Entwicklung

Can DĂŒndar/Mohamed Anwar: Erdogan

Inhalt:
Mit der gezeichneten Biografie von Recep Tayyip Erdogan legen der Journalist Can DĂŒndar und der Zeichner Mohamed Anwar einen Meilenstein der Graphic Novel Literatur vor.

FĂŒr jeden Menschen wird klar, wie der tĂŒrkische PrĂ€sident Erdogan den Berg der Macht bestieg, was seine Interessen sind und wie er sie verfolgt. Die Entwicklungen in der heutigen TĂŒrkei werden nachvollziehbar, die Herausforderungen der tĂŒrkischen Gesellschaft und die Schwierigkeiten im Umgang mit einem autoritĂ€ren Machthaber, der sich in den Augen des italienischen MinisterprĂ€sidenten Mario Draghi, zu einem Diktator wandelte.

Das Buch erklĂ€rt, es verurteilt nicht. Es ist ein Beitrag zur AufklĂ€rung ĂŒber die politische TĂŒrkei. Das Werk ĂŒberrascht, fasziniert und ernĂŒchtert. (Klappentext)

Rezension:
Einen ungewöhnlichen Weg, die Geschichte eines Menschen zu erzĂ€hlen, der inzwischen ein Land auf sich selbst und seine Gefolgsleute ganz und gar auf sich selbst zugeschnitten hat, haben der Zeichner Mohamed Anwar und der Journalist Can DĂŒndar gewĂ€hlt. Daraus entstanden ist eine Biografie ĂŒber dem tĂŒrkischen MinisterprĂ€sidenten Erdogan, in Form einer Graphic Novel. Die HintergrĂŒnde minutiös recherchiert zeigt sie wie das Land den Menschen formte, der spĂ€ter sich zum autoritĂ€ren Herrscher entwickeln sollte und wie Erdogan die dem Staat zugrunde liegenden Mittel nutzte, um auf den Gipfel der Macht zu gelangen.

SpĂ€tere Jahre ausgelassen, haben sich die Macher ganz auf den Weg zur Ernennung Erdogans zum tĂŒrkischen MinisterprĂ€sidenten konzentriert, wie dieser die politischen Mechanismen zu nutzen wusste und vor allem, den richtigen Riecher fĂŒr bestimmte Stimmungen im politischen Establishment zu wahren, aber auch den Willen zur Macht zu portraitieren. Can DĂŒndar und Mohamed Anwar zeigen auf, wie der frĂŒhe Erdogan mit RĂŒckschlĂ€gen und Widersachern umging und zeigen den Wandel eines politischen ChamĂ€leons, welches er ist.

Die dargestellten Ereignisse sind dabei belegt, anhand von Recherchen innerhalb einer Vielzahl schriftlicher Quellen, Berichte von Erdogan selbst als auch von langjĂ€hrigen Wegbegleitern verschiedener biografischer Stationen und manchem Foto, welches Ereignisse festhĂ€lt, an dem der so PortrĂ€tierte spĂ€ter ĂŒberhaupt nicht gerne erinnert werden möchte. Diese wurden innerhalb der Geschichte im gleichen grafischen Stil gezeigt, welches die Graphic Novel einnimmt. Verschieden große Panels zeigen im Kontrast von Schwarz Weiß diesen Menschen, ĂŒber den am Ende so vieles klar zu sein scheint. Ohne zu werten. Gezeigt wird, was war.

Dies ist die StĂ€rke dieser eindrucksvollen und sehr besonderen Biografie, in der SchlĂŒsselmomente durchaus auch eine ganze Seite einnehmen, um ihre Wirkung zu entfalten. Es ist zugleich eine Graphic Novel, die zum Recherchieren einlĂ€dt, ohne dass man von zu viel Sachinformation erschlagen werden wĂŒrde. Mit dieser Biografie erhĂ€lt man dennoch ein gewichtiges StĂŒck Geschichte, deren Fortsetzung ein noch grĂ¶ĂŸeres Politikum wĂ€re, auch wenn Erdogan beiden Schaffenden schon genug zĂŒrnen dĂŒrfte. Trotzdem oder vor allem deshalb wĂ€re eine weitere, ebenso ernsthafte wie neutrale Auseinandersetzung mit den weiteren Stationen dieses Mannes wĂŒnschenswert.

Autoren:
Can DĂŒndar wurde 1961 in Ankara geboren und ist ein tĂŒrkischer Journalist, Autor und Dokumentarfilmer. 1979 unternahm er erste Schritte in Richtung Journalismus, bis er 1988 zum Fernsehen wechselte und dort u. a. die Hauptnachrichten moderierte. Zudem betĂ€tigte er sich als Autor und schrieb ĂŒber 40 BĂŒcher in der TĂŒrkei. Nach einem Bericht fĂŒr die renommierteste Zeitung des Landes wurde er nach einem Bericht verhaftet, im Zuge eines Revisionsverfahren jedoch freigelassen. 2016 wurde ein Schusswaffen-Attentat auf ihn ausgeĂŒbt. 2016 reiste er nach Deutschland aus, dort schreibt er regelmĂ€ĂŸig fĂŒr DIE ZEIT und andere Zeitschriften und Magazine. Er wurde mehrfach ausgezeichnet und leidet das gemeinsam mit Correctiv gerĂŒndete Online-Magazin und Webradio #ÖZGÜRÜZ.

Mohamed Anwar ist ein Ă€gyptisch-sudanesischer Comiczeichner und politischer Karikaturist. 2007 begann er seine Laufbahn als Zeichner fĂŒr eine Ă€gyptische Tageszeitung, wĂ€hrend seines Studiums der Biomedizintechnik. Er schrieb fĂŒr mehrere Ă€gyptische und arabische Zeitungen und Zeitschiften und wechselte 2010 zu der auflagestĂ€rksten in Ägypten, in der er noch immer Cartoons veröffentlicht. 2017 wurde Anwar mit einem der renommiertesten Preisen des Ă€gyptischen Journalismus ausgezeichnet. Nach Revision der Reformen wurde Anwar 2019 verhaftet und aus Ägypten deportiert. Nach Station im Libanon ließ er sich in Berlin nieder.

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Theodoros Iatridis: Das weiße Haus mit den weißen Dachziegeln

Inhalt:
Irgendwann werden wir aufwachen und nichts wird mehr so sein, wie es gewesen ist.

Ich schaue nach links und dort steht ein tĂŒrkisfarbenes Haus mit tĂŒrkisfarbenen Dachziegeln und blauen FensterlĂ€den. Ich verlasse meinen Trampelpfad und öffne die tĂŒrkisfarbene TĂŒr und trete ein. Es ist ein Cafe und es fĂŒhlt sich an, als wĂ€re das Heute ein Gestern und alles, was ich gerade tue, ist bereits vollbracht worden.

Folgt Thomas auf seiner absonderlichen Abenteuerreise und werdet Zeugen einer grotesken Welt.

Eine Geschichte ĂŒber die Liebe eines Mannes, an einem bizarren Tag, der kein Ende zu finden scheint.
(Klappentext)

Rezension:
Einmal im Monat betrinkt Thomas sich. In einem Rausch durchlebt er den Tag. heute hat ihn sein Chef freigegeben, nicht ohne das Problem anzusprechen. Doch jetzt ist er allein mit sich und seinen Gedanken. Oder ist er gar nicht allein? Ein Spaziergang wird vermutlich helfen, den Kopf frei zu bekommen. Auf seinem Spaziergang verliert er sich in bizarren Begegnungen. Ist das alles wirklich? Thomas beginnt Vergangenes zu verarbeiten. Ob es ihm gelingen wird?

„Das weiße Haus mit den weißen Dachziegeln“, ist eine kleine Novelle aus der Feder von Thodoros Iatridis, der damit eine ErzĂ€hlung ĂŒber Trauer und Verarbeitung, dem Begreifen und Erfassen geschrieben, dies in einem sehr poetischen Ton verfasst hat. Beim Lesen des kompakten Textes begleiten wir den Protagonisten, erfahren zunĂ€chst wenig ĂŒber den Hintergrund, der sich nur langsam erschließen wird. Der Protagonist selbst ist ebenfalls lange Zeit nicht wirklich zu greifen. Was treibt ihn an, was treibt ihn um? Warum begibt er sich in einem Zustand, in der die Phantasie ĂŒberhand nimmt und die reale Welt in den Hintergrund rĂŒcken lĂ€sst.

Surrealistisch und abstrakt wirkt der Text. Fast ist es so, als wĂŒrde man von GemĂ€lde zu GemĂ€lde springen. Wer liest bekommt viel Zeit zur Interpretation. Das ErzĂ€hltempo ist langsam. Ein wirklicher Lesefluss mag sich dabei nicht einstellen. Vielmehr reihen sich Momente zum Innehalten aneinander, wie auf eine Perlenkette. Der Protagonist, so begreift man dann, ist in einer Phase der Trauer, noch nicht bereit loszulassen, aber kurz davor. Was zuvor passiert ist, bleibt lĂ€nger im Dunkeln.

Sehr poetisch ist der Ton. Die Sprache wirkt zuweilen sehr geschliffen. Und erreicht nur, wenn man in der richtigen Stimmung fĂŒr diese Art von Literatur ist, ansonsten bleibt man davon merkwĂŒrdig unberĂŒhrt. Das fĂŒhlt sich falsch an, wo man doch weiß, dass es einem nahegehen mĂŒsste, gerade wenn man die Ebenen dahinter erfasst hat. Die Mischung aus ErzĂ€hltempo und TonalitĂ€t ist jedoch sehr besonders und macht den Einstieg nicht gerade leicht.

Kurz und kompakt sind die Kapitel gestaltet. Der Protagonist wird in ihnen mit seinen Gedanken und GefĂŒhlen konfrontiert. StĂ€ndige Wiederholungen unterstreichen die tiefen Narben, deren Herkunft sich erst spĂ€t erschließen wird. Der Takt der Wiederholungen von Sprachbildern lĂ€sst den Text sehr kantig wirken. Das ist nur den sehr geduligen Lesenden zutrĂ€glich. Alle anderen bleiben leider auf der Strecke. Innerhalb der Ebenen, wenn es um Trauer und Verarbeitung geht, um das sich Erinnern, ist die ErzĂ€hlung dennoch schlĂŒssig, auf seine eigen bizarre Art und Weise. Manchmal wirkt es so, als hat der Autor sich hier nicht entscheiden können, ob er nun ausschweifend oder detailliert formulieren wolle. Das merkt man durchaus an der einen oder anderen Stelle.

LĂŒcken erschließen sich gegen Ende des kleinen Romans, dessen Phantasiewelten im Kopf des Protagonisten man sich durchaus plastisch vorstellen kann. SchauplĂ€tze vermag Iatridis vor dem inneren Auge entstehen zu lassen. Reicht das aber aus? Wer keinen Zugang zum Surrealen findet, dem wird dies leider nicht genĂŒgen. Eventuell wirkt das anders, wenn man selbst schon trauern musste? Das möchte ich dem Autoren gerne zugestehen, habe mich selbst zum GlĂŒck aber bisher noch nie in dieser Lage befunden.

Definitiv keine leichtgĂ€ngige LektĂŒre ist „Das weiße Haus mit den weißen Dachziegeln“, die man unbedingt in der richtigen Stimmung lesen sollte, um sie wirken zu lassen. Anders funktioniert es hier nicht. Zu abstrakt ist da der Text und damit auch nicht wirklich greifbar. Und das ist schade, denn manches sprachliches Bild darin ist durchaus schön.

Autor:
Theodoros Iatridis ist 1984 geboren und ein deutscher Schriftsteller. Mit seinem DebĂŒt „klein ist die Seele“ durfte er an der Veranstaltungsreihe „das erste Buch“ vom Raabe-Haus, Literaturzentrum Braunschweig, teilnehmen. Er ist Autor mehrerer ErzĂ€hlungen.

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Lew Marschall: Heirs of the Phoenix 1 – Der Fluch des schwarzen Phönix

Einordnung:
„Der Fluch des schwarzen Phönix“ ist der erste Band der „Heirs of the Phoenix“-Reihe.

Inhalt:
Lena, eine talentierte junge Biochemikerin, wird nach ihrem Oktoberfestbesuch Opfer eines Überfalls. Statt im Krankenhaus aufzuwachen, findet sie sich als NSC in einem Computerspiel wieder, ohne Zugang zu den MenĂŒs oder die Möglichkeit, sich auszuloggen. Als Stallmagd in einer faszinierenden Fantasy-Welt muss sie nun neue Begleiter fĂŒr Helden zĂŒchten: Ratten, Einhörner und Raptoren. Dabei hasst Lena es schon, bei Freunden das Katzenklo zu sĂ€ubern.

Auf der Suche nach einem Ausweg entdeckt sie Schwachstellen im Spiel, levelt ihren Charakter und erlernt einzigartige Skills. Als sie jedoch einen Spieler tötet, gelangt sie in den Besitz eines mysteriösen Artefakts, das die wahre Natur des Spiels offenbart und ihr einen gefĂ€hrlichen Feind einbringt. Wird Lena als NSC das Spiel ĂŒberlisten und ihrem virtuellen GefĂ€ngnis entkommen können?
(Inhalt lt. Autor)

Rezension:
Ein Computer- oder Konsolenspiel zwischen den Buchdeckeln beginnen wir zu erkunden, als wir mit Lena in eine atemraubende, komplexe Welt voller Gefahren eingesogen werden. Diese ist die Spielumgebung von „Heirs of the Phoenix“, in der die Spielenden dank modernster Technologien und Virtual Reality Herausforderungen gegenĂŒbertreten und ihre Charaktere stetig verbessern mĂŒssen. Dabei drĂ€ngt die Zeit.

Lena muss schnell einen Weg finden, dieser phantastischen Welt zu entfliehen, um ihr reales Leben wieder aufzunehmen. Ist es zu spĂ€t, bleibt ihr Bewusstsein in der cloudbasierenden Umgebung gefangen. Oder, noch schlimmer, wird fĂŒr immer zerstört.

Der Roman von Autor Lew Marschall ist ein temporeicher Reihenauftakt, der die reale Welt mit einer fantastischen Umgebung verschmelzen lĂ€sst, in der unsere Protagonistin sich wiederfinden muss. Schnell muss sie die Mechaniken des Spiels verstehen, und ihre Rolle darin. Auch wir werden lesend in eine uns vollkommen unbekannte Welt hineingeworfen und mĂŒssen uns zwischen Anforderungen und Charakter-Bögen zurecht finden.

Anfangs ist das gewöhnungsbedĂŒrftig, zumal, wenn dies der erste Versuch ist, sich im Genre des sogenannten literarischen Roll-Play-Game zu bewegen, doch auch das gelingt sehr rasch. Der Reihenauftakt ist da als anfĂ€ngerfreundlich zu bezeichnen und hat durch die Verschmelzung zwischen realen Geschehnissen und der Auseinandersetzung der Protagonistin mit sich selbst genug AnknĂŒpfungspunkte zu bieten.

Wenn man ĂŒberhaupt einen Kritikpunkt nennen möchte, ist es der, dass Lena sich beinahe zu schnell in der neuen ungewohnten Umgebung zurechtfindet. Sie selbst ist feinfĂŒhlig ausgearbeitet. Nach und nach erfahren wir, nebst ihrer Ecken und Kanten, einzelne Begebenheiten aus ihrer Vergangenheit, was die Protagonistin greif- und nachvollziehbar macht. Sowohl in ihren Handlungen als auch dem Agieren gegenĂŒber anderen Figuren.

Diese sind teilweise etwas blass gezeichnet, was aber daran liegen mag, dass ihnen eventuell eine stĂ€rkere Gewichtung in den FolgebĂ€nden zukommen wird. Andere Figuren, die teilweise nach CharakterzĂŒgen oder Eigenschaften benannt sind, schließt man dagegen schnell ins Herz und hofft geradezu darauf, auch in weiterer Folge mit ihnen Abenteuer zu erleben. Auch die Antagonisten sind nachvollziehbar gestaltet.

Auch die mehr als komplexe Spielumgebung ist verstĂ€ndlich beschrieben. Hier merkt man sofort die Spielfreude des Autoren an dieser Art von Computerwelten und auch das Interesse an Virtual Reality und kĂŒnstlicher Intelligenz. Hier scheut sich Lew Marschall nicht, eine Zwischenposition einzunehmen, einerseits deren Möglichkeiten zu erkennen und ja, auch ein wenig zu trĂ€umen, andererseits die Gefahren zu benennen, sollte man sich auf diese bedenkenlos einlassen.

Nicht nur fĂŒr Gamer oder Nerds ist dieser Roman, der auch im beiliegenden Artwork kreativ ist. Eine Karte der Spielumgebung zum Herausnehmen lag zumindest meiner Version (Hardcover) bei.

Mit der völlig frei erfundenen Welt nutzt der Autor sehr viele Möglichkeiten aus, verliert dabei nicht die von ihm erdachte Spielmechanik aus den Augen. Einzelne Wendungen wirken dabei etwas sprunghaft, aber es tauchen zumindest keine unerklĂ€rlichen und damit störenden LĂŒcken auf.

Spannende Momente entstehen nicht nur durch die teilweise sehr detaillierte Beschreibung von Lenas‘ Abenteuern, sondern auch durch RĂŒckblenden und EinschĂŒbe aus der wirklichen Welt. Nach und nach ergeben so PuzzlestĂŒcke ein Gesamtbild. So schwankt die ErzĂ€hlung an manchen Stellen fast ins Thrillerhafte oder Science-Fiction-mĂ€ĂŸige hinein. Das so gekonnt zu mischen, ist großartig. Gerne mag man sich ausmalen, was in dieser Welt so noch alles passieren mag. Immer mit einem leichten Gruselschauer im Nacken, natĂŒrlich.

Die ErzĂ€hlung vermag gut zu unterhalten, zudem sie sich ebenso schnell lesen lesen lĂ€sst. An manchen Stellen wirken dabei die Nebencharaktere sogar noch ein StĂŒck interessanter als es die Hauptprotagonistin tut. Auch klassische Motive, wie die der bösen Königin oder David gegen Goliath werden bedient. Man kann sich das alles so vorstellen.

„Der Fluch des schwarzen Phönix“ war abseits meines sonstigen Lesegeschmacks, nicht immer tue ich mich gerade mit Fantasy leicht, ein ĂŒberraschend gelungener Versuch, dem ich gerne bereit war zu folgen. Potenzial nach oben ist dennoch natĂŒrlich vorhanden. Gerade deshalb lohnt es sich, die weiteren BĂ€nde nicht aus den Augen zu verlieren. Oder den Drachen in der Höhle?

Autor:
Lew Marschall zockt seit ĂŒber zwanzig Jahren mit WĂŒrfel und Keybord Rollenspiele. In seinen Geschichten bĂŒndelt er die Erfahrung als Spieler, Spielleiter und Autor.

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Saul FriedlĂ€nder: Blick in den Abgrund – Ein israelisches Tagebuch

Inhalt:

Israel steht am Abgrund. Das Israel, das wir kannten. Saul FriedlĂ€nder, der große Historiker des Holocaust, hat ein Tagebuch geschrieben, in dem er die aktuellen Ereignisse schildert und kommentiert, in RĂŒckblenden aus der Geschichte des Landes, das er mit aufgebaut hat, erzĂ€hlt, Konflikte analysiert und ĂŒber Lösungen nachdenkt. Sein Tagebuch geht unter die Haut und jeden etwas an, dem an Israel liegt. (Klappentext)

Rezension:

Nicht nur außenpolitisch sieht sich dieses kleine Land vor stĂ€ndiger Herausforderung, auch innen ist es kompliziert. Die Gesellschaft Israels, sie befindet sich im Zangengriff radikaler KrĂ€fte und verschiedener Sichtweisen jĂŒdischer Religion und ihren Interpreten. Die politischen Köpfe dieses Systems agieren eigensinnig, sind teilweise korrupt und das zieht sich bis in die obersten Ebenen des Staates hinein.

Im Jahr 2023 versucht sich der israelische PrÀsident an eine Justizreform, die ihn vor einem Gerichtsprozess bewahren soll, seine Koalitionspartner suchen ebenfalls Wege, sich und ihren AnhÀngern Vorteile zu verschaffen. Die Demokratie und der Pluralismus des Landes, sie bleiben auf der Strecke. Immer mehr Menschen protestieren.

Einige denken gar ans Auswandern aus dem Land, welches einst Heimstatt aller Juden sein wollte. Der Historiker und Schriftsteller Saul FriedlĂ€nder beobachtet die gesellschaftlichen Spannungen aus der Ferne, analysiert und zieht Verbindungen zur Vergangenheit, die auch die eigene ist. Entstanden ist dabei ein hochbrisantes und komplexes Tagebuch, zugleich ernĂŒchternd und erschreckend.

Als Außenstehender fĂ€llt es bereits schwer, die außenpolitischen Ereignisse zu sortieren und eine Übersicht zu wahren. Zu viel ist bereits passiert mit diesem Land, in der Innenpolitik sieht es dabei nicht besser aus.

Von Januar 2023 bis zum Juli 2023 beschreibt der Autor Tag fĂŒr Tag das aktuelle Geschehen, welches einem fassungslos werden lĂ€sst, angesichts der Herausforderungen, mit denen in der Region ohnehin alle Akteure konfrontiert werden oder sich gegenseitig aussetzen.

Hoch komplex ziehen sich die FĂ€den der Handlungen israelischer Spitzenpolitiker, deren Agieren die UnfĂ€higkeit von Regierenden manch anderer LĂ€nder wie vorausschauendes und ĂŒberlegtes Handeln aussehen lĂ€sst. Schon fĂŒr jene, die tagtĂ€glich mit rassistischen Aussagen von Ministern konfrontiert werden, aus einem Land, welches es eigentlich rein von der Historie besser wissen mĂŒsste, ist dies schwer zu ertragen.

Ohne Vorkenntnisse, etwa der Ausrichtung einzelner Gruppen und Parteien innerhalb Israels ist der Zugang zur LektĂŒre jedoch ĂŒberhaupt nicht gegeben, selbst wenn zwischendurch Saul FriedlĂ€nder einen RĂŒckblick wagt, um bestimmte politische oder religiöse Denkweisen zu erklĂ€ren, die das Bild Israels im Innern heute beherrschen.

Eine LektĂŒre fĂŒr zwischendurch ist schon rein thematisch nicht möglich, doch einige fehlende Teile im Gesamtbild werden uns Lesenden geliefert. Sehr schnell kommt man dahinter, welche Politiker zur Seiten treten mĂŒssten, damit das Land auch innenpolitisch in ruhige Fahrwasser gerĂ€t. Das Handeln, welches beschrieben wird, fĂŒhrt in die Isolation. Selbst enge Freunde Israels gehen auf Distanz.

Es ist eine hervorragende und differenziert ernĂŒchternde Diagnose, die wenig Raum fĂŒr Hoffnung lĂ€sst. Die Form des Tagebuchs verdeutlicht die immer tiefere Spaltung des Landes, innerhalb von Monaten. Ratlos bleiben die zurĂŒck, die letztendlich damit leben und irgendwann versuchen mĂŒssen, die Situation aufzulösen. FĂŒr Saul FriedlĂ€nder auch ein Blick auf ein Israel, welches er immer weniger als das erkennt, was er einst mitgestaltet hat.

Die Analyse zieht sich zwischen den religiösen Ausrichtungen in Verbindung der politischen Wirkung, vor allem nach innen, was aber das Ă€ußere bedingt. Die Frage, was kommt, wenn der Bruch vollstĂ€ndig ist, muss in FriedlĂ€nders Buch unbeantwortet bleiben. Israel braucht jedoch jetzt schon, so das GefĂŒhl nach dem Lesen, eine Menge GlĂŒck, dies nicht auszuprobieren.

Autor:

Saul FriedlĂ€nder wurde 1932 in Prag geboren und ist ein israelischer Historiker und Autor. Kurz nach der Besetzung der Tschechoslowakei flohen seine Eltern nach Frankreich, erst nach Paris, spĂ€ter in die unbesetzte Zone. Nach Verhaftungen auslĂ€ndischer Juden 1942 wurde er in einem jĂŒdischen Kinderheim, spĂ€ter einem katholischen Internat versteckt und ĂŒberlebte so den Holocaust.

Mit 15 Jahren ging er mit gefĂ€lschten Pass nach PalĂ€stina und absolvierte eine dreijĂ€hrige MilitĂ€rzeit und studierte schließlich in Paris und Genf, wo er 1963 in Geschichte promovierte. In verschiedenen Positionen arbeitete er fĂŒr den israelischen Staat und ist ein bedeutender Historiker und war Mitglied verschiedener Organisationen. Er erhielt u.a. den Dan-David-Preis und den Balzan-Preis, sowie den Geschwister-Scholl-Preis und den Preis der Leipziger Buchmesse.

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Steve Brusatte: Eine neue Geschichte der SĂ€ugetiere

Inhalt:

Das Aussterben der Dinosaurier war die große Chance der SĂ€ugetiere: FĂŒr Jahrmillionen hatten sie ihr Dasein im Schatten der tyrannischen Giganten gefristet, um dann die Gelegenheit zu nutzen, in einem beispiellosen Siegeszug die Vorherrschaft auf der Erde zu erringen. Wissenschaftlich fundiert und höchst unterhaltsam erzĂ€hlt Steve Brusatte von bekannten evolutionĂ€ren Ikonen wie Mammuts, SĂ€belzahntigern und Schnabeltieren sowie von bizarren, faszinierenden Spezies der Ă€ußersten Äste des SĂ€ugetierstammbaums. Ein wichtiges und erhellendes Buch darĂŒber, wie wir zu dem wurden, was wir sind. (Klappentext)

Rezension:

Der Meteoriteneinschlag, der vor Millionen von Jahren die Vorherrschaft der Dinosaurier auf unseren Planeten beendete, eröffnete zugleich die Chance fĂŒr eine andere Gruppe von Lebewesen, aus der Deckung hervorzutreten und sich zu entwickeln. Sie taten es und nahmen die PlĂ€tze der ehemaligen Giganten ein, wurden grĂ¶ĂŸer und besetzten frei gewordene Nischen. Ein Siegeszug rund um den Globus begann, der letztendlich auch zur Entwicklung des Menschen fĂŒhrte. Dazu forscht der PalĂ€ontologe Steve Brusatte seit Jahren mit seinem Team und anderen engagierten Wissenschaftlern und nimmt uns mit auf eine Reise durch die Zeit, nicht zuletzt auch zu uns selbst.

Bei manchen Texten mag man den Eindruck haben, erst nach dem Verschwinden der Dinosaurier kam es zur Entwicklung der SĂ€ugetiere, doch sind es zwei damals parallel verlaufende StrĂ€nge, die betrachtet werden mĂŒssen. Mit Hilfe der modernen Wissenschaften und Techniken, wie etwa CT-Scans, ist es uns heute möglich, deren Verlauf zu rekonstruieren. Am Anfang stehen dabei oft Überreste von ZĂ€hnen, anhand derer wir die Entstehung des SĂ€ugetiergebisses mit den fĂŒr uns und unsere Verwandten so typischen Merkmalen nachvollziehen können. Über die Jahre schließlich wurden noch mehr Überbleibsel gefunden und so können wir uns heute ein, vielleicht nicht in allen Facetten vollstĂ€ndiges, dennoch ĂŒbersichtliches Bild von dem machen, wie der Siegeszug der SĂ€ugetiere ĂŒber Millionen von Jahre ausgesehen haben mag.

Steve Brusatte hat hier ein StĂŒck Wissenschaftsgeschichte niedergeschrieben und erlĂ€utert sehr detailreich Wendepunkte und Kontraste an Beispielen von ihn und anderen erforschten FundstĂ€tten, sowie vieler Spezies, die es heute nicht mehr gibt. Auch die Entwicklung der SĂ€ugetiere war mitunter verlustreich, trotzdem insgesamt von Erfolg gekrönt. Immer wieder gelangt man beim Lesen zu dieser Feststellung. Der Weg dorthin ist sehr verschachtelt, was sich auch bei der LektĂŒre bemerkbar macht.

An vielen Stellen kommt der Wissenschaftler durch, wenn sich etwa lateinische Namen oder Tierarten, Merkmalsbeschreibungen aneinanderreihen und man lesend versuchen muss, den Überblick zu behalten. Das ist nicht immer leicht und erfordert Konzentration. Dennoch hat es der Autor geschafft, an der einen oder anderen Stelle Auflockerung in seinen Text zu bringen, sei es durch informatives Bildmaterial oder einer Prise Humor, wenn z. B. kuriose Personen mit ihren Eigenarten beschrieben werden, die sich um die Erforschung prĂ€historischer SĂ€ugetiere verdient gemacht haben. So interessant wie die Erforschung der „Schreckensechsen“ ist das, was danach folgte und wohl noch folgen wird. Steve Brusatte zeigt ebenso auf, wo aktuell noch weitergeforscht wird und LĂŒcken gefĂŒllt werden mĂŒssen. So wie die Entwicklung der SĂ€ugetiere ist auch die Erkundung ihrer Geschichte nicht statisch.

Anhand eines Zeitstrahl in Form der Kapitel des Werks verfolgen wir die Geschichte der SĂ€ugetiere bis zum Aussterben der Dinosaurier als ParallelerzĂ€hlung und danach, wie diese mehrere Katastrophen, nicht nur die, die die Dinosaurier in die Knie zwang, ĂŒberstanden und sich mehrere Male neu erfinden mussten. Anhand ihrer Merkmale beschreibt Brusatte die Entwicklung moderner SĂ€ugetiere, ihren Umgang mit dem Klimawandel etwa und wie auch Homo Sapiens letztlich daraus folgte.

Auch ein Ausblick in die Zukunft wird gewagt. Was werden kĂŒnftige PalĂ€ontologen vorfinden und vielleicht auch ĂŒber uns erfahren? Hier wird der ErzĂ€hlstrang wieder zu der ursprĂŒnglichen Parallelgeschichte, nur als Zukunftsvision. Wir nehmen heute mehr als alles andere Einfluss, nicht nur auf die SĂ€ugetiere der Welt, im negativen Sinne. Und sind zugleich eine ihrer Chancen. Die Geschichte der SĂ€ugetiere, so das Fazit, sie geht weiter.

Autor:

Steve Brusatte wurde 1984 geboren und ist ein US-amerikanischer PalĂ€ontologe und Evolutionsbiologie. Er studierte zunĂ€chst an der University of Chicago und schloss sein Studium an der Columbia University ab. Derzeit lehrt und forscht er an der University of Edinburgh. Neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten verfasste er mehrere populĂ€rwissenschaftliche SachbĂŒcher und wirkte zudem als Berater fĂŒr Dokumentarfilme und 2020 fĂŒr einen der Jurassic World Teile. Sein Team entdeckte mehrere neue Fossilien, er selbst wandte sich immer mehr der Erforschung prĂ€historischer SĂ€ugetiere zu.

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Jens Soentgen: Staub – Alles ĂŒber fast nichts

Inhalt:

Wenn wir ĂŒber Staub sprechen, dann gibt es meist ein Problem: Hausstaub löst Allergien aus, Feinstaub belastet die Stadtluft, Aerosole transportieren gefĂ€hrliche Viren. Doch die kleinen Teilchen können noch viel mehr: Staubböden sind sehr fruchtbar, der Amazonasregenwald ist auf die DĂŒngung durch Saharastaub angewiesen und ohne Staub in der Luft wĂ€re es um einiges finsterer auf der Erde, da er das Sonnenlicht in die entlegensten Winkel spiegelt. Auch meteorologische PhĂ€nomene wie Regen oder Schnee könnte es ohne kleine Partikel in der Luft nicht geben – was wĂ€re als unser Leben ohne Staub?

Klug, witzig und eloquent berichtet der Chemiker und Philosoph Jens Stoetgen von den nĂŒtzlichen QuĂ€lgeistern, die uns tĂ€glich umgeben – ein ganz besonderes LesevergnĂŒgen. (Klappentext)

Rezension:

Die Evolutionsgeschichte des Menschen ist zugleich die kleinster gemeinsamer Teilchen. Schon die ersten Menschen haben ihn beobachten können, wenn ein klarer Sonnenstrahl in dunkle HöhleneingÀnge fiel. Mit Beginn der Nutzung des Feuers hat auch der Staub eine immer rasantere Entwicklung genommen. In der Masse wurde er seither immer mehr. Verschwinden lassen wird uns nie zur GÀnze gelingen und selbst in den unendlichen Weiten des Weltalls ist er uns bereits gefolgt. Der Chemiker und Autor Jens Soentgen ist seinen Spuren und Sporen gefolgt, lÀsst uns eintauchen in die faszinierende Welt des Fast-Nichts.

Wer glaubt, seine Wohnung grĂŒndlich gereinigt zu haben, muss nur in die Ecken schauen, den Blick entlang von Kanten und RĂ€ndern schweifen lassen. Irgendwo wird man ihn immer entdecken, den man gerade noch geglaubt hat, vollstĂ€ndig beseitigt zu haben. Eine zur GĂ€nze lĂŒckenlose Beseitigung des Staubs, der uns umgibt, ist beinahe unmöglich. Doch wĂ€re das ĂŒberhaupt wĂŒnschenswert, wenn man jetzt einmal den Ă€sthetischen Gedanken beiseite schieben wĂŒrde? Das hier vorliegende faszinierende Sachbuch lĂ€dt dazu ein, einen etwas anderen Blickwinkel auf Staubflusen und WollmĂ€use einzunehmen. ErzĂ€hlt vom Leben eines Staubpartikels und was das mit uns macht oder was uns fehlen wĂŒrde, wĂ€re die Welt zur GĂ€nze staubfrei.

So ungewöhnlich die Thematik des Werks, so liebevoll die Sprache ĂŒber eine Thematik, der wir uns sonst in vielerlei Hinsicht nur kritisch annĂ€hern. Neben allen kritischen Punkten, die ebenfalls beleuchtet werden, wird auch der positive Effekt betrachtet, wenn es etwa um die Rolle des Staubs bei der Fruchtbarkeit von Böden, der Verbreitung von Leben oder es schlicht und einfach darum geht, die Welt ein wenig zu erhellen. Staubfrei bedeutet nĂ€mlich, zumindest in der Natur, eine dunklere und nicht ganz so farbenfroh leuchtende Umgebung. Abwechselnd fast wissenschaftlich, dann wieder ganz im Stil des Nature Writing beschreibt der Autor eine Hassliebe, die wir zwar im ersten Moment am liebsten los wĂ€ren, ohne die wir jedoch nicht sein wĂŒrden, was wir sind.

In sehr kompakten Kapitel stellt Soentgen die Rolle des Staubs in unserer Welt dar, unterstĂŒtzt durch zu Weilen urkomische Illustrationen aus der Feder von Katja Spitzer und fĂŒhrt uns dabei nicht nur durch ein imaginĂ€res Museum fĂŒr die Evolutionsgeschichte der Wollmaus, welche die manchmal „staubtrockene“ Thematik auflockern, sondern zeigt, wie Staub, Natur und Mensch miteinander zusammenhĂ€ngen.

Schon das hier konzentrierte Faktenwissen ist hier interessant zu lesen, auch die Einordnung nĂŒtzlichen und nicht ganz so positiver Spielarten, sowie die historische Betrachtung sind sehr spannend zu lesen. Es ist eben nicht nur ein bloßes Abfallprodukt, womit wir uns hier beschĂ€ftigen, sondern zugleich eines der kleinsten noch mit bloßen Auge sichtbaren Teilchen, welches viele Geheimnisse verbirgt, doch auch so viel ĂŒber uns selbst verraten kann.

LĂ€ngst ĂŒberfĂ€llig war diese popolĂ€rwissenschaftliche Aufbereitung eines Sachverhalts, der nicht nur die Reinigungsindustrie stetig beschĂ€ftigt, sondern inzwischen auch einige KĂŒnstler. Wir können dem Staub ja eh nicht entkommen. Wo wir sind, ist auch er. Zeit also, einmal in Ruhe eine im Licht schwebende Staubfluse zu betrachten. Jens Soentgen zeigt, wie.

Autor:

Jens Soentgen wurde 1967 in Bernsberg geboren und ist ein deutscher Chemiker und Philosoph, sowie Autor verschiedener SachbĂŒcher. ZunĂ€chst studierte er Chemie und promovierte anschließend in Philosophie, bevor er verschiedene LehrauftrĂ€ge annahm. 1999/2000 war er Gastdozent in Brasilien. Seit 2002 ist er wissenschaftlicher Leiter des Wissenschaftszentrums Umwelt der UniversitĂ€t Augsburg, wo er 2015 habilitierte. Er ist Autor mehrerer Werke, fĂŒr die er u. a. den Emy Sachbuchpreis erhielt (2016).

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Esther SchĂŒttpelz: Ohne mich

Inhalt:

Sie ist Mitte zwanzig, gerade fertig mit dem Studium und genau so frisch verheiratet wie getrennt. Was tun, nachdem eine erste große Liebe krachend gescheitert ist? Die ErzĂ€hlerin von Esther SchĂŒttpelz‘ Roman sucht. Nach einem Grund fĂŒr die Trennung. Nach einem Plan fĂŒr die Zukunft. Nach Freundschaft und nach NĂ€he und Rausch und VergnĂŒgen. ScharfzĂŒngig, verletzlich und komisch erzĂ€hlt sie von einem Jahr des Danach und Dazwischen, von der Sehnsucht nach Verbundenheit in einer distanzierten Welt. (Klappentext)

Rezension:

Romane, die ZwischenrĂ€ume suchen und dabei direkt ins Innerste treffen, was uns zudem macht, was wir sind. GefĂŒhle können uns umher werfen. Davon hat die ErzĂ€hlerin gerade ganz viele. Nur welche, ob immer wieder andere oder alle gleichzeitig, ist ihr selbst nicht wirklich klar und so entspannt sich in „Ohne mich“ ein ĂŒber weite Strecken innerer Monolog der Verarbeitung, des Bewertens von Vergangenem und nicht zuletzt die Suche nach den zukĂŒnftigen Weg.

Wir begleiten die Protagonistin vom Anbeginn eines Entwicklungsprozesses, der nach und nach immer grĂ¶ĂŸere Steine ins Rollen bringt. SchwermĂŒtig, melancholisch seziert Esther SchĂŒttpelz‘ Figur ihre inneren Verletzungen, ist auf der Suche nach Halt. Der gesamte Text ist durchdrĂ€ngt von der Sehnsucht danach und zugleich nach etwas Neuem. Wie das aussehen soll? Wer weiß das schon? So schwer, wie der ErzĂ€hlenden oder Monologisierenden diese ersten Schritte fallen, so schwierig ist es, sich einzufinden in den Text. Es braucht, bis man mit dem ErzĂ€hltempo warm wird. Das ist zwar nicht mit Mehltau gleichzusetzen, wirkt aber mitunter genau so zĂ€h. Alleine, hier passt es zur Geschichte. Nach und nach enthĂŒllt die Protagonistin die ihre, vor uns Lesende, ihren Mitmenschen und vor sich selbst.

Es ist eine Geschichte vom Vergehen und Enden, vom beschwerlichen Weg zu einem Neubeginn. Manchmal kommt das sehr nĂŒchtern daher, um dann die Lesenden mit allen GefĂŒhlswelten zu konfrontieren, die es gibt. Himmelhoch jauchzend, in kleinen Momenten des GlĂŒck. Zu Tode betrĂŒbt, die Beziehung hatte doch vielversprechend begonnen, oder? Oder? Sehr kompakt wird der Zeitraum fast eines Jahres aus erzĂ€hlt. Der Entwicklungsprozess gibt der Protagonistin Konturen. Anfangs kann man diese kaum fassen, findet sie zuweilen unsympathisch oder zumindest nicht einfach. Doch wer mit der Belastung eines Beziehungschaos‘ im Hintergrund, eines TrĂŒmmerhaufen an GefĂŒhlen, wĂ€re das nicht?

Die Autorin hat sich innerhalb ihrer kompakt wirkenden Kapitel fĂŒr die Ausgestaltung nur einer Figur entschieden. Alle anderen bleiben verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig konturlos. Es braucht sie aber auch ĂŒber weite Strecken schlichtweg nicht, wenn dann nur, um der Protagonisten den Spiegel vorzuhalten. Selbst der Antipol, die Figur des Exfreundes, bleibt blass, wĂ€hrend SchĂŒttpelz das GefĂŒhlsleben der ErzĂ€hlenden in allen Farben beschreibt. Parallelen ĂŒbrigens zum Leben der Autorin dĂŒrfen dabei nicht fehlen. Auch der Autorin alter Ego ist Juristin (oder werdende) und Musikerin. Wie viel Verarbeitetes ansonsten in der Geschichte steckt, wer weiß das schon?

Aber das schafft eine ehrliche NĂ€he, in sich verstĂ€ndlich und schlĂŒssig. Spannend ist hier vor allem, wie SchĂŒttpelz den Knoten auflöst, ohne ins Kitschige zu geraten. Nach und nach erfĂ€hrt man mehr HintergrĂŒnde, die gleichsam eines Puzzles am Ende ein komplettes Bild ergeben. An einigen Stellen wird das etwas anders aussehen, als man zu Beginn glaubt. RĂŒckblenden lockern die Melancholie auf, nur um im nĂ€chsten Moment neue zu schaffen. Ein Verarbeitungsprozess soll hier dargestellt werden, mit vielen Hindernissen. Man hat dabei nicht das GefĂŒhl zu viel ÜberflĂŒssiges zu lesen. Fast jedes Wort sitzt und fĂŒhlt sich, im Rahmen des Romans, richtig an.

Den Roman als sehr rational denkender Mensch zu lesen, ist aber das eine. Wie ist es, wer sich lesenden von seinen GefĂŒhlen mitreißen lĂ€sst? Wo hier der Rezensent ĂŒber manche Abschnitte nur die Augen rollen kann oder anders, einem Tunnelblick entwickeln und einfach einen neuen Anfang wagen wĂŒrde, gleichwohl sich manchmal an die Stirn fasst, was macht das mit jene, die sich beim Lesen in die GefĂŒhlswelten der Protagonistin hineinsteigern können? Wie wirkt dann die ErzĂ€hlung? Wer „Ohne mich“ so gelesen hat, möge mir das bitte sagen.

Positiv fallen die klar formulierten SĂ€tze auf, die an einigen Stellen den Rhythmus von Songs haben. Man stelle sich das als Album vor, dessen Titel in einem Club gespielt wĂŒrden. Oder nein, vielleicht wĂ€re das wiederum zu traurig, zu dĂŒster. Durch die Ausarbeitung der Protagonistin kann man sie sich dagegen sehr gut vorstellen, genau so die Umgebung, die mal in den leuchtenden Farben beschrieben wird, mal einfach nur grau bleibt. Dieser Wechsel gibt dann auch das Lesetempo vor.

Nicht nur das Portrait einer jungen Frau, einer Suche liegt hier vor. „Ohne mich“ ist vor allem fĂŒr alle, die sich fĂŒr Verarbeitungsprozesse interessieren, Figuren, die an ihrer inneren Zerrissenheit leiden und einen Weg finden mĂŒssen. Der Roman ist fĂŒr jene, die vielleicht schon etwas Ă€hnlich Geartetes durchleben mussten, nicht fĂŒr jene, die gerade in einer Beziehungskrise stecken, möchte man meinen. Dann hĂ€tte die ErzĂ€hlung nochmal eine ganz eigene Wucht. Vielleicht sollte man aber auch nicht allzu nĂŒchtern an die LektĂŒre rangehen. Dann funktioniert das an einigen Stellen leider nicht. Aber ihr seid ja nicht so.

Autorin:

Esther SchĂŒttpelz wurde 1993 geboren und studierte zunĂ€chst Jura in MĂŒnster, arbeitete als RechtsanwĂ€ltin, bevor sie zu schreiben begann. Zudem schreibt sie eigene Songs und macht Musik. Mittlerweile lebt sie in Berlin. FĂŒr ihr Werk „Ohne mich“, erhielt sie den lit.cologne-DebĂŒtpreis 2023.

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Peter Vajkoczy: Kopfarbeit

Inhalt:

Die Instrumente sind winzig, die Herausforderungen groß.

Kopfarbeit ist der empathische Bericht des rennomierten Gehirnchirurgen Prof. Dr. Vajkoczy, Chefarzt an der Charite in Berlin. Erstmals erzĂ€hlt er von seltenen Erkrankungen, komplizierten Operationen und modernsten Operationstechniken. Seine Patienten und der wissenschaftliche Fortschritt sind ihm gleichermaßen wichtig. Und stĂ€ndig leben Neurochirurgen wie er mit dem Druck, dass die kleinste Komplikation schwerwiegende Folgen haben kann, das Gelingen jedoch den Mut belohnt, nichts unversucht zu lassen – und Leben rettet. (Klappentext)

Rezension:

Der Operateur sieht das, was er tut, nur durch ein Mikroskop in bis zu vierzigfacher VergrĂ¶ĂŸerung. Stunden dauert es, bis der SchĂ€del geöffnet, das Gehirn erreicht ist, BlutgefĂ€ĂŸe verödet oder miteinander, mit FĂ€den der StĂ€rke 0,07 mm vernĂ€ht und der Tumor entfernt werden können. Selbst, wenn dies geglĂŒckt ist, ist das keine Garantie, dass das gewĂŒnschte Ziel erreicht ist. Der Spielraum der Neurochirurgen ist gering.

Die Gefahr fĂŒr Komplikationen ist groß, dass der Patient nur mit schweren Behinderungen oder gar nicht ĂŒberlebt. Peter Vajkoczys Bericht „Kopfarbeit“ gibt Einblicke ins Kopfinnere und auf den Pakt zwischen dem Allerschönsten und Allerschrecklichsten.

Peter Vajkoczy gibt Einblick in die Königsdisziplin der Medizin, in der Freud und Leid nah beieinander liegen und zeigt, dass lĂ€ngst nicht mehr ein Halbgott in Weiß fĂŒr Erfolg oder Misserfolg einer behandlung Sorge trĂ€gt, sondern ein ganzes Team notwendig ist, um ein gutes Behandlungsergebnis fĂŒr die Patienten zu erzielen.

In seinem empathischen Bericht, der sachlich einzelne Fallbeispiele darstellt, zeigt er, wie PrĂ€zensionsarbeit, Erfahrung und Forschung ineinander ĂŒbergreifen, welche Operationenstechniken noch vor wenigen Jahren eine Sensation waren, heute zu den Standards der Neurochirurgie zĂ€hlen und wie weltweit vernetzt geforscht wird, um immer minimalistischere Eingriffe mit grĂ¶ĂŸeren Erfolgen fĂŒr die Patienten zu verbinden.

Betont sachlich stellt er anhand der FĂ€lle die eigentliche Operation dar, beschreibt um so emotionaler die Vorgeschichte und die Nachwirkungen von Behandlungen, welche Lehren man aus Erfolgen zieht, was Niederlagen fĂŒr die weitere medizinische Arbeit bedeuten. Vajkoczy erklĂ€rt detailliert medizinische PrĂ€zisionsarbeit, fĂŒr Laien verstĂ€ndlich gemacht anhand zusĂ€tzlicher schematischer Skizzen, zeigt jedoch auch, wie wichtig das Zusammenspiel eines aufeinander abgestimmten Teams ist, ebenso die Kommunikation mit Patienten und deren Angehörigen.

Der Autor beschönigt dabei nichts. Bewusst werden auch medizinische VerlĂ€ufe geschildert, die keinen guten Ausgang nahmen, aber eben auch, warum es sich lohnt fĂŒr seine Patienten tagtĂ€glich aufs Neue zu kĂ€mpfen. Immer wieder wird deutlich, wie international verknĂŒpft Vajkoczys Arbeit ist, nicht nur anhand seiner Biografie, auch im Sinne der Vernetzung, wenn es darum geht, Strategien fĂŒr Behandlungen zu entwickeln, Forschung und Alltag gleichermaßen voran zu bringen.

Peter Vajkoczy zeigt, wie viel bereits möglich ist, woran geforscht wird und was die Schönheit und Faszination der Neurochirurgie fĂŒr ihn ausmacht, nicht zuletzt, wie viel und wir wenig ĂŒber die funktionalen ZusammenhĂ€nge im Gehirn wissen. Wo sitzt eigentlich die Seele des Menschen? Wie entscheidet man am Behandlungstisch zwischen der BekĂ€mpfung eines Tumors und einer VerlĂ€ngerung von LebensqualitĂ€t? Wie geht Vajkoczy mit urplötzlich auftretenden Komplikationen um oder, wenn sich ein Behandlungserfolg nur Stunden spĂ€ter in eine medizinische Niederlage entwickelt? Auch das kommt zur Sprache.

Und die ist fĂŒr Laien sehr zugĂ€nglich, nimmt vielleicht etwas Distanz zu dieser Disziplin heraus, zumal in dieser Form, wenn man sich anhand von Patientengeschichten entlanghangeln kann. Allerdings ist auch klar, dass Vajkoczy hier nur einen winzigen Ausschnitt seiner Arbeit zeigen kann, eben so wie er es unter dem medizinischen Mikroskop sieht. Schon bevor man die letzte Seite umgeschlagen hat, bleibt man beeindruckt zurĂŒck.

Autor:

Prof. Dr. Peter Vajkoczy wurde 1968 geboren und ist ein deutscher Mediziner und Neurochirurg. In MĂŒnchen und Heidelberg studierte er Medizin und ist seit 2007 Direktor der Klinik fĂŒr Neurochirurgie an der Berliner Charite. Vorher war an mehreren Forschu8ngseinrichtungen und Kliniken im Ausland tĂ€tig, zudem elf Jahre an der Medizinischen FakultĂ€t Heidelberg. Er ist spezialisiert auf Kopf- und Gehirn-Neurochirurgie, WirbelsĂ€ulenchirurgie und Kinderneurochirurgie, zudem beschĂ€ftigt er sich mit der Moyamoya-Erkrankung, einer seltenen Erkrankung der HirngefĂ€ĂŸe, bei der es zu einer langsamen Verengung und Verschluss der Halsschlagader kommt.

FĂŒr seine medizinische und wissenschaftliche Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet.

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Nicolai Boudaghi/Alexander Leschik: Im Bann der AfD

Inhalt:

Sie sind jung, neugierig und hoch motiviert. Über Jahre hinweg engagieren sich Nicolai Boudaghi und Alexander Leschik in der AfD. Schnell steigen sie auf. Dabei stehen sie auf der Seite der gemĂ€ĂŸigten. Doch irgendwann mĂŒssen sie sich eingestehen, dass der radikale FlĂŒgel der Partei nicht zu stoppen ist. In diesem verstörenden Insider-Bericht schildern sie ihre Wege und Fehler in der AfD-Jugendorganisation und der Mutterpartei.

Anhand von Chats, Sitzungsprotokollen und vertraulicher Untelagen geben sie einen Einblick in die rechte Partei, deren Weg und wie SpitzenfunktionÀre diesen beurteilen, sowie einen Ausblick auf das Kommende. (abgewandelter Klappentext)

Rezension:

Vor GrĂŒndung der AfD hielt man eine Partei von derartiger Ausrichtung kaum fĂŒr möglich und dauerhaft erfolgreich in Deutschland, doch ist diese seit 2013 in sĂ€mtliche Landesparlamente und schließlich in den Deutschen Bundestag eingezogen. Eine Alternative zur etablierten Politik wollten ihre GrĂŒnder einst schaffen, vieles anders oder besser machen. Seit dem hat sich viel verĂ€ndert. Mit zunehmenden Erfolg verĂ€nderte sich, zunĂ€chst schleichend die Zusammensetzung der Mitglieder, mit ihnen die TonalitĂ€t innerhalb der Partei und schließlich den Parlamenten. Heute ist die AfD kaum mehr wiederzuerkennen, geben extreme KrĂ€fte den Ton an.

Wie konnte es dazu kommen? Die Autoren Alexander Leschik und Nicolai Boudaghi zeichnen ihren Weg nach, von den zunĂ€chst politikinteressierten Jugendlichen, die sie waren, hin zu engagierten mitgliedern, die nach und nach mit ansehen mussten, wie die vernetzte Rechte nach und nach ihre Partei in eine Richtung dreht, die heute nur mehr als gefĂ€hrlich und abstoßend zu bezeichnen ist.

Welche Position nahmen sie dazu ein, welche Fehler machten sie und wo eigentlich liegt der Kipppunkt in der bisherigen Geschichte einer Partei, die in Gefahr lĂ€uft als Gesamtes vom Verfassungsschutz unter Beobachtung gestellt zu werden, deren LandesverbĂ€nde zerstritten sind und schon mehrere Metamorphosen hinter sich hat, im Laufe derer nur immer noch radikalere Mitglieder die ZĂŒgel an sich gerissen haben.

Ungeschönt erzĂ€hlen die beiden Autoren von Parteiveranstaltungen und Versammlungen, zitieren aus Chatgruppen und internen Dokumenten, wie rechte Netzwerker im Laufe der Jahre immer mehr den Ton vorgaben, von Taschenspielertricks, die die AfD den etablierten Parteien vorwirft, jedoch selbst bis auf die Spitze treibt und von psychologischer KriegsfĂŒhrung und Tauziehen um Machtpositionen innerhalb der Parteiebenen, welches irgendwann auch die letzten gemĂ€ĂŸigten Mitglieder vertreiben oder mit in den Abrgund reißen wird.

Die Autoren zeigen ihren Weg in der Partei auf, verdeutlichen BeweggrĂŒnde von Beitritt bis zum Austritt aus der AfD, verdeutlichen Kipppunkte, ihre eigenen Fehler und auch, weshalb sich die AfD so schnell radikalisiert hat. Anhand von Chatprotokollen und internen Dokumenten, Zitaten aus der FĂŒhrungsebene zeigen Boudaghi und Leschik wie die Partei in ihrem Inneren funktioniert, wie sehr sich Innen- und Außenwirkung unterscheiden. Wie radikal ist die AfD heute, whin wird dieser Weg fĂŒhren? Wer sind die bestimmenden Personen in der Partei heute? Haben die demokratischen Parteien dagegen eine Chance? Wie sieht diese aus?

Das alles ließt sich schwergĂ€ngig. Man blĂ€ttert durch die Seiten mit offenen Mund, erlebt die Zeit seit 2013 im Schnelldurchlauf, in der eine Unerhörtheit der nĂ€chsten AbsurditĂ€t folgt. Zu oft kann man nicht fassen, was da in und zwischen den Zeilen steht. Und, Boughadi und Leschik? Ja, es ist wieder ein Buch von Aussteigern und natĂŒrlich mit einer gewissen Intension geschrieben, die man beiden jedoch auch abnimmt, zumal wenn man das Verhalten von Abgeordneten der AfD, deren Aussagen betrachtet und all jenen VerknĂŒpfungen, die es in andere radikale Netzwerke hinein gibt, zudem jene Ereignisse vor Augen fĂŒhrt, auf die gewisse Reaktionen folgten.

Dieses Buch dĂŒrfte hoffentlich, ja es muss hohe Wellen schlagen. Unbedingt.

TV-Interview Kontraste:

Interview Tim Gabel:

(Interviews, wie auf der Verlagsseite eingebunden)

Autoren:

Nicolai Boudaghi wurde 1991 geboren und trat 2013 der AfD bei. Er arbeitetet im Vorstand des Bezirksverbands DĂŒsseldorf und arbeitete fĂŒr die Partei im Landtag, sowie in der Nachwuchsorganisation „Junge Alternative“ als stellvertretender Bundesvorsitzender. Er studierte Sozialwissenschaften und trat 2020 aus der AfD aus.

Alexander Leschik wurde 2000 geboren und schloss sich mit 15 Jahren der AfD-Nachwuchsorganisation an, bewĂ€hrte sich als Vize-Kreissprecher in MĂŒnster und wurde 2021 in die Arbeitsgruppe Verfassungsschutz vom Bundesvorstand berufen. Er studiert Rechtswissenschaften und verließ 2021 die AfD.

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Rita Mielke: Atlas der verlorenen Sprachen

Atlas der verlorenen Sprachen Book Cover
Atlas der verlorenen Sprachen Rita Mielke Duden Verlag Erschienen am: 07.10.2020 Seiten: 240 ISBN: 978-3-411-70984-7

Inhalt:

Fremde Sprachen eröffnen ĂŒberraschende Einblicke in die Lebenswelten von Völkern und Kulturen. Irokesisch, Tofalarisch, Sami, Bora, Quechua: Allein der Klang dieser Sprachbezeichnungen erinnert an die enorme kulturelle Vielfalt auf unserer Erde – und daran, dass viele dieser Sprachen bedroht oder bereits verloren sind. der „Atlas der verlorenen Sprachen“ reist einmal um die Welt und besucht 50 Sprachen auf fĂŒnf Kontinenten. (Klappentext)

Rezension:

Sprachen sind per Definition komplexe Systeme, sich auszudrĂŒcken und um sich zu verstĂ€ndigen. UnzĂ€hlige gibt es auf unserem Planeten,allesamt Kulturgut. Wenige werden von vielen Menschen gesprochen, allzu viele sind dagegen vom Aussterben bedroht oder bereits fĂŒr immer verschwunden. Das hat verschiedene Ursachen, die großteils in unserer Geschichte zu suchen sind.

Um so wichtiger ist es, zu dokumentieren, was noch zu recherchieren ist, die wenigen verbliebenen Sprecher und Sprecherinnen aufzusuchen, um so viele Wortschöpfungen, grammatikalische Gegebenheiten fĂŒr die Nachwelt zu bewahren, zumal in einer globalisierten Welt, in der kleinrĂ€umige Sprachen immer mehr drohen, auszusterben.

Manchmal gelingt das. Verschiedene Sprachen, die einst auszusterben drohten, werden heute wieder gepflegt. Andere sind bereits heute verloren. Die Duden-Redaktion hat sich aufgemacht und legt zum wiederholten Male ein buntes Sammelsurium vor, diesmal rund um den Globus, in fĂŒnfzig Sprachen um die Welt.

Wie viele Wortschöpfungen kennt eine Sprache fĂŒr Regen? Was bedeuten Zahlen, wenn nach der Vier nur noch „Viele“ kommen und was wurde und wird bis heute getan, um Sprache zu bewahren? Kurzweilig ist dieses kuriose Lexikon, welches das Vorkommen der Sprache in schereschnittartiken Landkarten verdeutlicht, ebenso die Anzahl derer, die die jeweiligen Sprachen heute noch pflegen, damit kommunizieren können.

Auf den nachfolgenden jeweils zwei bis vier Seiten wird dann ein kleiner informativer, nicht trockener Abriss der Geschichte dieser Sprache dargestellt, ZusammenhĂ€nge gezeigt, die zum jeweiligen Zustand dieser fĂŒhrten, in der sich die erwĂ€hnten Sprachen heute befinden.

Das ist zum Teilen amĂŒsant, oft genug traurig, doch wird hier gezeigt, dass Sprache durchaus lebendig gehalten werden kan, ob in GegenstĂ€nden der sie jeweilig verwendenden Kulturen oder durch die Übernahme von Begriffen in einer Sprache, die in noch grĂ¶ĂŸerer Anzahl gesprochen wird.

Wer dieses Werk, dieses kleine Lexikon zur Hand nimmt, wird darin versinken und ĂŒber so herrliche Begriffe wie Humuhumunukunukuapua’a stoßen und herausfinden, was der Autor von „Peter Schlemihls wundersamer Geschichte“mit einem Riesenfarn zu tun hat, wie kompliziert man in anderen Sprachen Verwandtschaftsbeziehungen ausdrĂŒcken kann, und das isolierte Sprachen den Hang zum Komplizierten besitzen.

Es wÀre doch witzig, wenn aufgrund von solchen Werken nicht mehr nur Igel im Herbst unsere Wege kreuzen, sondern ein Stachelinus (Begriff aus dem Rotwelchem).

FĂŒr alle, die sich gerne mit Sprache beschĂ€ftigen, damit spielen und auch sonst Geschichte und Kultur einmal von einem anderen Blickwinkel betrachten möchten, ist dies eine wunderbare Zusammenstellung.

In der Hoffnung, dass es zumindest einige der Sprachen schaffen, zu ĂŒberleben und aus anderen wenigstens ein paar Begriffe und Eigenheiten zu retten. Dieses nicht auf VollstĂ€ndigkeit bestehende Werk ist schon einmal ein Anfang. Festzustellen bleibt, Sprache ist spannend.

Autorin:

Rita Mielke ist Autorin und Sprachwissenschaftlerin beim Duden-Verlag.

Und nun eine kleine RĂ€tselfrage. ;-D

Was ist ein Humuhumunukunukuapua’a?

Lösung:

Der Diamant-PicassodrĂŒckerfisch in der Sprache Hawaiianisch. Das Tier ist der Staatsfisch von Hawaii.

[Einklappen]

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