Tagebuch

Tomi Ungerer: Die Gedanken sind frei

Inhalt:
Tomi Ungerer ist neun Jahre alt, als deutsche Truppen 1940 das Elsass besetzen. Deutsch wird die offizielle Sprache, Französisch bei Androhung strenger Strafen verboten, aus Jean-Thomas, von allen Tomi genannt, wird Hans. Tomi Ungerer erzählt vom Alltagsleben unter der Nazibesatzung, vom Krieg, von der liberation – und von den ganz normalen Streichen, Freuden und Erlebnissen eines heranwachsenden Jungen. Dank unzähliger Zeichnungen aus Tomi Ungerers Kindheit und seinem grenzenlosem Humor ein ungemein lebendiges Erinnerungsbuch. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:
Witz und Humor, das Talent sich auszudrücken und die Dinge aus einem besonderen Blickwinkel heraus zu betrachten, ist dem späteren Zeichner und Kinderbuchillustratoren Tomi Ungerer schon in seiner Kindheit gegeben, die dieser in turbolenten Zeiten durchlebt hat. Als die Deutschen während des Zweiten Weltkrieges den Elsass besetzten, wächst er in einem Vorort Colmars auf, als behütetes Nesthäkchen und ohne Vater. So betrachtet er die Widrigkeiten des Krieges, die in den Alltag der Familie hineinragen. Seine Erinnerungen an diese Zeit sind nun postum neu aufgelegt wurden.

Nicht nur Tagebuch, autobiografische Erzählung oder, wie man es sich vielleicht bei einem Illustratoren denken würde, eine Ansammlung von Zeichnungen und Karikaturen ist diese hier vorliegende Sammlung, sondern eine Wundertüte, die uns in eine wundersame Zeit eintauchen lässt, in der der Alltag im schlechtesten Sinne auf den Kopf gestellt war. Tomi Ungerer hat hier tief gegraben in seine Erinnerungskiste und Fotos sowie Kinderzeichnungen zusammengestellt, die den Humor des späteren Künstlers und vor allem dessen Stil schon früh zu Tage treten lassen. Aus den zahlreichen Puzzleteilen ergibt sich ein buntes Portrait aus Familienalltag, Einschränkungen durch Krieg und Besatzung, aber auch kindlichen Übermut, der nicht nur einen Schädelbruch zur Folge hatte.

Die Tonalität der Sprache ist geprägt von Leichtigkeit, vom ungetrübten Blick des Kindes, der alles als ein großes Abenteuer sieht, doch durchaus den Ernst der Lage erkennt, wenn er in der Rückschau betrachtet, wie die Mutter etwa sich einerseits wie eine Löwin schützend vor die Kinder stellt, andererseits aber auch er selbst Widerstand leistet, und sei es nur mit Karikaturen von Lehrern im Schulheft und Tagebuch. Tomi Ungerer ist es hier gelungen, das Leben unter einem Besatzungsregime nachzuzeichnen, welches sich natürlich von dem im Osten, aber auch dem im geteilten Frankreich selbst unterschied, ein Aspekt der bis dato viel zu wenig Beachtung fand.

In der Aufreihung der Bücher gegen das Vergessen ist dieses hier schon aufgrund der Zusammenführung des Materials durch Autor und Zeichner in Personalunion etwas besonderes, zudem es die Wurzeln des späteren Künstlers aufzeigt. Dabei sind es nicht nur die pointierten Zeichnungen, sondern auch punktuelle Formulierungen, Beschreibungen von Personen, die den kindlichen Scharfsinn vor Augen führen. Auch nicht die große Politik, die nur in sofern eine Rolle spielt, sofern sie in den Alltag des Heranwachsenden hinein greift. Das besondere liegt in der Beschreibung alltäglicher Dinge in einer nicht alltäglichen Situation, die nur mit Vorsicht, Angst und in seinem Falle mit einer großen Portion Witz, auch Galgenhumors, zu ertragen gewesen ist.

Für alle, die staubtrockene Ausführungen scheuen, Zugang zu diesen sehr besonderen Künstler finden möchten und die Zeit der Besatzung des Elsass durch das NS-Regime nachspüren wollen, ist dieses wichtige Buch eine geeignete Lektüre.

Website: tomiungerer.com

Tomi Ungerer Museum: Hier klicken.

Autor:
Jean-Thomas „Tomi“ Ungerer wurde 1931 in Straßburg geboren und war ein französischer Grafiker, Schrifsteller und Illustrator von Büchern für Kinder und Erwachsene. Erste Zeichnungen veröffentlichte er im Simplicissimus, er arbeitete in New York, kurzzeitig in Hamburg und lebte eine Zeit lang in Irland auf einer Farm, bevor es ihn wieder in den Elsass zurückzog. Er starb 2019 in Cork, Irland.

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Antonio Pigafetta: An Bord mit Magellan

Inhalt:
Nur wenige Mitglieder der Crew überlebten die erste historisch belegte Umsegelung der Erde. Einer von ihnen war der italienische Ritter Antonio Pigafetta, der seine abenteuerlichen Erlebnisse in einem detaillierten und farbenfrohen Reisebericht schilderte. In Christian Jostmanns feinfühliger Übersetzung des Originaltextes lässt sich dieser Klassiker der Reiseliteratur nun wieder auf Deutsch entdecken.
(Klappentext)

Rezension:
Nachdem im 16. Jahrhundert Portugal und Spanien die damals bekannte Welt unter sich aufgeteilt hatten, beschloss König Karl I. den Adligen Ferdinand Magellan damit zu beauftragen, innerhalb der eigenen Hemisphäre „Inseln und Festländer zu entdecken, reiche Gewürzvorkommen und andere Dinge“ zu entdecken und die Position der Molukken genauer zu bestimmen, sowie diese für Kastilien in Besitz zu nehmen. Ein Jahr lang wurden fünf Schiffe generalüberholt, bevor diese in See stachen, an Bord eines der Schiffe der Ritter Antonio Pigafetta, der als einer von wenigen die strapaziöse Reise überleben sollte. Er dokumentierte in Tagebuchform die Schifffahrt und damit die erste Weltumsegelung, die nun in der Neuübersetzung von Christian Jostmann vorliegt.

Von diesem gibt es zunächst eine kurze und kompakte Einordnung des Textes, um verständlich zu machen, was man da überhaupt liest. Wer war Pigafetta eigentlich? Was befähigte ihn, Mitglied einer der Crews zu sein und weshalb eigentlich er als einer von wenigen die Reise überlebte, bevor im Anschluss schnell in den Reisebericht selbst eingestiegen und den Autor jenes Berichts das Wort überlassen wird. Der hinterlest mit seinen gesammelten Eindrücken ein historisches Erbe, welches uns von den Vorbereitungen dieses großen Abenteuers, von dem damals noch viel mehr abhing, auch in Bezug auf die möglichen Risiken, von denen sich einige später bewahrheiten sollten, als heute, bis hin zum Ende der Reise mitnimmt, dessen Leistung sich der Autor damals schon bewusst gewesen ist.

Die einzelnen Abschnitte sind dabei kurz gehalten. Es handelt sich ja um von Pigafetta selbst überarbeitete Tagebucheinträge, die dieser für ein Bericht an einem seiner späteren Dienstherren, als Grundlage verwendet hat. Auch heute sind sie gut lesbar. Mit jeder Zeile fühlt man vom Seewind bis zu Skorbut all das, was die damalige Besatzung dieser Expedition durchleben musste. Dabei fällt auf, der Ritter Antonio Pigafetta war ein Kind seiner Zeit, wenn auch sehr aufgeschlossen gegenüber neuem.

So werden Vokabellisten geführt, der Stämme und Völker, auf die er trifft, jedoch auch Akte der Gewalt als gegeben hingenommen und so beschrieben, wenn Magellan und seine Leute ihren Willen gegenüber den Menschen durchsetzen wollten, auf die sie trafen. Den Bericht muss man folglich als Bestandteil der spanischen Kolonialgeschichte lesen, was die nautische und logistische, sowie auch physische und psychische Herausforderugn eines solchen Unternehmens freilig nicht schmälert.

Der Reisebericht kommt sehr detailliert daher. Handel und Aufeinandertreffen mit den Menschen von der Südsee, über Südamerika und den Philippinen werden beschrieben, sowie das Leben an Bord der Schiffe, welches zur Meuterei eines Teils der Besatzung führte und auf einem anderen Teil der Reise zum Tode Ferdinand Magellans. Die Tonalität des Berichts, die laut dem Übersetzer Christian Jostmann sehr dicht am Original des Berichts liegt, macht eben diesen heute noch gut lesbar, wenn auch an manchen Stellen sehr viele Details direkt aufeinander folgen, was man vorher sich bewusstmachen sollte.

Einordnungen und Erklärungen, insbesondere wenn sich Pigafetta selbst Interpretationsspielräume ausbedingt oder einfach Umschreibungen für geografische Orte nutzt, die so heute schlicht und einfach nicht mehr phonetisch existieren, erfolgen in zahlreichen Fußnoten. Ergänzt wird der Text durch eine Karte im Buchrücken, der die Reiseroute zeigt, sowie eine Abbildung gemalter Inseln, die den Orignal-Bericht durchziehen, ohne den Anspruch auf unbedingte geografische Genauigkeit zu haben.

Der Bericht ist vor allem vor dem Hintergrund Ferdinand Magellans interessant, dem der Autor Christian Jostmann in einem eigenen Sachbuch „Magellan oder die erste Umsegelung der Erde“ portraitiert hat, kann jedoch auch davon losgelöst als eigenständiges Werk gelesen werden, zudem wir es hier mit dem Text eines Zeitzeugen zu tun haben, was für diese Zeit in der Qualität einzigartig sein dürfte. Mit dem Hintergrundwissen des Zwecks der Reise, kolonialer Ansichten der Teilnehmenden, was zur Einordnung wichtig ist, bleibt ein hochspannender Text, der uns praktisch in die beschriebene Zeit versetzt, all die Strapazen aber auch Entdeckungen erleben lässt.

Wer Spaß an so etwas hat, vielleicht auch ein historisches Interesse, zumal an Berichten vergangener Seefahrten und Expeditions-Großleistungen, ist diese Neuübersetzung unbedingt zu empfehlen.

Autor:
Antonio Pigafetta wurde vor 1492 in Vincenza geboren und starb irgendwann nach 1524. Er war ein italienischer Ordensritter, Entdeckungsreisender und Schriftsteller, der vor allem als Chronist der ersten Erdumsegelung unter Ferdinand Magellan und Joan Sebastian Elcano bekannt ist, welche er als einer von wenigen überlebte.

Christian Jostmann wurde 1971 in Bielefeld geboren und ist ein deutscher Historiker und Autor von zahlreichen Sachbüchern. Er studierte Geschichte, Soziologie, Psychologie und Hispanistik in Würzburg, Bielefeld und Madrid. 2004 promovierte er mit seiner Disseration über die sibyllinische Literatur des Spätmittelalters. Als Feuilletonist schrieb er für die Süddeutsche Zeitung, weiter, seit 2006 für die österreichische Wochenzeitung Die Furche. 2019 veröffentlichte er sein erstes Sachbuch, dem weitere folgten. 2008 erhielt Jostmann den Stauferpreis der Stauferstiftung Göppingen.

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Pavel Taussig: Ich habe den Todesmarsch überlebt

Inhalt:
Pavel Taussig wird 1933 im slowakischen Pressburg in eine jüdische Familie geboren. Im November 1944 wird die Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Pavel und seine Eltern werden getrennt. Nach mehreren Todesmärschen und seiner Befreiung im mai 1945 muss der Elfjährige für mehrere Monate in verschiedene Krankenhäuser. Anschließend trifft er Mutter und Vater in seiner Heimatstadt wieder. Die politischen Umstände des Prager Frühlings zwingen Pavel Taussig 1968 zur Auswanderung in die Bundesrepublik Deutschland. (Klappentext)

Rezension:
Welche unmenschlichen Kräfte muss, kann man mobilisieren, um zu überleben? Zumal als Kind. Pavel Taussig erzählt davon, mit Hilfe seines Tagesbuches, welches er direkt nach der Befreiung von den Nazis begann als Elfjähriger zu führen. Als Kind hatte er die Todesmärsche durch die Konzentrationslager überlebt, zu denen er und andere gedrängt wurden. Direkt nach dem Krieg war er so geschwächt, dass erst ein monatelanger Aufenthalt in verschiedenen Krankenhäusern dazu verhalf, zu Kräften zu kommen.

Davon erzählt er, der zunächst auch unter besonderen politischen Umständen relativ behütet in Bratislava aufgewachsen war. Vor der Zerschlagung der Tschechoslowakei in weiser Voraussicht kurz nach der Geburt getauft, auch die Eltern hatten sich kurz vorher taufen lassen, galt er aufgrund eines Dekretes so nicht als Volljude, was ihn bis kurz vor Ende des Krieges vor den Zugriffen, wenn auch nicht vor Ausgrenzungen schützen sollte. Erst im Jahr 1944 sollten die Gardisten, die slowakischen SS-Einheiten seine Familie verhaften und so sollte auch für das Kind Pavel ein schmerzlichs Martyrium beginnen.

Es ist eine dieser Erinnerungen gegen das Vergessen, die einem innehalten und nicht mehr los lassen. Nach der Befreiung aufgeschrieben, spürt man trotzdem all die Schmerzen und noch frischen offenen Wunden, das Grauen eben gerade so überlebt zu haben. Beim Lesen hat man das Gefühl durch die einzelnen Einträge zu raßen. Fast wirkt es so, als wollte der Autor schnell zu den Punkt des Kriegsendes gelangen, was ja auch verständlich ist. So sind diese Erinnerungen zweigeteilt. Da sind die Erinnerungen vor Kriegsende, beinahe in eine Art Rohfassung belassen. Der kindliche Blick ist unverstellt, nur auf das Notwendige ausgerichtet. Taussig hat da nicht viel ausformuliert. Sehr nüchtern wirkt die Betrachtung.

Der zweite Teil, die Schilderungen der Krankenhausaufenthalte, die Sehnsucht nach den Eltern und dem Zuhause wirken da natürlich emotionaler, wenn sich auch hier eine dichte Taktung der Einträge zeigt. Der Autor wollte erzählen, für die Nachwelt bewahren, jedoch nicht lange verweilen. Trotzdem ist die Niederschrift, ergänzt durch einen Karten- und großzügigen Fototeil wichtig, dass es sie gibt.

Es sei allen empfohlen, sie zu lesen.

Autor:
Pavel Taussig wurde 1933 in Bratislava, Tschechoslowakei, geboren und ist ein slowakischer Schriftsteller, Satiriker, Autor und Fotograf. Gleich nach der Geburt getauft, war seine jüdische Herkunft zu Hause kein Thema. Taussig wuchs in einer wohlhabenden und vollständig assimilierten Familie auf und wurde erst 1944 zusammen mit seiner Familie verhaftet. Als Kind überlebte er mehrere Konzentrationslager und Todesmärsche und wurde nach der Befreiung aufgrund von gefährlichen Magenbeschwerden und Tuberkulose in mehreren Krankenhäusern behandelt, sowie ein Jahr in der Hohen Tatra wegen Tuberkulose behandelt.

Nach einem Besuch des Gymnasiums studierte er die slowakische Sprache und Bibliothekswissenschaft und war nach einer Tätigkeit als Bibliothekar für eine Satirezeitschift tätig. In Folge des Prager Frühlings floh er mit seiner Frau nach Deutschland und arbeitete dort für eine Satirezeitschrift und war Mitgründer der Titanic. In den 1980er Jahren veröffentlichte er eine Kurzgeschichte und eine Cartoonsammlung. Für seinen Sohn übersetzte er sein Kindertagebuch, die darauf aufbauende Biografie erschien 2018 in Tschechien, vier Jahre später in Deutschland.

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Saul Friedländer: Blick in den Abgrund – Ein israelisches Tagebuch

Inhalt:

Israel steht am Abgrund. Das Israel, das wir kannten. Saul Friedländer, der große Historiker des Holocaust, hat ein Tagebuch geschrieben, in dem er die aktuellen Ereignisse schildert und kommentiert, in Rückblenden aus der Geschichte des Landes, das er mit aufgebaut hat, erzählt, Konflikte analysiert und über Lösungen nachdenkt. Sein Tagebuch geht unter die Haut und jeden etwas an, dem an Israel liegt. (Klappentext)

Rezension:

Nicht nur außenpolitisch sieht sich dieses kleine Land vor ständiger Herausforderung, auch innen ist es kompliziert. Die Gesellschaft Israels, sie befindet sich im Zangengriff radikaler Kräfte und verschiedener Sichtweisen jüdischer Religion und ihren Interpreten. Die politischen Köpfe dieses Systems agieren eigensinnig, sind teilweise korrupt und das zieht sich bis in die obersten Ebenen des Staates hinein.

Im Jahr 2023 versucht sich der israelische Präsident an eine Justizreform, die ihn vor einem Gerichtsprozess bewahren soll, seine Koalitionspartner suchen ebenfalls Wege, sich und ihren Anhängern Vorteile zu verschaffen. Die Demokratie und der Pluralismus des Landes, sie bleiben auf der Strecke. Immer mehr Menschen protestieren.

Einige denken gar ans Auswandern aus dem Land, welches einst Heimstatt aller Juden sein wollte. Der Historiker und Schriftsteller Saul Friedländer beobachtet die gesellschaftlichen Spannungen aus der Ferne, analysiert und zieht Verbindungen zur Vergangenheit, die auch die eigene ist. Entstanden ist dabei ein hochbrisantes und komplexes Tagebuch, zugleich ernüchternd und erschreckend.

Als Außenstehender fällt es bereits schwer, die außenpolitischen Ereignisse zu sortieren und eine Übersicht zu wahren. Zu viel ist bereits passiert mit diesem Land, in der Innenpolitik sieht es dabei nicht besser aus.

Von Januar 2023 bis zum Juli 2023 beschreibt der Autor Tag für Tag das aktuelle Geschehen, welches einem fassungslos werden lässt, angesichts der Herausforderungen, mit denen in der Region ohnehin alle Akteure konfrontiert werden oder sich gegenseitig aussetzen.

Hoch komplex ziehen sich die Fäden der Handlungen israelischer Spitzenpolitiker, deren Agieren die Unfähigkeit von Regierenden manch anderer Länder wie vorausschauendes und überlegtes Handeln aussehen lässt. Schon für jene, die tagtäglich mit rassistischen Aussagen von Ministern konfrontiert werden, aus einem Land, welches es eigentlich rein von der Historie besser wissen müsste, ist dies schwer zu ertragen.

Ohne Vorkenntnisse, etwa der Ausrichtung einzelner Gruppen und Parteien innerhalb Israels ist der Zugang zur Lektüre jedoch überhaupt nicht gegeben, selbst wenn zwischendurch Saul Friedländer einen Rückblick wagt, um bestimmte politische oder religiöse Denkweisen zu erklären, die das Bild Israels im Innern heute beherrschen.

Eine Lektüre für zwischendurch ist schon rein thematisch nicht möglich, doch einige fehlende Teile im Gesamtbild werden uns Lesenden geliefert. Sehr schnell kommt man dahinter, welche Politiker zur Seiten treten müssten, damit das Land auch innenpolitisch in ruhige Fahrwasser gerät. Das Handeln, welches beschrieben wird, führt in die Isolation. Selbst enge Freunde Israels gehen auf Distanz.

Es ist eine hervorragende und differenziert ernüchternde Diagnose, die wenig Raum für Hoffnung lässt. Die Form des Tagebuchs verdeutlicht die immer tiefere Spaltung des Landes, innerhalb von Monaten. Ratlos bleiben die zurück, die letztendlich damit leben und irgendwann versuchen müssen, die Situation aufzulösen. Für Saul Friedländer auch ein Blick auf ein Israel, welches er immer weniger als das erkennt, was er einst mitgestaltet hat.

Die Analyse zieht sich zwischen den religiösen Ausrichtungen in Verbindung der politischen Wirkung, vor allem nach innen, was aber das äußere bedingt. Die Frage, was kommt, wenn der Bruch vollständig ist, muss in Friedländers Buch unbeantwortet bleiben. Israel braucht jedoch jetzt schon, so das Gefühl nach dem Lesen, eine Menge Glück, dies nicht auszuprobieren.

Autor:

Saul Friedländer wurde 1932 in Prag geboren und ist ein israelischer Historiker und Autor. Kurz nach der Besetzung der Tschechoslowakei flohen seine Eltern nach Frankreich, erst nach Paris, später in die unbesetzte Zone. Nach Verhaftungen ausländischer Juden 1942 wurde er in einem jüdischen Kinderheim, später einem katholischen Internat versteckt und überlebte so den Holocaust.

Mit 15 Jahren ging er mit gefälschten Pass nach Palästina und absolvierte eine dreijährige Militärzeit und studierte schließlich in Paris und Genf, wo er 1963 in Geschichte promovierte. In verschiedenen Positionen arbeitete er für den israelischen Staat und ist ein bedeutender Historiker und war Mitglied verschiedener Organisationen. Er erhielt u.a. den Dan-David-Preis und den Balzan-Preis, sowie den Geschwister-Scholl-Preis und den Preis der Leipziger Buchmesse.

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Tatsuo Hori: Der Wind erhebt sich

Inhalt:

Die zwischen 1936 und 1938 entstandene Novelle „Der Wind erhebt sich“, betitelt nach einem Gedicht von Paul Valery, beschreibt die platonische Liebe des Ich-Erzählers zu seiner an Tuberkulose erkrankten Verlobten Setsuko. Ihre vom Tod überschattete, kurze Liason verleben sie größtenteils fernab der Gesellschaft in einem Lungensenatorium in den Bergen. Beruhend auf den persönlichen Erfahrungen schildert Tsatsuo Hori mit feinem Gespür die Psyche der beiden Protagonisten und ihre ambivalente Beziehung, was in der lyrischen Darstellung der Umgebung im Wandel der vier Jahreszeiten eine äußere Entsprechung findet.

Mit der Novelle „Der Wind erhebt sich“ kann das Lesepublikum hierzulande eine der wichtigsten japanischen Kostbarkeiten des 20. Jahrhunderts nun erstmals auf Deutsch für sich erlesen und eine Tür in eine fremde und doch seltsam nahe Gedankenwelt öffnen. (Klappentext)

Rezension:

Im Vergleich zu anderen Region begegnet uns Japan zumindest literarisch noch sehr dosiert. Um so interessanter sind Erst- und Neuübersetzungen, die jetzt nach und nach auch hier eine Leserschaft gewinnen. Darunter nun eine kleine zarte Novelle, die mit wenig Worten auskommt, jedoch eine sehr besondere Wirkung entfaltet. Die Rede ist von „Der Wind erhebt sich“, aus der Feder des japanischen Schriftstellers Tatsuo Hori, der sich auf sehr einfühlsame Art und Weise mit dem Loslassen und dem Tod beschäftigt.

Die kleine Novelle beginnt inmitten der Natur die Lesenden auf eine Reise durch das Jahr mitzunehmen. Zwei Menschen treffen aufeinander, vom Erzähler selbst erfährt man wenig, überhaupt werden Informationen sehr dosiert und gezielt eingestreut, dennoch hat man sofort ein klares Bild vor Augen. Das Glück der beiden Protagonisten scheint oberflächlich nur von kurzer Dauer, doch im Angesicht des Fortschreitens der Krankheit gewinnt der Zusammenhalt und das Beisammensein Konturen, die die kompakte Erzählung tragen.

Betont zurückhaltend baut Hori die Welt einer Beziehung auf, die, wären die Protagonisten gesund, nur ein Aufeinanderzustreben kennen würde, doch fühlt der Erzählende seine Liebe im Verlauf immer mehr entfliehen. Im Wissen um das baldige Ende versucht der Protagonist die gemeinsame Zeit festzuhalten und kann doch dem Schicksal nicht entkommen.

Sehr poetisch wirkt das zu weilen. Zeile für Zeile verrinnt zwischen den Fingern. Schnell ist man inmitten der Geschichte, fühlt sich als danebenstehender Beobachtende. Der erzählte Zeitraum umfasst dabei nur wenige Monate. Der Autor hat hier einen Spagat zwischen gemächlich wirkender Sprache und doch schnellem Erzähltempo geschaffen. Der Titel alleine lässt bereits zu Beginn den Ausgang erahnen.

Neben der Ausarbeitung der Protgaonisten, von denen man nur das Notwendige erfährt, liegt die Stärke der Novelle vor allem in Orts- und Landschaftsbeschreibungen, die sofort Bilder im Kopf entstehen lassen. Auch ein Fenster in die Gefühlswelt der sonst so zurückhalenden Japaner wird geöffnet, das bereits in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, was an sich schon hervorzuheben ist. Zudem bringt der Autor ein Teil seiner eigenen Biografie mit ein, nimmt seinen Weg vorweg.

Der Fokus liegt auf die zwei Hauptfiguren, die klar gezeichnet werden. Andere werden kaum erwähnt. Sie spielen schlicht und einfach fast keine Rolle im Zusammenspiel der Protagonisten, bleiben daher bewusst blass. Beschrieben werden eine Liebe ohne Zukunft, formvollendete Hingabe, Loslassen und Verarbeitung. Ziemlich viel für wenig Seiten, was leicht hätte misslingen können. Alleine, hier funktioniert es. Kein Wort ist zu viel, Auslassungen wurden bewusst gesetzt. Die behutsame Übertragung von Sabine Mangold ins Deutsche hat das Übrige dazu beigetragen, damit die Novelle auch bei uns ihre Wirkung entfalten kann.

Die erzählende Figur weiß von Beginn an um den Ausgang, während das Gegenüber gleichsam zum Symbol, Dreh- und Angelpunkt der Geschichte wird, die einfach nur berührt. Die Erzählung in Form einer Art Tagebuch gehalten, wird dadurch aufgelockert und gewinnt zugleich an Bedeutung. Absätze zwingen einem, dies vergleichsweise langsam zu lesen, ab und an innezuhalten.

Der Aufbau einer persönlichen Katastrophe, die Beschreibung der Unausweichlichkeit ist das, was diese Novelle ausmacht, zudem die Zustandsbeschreibung der Abgeschiedenheit in Angesicht des Todes. Das kann nur berühren, zudem wenn man um die Geschichte des Autoren weiß, der selbst an Tuberkulose litt, jedoch aus der Position der Angehörigen heraus schrieb. Beinahe so, als wollte Hori etwas Tröstendes hinterlassen.

Sehr poetisch werden Bilder aufgebaut, die einem so schnell nicht mehr loslassen. Diesen Stil muss man mögen, eröffnet jedoch einen Blick in diese damals doch sehr geschlossen wirkende Gesellschaft Japans. Die beschriebene Zurückhaltung funktioniert in diesem Setting sehr gut, wäre verbunden mit anderen Ortsbeschreibungen nicht ganz so glaubwürdig. Die charakterliche Stärke beider Protagonisten tut ihr übriges dazu bei.

Nur ein paar kleine Szenen brechen den Lesefluss und wirken so, als hätte der Autor zwischendrin noch das Gefühl gehabt, noch ein paar Zeilen mehr füllen zu müssen. Das ist jedoch Jammern auf hohem Niveau. Nichts destotrotz kann ich jedem empfehlen, ein paar Stunden mit dieser schönen Novelle, die wohl auch als Anime verfilmt wurde, zu verbringen.

Autor:

Tatsuo Hori wurde 1904 in Tokio geboren und war ein japanischer Übersetzer und Schriftsteller. Zunächst studierte er Japanische Literatur, verfasste während seines Studiums Übersetzungen französischer Dichten und schrieb für die Literaturzeitschrift Roba. 1930 erhielt Hori Anerkennung für seine Kurzgeschichte Sei kazoku (wörtlich „Die heilige Familie“) und ließ eine Riehe von Novellen und Gedichten folgen, die sich oft mit dem Tod beschäftigten. Später erkrankte er an Tuberkulose. Diese Erfahrung verarbeitete er in einer weiteren Geschichte. Er starb 1953 in Tokio.

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Julia Cimafiejeva: Minsk. Tagebuch

Inhalt:

Die belarusische Dichterin Julia Cimafiejeva ist inzwischen Writer in Exile in Österreich. Im Rahmen des gleichnamigen Programms lebt sie nun in Graz. Dort hat Cimafiejeva ein tagebuch weitergeführt, das sie in den Tagen vor den Präsidentschaftswahlen in ihrem Land im August 2020 begonnen hatte – es liegt hier erstmals in Deutsch veröffentlicht vor:

Eine Chronik der Ereignisse in eindrücklichen Worten, eine Chronik von Hoffnung und Gewalt. Notizen aus einem Land, das von einem absurden autoritären System in eine offene Diktatur abgleitet – weil sich Belarusinnen und Belarusen sich nicht mehr mit den Lügen der Machthaber abfinden. (abewandelte Verlags-Inhaltsangabe)

Rezension:

Die Studentin beobachtet in ihrem Wohnheim nachts heimlich das Austauschen von Wahlurnen. Die Welt indes schenkt Lukaschenko keine Beachtung. Gerade richtet sich die Aufmerksamkeit auf die einstürzenden Türme des World Trade Centers in New York City und der autoritäre Herrscher zementiert seine Macht. Jahre später ist die Stimmung hoffnungsvoll. Die Opposition hat drei respektable Kandidatinnen. Aufbruch versprechen sie, Wandel. Das Volk geht dafür auf die Straße. Diesmal schaut die Welt zu. Doch das Regime weiß wie man spielt. Mit Unsicherheit und Angst, unter Nutzung von Polizei, Geheimdienst, unter Nutzung von Gewalt.

Die Dichterin, die längst Texte veröffentlicht, lebt in der belarusischen Hauptstadt, hofft und bangt, möchte etwas tun, demonstrieren vielleicht. Man muss auf der Hut sein. In diesen Tagen werden unzählige Menschen verhaftet, von der Straße weg, wenn sie mit der Opposition in Verbindung gebracht werden. Und sei es nur, weil die Socken deren Farbgebung haben.

Ihre Waffe ist das Wort, ein Stift und ein kleines Heft. Es entsteht ein Tagebuch der Proteste. Zunächst voller Hoffnung, vielleicht Zukunftspläne mischen. Was wäre, wenn sich diesmal wirklich etwas ändert? Schnell wird dies verdrängt. Immer öfter nehmen Ängste überhand, je heftiger sich das Regime wehrt. Schließlich der Drang, zu gehen. Erst im Exil ist sie wieder vorhanden, Luft zum Atmen.

Julia Cimafiejeva beschreibt eindrucksvoll die persönliche Sicht auf einen Konflikt, der regelmäßig aufbricht, kurze Zeit Aufmerksamkeit erlangt, um dann dem Vergessen anheim zu fallen. Wer erinnert sich denn noch regelmäßig an die Ereignisse des gescheiterten Versuchs eines Volkes, ein Land zu verändern? Wer hat sich damals, wer interessiert sich heute für die Folgen dieser Tage? Nie zuvor stand das belarusische Regime so sehr mit dem Rücken zur Wand? Nie wehrte es sich so heftig, um dann gefestigter denn je daraus hervorzugehen.

Immer wieder schweift die Beobachterin ab, in ihre Gedankenwelt, nur um dann selbst Akteurin der Ereignisse zu werden. Man hält den Atem an, wenn sie berichtet, wie sie vor Protesten flieht, in Hausaufgänge, Innenhöfe hinein, in das nächste Geschäft. Die Erleichterung ist zu greifen, wenn sie wieder einmal den Häschern entkommen ist. Dann wieder Ängste. Gefühlswelten wechseln innerhalb des Textes, der zunehmend immer bedrohlicher wirkt. Die Gefahr wandelt sich in eine Schreibblockade um. Gedichte zu schaffen, scheint der Autorin unmöglich. Erst außerhalb Belarus wird sich dies lösen.

„Manchmal denke ich, dass sie mit imaginären Feinden kämpfen: grausam, brutal, stark, bis an die Zähne bewaffnet, echte Superkriminelle – die nur in den Köpfen der belarusischen Machthaber existieren. Vielleicht haben sie sich solche echten Gegner immer gewünscht…“

Julia Cimafiejeva: Minsk. Tagebuch

Schließlich das Exil. In Graz gibt es zu dieser Zeit noch keine belarussische Community. Die ist in der österreichischen Hauptstadt viel größer. Doch, im Ausland wird der Konflikt schnell verdrängt. Ernüchternde Erkenntnis, vermischt mit der Erleichterung, der Tristesse, der ständigen Bedrohungen entkommen zu sein. Und wieder schreiben zu können. Frei. Die Einträge im Tagebuch werden leichter. Lesen sich leichter. Die Autorin schafft zum Ende hin nicht nur mit ihrem Text ein Stück Protest.

Der Text, der im Nachhinein entstand, transportiert diese Stimmungen. Die Sätze, mal kompakt, mal ausschweifend, machen deutlich, wie inmitten Europas ein Land und sein Herrscher einem Volk die Luft zum Atmen nimmt. Das Regime kann sich darauf verlassen, dass der Blick Europas schnell in andere Richtungen zeigt. Das Lebensglück der Menschen indes wird verspielt. Ernüchterung, Enttäuschung, Hoffnungslosigkeit. Je nach Abschnitt, es gibt derer drei, kommt mal dieses, mal jenes Gefühl zum Tragen. Die Autorin hat sich diese Tage ins Gedächtnis eingeschrieben, gegen das Vergessen. Damit das wenigstens jemand tut.

Autorin:

Julia Cimafiejeva wurde 1982 geboren und ist eine belarusische Dichterin und Übersetzerin. Zunächst studierte sie Englisch, schrieb selbst an mehreren Büchern und Gedichten, veröffentlicht regelmäßig Texte. Ende 2020 lebte sie für längere Zeit in Graz und ist Teil des Programms Writer in Exile, in Österreich. Sie ist Mitglied des Belarusischen PEN und der Vereinigung belarusischer Autoren und Autorinnen.

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Jan Bazuin: Tagebuch eines Zwangsarbeiters

Inhalt:

Das kürzlich entdeckte, hier erstmals publizierte Tagebuch des Jan Bazuin ist das ergreifende Zeugnis eines Rotterdamer Jugendlichen, der während des Zweiten Weltkriegs zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert wurde. Die renommierte Zeichnerin Barbara Yelin hat die knappen, schnörkellosen Notizen einfühlsam illustriert und macht so das Geschehen auf unheimliche Weise präsent. Ein wichtiges, ein fesselndes Buch nicht nur für junge Leser. (Klappentext)

Rezension:

Im Nachhinein aufgeschriebene Erinnerungen sind nicht selten überlagert von durch das kollektive Gedächtnis aufoktroyierte Erinnerungen, die die Geschichtswissenschaft trennen muss, vom tatsächlichen Geschehen und den damaligen wirklichen Empfindungen. Nicht immer ist es einfach, das zeithistorische Fundament freizulegen, zumal, nur natürlich, auch den Zeitzeugen die Erlebnisse verschwimmen oder diese vor geschichtlichen Ereignissen einfach besser stehen möchten oder Geschehnisse so erschreckend waren, dass sie verdrängt waren und nur langsam wieder an die Oberfläche kehren.

Am Genauesten sind hier noch Tagebücher, die nicht im Nachhinein verändert wurden. Sie geben einen unverfälschten Eindruck wieder. Ein solches über ein noch zu selten beleuchtetes Kapitel der deutschen Geschichte wurde nun neu aufgelegt.

Es handelt sich um den schriftlichen Nachlass des Rotterdamer Jugendlichen Jan Bazuin, der aufgrund der familiären Enge und der Auswirkungen des NS-Besatzungsregimes sich gezwungen sah, sich für einen Arbeitseinsatz in Deutschland zu melden, um der häuslichen Situation zu entgehen. Das aus drei Heften bestehende, hier zusammengelegte Tagebuch, zeigt in nüchterner Sprache die Auswirkungen der NS-Zwangsarbeit auf die Biografie eines Jugendlichen, der sich mit seiner Deportation nach deutschland vom regen in die Traufe gehen sah, genau und nüchtern all das notierte, was er beobachtete und empfand.

Anfangs optimistisch verschärft sich bald der Ton. Jugendlicher Tatendrang wechselt mit Resignation und Verzweiflung. Der Wechsel längerer „Alltagsbeschreibungen“ zu kurzen Notizen erfolgt oft abrupt. Gleichwohl wird schnell klar, und dies ist es auch dem Schreibenden selbst, dass es mehrere „Klassen“ der Zwangsarbeit gegeben hat und Bazuin es vergleichsweise gut getroffen hat, dennoch schildert auch er Situationen der menschlichen Entgrenzung, die unter die Haut gehen. Unterstrichen wird dies durch die einfühlsamen Zeichnungen von Barbara Yelin, die die bedrückende Wirkung des Geschriebenen hervorheben.

Historisch eingeordnet wird dies durch ein ausführlich erläuterndes Nachwort, welches über die beschriebenen Orte der NS-Zwangsarbeit aufklärt, zudem durch ein Begriffe-Glossar, der dies auch für weniger fachlich versierte Lesende zugänglich macht. Das Werk ist zugleich eine Veröffentlichung des NS-Dokumentationszentrums München und damit ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen, ohne die Schwere eines allzu umfassenden Sachbuchs zu besitzen. Unbedingt lesenswert.

Autor:

Jan Bazuin wurde 1925 in Rotterdam geboren und arbeitete zunächst in der familieneigenen Druckerei. Aufgrund der familiären Situation und des von Hungersnot und Besetzung gebeutelten Lands meldete er sich Anfang 1945 zum „Arbeitseinsatz“ im Deutschen Reich und schrieb währenddessen mehrere Tagebücher über Leben und Überlebenunter den Deutschen. Im Zuge der aufarbeitung zur NS-Zwangsarbeit im früher zum RAW Neuaubing gehörigen Barackenlager wurden diese wieder entdeckt und neu aufgearbeitet.

Ausarbeitung:

Barbara Yelin wurde 1977 in München geboren und ist eine deutsche Comiczeichnerin. Zunächst studierte sie Illustration an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg und zeichnete mehrere in Deutschland und Frankreich erschienene Anthologien. Für mehrere Zeitungen erarbeitete sie Comic-Strips. 2016 wurde aus einem von ihnen ein Buch.- 2018 veröffentlichte sie in Carlsenverlag, zudem 2020 ein Kinderbuch in Zusammenarbeit mit Alex Rühle.

Sie unterrichtete an der Hochschule der Bildenden Künste Saar und als Dozentin im Comic-Seminar Erlangen, seit 2018 zudem an der Universität für Angewandte Kunst, Wien. Für ihre Arbeit erhielt sie den Bayrischen Kunstförderpreis für Literatur, 2015, sowie den Max-und-Moritz-Preis als beste deutschsprachige Comic-Künstlerin, 2016.

Paul-Moritz-Rabe wurde 1984 in Erlangen geboren und ist ein deutscher Historiker. Er leitet die wissenschaftliche Abteilung des NS-Dokumentationszentrums Münschen sowie des Erinnerungsortes auf dem Gelände des ehemaligen NS-Zwangsarbeiterlagers Neuaubing. Sein Buch „Die Stadt und das Geld“, welches 2017 erschien, zur Haushalts- und Finanzpolitik Münchens während der NS-Zeit wurde mit mehreren Förderpreisen ausgezeichnet.

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Sid Jacobson/Ernie Colon: Das Leben der Anne Frank – Eine Biografie

Inhalt:

Menschen in aller Welt kennen Anne Frank, die 1929 als Kind jüdischer Eltern in Deutschland geboren wurde und später mit ihrer Familie vor dem Terror der nationalsozialisten in die Niederlande emigrierte, wo sie sich schließlich über zwei Jahre in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckte. Dort schrieb sie ihr bewegendes Tagebuch. Heute ist Anne Frank ein Symbol für Millionen von Juden geworden, die der rassistischen Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten zum Opfer fielen.

In Zusammenarbeit mit dem Anne Frank Haus in Amsterdam verfassten Ernie Colon und Sid Jacobson diese umfassende Biografie. In Form einer Graphic Novel. Beginnend bei der Heirat der Eltern bis hin zu Annes tragischen Tod im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

(geänderter Klappentext)

Rezension:

Ihre Aufzeichnungen sind ein Symbol dessen, welches Potenzial der Welt durch das menschenverachtende und todbringende Wirken der Nationalsozialisten in Deutschland und den von ihnen im Zweiten Weltkrieg besetzten Ländern, entrissen wurde. Welche Chancen hätten sich Anne und so vielen anderen Kindern und Jugendlichen ergeben, wären sie unter normalen Umständen aufgewachsen und nicht einer zerstörerischen Vernichtungsmaschinerie zum Opfer gefallen?

Anne Franks Tagebuch gibt uns Einblick in die Seele einer Jugendlichen, die versteckt vor den Häschern der Nazis, in einem Amsterdamer Hinterhaus ausharren musste, so viele Hoffnungen und Träume hegte, aber auch Ängste ausstehen musste, bis das Schicksal auf’s Grausamste zuschlug. Ihr Leben endete kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

So viel zur Geschichte. Diese ist bekannt, nicht zuletzt durch verschiedene Versionen ihres Tagebuchs, welches 1947 erstmals in den Niederlanden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Verfilmungen folgten, inzwischen auch sekundärlektüre, die sich mit den Helfern etwa beschäftigt, Anne Franks Freundschaften aus Kindertagen oder den Verrat, den die Untergetauchten zum Opfer fielen. Auch dieses Werk reiht sich da ein, eine Graphic Novel, die die Zeit des Verstecktwerdens verbildlicht.

Da stellt sich natürlich zunächst die Frage, darf man das? Reicht nicht das Tagebuch in seiner ursprünglichen Form? Muss immer noch ein Medium genutzt werden, wo doch der Text des Mädchens, mit dem Wissen um ihr Schicksal, schon hart genug zu lesen ist? Kann eine Verbildlichung die Gefühle, das Denken der Portraitierten überhaupt annähernd und ausreichend transportieren? Muss das sein? Wie sehr kann man komprimieren, herausstellen und verdeutlichen, was schon zu lesen kaum zu fassen ist?

Die Zeichner Ernie Colon und Sid Jacobson haben diese Fragen für sich beantwortet und in jahrelanger Kleinarbeit dieses sehr sensible Projekt umgesetzt. Unterstützt durch das Anne Frank Haus in Amsterdam haben sie verdichtet einzelne Episoden, die die Jugendliche anne Frank in ihrem Tagebuch beschrieb zu einem Gesamtwerk grafisch aufbereitet, welches geeignet ist, neben Text und Verfilmungen zu wirken, nicht minder beeindruckend.

Die Farbgebung ist blass, doch wirkt sie gerade zu Beginn fröhlich, um dann kontrastreich in dunklere Töne zu wechseln. Schließlich war auch das Versteck von Annes Familie und ihren Freunden dunkel und beengt. Die Autoren haben dabei ihr Hauptaugenmerk zunächst allgemein auf das Familienleben, gelegt, danach nur noch aus der Perspektive von anne selbst erzählt, ihre inneren Konflikte, kleine Freuden und Hoffnungsschimmer jedoch ebenso dargestellt. Die Linienführung erinnert an alte Fotografien.

Wer das Tagebuch gelesen hat oder wem der Stoff in reiner Textform zu schwer erscheint, für den ist die Graphic Novel durchaus eine Variante, sich Zugang zur Thematik zu verschaffen. Die gefühle, die beim Lesen aufkommen, werden auch hier hervorgerufen, vielleicht sogar noch mehr, da natürlich einzelne Episoden, die Anne so ausführlich beschrieben hat, verdichtet werden mussten. Als Ergänzung zum tagebuch hat diese Graphic Novel somit in jedem Fall ihre Berechtigung und lohnt einer näheren Betrachtung.

Autoren:

Sid Jacobson wurde 1929 geboren und ist ein US-amerikanischer Comic-Zeichner. Zunächst war er Chefredakteur bei Harvey Comics und schuf verschiedene Figuren, u. a. Richie Rich oder Casper, danach arbeitete er für marvel Comics, ebenfalls als Chefredakteur. 2010 erschien seine grafische Biografie zu Anne Frank, zuvor über den Terroranschlag 9/11 und Amerikas Krieg gegen den Terror.

Ernie Colon wurde 1931 geboren und ist ein US-amerikanischer Zeichner, arbeitete ebenfalls zunächst für Harvey Comics, anschließend für DC Comuics und Marvel.

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Bücher gegen das Vergessen #01

In zwölf Teilen soll es hier um besondere Bücher zu geschichtlichen Themen gehen, die gegen das Vergessen geschrieben und veröffentlicht wurden. Es ist eine unvollständige, vollkommen subjektive Auswahl und es gibt sicher noch viel mehr von dieser Sorte zu lesen. Diese Rubrik soll daher nur ein Anstoß sein, sich damit zu beschäftigen.

Dies ist Teil 1.

Die Tagebücher des Petr Ginz

Nicht wenigen dürften, zumindest als Schullektüre, „Die Tagebücher der Anne Frank“ bekannt sein, die das jüdische Mädchen in ihrem Amsterdamer Versteck geschrieben hatte, worin sich die Familie vor ihrer Entdeckung durch die Nazis während der Besetzung der Niederlande im Zweiten Weltkrieg zurückziehen musste.

Doch, auch andere Kinder schrieben das alltäglich Erlebte, das Grauen, auf, welches in besonderen Zeiten Aufsehen erregt hätte, jedoch ein Zustand wurde, mit denen sie versuchten, zurecht zu kommen. Viel davon ist beeindruckend zu lesen und bei Lektüre regelrecht erdrückend.

Petr Ginz: Prager Tagebuch 1941-1942
Bloomsbury, 192 Seiten, ISBN: 978-3-8270-5245-2 (antiquarisch)

Das tschechische Äquivalent zu Anne Frank sind die Tagebücher des Prager Jungen Petr Ginz, der 1928 geboren wurde und als Zwölfjähriger begann, das Erlebte aufzuschreiben. Seine kleinere Schwester und er wuchsen liebevoll umsorgt in der tschechisch-slowakischen Hauptstadt auf, die mit als erste zu spüren bekam, was es bedeutete, von den Nationalsozialisten besetzt worden zu sein.

Petr zeichnete sich dabei durch eine sehr genaue und nachhaltige Beobachtungsgabe aus.

Juden müssen ein Abzeichen tragen. Auf dem Weg zur Schule habe ich 69 ‚Sheriffs‘ gezählt, Mama hat über Hunderte gesehen.

Petr Ginz: Prager Tagebuch 1941-1942

Der Junge schrieb auf, was Alltag wurde. Anders als Anne Frank, kurz und knapp, fast journalistisch genau, ohne Gefühle ausführlich zu beschreiben, die nur hin und wieder durchscheinen. Es war ja ursprünglich nur für ihn selbst gedacht. Sicher dachte er nicht daran, dass einmal seine Erinnerungen veröffentlicht werden würden. Die Gefühle kommen dann eher in seinen zahlreichen Zeichnungen, kolorierten Linolschnitten oder Gedichten zum Vorschein. Ein feinfühliger, sensibler und mental starker Junge, so scheint es den heutigen Lesern.

Die Familie versteckte sich nicht. Seine Schwester Eva und er kamen später nach Terezin/Theresienstadt. Eva überlebte. Petr wurde nach Auschwitz deportiert und dort wie viele andere ermordet.

Nachdem Absturz der Raumfähre Columbia, in die der israelische Astronaut Ilan Ramon die Kopie einer Zeichnung von Petr Ginz mitgenommen hatte, die zeigte, wie sich der Junge die Mondlandschaft vorstellte, erhielt seine Schwester die Nachricht vom Fund seiner Tagebücher in Prag, zusammen mit anderen kreativen Werken Petrs.

Petr Ginz: Mondlandschaft

Im Jahr 2006 wurden sie erstmals veröffentlicht.

Derzeit ist die Ausgabe der Prager Tagebücher 1941-42 nur antiquarisch zu bekommen. Doch, wer Tschechien, insbesondere Prag besucht, findet überall Spuren, nicht nur den Stolperstein vor der ehemaligen Wohnadresse. In einer Prager Synagoge sind die Namen all der Hauptstadteinwohner aufgeführt, die den Holocaust nicht überlebten, in einer anderen findet man ein Bild, welches Petr im Tereziner Ghetto gezeichnet hatte.

Auch in Theresienstadt selbst, wo Petr und andere Jungen die Untergrundzeitung Vedem verfasste, gibt es Werke von ihm zu sehen.

Von Petr Ginz geschriebenes und von Nizza Thobi vertontes Gedicht.

Wer sich mit der Geschichte der Prager Juden beschäftigen möchte, wird unweigerlich auf die von Petr Ginz stoßen, der in anderer Zeit ein großer Journalist, Schriftsteller oder Wissenschaftler hätte werden können. Wer kann, besorge sich die antiquarische Ausgabe des Tagebuchs eines Jungen, der auch Geschichten im Stil von Jules Verne schrieb, den er bewunderte. Heute würde man von einer der ersten Fanfictions sprechen. Leider wurde diese bisher nicht übersetzt.

Seine Prager Tagebücher, die denen in der Beobachtungsgabe von Anne Frank in nichts nachstehen, jedoch schon. Sie seiem jedem zur Lektüre empfohlen.

Vzpominka na Prahu – Petr Ginz

Weiterführende Links:

Website über Petr Ginz – Mehr Informationen

The last flight of Petr Ginz

Schule – Judentum / Petr Ginz

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Dirk Liesemer: Aufstand der Matrosen

Aufstand der Matrosen Book Cover
Aufstand der Matrosen Rezensionsexemplar/Sachbuch mare Verlag Hardcover Seiten: 232 ISBN: 978-3-8664-8289-0

Inhalt:
Herbst 1918. Nach mehr als vier Jahren Krieg haben die Menschen es satt: das Kämpfen, das Hungern, das Sterben.

Der militärische Zusammenbruch steht unmittelbar bevor – und vor der geplanten Entscheidungsschlacht gegen England regt sich Widerstand unter den Matrosen… Auf eindringliche Weise führt dieses Buch vor Augen, wie aus einem Matrosenaufstand eine landesweite Revolution wurde, die Deutschland für immer veränderte. (Klappentext)

Rezension:
Vier Jahre nach Beginn der Urkatastrophe des 20. jahrhunderts war die Welt eine andere. Im Osten hatten bereits die Bolschewiken den Zaren und seine Familie vom Thron gefegt und damit die über dreihundert Jahre währende Dynastie der Romanows für immer beendet, im Westen versanken die Soldaten im Schlamm und Morast der Schützengräben.

Verwundete Kriegsheimkehrer und die immer schlechtere Versorgungslage im Land ließen die anfängliche Kriegsbegeisterung in sich zusammenschrumpfen, von der 1918 kaum mehr etwas übrig war. Der Krieg war verloren, die Bedingungen der Sieger würden hart werden, und doch wollten die meisten Menschen ein Ende der Kämpfe. So genügte ein kleiner Funke, der das Fass zum Überlaufen brachte und auch deutschland für immer veränderte.

Dirk Liesemer hat sich aufgemacht und anhand zahlreicher Biografien die Ereignisse um den Matrosenaufstand in Kiel und dessen Folgen recherchiert. Minutiös konstruiert er mit Hilfe von Personengeschichten, wie einzelne Akteure plötzlich das politische Geschehen bestimmten, die alte Ordnung in Frage stellten und schließlich stürzten.

Dabei konzentriert sich der Autor und Journalist nicht nur auf später wichtig werdende Persönen, wie Scheidemann oder Karl Liebknecht, sondern vor allem auch auf die Matrosen, die sich nicht als letztes Kanonenfutter missbraucht sehen wollten. Eindringlich schildert er in kurzweiligen Kapiteln abschnittsweise die Ereignisse, die sich in immer schnellerer Folge verselbstständigten, über die einige Akteure schnell selbst die Kontrolle verloren und zum Dasein als Zuschauer verdammt waren.

Gegliedert ist das alles nach Daten und Orten, so dass der Leser schön mitverfolgen kann, wie sich ein örtlich begrenzter Aufstand über das ganze Land verbreitete, wunderbar recherchiert anhand von Tagebucheinträgen, Briefen und Zeitungsausschnitten.

Wir begegnen Personen wie den Manns, Rilke oder Ringelnatz, später wichtig werdenden Politikern wie Scheidemann oder Adenauer, und verfolgen die Ereignisse um die Abdankung des letzten Hohenzollern Wilhelm II., der die Welt einst ins Unglück gestürzt hatte.

Der Verlauf der Geschichte und die Folgen, auch die späteren, sind bekannt, weniger jedoch die einfacher Soldaten oder Matrosen, die für wenige Tage eben diesen mitbestimmten. Eindrücklich lässt der Autor die Stimmung der Zeit wieder aufleben und zeigt die Kette der Ereignisse in ihrer ganzen Unausweichlichkeit.

Ein kleiner Ausschnitt aus der Geschichte, differenziert und ausführlich dargestellt, liegt mit „Aufstand der Matrosen“ hier den Lesern vor und wird so fass- und nachvollziehbar. Dirk Liesemer macht den Wendepunkt über Personen fest und zeigt, wie schnell diese Veränderungen Deutschland beeinflussten und wo vielleicht die Grundsteine für spätere politische Folgen gelegt wurden.

Dies gelingt gut, wenn man sich auch an manchen Stellen etwas mehr Tiefe und Erläuterungen gewünscht hätte. Ansonsten ist dies eine gute Ergänzung zur bereits bestehenden Literatur.

Autor:
Dirk Liesemer wurde 1977 geboren und ist ein deutscher Journalist und Autor. Nach der Schule studierte er Philosophie und Politologie in Münster und Rennes. Anschließend besuchte er die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. Für verschiedene Zeitungen arbeitete er als Redakteur in Münschen und Berlin, ist heute freiberuflich als Journalist tätig.

Er ist Mitglied des Berufsverbands freier Journalisten und Journalistinnen „Freischreiber e.V.“ und veröffentlichte bereits mehrere Bücher (u.a. Das Lexikon der Phantominseln). Liesemer lebt in Leipzig.

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