zeitgeschichte

Willy Brandt: Krieg in Norwegen

Inhalt:
Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kommen, leistet Herbert Frahm sofort Widerstand. Um sich vor der Verfolgung durch die Nazis zu schützen, benennt er sich um in Willy Brandt. 1933 verlässt er Deutschland und geht ins Exil nach Norwegen, um von dort aus den sozialdemokratischen Widerstand gegen Hitler zu organisieren. 1940 wird er Zeuge der Okkupation des Landes durch die Deutsche Wehrmacht. (Klappentext)

Rezension:
Die Besatzung Norwegens durch die Deutschen ist hierzulande ein beinahe vergessenes Stück Militärgeschichte, doch bereits während des Krieges erschien 1942 in der Schweiz ein Bericht darüber, wofür der Verleger von den Nationalsozialisten heftig kritisiert wurde. Geschrieben hat ihn kein anderer als Willy Brandt, der 1933 über Dänemark nach Norwegen fliehen musste, wo er einige Jahre später die Okkupation des Landes erleben musste. Dieser liegt nun, neu aufgelegt, im gleichnamigen Nachfolgeverlag vor und bringt damit auch ein hier beinahe vergessenes Stück Zeitgeschichte wieder ans Tageslicht.

Die Zeitspanne, über die da der spätere Bundeskanzler berichtet, ist nicht gerade groß. Tatsächlich sind es nur wenige Wochen, in denen die Land diesen Teil Nordeuropas angegriffen und sich untertan gemacht haben. Der Konflikt, der nur ein paar Jahre danach sich zum Weltkrieg ausweiten sollte, steht da noch am Anfang. Polen ist bereits überfallen, auch Dänemark schon besetzt. Der Krieg gegen Westeuropa steht noch bevor. Und mittendrin Herbert Frahm, der unter den Decknamen Willy Brandt versucht, von seinem Exil aus den sozialdemokratischen Widerstand zu organisieren, unter anderen Artikel für entsprechend politische Zeitungen schrieb.

Er ist der Beobachter dieser Tage, in denen ein militärisch ungenügend organisiertes Land mit seinen geringen Mitteln mancherorts erstaunlichen Widerstand leistet, an vielen Orten schlicht und ergreifend jedoch schnell gezwungen wird, eben jenen aufzugeben und zu kapitulieren. Er beschreibt dabei beide Seiten, insbesondere die der Norweger im Fokus. In sehr kompakter und nüchterner Form nähert er sich den Ereignissen und hat diese Beschreibungen nach den einzelnen Landesteilen und Regionen gegliedert.

In der neuen Ausgaben ergänzen hinten angestellte Anmerkungen den Text, sowie eine Karte zur Verdeutlichung diesen Bericht, der sehr nüchtern daherkommt, fast analytisch. Nur hin und wieder blitzen die Emotionen durch. Es ist die Arbeit eines Journalisten, die wir da lesen, der verstehen und verdeutlichen möchte, wie die Verteidigung trotz ungünstiger Umstände organisiert wurde, wo dies nicht klappte und welche Fehler dabei die Norweger machten, aber auch, dass die Topografie des Landes oft genug auch nicht den Deutschen in die Hände spielte.

Den Bericht muss man lesen, in dem Wissen, dass dieser nach damaligen Kenntnisstand verfasst und auch veröffentlicht wurde. Fakten, wie den späteren Verlauf des Krieges in Europa etwa, kann er noch nicht berücksichtigen. Auch über das Leben später unter der Besatzung konnte Willy Brandt zu diesem Zeitpunkt nicht berichten. Seinem Exil in Norwegen, musste kurz darauf Schweden folgen. Der Autor hat sich stattdessen auf diese wenigen Tage vom 09. April bis zum 09. Juni 1940 konzentriert und somit ein kleines, aber doch wichtiges Zeitdokument geschaffen.

Neben trockenen Tonalität jedoch, die nicht jedermanns Sache ist, muss man jedoch dieser Ausgabe leider eine mangelnde Überarbeitung ankreiden. Schreibfehler, Vertauschungen, von denen ich mir nicht sicher bin, ob sie im Original des Textes vorkommen und von diesem ungeprüft übernommen wurden oder ob dies bei der Übertragung des Textes geschehen ist. Das fällt das eine oder andere Mal auf. Man stolpert regelrecht drüber. Ist das Willy Brandt anzulasten oder dem Verlag? So oder so schmälert es nicht die Wichtigkeit des Textes über diese Zeit, die sicher heute auch einen guten Teil des Selbstverständnisses Norwegens ausmacht.

„Krieg in Norwegen“ liest sich deshalb interessant, da über diesen Teil des Krieges zuweilen recht wenig berichtet wird. Bis heute. So ist der Bericht für zeitgeschichtlich Interessierte spannend zu lesen, auch für jene, die mal einen beinahe journalistischen Text von Willy Brandt lesen möchten. Den Ton heute populärer Sachbücher darf man jedoch nicht erwarten.

Autor:
Willy Brandt wurde 1913 in Lübeck als Herbert Ernst Karl Frahm geboren und war ein deutscher Politiker, sowie von 1969 bis 1974 der vierte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Mit seiner Außenpolitik richtete er die Ostpolitik des Landes neu aus. Vor seiner Zeit als Kanzler, war er als Regierender Bürgermeister West-Berlins tätig, sowie Außenminister und Vizekanzler unter Kiesinger. Nach seinem Ausscheiden aus der Bundespolitik engagierte er sich für Frieden, Völkerverständigung und Abrüstung. Brandt erhielt 1971 den Friedensnobelpreis und starb 1992.

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Wolfgang Niess: Schicksalsjahr 1925

Inhalt:
Wahlen entscheiden über das Schicksal von demokratien. Das ist heute wieder so bewusst, wie lange nicht. Kommen die Falschen in höchste Ämter, können Demokratien scheitern. Im April 1925 wählen die Deutschen Paul von Hindenburg zu ihrem Reichspräsidenten und legen damit eine Zeitbombe, die 1933 mit zerstörerischer Gewalt explodieren sollte. Wolfgang Niess zeigt, wie es dazu kam, und warum Hindenburg zum Totengräber der ersten deutschen Demokratie wurde. (Klappentext)

Rezension:
Heute haben Techbosse aus Übersee das Heft des Handelns an sich gerissen und spielen das Playbook der Zerstörung demokratischer Gesellschaften. Gemeinsam mit willfährigen Politikern der Neuen Rechten demontieren sie um der Macht und Einfluss willens Pluralismus und Vielfalt. Und jene, die sie vertreten, schauen gebannt der Zerstörung zu, wie die Kaninchen vor der Schlange, die diese Akteure nicht ernstnehmen und erst, wenn es zu spät ist, begreifen, was sie verloren haben. Das kann man derzeit in den USA erleben, in anderer Ausprägung in Teilen von Europa. Dort aber, müsste man es eigentlich besser wissen, denn bereits 1925 spielten rechte Kräfte dieses Playbook schon einmal durch. Und führten damit den Kontinent und schließlich auch die Welt in den Abrgund hinein.

Der Schriftsteller und Historiker Wolfgang Niess nimmt uns mit auf eine Zeitreise ins Jahr 1925, dessen Verlauf Steine ins Rollen brachten, die in der Rückschau schwere Folgen für die erste Demokratie auf deutschen Boden gehabt haben. Als der erste Reichspräsident der Weimarer Republik sahen rechte Kräfte um den Vordenker und Strategen Friedrich von Loebell ihre Chance gekommen, um ihren Kandidaten zu platzieren, der erst einmal in Amt und Würden gebracht, den Staat aus den Angeln heben und nachhaltig verändern sollte. Doch, wie kam es dazu, dass deren Wahl ausgerechnet auf Hindenburg fiel?

Was trieb sie, was trieb ihn an, sich einer Wahl zu stellen, deren Zeiger zu Beginn eher zu Gunsten republikanischer denn revanchistischer Kräfte standen? War Hindenburg wirklich nur Wachs in den Händen von schlechten Beratern? Welche Ziele verfolgte der alte „Held von Tannenberg“, der mehr propagandistische als militärische Fähigkeiten besaß, als man teilweise noch heute glauben möchte?

Diesen Fragen geht der Autor auf die Spur, von der wirtschaftlichen und politischen Ausgangslage her, in der sich das Deutsche Reich in seinen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg befand und erzählt das Spiel der Kräfte von seinen Akteuren her. Loebell und Hindenburg auf der einen Seite, deren Persönlichkeiten sehr strukturiert analysiert werden, auf der anderen Seite, die falsche Entscheidungen fällten und damit in Fallen liefen, deren schmerzhafte Folgen sie acht Jahre später zu spüren bekamen.

Dabei zeigt Wolfgang Niess, dass Hindenburg keineswegs alternativlos gewesen ist, auch mit offenen Karten spielte, die nicht nur ausländische Kräfte durchaus sahen, sondern eine Geselllschaft nur allzu bereit war, mögliche Folgen zu übersehen, politische Kräfte zunächst an ein Arrangement glaubten, welches letztlich nicht eingehalten werden sollte. In kompakten Kapiteln, anhand der Betrachtung der politischen Situation des Jahres 1925, der Wirtschaft, gleichermaßen Opposition und Träger der Demokratie, wird dieses eingebettet im Vor- und Nachher fesselnd dargestellt.

Gut recherchiert zeigt dieses hoch informative Sachbuch, was passiert, wenn man nur einen Moment zu lange die Augen vor der Wahrheit verschließt, und hinterfragt zum Einen das Bild von Hindenburg als Spielball von anderen, sowie das Gedenken an diese Person in heutiger Zeit einerseits, andererseits aber auch indirekt, ob wir nicht heute ähnliche Warnzeichen übersehen und wieder in gestellte Fallen laufen. Genau wie damals. Und so hat Wolfgang Niess hiermit ein wichtiges und sicherlich zu diskutierendes Werk geschaffen.

Interview mit dem Autoren: Hier klicken. (Quelle: Deutschlandfunk)

Autor:
Wolfgang Niess wurde 1952 in Giengen an der Brenz geboren und ist ein deutscher Historiker, Autor und Moderator. Er studierte in Stuttgart und Tübingen Geschichte, Politikwissenschaft, Mathematik und Kommunikationswissenschaften und ist Autor zahlreicher Radio- und Fernsehsendungen, veröffentlichte verschiedene Aufsätze und Buchpublikationen zu Aspekten der zeitgeschichte. Für den SWR und SDR moderierte er Radiosendungen und entwickelte die Veranstaltungsreihe „Autor im Gespräch“ und gehört dem Wissenschaftlichen Beirat des Vereins Weimarer Republik zum Haus der Weimarer Republik an.

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Jörg Baberowski: Die letzte Fahrt des Zaren

Inhalt:
Ende Februar 1917: In den Palästen Petrograds wird getanzt und in den Opern gesungen, während sich auf den Straßen die Proteste ausweiten und die staatliche Ordnung in Bedrängnis gerät. Doch weil der Innenminister glaubt, alles im Griff zu haben, verlässt der Zar mit seinem glamourösen Hofzug die Hauptstadt. Er sollte sie nie wieder betreten, denn jetzt geht alles ganz schnell, bricht eine unerschütterlich wirkende Herrschaft in wenigen Tagen zusammen. In einem alles mitreißenden Strudel geht das Zarenreich unter und mit ihm alle Alternativen, die Russland in eine andere Zukunft geführt hätten.

Die letzte Woche des Zarenreichs so lebensnah, als säße man im Kino. (Klappentext)

Rezension:
Die 300-jährige Dynastie der Romanows scheint auch in Kriegszeiten unerschütterlich mit beiden Beiden in der Gesellschaft des Riesenreichs verankert, in den man auf den Straßen auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Unterschiede zwischen den Ständen merkt. Die einen leben in prächtigen Palästen in und im Umland von Petrograd, besuchen Opernstücke und Theateraufführungen, die anderen schufften in den Fabriken, die sich an der Newa teilweise in direkter Nachbarschaft wie bei einer Perlenkette aneinanderreihen. Die Differenzen zwischen den Lebenswirklichkeiten beider Welten, sie könnte nicht größer sein.

Schon länger brodelt es unter der Oberfläche der einen leise vor sich hin, von der alten Ordnung kaum beachtet oder ernst genommen. Doch innerhalb weniger Tage kehren sich die Verhältnisse um, versinkt Russland in Anarchie und Chaos und die Herren von einst müssen plötzlich um ihr Leben fürchten. Der Historiker Jörg Baberowski zeichnet in seinem hoch informativen und gut recherchierten Sachbuch das Bild eines Strudels, der sich immer schneller dreht und den sich keiner entziehen kann, sobald dieser die Betroffenen erfasst.

Vorangestellt ist Reflexion jener Tage zunächst ein Zitat von Hannah Arendt, über die Zersetzung de Staatsmacht und warum Revolutionen des Zepter von standhaft geglaubten Systemen übernehmen, welches bezeichnend ist für jene Tage, deren Spuren der Autor nachverfolgt. Dabei schafft Baberowski zunächst einen Überblick über die Situation in der glanzvollen Stadt der Zaren, in der das Leben auch in Kriegszeiten unbeirrt weiterzugehen scheint, zeigt aber auch den Kontrast zum übrigen Russland, der Frontgebiete auf, die für die Regierenden im Fokus stehen, dabei die Lebenswirklichkeiten der Menschen nicht ernstnehmend, was ihnen bald auf die Füße fallen wird.

Es ist ein Land voller Gegensätze, welches anhand der dargestellten Personen deutlich wird, derer wir auf Schritt und Tritt folgen, den weltfremden Komponisten einerseits, der einmal am gleichen Tag wie Stalin unbeachtet von der Welt sterben wird, einem Herrscher, der sich nicht für das Regieren oder gar für Entscheidungen eignet und das Volk, welches unter der sich mehr und mehr zuspitzenden Versorgungslage leidet, auf der anderen Seite.

Diese Gemengenlage ist es, die den Kessel innerhalb weniger Tage zum Explodieren bringen und einen Strudel der Gewalt und Willkür oder, dem bald ehemaligen Zaren zufolge „Lüge, Feigheit und Verrat.“, entfesseln wird und dieses hochspannend formulierte Sachbuch die Chronologie dieser Ereignisse. Auf reicher und vielschichtiger Quellenlage gestützt verfolgt Baberowski, wie Fehlentscheidungen der einen, wie Zufälle und Glücksgriffe, je nach Perspektive, zu den Zusammenbruch eines Systems führten, welches die Welt bis dato noch nicht gesehen hatte und der dessen Verbündete in Zweifel stürzen sollte und ein Land in einen Bürgerkrieg, den schon zu Beginn Hunderte zum Opfer fallen sollten.

Eingerahmt zwischen einer Karte Russlands und Petrograds wechseln die Schauplätze der Handlungsorte jener Tage, wie auch das Tableau an Personen, die plötzlich zu Entscheidern werden, aber auch jenen, die nun in einem Scherbenhaufen stehen, den sie selbst verursacht haben. Der Geschichtswissenschaftler verfolgt dabei vielen Spuren, so dass ein spannendes Portrait dieser Zeit entsteht, welches dazu einlädt, selbstständig zu recherchieren, ob der Leben handelnder Personen oder Orten und Gebäuden, ihrer Historie. Dabei wird hier der Mechanismus eines Zerfalls dargestellt, der sowohl die Schwächen eines starren und nicht zur Wandlung fähigen Systems aufzeigt, andererseits Ausnahemzustand, aber auch, dass die Revolution auch dort nicht halt macht, vor jenen, die sie entfesseln.

Geschichte kann so spannend wie ein Krimi sein, ein Teppich voller Handlungsstränge, bei denen eines zum anderen führt. Klar wird, Revolution und Bürgerkrieg waren nicht gesetzt, nicht einmal der Fall der einst mächtigsten und größten Herrscherdynastie der Welt selbst. Das zeigt Jörg Baberowski in aller Deutlichkeit, ohne entscheidende Details auszulassen und dennoch so kompakt wie möglich uns in jene Tage eintauchen zu lassen. Am Ende wird dabei auf einzelne Akteure nochmals eingegangen, hier hätte ich mir jedoch noch ein kleines Personenregister mit biografischen Informationen gewünscht. Das jedoch fällt nicht wirklich weiter ins Gewicht.

Ansonsten ist die Lektüre allen zu empfehlen, die die Atmosphäre dieser Zeit aus verschiedenen Perspektiven heraus aufgreifen möchten. Man wünscht sich mehr Sachbücher jener Art.

Autor:
Jörg Baberowski wurde 1961 in Radolfzell am Bodensee geboren und ist ein deutscher Historiker und Gewaltforscher. Seit 2002 ist er Professort für die Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er studierte zunächst Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft in Göttingen und war wissenschaftlicher Mitarbeiter am seminar für Osteuropäische Geschichte an der Universität Frankfurt/Main. In Tübingen habilitierte er, mehrere Forschungsaufenthalte u. a. in Finnland und Russland schlossen sich an.

Im Jahr 2001 übernahm er den Lehrstuhl für Osteuropäische Geschhichte in Leipzig vertretungsweise, bevor er nach Berlin wechselte, von 2004-2006, sowie 2007-2009 war er Vorsitzender des Fördervereins des Instituts für Geschichtswissenschaften. Er ist Autor mehrerer Bücher und Aufsätze zur russischen und sowjetischen Geschichte, sowie von Kolumnen in verschiedenen Zeitungen.

2012 erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse, in der Kategorie „Sachbuch“.

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Manfred Koch: Rilke – Dichter der Angst

Inhalt:
Rainer Maria Rilke gilt als einer der größten Dichter des 20. Jahrhunderts. Seine Kunst sei „Dinge machen aus Angst“, schreibt er im Juli 1903 seiner ehemaligen Geliebten Lou Andreas-Salome. Manfred Koch zeigt in seiner neuen, Leben und Werk gleichermaßen in den Blick nehmenden Biographie Rilke als hochsensibles Echolot und geschlechtlich fluidesten Dichter der heraufziehenden Moderne. So entsteht die mitreißende Erzählung eines radikalen Lebens, das ganz Kunst sein will und dadurch eine Wahrnehmungssensibilität entfaltet, die erschreckend nah in Berührung kommt mit den Abgründen in ihm selbst und in seiner Zeit. (Klappentext)

Rezension:
Rilke, für den Dichtung alles war, kann man vielleicht als einen der ersten wirklichen Europäer bezeichnen, der er dies zu einer Zeit gewesen ist, als der Nationalismus um sich greifen und den ersten Weltenbrand entfachen sollte, der den Kontinent erschütterte. Bis dahin und in der danch folgenden kurzen Zeit der Stabilisierung hatte der Dichterfürst nicht nur die Schweiz gesehen, auch in Ländern wie Frankreich, Russland oder Spanien und Italien war er auf der Suche nach sich selbst gewesen, nach Inspiration und Unterstützung. Diesen Weg zum einen, zum anderen über Rilkes Texte folgt der Literaturwissenschaftler und Essayist Manfred Koch.

Entstanden ist dabei eine in mehreren Aspekten bezeichnende Biografie.

Lesefreundlich gegliedert sind die einzelnen Lebesstationen überschriebenen Kapiteln in kompakte Abschnitte, in denen wir über das Werk Rainer Maria Rilke kennen, dessen Kindheit prägende und komplizierte Mutter-Sohn-Beziehung bezeichnend sein sollte für die Entstehung und den Zugang des Dichters zu seinen Texten selbst, sowie zu den späteren Beziehungen zu seinen Mitmenschen. In seiner Form handlich, lernt man so einen Großteil des Schaffens Rilkes kennen, was die Biografie zur empfehlenswerten Lektüre macht, kennt man vorher nur ein wenig davon. Zugleich schildert der Autor so viel Zeitgeschehen und gibt hier auch, was sich bei einem solch umtriebigen Menschen anbietet, einen guten Überblick über den Kulturbetrieb Europas jener Jahre.

Manfred Koch beschönigt jedoch nichts, sondern zeigt auch auf, wie problematisch die Beziehungen Rilkes vor allem zu den von ihnen umschwärmenden und umschwärmten Frauen gerade für diese selbst werden konnten, aber auch, den psychischen Leidensdruck auf, der Rilke zu meisterhaften Texten befähigte, jedoch Zeit seines Lebens ihn selbst und seine Umgebung auch schadete, und dies nicht zu knapp. Es ergibt sich dabei in vielen Fascetten absolut kein symphatisches Bild, welches man wohl in anderen Biografien suchen muss, doch eine umfassende Analyse eines Schaffens, welches Grenzen vieler Art zu durchbrechen vermochte.

Den Weg zu gehen, einmal umgedreht vom Werk zu den einzelnen Lebensstationen, ist eine mal andere Variante, ein Leben zu betrachten und darf als gelungen bezeichnet werden, zudem hier wirklich auf viele Texte eingegangen wird, die Rilke im Laufe der Jahre geschaffen hat. Auch die Kompliziertheit und fast krankhafte Unerbittlichkeit des Dichters gegenüber sich selbst und seiner Arbeit herauszustellen, dies in einer kompakten und doch hinreichend detaillierten Form zu packen, hat Manfred Koch geschafft, dessen Fachkenntnis und Anerkennung für Rilkes Werk in jeder Zeile zu spüren ist, denen eine jahrelange Recherchearbeit vorausging.

Eine umfangreiche Quellenlage, sowie ein ausgewählter Bildteil ergänzen die Lektüre. Nur die ist zu bewerten. Würden wir dies nach Umschlagen der letzten Seite auf Rilke als Person ausweiten wollen, müssten für ihn selbst so einige Abzüge gemacht werden.

Autor:
Manfred Koch wurde 1955 in Stuttgart geboren und ist ein deutscher Literaturwissenschaftler und Essayist. Er studierte zunächst in Tübingen Philosophie, Germanistik und Geschichte, bevor er ebenda promovierte. Von 1988 an arbeitete er als Lektor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Thessaloniki, derer sich eine wissenschaftliche Assistenzstelle in Gießen anschloss. Von 2001 bis 2003 hatte er eine Vertretungsprofessor in Tübingen inne, von 2004 an war er Mitorganisator der Poetik-Dzentur. Von 2009 bis 2021 lehrte er in Basel als Privatdozent und unterrichtete anschließend in Vermond. Er schrieb Beiträge für die Neue Zürcher Zeitung, publizierte und verfasste Radio-Essays für den SWR2.

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Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem

Inhalt:
Der Prozess gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der in der internationalen Öffentlichkeit als einer der Hauptverantwortlichen für die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ in Europa galt, fand 1961 in Jerusalem statt. Unter den zahlreichen Beobachtern war auch Hannah Arendt.

Ihr 1964 auf Deutsch veröffentlichtes Buch Eichmann in Jerusalem brachte, wie die im Jahr zuvor publizierten fünf Artikel im New Yorker, Lawinen ins Rollen: Arendts „Bericht von der Banalität des Bösen“ löst seit seinem Erscheinen bis heute weltweit Kontroversen aus – und wurde zu einem Klassiker wie kaum ein Werk zur Zeitgeschichte und ihrer Deutung. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:
Noch als das Blatt des Krieges sich längst gewendet hatte, rollten die Deportationszüge. Organisiert von SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann. Seine Aufgabe will er zu Ende führen. Vom Schreibtisch aus organisiert er die Fahrten in den Tod. Fünfzehn Jahre später entdeckt und entführt der Geheimdienst Mossad den Organisator des Holocausts nach Israel. Dort wird ihn 1961 der Prozess gemacht. Für die Zeitschrift New Yorker beobachtet die politische Theoretikerin Hannah Arendt den Prozess, liest den Polizeibericht. Die darauf aufbauende Artikelserie und das darauf folgende Buch werden vom Erscheinen an, kontrovers diskutiert.

Der Bericht selbst ist zunächst vor allem eines, eine Reportage über einen Prozess, der versuchte, die Taten eines Mannes im Gesamtgeschehen des Holocausts einzuordnen. Kein reines Sachbuch, frei von Meinung, verfolgt die Autorin hier die Verhandlung, die sich über mehrere Wochen hinzieht und zeigt auf, was das Gericht zu Tage gefördert hat und wo es an Grenzen stößt, wo auch die Rolle Eichmanns, im Gefüge des NS-Regimes eingeordnet werden muss. Verwaltungstechnisch und geografisch.

Daß in dieser Mordmaschine jeder auf diese oder jene Weise an einen Platz gezwungen ist, auch wenn er nicht direkt in den Vernichtungslagern tätig ist, macht das Grauen aus.

Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem

Hannah Arendt zeigt, wie der Verwaltungsmassenmörder, wie eine riesige und komplexe Bürokratie den Holocaust am Laufen hielt. Und stößt mit ihren Formulierungen und ihrer Tonalität bereits bei der Veröffentlichung so manchen vor den Kopf.

Es ist wichtig zu wissen, was an welchen Orten seinen Platz hat und was wohin gehört. In einem Strafverfahren gegen einen Nazi-Verbrecher steht nicht die Geschichte vor Gericht, weder […] des Antisemitismus noch die Geschichte der deutschen Vernichtungspolitik. Auf der Anklagebank sitzt immer noch ein einzelner, ein Mensch aus Fleisch und Blut, und nur das, was eine nachvollziehbare und benennbare Verbindung mit der Frage seiner Schuld oder Unschuld hat, ist im Gerichtssaal von Relevanz.

Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem

Nach kurzer Einleitung beschreibt sie das Werden und die Zusammensetzung des Gerichtshofs, und verfolgt sogleich die Biografie von Adolf Eichmann, über die sich auch die Verhandlungen ihren Weg bannen und versuchen, ein Bild des NS-Bürokraten zu bekommen. Hannah Arendt schildert Eichmanns erste Aufgaben als Judenreferent, zunächst für Wien und schließlich als Protokollführer der Wannseekonferenz, schildert, wie die Psyche eines sich selbst überschätzenden Theoretikers seine Karriere beeinflusste, sowie später das Prozessgeschehen.

Die einzelnen Phasen des Holocausts werden anschließend geschildert, bevor die unterschiedliche Machtfülle Eichmanns in den von den Nazis besetzten Ländern beleuchtet wird. Arendt folgt auch hier den Verhandlungen, zeigt im Anschluss wie auch die Rolle und Aufgaben eines Gerichts eingeordnet werden können, bevor nach Abschluss der Politwissenschaftler Helmut König die Debatte um Arendt selbst analysiert.

Damit geht der generelle Befund einher, dass das gesamte NS-System nicht als klassische Befehlshierarchie beschrieben werden kann, in der die nachgeordneten Instanzen immer nur das ausführen, was die übergeordneten befehlen, sondern eher als ein Durcheinander, in dem sich viele Ressorts und Institutionen darin übertrumpfen wollen, den Führerwillen […] in die Wirklichkeit umzusetzen.

Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem

Hierbei setzt dieser vor allem Augenmerk auf die Wortwahl Hannah Arendts. Gerade Zeitgenossen waren von der „Banalität des Bösen“ als Formulierung so wenig überzeugt wie aufgebracht über die zur Sprache gebrachte Rolle der Judenräte, die dem NS-Regime als billige Helfer ausgeliefert ihre ihnen durch die Diktatur zugedachte Rolle versahen.

Mit grausamer Effektivität. Das Nachwort istfür sich alleine schon interessant und diskutabel genug zu lesen, der Bericht Arendts noch viel mehr. Minutiös zeichnet die Beobachterin feinsinnig die Brutalität einer emotionslosen Haltung nach, die um so erschreckender wirkt, je mehr man sich das Wirken Eichmanns vor Augen führt. Sie zeigt, wie eine ganze Gesellschaft von solchen Bürokraten zum Tode von Millionen von Menschen führte, ohne dabei selbst unbedingt zum Mörder geworden zu sein.

Treffsicher zeigt sich Arendt auch in der Analyse des Gerichts, dessen Bild von seiner Aufgabe, aber auch der polittheoretischen Grenzen, in denen es agierte. So trocken wie spannend, oft mit einem beinahe ironischen, manchmal regelrecht flapsigen Ton, zeigt die Beobachterin, die sich selbst nicht zuordnen lässt, auch ein von ihren Kritikern benannter Punkt, wie Adolf Eichmann seine Rolle ausfüllte.

Man liest das einigermaßen fassungslos, spürt die Kühle dieses Mannes, welche schaudern lässt, dieses Opportunisten par excellence, neigt der Formulierung Hannah Arendts von einem „Hans Wurst“ zuzustimmen, um im nächsten Moment die kalte Berechnung des Verwaltungsmassenmörders dahinter zu erkennen. Dies beides überein zu bringen, zu verdeutlichen, ist der Autorin gelungen. Schon damals, heute wieder ist „Eichmann in Jerusalem“ ein wichtiger Zeitzeugenbericht. Vor allem aber eine Warnung.

Autorin:
Hannah Arendt ist eine politische Theoretikerin und Publizistin. 1906 in Hannover geboren, studierte sie Philosophie und promovierte, bevor sie 1933 nach Paris emigirierte, anschließend nach New York. Von 1946 biw 1948 arbeitete sie als Lektorin und als freie Autorin, sie war Gastprofessorin in Princeton und Chicago, bevor sie ab 1967 in New York lehrte. Für die Zeitschrift New Yorker beobachtete sie den Eichmann-Prozess in Jerusalem, 1961.

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Mariam Kühsel-Hussaini: Tucholsky

Inhalt:

Als Rathenau von Attentätern erschossen wird, verliert die Weimarer Republik einen seiner Feinsten. Kurt Tucholsky, die schwungvollste Stimme der Wochenzeitung Weltbühne, will ergründen, wie es jetzt mit Deutschland weitergehen wird. Ein wenig später befindet sich das Land im Ausnahmezustand.

Bis zuletzt kollidiert man mit dem ganzen Sturm der Zeit. Die Presse der NSDAP liefert sich mit der Weltbühne publizistisch eskalierende Mensuren, welche die Menschen im ganzen Land unaufhaltbar aufladen, bis am Ende dieses seine Krisen und seine Menschen mit Notverordnungen regiert. Tucholsky geht. Er geht für immer … (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:

Fünf Schuss sind es, die den Wendepunkt bedeuten und die Geschwindigkeit eines nicht mehr aufzuhaltenden Falls noch erhöhen. Die Abwärtsspirale, sie dreht sich immer schneller. Nur wenige Politiker hätten sie vielleicht aufzuhalten vermocht. Rathenau, einer von ihnen? Der Journalist Kurt Tucholsky schreibt mit spitzer Feder und treffenden Worten gegen die Zustände im Land, die alles mit sich reißen werden. Und auch ein ehemaliger Kaiser in seinem Exil denkt nach über eine Zeit, aus der er herausgefallen scheint. Die Schriftstellerin Mariam Kühsel-Hussaini hat drei Biografien und Momente zu dem Portrait einer stürzenden Republik verwoben.

In einer Mischung aus historischen und gesellschaftskritischen Roman, der ins Heute hineingreift, führen uns wirkmächtige Figuren durch die Weimarer Jahre. Die Unsicherheiten, direkt nach dem verlorenen Krieg wechseln einer nervösen Stabilität ohne Selbstbewusstsein, hinein in die Zwanziger, die später einmal als die Goldenen bezeichnet werden.

Tucholsky, hier Hauptfigur beobachtet und ist Teil dieser Welt, zugleich ihr größter Kritiker. So treffsicher seine Worte, so groß die Differenz zu seinem eigenen Leben. Ein Kontrast, den die Autorin ebenso zielgerichtet auszuarbeiten verstand. Der Blick dieses Protagonisten ist es, der hier die Gegensätze aufzeigt. Nahtlos die Übergänge zu anderen Sichtweisen. Da ist der ehemalige Kaiser, im niederländischen Exil, von Reportern belagernd. Hier ist Rathenau, der die neue Zeit verkörpert, aber ihre Menschen nicht erreichen tut.

Ein Roman ist das, der von einer flirrenden Zeit erzählt, dies mit wenigen Worten vermag, denen man sich nicht recht entziehen kann. Schnell ist man inmitten der Handlung, die die Figuren vor sich hertreibt, die pointiert mit Ecken und Kanten ausgearbeitet sind. Das liegt da auch am Text, der sich zuweilen wie ein Strudel anfühlt, den man nicht entkommen kann. Damit ist aber auch die Schwäche der Erzählung gefunden. Klare Übergänge oder Bruchlinien fehlen oft genug.

Ohne Abgrenzung ist man da mitunter zuerst in der Erzählperspektive Tucholskys gefangen, um im nächsten Satz einen aus der Sicht Rathenaus zu lesen. Manchmal hätte ein Absatz mehr oder eine andere Kapitelunterteilung Not getan, um gewisse Verwirrstellen zu vermeiden.

Der erzählende Zeitraum umfasst die Jahre der Weimarer Republik, in der die Gegensätze mit zunehmender Geschwindigkeit aufeinanderprallen. Gegensätze hat die Autorin sowohl mit den Handlungsorten, die man sich gut vor Augen führen kann, geschaffen, ebenso mit den Figuren, die wie ihre realen Vorbilder, Spiegelbilder ihrer Zeit sind. Getriebene und Treibende. Mit dem Wissen von heute, können wir die Seiten klar zuordnen. Die Figuren jedoch staunen, versuchen sich einzuordnen, versuchen zu verstehen. Dem Hauptprotagonisten gelingt das über lange Strecke, bis schließlich alles aus den Fugen geraten ist.

Das macht nahbar und kann zugleich als Warnung auf unsere Gegenwart verstanden werden, so plastisch vor Augen geführt. Kräfte, die in einer sich immer mehr polarisierenden Welt, sich zunächst misstrauisch, dann feindlich gegenüberstehen. Hier konzentriert auf politische Ansichten und konfrontativen Journalismus, was es sehr greifbar werden lässt.

„Die Menschen nehmen alles hin“, strich es Tucholsky über die Brust, „sie nehmen alles hin.“

Mariam Kühsel-Hussaini: Tucholsky

Allwissend sind hier nur die Lesenden. Dem Hauptprotagonisten beschleicht zumindest eine Ahnung, die er gen Ende umzusetzen weiß. Überraschende Wendungen gibt es solche nicht. Das dargestellte Zeitkolorit, welches ein gewisses Gefühl für die Menschen damals heraufbeschwört, ist es, was diesen Roman lesenswert macht. Figuren, Orte, man kann sich das alles gut vorstellen. Wer Miniserien, wie Babylon Berlin mag, ohne die Krimikomponente, die gesellschaftliche Zustandsbeschreibung ist hier Krimi genug, wird mit der Lektüre gut bedient sein, ebenso, wer jetzt keine klischeehafte Historienschmonzette zur Hand nehmen möchte.

Die Erzählung lädt zudem dazu ein, sich mit den Biografien der wirklichen Figuren zu beschäftigen, ohne den Text danach in die hintersten Winkel des Bücherreagals verbannen zu müssen. Der Gutteil passt. Am Ende fehlen ein paar Absätze und klare Konturen für die B-Note. Ob die zu vernachlässigen sind, muss ein jeder für sich entscheiden.

Autorin:

Mariam Kühsel-Hussaini wurde 1987 in Kabul geboren und ist eine deutsch-afghanische Schriftstellerin. Seit 1990 lebt sie in Deutschland und veröffentlichte 2010 ihren ersten Roman, dem weitere folgten. 2013 bekam sie ein Stipendium aus dem Else-Heiliger-Fonds der Konrad Adenauer Stiftung. Sie lebt in Berlin.

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Zora del Buono: Seinetwegen

Inhalt:

Zora del Buono war acht Monate alt, als ihr Vater 1963 bei einem Autounfall starb. Der tote Vater war die große Leerstelle der Familie. Wie kann jemand, der fehlt, ein Leben dennoch prägen? Die Tochter macht sich auf die Suche und fragt, was der Unfall bedeutet hat: für die, die mit einem Verlust weiterleben, für den, der mit einer Schuld weiterlebt. Seinetwegen erzählt Zeitgeschichte als Familiengeschichte – detailgenau, raffiniert komponiert, so präzise wie poetisch. (Klappentext)

Rezension:

Wir wirken Lücken auf uns, die praktisch immer schon existieren, wenn Verlust Dauerzustand ist und was macht dieser mit jenen, die ihn verursacht, aber ansonsten kaum Berührungspunkte haben? Vor allem nicht mit den Betroffenen, die darunter dann Zeit ihres Lebens leiden müssen. Die Schweizer Journalistin und Autorin Zora del Buono geht diesen und damit zusammenhängenden Fragen in ihrer biografischen Reportage „Seinetwegen“ nach und entdeckt anhand eines Teils der Familiengeschichte auch ein Stück ihrer Selbst.

Der Erzählton des vorliegenden Textes ist ruhig und doch spürt man das Drängen, mit dem die Schriftstellerin den letzten Stunden ihres Vaters nachgeht, welchem sie im Alter von acht Monaten bei einem Autounfall verlor. Die Mutter im Heim, längst in die Demenz abgeglitten, Zeit ihres Lebens hatte sie nicht darüber gesprochen, vom Verursacher des Unfalls existiert zunächst nur ein Name und ein kleiner Zeitungsartikel über den nachfolgenden Prozess.

Wenig für diejenige, die begreifen und ergründen möchte, doch del Buono spürt der Geschichte des Moments nac, der das Leben der Familie für immer verändern sollte. Ihr Bild des Unfallfahrers verschiebt sich dabei ebenso, wie jenes von der Schweizer Gesellschaft, von den 1960er Jahren bis heute.

So unaufgeregt das kompakte Werk daherkommt, so aufgewühlt ist im Inneren der Autorin zugegangen, die mit ihrer Recherche eine große Lücke in ihrem Leben zu füllen. Die rastlose Suche, die zwischen den Zeilen daherkommt und immer wieder an Glasdecken stößt, ergibt nur langsam ein vielschichtiges Bild, zunächst vor allem von einer Gesellschaft im wandel. Erst später wird sie beiden Personen nahekommen. Dem Verursacher, dessen Leben vom Wandel der Gesellschaft erzählt und ihrem Vater, der einst als Fremder in die Schweiz kam und sich dort ein neues Leben zu aufbauen versuchte.

Die Zeitstrahlen einerseits der vergangenen Jahrzehnte, andererseits der wochenlangen Suche laufen schließlich zusammen, doch sind es die Figuren selbst, die diese biografische Reportage zu etwas Besonderen machen. Dabei beschränkt sich die Autorin, die damit auch zum Gegenstand ihres Schreibens wird, auf wenige Personen. Nach und nach kann man sogar dem Unfallverursacher nachspüren. Jede Geschichte hat zwei oder mehr Seiten. So verarbeitet Zora del Buono das, was ihre Mutter nie so wirklich konnte. Braucht es also, zu der Erkenntnis könnte man gelangen, manchmal nur eine Generation Abstand?

Kurze prägnante Sätze wechseln sich mit ausschweifenden Gedankengängen ab, kulminierend in den Treffen der Freunde der Autorin, die im Verlust zu geliebten Menschen vereint sind. Rückblenden in die Kindheit durchbrechen den Text, der auch dadurch nahbar wird. Schauplätze werden zu Bildern. Del Buono lässt sie vor dem inneren Auge entstehen.

Es ist der Versuch der Verarbeitung etwas Unbegreiflichen. Ob dieser gelungen ist, kann nur die Autorin selbst entscheiden, er macht jedenfalls ordentlich Eindruck. Natürlich stellt sich die Frage, was dabei gewonnen ist, einem Menschen auf dieser sehr persönlichen Suche zu begleiten? Vielleicht können jene die Frage beantworten, welche selbst solch einen Verlust erlitten haben.

Für alle anderen bleibt die Erzählung des gesellschaftlichen Wandels. Dafür aber braucht es jetzt nicht unbedingt diesen Rahmen. Dieser kleine biografische Bericht lässt einem dennoch für einen Moment innehalten und nachdenklich zurück. Letztlich muss wohl jeder für sich entscheiden, ob dies genügt.

Autorin:

Zora del Buono wurde 1962 in Zürich geboren und ist eine Schweizer Architektin, Journalistin und Autorin. Zunächst studierte sie Architektur in Zürich und Berlin, wo sie bis 1995 als Architektin tätig war. Danach absolvierte sie ein Studium für Szenografie. 1996 war sie Mitgründerin der Zeitrschrift Mare, welche sie von 2001 bis 2008 als stellvertretende Chefredakteurin begleitete.

2008 erschien ihr Debütroman, dem weitere Werke folgten. Del Buono ist Mitglied des Schweizer PEN, erhielt 2024 den Schweizer Buchpreis und 2012 den ITB Buch Award.

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Peter Arndt: Die Wetterseite der Bäume

Inhalt:

Kolja ist elf Jahre alt und wächst in der Vielvölkerwelt eines abgelegenen Landstrichs in der Ukraine auf. Als der Krieg ausbricht, geht es für ihn und seine Familie in einen überfüllten Umsiedler-Waggon in ein neues Leben, im Reichsgau Wartheland/Polen, was die Versprechungen der NS-Propaganda einzulösen scheint.

Wie ein Schlafwandler taumelt Kolja durch Jugendorganisation des NS-Regimes bis er sich als Kindersoldat in Berlin wiederfindet, währenddessen seine Familie im eisigen Winter 1945 versucht, vor der anrückenden Sowjetarmee zu fliehen. Gewissheiten brechen. Für alle zählt nur: am Leben bleiben. (gekürzter Klappentext)

Rezension:

Nicht zuletzt aufgrund der derzeitigen Geschehnisse in Europa erfährt der biografische Roman „Die Wetterseite der Bäume“ von Peter Arndt eine besondere Brisanz. Der Autor, der seiner Familiengeschichte, vor allem die seines Vaters, gekonnt erzählerisch nachspürt, hat damit ein eindrückliches Stück Erinnerungsliteratur innerhalb der Bücher gegen das Vergessen geschaffen, welche heute wichtiger denn je ist, zudem in einer sich immer mehr polarisierenden Welt.

Worum geht es? Wir folgen den Spuren Koljas und seiner Familie, die in einem kleinen Ort Wolhyniens zu Hause ist und dort innerhalb einer Vielvölker- und Sprachgemeinschaft eine kleine Mühle betreibt. Man hat nicht viel, aber mehr als man zum Leben braucht, kommt mit den Nachbarn gut aus, auch wenn sich im Miteinander die Zeichen des Krieges 1940 mehr und mehr bemerkbar machen. Da kommen die Umsiedlungspläne der Nationalsozialisten, die Polen zusammen mit der Sowjetunion besetzt und unter sich aufgeteilt haben, gerade recht. Eine Chance, die Koljas Vater nutzt. Nicht ahnend, welche Odyssee ihnen alle noch bevorstehen wird.

Auf Grundlage von Interviews, welches der Autor mit seinem Vater noch bis vor dessem Tod führen konnte, einigen Reisen und Archivmaterial entstand der beeindruckende Roman, der sehr kompakt gehalten mit hohem Erzähltempo die Wege verfolgt, die die Familie auf sich nehmen musste, zunächst um ein neues Leben zu beginnen, anschließend selbiges zu retten.

Dabei verfolgen wir zwei perspektivisch unterschiedliche Erzählstränge. Den Weg von Koljas Familie, zuletzt inmitten der großen Flüchtlingstrecks gen Westen, unter anderen Vorzeichen, denen heutiger Flüchtlinge psychologisch gar nicht mal so unähnlich, zum anderen Kolja, der vom nationalsozialistischen System nach und nach vereinnahmt wird und schließlich als Kindersoldat ums Überleben kämpfen muss.

Einige Jahre, zusammen mit Rückblenden, umfasst die Erzählspanne und wechselt, ohne dass man dabei den Überblick verlieren würde. Dies verleiht der Geschichte eine eindrückliche Dynamik, derer man sich nicht entziehen kann, zudem hilft auch eine stilisierte Landkarte am Anfang des Romans, die Übersicht zu behalten. Kurzweilig ohne Längen und, was noch viel wichtiger ist, ohne Verklärungen, weiß Peter Arndt von Hoffnung und Enttäuschung, Bangen und Grauen, aber auch den Momenten zu erzählen, die vielleicht mehr als einem Schutzengel zuzuschreiben sind.

In klarer Sprache wird eine Zeit wieder lebendig, die in abgewandelter Form auch heute noch für zu viele Menschen bittere Realität ist, zudem wieder Landstriche der Ukraine, zudem auch dieser heute gehört, umkämpft sind.

Hauptfigur dieses biografischen Romans ist Kolja, zu Beginn der Erzählung elf Jahre alt, weshalb „Die Wetterseite der Bäume“ sowohl als Jugendbuch funktionieren kann als auch, mit der Geschichte an sich als biografischer Roman, den man unabhängig davon lesen kann.

Der Protagonist ist dabei nicht unfehlbar, zeigt sich doch an ihm, wie leicht und systemisch die Vereinnahmung Jugendlicher damals vonstatten ging, auch dies hat sich unter umgekehrten Vorzeichen bis heute nicht geändert. Mit ihm und seiner Familie fühlt man jedoch gerne mit, kommt nicht umher die beschriebenen Personen um ihren Mut und Überlebenswillen zu bewundern.

Peter Arndts erzählerische Stärke liegt dabei nicht nur darin, den Figuren ihre Ecken und Kanten anzugedeihen. Auch Orts- und Situationsbeschreibungen verfehlen ihre Wirkung nicht. Fast ist es so, als stünde man neben den Jungen, der bald seinen geliebten Hund zurücklassen muss oder im Flüchtlingstreck mit knurrendem Magen, in klirrender Kälte. Immer wieder werden Atempausen zwischen den Extremen beschrieben, nur um dann im nächsten Moment ad absurdum geführt zu werden. Nichts ist normal in dieser Zeit.

Ohne die Aufnahmen zu kennen, Grundlage der Erzählungen sind Interviews, die der Autor mit seinem Vater geführt hat, könnte der Roman so in dieser Form auch als Hörbuch funktionieren. Die Tonalität ist vorhanden. Auch die Art des Erzählens macht es leicht, sich in die Protagonisten hinein zu versetzen. Auch dies macht „Die Wetterseite der Bäume“ zu einem wichtigen Buch im Rahmen derer gegen das Vergessenn. Was anders in Gefahr laufen würde, nur trocken daher zu kommen, wird hier in Romanform lebendig greifbar.

Von der Ausgestaltung der Protagonisten, sowie dem engen Entlanghangeln anhand der Familienbiografie ohne ins zu Trockene zu geraten, ist dieser biografische Roman sehr empfehlenswert.

Autor:

Peter Arndt wurde 1957 in Wiesentheid geboren und ist ein deutscher Soziologe, Organisationsprogrammierer und IT-Berater. Der Erlebnisfundus seiner väterlichen Vorfahren ist sein Lebensthema. 2024 veröffentlichte er seinen Roman „Die Wetterseite der Bäume“, die fiktionalisiert angelehnt die Geschichte seines Vaters verfolgt.

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Johannes Balve: Kirschblüte in Fukushima

Inhalt:

Fremdwerden im fremden und im eigenen Land. Als es zu einem Atomunfall im japanischen Fukushima kommt, beginnen all jene Geschichten mitreißende, beängstigende und tragische Momente anzunehmen. Einige Protagonisten bringen sich in Gefahr, andere versuchen dem Unheil zu entfliehen, ringen um die Suche nach sich selbst und neuer Lebensentwürfe. Ihre Wege kreuzen einander, in einer Zeit, in der Glaube an die Absolutheit der Technik obsolet geworden ist. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:

Eigentlich soll die französische Journalistin Jeanne für ihre Zeitung nur über ein Städtebauprojekt recherchieren, doch als plötzlich die Erde zu beben beginnt und ein Tsunami sicher geglaubte Grundsätze der japanischen Gesellschaft ins Wanken bringt, versuchen vor allem die Expats einen Ausweg. Möglichst weit weg vom Ort der Katastrophe möchten alle, während vor allem die Journalisten die Neugier packt und sich in der Unterwelt des Inselstaats weiteres Unheil zusammenbraut. Dieses Gerüst trägt den aus der Feder Johannes Balve stammenden vielschichtigen Gesellschaftsroman „Kirschblüte in Fukushima“.

Zunächst beginnt dieser in vergleichsweise gemächlichen Erzähltempo ein Figurentableau aufzufächern, deren handlungsstränge sich im Verlauf der Geschichte immer wieder kreuzen werden, wirft doch die Katastrophe alle lang geglaubte Sicherheiten über Bord. Der Botschaftsangehörige, der sein Team zusammenhalten versucht, das Mitglied eines Handelsvereins, welches die Familie möglichst schnell außer Landes bringen möchte, der Wissenschaftler, der auf taube Ohren stoßen wird. Als gesellschaftskritische Erzählung beginnt der Roman sich pro Handlungsstrang in einen Wissenschaftskrimi, Agententhriller und Familienroman aufzufächern.

Anfangs wirkt das irritierend, wie das sehr umfangreiche Figurenensemble, welchem der Autor schafft, allen ihre Ecken und Kanten zu verleihen. Jeder Protagonist ist so vielschichtig, wie auch handlungstreibend, doch gerade die ersten Seiten muss man noch sehr konzentriert lesen, um kein wichtiges Detail zu übersehen. Schnell aber zeigt sich, dass Johannes Balve es schafft, weder Handlungen noch Figuren aus den Blick zu verlieren. Dabei hat er Maß gehalten. Keine Seite wirkt überzählig, auch wird man nicht das Gefühl haben, es würde etwas fehlen. Für westliche Lesende eher ein Moment, stutzig zu werden, ist die beschriebene Obrighörigkeit innerhalb der japanischen Gesellschaft. Das mag so sein, bildet aber zu Bekannten durchaus einen gewissen Kontrast.

Wer die Stellen der Antagonisten ausfüllt, ist nicht immer ganz klar. Das wechselt auch zwischendurch, schafft aber ebenso eine Dynamik herbeizuführen, deren Sogwirkung man sich nicht entziehen kann. Das wirkt, ohne zu starke Brüche alles durchaus schlüssig, auch wenn die Agentengeschichte mit einigen Punkten durchaus over the top ist. Ob das nun gut oder schlecht ist, entscheidet sich wohl mit den Genrevorlieben. Aus der Perspektive heraus, dass Lesende ja um die Katastrophe wissen, wirken manche Stellen wie ein vor den inneren Auge ablaufender Film, in dem sich spannende mit sehr ruhigen Momenten abwechseln, den einen oder anderen Zeitsprung mit einbezogen.

Johannes Balve schafft es vieler Arten von Romanvorlieben mit „Kirschblüte in Fukushima“ gerecht zu werden, ohne sich zu verheddern. Nicht alle Auflösungen von Handlungssträngen sind dabei gleichermaßen gelungen, trotzdem können wohl alle etwas für sich hier finden. Wann hat man das schon mal? Zudem bei einem Autoren, der es schafft, sehr detailreich zu beschreiben, andererseits durch Auslassungen Bilder zu erzeugen. Empfehlenswert.

Autor:

Johannes Balve ist ein promovierter Literatur- und Bildungswissenschaftler und Schriftsteller. Seit 1990 forscht und lehrt er an deutschen und ausländischen Universitäten. In Japan hat er in Kanazawa den Lehrstuhl für Germanistik und Europäische Kulturwissenschaft inne. Er berät zudem andere japanische Universitäten und ist als wissenschaftlicher Gutachter tätig. Für deutsche Zeitungen und Magazine verfasste er zahlreiche Reportagen über Japan und veröffentlicht in deutschen und internationalen Fachzeitschriften.

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Andrea Löw: Deportiert

Inhalt:

Der Deportationsbefehl war unerbittlich – ein Koffer war erlaubt, es blieb kaum Zeit, um alles zu regeln und Abschied zu nehmen. Dann wurden sie aus ihrem bisherigen Leben gerissen. Ab Herbst 1941 wurden die im Deutschen Reich verbliebenen Jüdinnen und Juden systematisch „nach Osten“ deportiert.

Meisterhaft verwebt Andrea Löw ihre Geschichten zu einer Erzählung, deren Lektüre die ganze Ungeheuerlichkeit des Verbrechens emotional bewusst macht. Indem sie selbst zu Wort kommen, werden die Menschen sichtbar – als Mütter, Kinder, Großeltern, als Liebende, als Junge und Alte. Sie schildert ihre Ängste und Hoffnungen, die Stationen bis zur Abreise, den Transport. Die meisten erwartete am Ziel der sichere Tod, die Überlebenden berichten von Gefangenschaft, Flucht und Rettung. (Klappentext)

Rezension:

Am Anfang mussten sie entscheiden, was sie auf die Fahrt ins Ungewisse mitnehmen sollten. Nicht mehr als ein Koffer voll durfte es sein. Was würde man in der Fremde, Zielort unbekannt, benötigen? Viele liebgewonnene Dinge, Erinnerungsstücke, mussten sie zurücklassen. Den wenigen, die es schafften, bis Kriegsende die Qualen und unvorstellbare Gewalt durchzustehen, blieb zum Schluss kaum mehr das Leben und das, was sie am Leibe trugen.

Zu viele Jüdinnen und Juden war dies nicht vermocht. Einige der überlebenden Jüdinnen und Juden jedoch legten nach dem Krieg Zeugnis von dem unmenschlichen Grausamkeiten ab. Wie erlebten sie den Erhalt des Deportationsbefehls, die Deportation selbst, das Leben im Ghetto, die Razzien der SS, Konzentrationslager Todesmärsche? Wie schafften es einige zu überleben, was zu vielen zum Verhängnis wurde?

Ich weiß nicht, was vor mir liegt, vielleicht ist das gut so.

Andrea Löw: Deportiert

Die Historikerin Andrea Löw hat anhand von Berichten, Tagebüchern und transkribierten Interviews eine Chronik der schrecklichsten Ereignisse der jüngeren Zeitgeschichte aus Sicht derer geschaffen, die ihr zum Opfer fielen, was gerade jetzt immer wichtiger wird, je weniger Zeitzeugen uns davon erzählen können. Entstanden ist so aus hunderten Quellen ein Gesamtbild, welches verständlich zu machen versucht, was kaum zu begreifen ist.

Zu begreifen war, bereits zum Zeitpunkt des Geschehens, wurden zumindest die ersten Opfer des Holocaust zu Beginn noch im Unklaren über ihr weiteres Schicksal gelassen, während später nach und nach aus Gerüchten aus dem Osten ein immer klareres Bild die grausame Realität zeigte.

Wenn so etwas möglich war, was gibt es dann noch? Wozu noch Krieg? Wozu noch Hunger? Wozu noch Welt?

Andrea Löw: Deportiert

Dabei erläutert die Autorin zunächst ihre Herangehensweise anhand der Quellenlage, die sich vor allem aufgrund ihrer Anzahl auf die deutschsprachige jüdische Gemeinschaft beschränkt, sowie auf die Ghettos in Litzmannstadt und Riga konzentriert, wobei auch andere Schauplätze beleuchtet werden. Erzählt wird ab dem Zeitpunkt des Deportationsbescheids, die vorhergehende menschliche Entrechtung wird zugunsten des Blickwinkels außen vorgelassen, wobei hier auf bereits zahlreich existierende Literatur verwiesen wird.

Entlang eines Zeitstrahl hangelt sich die Autorin durch eine immer dichtere Abfolge von unmenschlichen Grausamkeiten, bei der winzige intuitiv gefällte Entscheidungen über Weiterleben oder Tod entscheiden konnten.

Auf der Seite liegend, Oberkörper und Füße von verschiedenen Nachbarn eng gepresst, erzeugte dieses Liegen das Gefühl sich bereits in einem Massengrab zu befinden […]

Andrea Löw: Deportiert

Ungeschönt erzählt das Sachbuch von einer Vernichtungsmaschinerie aus der Sicht ihrer Opfer, die sich einer immer brutaleren Unausweichlichkeit entgegen sahen, jedoch auch, was menschlicher Überlebenswille und Erfindungsreichtum zu überstehen vermag. Dicht verweben sich die einzelnen Biografien zu einem Gesamtbild, welches nicht unberührt lassen kann.

Andrea Löw setzt damit jene, über die sie schreibt und allzu vielen, deren Gedanken nicht dokumentiert wurden, ein Denkmal und hat mit „Deportiert“ einen wichtigen Bestandteil innerhalb der Bücher gegen das Vergessen geschaffen. Ergänzt wird die Lektüre mit einem ausführlichen Personenregister und Quellenverzeichnis zur Unterfütterung des Gelesenen.

Autorin:

Andrea Löw wurde 1973 in Hagen geboren und ist eine deutsche Historikerin. Sie studierte Geschichte, Germanistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften in Bochum, wo sie promovierte. Von 2004 bis 2007 war sie an der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität Gießen tätig.

Seit 2007 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Zeitgeschichte beschäftigt, zunächst in Berlin, danach in München. Dort ist sie seit 2013 stellvertretende Leiterin des Zentrums für Holocaust-Studien. Des Weiteren lehrt sie an der Universität Mannheim . wirkt als Redakteurin des Online-Journals Sehepunkte mit. Sie forscht und betreut Projekte zur NS-Judenverfolgung, insb. zum Themenkomplex Ghettos im deutsch besetzten Polen. Löw ist Autorin mehrerer Bücher.

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