Besatzung

Willy Brandt: Krieg in Norwegen

Inhalt:
Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kommen, leistet Herbert Frahm sofort Widerstand. Um sich vor der Verfolgung durch die Nazis zu schützen, benennt er sich um in Willy Brandt. 1933 verlässt er Deutschland und geht ins Exil nach Norwegen, um von dort aus den sozialdemokratischen Widerstand gegen Hitler zu organisieren. 1940 wird er Zeuge der Okkupation des Landes durch die Deutsche Wehrmacht. (Klappentext)

Rezension:
Die Besatzung Norwegens durch die Deutschen ist hierzulande ein beinahe vergessenes Stück Militärgeschichte, doch bereits während des Krieges erschien 1942 in der Schweiz ein Bericht darüber, wofür der Verleger von den Nationalsozialisten heftig kritisiert wurde. Geschrieben hat ihn kein anderer als Willy Brandt, der 1933 über Dänemark nach Norwegen fliehen musste, wo er einige Jahre später die Okkupation des Landes erleben musste. Dieser liegt nun, neu aufgelegt, im gleichnamigen Nachfolgeverlag vor und bringt damit auch ein hier beinahe vergessenes Stück Zeitgeschichte wieder ans Tageslicht.

Die Zeitspanne, über die da der spätere Bundeskanzler berichtet, ist nicht gerade groß. Tatsächlich sind es nur wenige Wochen, in denen die Land diesen Teil Nordeuropas angegriffen und sich untertan gemacht haben. Der Konflikt, der nur ein paar Jahre danach sich zum Weltkrieg ausweiten sollte, steht da noch am Anfang. Polen ist bereits überfallen, auch Dänemark schon besetzt. Der Krieg gegen Westeuropa steht noch bevor. Und mittendrin Herbert Frahm, der unter den Decknamen Willy Brandt versucht, von seinem Exil aus den sozialdemokratischen Widerstand zu organisieren, unter anderen Artikel für entsprechend politische Zeitungen schrieb.

Er ist der Beobachter dieser Tage, in denen ein militärisch ungenügend organisiertes Land mit seinen geringen Mitteln mancherorts erstaunlichen Widerstand leistet, an vielen Orten schlicht und ergreifend jedoch schnell gezwungen wird, eben jenen aufzugeben und zu kapitulieren. Er beschreibt dabei beide Seiten, insbesondere die der Norweger im Fokus. In sehr kompakter und nüchterner Form nähert er sich den Ereignissen und hat diese Beschreibungen nach den einzelnen Landesteilen und Regionen gegliedert.

In der neuen Ausgaben ergänzen hinten angestellte Anmerkungen den Text, sowie eine Karte zur Verdeutlichung diesen Bericht, der sehr nüchtern daherkommt, fast analytisch. Nur hin und wieder blitzen die Emotionen durch. Es ist die Arbeit eines Journalisten, die wir da lesen, der verstehen und verdeutlichen möchte, wie die Verteidigung trotz ungünstiger Umstände organisiert wurde, wo dies nicht klappte und welche Fehler dabei die Norweger machten, aber auch, dass die Topografie des Landes oft genug auch nicht den Deutschen in die Hände spielte.

Den Bericht muss man lesen, in dem Wissen, dass dieser nach damaligen Kenntnisstand verfasst und auch veröffentlicht wurde. Fakten, wie den späteren Verlauf des Krieges in Europa etwa, kann er noch nicht berücksichtigen. Auch über das Leben später unter der Besatzung konnte Willy Brandt zu diesem Zeitpunkt nicht berichten. Seinem Exil in Norwegen, musste kurz darauf Schweden folgen. Der Autor hat sich stattdessen auf diese wenigen Tage vom 09. April bis zum 09. Juni 1940 konzentriert und somit ein kleines, aber doch wichtiges Zeitdokument geschaffen.

Neben trockenen Tonalität jedoch, die nicht jedermanns Sache ist, muss man jedoch dieser Ausgabe leider eine mangelnde Überarbeitung ankreiden. Schreibfehler, Vertauschungen, von denen ich mir nicht sicher bin, ob sie im Original des Textes vorkommen und von diesem ungeprüft übernommen wurden oder ob dies bei der Übertragung des Textes geschehen ist. Das fällt das eine oder andere Mal auf. Man stolpert regelrecht drüber. Ist das Willy Brandt anzulasten oder dem Verlag? So oder so schmälert es nicht die Wichtigkeit des Textes über diese Zeit, die sicher heute auch einen guten Teil des Selbstverständnisses Norwegens ausmacht.

„Krieg in Norwegen“ liest sich deshalb interessant, da über diesen Teil des Krieges zuweilen recht wenig berichtet wird. Bis heute. So ist der Bericht für zeitgeschichtlich Interessierte spannend zu lesen, auch für jene, die mal einen beinahe journalistischen Text von Willy Brandt lesen möchten. Den Ton heute populärer Sachbücher darf man jedoch nicht erwarten.

Autor:
Willy Brandt wurde 1913 in Lübeck als Herbert Ernst Karl Frahm geboren und war ein deutscher Politiker, sowie von 1969 bis 1974 der vierte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Mit seiner Außenpolitik richtete er die Ostpolitik des Landes neu aus. Vor seiner Zeit als Kanzler, war er als Regierender Bürgermeister West-Berlins tätig, sowie Außenminister und Vizekanzler unter Kiesinger. Nach seinem Ausscheiden aus der Bundespolitik engagierte er sich für Frieden, Völkerverständigung und Abrüstung. Brandt erhielt 1971 den Friedensnobelpreis und starb 1992.

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Tomi Ungerer: Die Gedanken sind frei

Inhalt:
Tomi Ungerer ist neun Jahre alt, als deutsche Truppen 1940 das Elsass besetzen. Deutsch wird die offizielle Sprache, Französisch bei Androhung strenger Strafen verboten, aus Jean-Thomas, von allen Tomi genannt, wird Hans. Tomi Ungerer erzählt vom Alltagsleben unter der Nazibesatzung, vom Krieg, von der liberation – und von den ganz normalen Streichen, Freuden und Erlebnissen eines heranwachsenden Jungen. Dank unzähliger Zeichnungen aus Tomi Ungerers Kindheit und seinem grenzenlosem Humor ein ungemein lebendiges Erinnerungsbuch. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:
Witz und Humor, das Talent sich auszudrücken und die Dinge aus einem besonderen Blickwinkel heraus zu betrachten, ist dem späteren Zeichner und Kinderbuchillustratoren Tomi Ungerer schon in seiner Kindheit gegeben, die dieser in turbolenten Zeiten durchlebt hat. Als die Deutschen während des Zweiten Weltkrieges den Elsass besetzten, wächst er in einem Vorort Colmars auf, als behütetes Nesthäkchen und ohne Vater. So betrachtet er die Widrigkeiten des Krieges, die in den Alltag der Familie hineinragen. Seine Erinnerungen an diese Zeit sind nun postum neu aufgelegt wurden.

Nicht nur Tagebuch, autobiografische Erzählung oder, wie man es sich vielleicht bei einem Illustratoren denken würde, eine Ansammlung von Zeichnungen und Karikaturen ist diese hier vorliegende Sammlung, sondern eine Wundertüte, die uns in eine wundersame Zeit eintauchen lässt, in der der Alltag im schlechtesten Sinne auf den Kopf gestellt war. Tomi Ungerer hat hier tief gegraben in seine Erinnerungskiste und Fotos sowie Kinderzeichnungen zusammengestellt, die den Humor des späteren Künstlers und vor allem dessen Stil schon früh zu Tage treten lassen. Aus den zahlreichen Puzzleteilen ergibt sich ein buntes Portrait aus Familienalltag, Einschränkungen durch Krieg und Besatzung, aber auch kindlichen Übermut, der nicht nur einen Schädelbruch zur Folge hatte.

Die Tonalität der Sprache ist geprägt von Leichtigkeit, vom ungetrübten Blick des Kindes, der alles als ein großes Abenteuer sieht, doch durchaus den Ernst der Lage erkennt, wenn er in der Rückschau betrachtet, wie die Mutter etwa sich einerseits wie eine Löwin schützend vor die Kinder stellt, andererseits aber auch er selbst Widerstand leistet, und sei es nur mit Karikaturen von Lehrern im Schulheft und Tagebuch. Tomi Ungerer ist es hier gelungen, das Leben unter einem Besatzungsregime nachzuzeichnen, welches sich natürlich von dem im Osten, aber auch dem im geteilten Frankreich selbst unterschied, ein Aspekt der bis dato viel zu wenig Beachtung fand.

In der Aufreihung der Bücher gegen das Vergessen ist dieses hier schon aufgrund der Zusammenführung des Materials durch Autor und Zeichner in Personalunion etwas besonderes, zudem es die Wurzeln des späteren Künstlers aufzeigt. Dabei sind es nicht nur die pointierten Zeichnungen, sondern auch punktuelle Formulierungen, Beschreibungen von Personen, die den kindlichen Scharfsinn vor Augen führen. Auch nicht die große Politik, die nur in sofern eine Rolle spielt, sofern sie in den Alltag des Heranwachsenden hinein greift. Das besondere liegt in der Beschreibung alltäglicher Dinge in einer nicht alltäglichen Situation, die nur mit Vorsicht, Angst und in seinem Falle mit einer großen Portion Witz, auch Galgenhumors, zu ertragen gewesen ist.

Für alle, die staubtrockene Ausführungen scheuen, Zugang zu diesen sehr besonderen Künstler finden möchten und die Zeit der Besatzung des Elsass durch das NS-Regime nachspüren wollen, ist dieses wichtige Buch eine geeignete Lektüre.

Website: tomiungerer.com

Tomi Ungerer Museum: Hier klicken.

Autor:
Jean-Thomas „Tomi“ Ungerer wurde 1931 in Straßburg geboren und war ein französischer Grafiker, Schrifsteller und Illustrator von Büchern für Kinder und Erwachsene. Erste Zeichnungen veröffentlichte er im Simplicissimus, er arbeitete in New York, kurzzeitig in Hamburg und lebte eine Zeit lang in Irland auf einer Farm, bevor es ihn wieder in den Elsass zurückzog. Er starb 2019 in Cork, Irland.

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Inga Gaile: Der Geschmack von schwarzer Erde

Inhalt:
Drei Generationen von Frauen und die Schrecken des 20. Jahrhunderts: „Der Geschmack von schwarzer Erde“ von Inga Gaile erzählt schonungslos von ihren Schicksalen im KZ Ravensbrück, im sowjetischen Lettland und nach dem Ende des Kalten Krieges.

Der Roman zeigt die Traumata, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hat, unabhängig von Nation und sozialer Stellung, und verwebt die Lebensgeschichten dieser Menschen miteinander. Eine KZ-Gefangene, eine traumatisierte Patientin, eine Deportierte, eine, die nach der Wahrheit über sich selbst sucht – sie alle sind die Schönen. Wie bleibt man menschlich im Angesicht des Unmenschlichen?
(Klappentext)

Rezension:
Es ist nicht nur die Geschichte dreier Frauen, deren Schicksale über die Generationen hinweg miteinander verwoben sind, die die lettische Schriftstellerin Inga Gaile hier entstehen lässt, sondern vor allem die eines Landes, welches über Jahrzehnte hinweg immer wieder vom Schicksal gebeutelt wurde. In „Der Geschmack von schwarzer Erde“ durchziehen Düsternis und Brutalität einen fast durchgehend blutroten Faden diese Erzählung, durchbrochen nur von wenigen Momenten der Hoffnung. Was macht das mit den Menschen?

Was gehen nachfolgende Generationen, in denen Täter und Opfer miteinander konfrontiert werden, mit den Schrecken der Vergangenheit um, die sich bis ins Mark ihrer Familien eingebrannt haben?

Die Beantwortung dieser Frage ist vielschichtig, darf man auch von dieser Erzählung vollständig nicht verlangen, doch offenbaren sich viele Scherben, die die Befindlichkeiten und das Denken im heutigen Baltikum verständlich machen. Der Weg dahin indes ist kompliziert. Das wird schon am Auftakt dieses Romans deutlich. Eine nicht benannte Erzählstimme führt in die Handlung ein, deren folgende Abschnitte zumindest namentlich benannt werden und im Verlauf dann mit Jahreszahlen überschrieben.

Die Tonalität verheißt nichts als Trostlosig- und Traurigkeit, war das Land doch lange ein Spielball der Mächtigen um sie herum. Deutsche, Russen. Immer ging es um Land, Einfluss und Macht. Die Schriftstellerin spürt diesen Griffen nach, fragt durch ihre Figuren, die zunächst kaum greifbar sind, wie Traumata entstanden, wie damit umgegangen wird und was vielleicht auch die lettische Identität, das Denken der Menschen dort ausmacht.

Kompakt gehalten sind die einzelnen Kapitel. Im Angesicht des Grauen wird sparsam mit Worten hantiert. Dadurch bleiben die Figuren zunächst unnahbar, beinahe kalt. Erst im Verlauf der Handlung kann zu einzelnen Protagonisten die Distanz überwunden werden. Erst nach und nach entstehen Sympathien. Hauptfiguren sind derer drei, deren Weg wir durch die Geschichte ihres Landes begleiten. Ein Familienroman vor dem Hintergrund einer Landesgeschichte, die zur ständigen Habacht-Stellung gemahnt.

Immer lauschen die Figuren nach Nuancen, die den nächsten großen Knall ankündigen. Die Autorin beschreibt körperliche und seelische Wunden teilweise so treffend, dass es förmlich beim Lesen wehtut. Was zwischen den Zeilen so steht, wirkt dabei noch heftiger.

Wir begleiten Violette, Magdalena und Duks. Die eine durchlebt die Schrecken des Konzentrationslagers, die andere den stalinschen Terror, die dritte das Ende des Kalten Krieges. Sämtliche prägende Epochen der jüngeren Geschichte Lettlands verdichten sich in den Figuren, denen die Autorin die Kraft des Überlebens in die Hand gegeben hat. Ihre Wege verfolgen wir, ihre Narben, die ihnen durch andere zugefügt werden, die wir ebenso kennenlernen. Die Protagonistinnen sind die Spielbälle, erkämpfen sich jeden Tag, jedes Jahr neu. So ist „Der Geschmack von schwarzer Erde“ auch eine Erzählung, was Überlebenswille zu leisten vermag.

Inga Gaile schafft es, seelische Grausamkeiten und Kälte vor dem inneren Auge entstehen zu lassen und deren Wirkung auf andere aufzuzeigen. Die Schriftstellerin offenbart, was das Denken und Handeln ihres Heimatlandes, vor allem gegenüber den übermächtigen großen Nachbarn und auch sonst, noch heute bestimmt, ohne manchen Schrecken wortwörtlich zu benennen. Anderer wird plastisch, beinahe filmisch dargestellt. Der Wechsel der Perspektiven erfolgt behutsam, ist dennoch so gesetzt, dass eine Dynamik daraus entsteht, derer man sich nicht entziehen kann. Wenn man sich in der Tonalität eingefunden hat, was nicht einfach ist und mehr als einen Moment benötigt.

Aus Sicht der verschiedenen Figuren werden die einzelnen Kapitel erzählt, deren Handlungsfäden langsam ineinander übergreifen. Mit ein wenig geschichtlichen Verständnis und auch Interesse daran, ist es leichter, dort hinein zu finden. Das Tempo der Erzählung ist vergleichsweise gemächlich. Mit der kompakt gehaltenen Form trägt die Autorin dem Rechnung. Immer wieder stechen einzelne Sätze hervor, nach denen man innehalten muss, da sie einem mehr als nachdenklich zurücklassen.

Schauplätze und Protagonisten vermag die Schriftstellerin filmisch zu beschreiben, ohne zu viele Worte zu verlieren. Und doch genügen sie. Schon lange war ein Generationenepos nicht mehr so kompakt wie dieser. Es ist ein behutsamer Text, der vieles klarer werden und uns innehalten lässt, der die Themen vereint, wie wir mit unserer Familiengeschichte umgehen und was Erlebnisse und Taten unserer Großeltern und Eltern mit uns machen?

Wie gehen wir damit um? Wofür sind wir verantwortlich? Wofür nicht? Was können wir für uns daraus ziehen? Was macht uns zu dem, was wir sind? Ziemlich viele Fragen, deren Beantwortung Inga Gaile anhand ihrer Figuren uns überlässt, vor dem spannenden Hintergrund eines Landes, welches heute sehr genau hinschaut, eben deshalb, was an seinen Grenzen und außerhalb passiert. In dieser kompakten Form ist das, etwas kantig zwar, gelungen.

Autorin:
Inga Gaile ist eine lettische Autorin und Verfasserin von Romanen, Theaterstücken und Gedichten. Die derzeitige Präsidentin des lettischen PEN thematisiert in ihrem Roman „Der Geschmack von schwarzer Erde“ die dunkelsten Seiten der lettischen und deutschen Geschichte.

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Kris/Vincent Bailly: Ein Sack voll Murmeln – Graphic Novel

Inhalt:

Die Memoiren „Ein Sack voll Murmeln“ erschienen 1973, wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, zweimal verfilmt und sind längst zum literarischen Klassiker geworden. Darin erzählt Josef Joffo (1931-2018) über seine Kindheit in Paris während der deutschen Besatzung, der Flucht seiner jüdischen Familie und seinen unbändigen Willen im Untergrund zu überleben.

Ein Klassiker, adaptiert als packendes und einfühlsames Comic von Kris und Vincent Bailly.

(Klappentext)

Rezension:

Erinnerungen auf eine komplett andere Form zu übertragen, weit weg vom Ursprungsmedium, ist wagemutig. Dennoch gibt es einige positive Beispiele, neben ganz vielen, die unter die Tische fallen dürfen, wo dies gelungen ist. Bei den Kindheitsmemoiren von Josef Joffo ist dies in beiden Richtungen der Fall.

Ist die erste Verfilmung noch beim Autoren durchgefallen, gilt die zweite als gelungen, was nicht zuletzt großartigen Kinder- und Erwachsenendarstellern, einem klugen Drehbuch und einer nicht minder begabten Regie zu verdanken ist. Auch die hier vorliegende, auf die Biografie fußende Graphic Novel darf als positives Beispiel gelten.

Dabei ist es gar nicht so einfach, eine Geschichte in ein anderes Medium zu übersetzen. Was nimmt man auf, verdichtet man, welche Szenen und Dialoge bleiben? Was lässt man, zwangsweise, außer Acht. Platz ist begrenzt, wird in dieser Erzählform durch die Größe der Panels vorbestimmt.

Auch die Wahl der Farbpalette und des Zeichenstils spielen für die Wirkung eine maßgebliche Rolle. Daraus folgt die Frage, ob die Adaption des Erzählstoffes am Ende als gelungen gelten darf. So möchte ich nicht weiter auf die Geschichte selbst eingehen, die bereits rezensiert wurde, sondern auf die Besonderheiten des vorliegenden Werkes.

Paris ist bunt gehalten, wie alle Szenen, die Hoffnung verkörpern. Ein schneller Strich ins Urban Sketching hinein, manches Panel wirkt beinahe wimmelbildhaft. Temporeich gebietet sich die Graphic Novel, die mit hohem Erzähltempo schnell ins Düstere kommt. Erdtöne dominieren da plötzlich. Einige Panels wirken gedrungen, der Hintergund verschwimmt des Öfteren. Das Auge ruht auf den Vordergrund.

Den Betrachtenden stockt der Atem. Gerade zur rechten Zeit kommen die Momente, die einem durchatmen lassen, nur um im nächsten Moment wieder über den Haufen geworfen zu werden.

Dies gelingt in dieser Adaption, die ein Stück Lebensgeschichte einer neuen Zielgruppe zugänglich und begreiflich machen kann, ohne das Original zu verraten. Tatsächlich hat man nicht das Gefühl, dass wichtige Szenen vergessen wurden, gerade wenn man den Ausgangstext kennt. Der Geist des Originals bleibt erhalten und so kann diese Graphic Novel neben Buch und der zweiten Verfilmung bestehen.

Autor/Illustrationen:

Vincent Bailly wurde 1967 in Nancy geboren und ist ein französischer Comic-Zeichner. Er studierte 1986 an der Kunsthochschule Straßburg und arbeitet seit 1991 für verschiedene Verlage als Illustrator und veröffentlicht seine Zeichnung in Zeitungen und Kinderbüchern. Sein Zeichenstil gilt als düster, so dass ihn der Durchbruch erst spät gelang. Er veröffentlichte in Zusammenarbeit mit anderen Autor/innen mehrere Graphic Novels und unterrichtete von 2000 bis 2009 an der Kunsthochschule ENAAI in Bourget-du-Lac.

Kris ist das Pseudonym des französischen Comic-Autoren Christophe Goret, welcher 1972 in Brest geboren wurde. Zunächst studierte er Geschichte und arbeitete als Buchhändler, bevor er ein Atelier gründete. Im Anschluss schrieb er Drehbücher und arbeitete für die Zeitschrift Spirou. Seine Arbeit, die mehrere Alben und Drehbücher umfasst, wurde mehrfach ausgezeichnet.

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Empfehlung: Rachel Jedinak – Wir waren nur Kinder

Ein Buch ist zu kurz oder kompakt für eine Rezension, so schön oder so eindrücklich, dass eine Rezension dem nicht gerecht werden könnte, aber trotzdem von vielen gelesen werden sollte? Dafür gibt es die Kategorie „Empfehlungen“, in der Bücher vorgestellt werden, außerhalb von Rezensionen und Sterne-Berwertungen.

Rachel Jedinak, geboren 1934, überlebt die erste Massenverhaftung der Juden in Paris, die als „Razzia vom Velodrome d’Hiver“ in die Geschichte einging. Diese, am 16. und 17. Jungi 1942 stattfindenden, gelten als die symbolträchtigsten Szenen der französischen Kollaboration. Als Gerüchte über die bevorstehende Razzia aufkommen versteckt ihre Mutter Rachel und ihre ältere Schwester bei den Großeltern, doch werden sie von der Concierge denunziert und schließlich zu einer Sammelstelle gebracht. Nur mit Mühe und Glück gelingt es den beiden Mädchen durch einen Notausgang zu entkommen. Darüber schreibt die Autorin in ihrem autobiografischen Bericht, sowie über ihre Arbeit Jahrzehnte später, gegen das Vergessen. (eigene Inhaltsangabe)

Normalerweise versuche ich jedem Buch in einer Rezension gerecht zu werden, nur muss das diesmal in einer abgespeckten Form geschehen, da mehr die Seitenzahlen nicht zulassen, die Eindrücke überwältigend sind und man das, was man da gelesen hat, überhaupt erst unter einen Hut bringen muss, und das mir, der ich durchaus regelmäßig solche Berichte lese. Zeitzeugenberichte. Die, die wichtig sind, die Bücher gegen das Vergessen, die immer wichtiger werden, je weniger Menschen noch von den Ereignissen erzählen können, die immer mehr lieber zu den Akten legen, gar relativieren möchten. Hier und überall in Europa.

Gerade dann ist es wichtig, allen auch Geschehnisse in Erinnerung zu rufen, von denen hierzulande kaum jemand etwas weiß, die Razzia vom Velodrome d’Hiver in Paris ist ein solches, hier in einem kleinen kompakten, aufrüttelnden und schmerzlichen Bericht einer Überlebenden. Rachel Jedinak war damals nur ein kleines Kind, gerade einmal acht Jahre alt, als sich ihre Welt schlagartig änderte, die nur die elterliche Wohnung, die Schule, einige Straßenzüge ihres Viertels umfasste. Doch Krieg, Rassismus, Antisemitismus haben auch dort nicht halt gemacht. Schmerzlich die Erinnerung, von der sicher geglaubten Freundin plötzlich beim Spiel ausgegrenzt zu werden und andere Dinge, die wieder hochkommen, als die Erwachsene Jahrzehnte später vor Schulklassen berichtet.

Im hohen Alter beschäftigt sich die Autorin mit diesem Stück Zeitgeschichte, welche auch ein schmerzlicher Teil ihrer Biografie ist, bringt Gedenktafeln an Schulen und Gebäuden ehemaliger Einrichtungen an, führt Gespräche. Über das, was eigentlich unsagbar ist, unbegreiflich für das damalige Kind, welches kaum in der Lage ist, das, was geschieht, einzuordnen. Wie denn auch? Die Erwachsene versucht es mit wenigen Worten. Ein kompakter Bericht der sich nicht ins Überflüssige verliert und sich dabei an ihre Landsleute richtet. Seht her. Auch Franzosen haben sich beteiligt. Nicht alle, aber eben auch. Auch das darf nicht vergessen werden.

Das Leben hängt manchmal nur an wenigen Worten. Das hat Rachel Jedinak in frühester Kindheit erfahren müssen. Alle anderen dürfen es nicht vergessen.

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Rudi van Dantzig: Der verlorene Soldat

Inhalt:

Erzählt wird die Geschichte eines elfjährigen Jungen, der -im letzten Kriegsjahr mutterseelenallein in ein winziges friesisches Fischerdorf evakuiert- nach der Befreiung durch die Amerikaner von einem jungen Soldaten in eine sexuelle Beziehung hineingezogen wird. Selten sind Kinderängste und verwirrte Gefühle so eindringlich, so offen und so einfühlsam beschrieben worden, und zwar aus der Sicht des Kindes. (Ausschnitt aus Klappentext)

Rezension:

Es gibt autobiografisch angehauchte Erzählungen, die so kompakt wie schwer lesbar sind, dass sie schon mit Erscheinen kontrovers diskutiert und dann beiseite gelegt werden. So muss es auch mit dieser des niederländischen Choreografen und Tänzers Rudi van Dantzig gewesen sein. „Der verlorene Soldat“, 1988 erschienen, ist heute in der Übersetzung von Helga van Beuningen nur mehr antiquarisch zu erwerben.

Worum geht es? Ein Amsterdamer Junge wird gegen Ende des Krieges auf’s Land geschickt, da in der Stadt ein Mangel an Lebensmittel herrscht und die Familie Sorgen hat, über die Runden zu kommen. Die Niederlande leiden unter dem Besatzungsregime, doch gibt es außerhalb der Stadt immer noch Möglichkeiten, so dass sich der kleine Jeroen bald bei einer friesischen Familie untergebracht findet.

Auf sich gestellt, hat er Probleme sich in die Gegebenheite, Sitten und Gebräuche seiner neuen Umgebung einzufinden. Nicht besser wird es, als der Ort von kanadischen Soldaten befreit wird. Einer der neuen Herren nimmt sich Jeroen an, ist beinahe zärtlich, doch schnell rutscht die bekanntschaft in ein Missbrauchsverhältnis ab, welches Jeroen kaum einzuordnen weiß. Instinktiv ahnt er, dass nicht richtig ist, was da passiert, doch mit jedem Kontakt wird die Verwirrung größer, die Grenze durchlässiger.

Die Beschreibung des Inhalts ist geschönt, wird der Autor in der Erzählung doch sehr explizit. Das Entstehen des Abhängigkeitsverhältnisses, explizite Missbrauchsszenen muss man lesen können, um den Roman durchhalten zu können.

Dies ist einer der Gründe, warum das Werk heute als problematisch angesehen werden kann, zudem, wenn bewusst ist, dass Rudi van Dantzig dies zu Teilen am eigenen Leib erfahren musste.

Die andere Fascette des jungen Protagonisten kommt jedoch eben so zum Tragen, wenn der Autor die Verwirrungen Jeroens herausstellt, der mit seinen eigenen Gefühlen und der aufkommenden Pubertät zu kämpfen hat, um am Ende nicht einmal mehr selbst zu wissen, vielleicht nur noch instinktiv, was gerade richtig ist und was definitiv falsch läuft. Der kleine Hauptprotagonist wird dadurch greifbar, für den Gegenpart, der den Jungen so ausnutzt, kann man nichts mehr als Unverständnis, Ekel und Verachtung empfinden.

Wer zu körperlich negativen Reaktionen neigt, sollte von der Geschichte Abstand nehmen, nicht einmal die kurz darauf erfolgte Verfilmung sich ansehen, die sehr viele explizite Szenen abschwächt.

Beschrieben wird ein fassbarer Zeitraum von etwa zwei Jahren aus einer einzigen Perspektive. Der unverstellte Blick des Kindes ist es, der die Handlung vorantreibt und selbst zum Getriebenen wird, ist maßgebend. Der Autor schildert zudem eine Umgebung, in der man nicht anders konnte, als schneller erwachsen zu werden, einfach nur, um zu überleben. Hier gelang Rudi van Dantzig ein Kniff, der diese Differenz zwischen Kindsein und dem nicht Begreifen, sowie der Konfrontation mit der schrecklichsten aller Seiten, die Erwachsene gegenüber Schwächeren zeigen können, noch einmal besonders herauszustellen.

Handlungsorte und Schauplätze sind überschaubar, treten ob der eigentlichen Thematik in den Hintergrund und stellen diese zur Diskussion. So weit gehen wie einige Rezensionen, die meinen, der Autor verherrliche Pädophilie, würde ich nicht gehen, konzentriert sich van Dantzig doch auf die Gefühlswelt des Jungen, der nicht einordnen kann, was da mit ihm gemacht wird und passiert, der eigentlich vertrauen möchte, aber doch jedes Mal aufs Entsetzlichste enttäuscht wird, der kaum einen Weg aus diesem Abhängigkeitsverhältnis weiß, in das er hinein manöviert wird. Einige Passagen sind dennoch mehr als bedenklich zu bezeichnen.

Für wen ist diese Erzählung nun? Für den Autoren selbst, der damit einen Teil seiner Kindheitserinnerungen wohl verarbeitet, vor allem? Den Lesenden, denen eine nahezu unbekannte, vielleicht nicht massenhafte aber doch mögliche Facette des Krieges oder der Nachkriegszeit vor Augen geführt werden soll? Eine Ergänzung zu den vielen Perspektiven, die damals schon veröffentlicht wurden und noch erscheinen sollten? Diskussionsstoff ist damit in jedem Fall gegeben.

Autor:

Rudi van dantzig wurde 1933 in Amsterdam geboren und war ein niederländischer Tänzer, Choreograf und Schriftsteller. Er debütierte 1952 beim „Nederlands Ballet“, schrieb drei Jahre später seine erste Choreografie. Im späteren „Dutch National Ballet“ wurde er 1968 Co-Direktor, von 1971-1991 alleiniger Chef. 1986 veröffentlichte er seinen autobiografisch angehauchten Roman „Voor een Verloren Soldaat“, welcher 1992 verfilmt wurde. Er starb 2012.

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Bücher gegen das Vergessen #01

In zwölf Teilen soll es hier um besondere Bücher zu geschichtlichen Themen gehen, die gegen das Vergessen geschrieben und veröffentlicht wurden. Es ist eine unvollständige, vollkommen subjektive Auswahl und es gibt sicher noch viel mehr von dieser Sorte zu lesen. Diese Rubrik soll daher nur ein Anstoß sein, sich damit zu beschäftigen.

Dies ist Teil 1.

Die Tagebücher des Petr Ginz

Nicht wenigen dürften, zumindest als Schullektüre, „Die Tagebücher der Anne Frank“ bekannt sein, die das jüdische Mädchen in ihrem Amsterdamer Versteck geschrieben hatte, worin sich die Familie vor ihrer Entdeckung durch die Nazis während der Besetzung der Niederlande im Zweiten Weltkrieg zurückziehen musste.

Doch, auch andere Kinder schrieben das alltäglich Erlebte, das Grauen, auf, welches in besonderen Zeiten Aufsehen erregt hätte, jedoch ein Zustand wurde, mit denen sie versuchten, zurecht zu kommen. Viel davon ist beeindruckend zu lesen und bei Lektüre regelrecht erdrückend.

Petr Ginz: Prager Tagebuch 1941-1942
Bloomsbury, 192 Seiten, ISBN: 978-3-8270-5245-2 (antiquarisch)

Das tschechische Äquivalent zu Anne Frank sind die Tagebücher des Prager Jungen Petr Ginz, der 1928 geboren wurde und als Zwölfjähriger begann, das Erlebte aufzuschreiben. Seine kleinere Schwester und er wuchsen liebevoll umsorgt in der tschechisch-slowakischen Hauptstadt auf, die mit als erste zu spüren bekam, was es bedeutete, von den Nationalsozialisten besetzt worden zu sein.

Petr zeichnete sich dabei durch eine sehr genaue und nachhaltige Beobachtungsgabe aus.

Juden müssen ein Abzeichen tragen. Auf dem Weg zur Schule habe ich 69 ‚Sheriffs‘ gezählt, Mama hat über Hunderte gesehen.

Petr Ginz: Prager Tagebuch 1941-1942

Der Junge schrieb auf, was Alltag wurde. Anders als Anne Frank, kurz und knapp, fast journalistisch genau, ohne Gefühle ausführlich zu beschreiben, die nur hin und wieder durchscheinen. Es war ja ursprünglich nur für ihn selbst gedacht. Sicher dachte er nicht daran, dass einmal seine Erinnerungen veröffentlicht werden würden. Die Gefühle kommen dann eher in seinen zahlreichen Zeichnungen, kolorierten Linolschnitten oder Gedichten zum Vorschein. Ein feinfühliger, sensibler und mental starker Junge, so scheint es den heutigen Lesern.

Die Familie versteckte sich nicht. Seine Schwester Eva und er kamen später nach Terezin/Theresienstadt. Eva überlebte. Petr wurde nach Auschwitz deportiert und dort wie viele andere ermordet.

Nachdem Absturz der Raumfähre Columbia, in die der israelische Astronaut Ilan Ramon die Kopie einer Zeichnung von Petr Ginz mitgenommen hatte, die zeigte, wie sich der Junge die Mondlandschaft vorstellte, erhielt seine Schwester die Nachricht vom Fund seiner Tagebücher in Prag, zusammen mit anderen kreativen Werken Petrs.

Petr Ginz: Mondlandschaft

Im Jahr 2006 wurden sie erstmals veröffentlicht.

Derzeit ist die Ausgabe der Prager Tagebücher 1941-42 nur antiquarisch zu bekommen. Doch, wer Tschechien, insbesondere Prag besucht, findet überall Spuren, nicht nur den Stolperstein vor der ehemaligen Wohnadresse. In einer Prager Synagoge sind die Namen all der Hauptstadteinwohner aufgeführt, die den Holocaust nicht überlebten, in einer anderen findet man ein Bild, welches Petr im Tereziner Ghetto gezeichnet hatte.

Auch in Theresienstadt selbst, wo Petr und andere Jungen die Untergrundzeitung Vedem verfasste, gibt es Werke von ihm zu sehen.

Von Petr Ginz geschriebenes und von Nizza Thobi vertontes Gedicht.

Wer sich mit der Geschichte der Prager Juden beschäftigen möchte, wird unweigerlich auf die von Petr Ginz stoßen, der in anderer Zeit ein großer Journalist, Schriftsteller oder Wissenschaftler hätte werden können. Wer kann, besorge sich die antiquarische Ausgabe des Tagebuchs eines Jungen, der auch Geschichten im Stil von Jules Verne schrieb, den er bewunderte. Heute würde man von einer der ersten Fanfictions sprechen. Leider wurde diese bisher nicht übersetzt.

Seine Prager Tagebücher, die denen in der Beobachtungsgabe von Anne Frank in nichts nachstehen, jedoch schon. Sie seiem jedem zur Lektüre empfohlen.

Vzpominka na Prahu – Petr Ginz

Weiterführende Links:

Website über Petr Ginz – Mehr Informationen

The last flight of Petr Ginz

Schule – Judentum / Petr Ginz

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Tanja Langer: Meine kleine Großmutter & Mr. Thursday

Meine kleine Großmutter & Mr. Thursday Book Cover
Meine kleine Großmutter & Mr. Thursday Tanja Langer Mitteldeutscher Verlag Erschienen am: 06.08.2019 Seiten: 416 ISBN: 978-3-96311-181-5

Inhalt:
Linda, Übersetzerin aus dem Persischen, lässt sich gern von ihren träumen lenken, und so findet sie sich eines Tages in Lüneburg wieder: Dort lebte ihre kaum gekannte Großmutter Ida unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, geflohen aus Oberschlesien, verwidmet, mit fünf Kindern.

Knapp eineinhalb Meter groß, „arbeitete sie für den Direktor des englischen Kinos“. Dieser Halbsatz entzündet Lindas Phantasie, und schon ist sie mitten in der Zeit der britischen Besatzung, von 1945 bis 1949. Ida schrubbt Wäsche für die Tommys, Ida begegnet Mr. Thursday, Ida fängt bei im im „Astra Cinema“ an, Und das Kino wird zum Gegenbild für die raue Wirklichkeit, durch die Ida und ihre kleine rasselbande sich als „Flüchter“ durchboxen… (Klappentext)

Rezension:
Lebensgeschichten stellen an sich gute Grundlagen für ausschweifende Erzählungen dar, in der man als Leser hineingesogen wird und mit den Protagonisten lebt, liebt oder leidet. Das gelingt auch regelmäßig, denn nichts ist ja spannender als das wahre Leben und so kann der Autor oder die Schriftstellerin schon mal mit der Themenwahl nicht viel falsch machen. Tanja Langer hat dies gewagt und ihrerseits die Geschichte ihrer Großmutter genommen und daraus eine an deren Biografie angelehnte Erzählung veröffentlicht, die nun im Mitteldeutschen Verlag erschienen ist.

Zunächst ist es natürlich die Geschichte einer Frau, die sich beginnt zu emanzipieren, weil sie durch die historischen umstände dazu gezwungen wird und am ende auch die Geschichte des Nachkriegdeutschlands, welches hauptsächlich von Frauen aufgebaut wurde. Die Männer waren entweder in den zurückliegenden Kriegsjahren gefallen oder befanden sich in Gefangenschaft, die Frauen befanden sich auf der Flucht und begannen auf den Trümmern der Geschichte sich einzurichten und ums Überleben zu kämpfen, schließlich sich und ihren Kindern eine Zukunft aufzubauen.

Im Roman ist dies dargestellt durch die Hauptprotagonistin Ida, die in den großflächigen Kapiteln eine starke Identifikationsfigur abgibt, neben der alle anderen verblassen. Über weite Strecken funktioniert dies, trotzdem das so manche Länge mit sich bringt. Hier gefällt besonders die Darstellung des Alltags in einer sehr sonderbaren Zeit. Auch die inneren Konflikte hat die Autorin sehr schön ausgestaltet.

In wechselnder Perspektive wird einmal aus der Sicht der Erzählerin die Gegenwart nachempfunden, hier findet sich die Autorin im Ich einer Übersetzerin des Persischen wieder und dann aus Sicht der Großmutter, die ihren Alltag inmitten der Nachkriegszeit bewältigen muss. Beides für sich genommen starke, suchende und kämpferische Sichtweisen, doch ein letzter Funke, das berühmte tüpfelchen auf dem I bleibt aus.

Das ist schade, denn gerade im Hinblick auf die Idee dahinter, hätte die Autorin detaillierter und ausschweifender erzählen können. Ständig Wiederholungen als Stilmittel stören zudem den Lesefluss, als wären Tanja Langer Synonyme ausgegangen. Das wird dann irgendwann schwierig.

Zu guter Letzt ist das Cover nach, und das ist jetzt persönliches Empfinden, keine gute Wahl. Natürlich hat diese Wahl viel mit Vermarktung und Aufmerksamkeitsziehung einer bestimmten Käuferschicht zu tun und mit Sicherheit eine Berechtigung, doch hätte es hier auch ein geschlechtsneutraleres Cover getan. Mit Abstrichen, wer Kino mag und Überlebensgeschichte in sonderbarer Zeit, sowie starke Frauen, wird sicherlich hier fündig.

Autorin:
Tanja Langer wurde 1962 geboren und ist eine deutsche Regisseurin und Schriftstellerin. Nach ihrem Abitur, 1982, studierte sie Vergleichende Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, philosophie und Politikwissehnschaften in Paris, München und Berlin.

Sie gründete eine Theatergruppe, schrieb und inszenierte eigene Stücke, verlegte sich jedoch ab 1993 auf das Schreiben von Büchern und Beiträgen für Tageszeitungen. 1999 veröffentlichte sie ihren ersten Roman und gründete 2016 ihren eigenen Verlag, den Bülbül Verlag, in Berlin, wo sie mit ihrer Familie lebt.

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Zoni Weisz: Der vergessene Holocaust

Der vergessene Holocaust Book Cover
Der vergessene Holocaust Rezensionsexemplar/Sachbuch dtv Verlag Hardcover Seiten: 218 ISBN: 978-3-423-28164-5

Inhalt:

Im Nationalsozialismus wurde eine halbe Million Sinti und Roma von den Deutschen umgebracht. Zoni Weisz war sieben Jahre alt, als auch seine Familie deportiert und in Konzentrationslagern ermordet wurde. Er selbst konnte durch die Hilfe eines niederländischen Polizisten auf einen anderen Zug springen. Nach dem Krieg erhielt er einen Ausbildungsplatz als Florist – Beginn einer erstaunlichen Karriere. (Klappentext)

Rezension:

Über die Geschichte der judenverfolgung im Dritten Reich, sowie in den besetzten Gebieten, ist in den vergangenen Jahren viel geschrieben und berichtet wurden. Viele Archive wurden durchforstet. Erschreckende Erkenntnisse folgten daraus.

Wie sieht es aber mit der Aufarbeitung der Verbrechen an anderen Opfergruppen aus? In Bezug auf die Sinti und Roma etwa, ist noch nicht allzu viel geschehen. um so wichtiger und bedeutender dieser Erfahrungsbericht von Zoni Weisz, der nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt.

Zoni Weisz ist Angehöriger der Sinto, eine Volksgruppe, die man landläufig mit den „fahrenden Volk“ in Verbindung bringt. Böse Zungen nennen sie Zigeuner. Doch, die Kultur dieser Menschen, die vor allem auf mündlichen Überlieferungen beruht, ist Grundlage einer geschlossenen Gemeinschaft. Jeder ist für jeden da, man hilft sich und doch stehen die Sinto in der ersten Hälfte des 20. jahrhunderts vor einer Zeitenwende.

Unheil braut sich in Europa zusammen, der Vater von Zoni beschließt die traditionelle Lebensweise, im Wohnwagen umherzuziehen, aufzugeben und einen festen Wohnsitz anzunehmen. Er möchte dadurch weniger auffallen, außerdem erkennt seine Frau den wert schulischer Bildung, um ihren Kindern eine sichere Zukunft zu gewähren.

Dies funktioniert, zumindest für eine kurze Zeit. Doch, bald verfolgen die deutschen Besatzer auch in den Niederlanden ihr erbarmungsloses Werk und deportieren Hunderttausende, darunter auch die Eltern und Geschwister Zonis, in die Vernichtungslager des Reiches. Doch, der Siebenjährige hat Glück und schlägt sich mit Hilfe entfernter Verwandter durch.

Es ist der Überlebensbericht eines Autors, dem von jetzt auf gleich seine Kindheit geraubt wurde, aber auch ein Zeugnis, wozu einem der Wille zu Überleben und es allen zu beweisen, fähig machen kann. Im positiven Sinne. Zoni Weisz erzählt seine Geschichte, die nach all den Schrecken und Unwägbarkeiten, Grausamkeiten, hätte nicht erfolgreicher verlaufen können.

„Der vergessene Holocaust“ ist in jeder Zeile eine beeindruckende Biografie, die zeigt, dass die Schergen des NS-Regimes und seiner niederländischen Helfer ihn zwar zugesetzt und viel Leid angetan, ihn jedoch nicht kleinkriegen konnten. Ein Bericht, der Mut macht und nicht zuletzt eine niederländische Erfolgsgeschichte.

Aufgelockert und nahbar durch zahlreiche Fotografien aus dem Privatarchiv von Weisz beschreibt dieser seinen Weg gegen alle Widerstände, ob das nun Barrieren seines eigenen Volkes, psychische Schäden durch die Erlebnisse des Holocaust oder vom kleinen Auslieferungsboten bishin zum führenden und bekanntesten Floristen der Niederlande, nicht zuletzt Botschafter und Unterstützer der Sinti und Roma.

Jede Zeile geht einem beim Lesen nahe. oft möchte man schlucken, innehalten. Eine Biografie, die man nicht so leicht übergehen und vergessen kann und darf.

Zoni Weisz hat seinen Frieden mit der eigenen Geschichte gemacht, doch setzt er sich unermüdlich für sein Volk ein, welches in vielen Teilen Europas immer noch ausgegrenzt und chancenlos ist. Es gibt noch viel zu tun. Der Autor macht dies deutlich und spart nicht mit Kritik an dieser Situation, kämpft für Rechte, die eigentlich überall gang und gäbe sein sollten.

Er blickt zurück, wie so viele in seinem Alter, hat etwas besonderes Eindrückliches zu erzählen. Auf das sich diese Vorgänge nicht wiederholen. Dafür und gegen das Vergessen kämpft Zoni Weisz. Und dafür sei auch jedem dieses Buch ans Herz gelegt.

Autor:

Zoni Weisz wurde 1937 geboren und ist ein niederländischer Sinto, Überlebender des Holocaust und Florist. 1944 entging er durch die Hilfe eines niederländischen Polizisten der Deportation, aufgrund derer fast seine gesamte Familie umkam.

Er versteckte sich und überlebte, begann nach den Krieg eine Ausbildung zum Mechaniker, leistete dann seinen Militärdienst in Surinam, nachdem er eine Gartenbau-Schule besuchte. Er studierte Ausstellungsarchitektur und Kunstgeschichte.

Mit seinen Ausstellungen international bekannt, wurde er als einer der führenden Floristen der Niederlande für das größte Blumenarrangement ins Guinness Buch der Rekorde eingetragen, zudem arbeitete für mehrere Aufträge der niederländischen Königsfamilie.

Als Überlebender engagiert sich Weisz für die Sinti und Roma, und hielt eine vielbeachtete Rede im Deutschen Bundestag 2011. Für sein Engagement erhielt er mehrere niederländische Auszeichnungen und das Bundesverdienstkreuz.

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Inaam Katschatschi: Die amerikanische Enkelin

Die amerikanische Enkelin Book Cover
Die amerikanische Enkelin Inaam Kachachi Kolchis Verlag Erschienen am: 12.03.2018 Seiten: 274 ISBN: 978-3-9524800-0-7

Inhalt:

Als 13-jährige flüchtet Saina – auf Arabisch „Zierde“ mit ihren christlich-assyrischen Eltern vor den Folterschergen Sadam Husseins in die USA. Nach dem 11. September meldet sich die junge Frau mit frischen amerikanischen Pass als Übersetzerin zum Einsatz im Irak. Sie will helfen, ihre Heimat zu befreien.

Bei ihrer geliebten Großmutter findet sie aber kein Verständnis, diese will nichts wissen von den wilden Horden, die über ihr Land gezogen sind. Saina ist zerrissen zwischen zwei sich wesensfremden Kulturen. Ein spannender roman, der nebenbei verstehen lässt, weshalb die amerikanische „Befriedung“ Iraks so kläglich scheitern musste. (Klappentext)

Rezension:

Wer zu den Büchern des Kolchis-Verlages greift, weiß, dass er das Spannungsfeld der Kulturen bekommt. Auf den Tablett geliefert, fein seziert vor den Augen des Lesers, in diesem falle wohltuend ruhig, ohne Überheblichkeit, sehr einfühlsam erzählt.

Das ist Inaam Katschatschis Roman „Die amerikanische Enkelin“, die das Schicksal einer jungen Frau zum Thema macht, die glaubt Amerikanerin zu sein, und dennoch nie von ihrem Geburtsland loskommt, förmlich zerrissen wird, zwischen den erbarmungslos zurückschlagenden Amerika und dem Land von Euphrat und Tigris, welches selbst innerlich zerbrochen ist und eigentlich mit sich selbst genug zu kämpfen hat.

Ruhig beginnt die Erzählung, die immer in der Ich-Perspektive bleibt und ihren Ruhepunkt gleichsam in der Hauptprotagonistin findet.

Am Tempo ändert sich lange nichts, doch spürt man die drückende Last, die Saina zu bewältigen hat, immer mehr, wie sie ihr den Brustkorb zuschnürrt, nicht wissend wohin mit ihren Gefühlen für beide Länder, der Familie in Amerika und ihrer noch in Bagdad lebenden Großmutter, die ihr den Spiegel vorhält, ob den Auswirkungen des Einmarsches Amerikas und zugleich der langjährigen Indokrination der Schergen Husseins.

Im Verlauf der Handlung werden dafür mehrere Ansichten, Seiten bemüht, doch gewinnen nur die zwei Hauptfiguren saina und ihre Großmutter an Tiefe, die wie gleichgepolte Magnete sich abstoßen, aber dennoch nicht von einander lassen können. Alle anderen Protagonisten bleiben Nebenfiguren, die Autorin braucht sie auch nicht wirklich. Die Erzählung trägt sich so.

Es ist ein Roman über die Kraft verwandten Blutes, Zusammenhalt und Familienbande, aber auch die Frage, was wir , weiter unsere gesellschaft und die Politik mit unseren Handlungen für Wirkungen verursachen und dass wir einander vielleicht fremd werden, jedoch nicht vollständig von einander lösen können.

Am Beispiel des Zwiespaltes Sainas eindrucksvoll vorgeführt. Das Ende wird den Leser ratlos zurücklassen, verzweifelt vielleicht, aber es ist richtig so, in Anbetracht der Entwicklungen im Irak und was dies mit den Betroffenen macht. Soldaten, Amerikaner und solche, die beide Identitäten besitzen, die Bewohner des Iraks, die vom Regen in die Traufe gekommen sind.

Dazu kommt, dass Autoren immer über die Themen am besten schreiben können, die ihnen besonders nahe liegen. katschatschi stammt aus Bagdad, und das merkt man in jeder Zeile. Es ist nicht anders möglich, so viel Liebe in und zwischen und in den Zeilen zu diesen zerrüttelten Land Ein, auf den wenigen Seiten unterzubringen. Ein großer und großartiger Roman.

Autor:

Inaam Katschatschi wurde 152 in Bagdad geboren, wi sie Journalismus studierte und anschließend für das staatliche Radio arbeitete. 1979 wanderte sie nach Frankreich aus, schloss ihr Studium Islamischer zivilisation mit einem Doktorat ab.

Danach arbeitete sie als Korrespondentin für verschiedene arabische Medien. Ihr Roman wurde für den Arabic Booker Prize nominiert. 2016 erhielt Katschatschi den Arabischen Literaturpreis.

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