Wolfram Christ: Die merkwürdigen Abenteuer der Marina Casanova aus Köln

Inhalt:
Erinnern Sie sich an den Juwelenraub im Grünen Gewölbe in Dresden? Obwohl sich viele Fachleute damals sicher waren, eine solche Tollheit könne nur die Auftragsarbeit eines Sammlers gewesen sein, in dessen Tresor die unbezahlbaren Prezisen nun für immer verloren seien, tauchte ein Teil davon später wieder auf. Was war schiefgegangen?
Die Antwort, die der Autor in diesem Kriminalroman liefert, ist so einfach wie verblüffend: Die Gangster hatten nicht mit Marina Casanova aus Köln gerechnet!

Rückblende. Im Frühsommer 2020 gerät die junge Kunsthistorikerin in Italien zufällig in den Strudel jener Geschehnisse. Anders als in Deutschland vermutet, sind internationale Interessen im Spiel. Und selbst die ‚Ndrangheta will ein Wörtchen bei der Sache mitreden. Marina erkennt schnell, dass sie eingreifen muss. Wie ihre Lieblingsromanheldin, Agatha Christies Miss Marple, braucht sie dafür aber keine Waffe. Charme und gesunder Menschenverstand genügen vollkommen. Und gute Freunde.

Rezension:
Neben all den gutgehenden internationalen Bestsellern scheinen die Werke hießiger Autorinnen und Autoren dieses Genres schon von Seiten der Verlage so viel Staub wie lokalen Mief mitzubringen, dass man sich unweigerlich fragt, wer diese Bücher überhaupt liest. Nur manchmal taucht unter ihnen ein kleiner Diamant auf, ein winziges Juwel. Nichts für die Karnevalistin Marina Casanova, die gerade mit ihrem Studium der Kunstgeschichte fertig ist, nach Italien reist, lieber einen Roman von Agatha Christie schmökert. Und sich unverhofft, in einem rasanten Spiel der Kräfte wiederfindet, in einer Zeit, als der Rest der Welt noch stillsteht. Lebendigwerden hat dieses wechselhafte Abenteuer der Schriftsteller Wolfram Christ. Nicht nur dessen Hauptprotagonistin weiß zu überraschen.

Der Krimanlroman „Die merkwürdigen Abenteuer der Marina Casanova aus Köln“ nimmt eine echte Nachricht als Grundlage, die zumindest die Welt der Künste seinerzeit erschütterte, würzt sie mit lokalem Hintergrundrauschen aus einer vollkommen anderen Ecke Deutschlands und verfrachtet das ganze in den Süden Europas. Ein Kriminalfall, der Grenzen sprengt, Feingefühl, Spürsinn und Reaktionsvermögen benötigt, wie geschaffen für die Hauptfigur dieser temporeichen Erzählung. Wolfram Christ zeigt sich dabei als Meister der Verknappung. Die Geschichte kommt nach wenigen Seiten Einführung schnell ins rollen. Die filmisch erzählten Kapitel sind kompakt gehalten. Trotzdem ist genug Raum vorhanden, der Entwicklung der Figuren nachzuspüren und sie lieben zu lernen.

Allen voran die titelgebende Hauptprotagonistin selbst, die mit einer Mischung aus Straßenschleue, viel Witz und Humor ihre Intuition zu nutzen und umzusetzen weiß, folgt man gerne. Schnell entstehen Bilder der Dynamik des Zwischenmenschlichen im Kopf, vor allem im Perspektivwechsel zwischen den Figuren, die allesamt ihre Ecken und Kanten aufweißen, deren Sichtweisen wir nach und nach immer detaillierter nachspüren. Keine ist das wirkliche Böse. Jede Figur hat für sein Handeln nachvollziehbare Gründe. Das Spiel mit den verschiedenen Schattierungen von Grautönen gelingt hier sehr gut, auch wenn eine Schippe weniger dem ganzen auch gut getan hätte. Tatsächlich mag man das eine oder andere Mal zusammenzucken, wenn sich noch eine weitere Ebene der Verflechtungen auftut. Krimineller Sammler, italienische Unterwelt, Korruption, alter und Öladel. Darf es auch etwas weniger sein, möchte man fragen.

Allein, es funktioniert sehr gut und hält das rasante Tempo aufrecht, welches den Handlungsstrang über die gesamte Länge trägt. Und das ist etwas, was man wohl kaum bei diesem dann doch für das Genre heute sperrigen Titel erwartet, der sich mehr an die alten Klassiker der Begründer der Kriminallieratur orientiert. Die Figuren, die Gegensätze sind nachvollziehbar, zudem aus wechselhafter Perspektive erzählt wird. Brüche sind nicht ganz so brachial vorhanden, wie man das zuweilen von Bestellerware kennt, der Autor hat es allerdings auch gekonnt vermieden, Gott sei Dank möchte man meinen, sich in Fallstricke zu verheddern oder unglasubwürdigen Wendungen zu begeben, die dann kaum aufzulösen sind. Es ist sehr wohltuend, dass es das in diesem Genre heute auch noch gibt. Nur das Hintergrundrauschen eines weltumspannenden Virus‘ hätte es nun wirklich, wirklich nicht gebraucht. Auch so das Getue um die Kölner Karnevalisten, ein Element, was man sich zumindest im Sinne der Geschichte erklären kann. Trotzdem, warum tut man so etwas?

Wolfram Christs Text merkt man dessen Fernseh- und Theatererfahrung an. Der Roman wirkt wie ein Kammerspiel, der seine Bühne Italien auszunutzen weiß. Schauplätze und Orte werden sehr plastisch beschrieben, auch die Figuren kann man sich gut vor dem inneren Auge vorstellen. Ein Krimi, der mehr kann als die Folge einer Vorabendserie und es durchaus mit den Klassikern aufnehmen kann, die einem unweigerlich als Vorbild in den Sinn kommen. Fast ohne Blut und ohne Beschreibung von allzu viel Gewalt um der Gewalt willen. Das geht also heute auch.

Für alle, die wieder einen Krimi lesen möchten, der sich mehr in Richtung der klassischen Vorbilder des Genres orientiert, ist diese Erzählung zu empfehlen, in der mehr die Ermittlung und die Beweggründe der handelnden Personen im Vordergrund stehen, als die sonst zu oft praktizierte Effekthascherei, auch wenn manches Element mir zumindest Augenrollen und genervtes Aufstöhnen verursacht hat. Zumindest innerlich. Der Weg zum Ziel ist hier das interssante, wenn gleich die Auflösung nicht von vorneherein feststeht. Der lose Bezug zu den wahren Geschehnissen um die Ereignisse im Grünen Gewölbe wurde hier zudem gelungen eingearbeitet. Wer für solch eine Mischung zu haben ist, dem sei dieses Werk empfohlen.

Autor:
Wolfram Christ ist ein deutscher Autor, Regisseur, Produzent und Verleger, wurde 1963 geboren Gelernt hat er beim Fernsehen der DDR und arbeitete nach der Wende für verschiedene Sender freiberuflich im Bereich Film- und Fernsehproduktion. Seit 2012 wirkt er zunehmend für die Theaterbühne. 2011 bis 2012 baute er die „comediantes“ zu einem Tournee-Theater um, ein Verlag für Hörbücher und Hörspiele folgte, der später um Lyrik und Belletristik erweitert wurde.

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