Portia Iversen: Mein fremder Sohn

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Mein fremder Sohn Portia Iversen Übersetzerin: Maren Klostermann Erfahrungsbericht Goldmann Verlag Erschienen am: 01.04.2008 Taschenbuch Seiten: 414 ISBN: 978-3-442-15601-6

Inhalt:
Portia Iversen ist überglücklich, als ihr Sohn Dov gesund zur Welt kommt. Doch als er zwei Jahre alt ist und sich mehr für seinen Schatten als für seine Mutter interessiert, bestätigt ein Spezialist ihre schlimmsten Befürchtungen: Der Junge ist Autist. Nun setzt Portia alle Hebel in Bewegung, um ihn aus seiner Welt herauszulocken – vergeblich.

Erst der Kontakt mit einer Inderin, die mit ihrem autistischen Sohn anhand einer Buchstabentafel kommuniziert, lässt sie hoffen: Nach neun Jahren Fremdheit gelingt es Portia auf bewegende Weise, eine Brücke zu ihrem Sohn zu schlagen. (Klappentext)

Rezension:
Noch vor nicht einmal zwei Jahrzehnten als Medizin und Forschung praktisch jährlich neue Fortschritte und Entdeckungen machten, war Autismus für ein Großteil der wissenschaft immer noch ein blinder Fleck, das Asperger-Syndrom nahezu unbekannt. Und so sah sich die Autorin vor ratlosen Ärzten und Wissenschaftlern gestellt als sie eine Lösung suchte, zu ihrem Sohn Dov durchzudringen.

Die meisten, auch Fachleue rieten ihr, es aufzugeben, doch Iversen wollte an eine Chance für ihr Kind glauben, recherchierte und gründete mit ihrem Mann eine Stiftung eine Gendatenbank zur Autismusforschung, erarbeitete sich grundlegende medizinische Kenntnisse und nahm jeden Forschungs- und Zeitungsbericht, jede Dokumentation und Hinweis auf, der ihr und anderen betroffenen Eltern helfen könnte.

Durch einen Bericht und eine Dokumentation der BBC entdeckte sie schließlich eine Mutter aus Indien, der es gelungen war, mit ihrem ebenfalls schwer autistischen Sohn zu kommunizieren. War deren Methode der Schlüssel auch zu Dov?

Ich weigere mich Autismus und Asperger als Krankheit anzusehen, eher als Besonderheit im Alltag zu agieren. Für die Betroffenen und die sie umgebenden „normalen“ Menschen ist dies nicht leicht, da die Sicht und Wahrnehmung der Dinge einfach komplett unterschiedlich ist.

Heutzutage ist dies jedoch einfacher als noch vor ein paar Jahren, doch brauchte es viel Zeit und Geduld, hartnäckigkeit und Menschen wie Portia Iversen die Mauern des Autismus zu durchbrechen.
Nicht nur zu ihren Kindern, sondern auch zu Wissenschaftlern, diese zu überzeugen ihre gelegten Theorien und Ansichten zu überdenken, neue Tests zu entwickeln und die Grenzen von Forschung und Therapien zu erweitern. Gegen den Rat von gut meinenden Mitmenschen und der Schulmedizin.

Diesen steinigen Weg beschreibt Portia Iversen ausführlich, natürlich nicht neutral und beginnt mit der Geschichte ihrer Familie und ihres Sohnes, die sich schnell zur Lebensaufgabe und zum Drang entwickelte, nicht nur einem Kind, sondern möglichst vielen zu helfen.

Und so bekommt der Leser mit jeder Zeile nicht nur ein Lebenshilfe-Buch zu lesen, welches es anfangs vielleicht ist. So sind die ersten Kapitel durchaus leicht zu lesen, doch mti jedem Abswchnitt, in dem Iversen ihren Weg in die Vertiefung der Materie, ihre Beschäftigung mit Autismus vertieft, wird auch der Bericht anspruchsvoller, teilweise sogar sehr wissenschaftlich.

Erhöhte Konzentration ist dann erforderlich. Immer wieder muss man innehalten, wird nachdenklich und liest den einen oder anderen Abschnitt nochmals um selbst komplexere medizinische Erklärungen zu verstehen, auch wenn sie von einer zu Beginn medizinsich Laien geschrieben wurden.

Diese Mischung aus persönlicher, familiärer Geschichte und Kampf für ein gutes Ziel ist interessant und wirkungsvioll, hinterlässt auf jeden Fall Eindruck und neue Einsichten, bei jemanden, der mit der Materie noch nicht in Berührung gekommen ist. Betroffene Familien wird er wohl ermutigen, weiter zu hoffen und Berührungsängste hat man vielleicht auch keine mehr.

Denn, wie gesagt, Autismus ist eine Besonderheit und auch die meisten Autisten sind es, wiobei sie bis auf ein paar wenige Ausnahmen (hochfunktionale Autisten) es nicht so zeigen können, wie es vielleicht wollen würden. Hinter den Mauern aus Stereotypen und scheinbar unkoordinierten unkontrollierten Bewegungen stecken oftmals intelligente Menschen, deren Potential entdeckt und gefördert werden muss. Wenn dieser erfahrungsbericht dazu beiträgt, hat auch Portia Iversen ihr Ziel erreicht.

Im Anhang finden sich weiterführende Informationen zu wissenschaftlcihen Theorien über Autismus, Forschungsberichte und Organisationen sowie Begriffserklärungen, um das ganze verständlicher zu machen.

Ansonsten gibt es Links, etwa zu der Stftung die Portia Iversen mitgegründet hat und zur Erlernung der Methode, die Iverson zusammen mit Soma und Tito Mukhopadhyay entwickelte, um mit ihrem Sohn zu kommunizieren.

Autorin:
Portia Iversen arbeitete erfolgreich als Art Director und verfasste zahlreiche Drehbücher fürs Fernsehen. Für die künstlerische Leitung einer Fernsehshow wurde sie mit dem „Emmy-Award“ ausgezeichnet.

1994, als bei ihrem Sohn Autismus diagnostiziert wurde, gründete sie zusammen mit ihrem Mann eine Stiftung, die sich zu einer der größten nicht staatlich finanzierten Förderstiftung für Autismusforschung weltweit entwickelte. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Los Angeles.

John Nettles: Hitlers Inselwahn

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Hitlers Inselwahn John Nettles Übersetzung: Laterina Latifi/Jakob Brüssermann Rezensionsexemplar/Sachbuch Osburg Verlag Erschienen am: 29.09.2015 Hardcover Seiten: 394 ISBN: 978-3-95510-094-0

Inhalt:
28. Juni 1940: Deutsche Bomben treffen die Häfen von St. Helier auf Jersey und St. Peter Port auf Guernsey. Damit fällt britischer Boden den Deutschen in die Hände und verbleibt dort bis zur Befreiung im Mai 1945. In seinem Buch schildert der gelernte Historiker John Nettles die bewegte Zeit der Besetzung auf den Ärmelkanalinseln. Eine Zeit, fernab jeder Bilderbuchidylle, geprägt von Kollaboration und Widerstand, Deportation der Juden und dem massiven Einsatz von Zwangsarbeit. Und nicht zuletzt vom Verrat der britischen Regierung an ihren Inselbewohnern. (Klappentext)

Rezension:
Noch immer liegen einige Kapitel des schmerzlichsten aller Kriege im Dunkeln und sind hierzulande kaum bekannt. Dazu gehört die Besetzung britischen Territoriums durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Zwar misslang die Luftschlacht um England und wurde für Görings Luftwaffe zu einem Fiasko aber die Eroberung der Kanalinseln war ein nicht gerade geringer Propaganda-Erfolg.

Und für die Bevölkerung von Guernsey, Sark, Alderney und Jersey der Beginn einer Zeit der Ungwissheit, des Hungerns und des Leids, welches dennoch geringer ausfiel als anderswo in Europa. Genau dies brachte die britischen Ermittler des Geheimdienstes auf den Plan, die nach dem Krieg die Folgen untersuchten. Warum war die Bevölkerung der Inseln vergleichsweise „gut“ weggekommen? Warum hatte sie kooperiert und fast „zu wenig“ Widerstand geleistet? Wie stark war die Bindung an den Feind gewesen und wie stark war die Bindung an das britische Mutterland zu der Zeit oder auch danch überhaupt noch?

Dabei hatten Chamberlain, Churchill und das britische Militär dies selbst zu verantworten. John Nettles zeigt beeindruckend auf, wie die Briten ihre Bürger auf den Kanalinseln im Stich ließen und wie diese sich selbstüberlassen mit der neuen Situation arrangieren mussten. Er zeigt das Dilema der Verantwortlichen auf und die unglückselige Situation der einheimischen, die sich weder verstecken noch fliehen konnte. Er zeigt, warum die Bevölkerung, im Gegensatz zur Resistance-Bewegung keinen nennenswerten Widerstand zustande brachte und wie die Kollaboration mit dem Feind unzählige Leben rettete.

Dem Autor, Historiker und späteren Schauspieler ist ein eindrucksvolles Portrait einer sonderbaren Situation gelungen. Sehr gut recherchiert, mit einer ausführlichen Quellenlage und direkten Kontakt zu den Einheimischen. Er zeigt auf, dass die Situation auf den Kanalinseln für Besetzte und Besatzer eine besondere sein musste, dass die Inselregierungen nicht schwarz oder weiss handeln oder denken konnten, sondern in einer Grauzone agieren mussten, um ein schlimmeres Regime a la der Besetzung in den Niederlanden oder der Tschechei zuvor zu kommen und die eigenen Leute zu schützen. Wer mit dem bissigen Hund auf engen Raum zusammen gefercht iost, vermeidet besser, ihn zu reizen.

Ausführlich beleuchtet Nettles die Situation auf den einzelnen Inseln, die obwohl nur wenige Kilometer von einander entfernt, teils sehr unterschiedlich war. Er beschreibt das Handeln einzelner und das Leben auf den Inseln, geht auf die Verantwortlichen beider seiten ein.

Er berichtet von britischen Kommando-Unternehmen, die zum Fiasko gerieten, von Feigheit und Verrat der Menschen untereinander und der großen Politik (London). Der Autor zeigt, warum überwiegend die Deutschen zwar als Übel aber zumindest am Anfang noch nicht als Feind angesehen wurden und warum die Deutschen sich gegenüber den Briten, die so gar nicht britisch waren, milde verhielten.

Die Geschichte der Kanalinseln ist zumindest in diesem Punkt eine Geschichte des Leids und zudem ein schmutziger Punkt auf der politischen Weste Londons. großartig erzählt, detail- und kenntnisreich, eindrucksvoll beschrieben. Nettles legt hier eine interessante vielschichtige historische Studie vor. Nötig, weil zu unbekannt zwischen den großen anderen schrecklichen Ereignissen im Zweiten Weltkrieg. Mit „Hitlers Inselwahn“ wird Nettles diesem, vor allem für Groß-Britanniens Geschichte, Kapitel gerecht.

Autor:
John Nettles wurde 1943 in Manchester geboren und verbrachte seine Kindheit in St. Austell/Cornwall. In den 1960er Jahren studierte er Geschichte und Philosophie, bevor er sich der Schauspielerei zuwandte. 1976-1980 und 1992-1996 war er Ensemblemitglied der Royal Shakespeare Company.

Internationale Bekanntheit erlangte er in den 1980er Jahren mit der Rolle des Jim Bergerac in der gleichnamigen britischen TV-Serie. Diese wurde von 1981-1991 auf den Kanalinseln gedreht. Dem deutschen Publikum ist er insbesondere durch seine Rolle als Inspector Barnaby bekannt, die er von 1997-2011 spielte.

Carlos Ruiz Zafon: Der Schatten des Windes

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Der Schatten des Windes Carlos Ruiz Zafon Roman S. Fischer Verlage Ausgabe erschienen: 01.07.2003 Taschenbuch Seiten: 564 ISBN: 3-518-45800-0

Inhalt:
Als der junge Daniel den geheimnissvollen „Friedhof der Vergessenen Bücher“ betritt, ahnt er nicht, dass sein Leben eine dramatische Wende nehmen wird. Der Schatten des Windes, das Buch, das der für sich auswählen darf, wird ihn nicht mehr loslassen.

Immer mehr taucht Danilei in die faszinierende Handlung des Romans ein, und auch sein eigenes Leben scheint sich den Gesetzen dieser Geschichte zu unterwerfen… (Klappentext)

Rezension:
Als der zehnjährige Daniel sich nicht mehr an das Gesicht seiner verstorbenen Mutter erinnern kann, weiht ihn sein Vater in ein Geheimnis der Buchhändler und Buchliebhaber der Stadt ein und nimmt ihn mit, auf den gehüteten Friedhof der vergessenen Bücher.

Dort lagern die Werke von Autoren, die die Welt vergessen hat, die nicht mehr verlegt werden und für die sich scheinbar niemand interessiert. Der Brauch will es, dass derjenige, der diesen Ort zum ersten Mal betritt, sich ein Buch aussucht, was auch Daniel tut. Er greift zu „Der Schatten des Windes“ von Julian Carax, nicht ahnend, dass dieser Roman sein weiteres Leben bestimmen wird.
Fasziniert von der Geschichte lässt er sich treiben und im Laufe der Jahre verweben Geschichte und Wirklichkeit immer mehr, werden eines. Als junger Erwachsener will Daniel schließlich mehr über den Autoren herausfinden, tut dies auch, doch bringt er sich damit selbst in Gefahr. Denn, im Spanien Francos, haben selbst scheinbar vergessene Autoren Feinde.

Zunächst ein Wälzer entpuppt sich dieses Werk als wunderbarer Roman, dessen ruhiger Schreibstil und die Beschreibungen der einzelnen Charaktere sowie der Atmosphäre in den Straßen Barcelonas, die Geschichte mehr als lesenswert macht.
Als Leser taucht man förmlich ein in die Geschichte, die einem bis zur letzten Seite nicht mehr los lässt, lebt, fühlt und leidet mit den Protagonisten. Zafon hat es dabei geschafft, jeden einzelnen Charakter nicht nur schwarz oder weiß als Eigenschaften mitzuliefern, sondern die Personen im Laufe der Handlung zu entwickeln und vielschichtige Seiten zu geben.

So gibt es hier zwar klar definiert Gute und Böse, aber auch deren Beweggründe sind zumindest nachvollziehbar.

Eine Geschichte über Bücher, in der man sich wünscht, einzutauchen und selbst auf einen solchen Friedhof sich ein Exemplar aussuchen zu dürfen und mit der Geschichte zu leben. Ja, das Schicksal des Buches zu teilen, zu enträtseln.

Der Schreibstil ruhig, fordert selbst Schnellleser zum Innehalten auf, immer wieder gibt es Stellen zum Nachdenken und solche, an denen man den Roman zur Seite legen muss. Ohne, dass das weh tut. Einfach, damit man noch ein wenig länger davon hat und das hat bei mir bisher selten eine Geschichte geschafft.
Und sie zeigt, dass ein jeder ein für sich besonderes Buch im Leben braucht, dessen Verbindung einzigartig ist.

Autor:
Carl Ruiz Zfon wurde 1964 geboren und wuch in Barcelona auf. Er besuchte die Jesuitenschule Sarria, die ihn mit ihren Türmen und Geheimgängen zu Geschichten inspiriert hat. Nach der Schule arbeitete Zafon in einer Werbeagentur, schrieb Kurzgeschichten und erste Romane.

1994 zog er nach Los Angeles und arbeitete als Drehbuchautor, sowie als Journalist für spanische Zeitungen. 2004 kehrte er nach Barcelona zurück. Seine Romane sind mehrfach ausgezeichnet.

Pu Yi: Ich war Kaiser von China

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Ich war Kaiser von China Autor: Pu Yi Autobiografie dtv Verlag Ausgabe erschien: 01.10.2009 Taschenbuch Seiten: 453 ISBN: 978-3-423-21168-0

Inhalt:
Seine Majestät das Kind: Das Leben des letzten Kaisers von China ist eine der unglaublichsten und aufregendsten Geschichten des 20. Jahrhunderts. Mit zweieinhalb Jahren inthronisiert, muß Pu Yi bereits 1912 unter dem Druck der ersten chinesischen Revolution abdanken. Seine Gedanken konzentrieren sich fortan nur auf ein Ziel: die Rückkehr auf den Drachenthron.

Um dies zu erreichen, ist ihm jedes Mittel recht. Pu Yis spannende Autobiographie, Vorlage für Bertoluccis mit neun Oscars ausgezeichnenten Film ›Der letzte Kaiser‹ gewährt absurde und zugleich faszinierende Einblicke in die mit ihm versunkene Welt der Verbotenen Stadt und führt über die Wirren des chinesischen Bürgerkriegs in die Gefängnisse der Volksrepublik, wo Pu Yi neun Jahre lang eine Umerziehung zuteil wurde, die aus dem ehemaligen Herscher über Millionen einen überzeugten Anhänger Maos, den »Neuen Menschen« machte. (Klappentext)

Rezension:
Ein Viereck, geteilt mit einem durchgehenden Strich. Das chinesische Zeichen für Mitte. Und genau als dass sah sich China, als Mitte der Welt, selbst, als es längst gedemütigt war durch die imperialistischen Großmächte Europas.

Das Kaiserreich in seinen letzten Atemzügen setzte den kleinen Pu Yi als Kaiser ein, damit im Hintergrund die grausame Tse Hsi ihre Macht als Regentin halten konnte und trieb dabei China nch mehr in den Abgrund. Dem Kind blieben schließlich nur noch die Scherben einer einst glanzvollen Macht. Und Pu Yi erzählt davon.

Vom Aufwachsen in der Verbotenen Stadt, vom Leben als Prinz und vom zeitlichen Wandel, den er zunächst nicht begreifen konnte und auch nicht wollte. Er erzählt, wie er versuchte durch Japan im Zweiten Weltkrieg seine ursprüngliche Macht zurück zu erlangen und schließlich an den japanischen Machthabern scheiterte und wie Gefankenschaft und Umerziehung aus ihm einen neuen Menschen machten.

Natürlich ist gerade dieser letzte Abschnitt sehr ideologisch, sehr wohlwollend geschrieben aber Pu Yi stand da unter dem Eindruck eines Lebens, was fast nur den Abstieg kannte und sicherlich den Eindruck des chinesischen Zensors, der wie ein Damokles-Schwert immer über ihn geschwebt haben muss.

Trotzdem ist dies ein bewegendes Zeitdokument, an einigen Stellen aufgrund der chinesisch Namen und des Schreibstils schwer zu lesen, welches hier vorliegt. Der scharfe Blick, mit dem der Ex-Kaiser sein Leben darstellt, genügte hier um dieses Werk lesenswert und eindücklich zu gestalten. Ein großartiges Buch, Vorlage für einen ebenso großen Film.

Autor:
Pu Yi wurde 1906 geboren und zwei Jahre später als Kaiser Hsüan Tung inthronisiert. 1912 musste er abdanken und wurde 12 Jahre später aus Peking vertrieben. Dann Exil in Tientsing, bevor er Kaiser des Japüanischen Satellitenstaates Mandschugo wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam er in sowjetische Gefangenschaft, danach wurde er an China ausgeliefert. 1959 wurde er durch ein Gnadenerlass Maos freigelassen und arbeitete als Gärtner und Geschichtsforscher. Pu Yi lebte zuletzt als einfacher Bürger in Peking und starb 1967 an Nierenkrebs.

Andreas Ulrich: Torstraße 94

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Torstraße 94 Andreas Ulrich Rezensionsexemplar/Sachbuch be.bra Verlag Erschienen am: 12.09.2016 Taschenbuch Seiten: 143 ISBN: 978-3-89899-130-5

Inhalt:
Die Torstraße verbindet die Friedrichstraße im Westen mit der Prenzlauer Allee im Osten. Wie in kaum einer anderen Straße ist hier noch die brüchige Geschichte Berlins greifbar. Am Beispiel des Hauses Nr. 94 geht Andreas Ulrich den Spuren der Vergangenheit nach: Ob Agentin oder Konditor, ob Bankräuber oder Näherin, ob Super-Model oder Parteisekretär – das Haus und seine Bewohner haben viel erlebt: Dramatisches und Komisches, Absurdes und Unglaubliches. (Klappentext)

Rezension:
Wahrscheinlich ist es falsch, ein solches im Großen und Ganzen recht interessantes Portrait zu lesen, ohne den Bezug zur entsprechenden Örtlichkeit zu haben. So bin ich nur zugezogen und kenne die Straße selbst nicht, habe dieses Buch rein aufgrund des Klappentextes gewählt. Und natürlich, die einzelnen Geschichten der Menschen, die in der Torstraße 94 lebten, sind kurzweilig und schnell gelesen, amüsant, spannend und sicherlich für den Einheimischen eine interessante Sammlung aber hier sprang der Funke nicht wirklich über.

Da ich weder weiß, wie es sich anfühlt, schon immer in Berlin (oder noch anders, in einer geteilten Stadt zu leben) gelebt zu haben, das Früher nicht kenne und ich die jetzige Hauptstadt als reinen Wohn- und Arbeitsort betrachte, ist bei mir bei der reinen Aufnahme der Geschichten Schluss. Das Gefühl wäre wahrscheinlich ein anderes, wenn ich das gleiche Buch über meine Geburts- und tatsächliche Heimatstadt (die ich auch noch als solche betrachte) lesen würde.

Oder zumindest über eine Straße Berlins, die ich schon besser kenne. Auch so ein Buch gibt es übrigens. Es handelt sich hierbei um eine Reihe. Berliner sollten sich unbedingt mal auf der Verlagsseite umschauen. Für Einheimische auf jeden Fall mit Wiedererkennungswert. Für alle anderen kein Muss und nur ein bedingtes Kann. Der Schreibstil ist dennoch kurzweilig, die Geschichten lassen sich episodenhaft lesen. Man muss das nicht direkt hintereinander. Ideal um kurze Zeitabstände zu überbrücken.

Autor:
Andreas Urlich wurde 1960 in Berlin geboren und studierte nach dem Abitur Journalistik an der Universität Leipzig. Danach arbeitete er als Reporter, Redakteur und Moderator für den Berliner Rundfunk, Jugendradio DT 64 und Radio Brandenburg. Heute ist er hauptsächlich für den RBB, radio eins und Deutschlandradio Kultur tätig.

Seine Themen sind Sport, Politik und Zeitgeschichte. Bekannt wurde er durch sein Portrait von 25 Menschen der durch die Mauer geteilten Swinemünder Straße in Berlin. Im Jahr 2006 veröffentlichte er einen Geschichtsband zum ehermaligen „Palast der Republik“. Der Autor lebt in Berlin-Mitte.

Bruno Apitz: Nackt unter Wölfen

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Nackt unter Wölfen Autor: Bruno Apitz Roman Aufbau Verlag Ausgabe erschienen: 20.06.2014 Taschenbuch Seiten: 586 ISBN: 978-3-7466-3026-7

Handlung:
Der Roman „Nackt unter Wölfen“ erzählt die bewegende Geschichte eines dreijährigen Kindes, das unter den unmenschlichen Bedingungen des KZ Buchenwald von Häftlingen gerettet wird. Aber er handelt ebenso von den Konflikten seiner Retter, die ihrem Gewissen folgen und dabei die Gesetze des kommunistischen Lagerwiderstands brechen. (Klappentext)

Rezension:
Genau so wie das Werk von Bruno Apitz neu verfilmt wurde, gab der aufbau-Verlag 2015 eine neue Ausgabe eines Weltbestsellers heraus, der er anfangs gar nicht werden sollte. Als Bruno Apitz die Geschichte schrieb war er länger auf der Suche nach einem Verlag.

Nicht wenige lehnten die Geschichte ab. Sie passte anfangs nicht in das Geschichtsbild und Bewusstsein, was der damals noch junge Staat DDR von sich hatte und man wusste auch noch nicht, wie man damit am besten umgehen sollte.
Schließlich waren die Jahre der NS-Diktatur noch allzu frisch und der Umgang mit früheren Zeiten mehr als heikel. Zumal unter ideologischen Gesichtspunkten des ostdeutschen Staates. Nachdem zahlreiche Verlage der DDR die Geschichte abgelehnt hatten, sagte schließlich der Mitteldeutsche Verlag zu, druckte eine kleine Auflage.

Nach unzähligen Änderungen. Zum Einen wurde die Geschichte der Buchenwalder Kommunisten von der Staatsführung kritisch beäugt, zum anderen war man sich uneins über bestimmte einprägsame Szenen, die den Alltag im KZ beschrieben. Zwischen Leben und Sterben. Doch der Roman avancierte schnell zum Erfolg und war bald restlos ausverkauft.

So bewegend wie die Geschichte an sich, ist auch die des Autors und die der Entstehung des Romans, sowie des ersten Filmes. Dies rechtfertigt schon alleine diese Neuauflage, die nicht nur die weltbekannte Fassung, sondern auch alle Änderungen sichtbar macht, die Bruno Apitz zähneknirschend hinnehmen musste, um seinen Roman veröffentlichen zu können.

Ergänzt wird dies durch eine Biografie des Autors sowie der Erläuterung der Entstehungsgeschichte des Romans, welche als Zusätze diese Ausgabe zu etwas Besonderen machen. Dabei wird auch auf die tatsächliche Geschichte des Stefan Jerzy „Buchenwald-Kindes“ aufmerksam gemacht, die nur in der von Apitz veränderten Form zu DDR-Zeiten Beachtung fand und als Tatsache hingestellt wurde.

Dies tut der Großartigkeit des Rimans keinen Abbruch. Er ist aufrüttelnd und spannend, sofern man davon reden mag, zugleich. Der Schreibstil tut sein übriges dazu und mehr gibt es an sich nicht zu sagen, doch empfiehlt es sich wirklich auch mit der Geschichte von Buchenwald an sich und mit der wahren Geschichte von Stefan Jerzy zu beschäftigen.

Auch, wenn dies ins Uferlose führt, für ein umfassendes Gesamtbild ist dies unerlässlich. Ich kann für diese Ausgabe eine unbedingte Empfehlung aussprechen, sei es auch nur wegen der Ergänzungen, die andere Ausgaben nicht haben. Es lohnt sich.

Autor:
Bruno Apitz wurde 1900 in Leipzig geboren und kam 1917 wegen Antikriegspropaganda ins Gefängnis. Danach begann er eine Buchhändlerlehrhre und betätigte sich als Schauspieler. Seit 1927 Mitglied der KPD wurde er ab 1933 mehrfach inhaftiert.

Von 1937 bis zurBefreiung war er im KZ Bucvhenwald interniert. In der DDR betätigte er sich als Redakteur, Verwaltungsdirektor der Städtischen Bühnen Leipzig und Dramaturg bei der DEFA. 1955 lebte er als freier Autor in Berlin und starb 1979. Sein erster Roman „Nackt unter Wölfen“ wurde 1963 verfilmt, vor kurzem neu verfilmt.

David Abulafia: Das Mittelmeer – Eine Biografie

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Das Mittelmeer – Eine Biografie Autor: David Abulafia Sachbuch S. Fischer Verlag Erschienen am: 23.10.2014 Taschenbuch Seiten: 960 ISBN: 978-3-596-17441-6

Thematik:
Die Geschichte des Mittelmeers ist die Geschichte unserer Zivilisation. Über 3000 Jahre war das Mare Nostrum, wie die Römer es nannten, Zentrum des Handels und des kulturellen Austauschs zwischen drei Kontinenten.

Seine Gesamte Geschichte wird hier von dem großen Historiker David Abulafia in einer einzigartigen Zusammenschau brilliant erzählt: von der Errichtung der ersten geheimnissvollen Tempel auf Malta 3500 v. Chr. bis zu den heutigen Zielen des Massentourismus. (Klappentext)

Rezension:
In Zeiten, in denen täglich Bilder von Flüchtlingsströmen im Mittelmeerraum über die Fernsehbildschirme flimmern, ist es ganz gut, sich einmal ausführlich mit der Geschichte dieser pulsierenden und vielfältigen Region zu beschäftigen. Eine Geschichte, die nicht eben nur die Bettenburgen Spaniens umfasst, wie man sie leidgeprüft kennen mag, sondern viel weiter zurückgeht.

Der Historiker David Abulafia wagt diesen Blick in die Vergangenheit und führt den Leser ein spannendes Stück Geschichte vor Augen. Er zeigt, wie Handel und Kriege, unterschiedliche Kulturen mit ihren jeweiligen Entwicklungen und Bräuchen, das Leben am Mare Nostrum beeinflussten, welche Bedeutung das Mittelmeer einst hatte und noch hat.

Mit einem Blick für’s kleinste Detail zeigt er Hintergründe auf, die man ansonsten übersehen hätte und erklärt, das Zusammen- udn Gegenspiel von Römern und z.B. der Bevölkerung von Kathargo oder die wechselseitigen Beziehungen von Genua und Venedik sowie Dubrovnik. Er schildert den Aufstieg und Fall von großen Imperien, deren Dreh- und Angelpunkt eine einzige geografische Größe war, die zugleich oft genug die einzige Gemeinsamkeit darstellte.

Geschichte ist spannend und auch diese Geschichte ist spannend, doch sollte sich der geneigte Leser vor Augen handeln, dass es sich hier um ein Buch eines Historikers handelt, der vielleicht für Nicht-Fachleute schreiben wollte aber dieses Ziel gründlich verfehlt hat.

Es scheint mehr eine wissenschaftliche Abhandlung zu sein, die man konzentriert lesen sollte als eine einfache Geschichtsstunde. Der Begriff „Biografie“ ist eine glatte Untertreibung. Wer das nicht weiß, kann ob der Masse der Informationen, des Facettenreichtums dieses Monumentalwerkes allzu schnell überfordert werden und kapitulieren.

Der Schreibstil ist dementsprechend sachlich und nüchtern, nicht jedoch einfach. Flüssiges Lesen gelingt nur, wenn man solcher Art von Lektüre gewohnt ist. Dann aber eröffnet sich ein wahrer Fundus an Wissen, welches man nur aufnehmen braucht aber sich bitte hinterher eine ausgiebige Pause gönnen.

Im Anschluss an die Abhandlung findet sich ein reiches Quellenverzeichnis und Register, dass, so scheint es, beinahe so umfangreich ist, wie die Geschichte des Mittelmeers selbst. Eine Geschichte, die es in sich hat.

Autor:

David Abulafia wurde 1949 geboren und ist Professor für Geschichte des Mittelmeerraumes an der Universität von Cambridge und an der British Academy. Zudem ist er Mitglied der Academia Europa. Für seine Arbeiten zur italienischen und mediterranen Geschichte wurde er im Jahr 2003 zum Commendatore dell’Ordine della Stella della Solidarieta Italiena ernannt. Er ht zahlreiche Bücher veröffentlicht, die inzwischen mehrfach übersetzt und ausgezeichnet wurden.

Miguel Abrantes Ostrowski: Sacro Pop – Ein Schuljungen-Report

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Sacro Pop – Ein Schuljungen-Report Miguel Abrantes Ostrowski Rezensionsexemplar/Biografie Prokom Verlag Taschenbuch Seiten: 174 ISBN: 3-89861-311-9

Handlung:
Pater Franz Edelbrück. An ihn musste ich denken. Zu Beginn meiner Internatszeit fragte er mich, ob ich überhaupt wüsste, was Rock’n Roll heißt. Ich antwortete: Rock’n Roll heißt soviel wie – rocken und rollen. Darauf er: „Du hast überhaupt keine Ahnung! Rock’n Roll heißt nichts anderes als Ficken.“

Miguel Abrantes Ostrowski zeichnet ein gnadenloses ironisches Portrait vom ganz normalen Wahnsinn in einem katholischen Elite-Internat. Voller Witz und Charme lässt er den Leser hinter die Kulissen schauen. Sein Report ist ein sanfter Schocker und anders als alles bis dahin Gehörte. (Klappentext)

Einordnung:
Wie dieses Buch einzuordnen ist, ist nicht so ganz klar. Satire und Biografie, Weltsicht und nicht zuletzt „Sonstiges“ passen als Genre. Ich habe mich für die Kategorie „Biografie“ entschieden, da hier immerhin ein Lebensabschnitt beschrieben wird.

Rezension:
Erst mit der Missbrauchsdebatte in kirchlichen Einrichtungen der letzten Jahre wurde diese Veröffentlichung so richtig bekannt und populär, doch Ostrowskis Werk „Sacro Pop“ existiert schon seit 2004 im deutschen Buchhandel.

Hier erzählt der Autor von seiner Internatszeit in einem katholischen Jesuiten-Internat, vollkommen überzogen und überspitzt aber dennoch mit solch einer Schärfe, dass auch diese Geschichte nicht zu ignorieren ist. Nicht ignoriert werden kann.

Zwar beschreibt Miguel Abrantes Ostrowski, so der volle Name, auch den ganz normalen Schul-Wahnsinn und kuriose Erlebnisse; etwa wenn der Lehrer eine Museumsexkursion veranstaltet, das Museum aber geschlossen hat, weilMontag ist; aber eben auch Dinge, die so hätten nie passieren dürfen, in allzu vielen Einrichtungen dieser und ähnlicher Art aber Gang und Gäbe waren.

In sofern hat „Sacro Pop“ seine Daseins-Berechtigung aber versehen mit einem ganz großen Manko. Die Art und Weise, wie der Autor darüber berichtet, ist der Ernsthaftigkeit, mit der das Thema behandelt und davon berichtet werden muss, nicht gerecht geworden.

Zumal der Autor sämtliche Personen, Schüler, Lehrer und Schul-Personal verunglimpft und sich damit kein Gefallen getan haben dürfte. Abgesehen natürlich von den Personen, die aufgrund ihrer Taten, diese Behandlung durchaus rechtfertigen.

Aber ansonsten liest sich „Sacro Pop“ wie eine Anklageschrift Ostrowskis gegen den Rest seiner damaligen Welt, ohne zu unterscheiden, wer sich tatsächlich schuldig gemacht hat und wer nicht.

Auch der Schreibstil, der Ausdruck und wenn wir schon dabei sind, die Grammatik tun ihr übriges. Zwar lässt sich dieses Zeit-Internats-Portrait überwiegend in einem Rutsch lesen, man kommt aber nicht umhin, es ab und an wegzulegen.
Zu abstoßend, zu wirr, zu chaotisch und unstrukturiert ist das alles und die Ziele des Autoren sind bis zuletzt nicht ganz klar. Insgesamt nicht gerade hilfreich.
Der Aufarbeitung des Themas und der Debatte selbst hätte eine größere an dem Tag gelegte Ernsthaftigkeit, Genauigkeit in der Recherche und Beschreibung des Erlebten gut getan. Auch das Einbringen mehrer Ebenen und Sichtweisen hätte positiv gewirkt.

Diese Chance hat Abrantes Ostrowski jedoch eindeutig verpasst. In der Debatte um die Missbrauchsskandale kann daher dieses Werk nur ein oberflächlicher Anstoß sein, sich damit auseinanderzusetzen. Für eine tiefergehende Beschäftigung mit der Materie eignet sich „Sacro Pop“ nicht. Dazu fehlt einfach zu viel.

Einen Pluspunkt gibt’s für das mutige Cover andem sicherlich die Grafiker eine wahre Freude gehabt haben dürfen.

Autor:
Miguel Abrantes Ostrowski wurde 1972 geboren und besuchte zehn Jahre lang ein Juesuiten-Internat. Nach dem Abitur folgte ein Schauspiel-Studium in Leipzig. Von 1998 bis 2004 war er festes Ensemblemitglied am Schauspiel Frankfurt/Main, Staatstheater Mainz und Theater Freiburg engagiert. „Saco Pop“ ist seine erste Buchveröffentlichung.
 

Antonia Hayes: Die relative Unberechenbarkeit des Glücks

Die relative Unberechenbarkeit des Gluecks von Antonia Hayes
Die relative Unberechenbarkeit des Gluecks von Antonia Hayes

Autorin: Antonia Hayes
Titel: Die relative Unberechenbarkeit des Glücks
Seiten: 461
ISBN: 978-3-7645-05752
Verlag: blanvalet
Übersetzerin: Andrea Brandl

Autorin:
Antonia Hayes wurde in Sydney geboren, arbeitete und lebte in Paris, heute in San Francisco/USA. Sie schrieb Geschichten und Kolumnen für zahlreiche Magazine, bevor sie als Publizistin in der Verlagsbranche und als Buchhändlerin arbeitete.

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