Konflikt

Hannah Richel: Das Wochenende

Inhalt:
Zur Einweohung ihres luxuriösen Campingplatzes in Cornwall haben Max und Annie ihre Studienfreunde samt Kindern eingeladen: TV-Star Dominic, die Ärztin Kira sowie die Freigeister Jim und Suze. Doch schon am ersten Abend kommt es am lagerfeuer zu einem handfesten Streit.

Am nächsten Tag zieht von der zerklüfteten Küste her ein Unwetter auf. Als eines der Kinder nicht vom Strandausflug zurückkehrt, eskaliert die Situation. Inmitten des tosenden Sturms sind die Freunde auf sich allein gestellt. Alte Konflikte brechen auf, neue Geheimnisse kommen ans Licht, und irgendjemand spielt ein tödliches Spiel … (Klappentext)

Rezension:
Dem Sturm ausgeliefert, offenbaren sich schnell menschliche Fehler, all die Schwächen und das zwischen den Jahren Ungesagte, als vier befreundete Familien plötzlich festsitzen und die ländliche Idylle plötzlich zur trügerischen Falle wird, derer sie nicht ausweichen können. Ein Wiedersehen zwischen Freunden sollte es werden, ein neuer Lebensabschnitt vielleicht, doch wird aus einem Wochenend-Ausflug schnell ein Höllentrip, der alles zwischen ihnen verändert.

Dies ist die Geschichte „Das Wochenende“, eines Thrillers der britischen Schriftstellerin Hannah Richell, in denen die Protagonisten von ihrer Vergangenheit eingeholt werden und in einem Strudel geraten, dem sie sich nicht so einfach entziehen können, wie dies ihnen jahrelang zuvor in der Anonymität der Großstadt gelingt.

Dabei begegnen wir den Figuren als die Ereignisse sie längst überrollt haben, als die Polizei ihre Ermittlungen beginnt und sie ihre Sicht der Dinge erzählen. Nach und nach erfahren wir aus Sicht der verschiedenen Protagonisten von den Ereignissen der vergangenen drei Tage, deren Puzzleteile langsam ein immer klareres Bild ergeben.

Die Autorin schafft es trotz der Vielfalt an Protagonisten eine kompakte Erzählweise sowie alle Handlungsfäden bei sich zu bewahren. Der Charakter und die eigene Tonalität der jeweiligen Figuren bleibt durchweg erhalten, wobei das Tempo nach und nach anzieht. Zu Beginn ist es dabei schwer, den Überblick über das Ensemble zu bewahren, deren Stück einem Kammerspiel unter freiem Himmel gleicht, doch eine Personenliste, sowie eine Karte des Handlungsortes helfen, sich einzufinden und die Übersicht zu behalten.

Landschaftsbeschreibungen gelingen Hannah Richell ebenso wie ein Psychogram ihrer Figuren. Das eine hat man gleichsam wie ein Kinofilm vor Augen, während alle Protagonisten sowohl ihre hellen als auch ihre dunklen Seiten haben. Letztere spielen natürlich handlungstreibend die Hauptrolle in diesem Pageturner, der sich spannend liest, nur gegen Ende etwas vorhersehbar daherkommt.

Bei den Figuren mag ein jeder Anknüpfungspunkte finden, zudem die einzelnen Kapitel wechselseitig aus der jeweiligen Sichtweise erzählt wird. Immer wieder wird dabei zwischen Gegenwart und jüngster Vergangenheit hin- und hergewechselt, was den Spannungsmoment hochhält, zugleich jedoch Erklärungen für die innere Gefühlswelt der Protagonisten bietet.

Dieser stete Perspektiv- und Zeitenwechsel entfacht eine gut funktionierende Dynamik, besonders getrieben durch die inneren Gedankengänge der einzelnen Figuren. Die Erzählung ist dabei in sich schlüssig, die Wendung der Ereignisse nicht ganz so überraschend. Zumindest für geübte Thriller-Leser. Doch möchte man zumindest so weit dranbleiben, um die Auflösung zu erfahren. Immerhin gelingt es der Autorin zahlreiche Anknüpfungspunkte zu schaffen und im richtigen Moment zwischen Spannung und der sprichwörtlichen Ruhe vor dem Sturm zu wechseln.

Die Landschaftsbeschreibungen machen das ganze sehr filmisch. Die Handlungsorte sind greifbar. Man spürt jeden knackenden Ast, spürt die tosenden Wellen, wenn sie auf die Küste treffen, den sich verdunkelnden Himmel, der das Unheil verkündet. In anbetracht heutiger Thriller kommt Hannah Richell dabei mit erstaunlich wenig Gewalt aus. Die kommt zwar auch vor und wird dann treffend beschrieben, doch die inneren Gedankengänge der Figuren sind es vor allem, die hier handlungstreibend sind.

„Das Wochenende“, ist leichtgängige Lektüre, sobald man einmal in diese Dynamik eingefunden hat. Der große Überraschungseffekt bleibt zwar aus, doch liest man die Geschichte durchaus gern, zudem man in jeder Zeile merkt, dass die Autorin die Landschaft kennt, auch einen sehr viel friedlicheren Campingausflug dieser Art schon mal verbracht hat. Für jene, denen das ausreicht, ist dies durchaus eine lohnende Lektüre.

Autorin:
Hannah Richell ist eine britische Schriftstellerin. Sie schreibt Thriller und zudem für die Filmbranche. Nach ihremm Studium arbeitete sie in London und Sydney. Mittlerweile lebt Richell im Südwesten Englands. Ihre Werke sind internationale Bestseller, die in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Folgt mir auf folgenden Plattformen:

Hannah Richel: Das Wochenende Weiterlesen »

Inga Gaile: Der Geschmack von schwarzer Erde

Inhalt:
Drei Generationen von Frauen und die Schrecken des 20. Jahrhunderts: „Der Geschmack von schwarzer Erde“ von Inga Gaile erzählt schonungslos von ihren Schicksalen im KZ Ravensbrück, im sowjetischen Lettland und nach dem Ende des Kalten Krieges.

Der Roman zeigt die Traumata, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hat, unabhängig von Nation und sozialer Stellung, und verwebt die Lebensgeschichten dieser Menschen miteinander. Eine KZ-Gefangene, eine traumatisierte Patientin, eine Deportierte, eine, die nach der Wahrheit über sich selbst sucht – sie alle sind die Schönen. Wie bleibt man menschlich im Angesicht des Unmenschlichen?
(Klappentext)

Rezension:
Es ist nicht nur die Geschichte dreier Frauen, deren Schicksale über die Generationen hinweg miteinander verwoben sind, die die lettische Schriftstellerin Inga Gaile hier entstehen lässt, sondern vor allem die eines Landes, welches über Jahrzehnte hinweg immer wieder vom Schicksal gebeutelt wurde. In „Der Geschmack von schwarzer Erde“ durchziehen Düsternis und Brutalität einen fast durchgehend blutroten Faden diese Erzählung, durchbrochen nur von wenigen Momenten der Hoffnung. Was macht das mit den Menschen?

Was gehen nachfolgende Generationen, in denen Täter und Opfer miteinander konfrontiert werden, mit den Schrecken der Vergangenheit um, die sich bis ins Mark ihrer Familien eingebrannt haben?

Die Beantwortung dieser Frage ist vielschichtig, darf man auch von dieser Erzählung vollständig nicht verlangen, doch offenbaren sich viele Scherben, die die Befindlichkeiten und das Denken im heutigen Baltikum verständlich machen. Der Weg dahin indes ist kompliziert. Das wird schon am Auftakt dieses Romans deutlich. Eine nicht benannte Erzählstimme führt in die Handlung ein, deren folgende Abschnitte zumindest namentlich benannt werden und im Verlauf dann mit Jahreszahlen überschrieben.

Die Tonalität verheißt nichts als Trostlosig- und Traurigkeit, war das Land doch lange ein Spielball der Mächtigen um sie herum. Deutsche, Russen. Immer ging es um Land, Einfluss und Macht. Die Schriftstellerin spürt diesen Griffen nach, fragt durch ihre Figuren, die zunächst kaum greifbar sind, wie Traumata entstanden, wie damit umgegangen wird und was vielleicht auch die lettische Identität, das Denken der Menschen dort ausmacht.

Kompakt gehalten sind die einzelnen Kapitel. Im Angesicht des Grauen wird sparsam mit Worten hantiert. Dadurch bleiben die Figuren zunächst unnahbar, beinahe kalt. Erst im Verlauf der Handlung kann zu einzelnen Protagonisten die Distanz überwunden werden. Erst nach und nach entstehen Sympathien. Hauptfiguren sind derer drei, deren Weg wir durch die Geschichte ihres Landes begleiten. Ein Familienroman vor dem Hintergrund einer Landesgeschichte, die zur ständigen Habacht-Stellung gemahnt.

Immer lauschen die Figuren nach Nuancen, die den nächsten großen Knall ankündigen. Die Autorin beschreibt körperliche und seelische Wunden teilweise so treffend, dass es förmlich beim Lesen wehtut. Was zwischen den Zeilen so steht, wirkt dabei noch heftiger.

Wir begleiten Violette, Magdalena und Duks. Die eine durchlebt die Schrecken des Konzentrationslagers, die andere den stalinschen Terror, die dritte das Ende des Kalten Krieges. Sämtliche prägende Epochen der jüngeren Geschichte Lettlands verdichten sich in den Figuren, denen die Autorin die Kraft des Überlebens in die Hand gegeben hat. Ihre Wege verfolgen wir, ihre Narben, die ihnen durch andere zugefügt werden, die wir ebenso kennenlernen. Die Protagonistinnen sind die Spielbälle, erkämpfen sich jeden Tag, jedes Jahr neu. So ist „Der Geschmack von schwarzer Erde“ auch eine Erzählung, was Überlebenswille zu leisten vermag.

Inga Gaile schafft es, seelische Grausamkeiten und Kälte vor dem inneren Auge entstehen zu lassen und deren Wirkung auf andere aufzuzeigen. Die Schriftstellerin offenbart, was das Denken und Handeln ihres Heimatlandes, vor allem gegenüber den übermächtigen großen Nachbarn und auch sonst, noch heute bestimmt, ohne manchen Schrecken wortwörtlich zu benennen. Anderer wird plastisch, beinahe filmisch dargestellt. Der Wechsel der Perspektiven erfolgt behutsam, ist dennoch so gesetzt, dass eine Dynamik daraus entsteht, derer man sich nicht entziehen kann. Wenn man sich in der Tonalität eingefunden hat, was nicht einfach ist und mehr als einen Moment benötigt.

Aus Sicht der verschiedenen Figuren werden die einzelnen Kapitel erzählt, deren Handlungsfäden langsam ineinander übergreifen. Mit ein wenig geschichtlichen Verständnis und auch Interesse daran, ist es leichter, dort hinein zu finden. Das Tempo der Erzählung ist vergleichsweise gemächlich. Mit der kompakt gehaltenen Form trägt die Autorin dem Rechnung. Immer wieder stechen einzelne Sätze hervor, nach denen man innehalten muss, da sie einem mehr als nachdenklich zurücklassen.

Schauplätze und Protagonisten vermag die Schriftstellerin filmisch zu beschreiben, ohne zu viele Worte zu verlieren. Und doch genügen sie. Schon lange war ein Generationenepos nicht mehr so kompakt wie dieser. Es ist ein behutsamer Text, der vieles klarer werden und uns innehalten lässt, der die Themen vereint, wie wir mit unserer Familiengeschichte umgehen und was Erlebnisse und Taten unserer Großeltern und Eltern mit uns machen?

Wie gehen wir damit um? Wofür sind wir verantwortlich? Wofür nicht? Was können wir für uns daraus ziehen? Was macht uns zu dem, was wir sind? Ziemlich viele Fragen, deren Beantwortung Inga Gaile anhand ihrer Figuren uns überlässt, vor dem spannenden Hintergrund eines Landes, welches heute sehr genau hinschaut, eben deshalb, was an seinen Grenzen und außerhalb passiert. In dieser kompakten Form ist das, etwas kantig zwar, gelungen.

Autorin:
Inga Gaile ist eine lettische Autorin und Verfasserin von Romanen, Theaterstücken und Gedichten. Die derzeitige Präsidentin des lettischen PEN thematisiert in ihrem Roman „Der Geschmack von schwarzer Erde“ die dunkelsten Seiten der lettischen und deutschen Geschichte.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Folgt mir auf folgenden Plattformen:

Inga Gaile: Der Geschmack von schwarzer Erde Weiterlesen »

Marcus Bensmann/David Schraven: Europas Brandstifter – Putins Krieg gegen den Westen

Inhalt:
Wladimir Putins Einfluss in Europa wächst. Damit er Russland wieder zu vergangener Größe und Macht führen kann, muss die Westbindung Europas fallen. Seinen Griff nach der Vorherrschaft auf dem Kontinent hat der russische Präsident lange vorbereitet: Über zweieinhalb Jahrzehnte hat Russland unter Putin seine Netzwerke in Europa ausgebaut und Deutschland abhängig gemacht von seinem Gas.

Desinformationskampagnen, Cyberattacken und Sabotageaktionen destabilisieren die Ordnung und den Frieden in der EU. Parteien wie AfD und BSW nähern sich ideologisch dem Kreml und vertreten dessen Positionen, während das transatlantische Bündnis zersetzt wird.

„Europas Brandstifter“ bündelt die Russland-Recherchen des gemeinnützigen Medienhauses Correctiv aus den vergangengen zehn Jahren. Wir haben alte Stasi-Akten zu Putins frühen Jahren in Dresden ausgewertet, das Lobbynetzwerk um Gazprom mit seinen Verstrickungen bis tief in die deutsche Politik transparant gemacht und über Russlands Verrohung berichtet, über die Korruption im Justizsystem, über die Gewalterziehung in der Armee und die Kriegsverbrechen russischer Soldaten. Dieses Buch erzählt die Geschichte eines jahrzehntelangen Angriffs. Europa muss sich ihm endlich stellen. (Klappentext)

Rezension:
Spätestens seit den Überfall auf die Ukraine, aber Cyberattacken, die ganze Verwaltungen im Westen zeitweise lahmgelegt haben, ist klar, das Russland unter Putin versucht mit vielfältigen Möglichkeiten eine Lücke zu schließen, die nach Ansicht Putins seit dem Zerfall der Sowjetunion bestand. Sei es geopolitischer Natur, aber auch gegen Kritiker eines Systems, welches spätestens seit der Machtübernahme Putins ganz und gar auf dem ersten Mann im Kreml zugeschnitten wird, unterstützt von einer Gesellschaft, deren Verrohungen der Gewalt von Soldaten und brachialer Methoden der russischen Geheimdienste kennzeichnend sind.

Das journalistische Netzwerk Correctiv hat nun seine Reportagen der vergangenen Jahre aktualisiert und gebündelt, unter Federführung der Autoren Marcus Bensmann und David Schraven zusammengestellt. In „Europas Brandstifter – Putins Krieg gegen den Westen“ verfolgen sie die Spuren des KGB-Mann Putins von Dresden aus, bis in die höchsten Ebenen der russischen Politik und zeigen auf, wie Putin einerseits treue Gefolgsleute in Position gebracht und diese sich selbst lange Jahre danach erkenntlich zeigen, bis tief hinein in die deutsche Wirtschaft und Politik.

Wie funktioniert das Lobby-Netzwerk von politischen Entscheidungen im Kreml und der Geheimdienste bis hinein zu beinahe undurchsichtigen Firmengeflechten, die in Deutschland auch bis nach Beginn des Ukraine-Krieges abhängig machen sollen einerseits und gleichzeitig unsere demokratische Grundordnung destabilisieren? Durch Hackerattacken des FSB, bis hin zu Anschlägen auf missliebige Personen, die sich kritisch zeigen.

Correctiv schlüsselt auf, zeigt detailliert und genau diese Verstrickungen auf und zieht Linien von Putins Biografie bishin zu den brutalsten Auswirkungen im Ukraine-Krieg, der in Russland selbst nur Spezialoperation genannt werden darf, ohne auch die Mauern des Schweigens voller Erinnerungslücken zu verschweigen, auf die die Journalisten stoßen, wenn sie Personen zu bestimmten Lobby-Veranstaltungen, etwa in Sotchi, befragen oder dass sich Wehren von Politikern, die ihr Anteil an der Abhängigkeit von Moskau nicht gerne Schwarz auf Weiss sehen wollten. Dabei stellt sich mittendrin auch die Frage, wie umfassend oder für die Masse übersichtlich, kann Journalismus noch sein, wenn dies geschieht?

Die Autoren der Reportagen versuchen dies und schaffen es in einer Deutlichkeit ihr Anliegen an uns, und vor allem an die Politik mit klaren Worten zu formulieren. Das Russland-Bild, welches manche Entscheidungsträger hierzulande noch in sich tragen, ist gefährlich veraltet oder gar romantisiert, wenn auch einige wenige Stellschrauben seit Erscheinen des Buches nun anders gestellt wurden. Bündig klärt Correctiv hier die Fascette hinter dem auf, was gerade passiert und was Putin und seine Getreuen über Mittelsmänner und staatliche Organe versuchen zu erreichen.

Nichts weniger als die Zerstörung des Zusammenhalts der westlichen Gesellschaft und das Abhängigmachen zu Gunsten von Macht und Einfluss. Wer diese Verflechtungen verstehen möchte, ist daher mit der Lektüre bestens bedient, die einerseits dem Zeitstrahl der Biografie Putins und der russischen Aktivitäten folgt, andererseits Strategien, Gewalt und das politische System, sowie das Lobbynetzwerk im Einzelnen aufschlüsselt. Jede Thematik für sich würde ausreichen, ein eigenes Buch noch ausführlicher zu füllen. Das ist aber auch der einzige Kritikpunkt.

Autoren:
Marcus Bensmann wurde 1969 geboren und ist ein deutscher Journalist. Bekannt wurde er durch seine Augenzeugenberichte über die Unruhen in Usbekistan, 2005, wegen der er schließlich gezwungen wurde, das Land zu verlassen. Im Jahr 2014 untersuchte er die russische Urheberschaft des MH-17-Abschusses. Der Invesitigativjournalist arbeitete für verschiedene Zeitungen und Magazine und ist seit 2014 Mitglied des Recherchenetzwerks Collectiv. Dort recherchiert er zu Russland und zur AfD.

David Schraven wurde 1970 in Bottrop geboren und ist ein deutscher Journalist. Schon während des Studiums arbeitete er als freier Journalist für verschiedene Zeitungen und Magazine und war Mitgründer des Nachrichtenbüros Zentralasien/Kirgisien. 1996 wurde er Gründungsgeschäftsführer der taz-Redaktion Ruhr. Daneben arbeitete er mehrere Jahre als Dozent im Bereich Nachrichtenschreiben der Universität Essen. Nach verschiedenen Stationen leitet er seit 2014 das gemeinnützige Recherchebüro Correctiv und gründete2017 zusammen mit Corndt Schnibben die Online-Journalistenschule Reporterfabrik. Für seine Arbeit wurde er vielfach ausgezeichnet.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Folgt mir auf folgenden Plattformen:

Marcus Bensmann/David Schraven: Europas Brandstifter – Putins Krieg gegen den Westen Weiterlesen »

Serhij Zhadan: Keiner wird um etwas bitten

Inhalt:
Erstmals seit Beginn des großen Krieges erzählt Serhij Zhadan vom Alltag seiner Leute in Charkiw, die sich in einer radikal neuen Realität zurechtfinden müssen. Lakonische, wortkarge Geschichten von untröstlicher Liebe, von Freundschaft und Tapferkeit, komisch, absurd und herzzerreißend. Eine unvergessliche Lektüre. (Klappentext)

Rezension:
Der Lehrer, der als Übriggebliebener regelmäßig im durch den Krieg beschädigten Schulgebäude nach dem rechten sieht, Schüler kommen längst keine mehr, eine Frau die aus einem Wohngebiet evakuiert werden muss, der Tanzpartner des Abiballs, der im Krankenhaus liegt … Sie alle sind Opfer, leben in der von der zerstörerischen Gewalt des Gegners gezeichneten Stadt, kämpfen mit Verletzungen, Depressionen und den Bombardierungen, die gewaltige Krater geschaffen haben.

Charkiw ist keine Stadt wie jede andere. Hier sind die Folgen des Angriffkrieges sichtbar und zu spüren. Wer noch nicht aus dem geflohen ist, was von der Stadt übrig ist, lebt mit den Folgen. Vom unwirklichen „Alltag“ der Bewohner seiner Heimat schreibt Serhij Zhadan. Kurzgeschichten, von denen jede einzelne unter die Haut geht.

Zwölf Geschichten, deren Protagonisten so unterschiedlich sind, wie die Stadt vielfältig selbst jetzt noch ist, die dem Ausmaß physischer und psychischer Gewalt trotzen, die sich kreuzen, begegnen, miteinander und doch mit sich selbst kämpfen müssen. Was macht das mit einem, wenn alles, was einst galt, in Trümmern liegt. Schon an der Oberfläche kratzen, erschüttert. Zhadans Schreibstil ist beinahe nüchtern. Er beobachtet. Manches Stück liest sich so, als müsse der Autor sich selbst vor dem Geschilderten schützen, zwingen, dies aufzuschreiben. Hinter all den Fiktionalen stecken, so ahnt man, echte Schicksale. Menschen.

In diesen kleinen Stücken, die Serhij Zhadan „Arabesken“ nennt, sind sie die Helden, alleine dadurch, dass es sie gibt, dass sie leben. In Charkiw. Ihnen, die sonst keine Beachtung finden, Nachrichtenbilder verflüchtigen sich schnell, setzt der Autor hier ein Denkmal. In knapp formulierten Schilderungen. Für einen kurzen Augenblick legt der Autor den Fokus auf eine bestimmte Szene, um dann zu der nächsten überzugehen. Ein Bürogebäude ist hier die Kulisse, im nächsten Kapitel wohnen wir einer Unterhaltung zweier im Auto bei. Der Krieg schwingt immer mit, offensichtlich, dann wieder nur als Hintergrundrauschen.

Serhij Zhadan ist selbst derzeit als Soldat in seiner Heimat tätig. Schon das ist bewundernswert. Die Geschichten dazwischen praktisch aufs Papier gebracht zu haben, die jede für sich stehen und doch unverkennbar zusammen gehören, ist mit diesem Hintergrund noch erstaunlicher. Und sicher auch ein Akt der Verarbeitung. Im Krieg ist jeder für sich allein, und doch hält man zusammen. Eine Wahl hat man nicht.

Die Protagonisten selbst sind vor ihren Hintergründen verschieden, gegensätzlich. Mit wenigen Worten gelingt es dem Autoren, Sympathien zu schaffen, sie nachvollziehbar zu machen. Mehr als die wenigen Sätze, jede Kurzgeschichte findet nur einige Seiten Platz, braucht es nicht. Die innerhalb der kleinen Versatzstücke verstreuten Skizzen, verdeutlichen das Grauen, den Schrecken, die Melancholie. Zhadan verliert sich nicht in Details, beschränkt sich auf das Wesentliche. Jeder einzelne Text scheint einem förmlich anzuspringen. Seht her, so ist es gerade für uns. So, nicht anders. Es braucht halt nicht viel, um diesen Zugang zu schaffen.

Man kann sich das alles gut vorstellen. Manches fast zu gut. Abstand halten möchte man, doch kommt man sich lesend zuweilen vor, wie ein Voyeur, ein Gaffer. Der Autor legt den Finger in die Wunde, die nicht verheilen kann. Der Krieg ist in jeder Szene allgegenwärtig. Schauplätze wie Protagonisten werden mit wenigen Worten sehr plastisch beschrieben. Manchmal muss man innehalten. Ein seltenes Schmunzeln, Lächeln bleibt sofort im Halse stecken, wenn es denn mal vorkommt.

Es mögen einige durch die Fernsehbilder abgestumpft sein, solche kleinen Alltagsbeschreibungen aber betrüben zu tiefst und lassen nicht los. Für Zhadan und all jene, die sich in den von Krieg gezeichneten Regionen und Städten aufhalten, gar an der Front kämpfen, wie muss es erst für die sein, fragt man sich während des Lesens und ahnt, dass noch viel mehr unerzählbar bleibt, da es dafür keine Worte gibt. Die wenigen, die wie diese hier gesehen werden können, sind es wert und wichtig.

Autor:
Serhij Zhadan wurde 1974 geboren und ist ein ukrainischer Schriftsteller, Dichter und Übersetzer. Nach der Schule studierte er zunächst Literaturwissenschaften, Ukrainistik und Germanistik. Er organisiert Literatur- und Musikfestivals und verfasst Rocksong-Texte. 2007 erschien sein erster Roman. 2006 wurde er mit dem Hubert Burda Preis für junge Lyrik ausgezeichnet, Zhadan war zudem Aktivist der Orangenen Revolution.

2014 schilderte er in der FASZ seine Erfahrungen der Erstürmung der Gebietsverwaltung von Charkiw, wurde dafür von prorussischen Kräften krankenhausreif geschlagen. Seine Werke wurden mehrfach ins Deutsche übersetzt, und zahlreich ausgezeichnet. 2022 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er lebt in Charkiw und ist seit 2024 Soldat.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Serhij Zhadan: Keiner wird um etwas bitten Weiterlesen »

Carlo Masala: Wenn Russland gewinnt – Ein Szenario

Inhalt:

März 2028: Russische Truppen erobern die estnische Kleinstadt Narwa und die Insel Hiiumaa in der Ostsee. Der Angriff auf das Baltikum hat begonnen. Jetzt rächt sich, dass Europa nach dem Ende des Krieges in der Ukraine nicht aufgerüstet hat und wichtige Fähigkeiten fehlen. Gilt Artikel 5 der NATO? Wie wird sich die Allianz entscheiden? Riskiert sie den atomkrieg?

Wir haben uns daran gewöhnt, dass am Ende alles gut ausgeht. Aber was, wenn nicht? Was, wenn Russland gewinnt? Es ist nur ein hypothetisches Zukunftsszenario, das der renommierte Politikwissenschaftler und Militärexperte Carlo Masala in seinem neuen Buch entwirft – aber es zeigt auf besonders drastische Weise, was heute auf dem Spiel steht. (Klappentext)

Rezension:

Als die Ukraine am Boden liegend einen Waffenstillstand schließen muss, der einer Kapitulation gleichkommt, gibt der russische Präsident Putin überraschend sein Amt ab und lässt eine neue jüngere Generation an die Schalthebel der Macht. Der Neue im Kreml ist im kriegsmüden Westen ein unbeschriebenes Blatt, doch in den Morgenstunden des März 2028 besetzen russische Truppen eine kleine Estland vorgelagerte Insel und eine Kleinstadt mit mehrheitlich russischsprachiger Bevölkerung, gleichzeitig mehren sich in Europa Sabotageakte.

Doch, was will Russland, welches sich zunächst nicht weiterbewegt wirklich und wie soll man darauf reagieren? Estland und die anderen baltischen Staaten fordern die Auslösung von Art. 5, den Bündnisfall des militärischen Beistandsvertrages. Nicht alle Mitglieder der NATO aber wollen das Risiko eines Krieges, möglicherweise mit Atomwaffen eingehen. Wie viel aber ist dann das Bündnis wert und was wären die Folgen?

Szenarien, Planspiele sind seit jeher Bestandteile militärischen Denkens. Einen Schritt voraus zu sein, sich auf alle Möglichkeiten und Eventualitäten vorzubereiten, um dann im Ernstfall folgerichtig reagieren zu können, ist notwendiger den je geworden. In Cyber-Kriegen werden Trollarmeen ins Feld geführt, um ganze Gesellschaften und Systeme zu destabilisieren.

Mit ihrem Auftreten stellen einige Staaten die gegenwärtige Weltordnung in Frage. Der Politikwissenschaftler und Militärexperte Carlo Masala zeigt an einer dieser Gedankenspiralen, wie viel davon abhängt, wie wir auf etwaige Bedrohungslagen reagieren und wählt einen der nächsten realistischen Ausgangspunkte. Der Angriff auf das Territorium der baltischen Staaten ist so weit weg nicht. Schon heute wird an deren Grenzen massiv aufgerüstet, während auf der anderen Seite der Zäune Russland Militärübungen abhält und sich regelmäßig versucht, in innerpolitsche Belange der Länder einzumischen, die es zu seiner Einflussspähre zählt.

Der Autor zeigt dabei in sehr komprimierter Form die politische Schrittfolge und verdeutlicht die Klaviatur, auf der Russland mit den Ängsten der Europäer zu spielen vermag, aber auch, was es bedeutet, wenn Europa nicht geeint und geschlossen handelt und vor allem, weiter es versäumt, Lücken zu schließen, die entstehen, sollte Amerika sich entgültig aus dem gemeinsamen Militärbündnis verabschieden.

In einzelnen Kapiteln verfolgen wir an unterschiedlichen Schauplätzen, die im zeitlichen Verlauf in dichter Abfolge wechseln. Klare Sätze verdeutlichen die Brisanz der Thematik, ohne die verschiedenen Perspektiven nachzuvollziehen- Am Ende ist klar, es gibt viele Verlierer, einenen scheinbaren Gewinner und einen lachenden Dritten. Und das sind weder Russland, die USA noch Europa.

Ein strategisches Planspiel, in welchem alle Akteure mit den Muskeln spielen, um das Beste für sich herauszuholen ohne das Schlimmste eintreten zu lassen, liegt hier vor und liest sich beinahe wie ein Politthriller. Nur, dass alles tatsächlich so geschehen könnte, wenn wir nicht aufpassen, ist eben das, weshalb es so wichtig ist, solche und andere Szenarien zu durchdenken und entsprechend Lehren daraus zu ziehen. Carlo Masala versucht, hier vereinfacht aber deutlich aufzuzeigen, dass sich die NATO und ihre Partner nicht länger herausreden können, wenn es um das Verteidigen unserer Freiheiten geht, auch wenn es uns nicht immer direkt betrifft.

Man möge dieses Buch sämtlichen beschwichtigenden Politikern um die Ohren hauen.

Autor:

Carlo Masala wurde 1968 geboren und ist Professor für Internationale Politk an der Universität der Bundeswehr in München und Kommentator für deutsche und ausländische Medien. Er gilt als Experte für bewaffnete Konflikte.

Carlo Masala: Wenn Russland gewinnt – Ein Szenario Weiterlesen »

Saneh Sangsuk: Gift

Inhalt:

In einem Dorf mitten im thailändischen Dschungel träumt ein Junge davon, ein berühmter Puppenspieler zu werden. Versunken in die Magie seines Schattentheaters, bemerkt er zu spät, dass er sich über dem Nest einer Kobra niedergelassen hat. Als die zornige Schlange auf ihn zuschießt, beginnt ein gnadenloser Kampf, der die ganze Nacht dauern wird.

Eine existenzielle Parabel über Tradition und Macht, Schönheit und Schrecken, Leben und Tod. (Klappentext)

Rezension:

Eine Erzählung, die einem schier den Atem nimmt, ist sicherlich die vorliegende Parabel aus der Feder des thailändischen Schriftstellers Saneh Sangsuk. In „Gift“ erzählt er nicht nur die Geschichte eines Kampfes, sondern nimmt damit gleichzeitig traditionelle Strukturen und Willkür innerhalb einer Gemeinschaft aufs Korn. Oberflächlich hier die Konfrontation, das Ringen ungleicher Gegner. Beinahe David gegen Goliath auf thailändischen Boden. Ein Junge setzt sich unbeabsichtigt auf das Nest einer Kobra, diese will sich wehren und der Gefahr für ihre Eier ein für alle Mal ein Ende setzen. Dem Hauptprotagonisten ist schnell klar, nur einer von beiden wird überleben.

So beginnt ein Ringen, welches Sangsuk mit wenigen Worten, zielgerichtet wie Schlangenbisse, zu erzählen weiß. Abwechselnd erzählt aus der Perspektive des Jungen und des Tieres erleben wir einen Zeitraum von nur wenigen Stunden, die beiden Protagonisten ihre ganze Kraft abverlangen wird. Nur ihnen beiden. Dem Jungen, ohnehin durch eine körperliche Beeinträchtigung Außenseiter innerhalb der traditionellen Strukturen seines Dorfes, wird keine Hilfe zuteil werden. Auf einer anderen Ebene geht es damit auch um klare, sich gegenüberstehende Pole. Kind gegen Erwachsene. Unschuld gegen Korruption und Willkür. Hier kompakt in Konfrontation.

Schon mit den ersten Seiten werden wir für den kleinen Hauptprotagonisten eingenommen, der reinen Herzens für seine Umgebung isst, der die Ungerechtigkeiten seiner Welt kaum klarer wahrnehmen könnte als er dies in Sangsuks Erzählung tut. Der indirekte Gegenspieler, versinnbildlicht durch die Schlange, ist der Erwachsene, der die Strukturen des Ortes nutzt, um diesen sich untertan zu machen. Wie könnte man da nicht klar mit dem Kinde mitfühlen? Hoffen und bangen, es möge im ungleichen Kampf bestehen?

Mit wenigen Worten in klarer Sprache, hier hervorzuheben ist die wunderbare Übersetzung durch Sabine Herting, gelingt ein beinahe filmischer Spannungaufbau. Jeden einzelnen Schweißtropfen meint man selbst auf der Haut zu spüren. Innerlich angespannt, nach Atem ringend wird man kaum von der Erzählung loslassen können und diesen Kampf bis zum Ende verfolgen.

Der Perspektivwechsel ist ein Kunstgriff, in dem auch das Tier seinen berechtigten Platz erhält. Beide Gegner mit klaren Blick, dazu eine Umgebung, die der Autor kunstvoll vor dem inneren Auge der Lesenden entstehen lässt. Hier ist der Spagat zwischen schöner Sprache und einer spannenden Erzählung gelungen, die im Einklang zueinander stehen.

Immer mehr Literatur aus Asien wird hierzulande zugänglich. Sie lohnt sich, entdeckt zu werden. Diese kleine Geschichte gehört unbedingt dazu. Hoffen wir, dass noch viel mehr Werke Sangsuks und anderer hier verlegt und ein breites Publikum finden werden. Schon alleine, um zu erfahren, wer die Oberhand gewinnt.

Autor:

Saneh Sangsuk wurde 1953 geboren und ist ein thailändischer Schriftsteller. Er studierte Englisch und arbeitet als freier Schriftsteller und Übersetzer. Zunächst Kurzgeschichten veröffentlichte er seinen ersten Roman 1986, dem weitere folgten. Sangsuks Werke wurden in mehreren Sprachen übersetzt. Er gilt als einer der besten zeitgenössischen Autoren Thailands, wofür er 2018 ausgezeichnet wurde.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Saneh Sangsuk: Gift Weiterlesen »

Wolfgang Kraushaar: Israel

Inhalt:

Als die Hamas am 7. Oktober 2023 über 1.100 Israelis ermordete, schien auf einen Schlag der von den Nazis verübte eliminatorische Antisemitismus zurückgekehrt zu sein. Premierminister Netanyahus Versuch, den Aggressor umgehend auszuschalten, führte jedoch im Gaza-Streifen zu einer humanitären Katastrophe. Die Bilder, die seitdem um die Welt gehen, haben zu einem Aufflammen des Antisemitismus und zu Debatten geführt, die von einer Begriffsverwirrung erheblichen Ausmaßes gekennzeichnet sind.

Wolfgang Kraushaar ordnet die unterschiedlichen Diskurse, trennt die antisemitschen Stereotype von triftigen Argumenten und stellt die unverzichtbaren zivilisatorischen Minimalforderungen heraus, nicht ohne den Umgang mit den Problem- und Grenzfällen zu präzisieren. (Klappentext)

Rezension:

Einen Tag nach Beginn des Jom-Kippur-Krieges fünfzig Jahre zuvor, am jüdischen Feiertag Simchat Tora brachen zunächst Unmengen von Raketen über die Mitte und den Süden Israels herein. Damit wurde der seit 2014 zwar fragile, aber bestehende Waffenstillstand gebrochen, doch war dieser Angriff nur Ablenkung für das, was folgen sollte. Kämpfer der Hamas durchbrachen die Grenzanlagen und forderten über 1.100 Todesopfer, 3.000 Verletzte. Unzählige Menschen wurden in den Gaza-Streifen verschleppt. An keinem Tag seit dem Holocaust zuvor sind so viele Jüdinnen und Juden getötet worden, wie am 7. Oktober 2023.

Das ganze Ausmaß der Bestialität wurde erst nach und nach deutlich. Je detaillierter die Informationen ausfielten, desto massiver wurden die Schockwellen. Zugleich suchte man nach Worten, einen Begriff für diese Barbarei. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar ordnet darauf Begrifflichkeiten ein, beleuchtet die Phrasen und Narrative einer kaum zu durchdringenden Diskussion und zeigt die Meta-Diskurse auf.

Zunächst beginnt der Autor beim jüngsten aller Konflikte und zeigt auf, was eigentlich am 7. Oktober geschehen ist und wie es überhaupt zu den dann stattfindenden Ereignissen kam. Er erläutert die Vorbereitungen der Hamas, aber auch die Reaktionen Israels in sehr kompakter Form, bevor er zunächst geografische Begrifflichkeiten einordnet, beginnend mit von der deutschen Politik beschworenen Solidarität mit dem jüdischen Staat. Was heißt dies überhaupt und können diese Worte überhaupt mit einer sinnvollen Bedeutung gefüllt werden oder ist dies letztendlich eine hohle Phrase ohne Wert, nur aus Pflichtbewusstsein?

Danach wird die politische Geografie aufgedröselt und zugleich auf die Geschichte der Region eingegangen. Was sind Israel und der Zionismus überhaupt? Wie sind Politiker, wie etwa ein Netnyahu einzuordnen, um dann widerum den Bogen zu Deutschland als Partner des Landes zu spannen. Auch wird die Gemengenlage im Gaza-Streifen erläutert, sowie im Westjordanland, ohne zu vergessen, dass wenn wir Israel betrachten, auch geklärt werden muss, was eigentlich Palästina in den unterschiedlichen Ansichten als geografischer Raum bedeutet und wie der Stelllenwert der Hamas ist. Auch wieder im Gegenlicht zu den Akteuren der Politik Israels.

So geht es weiter in der Lektüre, die zu weilen sehr theoretisch daherkommt, aber gerade bei dieser sensiblen Thematik sehr viel Wert darauf legt, Begrifflichkeiten korrekt einzuordnen. Dabei erklärt Kraushaar die verschiedenen Interpretationen und stellt sie einander gegenüber. Nur so entsteht ein klares Bild, für welches man jedoch durchgehend Konzentration benötigt, dieses in sich aufzunehmen. Einerseits politiktheoretisch, andererseits fast philosophisch wirkt diese Einordnung, die versucht, einem Konflikt sprachlich Herr zu werden. Zuweilen sehr distanziert scheint das, nicht jedoch vollends ohne Emotion zu sein.

Der Autor zeigt die Wendepunkte der Geschichte der Region als Verkettung. Unweigerlich kommt die Frage auf, was als nächstes passieren muss, was als nächstes passieren wird. Lehrreich ist das Sachbuch vor allem mit den letzten Kapiteln, in dem Parolen erläutert werden, die zu weilen auf Demonstrationen zu hören sind und wenn Meta-Diskurse kurz zusammenfassend dargestellt werden.

Man geht mit einer Fülle an Informationen und Wissen aus der Lektüre heraus, muss sich jedoch bis dahin sehr konzentrieren und zuweilen wiederholend lesen. Leicht zugänglich ist etwas anderes. Positiv anzumerken ist jedoch, dass Kraushaar nicht vergisst, anhand zusammengestellter Punkte zu erläutern, was im Endeffekt für die Auflösung eines Konflikts in der Region seines Erachtens erfolgen müsste. Ob das dann so funktioniert, steht jedoch in den Sternen.

Autor:

Wolfgang Kraushaar wurde 1948 geboren und ist ein deutscher Politikwissenschaftler. Von 1987 bis 2014 arbeitete er am Hamburger Institut für Sozialforschung, seit dem bis zum 2023 für die Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur. Seine Forschungsschwerpunkte sind Protestbewegungen und der linke Terrorismus. Er ist Autor verschiedener Werke zu diesen Thematiken.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Wolfgang Kraushaar: Israel Weiterlesen »

Isabel Bogdan: Wohnverwandtschaften

Inhalt:

Constanze zieht nach der Trennung von ihrem Lebensgefährten in die Wohngemeinschaft von Jörg, Anke und Murat. Was zunächst als Übergangslösung gedacht war, entpuppt sich als zunehmend stabil. Da ist Jörg, dem die Wohnung gehört und der eine große Reise plant; Anke, die als mittelalte Schauspielerin kaum noch gebucht wird und plötzlich nicht mehr die einzige Frau in der WG ist; und Murat, der sich einfach keine Sorgen machen will und dessen Lebenslust auf die anderen mitreißend und manchmal auch enervierend wirkt.

Constanze sorgt als Neuankömmling dafür, dass sich die bisherige Tektonik gehörig verschiebt. Alle vier haben ihre eigenen Träume und Sehnsüchte und müssen sich irgendwann der Frage stellen, ob sie eine reine Zweck-WG sind oder doch die Wahlfamilie. (Klappentext)

Rezension:

Ein Kammerspiel zwischen zwei Buchdeckeln ist der neue Roman „Wohnverwandtschaften“ der Hamburger Autorin und Übersetzerin Isabel Bogdan, die nun einem Ein-Pfauen- und einem Ein-Personen-Stück der Dynamik von Vieren folgt und so eine kurzweilige Erzählung schafft, deren Figuren einem praktisch sofort ans Herz wachsen.

Sie alle haben sich zusammengefunden, grundverschieden, doch zusammen ist man weniger allein, das gilt in verschiedener Art und Weise für die Protagonisten, deren Leben wir über den Zeitraum von zwei Jahren verfolgen, aus derer Sicht abwechselnd erzählt wird. Schnell bekommen Anke, Constanze, Murat und Jörg ihre Konturen innerhalb derer ihnen zugeschriebenen Kapitel, die mal als innerer Monolog als auch Gespräch zwischen mehreren daher kommen, jede Figur dabei in ihrem ganz eigenen Duktus.

ANKE: Ehrlich gesagt: Du bist manchmal ein bisschen unempfindlich für so was. Ist dir schon mal aufgefallen, dass alle anderen die Klotür hinter sich zumachen? Und etwas anhaben, wenn sie nicht allein sind.
MURAT: Ich wohne hier!
ANKE: Aber doch nicht jetzt, um diese Zeit!
BEIDE lachen.

Isabel Bogdan: Wohnverwandtschaften

In diese Art Erzählstruktur muss man erst hineinfinden, doch schnell gewinnt man Übersicht, kann sich diese Wohngemeinschaft vorstellen, in der jeder seine inneren Konflikte und Gedanken einbringt, Haarrisse zeigen sich schnell, doch dunkle aufziehende Wolken fordern erst schleichend, dann immer mehr die Konfrontation.

Doch noch bleiben? Ich will gar nicht so richtig nach Hause, ich will nicht Jörgs Verwirrtheit ertragen, ich will nicht so gereizt reagieren, wenn er zum hundertsten Mal irgendein Quatsch fragt. Hoffentlich geht das wieder weg, es ist jetzt schon ganz schön lange so.

Isabel Bogdan: Wohnverwandtschaften

Einzelne Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, mit zunehmender Seitenzahl verschärfen sie sich, was zugleich Auswirkungen auf das Erzähltempo hat. Der Konflikt der Gruppe ist glaubwürdig dargestellt, wird zum Handlungsgegenstand, um den sich alles dreht, könnte sich so reell abspielen. Man darf aber auch feststellen, dass Bogdans Figuren ein Glücksfall für das aufgebaute Szenario sind.

Eingebettet in der quirligen Hafenmetropole braucht es nicht viel, um mit dem Roman warm zu werden. Wer ein wenig sucht, findet jedoch Anspielungen aus Musik und Literatur oder aus dem ersten Buch Isabel Bogdans „Sachen machen“. Eine gewisse Band taucht da wieder auf. Ansonsten ist natürlich der Konflikt einer, wie er in vielen Familien irgendwann auftauchen dürfte. Wie hart aber, wenn es eine Gemeinschaft trifft, die man sich selbst erwählt hat? Es trifft mitten hinein ins Herz.

Aber bei Jörg ist was passiert, bei Jörg ist viel zu viel passiert, nur das Falsche, Jörg hat diesen riesigen Stein im Kopf, den man nicht ausgraben kann, es gibt keinen Spaten für die Versteinerung eines Gehirns, man muss doch irgendwas tun können? Irgendwas?

[…]

Wie soll das weitergehen?

Isabel Bogdan: Wohnverwandtschaften

Das dröselt die Autorin feinfühlig auf, mitsamt einer Bandbreite vorstellbarer Reaktionen, wie sie in einer solch kompakt gehaltenen Erzählung möglich ist. Kein Wort ist dabei zu viel. Jeder Sprung, jede Lücke sind bewusst gesetzt, ergeben mitsamt der unterschiedlichen Figurenstile ein harmonisches stimmiges Bild.

Praktisch unmöglich, so gar keinen Zugang zu bekommen, gerade da es eine Thematik betrifft, die folgerichtig wie eindrücklich dargestellt wird, derer man bei einem selbst nahestehenden Personen (und wohl später auch bei sich selbst) zunächst nicht eingestehen möchte, dass sie problematisch ist.

Sie sind jetzt natürlich alle da, ich kenne die Gesichter, aber ich habe nicht alle Namen parat, […].

Isabel Bogdan: Wohnverwandtschaften

Erkennt man es, ist es beinahe zu spät. Alle Tragik und Traurigkeit hat Isabel Bogdan hier hineingesteckt und doch ist „Wohnverwandtschaften“ ein lebensbejahender Roman und ein Appell, die gemeinsame Zeit, die man mit seinen Liebsten hat, zu genießen. Nicht nur deshalb lesenswert.

Autorin:
Isabel Bogdan wurde 1968 in Köln geboren und studierte nach dem Abitur Anglistik und Japanologie in Heidelberg und Tokyo. Mit ihrer Familie lebt sie in Hamburg und arbeitet als freiberufliche Übersetzerin (u.a. Jonathan Safran Foer, Sophie Kinshalla und Megan Abbott), liest und schreibt selbst, hauptsächlich in Blogform aber auch in der Kolumne „Was machen die da?“, die Menschen beschreibt, die ihren gewöhnlichen und manchmal außergewöhnlichen Beruf leben und lieben. Ihre Romane „Der Pfau“ (2016) und „Laufen“ (2019) wurden verfilmt.

Sie ist Vorsitzende des Vereins zur Rettung des „anderthalb“ und erhielt 2006 den Hamburger Förderpreis für literarische Übersetzung, 2011 den für Literatur.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Isabel Bogdan: Wohnverwandtschaften Weiterlesen »

Saul Friedländer: Blick in den Abgrund – Ein israelisches Tagebuch

Inhalt:

Israel steht am Abgrund. Das Israel, das wir kannten. Saul Friedländer, der große Historiker des Holocaust, hat ein Tagebuch geschrieben, in dem er die aktuellen Ereignisse schildert und kommentiert, in Rückblenden aus der Geschichte des Landes, das er mit aufgebaut hat, erzählt, Konflikte analysiert und über Lösungen nachdenkt. Sein Tagebuch geht unter die Haut und jeden etwas an, dem an Israel liegt. (Klappentext)

Rezension:

Nicht nur außenpolitisch sieht sich dieses kleine Land vor ständiger Herausforderung, auch innen ist es kompliziert. Die Gesellschaft Israels, sie befindet sich im Zangengriff radikaler Kräfte und verschiedener Sichtweisen jüdischer Religion und ihren Interpreten. Die politischen Köpfe dieses Systems agieren eigensinnig, sind teilweise korrupt und das zieht sich bis in die obersten Ebenen des Staates hinein.

Im Jahr 2023 versucht sich der israelische Präsident an eine Justizreform, die ihn vor einem Gerichtsprozess bewahren soll, seine Koalitionspartner suchen ebenfalls Wege, sich und ihren Anhängern Vorteile zu verschaffen. Die Demokratie und der Pluralismus des Landes, sie bleiben auf der Strecke. Immer mehr Menschen protestieren.

Einige denken gar ans Auswandern aus dem Land, welches einst Heimstatt aller Juden sein wollte. Der Historiker und Schriftsteller Saul Friedländer beobachtet die gesellschaftlichen Spannungen aus der Ferne, analysiert und zieht Verbindungen zur Vergangenheit, die auch die eigene ist. Entstanden ist dabei ein hochbrisantes und komplexes Tagebuch, zugleich ernüchternd und erschreckend.

Als Außenstehender fällt es bereits schwer, die außenpolitischen Ereignisse zu sortieren und eine Übersicht zu wahren. Zu viel ist bereits passiert mit diesem Land, in der Innenpolitik sieht es dabei nicht besser aus.

Von Januar 2023 bis zum Juli 2023 beschreibt der Autor Tag für Tag das aktuelle Geschehen, welches einem fassungslos werden lässt, angesichts der Herausforderungen, mit denen in der Region ohnehin alle Akteure konfrontiert werden oder sich gegenseitig aussetzen.

Hoch komplex ziehen sich die Fäden der Handlungen israelischer Spitzenpolitiker, deren Agieren die Unfähigkeit von Regierenden manch anderer Länder wie vorausschauendes und überlegtes Handeln aussehen lässt. Schon für jene, die tagtäglich mit rassistischen Aussagen von Ministern konfrontiert werden, aus einem Land, welches es eigentlich rein von der Historie besser wissen müsste, ist dies schwer zu ertragen.

Ohne Vorkenntnisse, etwa der Ausrichtung einzelner Gruppen und Parteien innerhalb Israels ist der Zugang zur Lektüre jedoch überhaupt nicht gegeben, selbst wenn zwischendurch Saul Friedländer einen Rückblick wagt, um bestimmte politische oder religiöse Denkweisen zu erklären, die das Bild Israels im Innern heute beherrschen.

Eine Lektüre für zwischendurch ist schon rein thematisch nicht möglich, doch einige fehlende Teile im Gesamtbild werden uns Lesenden geliefert. Sehr schnell kommt man dahinter, welche Politiker zur Seiten treten müssten, damit das Land auch innenpolitisch in ruhige Fahrwasser gerät. Das Handeln, welches beschrieben wird, führt in die Isolation. Selbst enge Freunde Israels gehen auf Distanz.

Es ist eine hervorragende und differenziert ernüchternde Diagnose, die wenig Raum für Hoffnung lässt. Die Form des Tagebuchs verdeutlicht die immer tiefere Spaltung des Landes, innerhalb von Monaten. Ratlos bleiben die zurück, die letztendlich damit leben und irgendwann versuchen müssen, die Situation aufzulösen. Für Saul Friedländer auch ein Blick auf ein Israel, welches er immer weniger als das erkennt, was er einst mitgestaltet hat.

Die Analyse zieht sich zwischen den religiösen Ausrichtungen in Verbindung der politischen Wirkung, vor allem nach innen, was aber das äußere bedingt. Die Frage, was kommt, wenn der Bruch vollständig ist, muss in Friedländers Buch unbeantwortet bleiben. Israel braucht jedoch jetzt schon, so das Gefühl nach dem Lesen, eine Menge Glück, dies nicht auszuprobieren.

Autor:

Saul Friedländer wurde 1932 in Prag geboren und ist ein israelischer Historiker und Autor. Kurz nach der Besetzung der Tschechoslowakei flohen seine Eltern nach Frankreich, erst nach Paris, später in die unbesetzte Zone. Nach Verhaftungen ausländischer Juden 1942 wurde er in einem jüdischen Kinderheim, später einem katholischen Internat versteckt und überlebte so den Holocaust.

Mit 15 Jahren ging er mit gefälschten Pass nach Palästina und absolvierte eine dreijährige Militärzeit und studierte schließlich in Paris und Genf, wo er 1963 in Geschichte promovierte. In verschiedenen Positionen arbeitete er für den israelischen Staat und ist ein bedeutender Historiker und war Mitglied verschiedener Organisationen. Er erhielt u.a. den Dan-David-Preis und den Balzan-Preis, sowie den Geschwister-Scholl-Preis und den Preis der Leipziger Buchmesse.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Saul Friedländer: Blick in den Abgrund – Ein israelisches Tagebuch Weiterlesen »

Franz Kafka: Das Urteil/Die Verwandlung – Erzählungen

Autor:
Franz Kafka wurde am 3. Juli 1883 in Prag geboren. Nach einem Jura-Studium, welches er 1906 mit Promotion abschloss, arbeitete er als Angestellter einer Versicherung bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung, im Jahr 1922. 1917 erlitt er einen Blutsturz und starb 1924 an den Folgen einer Tuberkulose-Erkrankung. Er schloss sich einem Kreis Prager Literaten an, seine erste Erzählung wurde 1908 veröffentlicht. Weitere folgten. Kafkas Werke wurden mehrfach verfilmt und für das Theater adaptiert.

Inhalt:
Ein Vater, der seinen Sohn zum Tod durch Ertrinken verurteilt. Die Verwandlung eines Geschäftsmannes in ein Insekt. Die Widerstände, die das Leben seinen Figuren entgegenstellt, sind wunderlich und grotesk. Die Bilder, die Kafka für die seelischen Nöte der Menschen findet, wirken weit über seine Erzählungen hinaus. (Klappentext)

Rezension:
Ein junger Geschäftsmann wacht auf und findet sich gefangen wieder, in einer anderen Gestalt. Die Entfremdung zweier Menschen führt zum Tode des einen. Zwei Erzählungen sind hier in diesem schmalen Bändchen versammelt, die nebst anderen für das Wirken eines der großen Schreibenden stehen und die zwischen den Zeilen tiefgehenden Interpretationsspielraum bieten. Die kompaktere der beiden Novellen steht der zweiten voran. Der Sohn hat kürzlich das Geschäft seines Vaters übernommen, letzterer sieht sich zunehmend in die Rolle des passiven Zuschauers gedrängt. Risse werden deutlich. Es kommt zum Bruch mit dramatischen Ausgang.

Schon innerhalb dieser wenigen vorliegenden Seiten ergeben sich zahlreiche Spielräume für Überlegungen. Biografische und psychologische Bezüge zu Kafka und dessen Verhältnis zur Vaterfigur spielen mit rein, auch die innere Zerrissenheit, derer sich Kafka zeitlebens selbst vorwarf, wird in vielen Interpretationen bemüht, sowie, oberflächlich die Abscheu des Autoren vor der Geschäftswelt, in der er selbst eine Rolle spielte. Ebenso „Die Verwandlung“, der Panzer des Käfers gleichsam als inneres wie äußeres Gefängnis, dem die Entfremdung und das Unverständnis der äußeren Welt folgt. Beide Erzählungen sind pointiert ausgearbeitet, vieles lässt sich zwischen den Zeilen deuten.

Im Zentrum stehen die Hauptprotagonisten selbst, die nach Art der Novelle selbst zum Dreh- und Angelpunkt ihrer eigenen Geschichte werden und so Verknüpfungspunkte zwischen beiden Geschichten bilden. Die Zusammenstellung in einem Band funktioniert auch deshalb, ergibt ein stimmiges Bild.

Kafkas Tonalität lässt sich auch heute noch sehr gut lesen, ist verständlich. Auch ohne Interpretation gelingt die Lektüre. Eventuell könnte man sogar so weit gehen, mit „Die Verwandlung“ ein frühes fantastisches Werk vorzufinden, in beiden Fällen jedoch mindestens eine gehörige Portion Gesellschaftskritik zu lesen. Man nähert sich beiden Protagonisten an, eine gewisse Distanz bleibt jedoch immer vorhanden. Der Autor spart sich zumindest bei letzterer Novelle die Erklärung, wie es zur Ausgangssituation kommt. Ab dann finden sich keine weiteren Lücken. Der Wandel im Charakter der Figuren folgt in immer schnelleren Schritten.

Trotzdem der Nachvollziehbarkeit bleibt eine gewisse Kälte innerhalb der beiden Texte, die sich jedoch auch aus dem Schreibstil ergibt. Das jedoch alleine wirkt schon zur Genüge. Schade, dass man von Schulseiten gezwungen wird, diese und andere Werke bis ins kleinste Komma auseinanderzunehmen. Zumindest bei „Die Verwandlung“ war das bei mir der Fall. Mit den Abstand von heute, ohne jetzt die favorisierte Deutung der Lehrkraft treffen zu müssen, mochte ich jedoch das Werk gerne für mich neu zu entdecken.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Franz Kafka: Das Urteil/Die Verwandlung – Erzählungen Weiterlesen »