichnen mag, macht sich Timo Peters auf die Suche, dies herauszufinden. Am Ende steht ein neues Leben, ein großes Abenteuer und ein Bericht über die eigentümliche Welt der Segler.

Kennzeichnend für Reiseberichte sind vor allem ausführliche Schilderungen von Begegnungen und die Beschreibung von Landschaften. Letztere beschränken sich hier zwangsläufig fast nur auf die Hafenanlagen für Segelschiffe und die Boote selbst, stellen diese doch für Wochen die ganze Welt dar. Ansonsten ist man der Natur ausgeliefert, der Willkür von Wind, Wasser und Wetter. Anfangs noch fasziniert davon, schenkt dem der Autor nach einer gewissen Zeit kaum mehr Aufmerksamkeit als er muss.

Gerade nur so viel wird zur Kenntnis genommen, wie es für den Trip über den Atlantik von Nöten ist, um so mehr fokussiert sich Peters auf die Schilderungen der Menschen um ihn herum. Schließlich stelklen diese für Wochen seine einzigen Kontakte dar. Im Notfall ist man aufeinander angewiesen. Aus dem Weg gehen kann man sich nach dem Ablegen ohnehin nicht.

Kurzweilig schreibt Timo Peters von seiner Reise, die ihm unbekannte Sichtweisen auf eine teilweise sehr eigentümliche Welt zeigt. Was macht das mit Einem, wenn man der Natur ausgeliefert ist und Menschen, denen man nie zu vor begegnet ist? Welche Schicksale kreuzen sich in den Anlagen der Marinas? Was treibt die Glücksritter, Abenteuerlustigen, Sportsegler und Sinnsuchende an, für Wochen den schwankenden Boden unter den Füßen zu suchen?

Der Autor erzählt von den kleinen Momenten des Glücks, mehr Augenblicken des Zweifels und auch jenen, in denen man nur noch funktionieren und in Bruchteilen von Sekunden die richtigen Entscheidungen treffen muss. Zu Beginn vielleicht noch etwas blauäugig, an manchen Stellen färbt zudem die rosarote Brille im Nachhinein, findet Peters dann doch immer wieder den Ausgleich, so dass auch Konflikte und Gefahren zur Sprache kommen, auf die er reagieren musste.

Für all jene, die jetzt überlegen, eine solche Reise anzutreten, es ist kein Ratgeber, aber der Autor zeigt, was ein solcher Trip mit einem macht. Wenn man daraus etwas für sich ziehen kann, ist es gut. Für alle anderen bleibt die Erkenntnis, das große Abenteuer auch heute noch möglich sind.

Autor:

Timo Peters lebt und arbeitet als freiberuflicher Journalist für diverse Zeitungen und Magazine in Norwegen. Nebenbei betreibt er den Abenteuerblog »bruderleichtfuss.com« und das Onlinemagazin „Fjordwelten„.

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Matthias Glaubrecht: Eskapaden der Evolution

Inhalt:

Rasant verändert der Mensch die Bedingungen der Evolution, und während viele Arten noch gar nicht entdeckt sind, nimmt das Artensterben immer dramatischere Ausmaße an. Dem drohenden „Ende der Evolution“, von dem der Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht in seinem gleichnamigen Bestseller schreibt, stellt er in diesem Buch die Schönheit, Vielfalt und auch die Launen der Natur gegenüber.

In 36 kurzen Kapiteln präsentiert der Zoologe Tierisches, Allzutierisches aus dem Kuriositätenkabinett der Evolution, leicht verständlich und mit einer gehörigen Prise Humor – von Sauriern mit vier Flügeln über die jährlich neuen Minnelied-Schlager der Buckelwale bis hin zu Frauenkommunen bei den Bonobos, die mit Sex das soziale Miteinander fördern. (Klappentext)

Rezension:

Noch immer stellt unsere Welt Wissenschaft und Forschung vor diversen Rätseln. Ein Großteil der Tiefsee ist noch nicht erforscht, die Menschwerdung nicht restlos aufgeklärt und auch in der Entwicklungsgeschichte, bis hin zum Aussterben der Dinosaurier existieren noch zahlreiche Fragen. Auch sind Naturwissenschaftler sich heute sicher, ein Großteil der existierenden Arten auf unserem Planeten ist noch gar nicht entdeckt.

Das ist ein Problem. Ausgerechnet das erfolgreichste Lebewesen auf der Erde entzieht immer mehr von ihnen die Existenzgrundlagen und damit bald auch sich selbst. Welche Wunder gibt es also zu bewahren? Welche Fragen zu klären? Warum ist es notwendig, das Leben, die Flora und Fauna der Erde, zu schützen und welche Sonderbarkeiten gilt es zu entdecken? Der Wissenschaftler Matthias Glaubrecht nimmt uns mit auf eine wundersame Reise.

In übersichtlich, nur lose zusammenhängenden Kapiteln präsentiert der Autor uns Wunder und Kuriositäten der Evolutionsgeschichte, klärt, warum einige heute lebende Vögel den ehemals über den Planeten herrschenden „Schreckensechsen“ ähnlich sind und das Klonen von Mammuts (vorerst) ein Wunschdenken bleiben wird, was dies für die bedrohten Tierarten von heute und damit auch für die Biodiversität der Erde bedeutet. Er zeigt auf, warum eine Mähne Löwenmännchen in eine Zwickmühle bringt, warum Frauen länger leben als sie Kinder bekommen können und was es mit dem Krieg der Schnecken auf sich hat.

Diese und viele andere Anekdoten lassen sich über das Leben auf der Erde erzählen. Matthias Glaubrecht tut dies zuweilen mit einer Prise Humor, jedoch immer mit dem Zeigefinger, dass ausgerechnet der Mensch dabei ist, dies zu beenden und dabei evolutionäre Prozesse in einer Geschwindigkeit zu überholen, die die Natur nicht vorgesehen hat. Angesichts der Wunder, die wir zerstören, geht man aus der Lektüre einigermaßen benommen heraus.

Der Autor indes konnte sich nicht entscheiden, in welchem Grundton dieses für das Laienpublikum gehaltene Werk gehalten werden sollte. So wirkt dies, wenn hochkomplex zu lesende Passagen sich mit humorvollen Kapiteln abwechseln, nur um dann wieder Kapitel mit erhobenen Zeigefinger zu lesen. Hier hätte eine gewisse Einheitlichkeit in der Vermittlung der Thematik eine bessere Wirkung erzielt, zumal bestimmte Inhalte ruhig etwas ausführlicher behandelt hätten werden können.

Vielleicht ergibt sich ein anderer Eindruck, legt man den zuvor erschienen Band „Das Ende der Evolution“ daneben, so aber bleibt ein Gefühl der Unvollständigkeit. Daher, ohne dieses zu kennen, die Empfehlung, es zuerst zu lesen. Andernfalls fehlt ein Puzzleteil. Und dies ist ja in der Evolutionsforschung oft genug der Fall. Die Erkenntnis kommt jedoch rüber.

Autor:

Joachim Matthias Glaubrecht wurde 1962 geboren und ist ein deutscher Zoologe, Wissenschaftsjournalist und Autor. Zunächst studierte er in Hamburg Biologie, wo er 1990 sein Diplom erlangte und vier Jahre später promovierte. 1996 war er Gast am Australian Museum in Sidney, später dann Mitarbeiter und Kurator beim Naturkundemuseum Berlin.

2011 habilitierte er an der Humboldt-Universität Berlin. Im Jahr 2014 wurde er zum Direktor des Centrums für Naturkunde ernannt. Er forscht über evolutionäre Systematik, historische Biogeografie und Morphologie, sowie Wissenschaftsgeschichte der Biologie. Zudem ist er für Zeitungen und Zeitschriften als Wissenschaftsjournalist tätig und Autor mehrerer populärwissenschaftlicher Werke.

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