Kind

Katharina Bendixen: Eine zeitgemäße Form der Liebe

Inhalt:
Ein Löwenjunges fällt in der Kinder- und Tiertagesstätte auf und durchläuft diverse Maßnahmen, um seine Menschwerdung voranzutreiben. In einer Eltern-Chatgruppe eskaliert die Kommunikation. Eine Wissenschaftlerin stellt ein Programm vor, bei dem überforderte Mütter ihre Kinder tauschen und so zu einer zeitgemäßen Form der Liebe finden können.

Katharina Bendixen erzählt von Eltern und ihren Kindern, von den Ansprüchen an Mutterschaft und von ihren Widersprüchen. In klassischen Short Storys, magisch-surrealen Erzählungen und doppelbödigen Alltagstexten fühlt sie einer so gestressten wie saturierten Gesellschaft auf den Zahn. (Klappentext)

Rezension:
Sammlungen von Kurzgeschichten haben den Vor- und Nachteil zugleich, dass man umhergeworfen wird, zumal wenn sich Stil und Form von Text zu Text unterscheiden. Nicht immer wird man Zugang und Anknüpfungspunkte finden, doch klug zusammengestellt, gelingt dies, zudem wenn die einzelnen Geschichten uns immer wieder auch herausfordern.

Die deutsche Schriftstellerin Katharina Bendixen schafft dies mit ihrer Sammlung „Eine zeitgemäße Form der Liebe“, in der sich Kurzprosa mit fast schon surrealen Berichten abwechseln, einmal eine Art Chat-Protokoll, dann wieder Gedankenschnipsel, an denen man hängen bleibt. Sie alle beschäftigen sich mit Mutterschaft, Elternschaft, der Wahrnehmung und Wirkung im Inneren und von außen. Die Thematik ist das einzige, was die Geschichten zusammenhält, manchmal zusätzlich ein Name, der in einer der folgenden Geschichten unvermittelt erneut auftaucht. Diese Art der Komposition muss man mögen, auf sie muss man sich einlassen, manches mehrfach lesen. Ein Weglegen und wieder Hervorholen lohnt sich, sowie ab und an innezuhalten.

Zu beobachten, was die Texte mit einem machen, wie sie die Wahrnehmung verändern, zudem wenn beinahe schräge Gedanken zum Handlungssymbol einer der Erzählungen werden. Das Kind als Tier betrachten oder Tauschobjekt gar, wenn es so agiert, dass das die Gesellschaft als verhaltensauffällig stuft oder man vielleicht den Gedanken hat, mit einem anderen Kind besser dran zu sein. Wie absurd, wie phantastisch für eine Geschichte. Katharina Bendixen spielt in ihnen mit Sprache, trifft den Nagel auf den Kopf, reizt Kunstkniffe und Doppelbödigkeit aus.

Nicht immer funktioniert das gleichermaßen, weswegen sich starres Hintereinanderweglesen nicht empfiehlt. Zu groß sind die Unterschiede. Manchmal war der Spagat zwischen Form und Sprache, auch Absurdität zu viel des Guten.

Nichts destotrotz habe ich durchaus ein paar Highlights finden können, bei denen mich sowohl Kreativität als auch Umsetzung stark beeidnruckt haben. Alleine dafür hat es sich gelohnt.

Autorin:
Katharina Bendixen wurde 1981 in Leipzig geboren und ist eine deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin. Nach dem Abitur studierte sie in Leipzig und Alicante Buchwissenschaften und Hispanistik, veröffentlichte in Literaturzeitschriften und Anthologien. Sie ist Prosa-Redakteurin der Literaturzeitschrift poet und schreibt für verschiedene Zeitungen. Sie betreibt mit anderen einen Blog über Autoren- und Elternschaft, ist Mitglied des PEN-Zentrum Deutschland. Mit ihrer Familie lebt sie in Leipzig.

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Birgit Vanderbeke: Das Muschelessen

Inhalt:
Angespannt wartet die Familie am gedeckten Tisch auf den Vater. Mutter, Tochter und Sohn sitzen vor einem Berg Muscheln, die allein das Oberhaupt der Familie gerne isst. Um die zähe Wartezeit zu überbrücken, beginnen sie miteinander zu reden. Je mehr sich der Vater verspätet, desto offener wird das Gespräch, desto umbarmherziger der Blick auf den autoritären Patriarchen und desto tiefer der Riss, der die scheinbare Familienidylle schließlich zu zerstören droht. (Klappentext)

Rezension:
Das Hinterfragen und Durchbrechen von autoritären Strukturen geschieht zunächst leise. Kleine Risse, die ein jeder für sich ausmacht, die später größer, lauter und für alle anderen sichtbar werden, bis es zum unweigerlichen Bruch kommt. Bezugnehmend auf die Strukturen eines Staates, den es heute nicht mehr gibt, hat die deutsche Schriftstellerin Birgit Vanderbeke ihre Novelle „Das Muschelessen“, im Jahre 1990 veröffentlicht und damit ein literarisches Kammerspiel geschaffen, welches sich heute ebenso auf das Verhältnis zwischen Staat und Bürger übertragen lässt.

Oberflächlich begegnen wir einer am Tisch sitzenden Familie, die auf das Zurückkehren des Vaters wartet, dessen Lieblingsessen vor sich hinköchelt. Aus der Sicht der Tochter wird dies erzählt. Das Geräusch, der sich öffnenden Muscheln, die sonst niemand so recht mag, lässt ihr die Haare am Körper zu Berge stehen. In der kurzweiligen Erzählung, die mit einem heute selten gewordenen, verschachtelten und langwierigen Schreibstil daherkommt, was alleine schon den Gegensatz der Geschichte verkörpert, warten wir mit der Familie, deren Ängste die einzelnen Mitglieder zuerst zaghaft, dann immer lauter und entschiedener artikulieren.

Schon mit den ersten Zeilen wird die Aufgewühltheit der Protagonisten deutlich, die innere Unruhe, die wir erfahren, zunächst durch die Beschreibungen der erzählenden Personen, die ihre Umgebung, ihre Mutter und ihren jüngeren Bruder, genau beobachtet. Nach und nach werden die Beweggründe der Figuren deutlich, für ihre Sichtweise auf die Vaterfigur. Das Erkennen, dass der Patriarch sie praktisch in eine emotionale Geiselhaft hält, die man auch als unsichtbare Mauer nehmen darf, braucht nur wenige Stunden. Die offene Auflehnung gegen den Antaogonisten, der nur durch die Betrachtung der Figuren in der Erzählung vorkommt, selbst jedoch nicht in direkter Erscheinung tritt, braucht dann nur ein zerbrochenes Glas.

Dabei stellen die Protagonisten alle Zustände des Lebens unter autoritären Strukturen dar. Mehr oder weniger offene Auflehnung, passiver Widerstand, Opportunismus treten hier innerhalb verschiedener Phasen der Handlung in Erscheinung, gewinnen und verlieren die Oberhand, bündeln sich schließlich zu einer finalen Szene, deren Ende offen bleiben muss. Wird der Kampf ausgefochten? Muss er überhaupt weitergeführt werden? Erledigt sich das Problem von selbst? Birgit Vanderbeke lässt ihre Leserschaft selbst denken. Die Fortführung des Szenarios findet in den Köpfen statt. Auch die Ausgestaltung der einzelnen Figuren gibt Raum zur Interpretation.

Zwar werden verschiedene Anekdoten aus dem Familienleben von der Erzählfigur hervorgeholt, alleine um die Handlung voranzutreiben, doch ergibt sich außer von ihr und von der Vaterfigur selbst, kein wirklich klares Bild. Die anderen zwei Figuren bleiben blass, so dass man zeitweilig das Gefühl hat, einem taktischen Spiel beizuwohnen, bei dem erst nach und nach sich ein jeder in die Karten schauen lässt. Sie alle haben ihre Schwierigkeiten, Probleme, Hoffnungen und Ängste. Zuweilen liest man fassungslos, was da geschieht.

Anfangs besonders im Sprachlichen gewöhnungsbedürftig, findet man doch schnell hinein in den Text, der sich immer rasanter lesen lässt. Es fühlt sich an, wie ein Strudel, in den man hineingerät und seinen Kräften dann nicht entkommen kann. Die Muscheln verkommen zum Symbol für den Wendepunkt. Ein Abschnitt endet, ein anderer beginnt. Das Kammerspiel selbst ist das Dazwischen.

Es gibt hier keinen Raum für unlogische Wendungen, aber Sprünge in der emotionalen Befreiung der Figuren von den Fesseln dieses Korsetts Familie, welches aufgebrochen wird. Das ständige Hin und Her, zwischen jetzt und vergangenen Ereignissen tut das Übrige für die Dynamik der Erzählung. Passieren tut da nicht viel, aber dafür eine ganze Menge.

Dieser Sog wirkt bis zum großen Knall, zudem auch das offene Ende passt, welches man wohl je nach Gefühlszustand und Erfahrungshorizont so oder so interpretiert. Beiwohnend kann man sich das alles bildlich vorstellen, als würde man einem Theaterstück beiwohnen. Es braucht ja nicht viel. Bis auf die Rückblenden spielt sich das alles in der Wohnung der Familie ab.

Aus der Novelle heraus lässt sich viel mitnehmen. Gedanken über Familienstrukturen, Widerstand, politische Strukturen, die durchaus eine Abbildung dessen sein können und das funktioniert bis in unsere Zeit, in der ein gewisser Bundeskanzler tut, was er tut und es in der Bevölkerung vor sich dahinbrodelt, man förmlich auf den großen Knall wartet oder ihn fürchtet. Je nach Lage und persönlicher Situation.

„Das Muschelessen“, ist damit eine zeitlose und doch hoch aktuelle Erzählung, deren zahlreiche Schichten es in sich haben. Damit das funktioniert, muss man nicht einmal die persönliche Geschichte der Autorin kennen, die einst selbst mit ihren Eltern kurz vor dem Mauerbau aus der DDR floh. Ein großartiger, gewaltiger kleiner Roman.

Autorin:
Birgit Margot Vanderbeke wurde 1956 in Dahme geboren und starb 2021 in Südfrankreich. Die spätere deutsche Schriftstellerin wuchs zunächst in der DDR, später in Frankfurt am Main auf, wo sie Jura, Germanistik und Romanistik studierte. Sie arbeitete beim Institut für Sozialforschung, seit 1993 zudem als freiberufliche Autorin. 2002 erschien der von ihr verfasste Band „Gebrauchsanweisung für Südfrankreich“. 1990 gewann sie mit einem Auszug aus dem Text „Das Muschelessen“, den Ingeborg-Bachmann-Preis.

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Anna Mendel/Jasmin Sturm: Verstehst du mich?

Inhalt:
„Verstehst du mich?“, ist ein Kartenset mit Begleitheft, bestehend aus 10 Motiven, unter anderem zu den Themen Essen, Erschöpfung und Schlaf. Die Ilustrationen werden auf der Kartenrückseite von kurzen Erzählungen begleitet, die sich zum Vorlesen und Innehalten eignen. Kinder und Erwachsene können aus diesen Texten lernen, wie unterschiedlich autistische Verhaltensweisen aussehen und wie vor allem Erwachsene in Familien damit umgehen können.

Im Begleitheft wird entlang der Erzählungen Hintergrundwissen zum Thema Autismus angeboten. Darin zeigen die Autorinnen zugewandte Handlungsstrategien, mit denen der Alltag für alle Familienmitglieder liebevoll und ausgeglichener gelebt werden kann. Ihr Fokus liegt dabei auf dem respektvollen Umgang mit autistischen Kindern. Dabei berücksichtigen sie auch immer die Perspektiven der Eltern und Bezugspersonen und deren Kapazitäten. (Klappentext)

Rezension:
Es gibt Bücher, die sind keine Bücher, sondern so viel mehr als das, vielmehr Material, welches besonderen Themen eine besondere Form verleiht. Denn, wenn wir Autismus sowohl als Behinderung als auch Behilflichkeit verstehen wollen, erfordert dies von der Mehrheit, die wir als neurotypisch bezeichnen, besondere Aufmerksamkeit, aber auch einen geeigneten Zugang zur Thematik, um mit Verständnis eionander zu begegnen. Und das auf der Ebene schon, etwa zwischen neurotypischen Geschwisterkindern und Autist:innen oder Erziehenden und Eltern, die plötzlich mit Kindern konfrontiert sind, deren Wahrnehmung der Welt eine ganz andere ist, als sie die allgemeine Erwartungshaltung vorgibt.

Wie damit umgehen? Wie gemeinsam Alltagssituationen verstehen und meistern, die so plötzlich zur Herausforderung werden? Die Autorin Anna Mendel und Illustratorin Jasmin Sturm haben eine Kombination von verschiedenen Formen gefunden, die sich einer komplexen Thematik niedrigschwellig und wohlgesinnt annähert, sich sowohl in der direkten Arbeit mit Kindern einsetzen lässt als auch Pädagogen und Eltern einen Zugang verschafft, der den Blick ungemein erweitert.

In einer kleinen metallenen Box finden sich ein Set von Karten, auf denen Themen grafisch aufbereitet werden, die einem mit autistischen Kindern in der einen oder anderen Form begegnen. Die im Vergleich zu neurotypischen Kindern besondere Form des Spielens etwa oder der Wahrnehmung von Essen anhand von Konsistenzen oder deren Zusammenstellung, Gefühlsregulation, die Wahrnehmung von Geräuschen wird einerseits bildlich dargestellt, auf der Rückseite anhand einer kleinen zugewandten Geschichte verdeutlicht.

Hauptfiguren dieser Geschichte, sind zwei Kindergartenkinder und Erwachsene, wie deren Eltern oder der Betreuer im Kindergarten, um auch diese Seiten aufzuzeigen. Mit Bild und Geschichte lässt sich so pädagogisch mit Kindern arbeiten, etwa in den man anhand der Bilder miteinander spricht oder eben über die kleinen Erzählungen, die liebevoll gestaltet sind. Das passende und erklärende Material findet sich dann im Begleitheft, in dem die fachliche Erläuterung zwar nicht zu kurz kommt, dennoch kompakt und verständlich gehalten wird. Diese Kombination ist es, die das Material sowohl im heimischen Kinderzimmer wertvoll macht, wie auch in der pädagogischen Arbeit im Kindergartenalltag und so übergreifend funktioniert.

Der Umgang mit dieser doch auf den ersten Blick so komplexen Thematik, die Zugewandtheit der beiden Autorinnen, ist hier besonders hervorzuheben, ebenso die behutsame Bearbeitung des Verlags, der den Texten und Material zudem mit einem Senstiv reading begegnet ist. So gelingt die Präsentation und Erarbeitung des Themenbereichs Autismus und Kinder in einer modernen Form, von der ich mir wünsche, dass sie in möglichst vielen Bereichen zum Einsatz kommt.

Leseprobe: Verstehst du mich?

Autorin und Illustratorin:
Anna Mendel ist Germanistin udn Anglistin, seit 2021 als freiberufliche Autorin, Speakerin und im Sensitivity Reading tätig. Ihre Schwerpunkte sind die verschiedenen Formen der Diskriminierung, Rassismus, Ableismus und Körperdiskriminierung. Neben eigenen Büchern hat sie bereits in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. Als Expertin gibt sie in Konferenzen und Workshops Impulse zu Gleichberechtigung, Inklusion und Empowerment alltagsorientiert und niederschwellig Impulse.

Jasmin Sturm ist Illustratorin und Autorin und arbeitet seit 2021 unter ihrem Kunstlabel „Farbflausen“ Mit ihrer Arbeeit positioniert sie sich für eine gerechtere und vielfältige Gesellschaft, Inklusion und Sichtbarkeit. Neben Bücher, sowohl für Text als auch Illustrationen, arbeitet sie an Printaufträgen und bestreitet Lesungen und Vorträge. Ihr Anliegen ist es, verschiedene Lebensrealitäten mitzudenken und Identifikationsangebote zu schaffen.

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Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Inhalt:
Jekabs ist ein Junge, der in einer ungewöhnlichen Familie geboren wurde. Aber er möchte gern wie alle anderen sein – mit dem Fahrrad herumfahren, Gameboy spielen, sich um sein Kätzchen kümmern, eine coole Jacke tragen, im See schwimmen und Liene liebevolle SMS schicken …

Mit großem Einfühlungsvermögen erzählt Rasa Bugavicute-Pece in ihrem preisgekrönten Jugendroman von Jekabs, der schon als Kind erwachsen sein soll, um seinen blinden Eltern im Alltag helfen zu können. Mit zunehmenden Alter will er sich aber auch von ihnen lösen, um eigene Wege gehen zu können. Seine Mutter hingegen versucht verzweifelt, alles zu tun, um ihr Kind nicht zu verlieren. (Klappentext)

Rezension:
Das vorliegende Jugendbuch der lettischen Autorin und Dramatikerin Rasa Bugavicute-Pece erzählt eine Geschichte von Veränderungen, Loslösung und einer Superkraft, die Jekabs vor allem vor Gleichaltrigen versucht, zu verbergen. Für seine Eltern und deren Freunde ist er der Junge, der im Dunkeln sieht. Doch diese Besonderheit birgt mit zunehmenden Alter Konfliktpotential zwischen deren und seiner Wahrnehmung der Welt. In der leichtgängigen und doch einfühlsamen Erzählung verfolgen wir Jekabs auf seinem Weg, der für seine Eltern schon als Kind erwachsen sein muss.

Wenn es eine Region verdient hat, mal wieder im Fokus der Buchmessen zu stehen oder eines deren Gastländer zu stellen, ist es das Baltikum, vom dem zuletzt Litauen 2017 in Leipzig und 2002 in Frankfurt, die gesamte Bandbreite seiner Literatur präsentieren durfte. Lettland dagegen bemüht sich seit Jahren darum, einmal das Gastland stellen zu dürfen und Bücher wie dieses hier würden die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient haben. In Lettland selbst ist die Autorin bekannt. Ihr zweites Buch liegt nun in der deutschen Übersetzung von Lil Reif im Mirabilis Verlag vor.

Jekabs ist der anfangs noch kindliche, später jugendliche Hauptprotagonisten, dessen Alltag wir verfolgen, der in der Umgebung eines Wohnheims für blinde Menschen aufwächst und schon früh lernen muss, mit den Gegebenheiten als einzig Sehender zurechtzukommen. Für ihn zunächst nichts besonderes, wird er sich der Situation mit zunehmenden Alter immer bewusst, aber auch den Einschränkungen, die es mit sich bringt, wenn die Eltern die Welt ganz anders wahrnehmen, als die beispielsweise seiner Klassenkameraden. Ein in die elterliche Ordnung tapsendes Kätzchen ist da nur einer der ersten von vielen Versuchen, Eigenständigkeit gegenüber den Eltern zu erlangen, deren Sicherheitsbedürfnis lange in eine Art Übervorsorglichkeit gegenüber ihren Sohn mündet.

Erst später, nachdem ich ein paar Mal bei Kriss, Klavs und Matisss gewesen war, habe ich verstanden, dass ihnen unsere Wohnung wie eine einzige Leere vorkommt, wie eine Wüste oder ein Gletscher – unglaublich exotisch, denn bei uns stehen hinter den Glasscheiben von der Schrankwand keine Massen von Glöckchen von Reisen, da sind keine unzähligen gerahmten Bilder, keine Bücherberge, Notizblöcke, Dokumentenmappen, keine bunten Musikkassetten, irgendwelche Kreisel, neun Kaffeeservices in verschiedenen Farben, Gläser in allen möglichen Größen, es gibt keinen bunten Haufen Hausschuhe im Flur, in dem man sich ein passendes Paar zusammensuchen muss und dazu mit dem Fuß darin herumwühlt. […] Wir haben keine Bilder. Es gibt einen Kalender, aber der zeigt meistens den falschen Monat.

Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Von diese Warte aus, sind die Handlungsweisen und Charakterzüge der Protagonisten nachvollziehbar, wobei vor allem jekabs als Hauptfigur alle Sympathien auf sich zieht. Sich seiner Sonderrolle bewusst, blitzt neben all den viel zu erwachsenen Verhalten, welches er an den Tag legen muss, immer wieder das Kindliche durch, nachvollziehbare Wünsche und Träume, aber auch das Bewusstsein für all die Einschränkungen der Erwachsenen, in deren Spannungsfeld er lebt und sich seine Freiheiten mühsam erkämpfen muss. Auch aus der Sicht seiner Mutter wird die Geschichte erzählt, so dass auch ihr Handeln verständlich ist, welches das spätere Potential für Konflikte begründet, welches der Erzählung ihre Ecken und Kanten gibt.

„Und, hast du eine an?“ Schon ist Mama in der Kabine und will mich abtasten. „Jetzt warte mal“, fauche ich und nehme die erste Jacke, sie ist mossgrün mit roten Streifen. […] „Jetzt zeig doch mal“, sagt Mama und tastet mich ab, den Vorhang hat sie aufgezogen, und über ihre Schulter hinweg sehe ich die Verkäuferin, die unauffällig versucht einzuschätzen, wie wir zurechtkommen. Na also, die Verkäuferin ist eine von denen, die genauer hinschauen, nachdem sie erst so tun, als gäbe es da nichts zum Schauen … […] Sie ist gut gelaunt – sie hat mir gerade eine Jacke gekauft, die mir gefällt. Ich greife nach Mamas Hand, die auf meinem rechten Ellbogen liegt, und drücke sie fest, danke. Kurz darauf ziehe ich dann aber meine Hand gleich wieder weg und stecke sie tief in meine Hosentasche – ein ganzes Stück weit entfernt kommen uns einige meiner Klassenkameraden entgegen. Sie gehören zu denen, die so tun, als würde ihnen gar nichts auffallen.

Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Dieses Spiel mit den Gegensätzen beherrscht Rasa Bugavicute-Pece genau so, wie sie es schafft, die inneren FGefühlswelten Jekabs‘ zu beschreiben und Orte lebendig vor dem inneren Auge entstehen zu lassen. Nicht zuletzt ist ihr das durch die Erwahrungswelt in ihrem eigenen Bekanntenkreis gelungen. Die Figuren sind liebevoll ausgestaltet, wie auch der Altag dargestellt, der vor allem zeigt, wie wichtig Ordnung und Organisation ist, in einer Welt, wo gerade der Sehsinn als sonst selbstverständlich erscheint. Auch, und das ist als jemand ohne diesen Erfahrungshorizont besonders spannend, werden Hilfsmittel für Blinde, um den Alltag zu bewältigen, ganz wie nebenbei beschrieben.

Das so einzuarbeiten, gleichzeitig einen Jungen auf der Suche nach seinem eigenen Weg zu beschreiben, ist die Stärke dieses kleinen Romans, den man nicht nur viele jugendliche Lesende wünscht. Auch für Erwachsene funktioniert das sehr gut, die sicher das beschriebene Spannungsverhältnis aus der elterlichen Perspektive nachvollziehen können. Der Autorin gelingt es den inneren Zwiespalt ihrer beider Hauptprotagonisten darzustellen. Andere Figuren dienen nur als Handlungstreibende. Der stete Perspektivwechsel zwischen Sohn und Mutter tut sein übriges dazu, diesem sehr besonderen Alltag gerne beizuwohnen, ohne dass es ins Klischeehafte abrutscht.

In sich schlüssig ist die „Der Junge, der im Dunkeln sah“ eine Erzählung, die berührt ohne Mitzleid mit ihren Figuren zu heucheln oder ins Voyeuristische abzugleiten. Auch verfolgen wir das Erwachsenwerden Jekabs ohne harte Brüche, bis zu einem gewissen Spannungsmoment, der eine klare Umkehr des Verhältnisses zwischen Eltern und Kind aufzeigt. Das passt hier wunderbar hinein.

Rasa Bugavicute-Pece erzählt die Normalität in der Welt des für Ausstehende Besonderen und hat dabei etwas geschaffen, was nur wenigen Autoren und Autorinnen in dieser kompakten Form so schön gelingt. Die Übertragung ins Deutsche durch Lil Reif hat sicher das ihre dazu beigetragen, dass das Jugendbuch so wertvoll macht, ohne den pädagogischen Gürtel, Achtung: Anspielung, zu erheben.

„Der Junge, der im Dunkeln sah“, hilft, uns für Perspektiven zu öffnen und sich darauf einzulassen, erzählt von einem Spannungsverhältnis, Selbstfindung und auch von Liebe und Fürsorge, sei es für die eigene erste oder und vor allem zu den eigenen Eltern, ohne sich selbst zu verlieren. Das ist viel für ein Jugendbuch. Hierfür hat die Autorin ein richtiges Maß gefunden und mit Jekabs einen Protagonisten, den man in sein Herz schließt und gerne wachsen lässt.

Autorin:
Rasa Bugavicute-Pece wurde 1988 in Riga geboren und ist eine lettische Dramatikerin und Autorin. Sie studierte an der Lettischen Kulturakademie und machte ihren Bachelor in Theater-, Film- und TV-Dramaturgie, danach erhielt sie einen Abschluss in Kulturmanagement und studierte Kreatives Schreiben. 2011 wurde sie zur Vorsitzenden der Lettischen Dramatikergilde gewält. Vier Jahre später arbeitete sie im Liepaja Theater. Auch in anderen, wie dem Lettischen Nationaltheater wurden ihre Werke aufgeführt. 2016 veröffentlichte sie ihren ersten Roman. 2020 wurde sie für ihren zweiten Roman „Der Junge, der im Dunkeln sah“, mit dem Janis Baltvilks Award ausgezeichnet.

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Doris Lessing: Das fünfte Kind

Inhalt:
In ihrem Häuschen im Londoner Umland leben Harriet und David die perfekte Idylle, bis sie ein weiteres Kind bekommen. Bereits als Baby benimmt es sich äußerst seltsam beziehungsweise unangenehm grob. Harriet versucht verzweifelt, die zunehmenden Aggressionen auszugleichen. Es dauert eine Weile, bis sie sich eingesteht, dass sie Angst vor ihrem eigenen Kind hat. Welch unaussprechliche Ahnung! Eines der bekanntesten und beeindruckendsten Werke von Doris Lessing, das seine Figuren vor existentielle, schier unlösbare Aufgaben stellt. (Klappentext)

Rezension:
Selten wurde das Zerbrechen eines Familienidylls in einer Mischung aus englischem Schauerroman und klassischen Horrors so eindrücklich erzählt, wie hier in „Das fünfte Kind“, der englischen Schriftstellerin Doris Lessing. Der Roman, fast durchgehend gehalten in einer Art des klassischen Kammerspiels, hält einem fest in den Griff, wie der Archetyp selbst, der sich in die Figur des Hauptprotagonisten selbst manifestiert.

Für heutige Verhältnisse mutet der Schreibstil der Autorin beinahe altmodisch an. Doch da findet man mit der Zeit hinein, das angestaubte Familienbild ist da schon schwieriger zu fassen. Heraufbeschworen wird zunächst das glückliche Eheleben mit möglichst vielen Kindern, ganz im Sinne konservativer Ansichten, wenn auch Doris Lessings leichte Spitzen gegen die Schicht der Besserverdienenden von Beginn an ihren Platz finden und sich durch die gesamte Lektüre ziehen.

Denn die Hauptfiguren leben von Anfang an praktisch über ihre Verhältnisse. Das großzügige bald notwendige Haus kann überhaupt nur mit Unterstützung und viel Wohlwollen der zahlungskräftigen Eltern des jungen Paares unterhalten werden, die dem Wunschbild von der großen Familie jedoch nichts entgegensetzen können. Dies ist der erste von vielen Konfrontationspunkten, die die Autorin schafft, die ihren Höhepunkt im fünften Kind finden werden, an dem nicht nur die Kernfamilie letztendlich zerbrechen wird.

Diesem Szenario setzt Doris Lessing ihre Figuren aus und schafft damit eine ungeheure Dynamik, welche Fahrt aufnimmt, und dann ohne zu Bremsen gen Abgrund zu steuert. Die titelgebende Hauptfigur wird mit zunehmendem Alter immer mehr ihrer Kräfte bewusst, Harriet als dieser gegenüber später noch als Einzige wohlwollenden Protagonistin verfolgt ihr Familienbild beinahe bis zum bitteren Ende mit einer bis über das Ziel hinausschießenden Dummheit und Arroganz, welche nicht mehr mit Naivität schön zu reden ist. Wie kann ein Mensch so viele Nadelstiche, so viele schmerzhafte Stiche und auch Grobheiten und Gewaltakte gegen sich und ihre Lieben so schönreden und entschuldigen?

Um diese beiden Figuren wird ein Szenario geschaffen, in deren Mitte einige blinde Flecke erst kleine Risse, später ganze Gräben, sinnbildlich gesprochen, übersehen, über die die anderen Figuren zu Leidtragenden werden. Gegensätze brechen auf, unterschwelliges kommt immer wieder zu Tage und treibt die Handlung voran, deren Sturm im Zentrum Ben bildet, der den Ur-Archetyp des Menschen verkörpern mag.

Der Teufel im Inneren, mag einem da zu weilen in dem Sinn kommen. Vielleicht aber hat die Autorin auch ihre eigene Gefühlswelt in diese Figur manifestiert. In Kenntnis ihrer privater Familiengeschichte ist dies zumindest möglich.

Wie ein daneben stehender Beobachter begleiten wir die Geschichte, deren Szenen sich fast allesamt im Familienhaus der Lovetts abspielen und das Zerbrechen eines Idealbildes beiwohnen, welches schon damals zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist. Vor allem Harriet als Hauptprotagonistin selbst, leidet darunter, hat jedoch auch Scheuklappen gegenüber dessen, was sie vor allem ihren anderen Kindern gegenüber zumutet, in dem sie die Wahrheit verkennt. Immer wieder möchte man sie darauf stoßen. Immer wieder setzt die Autorin noch eines drauf, kaum kommen ihre Figuren einmal zu Atem.

Dieses Spiel mit Gegensätzen, Urgewalt gegen Kultur, Zusammenhalt gegen Einzelgängertum, Rohheit gegen Gefühl, wird bis ins Unerträgliche auf die Spitze getrieben, dass man beinahe schreien muss, um die Erzählung, die beiden Hauptprotagonisten auszuhalten. Dabei setzt die Autorin vor allem auf unterschwellige Spannungsmomente. Gewalt wird angedeutet oder kurz vor Geschehen unterbrochen. Immer wieder ist jedoch zwischen den Zeilen eine dunkle Ahnung von Angst zu lesen, die einem die Nackenhaare zu Berge stehen lässt.

Doris Lessing erzählt dies sehr bildhaft. Die Figuren kann man sich sehr gut vorstellen, die Handlungsorte vor dem inneren Auge entstehen lassen. Das Sprichwort vom „Grauen hinter der Fassade“ bekommt in diesem Roman eine ganz eigene Bedeutung. Für Fans klassischen Horrors, der mehr auf die psychologische Komponente setzt, ist diese Erzählung sicher geeignete Lektüre, wenn man nicht dazu neigt, sich zu sehr über einzelne Protagonisten aufzuregen.

Der Roman wurde 1988 erstmals im Original veröffentlicht und funktioniert mit diesen Elementen, natürlich in einem etwas anderen Tempo als das derzeit üblich ist, noch heute. Es ist jedoch schon länger her, dass mich Protagonisten so dermaßen herausgefordert haben. Wenn man so möchte, hat da Doris Lessing durchaus einen Punkt.

Autorin:
Doris May Lessing wurde 1919 in Kermanschah, Iran, geboren und war eine britische Schriftstellerin. 1950 erschien ihr erster Roman, der ihr zum literarischen Durchbruch verhalf, dem weitere folgten. Für ihr Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Den Nobelpreis für Literatur erhielt sie im Jahr 2007. Im Jahr 2013 verstarb die Autorin in London.

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Nicht jede Geschichte hat zwei Seiten.

Janis V. Montreau „Ohnmacht“

Manche Formen von Gewalt sind laut.
Andere sind so leise, dass sie niemand hört – außer dem, der sie selbst erlebt.

Ohnmacht erzählt von einer solchen Geschichte.
Von einem Vater, der zusehen muss, wie ihm alles genommen wird.
Von einer Wahrheit, die sich immer weiter verschiebt, bis sie nicht mehr greifbar ist.
Und von einem Kind, das erfahren muss, dass Liebe auch immer Schmerz bedeutet.

Dieses Buch fordert keine schnellen Urteile.
Es stellt Fragen.
Und es schaut dorthin, wo es wehtut.

Erscheint am: 5. Mai 2026 im Kapitel II Verlag (Forward Verlag Imprint), ISBN: 978-3-91242-700-4, 776 Seiten, Taschenbuch.

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Jessica Lind: Kleine Monster

Inhalt:
Pia und Jakob sitzen im Klassenzimmer der 2B, ihnen gegenüber die Lehrerin ihres Sohnes. Es habe einen Vorfall gegeben, mit einem Mädchen. Pia kann zunächst nicht glauben, was ihrem siebenjährigen Kind vorgeworfen wird. Denn Luca ist ein guter Junge, klug und sensibel. Sein Vater hat daran kein Zweifel. Aber Pia kennt die Abgründe, die auch in Kindern schlummern, das Misstrauen der anderen erinnert sie an ihre eigene Kindheit.

Also lässt sie ihren Sohn nicht mehr aus den Augen und sieht einen Menschen, der ihr von Tag zu Tag fremder wird. Bis Pia bei dem Versuch, ihre Familie zu schützen, schließlich mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert wird. Ein fesselndes psychologisches Drama über die Illusion einer heilen Kindheit. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:
Die Abgründe in unser engsten Umgebung scheinen tiefe Gräben zu sein. Zugeschüttet, vernarbt sind sie, doch gibt es Ereignisse, die sie wieder schmerzlich aufbrechen lassen. In Jessica Linds Erzählung „Kleine Monster“ treten die Dämonen vergangener Tage hervor und scheinen sich in der Gegenwart zu spiegeln.

Doch hält eine Eltern-Kind-Beziehung dies aus, wenn dem eigenen Nachwuchs scheinbar nicht mehr zu trauen ist und noch weniger, sich selbst?

Feine Risse bekommt das Idyll in dem kompakt gehaltenen Roman, als die Hauptfiguren zu einem Gespräch in der Schule ihres Sohnes geladen werden. Ein Vorfall hätte es gegeben, genaues wisse man nicht. Der kindliche Protagonist schweigt sich darüber aus, währenddessen Fragen sich im Kopfe der Hauptfigur zu bilden beginnen und die Geschichte ins Rollen bringen.

Vieles spielt sich im Inneren von Pia ab, die durch ihre Gedankenwelt Konturen bekommt und zur Handlungstreibenden der Erzählung wird. Nach und nach bekommen sie und die anderen Figuren somit ihre Konturen. Eine ganz eigene Dynamik entfacht sich durch das Hinzuziehen weiterer Protagonisten und Pias Reaktionen darauf, die schon bald die Dämonen der eigenen Vergangenheit zu Tage treten lassen.

Zunächst hat sie damit alle Sympathien auf ihrer Seite, entwickelt sich jedoch nach und nach zu einer Protagonisten, die in ihrem Reagieren immer distanzierter wirkt und so auch handelt. Die Liebe von Eltern zu einem Kind hat bedingungslos zu sein. Doch was, wenn dieses Ideal in Frage gestellt wird. Dieses Gedankenkonstrukt wird sowohl anhand einer Vergangenheits- und auch einer Gegenwartsebene erzählt. Besonders die Hauptfigur ist damit doppelt belastet, aber auch ihre Umgebung ist davon nicht unbedingt unberührt.

Man leidet mit den Kind, den Eltern innerhalb dieser kompakten Erzählung, die über einen Zeitraum von wenigen Wochen spielt und durch zusätzlich beschriebene Ortswechsel noch kontrastreicher wirkt. Auch die Handlungsorte werden so zum Spiegelbild der Figuren, die allesamt ihr Gepäck zu tragen haben. Pias Perspektive bleibt jedoch die hauptsächliche, doch verursacht gerade diese Beibehaltung im Mittelteil für ein Absenken des Spannungsbogens, der nicht konsequent bis zum Ende durchgehalten wird.

Überraschende Wendungen sucht man in diesem Roman vergebens. Trotz teilweise fast filmischer Beschreibungen, den Hauptberuf der Autorin merkt man durchaus die gesamte Zeit über, liest man ein durchdachtes Konstrukt, was nur hin und wieder für einen gewissen Aha-Effekt sorgt. Dennoch ist eine gewisse Sogwirkung dem Text nicht abzustreiten, auch wird man sich manche Abschnitte atemlos zu Gemüte führen.

Je nach Erfahrungswerte und Stellung innerhalb eigener Familienkonstellationen kann dabei die Positionierung zu den einzelnen Figuren durchaus unterschiedlich sein. Die Handlungsorte dabei sind sehr plastisch geschildert, nachvollziehbar dargestellt, auch wenn sich ein gewisser Mehltau wie ein Schleier über die Erzählung legt.

Das Ende wirkt dabei nicht ganz rund. Halboffen ist hier der richtige Weg gewesen. Nicht alle offenen Fragen werden geklärt. Einiges findet im Kopf der Lesenden statt, doch irgendwie scheint das richtige Maß nicht getroffen worden zu sein. Zudem stößt man während des Lesens auch auf sprachliche Gegebenheiten, die eventuell regional verschieden gehandhabt werden. Kleinere Stolperfallen also, die aber nicht allzu sehr ins Gewicht fallen.

Die Schwächen einmal außer Acht gelassen, ergibt sich jedoch eine durchaus interessante Lektüre.

Autorin:
Jessica Lind wurde 1988 in St. Pölten geboren und ist eine österreichische Drehbuchautorin und Schriftstellerin. Zunächst studierte sie an der Filmakademie Wien Drehbuch und Dramaturgie, bevor sie mit einem Literaturstipendium zu Schreiben begann. 2010 erhielt sie einen Förderpreis der Stadt St. Pölten, sowie 2012 das BMUKK Startstipendium für Literatur. Nach einer Teilnahme in einer Schreibwerkstatt erschienen einige ihrer Texte in Anthologien und Literaturzeitschriften. 2021 erschien ihr Autorinnendebüt. Zudem ist sie Autorin des Films „Rubikon“.

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Colin Niel: Darwyne

Inhalt:
In einem Slum am Rande des Amazonasdschungels lebt der zehnjährige, körperlich leicht beeinträchtigte Darwyne mit seiner Mutter Yolanda, die er über alles liebt. Eine Meldung bei der Kinderschutzbehörde veranlasst die Sozialarbeiterin Mathurine, den Fall von Darwyne wiederaufzunehmen, obwohl Yolanda, die von vielen Männern in der Region begehrt wird, eine tadellose Mutter zu sein scheint … (Klappentext)

Rezension:
Nichts ist wie es scheint und alles ist anders, am Rande des städtischen Slums, der stets droht von der Flora des angrenzenden Dschungels vereinnahmt zu werden. Ein steter Kampf ist für die Bewohner, dagegen anzukommen. Alle versuchen sich irgendwie durchzuschlagen. In diese eigentümliche Welt entführt uns der Schriftsteller und Forstingenieur Colin Niel in seinem Werk „Darwyne“, und folgt den gleichnamigen Hauptprotagonisten, dessen Verbindung zur Natur bezeichnend ist. Ebenso wie die Einkategorisierung des Textes nach verlegerischen Maßstäben.

Ein Thriller ist dies nämlich nicht, gleichwohl dies der Untertitel behaupten möchte. Ein Roman liegt hier vor, mit leichten Spannungselementen, die im Verlauf der Handlung ebenso zart Mystische übergehen. Für einen komplett sich durchziehenden Spannungsbogen reicht es nicht und so plätschert die Handlung nur so dahin.

Hierbei wird viel Potenzial verschenkt, denn die Grundidee sticht heraus unter der Vielzahl, welche diverse Büchertische zu bieten haben. Da wären zunächst einmal die Handlungsorte, welche im wesentlichen die Behausung innerhalb des Slums und der angrenzende Dschungel darstellen, als auch die im Vergleich dazu cleane und triste Büro- und Lebenswelt der zweiten Hauptfigur Mathurine aus deren Sicht die Handlung, abwechselnd zu Darwynes eigenem Blickwinkel erzählt wird.

Dadurch schälen sich Kontraste gut heraus, doch tritt die Handlung einem Großteil des Verlaufs auf die Stelle. Wenn wie hier, nicht gerade ausschweifend erzählt wird, wirkt dies schnell ermüdend.

Dabei umfasst der Handlungszeitraum wenige Wochen, in denen wir die Figuren mit all ihren Ecken und Kanten kennenlernen. Vor allem die Hauptprotagonisten sind so ausgestaltet, dass man diesen ihre Wahrnehmung der Dinge abnimmt. Nebenfiguren dienen „Darwyne“ als Antagonisten und Handlungstreiber, könnten jedoch an der einen oder anderen Stelle noch stärker zu Tage treten. Mit fortschreitender Seitenzahl wird dabei die Beziehungsebene von Yolanda und Darwyne immer weniger nachvollziehbar, was sich wiederum auf die Spannungsebene erheblich auswirkt.

Lücken in der Erzählung werden dabei bis zu einem gewissen Grad zum Ende hin geschlossen. Überraschende Wendungen sind dagegen kaum vorhanden. Das liegt an den bereits beschriebenen Punkten, keinesfalls an die eingebrachte Sachkenntnis des Autoren über das Leben in Slums einerseits, andererseits über Flora und Fauna des Dschungels in Französisch-Guayana. An manchen Stellen fühlt es sich so an, als würde man eine Natur-Doku schauen.

Trotzdem vermag es die Geschichte nicht, einem lesend in diese Welt hinein zu ziehen. Auch wenn man sich Schauplätze und Figuren durchaus bildlich vorstellen kann, bleibt am Ende nichts Entscheidendes an Eindrücken zurück.

Und irgendwie geht es ja gerade beim Lesen immer darum.

Autor:
Colin Niel wurde 1976 in Clamart geboren und studierte zunächst Evolutionsbiologie und Ökologie, bevor er als Agrar- sowie Forstingenieur arbeitete. In Französisch-Guayana beschäftigte er sich u. a. im Bereich Biodiversität. Er veröffentlichte mehrere Werke, die u. a. aumit dem Prix Polar en series ausgezeichnet wurden. Für „Darwyne“ erhielt er den Prix L’usage du Monde 2023 und den Prix Joseph. Niel lebt in Marseille.

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David Lambert: Memo Wissen – Dinosaurier

Inhalt:

Wozu hatten Dinosaurier Stacheln, Platten und Segel? Wie groß wurden die Giganten unter ihnen?

Gab es auch Dinosaurier mit Federn? Erfahre alles über die spannende Welt der Urzeit.

Reihe:

Die Reihe „Memo Wissen“ umfasst mittlerweile zahlreiche weitere Bände zu vielen Themen, von der Titanic bis hin zum Klimawandel, Katzen oder Fußball und ist ab 8 Jahren empfohlen.

Rezension:

Einer der wenigen Verlage, die es schaffen, etwa im gleichen Stil, doch in jedem Fall von gleichbleibender Qualität Sachbücher für alle Altersgruppen anzubieten ist mit Sicherheit Dorling Kindersley, der mit seiner Reihe Memo Wissen hochwertig grafisch aufbereitete und interaktive Werke anbietet, die dazu einladen, zu blättern, zu schmökern und interessante Fakten wie ein Schwamm in sich aufzunehmen.

Quelle: Dorling Kindersley

Allgemein empfohlen ab acht Jahren, sicherlich bei Interesse noch viel eher, lädt der folgende Band ein, die Welt der „Schreckensechsen“ zu erkunden. Die Reise ins Zeitalter der Dinosaurier folgt den Spuren von Tyrannosaurus Rex und anderen, zeigt, wie sie lebten und wie Paläntologen und Forscher auf der ganzen Welt arbeiten, um sich ein Bild von ihnen zu machen. Wie verläuft eigentlich die Ausgrabung eines Dinosaurier-Skeletts, welches Werkzeug benötigt man dazu und woher wissen wir eigentlich, wie das Leben in Trias, Jura und der Kreidezeit ausgesehen hat?

In häppchengroße Texte unterteilt, ergänzt durch zahlreiche Grafiken und Fotos sind die Informationen so aufbereitet, dass sich dieses Buch leicht selbstständig lesen lässt. Ein Kapitel umfasst dabei nicht mehr als zwei Seiten, so dass auch hier dafür gesorgt wird, nicht mit allzu vielen Fakten von Monolopho- und Brontosaurus überrannt zu werden.

Berücksichtigt werden dabei neueste wissenschaftliche Erkenntnisse, so dass schon die jüngste Leserschaft ernstgenommen wird und wie bereits mit den Büchern zum Alten Ägypten oder den Planeten, sowie anderer Themen, auch in diese Welt versinken kann. In Kooperation mit der Lernplattform kahoot! gibt es sogar ein interaktives Quiz in verschiedenen Schwierigkeitsstufen, erreichbar durch QR-Codes innerhalb des Buches. Dazu wird weder eine Anmeldung benötigt, noch enthält diese Werbung. Das Buch ist zudem bei Antolin verfügbar.

Hier geht es ebenso um Wissensvermittlung, nur auf spielerische Art. Die Lernplattform bildet so eine sinnvolle und kreative Ergänzung zu dieser tollen Reihe. So bekommen auch die Jüngsten interessebezogenes Überblickswissen und ja, auch als Erwachsener blättert man hier gerne durch. Jedoch für die Zielgruppe ist dieses liebe Buch eine klare Empfehlung wert.

Autor:

David Lambert ist Kinderbuchautor.

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Asmo Tear/Pjotr X: Tränenhaus

Inhalt:

Für den zwölfjährigen Dominik ist das Leben die Hölle. In der Schule wird er brutal gemobbt und seine Eltern benutzen ihn, um ihre Drogensucht zu finanzieren. Nur sein neuer Freund Piet hält zu ihm und gibt ihm neuen Lebensmut. Schließlich geraten die Dinge immer mehr außer Kontrolle und der Junge landet in einem Heim, wo er vom regen in die Traufe kommt.

Doch Dominik sinnt auf Rache und erhält eines Tages durch ein Geschenk, das nicht aus der realen Welt stammen kann, die Möglichkeit zurückzuschlagen. Menschen in Dominiks Umfeld sterben… (Klappentext)

Rezension:

Die im expliziten Horror mit übernatürlichen Elementen versehene vorliegende Erzählung ist nichts für schwache Nerven. Hart an der Grenze zum Trash sind es hier immer wieder explizite Beschreibungen, die ein Kopfkino in Gang setzen und somit „Tränenhaus“ nicht nur zu einer schweren, gar zu einer beinahe qualvollen Lektüre machen.

Dabei bewegen sich die Autoren, die hier unter Pseudonym veröffentlicht haben, zunächst in einer Genre-Mischung aus Krimi und Thriller, wenn sie uns Lesende die Hauptfigur kennenlernen lassen, die Erschreckendes zu erleiden hat. Die Eltern, mehr als kaputt, benutzen den zwölfjährigen Dominik zur Finanzierung ihrer Drogensucht, auch in der Schule findet der Junge keine Ruhe. Rasant ist das Erzähltempo von Beginn, sowie die Stimmung ernüchternd ist.

Man leidet sofort mit der Hauptfigur, die man eigentlich nur aus dieser doch recht kompakt gehaltenen Erzählung herausziehen und in Sicherheit wiegen möchte. Dabei wird der Gutteil an Unmenschlichen nur durch das Kopfkino im Inneren bestimmt, was aber vollkommen ausreichen kann, um körperliche Reaktionen in Gang zu setzen. Mehr als einmal muss man die innerhalb eines Zeitraums von wenigen Monaten spielende Geschichte beiseite legen, um sie durchzustehen.

Zumindest, wenn man selbst menschliche Seiten hat. Davor warnen auch indirekt die Content-Warnung zu Beginn und das dem Roman angefügte Nachwort, von dem ich mir nicht sicher bin, ob es nicht besser gewesen wäre, es als Vorwort abzudrucken.

Die in der deutschen Hansestadt Hamburg spielende Geschichte bringt wichtige Themen aufs Tableau und besticht durch ihre zwei Hauptprotagonisten, die man nur sympathisch finden kann. Ohne die, die ebenso wie alle anderen Figuren ihre Ecken und Kanten haben, würde man die Erzählung sonst nicht durchstehen, allem voran Dominik, der Unmenschliches erleiden muss, sich aber dank seines Freundes, auch in später seelischer Verbundenheit, lernt gegen seine Widerparts zur Wehr zu setzen.

Diese sind die verschiedenen Facetten des absolut menschlichen Bösen. Die Autoren bedienen hier ein klassisches Schwarz-Weiß-Schema, was aufgrund der Härte der Beschreibungen noch mal um so mehr seine Wirkung entfacht.

Beinahe allein aus Dominiks Perspektive erleben wir die Handlung. Zeitsprünge wie Rückblenden vervollständigen Hintergründe, auch teilweise sehr detaillierte Ortsbeschreibungen lassen Bilder vor dem inneren Auge entstehen, derer man sich nicht entziehen kann, obwohl man genau das die ganze Zeit möchte.

Ins Trashige kippt die Handlung, die ansonsten sehr viel daran setzt, schlimmste Kopfkino-Szenarien in Gang zu setzen, wenn übernatürliche Elemente vor allem gen Ende einen größeren Raum einnehmen. Das hätte es hier nicht gebraucht, außer man gesteht der Hauptfigur das Schlimmste was ihr angetan wurde, zu manifestieren und in kindlicher Phantasie umzukehren, was sprachlich und psychologisch eine tolle Umsetzung durch die Autoren wäre. Im schlechtesten Fall könnte es aber auch der einzige Ausweg aus einer Geschichte gewesen wäre, von der man nicht wusste, wie man sie sonst hätte beenden können.

Das Ende jedenfalls nimmt sehr viel von dem weg, was die Erzählung zu Dreiviertel ausmacht, was schade ist.

Wer die Content-Warnung zu Beginn und das Nachwort gelesen hat, weiß jedenfalls, worauf er sich einlässt, wenn man das ganze multipliziert. Für alle anderen wird die Erzählung kaum lesbar sein.

Autoren:

Asmodina Tear ist das Pseudonym einer Autorin., die 1985 in Helmstedt (Niedersachsen) geboren wurde. Nach einer Ausbildung im Verwaltungsdienst und dem Erlernen von drei asiatischen Sprachen, entschied sie sich endgültig für das Schreiben und verfasst sowohl Gedichte als auch Kurzgeschichten und Romane.

Pjotr X, ebenfalls ein Pseudonym, schreibt u. a. Horror mit Splatter-Elementen. Er wuchs zwischen Ruhrgebiet und Münsterland auf und studierte an der Universität Münster bevor er sich dem Schreiben widmete. Ein erstes Manuskript entstand in den 1990er Jahren, welches später veröffentlicht wurde. Weitere Geschichten folgten.

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