Gerd Hankel: Ruanda 1994 bis heute

Inhalt:

Vom April bis Juli 1994 wurden in Ruanda zigtausend Menschen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit ermordet. Das Land ist zum Synonym für den Völkermord an den Tutsi geworden, aber auch für dessen Aufarbeitung und vorbildliche Vergangenheitsbewältigung. Doch, unter der Oberfläche brodelt es wieder.

Die Zeichen, dass der Völkermord als politisches Instrument genutzt wird, dessen Bewältigung zur Unterdrückung kritischer Stimmen genutzt wird, mehren sich. Hinter dem Vorzeigestaat verbirgt sich ein totalitäres Regime und dessen durchsetzung eines Geschichtsbildes, welches keinen Widerspruch duldet. Ein ernüchterndes Porträt des Vorzeigestaats in Zentralafrika. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:

Insbesondere Autoren von Sachbüchern haben die Aufgabe, den leser mit einer Thematik vertraut zu machen, sie auf etwas zu stoßen oder wachzurütteln und genau dies tut Gerd Hankel mit seinem Standardwerk über den Verarbeitungsprozess des Völkermordes in Ruanda. Kürzlich erschien die vorliegende Ergänzung und Aktualisierung, die nicht minder aufrüttelnd die Ereignisse in Zentralafrika analysiert und in ein neues Licht stellt.

Doch, zunächst, der Autor ist ein Kenner der Thematik, beschäftigt sich der Wissenschaftler schon länger mti Völkermorden im Allgemeinen und der Geschichte Ruandas im Besonderen. Diese wird kurz, aber detailliert genug umrissen, um den noch nicht vertrauten Lesern einen Überblick zu geben.

Sehr faktenreich ist die Beschäftigung mit den Sachverhalten, an die man konzentriert herangehen muss. Analysiert wird von Anfang an, zahlreiche Beispiele an Personen festgemacht. Zahlen und Statistiken bekommen ein Gesicht.

Das ist zuweilen anstrengend. Doch, die Auseinandersetzung funktioniert nur so, zumal sich Gerd Hankel hier gegen einem ganzen Trott politischer Ansichten und der allgemeinen Diplomatie stellt, die nicht einen Blick unter die Oberfläche wagen. Dies gilt für Frankreich, ebenso wie Deutschland, Amerika oder Groß-Britannien.

Nur langsam werden erste Risse sichtbar. Diese sind auch kaum zu vermeiden, beschreibt Hankel doch, wie sich nach einem offensichtlichen Terrorregime ein anderes etabliert, welches verdeckt operiert und nur zugern sich als Garant der Aufarbeitung vergangenen Übels inszeniert, nicht ohne das eigene Fehlverhalten zu kaschieren.

Noch immer verschwinden Menschen spurlos, die auf Ungereimtheiten in den Prozessen zur Verarbeitung des Völkermordes aufmerksam machen oder gar in der Vergangenheit heutiger Regierungsmitglieder Ruandas kramen. Dem Leuchtturm Afrikas gehen langsam aber sicher die Lichter aus.

Hankel stellt, unterstützt durch zahlreiche erdrückende Quellen und Begegnungen, schlüsselt die Rolle von Staat und Wirtschaft für die Verarbeitung auf, das Handeln einzelner Gruppen auf die Nachbarländer Ruandas und der damit verbunden Wechselwirkung wieder hin zu dem kleinen zentralafrikanischen Land.

Wer hat heute die Deutungsautorität über die Geschehnisse Mitte der 1990er jahre und wie viel Unrecht verträgt der Fortschritt. Übersichtlich gegliedert und konzentriert, letzteres muss der Leser unbedingt sein, liest sich die Aktualisierung des 2016 erschienen Berichts etwas anstrengend, jedoch verliert man seine rosarote Brille, zieht gar den Vergleich zur Verarbeitung anderer Kriegsverbrechen ähnlicher Coleur.

Man kann froh sein, dass es etwa bei der Behandlung der Trias Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord, etwa in Deutschland anders zugegangen ist. Der Autor weist hier aber auch auf die Unterschiede zu den Geschehnissen in Ruanda hin.

Wer umfassend sich über die Verarbeitung des Völkermordes in Ruanda informieren und dabei einen Blick unter die schöne glatte Oberfläche werden möchte, ist mit diesem Werk gut bedient, muss sich jedoch vollständig darauf konzentrieren. Kein Buch zum Nebenherlesen, welches es auch nicht sein soll. Gerd Hankels Verdienst ist es, einiges an unserem, vielleicht falschen Bild auf die Ereignisse in Ruanda zurechtzurücken. Alleine dafür schon, lohnt die Lektüre.

Autor:

Gerd Hankel wurde 957 in Büderich bei Wesel geboren und ist Jurist und Sprachwissenschaftler. Er studierte zunächst in Mainz, Granada und Bremen, bevor er 1993 freier Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung wurde. Seit 1998 ist er zudem wissenschaftlicher Angestellter der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur.

Seit 2002 untersucht er den Völkermord in Ruanda, insbesondere die Verarbeitung dessen durch die sogenannten Gacaca-Gerichte. Zudem veröffentlichte er u.a. ein Werk über die strafrechtliche Verfolgung deutscher Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg.

Ruanda 1994 bis heute

Autor: Gerd Hankel

Seiten 159

ISBN: 978-3-86674-590-2

zu Klampen Verlag

Janina Findeisen: Mein Zimmer im Haus des Krieges

Inhalt:

Die Journalistin Janina Findeisen wird 2015 auf einer Recherchereise in Syrien gekidnappt und anschließend 351 Tage gefangen gehalten. Sie war nach Syrien gereist, um ihre zum Islam konvertierte Schulfreundin zu treffen und zu verstehen, wie es zu deren Radikalisierung kam. Kurz nach dem Treffen wird sie, die ihr erstes Kind erwartet, entführt. Sie verbringt fast ein Jahr an unterschiedlichen Orten, in wechselnde Zimmer eingesperrt, von bewaffneten Männern bewacht. In einem dieser Zimmer bringt sie ihren Sohn zur Welt. (Klappentext)

Rezension:

Entführt zu werden ist, wie ins Koma zu fallen: Das Leben drum herum geht weiter, nur ohne dich. Du bist plötzlich nicht mehr dabei, aber du bist trotzdem noch bei vollem Bewusstsein. Bloß kannst du nichts mehr tun, und keiner kann dir mehr helfen.

Janina Findeisen: „Mein Zimmer im Haus des Krieges“

Nehmen wir das Eingangszitat, welches auf der Umschlagsseite abgedruckt ist und womit die Autorin gleich auf den ersten Seiten beginnt, ihre Geschichte zu erzählen. Eigentlich sollte dies das nachspüren der Biografie einer ehemaligen Freundin werden, doch aus den Plänen Janina Findeisens, die Radikalisierung einer ehemaligen Schulkameradin nachzuvollziehen, wurde nichts.

In ihrem Bericht „Mein Zimmer im Haus des Krieges – 351 Tage gefangen in Syrien“ beschreibt die Journalistin, wie sie selbst in die Falle verschiedener Interessensgruppen ging und schließlich entführt wurde. Eingängig schildert sie ihre Situation und die Umstände, die sie blauäugig in eine unkalkulierbare Situation gleiten ließen, die außer Kontrolle geriet.

Janina Findeisen blickt in fassbaren Kapiteln zurück auf eine Freundschaft, die zum Anlass für eine Recherchereise werden sollte, die so ganz anders verlaufen sollte, als geplant. In einfachen Worten schildert sie ihre Beweggründe, sieht im Nachgang auch die Fahrlässigkeit und Dummheit einer solchen Unternehmung, in der selbst sonst hoch gehandelte Sicherheitsgarantien, die ein hohes Gut in der islamischen Welt darstellen, nichts gelten.

Das kann man verurteilen, doch sind die Tage der Unfreiheit und dem, was alles noch daraus hätte folgen können, nicht schon Strafe genug? Diese Frage sollte man sich als Leser stellen, bevor man urteilt.

Bezeichnend sind Sätze, wie dieser.

Meine Entscheidung, schwanger mit einer Sicherheitsgarantie in ein Land einzureisen, in dem Krieg herrscht, ist heute nicht mehr zu begreifen. Es war verantwortungslos, leichtsinnig und falsch. Ich bedauere diesen Schritt zutiefst, doch ich kann meinen Fehler weder ungeschehen machen, noch verbergen oder vergessen. Er ist Teil meiner Lebensgeschichte.

Janina Findeisen: „Mein Zimmer im Haus des Krieges“

Diskussionswürdig ohnehin.

Auch muss man feststellen, das weiß die Autorin, dass sie Glück hatte. Viele andere Journalisten sind aus verschiedenen Gründen schlechter aus der Situation herausgekommen als sie. Andere mussten für ihre Beweggründe mit dem Leben bezahlen, denken wir etwa an den Amerikaner James Foley, der entführt und vor laufender Kamera enthauptet wurde. Dies sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man den Bericht liest, vergisst auch die Autorin nicht und schlägt den Boden zu den Auswirkungen des Krieges auf das Leben der Menschen in diesem failed state.

Die Vorwürfe, die man Janina Findeisen machen kann, macht sie sich selbst auch. Es geht jedoch vor allem um eine möglichst sachliche Schilderung des Erlebten. Draufsicht auf Unfassbares. Auch, die Verarbeitung dessen ist wohl Sinn und Zweck des Aufschreibens dieser Geschichte gewesen und als solche sollte man den Bericht vielleicht auch betrachten, Dann funktioniert es.

Das Buch gefällt nicht. Dafür ist die thematik zu krass und auch der Begriff Gefallen ist hier falsch gewählt. Janina Findeisen zeigt nur auf, wie sie die Zeit, einer Extremsituation ausgesetzt, überstehen konnte und wie klitzekleine Siege über die Entführer, kaum wahrnehmbar, ihr über diese Tage halfen, sich selbst nicht zu verlieren. Abgesehen vom Diskussionsstoff, den das Buch sicher sonst noch bietet.

Manche Momente im Leben sind teurer als andere, denn sie werden in einer anderen Währung bezahlt. Währung und Preis kennt nur, wer es bezahlen musste.

Janina Findeisen: „Mein Zimmer im Haus des Krieges“

Janina Findeisen steht stellvertretend für einige, nicht für alle entführten Journalisten, erzählt damit eine andere Geschichte als die, die sie ursprünglich aufschreiben wollte. In diesem Sinne ist das flüssig zu lesende Werk, welches wie die Entführung selbst Längen und Ungewissheiten aufweist, dann wieder rasant erzählt wird, gelungen. Über die anderen Facetten muss sich der Leser selbst ein Bild machen und gilt es zu diskutieren.

Autorin:

Janina Findeisen studierte Ethnologie und vergleichende Religionswissenschaften, forschte zum deutschen Dschihad. Sie arbeitete als freie Mitarbeiterin für den Rechercheverbund von NDR, WDR und SZ und veröffentlichte unter Pseudonym Dokumentationen und Reportagen zur deutschen Dschihadisten-Szene. Mit ihrer Familie lebt sie in Berlin.

Janina Findeisen
Mein Zimmer im Haus des Krieges
Seiten: 336
ISBN: 978-3-492-05940-4
Piper