Sören Kittel: An guten Tagen siehst du den Norden

An guten Tagen siehst du den Norden Book Cover
An guten Tagen siehst du den Norden Sören Kittel Reisebericht Dumont/mairdumont Erschienen am: 03.08.2018 Taschenbuch Seiten: 384 ISBN: 978-3-7701-8297-8

Inhalt:
Unterwegs im Land der Extreme

Südkorea scheint nur Rekorde zu kennen: die längsten Arbeitszeiten, die niedrigsten Geburten- und höchsten Wachstumsraten. Reporter Sören Kittel arbeitete eineinhalb Jahre in der ostasiatischen Republik und erzählt die besten Geschichten aus dem Land im Aufbruch: Geschichten vom Wandel einer Diktatur zur Demokratie, von Verliebten, die sich nur noch per App verständigen, und mordernen Koreanern, die es zurück in die Tempel zieht. (Klappentext)

Rezension:
Es ist ein Land, welches schon aufgrund der Entfernung zu Europa kaum auf die Liste der zu besuchenden Reiseziele steht und auch sonst eher in den Nachrichten nur im Zusammenhang mit den bösen Nachbarn steht. Nordkorea ist das einzige Land, mit dem es eine gemeinsame, wenn auch spannungsintensive Grenze gibt.

Theoretisch befindet sich Südkorea immer noch im Krieg. Der Schwebezustand, in dem sich Land und Leute befinden, existiert seit 1953, als nach dem Koreakrieg ein Waffenstillstandsvertrag geschlossen wurde.

Der 38. Breitengrad ist seither Staatsgrenze und Zone allerlei Konflikte. Grund für das Han, den Zustand der Traurigkeit, den nur Koreaner verstehen können. Sören Kittel begibt sich auf die Suche nach dem Han und erkundet dabei das Land, entlang der Küste von Seoul bis zum südlichsten Punkt des Landes, und wieder zurück zur Grenze, in mitten der Halbinsel.

Es sind die Geschichten der Menschen, die ihn interessieren und denen er nachspürt. Kittel entdeckt dabei ein Land im Auf- und Umbruch, ein Land zwischen Tradition und Moderne, auf der Suche zu sich selbst und Menschen, die nicht mit aber in keinem Fall ohne Südkorea können.

Im reportagenhaften Stil berichtet Sören Kittel von seinen Begegnungen. Die kurzweiligen Kapitel sind nach den örtlichen Stationen gegliedert, die er bereist, betitelt jeweils mit dem Synonym für die jeweilige Gegend, die Besonderheit, auf der sich der Abschnitt herunterbrechen lässt und jeweils einem koreanischen Begriff.

Der Autor versucht einen Zugang zu den Menschen zu finden, zunächst mit den eigenen Erfahrungen, schließlich war auch Deutschland einst geteilt, ein Beispiel, welches man sich in beiden koreanischen Staaten genau anschaut, welches jedoch aktuell in weiter Ferne gerückt ist, dann über die Extreme selbst, die Südkorea zu bieten hat.

Unbemerkt zwischen den geopolitischen Globalplayern China und Japan hat sich längst eine neue wissenstechnologische Supermacht etabliert, die im ständigen Balanceakt nicht nur sich selbst sucht, sondern auch, zumindest in technischer und wirtschaftlicher Hinsicht längst Weltgeschicke bestimmt. Kittel spricht mit den Menschen über die Auswirkungen, in einer autoritären Demokratie zu leben, die aufgrund der politischen Situation unsicher im Umgang mit der eigenen Geschichte zu sein scheint. Ein Zustand, der sich quer in der Gesellschaft zeigt.

Thematisch wird dabei kaum ein Thema unberührt gelassen, gerade deshalb ist „In guten Tagen siehst du den Norden“ eine vielschichtige und sensible Reisereportage, die dieses Land dann doch auf die Liste potenzieller Reiseziele ganz weit nach Oben rückt. Und vielleicht versteht man dann auch, was Han eigentlich genau ist.

Autor:
Sören Kittel wurde 1978 in Dresden geboren, studierte nach der Schule in Leipzig, Amsterdam und Berlin Ethnologie und Südostasienwissenschaften, lernte verschiedene Sprachen und lebte in Jakarta, Peking und Nairobi. Für die Berliner Morgenpost schrieb er verschiedene Reportagen und gewann u.a. den EMMA-Männerpreis, sowie für eine Reisereportage über Nordkorea den Meridian-Journalistenpreis. 2014 zog er nach Seoul und arbeitete dort für verschiedene Zeitungen und Magazine als freier Journalist. Zurzeit arbeitet er für die Funke-Mediengruppe. Kittel lebt in Seoul und Berlin.

Erika Fatland: Die Grenze

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Die Grenze Erika Fatland Sachbuch Suhrkamp Erschienen am: 08.04.2019 Taschenbuch Seiten: 623 ISBN: 978-3-518-46974-3 Übersetzer: Ulrich Sonnenberg

Inhalt:
Erika Fatland, Autorin des Bestsellers „Sowjetistan“, reist entlang der über 20.000 Kilometer langen russischen Grenze durch 14 Länder und begegnet dort den unterschiedlichsten Menschen – Taxifahrern, Geschichtsprofessoren, Rentierhierten und anderen. Sie hört zu, stellt Fragen, sammelt Geschichten. So entstehen schillernde Porträts dieser eigenwilligen Menschen und Länder. Aber auch ein Porträt des weltpolitischen Giganten – aus der Sicht seiner Nachbarn. (Klappentext)

Rezension:
Der Vielvölkerstaat, der sich über zwei Kontinente erstreckt, ist faszinierend. Ständig im Wandel begriffen, geprägt durch die kulturellen Unterschiede seiner Bewohner und im ständigen Konflikt mit seinen Nachbarn, grenzt das Riesenreich heute an 14 Ländern. Norwegen teilt da noch die kleinste Grenze mit dem russischen Bären. Doch, was bedeutet es eigentlich heute, in Nachbarschaft eines Staates zu leben, dessen Überlebensstrategie sich vor allem auf Rohstoffe und territoriale Ambitionen bezieht?

Wie leben die Menschen in Ost und West, Nord und Süd an der Grenze zu Russland und was sagt dies letztlich über den Staat selbst aus? Die Journalistin und Autorin Erika Fatland hat sich aufgemacht zu den Menschen entlang der Grenze und spürt ihren Geschichten nach. Herausgekommen ist ein Sammelsurium an Geschichten, nicht zuletzt jedoch ein vielschichtiges Porträt eines Landes in ständiger Bewegung.

Nach ihrer vielbeachteten Reportagereise durch „Sowjetistan“ liegt in deutscher Übersetzung nun der nächste Bericht vor, dessen Vorbereitungen unglaublich strapaziös gewesen sein mussten. Der Weg durch den staatlichen Behördendschungel einzelner Länder dürfte da noch das geringste Problem gewesen sein, nimmt die Autorin hier ihre Leser erst wieder mit, nachdem diese abgeschlossen sind.

In mehreren Abschnitten sind Reise und Buch unterteilt. So fährt der Leser zunächst entland Russlands gewaltiger Küstenlinie, bevor es von Nordkorea ausgehend, entland der Landesgrenze Russlands bs nach Norwegen gibt, der letzten Etappe dieser gewaltigen Reise.

So vielfältig wie die Landschafts- und Umgebungsbeschreibungen, die wortgewaltig den Leser an die jeweiligen Orte versetzen, so sind es auch die Begegnungen mit gewöhnlichen und außergwewöhnlichen Menschen, die diese Reisereportage so besonders machen. Erika Fatland hört ihnen zu, Regimekritikern und Händlern, den Taxifahrern und ehemaligen Politikern, Zöllnern wie auch Utopisten.

Alle haben sie ihre eigene Geschichte zu erzählen und jeder Einzelne verbindet mit dem Nachbarland etwas, meist untersetzt mit zwiespältigen gefühlen. Vielerorts würde man gerne ohne ihn, weiß jedoch, dass dies nicht möglich ist, zumal auch Konflikte wie in Georgien oder der Ukraine zeigen, dass auch heute noch Russland sehr empfindlich reagiert. Je nachdem, welche Sichtweise man einnimmt.

Erika Fatland werdet dabei nicht, beobachtet nur und nimmt die eindrücke in sich auf. Zur Orientierungshilfe gibt es einen Kartenausschnitt für jede Reiseetappe, zwei Fototeile lockern den Bericht auf. Wieder einmal ist der Norwegerin ein ausgewogener Bericht über den aktuellen Zustand, diesmal über die Grenze zu Russland, gelungen, die mit gemischten Gefühlen betrachtet werden kann.

Je nachdem, wo man sich gerade befindet. Diesen Blick schärft die Autorin ungemein, scheut sich nicht kritisch zu hinterfragen, doch ist auch hier Politik das Eine, das alltägliche Leben etwas anderes. Das Bewusstsein dafür, wie Kultur und Geschichte, auch länger zurückliegende, Wirtschaft und Politik (dann wieder doch) zusammenhängen, gewinnt man nur durch solch einen Blickwinkel. Dies ist ihr gelungen. Für alle, die versuchen möchten zu verstehen, gleichzeitig entdecken und Hintergründe zur heutigen Situation Russlands und seiner Nachbarn ergründen möchten, eine empfehlenswerte Lektüre.

Autorin:
Erika Fatland wurde 1983 geboren und ist eine norwegische Journalistin und Autorin. Sie studierte Sozialanthropologie, spricht mehrere Sprachen und schreibt Reportagen und Artikel für zahlreiche Zeitungen und Magazine. Für ihren Reisebericht „Sowjetistan“ erhielt sie 2015 den norwegischen Buchhandelspreis, für die norwegische Ausgebe des vorliegenden Buches den Buchbloggerpreis 2018.

Rüdiger Frank: Nordkorea – Innenansichten eines totalen Staates

Inhalt:
Nordkorea und seine diktatorischen Machthaber aus der Kim-Familie werden gefürchtet und verlacht. Gefürchtet, weil das Regime mit Atomkrieg droht und die Bevölkerung im letzten staatssozialistischen System der Erde unterjocht. Verlacht, weil auf westliche Betrachte Rückständigkeit und Massenaufmärche vor allem kurios wirken. Aber das wird dem Land kaum gerecht.

Rüdiger Frank, einer der besten Kenner Nordkoreas, der regelmäßig dorthin reist, versucht in diesem Buch eine Annäherung an das abgeschottete Land, aus dem nur wenig verlässliche Nachrichten dringen. Aus seiner reichen Erfahrung heraus erklärt er Geschichte und Selbstverständnis, die Machtstrukturen und die seit einiger Zeit zu beobachtenden Änderungen im Alltag und in den wirtschaftlichen Verhätlnissen.

Und er wagt einen Ausblick auf die Frage einer möglichen Wiedervereinigung mit Südkorea. (Klappentext)

Rezension:
Nordkorea ist als kleines Land die große Unbekannte unter den Staaten Asiens. Über kaum ein Land dringt so wenig nach Außen, über kaum ein Land gibt es so wenige Informationen und wird so einseitig berichtet, wie dieses auf der koreanischen Halbinsel.

Doch, abseits von Halbwissen und Begrifflichkeiten wie der „Achse des Bösen“, wozu die Vereinigten Staaten das Land zählen, „Atomtests“ und „Hungersnöte“, fragt sich der westliche Beobachter, wie es den Land bis heute gelingt, zu existieren, während andere Länder mit ähnlichen Staatssystemen zusammenbrachen oder zumindest wirtschaftlich eine 180-Grad-Wende vollzogen, allen voran Nordkoreas großer Nachbar China.

Wie gelang es dem Regime sich trotz Hungersnöte und technologischen Rückstand zu halten? Wir alle haben die Satellitenbilder im Kopf, die ein dunkles Nordkorea zeigen, umgeben von durch Elektrizität hell erleuchteten Nachbarstaaten. Worauf baut der Staat auf? Welche Ideologien stecken dahinter und sind diese wirklich so starr, wie es scheint?

Oder durchlebt der Nachbar Südkoreas gerade eine Phase des langsamen, aber kontinuierlichen Umbruchs? Wie gestaltet sich die Gesellschaft Nordkoreas ihren Alltag? Gibt es ein Umdenken im Umgang mit den Regime und den Nachbarn?

Weshalb ist die Teilung Koreas und dem zu Folge eine mögliche Wiederveinigung nicht mit der Deutschlands zu vergleichen, auch wenn beide Staaten nach Berlin schauen und die Wiedervereinigung Fernziel für beide ist? Und, wo liegen die Fallstricke?

Rüdiger Frank, der beide koreanische Staaten vom Äußern und insbesondere vom Inneren her kennt, analysiert Korea und zeichnet das Bild eines Staates, welches mehr interessante Fragen bereithält, als dass es Fragen beantwortet.

Zu spannend ist es, zu beobachten, was derzeit in Nordkorea passiert, wenn es sich auch für den Beobachter, der jetzt nur die Beiträge aus den westlichen Medien kennt, selten so zu erkennen gibt. Man muss schon dorthin reisen und Kontakte in beide koreanische Staaten haben, um analysieren zu können und genau dies tut Frank in diesem Buch.

Zunächst beschäftigt sich der Autor mit der Geschichte Koreas, die in die Teilung von Außen heraus führte und folgend mit den ideologischen Überbau, der als erstaunlich wandlungs- und interpretationsfähig beschrieben wird. Sowohl von der staatlichen Seite als auch von der Bevölkerung selbst. Das politische System wird, soweit möglich, aufgegliedert und die wackelige Wirtschaft analysiert.

Der Autor beschreibt den Wandel Nordkoreas anhand von Reformversuchen des Regimes, zeigt, was funktioniert und was trotz Scheitern, etwa der Remormen 2002, trotzdem zurückbleibt und eines Tages helfen könnte, zu einem völligen Wandel beizutragen. Mit oder ohne den derzeitigen Machthabern.

Rüdiger Frank geht noch einen Schritt weiter und schildert die Rolle der Sonderwirtschaftszonen und die Rolle des derzeitigen Machthabers Kim-Jong-Un im staatlichen System Nordkoreas, sowie, wie Propaganda als Sonderweg zwischen Russland bzw. der ehemaligen Sowjetunion, China und den Erfeind USA funktioniert. Er wagt aber auch zugleich einen Blick in die Glaskugel, bezüglich Varianten einer Wiederveinigung beider koreanischen Staaten.

So gegliedert, ergibt sich ein ausgiebiges und detailliertes Standardwerk über die aktuelle Situation Nordkoreas und ein anderes Bild, abseits der üblichen Medien-Berichte, welches man unbedingt verinnerlichen sollte.

Rüdiger Frank zeigt auf, wo das Regime an sich selbst scheitert, aber auch, was funktioniert und welche roten Linien die internationale Staatengemeinschaft überdenken sollte, die sich zu sehr auf’s einseitige Handeln verlegt hat und damit alle Chancen der Annäherung verspielt, wenngleich Nordkorea nicht unschuldig daran ist.

Der Autor gibt einen sehr differenzierten und interessierten Einblick, der auf jeden Fall das Wissen über Nordkorea erweitert und dazu anstößt, sich eben nicht mit zweiminütigen Berichten in der Tagesschau zufrieden zu geben, sondern mehr zu erfahren.

In klarer und verständlicher Sprache zeichnet der Autor dieses Bild, dennoch verlangt das Lesen Konzentration ab, die man halten muss. Es ist kein Werk zum Nebenherlesen, aber so spannend beschrieben, wie Geschichte, Politik und Wirtschaft sonst nicht sein können. Dafür und für eine etwas klarerer Sicht auf ein, uns so unbekanntes, Land, lohnt sich die Lektüre.

Autor:
Rüdiger Frank wurde 1969 in Leipzig geboren und ist ein deutscher Wirtschafts- und Ostasienwissenschaftler. 1991/92 verbrachte er ein einsemestriges Sprachstudium an der Kim-Il-Sung-Universität im nordkoreanischen Pjörnjang, finanziert vom Deutschen Akademischen Austauschdienst und studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin Koreanistik, sowie Volkswirtschaftslehre und Internationale Beziehungen.

Später lehrte er in New York, wurde 2007 zum Professort für „East Asian Economy and Society“ an der Universität Wien ernannt und ist seit 2012 Vorstand des Instituts für Ostasienwissenschaften in Wien. In Seoul ist er als außerplanmäßiger Professor tätig und besucht beide Staaten regelmäßig. Er war Mitglied mehrerer EU-Delegationen und des World Economic Forum.

Rüdiger Frank
Nordkorea – Innenansichten eines totalen Staates
Seiten: 461
ISBN: 978-3-570-55293-3
Verlag: Pantheon

Gina Ochsner: Die versteckten Briefe

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Die versteckten Briefe Gina Ochsner Rezensionsexemplar/Roman dtv Erschienen am: 29.03.2018 Hardcover Seiten: 398 ISBN: 978-3-423-28154-6

Inhalt:

Ein kleiner Ort im Osten Lettlands, ein Junge mit großen Ohren, der die Geheimnisse der Toten zu hören vermag, gierige Investoren aus dem Westen, ein unentdeckter Schachmeister, der beste Vitaminverkäufer östlich von Riga uns verborgene Geheimnisse – ein berührender Roman über den Stoff, aus dem das Leben ist: Geschichten. (Klappentext)

Rezension:

Im Film-Geschäft funktioniert es mehr schlecht als recht, wenn Produzenten und Regisseure Geschichten erzählen wollen, zu denen sie keinen Bezug haben. Entweder wirkt das Endprodukt dann zu gewollt oder aber völlig fehlgeleitet, was im Effekt auf’s Gleiche hinausläuft. Wie aber ist es im literarischen Betrieb?

Funktioniert es etwa, wenn eine amerikanische Autorin eine estnische Geschichte erzählt? Eine, die wahrscheinlich im Heimatland der Schriftstellerin, unter Ferner-liefen abgelegt werden wird, wann rückt dort schon ein so kleines baltisches Land in den Fokus? Wird hier nicht mit Klischees gespielt? Wirkt hier auch nichts gewollt? Eine Autorin im schwierigen Spagat ihrer Erzählung.

Erzählt wird zunächst einmal die Geschichte einer Familie über Generationen, aus der sicht eines Kindes, später einer jungen erwachsenen Frau und schließlich einer todkranken Mutter, dann widerum das Leben der Bewohner eines kleinen Ortes, wie es sie in Osteuropa Hunderte gibt.

Es ist eine Erzählung über Generationen, Veränderungen und Schicksalsschläge, vom kleinen Glück und mehr oder minder großen Katastrophen. Es ist eine Geschichte über Leben und Tod und der Ungewissheit über die Zukunft. Eine Novelle darüber, was war, was ist, was sein wird.

Mehr muss man zu Anfang nicht wissen, sollte ein Leser auch nicht, zumal zu Beginnh sich auf den Schreibstil eingelassen werden muss. Nicht ganz einfach ist diese bildhafte sehr schöne Sprache, zu der man erst den Zugang finden muss, um dann in die Geschichte einzutauchen.

Große Längen muss ein Leser überstehen, um dann hin und wieder einen wundervollen Satz mitzunehmen, der durch die Geschichte trägt. Erstes kommt leider zu häufig, letzteres zu selten vor. Was nützt die schönste Sprache, wenn die Handlung nicht trägt, nicht begeistern oder faszinieren kann, gleichwohl sie glaubwürdig ist. Wobei sich die Protagonisten als teilweise sehr spleenig und sonderbar erweisen.

Das trägt nicht gerade dazu bei, den Leser bis zum Ende zu überzeugen. Teilweise haben bestimmte Ereignisse Wiedererkennungswert, wenn etwa Alteingessesene vor der tatsache ausländischer Investoren, neumodisch Heuschrecken, gestellt werden, andererseits lässt es einem ratlos zurück, wenn sich herausstellt, dass auch diese Menschen eine Geschichte, einen guten Kern haben.

Der im Klappentext erwähnte kleine Protagonist wächst zur Hauptfigur heran, ohne selbst eine zu sein. Ein Stilmittel, für welches man der Autorin Anerkennung zollen muss, zu wenig wird aber auf die im titel erwähnten Briefe eingegangen und die Abrundung, der Rahmen der Handlung macht mich auch nicht ganz glücklich.

Tief gespalten bin ich und weiß nicht, was ich von der Erzählung halten soll. Die Grundidee interessant, die Protagonisten mit Ecken und Kanten, aber der Handlungsrahmen, die Ausführung und der Schreibstil, der zu viel Ruhe hineinbringt, nehmen viel von dem Potential weg, welches die Geschichte hätte haben können. Es ist ein Roman, den man entweder lieben oder nicht mögen wird, ich entscheide mich salomonisch für die Mitte.

Autorin:

Gina Ochsner wurde 1970 geboren und ist eine amerikanische Schriftstellerin. Nach der Schule studierte sie in Iowa und Oregon und veröffentlichte 2005 eine Kurzgeschichtensammlung, die weithin positiv aufgenommen wurde. 2009 gewann sie den Flannery O’connor Award für Short Fiction. Auch unter Pseudonym veröffentlicht sie Geschichten, 2009 ihren ersten Roman.

Navid Kermani: Entlang der Gräben

Autor: Navid Kermani
Titel: Entlang der Gräben
Seiten: 442
ISBN: 978-3-406-71402-3
Verlag: C.H. Beck

Inhalt:
Ein immer noch fremd anmutendes, von Kriegen und Katastrophen zerklüftetes Gebiet beginnt östlich von Deutschland und erstreckt sich über Russland bis zum Orient. Navid Kermani ist entlang den Gräben gereist, die sich gegenwertig in Europa auftun: von seiner Heimatstadt Köln nach Osten bis ins Baltikum und von dort südlich über den Kaukasus bis nach Isfahan, die Heimat seiner Eltern.

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Serhij Zhadan: Internat

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Internat Autor: Serhij Zhadan Übersetzer: Juri Durkot, Sabine Stöhr Roman Suhrkamp Verlag Erschienen am: 11.03.2018 Hardcover Seiten: 301 ISBN: 978-3-518-42805-4

Inhalt:
Mit Politik hatte hier keiner was im Sinn. Doch als plötzlich geschossen wird, kann sich niemand mehr raushalten. Auch Pascha nicht, der Lehrer, der sein ganzes leben in einer Bergarbeitersiedlung im Donboss verbracht hat.

Er bricht auf, quer durch die Stadt, zum Internat, um seinen Neffen in Sicherheit zu bringen. Nach einer odyssee durch die einst vertraute, jetzt zerstörte Gegend ist für Pascha nichts mehr wie zuvor. Ein Roman über den unerklärten Krieg und den Versuch, dem sinnlosen Sterben zu trotzen. (Klappentext)

Rezension:
Es herrscht Krieg und irgendwer muss ja das Kind aus dem Frontbereich herausholen. Dort ist es in einem Internat untergebracht, abgeschoben von der Mutter, die den an Epilepsie leidenden Sohn an sich froh war, los geworden zu sein. Ein Problem weniger.

Doch, das Land ist im Ausnahmezustand. Kämpfe nähern sich der Stadt. Und so beschließt Pascha seinen Neffen aus dem brodelnden Krisenherd herauszuholen, nur ist er selbst der feigste Mensch, den man sich vorstellen kann.
Serhij Zhadan erzählt in seinem neuen Roman die Geschichte eines Menschen, der langsam merkt, wie es ist, es sich zu leisten, keine Nachrichten zu sehen, sich nicht zu positionieren in einer Zeit, die gerade nach Einordnung verlangt, und warum selbst der größte Feigling in besonderen Zeiten über sich hinauswachsen muss.

In dieser Geschichte stinkt es nach nassen Hund, es regnet permanent und der Begriff Ukraine wird nicht erwähnt. Tatsächlich erzählt der Autor eine Geschichte, wie sie sich tatsächlich in seinem Heimatland hätte abspielen können, doch könnte man die Erzählung an jeden Krisenherd der Welt spielen lassen. und obwohl das alles so grausam, so schrecklich ist, man muss sich an einigen Stellen wirklich zwingen zu lesen, kann man sich nicht dem Sog entziehen.

Zumal der Hauptprotagonist trotz aller Schwächen irgendwie sympathisch ist, nicht zuletzt später im Zusammenspiel mit dem dreizehnjährigen Rotzlöffel Sascha, der den invaliden Lehrer nur langsam als eine Art Ersatzvater anerkennt

Serhij Zhadan zwingt den Leser sich zu beschäftigen, mit einem hierzulande fast verdrängten Konflikt, der doch dennoch nah ist. Er zwingt, Stellung zu beziehen, zu einem menschlichen Drama, welches durchzogen ist von Leid, Elend und Hoffnungslosigkeit und macht dies, hervorragend übersetzt durch Juri Dukot und Sabine Stöhr, auf eine so eindrückliche Art und Weise, dass man dem Autoren nur Beifall zollen kann.

Es ist mit so wenigen Seiten zwar äußerlich ein eher unscheinbarer Roman, dessen Inhalt man jedoch nicht so schnell vergessen kann, vergessen will. Zu tief wachsen einem Pascha und Sascha ans Herz.

Fast würde man gerne in die Zukunft schauen, um zu erleben, was aus den beiden Protagonisten werden wird. Alleine, den Blick in die Kristallkugel wagt selbst der Autor nicht. Zu tief sind die Wunden, zu unbeständig die Risse, die der Krieg in die Heimat Zhadans vollzogen hat.
Am Ende bleibt man ratlos zurück, ernüchtert. Hoffen wir nur das Beste für die Zukunft der Saschas auf dieser Welt und auf viele, über sich hinauswachsende Menschen wie Pascha. „Rettest du ein Leben, so rettest du die ganze Welt.“, so steht es im Talmud, dieser Ausspruch gilt jedoch überall.

Mit der Aufmerksamkeit, die dieses Buch wieder auf den immer noch schwelenden Konflikt in der Ukraine lenkt, ist schon mal ein erster Schritt dafür getan. In sehr drängender Sprache erzählt der Hauptprotagonist von seinem beschwerlichen Weg, nicht nur zur Rettung des Neffen, sondern auch zur Selbsterkenntnis.

Ihm wird dann nochmal von Sascha der Spiegel vorgehalten. Nein, der Hauptprotagonist wird in ein ganzes Spiegelkabinett gesteckt. Wer dies und anderes lesen, wer etwas erfahren möchte, über Ausnahmesituationen, und was diese mit uns Menschen machen können, für den ist dieser Roman. Ansonsten ein hervorragend erschreckend erzähltes Stück Zeitgeschichte.

Autor:
Serhij Zhadan wurde 1974 geboren und ist ein ukrainischer Schriftsteller, Dichter und Übersetzer. Nach der Schule studierte er zunächst Literaturwissenschaften, Ukrainistik und Germanistik. Er organisiert Literatur- und Musikfestivals und verfasst Rocksong-Texte. 2007 erschien sein erster Roman.

2006 wurde er mit dem Hubert Burda Preis für junge Lyrik ausgezeichnet, Zhadan war zudem Aktivist der Orangenen Revolution. 2014 schilderte er in der FASZ seine Erfahrungen der Erstürmung der Gebietsverwaltung von Charkiw, wurde dafür von prorussischen Kräften krankenhausreif geschlagen.
Seine Romane wurden mehrfach ins Deutsche übersetzt, und zahlreich ausgezeichnet. Der Autor beschäftigt sich vornehmlich mit dem Zeitgeschehen seines Heimatlandes.

Hala Kodmani: Sie können mir den Kopf abschlagen, aber nicht meine Würde nehmen

9783423261838Autorin: Hala Kodmani
Titel: „Sie können mir den Kopf abschlagen, aber nicht meine Würde nehmen“ – Ruqias tödlicher kampf auf Facebook
Seiten: 144
ISBN: 978-3-423-26183-8
Verlag: dtv
Übersetzerin: Elisabeth Liebl

Inhalt:
Tagsüber war sie Lehrerin für Philosophie an einer Mädchenschule, abends schrieb sie zornige Kommentare auf Facebook: Ruqia Hassan lebte in Rakka und postete unter Pseudonym gegen Assad und den IS. Bis sie verraten und vom IS ermordet wurde.

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Roddy Doyle: Henry der Held

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Henry der Held Roddy Doyle Übersetzer: Renate Ort-Guttmann Historischer Roman S. Fischer Taschenbuch Erschienen am: 01.11.2001 Taschenbuch Seiten: 415 ISBN: 978-3-596-15146-2

Handlung:

Ein Roman von Liebe, Hass und Rebellion. Henry ist arm, hungrig und ein wahrer Prachtkerl – der König der Straßen von Dublin. Schon mit vierzehn mischt er beim Osteraufstand 1916 mit. Er ist ein Rebell auf einem gestohlenen Fahrrad, ein Freiheitskämpfer – eine irische Legende. (Klappentext)

Rezension:

Henry ist ein Rotzlöffel von der dreckigen Fußspitze bis zu seinen Haaren, trotzdem schon in jungen Jahren gutaussehend und groß gewachsen. Der in ärmlichen Verhältnissen, vernachlässigt von seinem Vater und immer hungrig, aufwachsende Bengel schlägt sich durch.

Er erkämpft sich im ärmlichen Dublin seinen Platz unter denen, die nach Freiheit von der britischen Besatzung streben und nimmt als einer der jüngsten Kämpfer am Osteraufstand 1916 teil, der zum Fanal Irlands und Dreh- und Wendepunkt in Henrys Leben wird. Fortan bringt er im Auftrag der IRA Menschen um, die sich der republikanischen Idee in den Weg stellen. Britische Soldaten, angestellte Iren, die für die Briten arbeiten, selbst Händler, die ihre Ware an die Besatzung verkaufen, um zu überleben.

Er reist durch’s Land, um für die Sache zu kämpfen, selbst als sich um die Kämpfer der ersten Stunde die Schlinge immer enger zieht und Führer wie De Valera in den Gefängnissen der Briten landen, die das Land vom Dublin Castle aus beherrschen, jedoch immer mehr die Kontrolle verlieren.

Henry macht keine Kompromisse, bildet selbst Kämpfer für die irische Frage aus, sieht viel zu spät, wie auch sein Blatt sich wendet. Immer deutlicher wird sichtbar, dass nicht nur er kämpft, sondern selbst ehemalige Gefährten erbitterte Gegner werden.

Doch, da ist es fast schon zu spät.

Dieser Roman ist einer der Gründe, warum man lieber zu autobiographischen Berichten oder Geschichten a la „Die Ache meiner Mutter“ greifen sollte, anstatt sich der Fiktion hinzugeben, die das Empfinden der Betroffenen nie so gut wiedergeben kann.

Doyle spinnt hier die Geschichte eines chancenlosen Jungen, der nach jeden Strohhalm greift aber alles andere als klug und vor allem weitsichtig handelt. Da ist einem dann doch ein Frank McCourt lieber, der trotz etwas ungewöhnlichen Schreibstils nachovllzieh- und fassbar sein Erleben geschildert hat.

„Henry der Held“ dagegen bleibt auf weiten Strecken alles andere als das. Seitenweise zieht die Handlung sich wie Kaugummi, dann widerum wird der Leser von der Dichte der Geschehnisse derart überrumpelt, dass es nicht zusammenpassen will. Sympathisch ist einem der Hauptprotagonist ohnehin nur an wenigen Stellen. Das reich jedoch nicht für einen ganzen Roman.

Am Ende bleibt nur festzustellen, dass es in Kriegen nie gewinner gibt. Wenigstens das als Erkenntnis und wer ein wenig weiter denkt, dass die irische Frage auch heute noch nicht ganz abgeschlossen ist, wo die Mehrheit der Nordiren doch für einen Verbleib in der EU votierten, den Beschlüssen aber aus London folgen müssen und ohnehin nicht wirklich mit dem katholischen Irland zusammen können.

Trotzdem, der Autor verschenkt hier viel Potential, welches er sicher hat. Sprachlich schön, auch wenn hier nur von der Übersetzung die Rede ist, doch das Besondere eines Frank McCourt erreicht Doyle nicht, wenn gleich beide Autoren zu den irischen Schriftstellern schlechthin zu zählen sind.

Autor:

„Roddy“, eigentlich Roderick Doyle wurde am 08. Mai 1958 in Dublin geboren und ist ein irischer Schriftsteller und Drehbuchautor. Er wuchs als Sohn eines Ausbilders im Druckereigewerbe und einer Krankenhaussekretärin in einem für irische Verhältnisse aufgeschlossenen und liberalen Eltrernhaus aus und lebte in einer Gemeinde mit protestantischen und jüdischen Freunden auf.

Bis Ende der 1990er Jahre arbeitete er als Lehrer für Englisch und Erdkunde, trotzdem er schon 1987 seinen ersten Roman veröffentlichte. Seine Werke beschäftigen sich vor allem mit irischen Figuren und den gesellschaftlichen Verhältnissen auf der Grünen Insel. Mehrere seiner Bücher wurden bereits verfilmt. Doyle lebt mit seiner Familie in Dublin.

Michael Brenner: Israel – Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates

9783406688225_coverAutor: Michael Brenner
Titel: Israel – Traum und Wirklichkeit des Jüdischen Staates
Seiten: 288
ISBN: 978-3-406-68822-5
Verlag: C.H.Beck

Inhalt:
Juden waren über Jahrhunderte verfolgte Außenseiter. Die Gründung des Staatsollte endlich eine ganz normale Heimat für sie schaffen. Doch heute sieht sich der jüdische Staat selbst in der Rolle des misstrauisch beobachteten Außenseites.

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