Rezension

Pu Yi: Ich war Kaiser von China

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Ich war Kaiser von China Autobiografie dtv Verlag Taschenbuch Seiten: 453 ISBN: 978-3-423-21168-0

Inhalt:
Seine Majestät das Kind: Das Leben des letzten Kaisers von China ist eine der unglaublichsten und aufregendsten Geschichten des 20. Jahrhunderts. Mit zweieinhalb Jahren inthronisiert, muß Pu Yi bereits 1912 unter dem Druck der ersten chinesischen Revolution abdanken. Seine Gedanken konzentrieren sich fortan nur auf ein Ziel: die Rückkehr auf den Drachenthron.

Um dies zu erreichen, ist ihm jedes Mittel recht. Pu Yis spannende Autobiographie, Vorlage für Bertoluccis mit neun Oscars ausgezeichnenten Film ›Der letzte Kaiser‹ gewährt absurde und zugleich faszinierende Einblicke in die mit ihm versunkene Welt der Verbotenen Stadt und führt über die Wirren des chinesischen Bürgerkriegs in die Gefängnisse der Volksrepublik, wo Pu Yi neun Jahre lang eine Umerziehung zuteil wurde, die aus dem ehemaligen Herscher über Millionen einen überzeugten Anhänger Maos, den »Neuen Menschen« machte. (Klappentext)

Rezension:
Ein Viereck, geteilt mit einem durchgehenden Strich. Das chinesische Zeichen für Mitte. Und genau als dass sah sich China, als Mitte der Welt, selbst, als es längst gedemütigt war durch die imperialistischen Großmächte Europas.

Das Kaiserreich in seinen letzten Atemzügen setzte den kleinen Pu Yi als Kaiser ein, damit im Hintergrund die grausame Tse Hsi ihre Macht als Regentin halten konnte und trieb dabei China nch mehr in den Abgrund. Dem Kind blieben schließlich nur noch die Scherben einer einst glanzvollen Macht. Und Pu Yi erzählt davon.

Vom Aufwachsen in der Verbotenen Stadt, vom Leben als Prinz und vom zeitlichen Wandel, den er zunächst nicht begreifen konnte und auch nicht wollte. Er erzählt, wie er versuchte durch Japan im Zweiten Weltkrieg seine ursprüngliche Macht zurück zu erlangen und schließlich an den japanischen Machthabern scheiterte und wie Gefankenschaft und Umerziehung aus ihm einen neuen Menschen machten.

Natürlich ist gerade dieser letzte Abschnitt sehr ideologisch, sehr wohlwollend geschrieben aber Pu Yi stand da unter dem Eindruck eines Lebens, was fast nur den Abstieg kannte und sicherlich den Eindruck des chinesischen Zensors, der wie ein Damokles-Schwert immer über ihn geschwebt haben muss.

Trotzdem ist dies ein bewegendes Zeitdokument, an einigen Stellen aufgrund der chinesisch Namen und des Schreibstils schwer zu lesen, welches hier vorliegt. Der scharfe Blick, mit dem der Ex-Kaiser sein Leben darstellt, genügte hier um dieses Werk lesenswert und eindücklich zu gestalten. Ein großartiges Buch, Vorlage für einen ebenso großen Film.

Autor:
Pu Yi wurde 1906 geboren und zwei Jahre später als Kaiser Hsüan Tung inthronisiert. 1912 musste er abdanken und wurde 12 Jahre später aus Peking vertrieben. Dann Exil in Tientsing, bevor er Kaiser des Japüanischen Satellitenstaates Mandschugo wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam er in sowjetische Gefangenschaft, danach wurde er an China ausgeliefert. 1959 wurde er durch ein Gnadenerlass Maos freigelassen und arbeitete als Gärtner und Geschichtsforscher. Pu Yi lebte zuletzt als einfacher Bürger in Peking und starb 1967 an Nierenkrebs.

Bruno Apitz: Nackt unter Wölfen

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Nackt unter Wölfen Roman Aufbau Verlag Taschenbuch Seiten: 586 ISBN: 978-3-7466-3026-7

Handlung:
Der Roman „Nackt unter Wölfen“ erzählt die bewegende Geschichte eines dreijährigen Kindes, das unter den unmenschlichen Bedingungen des KZ Buchenwald von Häftlingen gerettet wird. Aber er handelt ebenso von den Konflikten seiner Retter, die ihrem Gewissen folgen und dabei die Gesetze des kommunistischen Lagerwiderstands brechen. (Klappentext)

Rezension:
Genau so wie das Werk von Bruno Apitz neu verfilmt wurde, gab der aufbau-Verlag 2015 eine neue Ausgabe eines Weltbestsellers heraus, der er anfangs gar nicht werden sollte. Als Bruno Apitz die Geschichte schrieb war er länger auf der Suche nach einem Verlag.

Nicht wenige lehnten die Geschichte ab. Sie passte anfangs nicht in das Geschichtsbild und Bewusstsein, was der damals noch junge Staat DDR von sich hatte und man wusste auch noch nicht, wie man damit am besten umgehen sollte.
Schließlich waren die Jahre der NS-Diktatur noch allzu frisch und der Umgang mit früheren Zeiten mehr als heikel. Zumal unter ideologischen Gesichtspunkten des ostdeutschen Staates. Nachdem zahlreiche Verlage der DDR die Geschichte abgelehnt hatten, sagte schließlich der Mitteldeutsche Verlag zu, druckte eine kleine Auflage.

Nach unzähligen Änderungen. Zum Einen wurde die Geschichte der Buchenwalder Kommunisten von der Staatsführung kritisch beäugt, zum anderen war man sich uneins über bestimmte einprägsame Szenen, die den Alltag im KZ beschrieben. Zwischen Leben und Sterben. Doch der Roman avancierte schnell zum Erfolg und war bald restlos ausverkauft.

So bewegend wie die Geschichte an sich, ist auch die des Autors und die der Entstehung des Romans, sowie des ersten Filmes. Dies rechtfertigt schon alleine diese Neuauflage, die nicht nur die weltbekannte Fassung, sondern auch alle Änderungen sichtbar macht, die Bruno Apitz zähneknirschend hinnehmen musste, um seinen Roman veröffentlichen zu können.

Ergänzt wird dies durch eine Biografie des Autors sowie der Erläuterung der Entstehungsgeschichte des Romans, welche als Zusätze diese Ausgabe zu etwas Besonderen machen. Dabei wird auch auf die tatsächliche Geschichte des Stefan Jerzy „Buchenwald-Kindes“ aufmerksam gemacht, die nur in der von Apitz veränderten Form zu DDR-Zeiten Beachtung fand und als Tatsache hingestellt wurde.

Dies tut der Großartigkeit des Rimans keinen Abbruch. Er ist aufrüttelnd und spannend, sofern man davon reden mag, zugleich. Der Schreibstil tut sein übriges dazu und mehr gibt es an sich nicht zu sagen, doch empfiehlt es sich wirklich auch mit der Geschichte von Buchenwald an sich und mit der wahren Geschichte von Stefan Jerzy zu beschäftigen.

Auch, wenn dies ins Uferlose führt, für ein umfassendes Gesamtbild ist dies unerlässlich. Ich kann für diese Ausgabe eine unbedingte Empfehlung aussprechen, sei es auch nur wegen der Ergänzungen, die andere Ausgaben nicht haben. Es lohnt sich.

Autor:
Bruno Apitz wurde 1900 in Leipzig geboren und kam 1917 wegen Antikriegspropaganda ins Gefängnis. Danach begann er eine Buchhändlerlehrhre und betätigte sich als Schauspieler. Seit 1927 Mitglied der KPD wurde er ab 1933 mehrfach inhaftiert.

Von 1937 bis zurBefreiung war er im KZ Bucvhenwald interniert. In der DDR betätigte er sich als Redakteur, Verwaltungsdirektor der Städtischen Bühnen Leipzig und Dramaturg bei der DEFA. 1955 lebte er als freier Autor in Berlin und starb 1979. Sein erster Roman „Nackt unter Wölfen“ wurde 1963 verfilmt, vor kurzem neu verfilmt.

David Abulafia: Das Mittelmeer – Eine Biografie

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Das Mittelmeer – Eine Biografie Sachbuch S. Fischer Verlag Taschenbuch Seiten: 960 ISBN: 978-3-596-17441-6

Thematik:
Die Geschichte des Mittelmeers ist die Geschichte unserer Zivilisation. Über 3000 Jahre war das Mare Nostrum, wie die Römer es nannten, Zentrum des Handels und des kulturellen Austauschs zwischen drei Kontinenten.

Seine Gesamte Geschichte wird hier von dem großen Historiker David Abulafia in einer einzigartigen Zusammenschau brilliant erzählt: von der Errichtung der ersten geheimnissvollen Tempel auf Malta 3500 v. Chr. bis zu den heutigen Zielen des Massentourismus. (Klappentext)

Rezension:
In Zeiten, in denen täglich Bilder von Flüchtlingsströmen im Mittelmeerraum über die Fernsehbildschirme flimmern, ist es ganz gut, sich einmal ausführlich mit der Geschichte dieser pulsierenden und vielfältigen Region zu beschäftigen. Eine Geschichte, die nicht eben nur die Bettenburgen Spaniens umfasst, wie man sie leidgeprüft kennen mag, sondern viel weiter zurückgeht.

Der Historiker David Abulafia wagt diesen Blick in die Vergangenheit und führt den Leser ein spannendes Stück Geschichte vor Augen. Er zeigt, wie Handel und Kriege, unterschiedliche Kulturen mit ihren jeweiligen Entwicklungen und Bräuchen, das Leben am Mare Nostrum beeinflussten, welche Bedeutung das Mittelmeer einst hatte und noch hat.

Mit einem Blick für’s kleinste Detail zeigt er Hintergründe auf, die man ansonsten übersehen hätte und erklärt, das Zusammen- udn Gegenspiel von Römern und z.B. der Bevölkerung von Kathargo oder die wechselseitigen Beziehungen von Genua und Venedik sowie Dubrovnik. Er schildert den Aufstieg und Fall von großen Imperien, deren Dreh- und Angelpunkt eine einzige geografische Größe war, die zugleich oft genug die einzige Gemeinsamkeit darstellte.

Geschichte ist spannend und auch diese Geschichte ist spannend, doch sollte sich der geneigte Leser vor Augen handeln, dass es sich hier um ein Buch eines Historikers handelt, der vielleicht für Nicht-Fachleute schreiben wollte aber dieses Ziel gründlich verfehlt hat.

Es scheint mehr eine wissenschaftliche Abhandlung zu sein, die man konzentriert lesen sollte als eine einfache Geschichtsstunde. Der Begriff „Biografie“ ist eine glatte Untertreibung. Wer das nicht weiß, kann ob der Masse der Informationen, des Facettenreichtums dieses Monumentalwerkes allzu schnell überfordert werden und kapitulieren.

Der Schreibstil ist dementsprechend sachlich und nüchtern, nicht jedoch einfach. Flüssiges Lesen gelingt nur, wenn man solcher Art von Lektüre gewohnt ist. Dann aber eröffnet sich ein wahrer Fundus an Wissen, welches man nur aufnehmen braucht aber sich bitte hinterher eine ausgiebige Pause gönnen.

Im Anschluss an die Abhandlung findet sich ein reiches Quellenverzeichnis und Register, dass, so scheint es, beinahe so umfangreich ist, wie die Geschichte des Mittelmeers selbst. Eine Geschichte, die es in sich hat.

Autor:

David Abulafia wurde 1949 geboren und ist Professor für Geschichte des Mittelmeerraumes an der Universität von Cambridge und an der British Academy. Zudem ist er Mitglied der Academia Europa. Für seine Arbeiten zur italienischen und mediterranen Geschichte wurde er im Jahr 2003 zum Commendatore dell’Ordine della Stella della Solidarieta Italiena ernannt. Er ht zahlreiche Bücher veröffentlicht, die inzwischen mehrfach übersetzt und ausgezeichnet wurden.

Antonia Hayes: Die relative Unberechenbarkeit des Glücks

Die relative Unberechenbarkeit des Glücks Book Cover
Die relative Unberechenbarkeit des Glücks Antonia Hayes blanvalet Erschienen am: 22.08.2016 Seiten: 461 ISBN: 978-3-7645-0575-2

Inhalt:

Der zwölfjährige Ethan hat ein paar ungewöhnliche Talente. Ohysik und Astronomie sind für ihn so selbstverständlich wie Lesen und Schreiben, und er sieht die Welt auf eine Weise, die anderen Menschen nicht begreiflich ist.

Die wichtigste Person in seinem Leben ist seine Mutter Claire, aber je älter Ethan wird, desto öfter fragt er nach seinem Vater, den er nie kennengelernt hat. Er weiß nicht, dass er als Baby beinahe gestorben wäre und sein Vater in der Folge verurteilt wurde. Doch dann setzt ein unerwartet eintreffender Brief eine dramatische Kette von Ereignissen in Gang… (Klappentext)

Rezension:

„Die relative Unberechenbarkeit des Glücks“ ist ein Roman, den man beginnt und von den man von Anfang an weiß, dass man ihn so schnell nicht wieder aus den Händen legen wird. Und nach ein paar Seiten steht dann auch fest, dass es definitiv eines der Lese-Highlights des Jahres werden wird. Warum?

Weil die Geschichte so einfach, so genial und zugleich berührend ist, dass es einem förmlich vom Lesesessel hat. Antonia Hayes erzählt die Geschichte eines Kindes, dessen Leben auf einem Drama beruht, dessen sich in unserer rauen Wirklichkeit allzu viele wehrlose Babys ausgesetzt sehen und das macht sie so sympathisch, ohne erhobenen Zeigefinger, dass man nicht umhin kann, mit dem kleinen Protagonisten Ethan mitzufiebern auf seiner Suche nach Antworten auf die immer drängenderen Fragen, die er sich stellt. Davon hat er reichlich.

Warum bloß wächst er ohne Vater auf? Warum hat dieser seine Mutter verlassen und wie wäre es ein Vater zu haben? Woher hat er sein außerordentliches Physik- und Astronomieverständnis, welches ihn in der Klasse zum Außenseiter macht?

Und, könnte man mit einer Zeitreise die Katastrophe, die seine Eltern auseinander geführt und damit sein Leben schon in den ersten Lebensmonaten entscheidend beeinflusst hat, rückgängig machen?

Die australische Autorin hat mit ihrem debüt einen großartig wunderschön erzählten Roman vorgelegt, der es in sich hat und nicht nur für Physik- und Astronomieliebhaber geeignet ist. Details aus diesen Fachgebieten ziehen sich, abseits des langweiligen und manchmal anstrengenden Schulwissens durch das Buch ohne einen negativen Effekt zu haben.

Und dabei bleibt sowohl Ethan keinesfalls ein Nerd, sondern eher ein sympathischer freundlicher Junge mit ungewöhnlichen Interessensgebiet, sowie auch seine gesamte Umgebung mit all ihren Ecken und Kanten positiv besetzt ist. Selbst seinem Vater Mark, der für das auslösende Moment, die Katastrophe, verantwortlich ist, kann man irgendwie nicht böse sein.

Gleichwohl führt Hayes die Thematik nicht ad absurdum. Tatsächlich ist es eine interessante Art und Weise, hier ein ernstes Ereignis anzusprechen ohne die Betroffenen zu verschrecken. Dies zu schaffen ist eine unglaubliche Stärke, die Antonia Hayes hier schriftstellerisch zeigt.

Für alle Leser, die ihre Kaninchen auf Zeitreise schicken möchten, sei diese Geschichte eine Warnung. Natürlich können „Quarks nur durch Antiquarks zerstört werden“, aber einfach ein Name schützt eben noch lange nicht.

Allen anderen ist dieses Buch als wundervoller Roman zu empfehlen, den man von der ersten bis zur letzten Seite genießen und gerne lesen wird. Physik und Astronomie sind cool und Kinder, egal ob normal oder unnormal, sind das Größte.

Von der wunderbaren Gestaltung des Covers, die ich in der deutschen Variante bisher am gelungensten finde, bis hin zum letzten Satzzeichen, ist „Die relative Unberechenbarkeit des Glücks“ von Antonia Hayes ein unvergleichliches Stück Literatur, welches hoffentlich viele Leser finden wird.

Hoffen wir, dass die schriftstellerische Tätigkeit der Autorin nicht genau so unberechenbar ist und wir noch einiges von ihr lesen werden können.

Autorin:

Antonia Hayes wurde in Sydney geboren, arbeitete und lebte in Paris, heute in San Francisco/USA. Sie schrieb Geschichten und Kolumnen für zahlreiche Magazine, bevor sie als Publizistin in der Verlagsbranche und als Buchhändlerin arbeitete.

Ihr Debütroman „Die relative Unberechenbarkeit des Glücks“ erschien 2015 in Australien, bevor es in mehrere Sprachen übersetzt wurde. 2016 erschien die deutsche Übersetzung.