Rüdiger Frank: Nordkorea – Innenansichten eines totalen Staates

Inhalt:
Nordkorea und seine diktatorischen Machthaber aus der Kim-Familie werden gefürchtet und verlacht. Gefürchtet, weil das Regime mit Atomkrieg droht und die Bevölkerung im letzten staatssozialistischen System der Erde unterjocht. Verlacht, weil auf westliche Betrachte Rückständigkeit und Massenaufmärche vor allem kurios wirken. Aber das wird dem Land kaum gerecht.

Rüdiger Frank, einer der besten Kenner Nordkoreas, der regelmäßig dorthin reist, versucht in diesem Buch eine Annäherung an das abgeschottete Land, aus dem nur wenig verlässliche Nachrichten dringen. Aus seiner reichen Erfahrung heraus erklärt er Geschichte und Selbstverständnis, die Machtstrukturen und die seit einiger Zeit zu beobachtenden Änderungen im Alltag und in den wirtschaftlichen Verhätlnissen.

Und er wagt einen Ausblick auf die Frage einer möglichen Wiedervereinigung mit Südkorea. (Klappentext)

Rezension:
Nordkorea ist als kleines Land die große Unbekannte unter den Staaten Asiens. Über kaum ein Land dringt so wenig nach Außen, über kaum ein Land gibt es so wenige Informationen und wird so einseitig berichtet, wie dieses auf der koreanischen Halbinsel.

Doch, abseits von Halbwissen und Begrifflichkeiten wie der „Achse des Bösen“, wozu die Vereinigten Staaten das Land zählen, „Atomtests“ und „Hungersnöte“, fragt sich der westliche Beobachter, wie es den Land bis heute gelingt, zu existieren, während andere Länder mit ähnlichen Staatssystemen zusammenbrachen oder zumindest wirtschaftlich eine 180-Grad-Wende vollzogen, allen voran Nordkoreas großer Nachbar China.

Wie gelang es dem Regime sich trotz Hungersnöte und technologischen Rückstand zu halten? Wir alle haben die Satellitenbilder im Kopf, die ein dunkles Nordkorea zeigen, umgeben von durch Elektrizität hell erleuchteten Nachbarstaaten. Worauf baut der Staat auf? Welche Ideologien stecken dahinter und sind diese wirklich so starr, wie es scheint?

Oder durchlebt der Nachbar Südkoreas gerade eine Phase des langsamen, aber kontinuierlichen Umbruchs? Wie gestaltet sich die Gesellschaft Nordkoreas ihren Alltag? Gibt es ein Umdenken im Umgang mit den Regime und den Nachbarn?

Weshalb ist die Teilung Koreas und dem zu Folge eine mögliche Wiederveinigung nicht mit der Deutschlands zu vergleichen, auch wenn beide Staaten nach Berlin schauen und die Wiedervereinigung Fernziel für beide ist? Und, wo liegen die Fallstricke?

Rüdiger Frank, der beide koreanische Staaten vom Äußern und insbesondere vom Inneren her kennt, analysiert Korea und zeichnet das Bild eines Staates, welches mehr interessante Fragen bereithält, als dass es Fragen beantwortet.

Zu spannend ist es, zu beobachten, was derzeit in Nordkorea passiert, wenn es sich auch für den Beobachter, der jetzt nur die Beiträge aus den westlichen Medien kennt, selten so zu erkennen gibt. Man muss schon dorthin reisen und Kontakte in beide koreanische Staaten haben, um analysieren zu können und genau dies tut Frank in diesem Buch.

Zunächst beschäftigt sich der Autor mit der Geschichte Koreas, die in die Teilung von Außen heraus führte und folgend mit den ideologischen Überbau, der als erstaunlich wandlungs- und interpretationsfähig beschrieben wird. Sowohl von der staatlichen Seite als auch von der Bevölkerung selbst. Das politische System wird, soweit möglich, aufgegliedert und die wackelige Wirtschaft analysiert.

Der Autor beschreibt den Wandel Nordkoreas anhand von Reformversuchen des Regimes, zeigt, was funktioniert und was trotz Scheitern, etwa der Remormen 2002, trotzdem zurückbleibt und eines Tages helfen könnte, zu einem völligen Wandel beizutragen. Mit oder ohne den derzeitigen Machthabern.

Rüdiger Frank geht noch einen Schritt weiter und schildert die Rolle der Sonderwirtschaftszonen und die Rolle des derzeitigen Machthabers Kim-Jong-Un im staatlichen System Nordkoreas, sowie, wie Propaganda als Sonderweg zwischen Russland bzw. der ehemaligen Sowjetunion, China und den Erfeind USA funktioniert. Er wagt aber auch zugleich einen Blick in die Glaskugel, bezüglich Varianten einer Wiederveinigung beider koreanischen Staaten.

So gegliedert, ergibt sich ein ausgiebiges und detailliertes Standardwerk über die aktuelle Situation Nordkoreas und ein anderes Bild, abseits der üblichen Medien-Berichte, welches man unbedingt verinnerlichen sollte.

Rüdiger Frank zeigt auf, wo das Regime an sich selbst scheitert, aber auch, was funktioniert und welche roten Linien die internationale Staatengemeinschaft überdenken sollte, die sich zu sehr auf’s einseitige Handeln verlegt hat und damit alle Chancen der Annäherung verspielt, wenngleich Nordkorea nicht unschuldig daran ist.

Der Autor gibt einen sehr differenzierten und interessierten Einblick, der auf jeden Fall das Wissen über Nordkorea erweitert und dazu anstößt, sich eben nicht mit zweiminütigen Berichten in der Tagesschau zufrieden zu geben, sondern mehr zu erfahren.

In klarer und verständlicher Sprache zeichnet der Autor dieses Bild, dennoch verlangt das Lesen Konzentration ab, die man halten muss. Es ist kein Werk zum Nebenherlesen, aber so spannend beschrieben, wie Geschichte, Politik und Wirtschaft sonst nicht sein können. Dafür und für eine etwas klarerer Sicht auf ein, uns so unbekanntes, Land, lohnt sich die Lektüre.

Autor:
Rüdiger Frank wurde 1969 in Leipzig geboren und ist ein deutscher Wirtschafts- und Ostasienwissenschaftler. 1991/92 verbrachte er ein einsemestriges Sprachstudium an der Kim-Il-Sung-Universität im nordkoreanischen Pjörnjang, finanziert vom Deutschen Akademischen Austauschdienst und studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin Koreanistik, sowie Volkswirtschaftslehre und Internationale Beziehungen.

Später lehrte er in New York, wurde 2007 zum Professort für „East Asian Economy and Society“ an der Universität Wien ernannt und ist seit 2012 Vorstand des Instituts für Ostasienwissenschaften in Wien. In Seoul ist er als außerplanmäßiger Professor tätig und besucht beide Staaten regelmäßig. Er war Mitglied mehrerer EU-Delegationen und des World Economic Forum.

Rüdiger Frank
Nordkorea – Innenansichten eines totalen Staates
Seiten: 461
ISBN: 978-3-570-55293-3
Verlag: Pantheon

S.E. Miederer: Arme Schlucker – wahre Geschichten aus dem Leib gezogen

Inhalt:
Die Gründe, aus denen Menschen Dinge verschlucken, sind so unterschiedlich wie die Gegenstände selbst. Ob nun der Insassse eines Gefängnisses, der sich ein paar Tage Krankenhaus erschleichen möchte, oder der Gast einer Party, der aus Versehen das Häppchen samt ungenießbarer Deko verschluckt – dank medizinischer Errungenschaften können in den meisten Fällen die Fremdkörper komplikationslos wieder entfernt werden.

Prof. Dr. S. E. Miederer erzählt erschreckende, witzige, skurrile Geschichten aus seinem Alltag als Gastroenterologe – dokumentiert mit zahlreichen abbildungen. Die hier vorgestellte Sammlung ist zum Teil im Deutschen Museum Bonn zu besichtigen. (Klappentext)

Rezension:
Entscheidend ist, was hinten raus kommt. Wenn etwas raus kommt. Im schlechten Falle bleibt es stecken. Dabei können erstaunlich viele Dinge den menschlichen Verdauungstrakt problemlos passieren, auch wenn sie überhaupt nicht zum Verzehr geeignet sind. Manchmal jedoch hilft nur ein kleiner medizinischer Eingriff, um der Lage Herr zu werden.

Prof Dr. Miederer, erfahrener langjähriger Gastroenterologe erzählt, anonymisiert natürlich, die Geschichten seiner Patienten und der Fundstücke, die er seiner Sammlung im Laufe der Jahre einverleibte. Warum verschluckte ein kleiner Junge etwa eine Batterie, was passiert, wenn die Leidenschaft Leiden schafft und wenn mal Ebbe im Portemonaie ist, kann der Blick -ins- eigene Kind nicht schaden? Vielleicht findet sich ja dort noch die eine oder andere Münze.

Da fällt die in meiner Kindheit verschluckte Platik-Pommesgabel nicht mal ins Gewicht. 🙂 Sie fand den natürlichen Weg.

[collapse]

Angehenden Medizinern und all den anderen Interessierten ist dieses kleine Büchlein zu empfehlen, in dem mit viel Humor beschrieben wird, wie die Patienten aus ihrer misslichen Lage befreit wurden, die dann zumeist (nicht immer) im Positiven endete.

Amüsant zu lesen sind die Geschichten und irgendwie ist es auch beruhigend, dass die meisten Gegenstände problemlos entfernt werden können. Nicht zu unterschätzen ist dennoch der Struwwelpeter-Effekt, den die Lektüre zweifellos haben dürfte, bei Kindern und Erwachsenen. Die Sammlung der Gegenstände ist heutzutage in Bonn zu bewundern.

Kurzweilig, lockerer Schreibstil, sehr episodenhaft gliedert sich das Buch. Die Kapitel gliedern sich in die Art des „Verschwindens“ der Gegenstände mit derer erfolgten Auflistung und dann der jeweiligen Situationsbeschreibung.

Medizinisches Fachchinesisch hat der Autor vermieden, wo er jedoch nicht umhinkommt, entsprechendes Vokabular zu verwenden, wird dieses im Text erklärt, sowie der jeweilige Eingriff anschaulich beschrieben. Die jeweiligen Gegenstände sind entsprechend abgebildet. Wer ein wenig schmunzeln möchte, für den ist dieses Büchlein zu empfehlen. Für alle anderen auch. Nur aufpassen sollte man, falls man sich dabei etwas in den Mund steckt. Man könnte es ja verschlucken.

Autor:
Prof Dr. S.E. Miederer wurde 1942 in Berlin geboren, wuchs in bayern auf und studierte an der Universität Erlangen Medizin, wo er promovierte. Er ist Mit-Entdecker des lebenswichtigen Akute-Phase-Eiweißes Haptoglobin und entwickelte 1976 das weltweit erste Desinfektionsgerät für flexible Endoskope. Habilitierte er sich für das Fach Innere Medizin und war bis 1987 Leiter der Gastroenterologischen Abteilung, bevor er Direktor der Medizinischen Klinik des Evangelischen Krankenhauses Bielefeld wurde. Er lebt in Berlin und Bielefeld.

S.E. Miederer
Arme Schlucker – wahre Geschichten aus dem Leib gezogen
Seiten: 95
ISBN: 978-3-86455-841-2
Verlag: edition fischer

LCB 2018 – Das Sommerfest von Kiepenheuer & Witsch und Galiani Berlin

Zwischen Koffern und Karl May

Die Verlagsschauen finden hierzulande eher in Frankfurt/Main oder in Leipzig statt, doch auch die Hauptstadt hat literarisch einiges zu bieten. Einige Schriftsteller leben und wirken hier, ein paar Verlage haben hier ihren Sitz und unterschlagen darf man auch nicht die Geschichte des literarischen Lebens der Stadt, welches sich weit zurückverfolgen lässt.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass es in Berlin auch Refugien gibt, von denen ausgehend Schriftsteller und Übersetzer gefördert werden, die als Talentschmiede und Werkstatt für Autoren dienen, wie etwa das Haus des Literarischen Colloquiums Berlin.

Seit über 50 Jahren eine Adresse für Literatur. Das Haus des Literarischen Collegiums in Berlin.

Seit über 50 Jahren schon, verschreibt man sich dort dem gedruckten Wort und mittlerweile sind die Sommerfeste, die jeweils von ein bis zwei Verlagen pro Jahr ausgerichtet werden dürfen, legendär. Diesmal waren Kiepenheuer & Witsch aus Köln und Galiani Berlin dran, diesen literarischen Höhepunkt am Wannsee zu gestalten.

Doch, wie es eben so ist, schien die Veranstaltung zunächst einmal ins Wasser zu fallen. Da hat man schon einen vermeintlichen Jahrhundertsommer und oft genug Temperaturen jenseits der Schmerzgrenze, ausgerechnet an den Tag erwischt man Regen. Zumindest am Anfang kam ein wenig davon herunter. Im Laufe des Tages klärte der Himmel aber wieder auf.

Der Andrang war riesig, das Programm klein, jedoch sehr ausgewogen. Auch ich hatte mir viele Punkte herausgesucht und los ging’s dann auch nach einer kleinen Eröffnungsansprache der Verlage.

Der erste Programmpunkt, den ich mir herausgesucht hatte, war die Vorstellung des Kriminalromans „Die fehlende Stunde“ von Dinah Marte Golch, die einen eher psychologischen als typischen Ermittler-Krimi geschrieben, und sich beim Schreiben sehr am Drehbuchstil orientiert hat, der sonst ihre Arbeit bestimmt.

Sie ist nämlich eigentlich Drehbuchautorin für Fernsehreihen, wie etwa der „Tatort“. Und so schreibt sie auch, zumindest, was der erste Vorlese-Eindruck erahnen lässt. Dicht, kompakt, die Handlung scheint rasant zu sein und irgendwie packend ist das ganze auch. Das Publikum hing jedenfalls an ihren Lippen. Ist doch ein gutes Zeichen, oder?

Christian Neidhart (Mod.) im Gespräch mit Dinah Marte Golch.

Weiter ging es mit Peter Littger, der über die Vermischung der deutschen und englischen Sprache redete. Und sein neues Buch vorstellte, was nicht eine amüsante Auseinandersetzung mit dieser Problematik in Schriftform werden wird, sondern eine Bilder-Sammlung von Schildern, die in der Öffentlichkeit ob des Denglischen für den einen oder anderen amüsanten Lacher sorgen könnten.

Interessant, dass er zwar einerseits das Kritische daran sah, andererseits aber auch sich für kreative Wortspiele der Vermischung der beiden Sprachen offen zeigte. Schön, dass man das so locker sehen kann. Diese Sichtweise hat mir gefallen. Ob das Buch es aber auf meine Wunschliste zeigt, weiß ich nicht wirklich.

Das kann man eher von einem anderen sagen. Philipp Schwenke berichtet „Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste“, erfunden von ihm selbst, wie der weltbekannte Schriftsteller Karl May sich einst seine Geschichten zusammensponn. Das ist interessant, witzig und voller eingewobener Informationen, die Karl May hinterher ganz anders aussehen lassen, als der das selbst den Leuten einst glauben machen wollte. Philipp Schwenke ist übrigens nicht nur Autor, er kann auch ganz wunderbar darüber erzählen.

Martin Breitfeld (Mod.) im Gespräch mit Philipp Schwenke.

Von Maxim Biller, der war auch da, weiß ich hingegen noch nicht, was ich halten soll. Das langjährige, jetzt ehemalige Mitglied des Literarischen Quartetts (ZDF) stellte seinen Roman „Sechs Koffer“ vor, las ein paar Seiten und sprach dann lieber mit den Moderator der Veranstaltung sehr zum Amüsement des Publikums. Biller selbst gab sich ganz unprätentiös.

Mit diesen Menschen möchtest du aber nicht sprechen, wenn du anderer Meinung bist. Der Autor, der selbst keine Lesungen sonst gibt, und den auch die anschließende Signierstunde schon zu viel war, so mein Eindruck, ist mit Vorsicht zu genießen. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass der Roman meinen Eindruck etwas abmildert.

Maxim Biller, interviewt von Jörg Thadeusz (Mod.).

Tijan Sila hisste indes „Die Fahne der Wünsche“, so zumindest sein neuer Buchtitel. Das Leben junger Menschen in einem fiktiven Staat, der überall auf der Erde sein könnte und welch revolutionäre Kraft ein Flipper-Automat eigentlich hat, besprach er mit so viel Witz und Humor, dass auch das Buch demnächst irgendwann gelesen werden wird. Zumindest habe ich es mir vorsorglich gekauft.

Tijan Sila und Mona Leitner (Mod.).

Kiepenheuer & Witsch und Galiani Berlin begreife ich als Verlage für Bücher, denen man nicht immer unbedingt auf den ersten Blick ansieht, was in ihnen steckt. Das meine ich jetzt im übertragenen und im positiven Sinne. Vor allem aber sind die beiden Verlage sehr politisch. Man positioniert sich, nimmt eine Haltung an.

Das sieht man an den schon genannten Büchern, aber auch schon anderen hier rezensierten, und so war auch Aladin El-Mafaalani zu Gast, der sein Buch „Das Integrationsparadox“ vorstellte und zugleich am Beispiel Kanada zeigte, wie Integration gelingen kann. Ein wichtiges und sicher sehr diskussionswürdiges Buch.

Autor: Aladin El-Mafaalani
Titel: Das Integrationsparadox
Seiten: 240
ISBN: 978-3-462-05164-3
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Der Anfang des Sommerfestes startete kriminalistisch und so ist es nur folgerichtig, dass das Ende (für mich) ebenso war. Es las Burghart Klaußner aus seinem neuesten Berlin-Historienkrimi, der gegen Ende des Zweiten Weltkrieges genau dort spielte, wo sich mit mir viele andere Lese-Begeisterte versammelt hatten. Am Wannsee, u.a.. Mit Recherche und Witz ist auch hier ein Kriminalroman entstanden, der sich gut lesen lässt. So zumindest mein erster Eindruck.

Burghart Klaußner und Jörg Thadeusz (Mod.).

Und mein letzter von diesem Tag. Danach war mein Kopf schlicht und einfach voll, von Eindrücken. Mein Fazit: Das Haus des Literarischen Colloquiums in Berlin ist ein wunderbarer Veranstaltungsort, wenn auch die Räumlichkeiten und die Plätze auf den doch sehr schönen Gelände viel zu klein sind, um bestimmte Menschenmassen aufzunehmen. Umfallen konnte keiner.

Die Verlage Kiepenheuer & Witsch und Galiani Berlin waren tolle Gastgeber. Es hat mich gefreut, meine Ansprechpartnerin vom Verlag wieder zu treffen, die damit offiziell daran schuld ist, dass ich drei Bücher mit nach Hause nehme, die ich ohne diese Veranstaltung nicht so schnell hätte gekauft. Macht nichts. Ich freue mich ja auch auf den neuen Lesestoff und hoffe, ich komme bald dazu, diesen auch zu wirklich zu lesen.

Ausklang mit Seeblick.

Bis dahin,

Euer findo.

Kiepenheuer & Witsch hat mich zu dieser Veranstaltung eingeladen, daher die Kennzeichnung. Ich gebe hier aber lediglich meine eigenen Eindrücke wieder.

Tim Krohn: Julia Sommer sät aus

Inhalt:
Die große (Gefühls-)Welt, gespiegelt in der kleinen Welt eines Mehrfamilienhauses in Zürich. In „Julia Sommer sät aus“, geht es um Neuaufbau und das Arbeiten an Utopien. Tim Krohns Figuren erleben Gefühle aller Coleur, es wird gesät, gejätet, gestutzt und gepflegt: Pflanzen auf Fenstersimsen, Balkonen, im Garten – und Gedanken und Lebensentwürfe in den Köpfen vieler Menschen. (Klappentext)

Einordnung:
Dies ist der dritte Band der Romanserie „Gefühlswelt – Menschliche Regungen“.

Rezension:
Manchmal schreiben Autoren die Geschichten ihrer alten Ego, manche einen Wälzer, der alles und doch nichts erzählt. Tim krohn widerrum macht etwas ganz anderes. Der Schweizer Autor nimmt die menschlichen Gefühlszustände und schmeißt sie in ein Topf und bringt daraus etwas sehr Abwechslungsreiches zu Papier.

So in etwa kann man sich den Entstehungsprozess der Romanserie „Gefühlswelt – Menschliche Regungen“ vorstellen, an denen neben dem Autoren auch seine Leser beteiligt waren. Worum geht es?

Auch im dritten Band verschlägt es den Leser in die Gemeinschaft eines bunt gemischten Züricher Mietshauses. Da gibt es den grantigen Alten, der seiner verstorbenen Frau hinterhertrauert und ansonsten mit seinen Launen die übrigen Bewohner des Hauses traktiert, die Alleinerziehende mit Kind, der frisch geewordene Rentner, das südländische wilde Ehepaar und das ebenso chaotische wie verträumte Studentenpärchen und alle leben sie ihr Leben, und dennoch irgendwie zusammen.

Ganz normale Alltagssituationen wechseln sich ab mit großen und kleinen Katastrophen und wirbeln die Tage der Protagonisten gehörig durcheinander. Das ist anrührend, beruhigend, aufwühlend und manchmal sehr komisch.

Der unaufgeregte Erzählstil des Autoren prägt auch den dritten Band, genau so wie die Ideen und Vorgaben seiner Leser. Diese hatten zuvor, wie auch für die Vorgänger, im Rahmen eines Corwdfundings die Kapitel finanziert, und mit jeweils drei Begriffen gefüttert, die der Autor in den jeweiligen Kapiteln unterbringen musste.

Dabei war vorher nicht klar, welche Gefühle sich die Leser als Thematik wünschen würden und so folgte Krohn den vorgegebenen Pfaden. Und das funktioniert erstaunlich gut.

Kritik kommt da zum Tragen, wo einzelne Figuren schwächeln, wenn man auch das Gefühl hat, dass der Autor die Geschichten der Protagonisten aufzufächern beginnt.

Der Anfang ist gemacht, doch ahnt man die Gefahr, sollten noch mehr Handlungsstränge hinzukommen, sich zu verzetteln und so, wie sich die Geschichte seit Band Eins entwickelt, sieht es eben aus, Man kann sich nur wünschen, dass Krohn eben nicht das passiert, denn die Idee, die Leser an der Entstehung dieses Projekts und an den Figuren so teilhaben zu lassen, ist genial.

Schade, wenn dies in die Brüche gehen würde, aber noch ist es nicht so weit. Tatsächlich freut man sich schon auf weitere Werke im Rahmen dieser Reihe, so man die letzte Seite Züricher Leben umgeschlagen hat. Eine perfekte Sommerlektüre. Und, wer hat’s erfunden? Ein Schweizer.

Autor:
Tim Krohn wurde 1965 in Wiedenbrück geboren und lebt in der Schweiz. In Glarus aufgewachsen, studierte er Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft, arbeitet er heute als freier Schriftsteller und Verfasser von Prosatexten, Dramen und Hörspielen. Er ist Mitglied des Verbands der Autorinnen und Autoren der Schweiz und war von 1998 bis 2001 Präsident der Vorgängerorganisation des Schweizerischen Schriftstellerverbandes.

1993 erhielt er den UNDA-Radiopreis, den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis 1994, 2007 erhielt er den Preis für das beste Schweizer Buch. Weitere Preise folgten. Krohn schrieb die Bühnenvorlage für das Einsiedler Welttheater, 2013. Der Auftaktband seines „Menschliche Regungen“-Projektes stand 2017 in den Schweizer Bestsellerlisten.

Tim Krohn
Julia Sommer sät aus
Seiten: 474
ISBN: 978-3-86971-171-3
Verlag: Galiani Berlin

Nikolaij A. Sokoloff: Der Todesweg des Zaren

Inhalt:
Im Jahr 1917 kam es in Russland zu Demonstrationen, Streiks und Revolten. Nikolaus II. wurde zum Rücktritt gezwungen und stand fortan unter Hausarrest. Der ehemalige Zar und seine Familie wurden in die Verbannung geschickt, während im Land ein grausamer Bürgerkrieg herrschte.

Im Sommer 1918 verbreiteten sich über die Ermordung des Zaren Gerüchte. Nikolaj A. Sokoloff war einer der ersten, die die Ermordung des Zaren und seine Familie systematisch untersuchten und die Ergebnisse veröffentlichte. Mit der Zeit gerieten seine Erkenntnisse in Vergessenheit. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:
Wer kennt sie nicht, die Legenden, die sich um die Familie des letzten Zaren von Russland Nikolaus II. ranken? Angeblich überlebende Zarenkinder, die nach Jahren als Erwachsene aufgetaucht sind und einigermaßen plausible Geschichten erzählten, Gerüchte, wonach bolschewistische Soldaten einer der Zarentöchter halfen, aus der Hölle des Massakers zu entkommen.

Es fehlten ja, als man die Gebeine der Ermordeten fand zunächst zwei Gebeine (die man erst später ein paar Meter weiter fand) und überhaupt, was war eigentlich in der Mordnacht geschehen?

Nikolai A. Sokolofff, russischer Untersuchungsrichter, begab sich bereit 1919, beauftragt damals noch von der gegen die Bolschewiken kämpfende „Weiße Armee“, auf Spurensuche. Herausgekommen ist ein Untersuchungsbericht, der Grauenvolles enthüllt.

Der Bericht selbst wurde 1925, nach dem Tode Sokoloffs veröffentlicht, und geriet dann für längere Zeit in Vergessenheit. Dies ist nun der Nachdruck des Originals, natürlich übersetzt. Immer noch ist es die Hauptquelle für Autoren und Historiker, zu ergründen, was damals geschah, denn Spurensuche ist schwierig.

Das Ipatjew-Haus, die letzte Unterkunft und schließlich Todesfalle der Familie, existiert nicht mehr und auch sonst ist der Tathergang mangels lebender Zeugen nur schwer nachzuvollziehen. Tagebücher, einige wenige Fotos, ein paar Tonbandaufnahmen von Aussagen der Bewacher der Familie sind alles, was übrig geblieben ist, und eben dieses Dokument.

Auffallend ist, wie gewissenhaft Sokoloff selbst in dieser schweren Zeit, wir erinnern uns, 1919 war Bürgerkrieg in Russland, recherchiert hat, Zeugen vernommen und orte besucht hat, die mit den letzten Tagen der Zarenfamilie zusammenhingen.

Während damals jedoch der Bericht von üüberlebenden Verwandten des Zaren angezweifelt wurde, können wir heute noch einen Punkt Sokoloff zurechnen. Seine Präzension, die in jeder Zeile zu spüren ist. Nur die Überreste der Familie fand er nämlich nicht, bei so ziemlich allen anderen Punkten hatte Sokoloff das richtige Gespür.

Da dieser Bericht einer der Hauptgrundlagen um die letzte Zarenfamilie ist, sei es jeden Interessierten empfohlen, dies zu lesen. Man sollte es jedoch nicht ohne Vorkenntnisse tun, wird ansonsten schwierig.

Der Schreibstil ist nüchtern gehalten, es ist halt ein Untersuchungsbericht, jedoch dadurch um so verständlich. Ein Namensverzeichnis wäre gut gewesen, ist aber schon im Original nicht vorhanden, also, folgerichtig, auch nicht im Nachdruck. Trotzdem ein sehr lesenswertes Dokument.

Autor:
Nikolai A. Sokoloff wurde 1882 geboren und lebte bis 1924. Er war ein russischer Richter und Untersuchungsrichter, und sollte im Auftrag der Weißen Armee den Verbleib Nikolaus II. und seiner Familie nach der Oktoberrevolution klären. Während des Bürgerkriegs flüchtete er sich vor den Bolschewiken nach Frankreich,, wo er kurz darauf starb.

Nikolaij A. Sokoloff
Der Todesweg des Zaren
Seiten: 177
ISBN: 978-142300223
Verlag: Meistersprung Literatur

Steve Sem-Sandberg: Die Erwählten

Inhalt:
An einem Januar-Morgen 1941 wird der elfjährige Adrian Ziegler, Sohn einer Wiener Arbeiterfamilie, seinem Zuhause entrissen und in die Klinik Spiegelgrund gebracht. Während der Zweite Weltkrieg tobt, sind Adrian und die anderen Kinder in der Erziehungsanstalt schutzlos der Hölle des Nazi-Systems ausgeliefert.

Einzig der Anblick des Bergs vor dem Fenster weckt in ihnen die Hoffnung auf einen Schutzengel, der sie von diesem finstersten aller Orte zu retten vermag. Die Klinik wird so zum Spiegel des Nazi-Terrors – und das Überleben zur absolzuten Ausnahme. (Klappentext)

Rezension:
Die Reihe guter dokumentarischer und aufarbeitender Romane ist dünn gesät. Viel zu oft werden einzelne Geschehnisse überhöht, gar welche dazu erfunden, als wollen die Autoren die Leser in eine bestimmte Zeitebene einführen, bitte jedoch mit Wohlfühlfaktor, und wenn ein wenig Schrecken und Grusel dabei ist, ist dann die kriminalistische Ader des Zielpublikums auch bedient. Hier aber, ist’s anders.

Steve Sem-Sandberg, dessen größter Teil seiner Werke noch gar nicht aus dem Schwedischen übersetzt wurde, hat mit „Die Erwählten“ in Werk geschaffen, welches ebenso wie „Die Elenden von Lodz“ aufwühlen und den Blick weiten vermag.

Im Kern geht es um den Wiener Jungen Adrian Ziegler, dessen Elternhaus nicht ins Zeitbild der Nazis passen will und der deshalb in die fänge der neuen Machthaber, genauer gesagt, in der Anstalt Spiegelgrund landet.

Dort sammelt das Regime und seine Getreuen all das, was schwer erziehbar oder als abartig, nicht lebensfähig gilt. Wer einmal drin ist, verlässt dieses System dann auch nicht so schnell. Und schon gar nicht lebendig.

Der zweite Handlungsstrang bezieht sich auf die Kinderkrankenschwester Anna Katschenke, die beim hochangesehenen Jekelius, Leiter der Anstalt, eine Stelle sucht und antritt und nach und nach vom Wirken der Ärzte dort erfährt, das Euthanasie-Programm zur Vernichtung lebensunwerten Lebens willfährig mitträgt und unterstützt.

Gleich dazu die erste erzählerische Meisterleistung des Autoren. Die Täter existierten mit den aufgeschriebenen Namen alle wirklich.

Die Namen Gross, Jekelius oder etwa Katschenka lassen sich nachvollziehen, um die überlebenden und toten Opfer zu schützen, werden diese jedoch anonymisiert, wobei auch hier leicht herauszufinden ist, dass es sich bei der Geschichte um den Jungen Adrian um niemand anderen als Friedrich Zawrel handelt, dessen Lebensgeschichte und Leiden hier als Grundlage für die Handlungsstränge dient, die mit zunehmender Seitenzahl immer schneller, immer drängender erzählt werden.

Dabei unterlässt der Autor es, den Leser zu schonen, begibt sich in die gefühlswelt der Täter und wirft seine Leser dann wieder ins kalte Wasser, wenn beschrieben wird, wie Kinder und Jugendliche mit vermeindlicher oder wirklicher Behinderung vorgeführt, misshandelt oder erlöst werden.

Letzteres findet vor allem im Kopf statt, nur Andeutungen gibt es reichlich.

Unterfüttert mit z.B. Vernehmungsprotokollen und einer tragischen Wiederbegegnungsszene, die verbürgt sind, ist dieser Roman kleinteilig, jedoch immer packend. Man möchte die Täter am liebsten jetzt noch nach ihrem Tode einer gerechten Strafe zuführen.

Doch, was ist schon gerecht, in Anbetracht der Behandlung, die diese ihren Opfern haben angedeihen lassen?

Erschreckend, diese Kaltschnäuzigkeit und diese Willkür, die damals das geherrscht haben, ebenso diese Berufung auf Vorgesetzte. „Wir haben doch nur Befehle ausgeführt.“

Man möchte brechen, auch im Angesicht der Tatsache, dass sich nicht wenige Täter in die Gesellschaft wieder eingliedern, ihren Beruf wieder aufnehmen konnten, während all ihren Opfern, sofern sie mit den Leben davon kamen, Gerechtigkeit meist versagt blieb. Eine Ungeheuerlichkeit.

Im perspektivischen Wechsel gestaltet, hat Sem-Sandberg ein Meisterwerk des Gedenkens geschaffen, welches unbedingt gelesen gehört. Viel zu selten erfährt man etwas über das Schicksal der Euthanasie-Kinder, deren bekanntestes Beispiel in Deutschland Ernst Lossa ist, doch müssen, wie hier am Beispiel Friedrich Zawrels unbedingt noch mehr Kinderschicksale aufgearbeitet werden, um in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu geraten.

Zu groß ist die Gefahr des wiederkehrenden Geschehens. Es hat schließlich auch damals nicht mit überdorsierten Tabletten oder Spritzen angefangen, sondern mit geschürten Hass und Ausgrenzung. Dagegen und gegen die Folgen, nicht zuletzt zur Erinnerung, dieser Roman.

Autor:
Steve Sem-Sandberg wurde 1958 in Oslo geboren und ist ein schwedischer Schriftsteller, Kritiker und Übersetzer. Schon im jungen Erwachsenenalter verfasste er erste Romane. Er war Redakteur bei der Tageszeitung Svenska Dagbladet und wurde für seinen Roman „Die Elenden von Lodz“ mit den schwedischen August-Preis ausgezeichnet. Er übersetzt zudem auch andere Autoren ins Schwedische. Er lebt in Stockholm und Wien.

Steve Sem-Sandberg
Die Erwählten
Seiten: 525
ISBN: 978-3-442-48133-0
Verlag: Goldmann

Seb Hofmann: Froschperspektive

Inhalt:
Ein abgeliebter, zerschlissener Plüschfrosch ist der Ich-Ersatz und Sprachrohr des kleinen Ronny, der in zerrüttelten Verhältnissen aufwächst und schon in der Kindheit nicht zurechtkommt.

Das wird mit den Jahren nicht weniger schwierig und so steuert er durch Ängste, Illusionen und Sehnsüchte geradewegs in die Katastrophe. Immer mehr werden Ronny und der Plüschfrosch zu ein und der selben handelnden Person. (eigene Inhaltsangabe).

Seinen ersten Roman „Froschperspektive“ schrieb er 2017 auf seiner Pilgerreise, auf den Jakobsweg. Seit seiner Jugend verfasste er Gedichte und Kurzgeschichten, sowie Songtexte, er interessiert sich zudem für Drehbücher.

Rezension:
Es ist zum Verzweifeln und beinahe unerklärlich, warum gerade „Elendsliteratur“ eine so hohe Faszination bei uns hervorbringt. Weil es uns, mit unseren Alltagsproblemchen, die wir groß reden und in Wahrheit doch sehr klein sind, danach besser geht?

Weil wir die Extreme lieben, in menschliche Abgründe eintauchen möchten, das totale Kontrastprogramm zu unserem Alltag suchen? Warum haben Romane, die vor menschlichen Leid triefen, wie etwa „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara , nur solch einen Erfolg?

Eigentlich weiß man ja, was auf einem zukommt und irgendwie will man sich das alles ja dann doch nicht antun. Man liest dann trotzdem oder gerade deswegen weiter.

In dieser Sparte fällt ganz sicher auch diese kleine Novelle, in der ein kleiner Plüschfrosch zum Kanal für all das wird, was im Leben des kleinen Ronny nicht funktioniert. Die Mutter kaum alltagstauglich gibt ihren Sohn kaum halt, im Kindergarten ist er das, was heute wohl als hyperaktiv und unkontrollierbar eingestuft werden würde und die schulische Laufbahn scheitert schon in den ersten Jahren der Grundschule.

Wo der Protagonist da falsch abgebogen ist, lässt sich schon nach ein paar Seiten nicht mehr sagen, nur dass mit fortschreitenden Jahren der Abgrund immer näher rückt. Einzig das ranzige Plüschtier ist ein Freund, durch den der Bengel, mehr wird auch im weiteren Verlauf der Handlung nicht aus ihm, seine wahren Gefühle ausdrücken kann, der aber auch immer wieder die Gefühlswelt der Mitmenschen mit den Füßen tritt.

Das alles steuert rasant auf eine ungeheure Katastrophe zu, detailliert beschrieben mit der Lust das Elend weiterzuverfolgen. Als würde plötzlich ein drittklassiger Privatsender sein Nachmittagsprogramm zwischen zwei Buchdeckeln packen.

Funktioniert gut, hier jedoch auf höheren sprachlichen Niveau, kompakt beschriebene Situationen, die einem nicht loslassen und zum Nachdenken anregen, gleichwohl Ronny und seinen Mitmenschen nicht zu helfen ist. Man erfährt das alles aus der Ich-Perspektive des Protagonisten, was die Novelle zu einem eindrücklichen Leseerlebnis macht.

Seb Hofmann hat hier eine Geschichte aufgeschrieben, die man entweder hassen oder mögen wird. Dazwischen gibt es einfach nichts. Zu viele Kontraste werden gegeneinander gelegt, zu viel Konfrontation und zu unausweichlich die Perspektive des Frosches.

Die können ja in Sekundenschnelle Fliegen mit den Augen fixieren und mit einer Zungenbewegung verschlingen. Aber eben auch Protagonisten in den Abgrund reißen. Und da sage noch einer, die Hoffnung wäre grün.

Autor:
Seb Hoffmann wurde 1985 in sachsen geboren und studierte Jura, politikwissenschaften und Kommunikation in Jena, Leipzig und Wien. Er absolvierte eine Schauspielausbildung und verfügt zudem über einen US-Pilotenschein.

Seb Hofmann
Froschperspektive
Seiten: 233
ISBN: 978-3-96111-459-7
Self-Publishing/Nova MD

Robert H. Lustig: Brainwashed

Inhalt:
Die Lebensmittelindustrie beeinflusst unser Glücksempfinden und schafft es, die entscheidenden Botenstoffe Dopamion und Serotonin zu manipulieren. Doch, wie entsteht aus Belohnung Abhängigkeit und wie lässt sich die endlose Spirale aus Verlangen und schneller Befriedigung durch Konsum durchbrechen?

Wie gefährlich ist der Überschuss des einen Hormons im Gegensatz zum anderen und wie können wir uns gegen den manipulativen Einfluss der Industrie wehren und den richtigen Weg zum Glück finden? (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:
Zucker kann man heutzutage durchaus als eine legale Droge gelten lassen, die zumindest in der westlichen Welt in vielen Ländern subventioniert wird. Doch, was macht es mit uns, wenn sich der weiße Stoff in nahezu allen Lebensmitteln befindet, selbst dort, wo man es nicht vermutet? Wie abhängig werden wir und was ist das überhaupt für ein Prozess, der in unserem Inneren stattfindet?

Der Arzt und Fachmann Dr. Robert H. Lustig hat sich auf die Suche nach Antworten begeben, geforscht und recherchiert. Wie ist das Gleichgewicht von Dopamin und Serotonin, die beiden Botenstoffe, die für unser Glücksempfinden entscheidend sind, durcheinander geraten? Welche Rolle spielt die Lebensmittelindustrie und wie können wir uns dagegen wehren?

Interessante und wichtige Fragestellung werden gestellt und durchziehen diese Publikation, die mehr als Nebenprodukt zu der wissenschaftlichen Forschung des Autors entstanden ist. Zunächst jedoch wird es sehr wissenschaftlich. Beginnend, erklärt der Autor, wie Serotonin und Dopamin in unserem Körper wirken, was das überhaupt ist und welche Weichen dadurch gestellt werden, die dafür sorgen, wie wir z.B. essen und unser Glücksempfinden (oder das vermeintliche) entwickeln.

Diese sehr spezifischen Ausführungen muss man überstehen, um dann die Gedanken des Arztes weiter zu verfolgen, die dieser sich über die Auswirkungen in unserer Gesellschaft, deren Zustand und Auswege daraus entsinnt. Nicht mehr ganz so viel Nachdenken erfordernd, ist dies der leichtere, viel kürze Teil des Buches, denen die meisten Leser wohl folgen können.

Spannend und vielsagen sind beide Abschnitte, doch muss der Leser zunächst eine sehr lange fachliche Erklärung über mehrere Kapitel über sich ergehen lassen, die viele Interessierte wohl bereits die Waffen niederstrecken lässt. Zwar aufgelockert durch ein paar Skizzen der beschriebenen biologischen und chemischen Prozesse, muss man sie vielleicht mehrmals lesen, um sie zu verstehen.

Der letzte Teil, sehr viel weniger umfangreich, dafür verständlicher, ist um so interessanter, doch gerät der Autor oft gefährlich nahe an den Rand so einiger populistischer Werke, die zudem sehr auf die amerikanische Leserschaft gerichtet sind. zwar werden immer wieder auch Vergleiche mit Deutschland aufgeführt, doch hätte man hier deutlicher werden können, um die Gefahr des Hormonbotenstoff-Ungleichgewichts hervorzuheben. Außerdem hat der letzte Abschnitt auch etwas von gewissen Selbsthilfe-Büchern, die alles tun, nur eben nicht helfen.

So ist und bleibt, obwohl schwierig zu lesen und zu verstehen, der wissenschaftliche Teil der inhaltlich stärkste und der, der den Lesern von größerem Nutzen ist. Dafür lohnt es sich, sich durch die Seiten zu kämpfen, bestimmte Abschnitte wiederholt zu lesen und sich vielleicht die eine oder andere Stelle zu markieren.

Man erfährt aus medizinischer Sicht vielleicht nichts Neues, aber der Laie kann ein wenig mehr Verständnis für die zur Sucht und Übergewicht führenden Vorgänge in unseren Körper und Gehirn entwickeln. Und damit wäre doch schon einmal ein wichtiger Schritt getan, oder?

Autor:
Dr. Robert H. Lustig wurde 1957 geboren und ist ein US-amerikanischer Kinderarzt und Professor für Neuroendokrinologie. In new York aufgewachsen studierte er zunächst an der Cornell University Medizin, bevor er an der Rockefeller University auf den Gebiet der Neuroendokrinologie forschte.

Neben zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen, erwarb er 2013 einen Master auf den Gebiet der Rechtswissenschaften und gründete eine gemeinnützige Organisation zur Bekämpfung des Metapolischen Syndroms. 2009 wurde er einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, als er einen Vortrag über die Rolle von Zucker hielt, für dessen Regulierung er sich einsetzt.

Dr. Robert H. Lustig
Brainwashed
Seiten: 365
ISBN: 978-3-7423-0536-7
Verlag: riva/mvg

Maile Meloy: Bewahren Sie Ruhe

Inhalt:
Eigentlich war die Kreuzfahrt eine großartige Idee: Während Liz und Nora mit ihren Ehemännern entspannen, toben sich die vier Kinder im Kids-Club aus. Doch was bei einem Ausflug an Land passiert, ist der Albtraum so ziemlich jeder Familie.

Wegen eines Moments der Unachtsamkeit der Mütter sind die Kinder plötzlich spurlos verschwunden. Während die Eltern zunächst sich selbst und dann sich gegenseitig beschuldigen, geht es bei den Kindern ums blanke Überleben. (Klappentext)

Rezension:
Eine Kreuzfahrt, die ist lustig. Eine Kreuzfahrt die ist schön. Oder todlangweilig. Und so beschließen zwei amerikanische Pärchen einen Ausflug vom „Animations- und Bespaßungsalltag eines durchorganisierten Kreuzfahrtschiffes zu machen und so macht sich die bunte Truppe zusammen mit einer argentinischen Familie auf, ins Hinterland von Costa Rica. was zunächst als harmlose Tour beginnt, bei der die Männer sich widerwillig von ihren Frauen mitziehen lassen und die Kinder ihren ganz eigenen Spaß haben, endet in einen außerplanmäßigen Stopp und schließlich in totales Chaos.

Die Kinder verschwunden, machen sich die Frauen selbst, dann gegenseitig Vorwürfe und zum Schluss stehen alle Beteiligten vor ihren seelischen Scherbenhaufen. Nicht ahnend, dass die Kinder in noch größerer Gefahr schweben. Alle Beteiligten stoßen nach und nach an ihre psychischen Grenzen.

Wenn man das so erzählt, klingt es nach einem großartigen Roman, den man rein von der Aufmachung und den Klappentext auch erwarten dürfte. Hochwärtig ist die Hardcover-Ausgabe verarbeitet, fast so, als würde sie dazu einladen, sie auch wirklich auf einer Kreuzfahrt zu lesen, was man sich drei Mal überlegen sollte.

Doch, was langsam beginnt und dann immer mher Fahrt aufnimmt, verpufft eben so schnell wie die Dampfwolke aus den Schornsteinen eines altertümlichen Kreuzfahrtdampfers, obwohl die Beschreibung des Schiffes eher auf einen AIDA-gleichen Riesen abzielt. Die Handlungsstränge, deren Spannungsbögen sehr ungleichmäßig verteilt sind, ziehen den Leser immer wieder aber nicht kontinuierlich in ihren Bann und ob der Charaktere wird man am Ende ebenso ratlos zurückbleiben.

Kein Protagonist ist wirklich sympathisch bzw. wenigstens die Kinder kann man liebgewinnen, trotz ihrer beschriebenen Macken, aber ansonsten ist auf vielen Seiten einfach Ebbe. Keine Figur, mit der man sich wirklich identifizieren möchte oder kann.

Meloy schafft es jedoch allerdings, das ist hier ein großer Pluspunkt, die Eigenheit klischeehafter US-Amerikaner auf’s Korn zu nehmen, den Glauben, das Glück für sich gepachtet zu haben und schmerzvoll geografie und Gesellschaftskenntnisse durch Katastrophen zu erlernen. Anders funktioniert es ja bei denen nicht, mag mancher Leser der Autorin stillschweigend zustimmen.

Das ist aber viel zu wenig, für einen Roman, der durchaus hätte spannend werden können, stattdessen an Cliffhangern spart und irgndwo zwischen Roman und Krimi pendelt.

Alles in allem schade, weil man hier eine autorin liest, die sicher gut erzählen und schreiben kann, aber gefühlt ihr Potential nicht ausnutzt. So bleibt es bei einer mittelmäßg erzählten Geschichte, die man lesen kann, aber nicht muss.

Autorin:
Maile Meloy wurde 1972 geboren und ist eine amerikanische Schriftstellerin von Kurzgeschichten und Romanen. Sie studierte in Harvard und an der University of California at Irvine Kreatives Schreiben und arbeitete in der Animationsabteilung von Disney.

2002 erschien ihre erste sammlung von Kurzgeschichten, soöter folgte ihr Romandebüt, welches sofort zu einem Bestseller führte. Für ihre Kurzgeschichten wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

Maile Meloy
Bewahren Sie Ruhe
Seiten: 431
ISBN: 978-3-0369-5776-0
Verlag: Kein & Aber