Donato Carrisi: Ich bin der Abgrund

Inhalt:
Es ist zehn vor fünf morgens. Der Müllmann beginnt mit seiner Arbeit. Er mag sie – er weiß, dass in dem, was die Menschen wegwerfen, die größten Geheimnisse verborgen sind. Und auch er hat eines: den gelegentlichen denkwürdigen Abend, der seine Routine bricht. Was er nicht weiß, dass bald alles auf den Kopf gestellt werden wird.

Er wird in die unsägliche Geschichte eines Mädchens mit einer lila Haarsträhne verwickelt werden. Und noch etwas weiß der Müllmann nicht – da draußen sucht jemand nach ihm. Die Fliegenjägerin hat nur eine Mission: den Schatten im Herzen des Abgrunds zur Strecke bringen. (Klappentext)

Rezension:
Die alltägliche Routine gibt ihm Sicherheit, ihm, der sonst nicht viele Gewissheiten hat. Am Rande der Gesellschaft lässt er den Unrat der Anderen so unauffällig verschwinden, wie auch er unsichtbar scheint. Der Müllmann weiß, im Zurückgelassenen liegen die Geheimnisse der Menschen vor ihm ausgebreitet.

Auch er selbst ist ein Geheimnis, hat eines und sucht nach dessen Lösung. Gedankenversunken macht er sich an die Arbeit, bis dieses Ritual unterbrochen wird. Ein Mädchen droht zu ertrinken. Er rettet es und setzt damit eine Kette von Ereignissen in Gang, die alle in seiner Umgebung, auch ihn selbst, in den Angrund reißen werden.

So viel zum Auftakt des nun vorliegenden Kriminalromans, des italienischen Schriftstellers Donato Carrisi, der inspiriert vom Fall des „Monster von Foligio“ Luigi Chiatti, erneut die finsteren Abgründe des Menschen seziert. Diesmal verlegt am geheimnisvollen Comer See, setzt die Geschichte den Protagonisten von Zeile zu Zeile so dermaßen zu, dass man sowohl mit Opfer, Ermittler und dem Täter selbst leidet, der sich von Beginn an erahnen lässt. Hier ist der Weg, die Ermittlungsarbeit das Ziel. Scham, Zweifel und nicht erfolgte Vergangenheitsbewältigung sind handlungstreibende Elemente.

Aus wechselnden Perspektive wird „Ich bin der Abgrund“ erzählt, was die Spannung hält, jedoch das eine oder andere Detail hinunterfallen lässt, welches später auch kaum mehr aufgegriffen wird. So wirkt mancher Wechsel zu abrupt, zu gewollt. Ausgeglichen wird dies jedoch dadurch, dass es Carrisi gelingt, hier mit der psychischen Verfassung der Beteiligten gekonnt zu spielen. Was macht uns zu dem, was wir sind? Welche Folgen hat dies, für uns und unsere Umgebung? Anfangs führt dies zu etwas chaotischen Sprüngen, die sich jedoch nach und nach zu einem klaren Gesamtbild fügen und einem beim Lesen komplett in diesen Kriminalfall eintauchen lassen. Zuletzt gelingt dem Autoren dann doch, keinen der Handlungsstränge aus den Augen zu verlieren. Hier hat, zumindest aus der Erinnerung heraus, Donato Carissi sich gegenüber „Enigmas Schweigen“ verbessern können.

Positiv ist hier hervorzuheben, im Gegensatz zu den Kriminalromanen aus dem englischsprachigen Raum herrschen hier nicht nur abgehakte oder sehr kurze Sätze vor. Sprachlich schafft der Autor hier eine unheilvolle Atmosphäre, der man sich nicht entziehen mag, auch wenn es durchaus Längen gibt, die ein wenig Durchhaltevermögen beim Lesenden erfordern.‘

Was der See nimmt, gibt er nicht so leicht wieder her. In ihm sind viele Geschichten verborgen. Diese immerhin, kann man durchaus lesen.

Autor:

Donato Carrisi wurde 1973 geboren und ist ein italienischer Schriftsteller und Drehbuchautor. Zunächst studierte er Rechtswissenschaften in Rom, spezialisierte sich dabei auf Kriminologie und Verhaltensforschung und beschäftigte sich dabei mit Serienmördern, was ihn später zu seinem ersten Thriller inspirierte. Nach dem Studium arbeitete er zunächst als Anwalt, wandte sich jedoch der Schriftstellerei zu und schrieb diverse Drehbücher für Film und Fernsehen.

Sein erster Thriller wurde 2010 ins Deutsche übersetzt, ein Jahr zuvor wurde Carrisis Debütroman mit dem Premio Bancarella ausgezeichnet. Der Autor lebt frei arbeitend in Rom, schreibt zudem Kolumnen für den Corriere della Sera.

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