Vergangenheit

Sam Lloyd: Sturmopfer

Inhalt:

Kalt wie das Wasser. Dunkel wie der Meeresgrund.

Ein Haus auf den Klippen an der Südwestküste Englands. Auf Mortis Point, hoch über den sturmumtosten Atlantik, wurden früher Schmuggler und Diebe gehängt. Heute führen Lucy und Daniel hier ein beschauliches Leben mit ihren beiden Kindern – bis eines Tages Daniels Segelboot auf dem Meer treibend gefunden wird. Von ihm selbst fehlt jede Spur. Als Lucy erfährt, dass auch ihre Kinder verschwunden sind, gerät ihr Leben entgültig aus den Fugen. Offenbar befanden sich Billie und Fin ebenfalls auf dem Boot. Während sich über dem Meer ein Jahrhundertsturm zusammenbraut, versucht Lucy fieberhaft herauszufinden, was an Bord der Lazy Susan geschah. Je näher sie der Wahrheit kommt, desto klarer wird ihr, dass der eigentliche Albtraum gerade erst begonnen hat… (Klappentext)

Rezension:

Zwischen Krimi und Thriller schwankt Sam Llyods Werk „Sturmopfer“ und entführt uns an die vom Meer beherrschte Küste Englands, in der nur jene überstehen, die sich ein Standbein aufbauen, welches auch außerhalb der touristischen Saison funktioniert. Lucy und Daniel haben dies geschafft.

Letzterer ist Unternehmer und Lucy selbst betreibt eine Bar, die am Hafen sowohl die Fischer bedient, als auch Touristen und Einheimische, zudem kleinen Bands und Musikern einen Auftrittsort bietet. Beide scheinen in der Gemeinschafft von Skentel gut integriert zu sein, haben zwei wohlgeratene Kinder, doch es kommt, wie es kommen muss. Zur Katastrophe. Das Boot samt Mann und Kinder verschwinden. Nur Daniel wird aus dem Wasser gefischt und steht bald im Zentrum der Ermittlungen von DI Abraham Rose, der bald hinter die Fassade des perfekten Ehepaares blicken muss und so einiges ans Tageslicht kehren wird.

In ruhiger Tonalität baut der Autor hier einen Spannungsbogen, der vor allem im Wechsel der Erzählperspektiven funktioniert und einen Sog entwickelt, den man sich kaum entziehen kann. Nicht nur die Sicht der ermittelnden Hauptfigur, die zudem mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen hat, kommt zum tragen und so ergibt sich aus einem zunächst unübersichtlichen und verwirrenden Puzzle erst spät ein Gesamtbild, welches gegen Ende zudem noch gut funktionierende Wendungen aufweisen kann. Die sind stimmig, manchmal sehr vorhersehbar, was jedoch ausgeglichen wird, durch die Atmosphäre, die Sam Lloyd hier aufzubauen weiß. Man kann sich all die Figuren mit ihren Ecken und Kanten bildlich vorstellen, wenn auch so manche Szene hart an der Grenze einer ARD-Vorabendkrimi-Serie vorbeischrammt.

Für einen durchschnittlichen Krimis fast schon zu ausführlich, sind die Kapitel dennoch handlich, auch mit Cliffhangern wird nicht gespart, ebenso wenig mit gegensätzlichen Charakteren, für die die Sympathien im Laufe des Lesens wechseln werden. Positiv ist zu nennen, dass die Protagonisten verschiedene Seiten aufweisen, was diese Geschichte positiv von so vielen anderen abhebt. Rückblenden und Zeitsprünge werden ebenso als Elemente effektvoll eingesetzt. Warum jedoch Ermittler scheinbar grundsätzlich einen Knacks haben müssen, wird sich mir nie erschließen.

Es wird nicht schwerfallen, in diese zu anderen Werken im Vergleich ruhig wirkende Geschichten, die durchaus manche Länge aufweist, hineinzufinden. Wer jedoch Probleme hat, mit, angedeutetem Druck oder beschriebener Gewalt gegenüber Kindern sollte sich überlegen, diesen Thriller zur Hand zu nehmen, gleichwohl die Stellen an den Fingern einer Hand abzuzählen sind. Merken tut man jedoch, dass der Autor sich insbesondere mit den technischen „Konstrukten“ vorher beschäftigt hat. Wie funktioniert ein kleines Motorboot eigentlich? Welchen Spielraum habe ich dort für eine Handlung, für Stauraum? Wie laufen Rettungsmissionen bei im Meer vermissten oder im offenen Wasser entdeckten Personen ab? Das ist alles sehr durchdacht.

Dieser Thriller ist ein Stand Alone, wenn auch die Hauptfigur sich anbietet für weitere Geschichten und eine Empfehlung, die Arbeiten des Autoren Sam Lloyd weiter zu verfolgen. Fans des englischen Krimis, die nicht immer auf pure Gewalt setzen, wobei die durchaus dort vorkommt, wenn sie für die Geschichte sinnvoll ist, sind hier gut bedient, wenn auch für Vielleser sich einiges Vorhersehbares ergibt. Für andere kann ich mir diesen Thriller auch gut als Einstieg in das Genre vorstellen. Dafür eine Empfehlung.

Autor:

Sam Lloyd ist ein britischer Schriftsteller, dessen Debüt „Der Mädchenwald“ 2020 erschien. Dies ist sein zweites Werk.

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Mario Schneider: Die Paradiese von gestern

Inhalt:

Ella und Rene, ein junges Paar aus Ostdeutschland, verbringen nach der Wende ihren ersten Sommer in Südfrankreich. Dabei geraten sie in das marode Schlosshotel der Madame de Violet, einer Gräfin, die mit ihrem Diener wie in einer vergessenen Zeit lebt. Sie werden ihre letzten Gäste sein. Die beiden erleben die Verlockungen und Enttäuschungen einer neuen Welt und die Zerbrechlichkeit ihrer fest geglaubten Beziehung. (Klappentext)

Rezension:

Die Historie einer vergangenen Welt oder ein französischer Film mit Überlänge in Buchform. Dies ist der Eindruck, nachdem man in die Geschichte eines Sommers auftaucht, genauer ein junges Paar bei ihrer ersten großen Reise begleitet. Die politische Landkarte hat sich gerade gewandelt und so können Ella und Rene nach der Wende erstmals durch Europa reisen und landen in einer Szenarie einer untergangenen Welt.

Wie aus der Zeit gefallen wirkt das marode Schlosshotel, welches auf einem zugewachsenen Hügel thront, ebenso wie auch seine letzten Bewohner von der Welt da draußen scheinbar vergessen wurden. Doch, Madame de Violet, alter französischer Adel, und ihr treuer Diener Vincent nehmen die beiden auf, was nicht nur ein Ende bedeuten soll, sondern alle Protagonisten vor persönlichen Herausforderungen stellen wird.

Mario Schneider versteht es, einen Film vor dem inneren Auge ablaufen zu lassen, was nicht zuletzt an den von ihm geschaffenen Figuren liegt. Allesamt haben sie Ecken und Kanten, sind nicht gerade Sympathieträger, was sie jedoch im zunehmenden Handlungsverlauf zu interessanten Entscheidungen und damit verbundenen Wechseln treibt. Dabei werden mehrere Geschichten erzählt. Natürlich die Liebesgeschichte, die irgendwie immer vor französischer Kulisse vorkommen muss, aber eben auch das Vergehen von Epochen und das Aufeinanderprallen gesellschaftlicher Gegensätze. Gerade letzteres ist dem Autoren gut gelungen. Auf diese Dynamik kann man sich einlassen, wenn man sich auf den zu weilen sehr ruhigen Erzählstil eingelassen hat.

Dreh- und Angelpunkt dieses Kammerspiels auf französischen Boden sind fünf belastete Figuren, die nicht nur gegenseitig, sondern auch bei Lesenden ein Wechselbad der Gefühle auslösen mögen. Kurze Sätze sind da selten. Mario Schneider beherrscht die Kunst der Ausschweifung, besonders wenn die Protagonisten sich selbst und ihren Gedanken ausgeliefert sind. Gegensätzlichkeiten werden hier teils bis zum Äußersten ausgespielt. Die Logik der Figuren erschließt sich erst nach und nach.

Damit einhergehend ist ein ständiger Perspektivwechsel, der auch die Geschwindigkeit der Erzählung bestimmt. Nach und nach fügen sich so Puzzleteile zusammen, die zunächst für den Lesenden, dann erst für die Protagonisten ein Gesamtbild ergeben und spätestens nach der Hälfte der Seiten eine in sich schlüssige Erzählung. Auch Rückblicke der Figuren tragen zur Abwechslung bei, sonst wäre hier etwas Mehltau zu viel.

Wer eine Liebesgeschichte sucht, ist mit „Die Paradiese von gestern“, ebenso gut bedient, wie die jenigen, die französisches Flair genießen möchten oder gar, in nur punktuellen Ansätzen ein kontinentales „Downtown Abbey“. Es ist jedoch auch die Erzählung über die Welten alten und neuen Adels, über das Zurechtfinden in einer neuen Welt, in der zum Ende hin einiges offen bleibt, wie dies auch, und hier sind wir wieder in der Nähe eines Films, einige Fragen offen bleiben, die man je nach Sympathie für die Figuren für sich selbst beantworten muss.

Hier sieht man das Können Mario Schneiders, der als Filmregisseur und Komponist natürlich genau weiß, wo Auslassungen besonders funktionieren. Jedoch hätte der Autor dies auch im eigentlichen Handlungsverlauf beherzigen können. Was zum Ende hin klappt, hätte auch im eigentlichen Verlauf gut funktioniert. Dennoch muss ich konstatieren, dass sich meine Einstellung zum Roman, die sich vor allem über die Protagonisten gebildet hat, nach und nach ins Positive gewandelt hat, so dass eine runde Geschichte vorfindet, wer sich darauf einlassen und mehrere erzählerische Längen aushalten kann.

Autor:

Mario Schneider wurde 1970 geboren und ist ein deutscher Regisseur, Autor und Filmkomponist. Nach der Schule absolvierte er eine Berufsausbildung zum Metallurgen für Hüttentechnik und studierte anschließend Musikwissenschaften, Philosophie und Kunstgeschichte, gefolgt von einem Kompositions- und Klavierstudium in Leipzig, im weiteren Verlauf München.

Nach seinem Abschluss als Diplomkomponist gründete er eine Filmproduktionsfirma und begann als Dokumentarfilmer und Regisseur zu arbeiten. Bekannt wurde er u. a. durch die Mansfeld-Trilogie (2005-2013). 2014 erschien sein erstes Buch. Ein Jahr später erhielt er den Klopstock-Förderpreis für neue Literatur, danach den Deutschen Filmmusikpreis. Er ist Mitglied der Akademie der Künste Sachsen-Anhalt.

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Riku Onda: Die Aosawa-Morde

Inhalt:

An einem stürmischen Sommertag veranstaltet die Familie Aosawa ein rauschendes Fest. Doch die Feier verwandelt sich in eine Tragödie, als siebzehn Menschen durch Zyanid in ihren Getränken sterben. Die einzige Unversehrte ist Hisako, die blinde Tochter des Hauses. Kurz darauf begeht der Mann, der die getränke lieferte, Selbstmord und besiegelt damit scheinbar seine Schuld, während seine Motive im Dunkeln bleiben.

Jahre später versuchen die Autorin eines Buches über das Verbrechen und ein Ermittler, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Doch die Wahrheit ist nichts anderes als ein Gegenstand, der aus einer bestimmten Perspektive beleuchtet wird… (Klappentext)

Rezension:

Honne und Tatame sind Begriffe für gesellschaftliche Phänomene, wie sie in dieser Form wohl in kaum einem anderen Land so ausgeprägt existieren, wie in Japan. Der eine bezeichnet die wahrer Gefühle einer Person, die entgegengesetzt zu denen stehen können, die von der Gesellschaft erwartet werden. Der andere Begriff steht für die Äußerung und das Verhalten, welches von der Gesellschaft erwartet wird, je nachdem welche Position man inne hat.

Die damit verbundene Komplexität und damit einhergehenden Problematiken werden erst seit kurzem in der japanischen Öffentlichkeit diskutiert, bilden im ersten Kriminalroman der Autorin Riku Onda die Grundlage für zahlreiche spannende Momente.

Der Auftakt entspricht dem, klassischer Kriminalliteratur,. Wir Lesende wohnen einem Fest bei, welches von einer in der örtlichen Gemeinschaft anerkannten Familie ausgerichtet wird, wo es zur Katastrophe kommt. Gift in Getränken ist der Auslöser einer sich über Jahre ziehenden Handlung. Alleine Hintergründe, nicht zuletzt die Identität der mordenden Person, bleiben lange im Dunkeln.

Unnahbar sind von Beginn an alle Charaktere aus deren wechselnder Perspektive erzählt wird, ohne dies immer klar voneinander abzugrenzen. Hier ist Konzentration erforderlich. Der nüchterne und distanzierte Erzählstil ist gewöhnungsbedürftig und macht es anfangs schwer, in die Geschichte hinein zu finden. Doch wirkt dies wie ein Sog.

Man folgt den beiden Hauptprotagonisten auf der Suche nach Spuren, die einander kreuzen, parallel zueinader verlaufen, um dann doch wieder eine völlig andere Richtung zu nehmen. So ruhig, wie der erzählstil der Autorin wirktz, so unscheinbar sich die Übergänge lesen, so viele Verdächtige tun sich auf, was fast bis zum letzten Kapitel durchgehalten wird.

Subgenres der Kriminalliteratur werden hier gekonnt vermischt und ein einzigartiger Blick in die japanische Kultur der Verschlossenheit gewährt, sowie die Perspektiven einer Familie, die von außen kaum zu durchdringen sind. Eingebettet ist das in einem ruhigen, fast stoischen Schreibstil, den man als lesende Person anfangs ebenso stoisch aufzunehmen hat.

Zu gefühlige Menschen werden mit Riku Ondas Art des Erzählens wohl an ihre Grenzen stoßen, auch ist Durchhaltevermögen über weite Strecken nicht von Nachteil. Die Auflösung indes ist stimmig und folgerichtig. Hier gibt es keine wirren Wendungen, auch ist man selbst bis zur letzten Zeile gefordert. Kriminalliteratur nach durchschnittlich europäischen Maßstäben ist das nicht. Zudem sollte man auch nicht davor zurückschrecken, dass bewusst Fragen offen gehalten werden.

Wer damit zurechtkommt, den seien „Die Aosawa-Morde“ empfohlen. Nur zu tief ins Glas schauen, sollte man dabei vielleicht nicht, viel eher darauf achten, was sich darin befindet.

Autorin:

Riku Onda wurde 1964 geboren und ist eine japanische Schriftstellerin. 1992 veröffentlichte sie ihr literarisches Debüt, dem weitere Werke folgten. Im jahr 2005 gewann sie den Yokoshiwa Eiji Preis. Seit 2002 wurden bereits mehrere ihrer Werke verfilmt. Ihr Spannungsroman „Die Aoasawa-Morde“ gewann den Mystery of Writers of Japan Award.

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Erri de Luca: Das Meer der Erinnerung

Inhalt:

Ein Sommer auf Ischia in den fünfziger Jahren. Während sich die anderen Jugendlichen aus der Stadt am Strand vergnügen, fährt der Ich-erzähler jeden Morgen hinaus aufs Meer. Von dem Fischer Nicola lernt er das Handwerk des Fischens, und Nicola ist auch der Einzige, der ihm vom Krieg erzählt. Die Abende verbringt er oft mit der Clique seines älteren Cousins. Dort lernt er Caia kennen, und ein überwältigendes Begehren ergreift den Sechszehnjährigen. Er ist überzeugt, dass Caia ein Geheimnis besitzt, und entschlossen, es in stiller Intimität ans Licht zu bringen. (Klappentext)

Rezension:

Längst ist das Salz in der Luft mit der Haut eins geworden. Die Netze haben Striemen hinterlassen und vom Bisss der Muräne bleibt eine eindrucksvolle Narbe auf der Handfläche zurück. Es ist Sommer auf der italienischen Insel Ischia und der zunächst, über weite Strecken namenlose Stadtjunge verwildert zusehens. Es sind die Beschreibungen solcher Szenen, die Erri de Luca besonders gelingen und einem in seine Geschichten eintauchen lassen.

Wer liest, nimmt in „Das Meer der Erinnerung“ die Perspektive des Jungen ein, der beobachtet und wird damit selbst zum Beobachter des Insellebens. Das Meer ist einer der Handlungsorte und steht zugleich für die nicht verarbeitete Vergangenheit, das Ungesagte, auf dessen Spurensuche sich der Ich-Erzähler begibt. Sehr schnell wird der Beobachtende zum Handelnden.

Feinfühlig verweb der Autor verschiedene Themen mithilfe kunstvoller Sprache. Ruhig, fast melancholisch ist der Sprachstil, so unerbittlich ist das Nicht-mehr-Kind und der Noch-nicht-Erwachsene zu sich selbst. Nicht geschehene Vergangenheitsbewältigung thematisiert Erri de Luca ebenso wie das Verstehen-wollen und das Nicht-begreifen-können.

Das ist sehr viel in dieser kompakten Form, wird jedoch genügend auserzählt. Das halb offene Ende wirkt hier etwas holzschnittartig und passt nicht wirklich zum Rest der Novelle. An den Themen, des vielschichtig ausgearbeiten Protagonisten liegt es nicht. Nur der Tupfen auf dem I fehlt, vielleicht versunken auf den unerreichbaren Gründen des Meeres.

Autor:

Erri De Luca wurde 1950 in Neapel geboren und ist ein italienischer Schriftsteller und Übersetzer. In zahlreichen Berufen arbeietet er zunächst und engagierte sich für Hilfslieferung während des Jugoslawien-Krieges. Autodidaktisch brachte er sich mehrere Sprachen bei, u.a. Althebräisch, womit er einige Bücher der Bibel ins Italienische übersetzte. 1989 veröffentlichte er sein erstes Buch. Im Jahr 2013 erhielt er den Europäischen Preis für Literatur, drei Jahre später den Preis des Europäischen Buches. Seine Erzählungen wurden mehrfach übersetzt. Der Autor lebt in Rom.

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Blai Bonet: Das Meer

Inhalt:

Ein folgenschweres geheimnis verbindet Andreu Ramallo, Manuel Tur und Francisca Luna seit ihrer Kindheit. In einem Sanatorium kreuzen sich Jahre später ihre Wege. Überspannt von malerischen Beschreibungen der Landschaft Mallorcas, eingebettet in die wenig bekannte Episode italienischer Faschisten auf Mallorca und ausweglos zwischen Exzessen von Bigotterie und Gewalt steuert das kurze Leben der Protagonisten auf die vorbestimmte Katastrophe zu. (Inhaltsangabe Buchrücken)

Rezension:

In einem Sanatorium kurieren Andreu Ramallo und Manuel Tur ihre Lungenerkrankung aus. Es verbindet sie jedoch mehr als das körperliche Gebrechen. Ein Geheimnis aus Kindertagen verbindet die beiden jungen Männern und die über all dem schwebende Frage der Schuld. Im Zentrum steht das Leiden, der Glaube, verbunden durch Gewalt. Im Rückblick auf das vergangene Geschehen steuern die beiden Protagonisten auf eine Katastrophe zu. Dies sind die handlungstreibenden Elemente von Blai Bonets poetischen Roman.

Der Schriftsteller schrieb diesen Roman als Kritik an die gesellschaftlichen Zustände seines Landes, welches sich damals inmitten der Militärdiktatur Francos. „Das Meer“ wurde gekürzt, durch die Selbstzensur des Autoren, sowohl als auch durch die Zensur der Behörden, die gleich ein ganzes Kapitel strichen und liegt nun erstmals in Übersetzung vollständig vor. Damals stieß Bonet dennoch in ein Wespennest, was sowohl der hoch gehaltenenen katholischen Kirche missfallen musste, als auch den damaligen staatlichen Organen. Heute sind die Themen immer noch brisant, doch alleine in der Art der Verarbeitung funktioniert der Roman „Das Meer“ nicht mehr.

Die Sprache ist beinahe zu poetisch für einen Roman und machte diesen schon zu damaliger Zeit nur schwer zugänglich. Dazu kommt die Erzählung der Geschichte aus wechselnder Perspektive, die innerhalb der recht kompakten Kapitel teilweise zeitliche Ebenen wechseln. Zudem wirkt es oft genug so, als hätte eine Figur mehrere Ich-Perspektiven. Als wäre das nicht genug, fließen auch noch kritische Anspielungen mit hinein, die wohl kaum jemand zu deuten weiß, der nicht selbst die Zeit des spanischen Bürgerkriegs oder der Franco-Diktatur erlebt hat oder sich minutiös damit beschäftigt.

Das ist viel zu viel des Guten und ist damit ein Paradebeispiel für einen Roman, der nur für ein bestimmtes Publikum geschrieben und auch nur dort seine gewünschte Wirkung entfalten kann, ein paar Jahre später allenfalls nur extrem spezialisierte Historiker oder Literaturwissenschaftler gefangen nehmen düfte. Für andere bleibt ein heute schwer zu lesendes und kaum zu verstehendes Konstrukt.

Autor:

Blai Bonet wurde 1926 geboren und war ein spanischer Schriftsteller, Dichter und Kunstkritiker. „Das Meer“ war sein erster Roman, für den er 1957 den Premi Joanot Martorell, den seinerzeit wichtigsten Preis für unveröffentlichte Prosa in katalanischer Sprache. Er starb 1997.

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Stefan Zweig: Schachnovelle

Inhalt:

Am Bord eines Passagierdampfers, auf den Weg von New York nach Buenos Aires, wird Schach gespielt. Was als Zeitvertreib wohlhabender Reisender und eines amtierenden Großmeisters beginnt, ruft traumatische Erinnerungen bei Dr. B. an seine Zeit als Gefangener der Gestapo in Wien hervor, zwischen psychischen Abgründen und perfiden Foltermethoden. (abgewandelte Inhaltsangabe)

Einordnung:

Die Rezension bezieht sich auf die klassische Reclam-Ausgabe, die die Geschichte um ein erklärendes Nachwort ergänzt.

Rezension:

Auf einem Passagierdampfer wird Schach gespielt. Das spiel der Könige erhitzt die Gemüter der Reisenden, nicht zuletzt, da ein kaum nahbarer Großmeister an Bord ist und ruft Erinnerung an vergangene Zeiten wach. Nicht gute sind das, an die Dr. B. denken muss, der sich verschüttet geglaubten Dämonen erwehren muss, als er nach Jahren nun wieder einem Schachspiel beiwohnt, sich ganz dem Schwarz und Weiß der Bewegungen hingibt.

Wer die Form einer Novelle wählt, spielt im begrenzten Raum, ist sie doch nur eine längere Form der Kurzgeschichte. Diese beherrschte der Schriftsteller Stefan Zweig meisterhaft und zeigte hier ein letztes Mal sein großes Können. Auf einem Passagierdampfer lässt er Reisende aufeinandertreffen, die sich schließlich um ein schwarz-weißes Brett zusammen findet, welches längst vergrabene Erinnerungen wieder an die Oberfläche kehrt. Das Schachspiel ist hier das Dingsymbol, Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, wie auch die Figuren Pole zueinander bilden.

Der Kampf zwischen Schwarz und Weiß, Gut und Böse, das miteinander Ringen, das strategische Ausspielen und Vorausdenken, bringt Zweig jedoch nicht nur in den Bewegungen der Figuren zum Ausdruck, überträgt sie auch im besonderen auf einem der Hauptprotagonisten, dessen Schweißtropfen auf der Stirn, zitternde Hände man förmlich vor sich sehen kann, bevor die Katastrophe naht.

Hier kann froh sein, wer die Verfilmungen nicht kennt oder, noch mehr, zu Schulzeiten mit der Lektüre nicht gequält wurde. Unbefangen sollte man an die Novelle herangehen, die sehr kopflastig daherkommt und in die Zweig noch einmal alle Ängste und Befürchtungen hineingepackt hatte, bevor er Suizid begang.

Noch Monate sollte es dauern, bis mit der Kapitulation der Deutschen in Stalingrad der Zweite Weltkrieg eine Wendung nehmen sollte. Der Schriftsteller, der sich fast sein ganzes Leben lang für den Frieden eingesetzt hatte, hatte vorher schon längst alle Hoffnung verloren.

Diese Verzweiflung, diesen Schmerz spürt man zwischen jeder einzelnen Zeile, dabei erfährt man auch vieles über die grausamen Methoden der gestapo und was psychische Folter mit Menschen macht. So ist es keine Lektüre, die man eben mal sich zu Gemüte führen sollte. Stefan Zweig verlangt Aufmerksamkeit und Konzentration, lässt sich jedoch, rein vom Schreib- und Erzählstil her, im Gegensatz zu anderen Schrifstellenden seiner Zeit immer noch gut lesen.

Die Ausarbeitung der wenigen Charaktere ist hier gelungen, besonders der Fokus auf den Hauptprotagonisten, der sich auf einem erzählerischen Monolg konzentriert. Für diese art des Erzählens, die mitunter sehr kopflastig daherkommt, sollte man allerdings offen sein, damit dies funktioniert.

Der Abschluss indes wirkt nicht ganz so rund. Nun gibt die Form einer Novelle aus Platzgründen nicht unbedingt viel her, der Zustand Stefan Zweigs beim Schreiben muss hier ebenfalls berücksichtigt werden, dennoch ist mir die Geschichte beinahe zu einfach aufgelöst. Während die Beschreibungen, selbst von Partien, hier spannend wie einzelne Krimis wirken, ist die Auflösung recht simpel. Vielleicht kann man es so sehen: Das Schachspiel wird hier zum ersten Mal durchbrochen.

Autor:

Stefan Zweig wurde 1881 in Wien geboren und war ein österreichischer Schriftsteller. Er verfasste Gedichte, Erzählungen und Romane, Theaterstücke und Essays, war überdies als Übersetzer und Herausgeber tätig und schrieb Beiträge für diverse zeitungen und Zeitschriften. Von 1919 an lebte er in Salzburg, welches er nach Hitlers Machtergreifung 1934 verließ. Fünf Jahre später nahm er die britische Staatsbürgerschaft an. 1940 verließ er Europa entgültig. 1942 nahmen er und seine Frau sich in Petropolis/Brasilien das Leben. Kurz zuvor hatte Zweig das Manuskript „Schachnovelle“ an seinen Verleger versendet

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Andreas Moster: Kleine Paläste

Inhalt:

Mehr als dreißig Jahre haben sich die früheren Nachbarskinder Hanno Holtz und Susanne Dreyer nicht gesehen. Als jugendlicher verließ Hanno die heimatliche Kleinstadt urplötzlich, nun ist er zurückgekehrt, um sich nach dem Tod der Mutter um den Vater zu kümmern. Unsicher streift er durch eine Welt, die im näher und fremder nicht sein könnte. Susanne sieht ihm dabei zu.

Seit Jahrzehnten hat sie das Haus der Familie Holtz nicht aus den Augen gelassen. Als sie Hanno ihre hilfe anbietet, treffen Erinnerungen an ein Fest im Sommer 1986 aufeinander. Niemand blieb damals unversehrt – und niemand kann nun verhindern, dass immer mehr Licht durch die Risse der kleinen Paläste dringt. (Klappentext)

Rezension:

Das Haus herausgeputzt, den Sohn vor versammelter Nachbarschaft dazu angetrieben, sein Instrumentenspiel vorzuführen. Schiefe Töne, schiefe Blicke. Des Nachbarsmädchens und der Nachbarn, jene Gemeinschaft, die sich allesamt näher sind als sie glauben und doch wie Geier einander umkreisen. Nur keine Schwäche zeigen. Nur die Fassade wahren. Keinen Blick dahinter zulassen.

Der Übersetzer und Schriftsteller Andreas Moster hat sie geschrieben, diese Erzählung, die nach und nach unter die Haut geht, niemanden unberührt lässt. Es ist ein leiser Roman, zumindest zu Beginn beinahe unscheinbar. Langsam ist das Erzähltempo, doch schon die ersten Kapitel fordern die Lesenden heraus.

Perspektiven wechseln ebenso abrupt, wie Zeitebenen, ohne dass dies besonders gekennzeichnet wäre. Nur in der Draufsicht bemerkt man, wer wen beobachtet. Erinnerungen werden aus der Sicht der Protagonisten, alles kreist um die beiden Hauptfiguren, die nach und nach das Puzzle der Vergangenheit freisetzen, klarer.

Dieser Gesellschaftsroman zeigt die typische Dynamik einer Kleinstadt auf, in der alle einander zu kennen glauben und doch, einmal aufgedeckt, nichts mehr ist, wie es mal war. Die Fallhöhe der Protagonisten, in die der Autor mit immer schnelleren wechseln, die jedoch allesamt nachvollziehbar bleiben, ist unglaublich hoch.

Die Lesenden beobachten, was über Jahrzehnte zwischen den beiden Hauptfiguren unausgesprochen bleibt. Als würde man direkt in deren Umgebung sein und einem Konflikt beiwohnen, der nur sie etwas angeht. Hölzern, fast linkisch, scheu begegnen sie sich zunächst und spielen sich ein. Ein Team wider Willen und doch willens. Mit inneren ungelöst aufgestauten Konflikten.

Sprachlich ist das so unscheinbar ausgearbeitet, dass einzelne Sätze einem mit einer Wucht überfallen, die man nicht erwartet, die einem nachdenklich werden lassen. Was wäre, wenn Unaussprechliches in unserer unmittelbaren Nachbarschaft geschehen würde?

Was würde passieren? Wie würden Verhältnisse sich neu ordnen? Welche Bindungen wären nicht mehr zu kitten? Was wäre für immer zerstört? Wie hätte man eingreifen, bestimmte Dinge verhindern können? Große Fragen, die Protagonisten beginnen zu Beginn der Geschichte die Verarbeitung.

Jeder Handgriff am pflegebedürftigen Vater Hannos, jeder Handgriff am renovierungsbedürftigen Elternhaus steht symbolisch dafür. Der leise Schrei, der hätte laut sein sollen, aber nie die Chance dazu hatte, so zu werden. Andreas Moster ist das Kunststück gelungen, dies auf Papier zu bringen.

Autor:

Andreas Moster wurde 1975 in der Pfalz geboren und ist ein deutscher Übersetzer und Schriftsteller. Zunächst studierte er Englische Philologie, Geschichte und Kommunikationswissenschaften und arbeitete danach als freier Übersetzer. 2017 erschien sein erster Roman „Wir leben hier, seit wir geboren sind“. Er lebt mit seiner Familie in Hamburg.

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Daniel Lee: Der Sessel

Inhalt:

Ein unglaublicher Fund: In einem Sesselpolster werden Jahrzehnte nach Kriegsende persönliche Papiere des SS-Offiziers Robert Griesinger entdeckt. Wie kamen sie dorthin? Wer wollte sie verstecken? Der Historiker Daniel Lee nimmt den Faden auf und begibt sich auf eine abenteuerliche Recherchereise. Nach und nach setzt er aus einzelnen Puzzleteilen ein ganzes Leben zusammen und schildert, wie aus einem pflichtbewussten Beamten und Familienvater ein ganz normaler Täter werden konnte. Eine fesselnde Erzählung über Schuld und Verantwortung, Erinnern und Vergessen. (Klappentext)

Rezension:

Was die oberen Hierarchie-Ebenen der für den Zweiten Weltkrieg und des Holocausts verantwortlichen Akteure betrifft, ist die Verarbeitung der Geschehnisse und ihrer Folgen weit vorangeschritten, wenn auch dieser fortlaufende Prozess nie ganz abgeschlossen sein wird. Anders sieht es mit der Betrachtung derer aus, auf die sich das NS-Regime stützen konnte.

Warum unterstützten tausende Menschen ein System der willkür, Unterdrückung und des Unrechts? Wie viel wussten die Schreibtischtäter, die vielleicht nicht selbst mordeten, jedoch Befehle bekanntmachten, Verordnungen umsetzten? Was konnte der Einzelne bestimmen und wo entzog sich den Beamten, behördlichen Angestellten die Kontrolle? Wie nutzten die Nationalsozialisten die Menschen für sich?

Ein loser Stapel Dokumente, eingenäht im Stoffpolster eines Sessels, machte den britischen Historiker Daniel Lee neugierig? Zu wen gehörten die Papiere? Wer war der Mensch hinter den Schriftstücken? Warum wurden diese versteckt? Welche Geschichte können diese noch erzählen und wie viel Recherche ist notwendig, um die einzelnen rätselhaften Teile zusammen zu setzen? Herausgekommen ist ein zweiteiliges Porträt, eines über die Person Robert Griesinger, dessen Leben der Autor nachspürt, zum anderen eines über die Arbeitsweise des Historikers selbst.

Verwoben erzählt Lee in diesem Sachbuch mit sehr unscheinbaren Titel, wie ein diffuses Bild immer klarer an Kontur gewinnt und beantwortet dabei nach und nach die zu Eingang gestellten Fragen, nach den unteren Ebenen, auf die sich die Nationalsozialisten stützen konnten, aber auch, welche Rechercheleistung notwendig ist, um den Fragestellungen zu ihren komplexen antworten zu verhelfen und wo die Grenzen für einen Historiker liegen, selbst wenn der Gegenstand verhältnismäßig jüngere Geschichte darstellt.

Sehr kleinteilig beschreibt der Autor seine Suche, die der Leserschaft Konzentration abverlangt, dieser zu folgen, jedoch nicht langatmig daherkommt. Lee weiß spannend zu erzählen, jedoch sachlich zu argumentiere und Fragen, nicht nur der Nachfahren der Person Robert Griesinger, zu beantworten. Auf diesen Ebenen ein wichtiger Beitrag zur weiteren Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs und Holocausts, aber auch wichtig, um Laien zu verdeutlichen, wie wichtig die Arbeit von Historikern ist, v. a. wie sie funktioniert.

Autor:

Daniel Lee ist ein britischer Historiker, dessen Forschungsschwerpunkte der Zweite Weltkrieg, der Holocaust, die Geschichte der Juden in Frankreich und Nordafrika darstellen. Nach seiner Promotion lehrte er u.a. in Yad Vashem und am United States Holocaust Memorial Museum. Derzeit unterrichtet er in London und verfasst regelmäßig Beiträge für die BBC.

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Anja Goerz: Wenn ich dich hole

Wenn ich dich hole Book Cover
Wenn ich dich hole Anja Goerz Erschienen am: 23.10.2020 dtv Seiten: 256 ISBN: 978-3423-21833-7

Inhalt: Ein abgelegenes Haus in Nordfriesland.

Ein Schneesturm, der jedes Vorankommen unmöglich macht.

Ein kleiner Junge in größter Gefahr.

Eine ganze Familie wird von den Schatten der Vergangenheit eingeholt.

(Klappentext)

Rezension:

Familiengeschichten funktionieren in Kriminalromanen sehr gut, zumal, wenn die schreibende Person, die Handlungsorte gut kennt und so eröffnet sich gleich mit den ersten Seiten von „Wenn ich dich hole“, ein atmospärischer Krimi, der uns Lesende in die Gefilde Nordfrieslands einführt. Handlungsort ist die winterlische Idylle eines kleinen Ortes, in dem sich bei beginnender Dunkelheit Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

Die Düsterheit der Handlung ist schon mit den ersten Zeilen zu spüren. Erzählt wird aus wechselnder Perspektive und mit Hilfe von Zeitsprüngen ein klassisches Familiendrama. Ein Geheimnis, ein sich darauf aufbauender, langsam hochschaukelnder Konflikt, vorangetrieben durch, leider, klischeehafte Figuren.

Die dörfliche Zusammensetzung ist gut dargestellt. Auch die Dynamik innerhalb einer kleinen, oberflächlich zusammenhaltenden Gemeinschaft ist fassbar, die mit zunehmender Anzahl der kurzweiligen Kapitel ihre Risse offenbahrt. Die Beschränkung auf wenige Hauptprotagonisten ist hier sehr gelungen, für die Kürze der Geschichte jedoch auch notwendig. Dazu ein wenig norddeutsches Platt. Fertig ist der wohlig-schaurige Provinzkrimi.

Die Kapitel vermögen das Lesepublikum bei Stange zu halten, jedoch vermag der kaum unerträglich werdende Nervenkitzel, der sonst in diesem Genre zu finden ist, kaum aufkommen. Die Autorin hat hier eine sehr ruhige Art, eine Geschichte zu erzählen, an den Tag gelegt, leider mit den zeitlichen Rückblicken der Gedankenwelt einer der Protagonisten sehr schnell die Auflösung verraten. Anja Goertz hat sich hier leider selbst gespoilert, was selbst unerfahrenen Krimi-LeserInnen ins Auge stechen dürfte.

Der Verlag ordnet die Geschichte, deren Ende durchaus eine Fortsetzung zulässt, als Thriller ein. Kriminalroman wäre wahrscheinlich das passendere Genre. Dennoch, wer gerne norddeutsch angehauchte Krimis liest, sich von manchem Klischee nicht stören lässt, für den der Weg zum Ziel, nicht die Auflösung selbst wichtig ist, der findet hier Lesestoff, wenn er auch den Spannungsbogen, nun ja, nicht überspannt.

Autorin:

Anja Goertz wurde 1968 in Niebüll geboren und ist eine deutsche Hörfunkmoderatorin und Autoin. Nach ihrer Arbeit als Fotografin begann sie 1989 ein Praktikum bei Radio Schleswig-Holstein, arbeitete als Reporterin und Moderatorin für verschiedene Rundfunkformate. 1994 wechselte sie zu N-Joy, vier Jahre später zu Sat1.

Später erarbeitete sie Content für verschiedene Radiosender. Parallel ist Goertz als Sachbuch- und Romanautorin tätig. 2011 erschien ihr Debütroman, 2014 ihr Sachbuch „Der Osten ist ein Gefühl“. „Wenn ich dich hole“, ist ihr Krimi-Debüt.

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Antoine Leiris: Danach, das Leben

Danach, das Leben Book Cover
Danach, das Leben Antoine Leiris S. Fischer Erschienen am: 07.10.2020 Seiten: 192 ISBN: 978-3-10-397044-9 Übersetzerin: Doris Heinemann

Inhalt:

Fünf Jahre nach dem Tod seiner Frau im Pariser Bataclan erzählt Antoine Leiris, wie er ins Leben zurückfand. Für seinen Sohn und gemeinsam mit ihm.

Eines Morgens, ein Jahr danach: Antoine packt die Schätze, die ihm von Helene geblieben sind, in schwarze Säcke. Zusammen mit dem kleinen Melvil trägt er sie nach unten, um sie den Müllmännern zu übergeben. Keine Tränen – Melvil ist stolz, seinem Vater zu helfen. Für Antoine ein Akt der Befreiung, des Loslassens, ein Schritt zurück ins Leben.

Einer von vielen. So zieht sich der Schmerz Stück für Stück zurück, mit jedem Jahr, das vergeht. Doch obwohl die Trauer verblasst, wird Helene ihn nie verlassen. Sie bleibt wie ein guter Geist, die Erinnerung an eine einzigartige Liebe. Er aber ist ein anderer geworden. Ein liebender Vater, der wieder gelernt hat, unbeschwert mit seinem Sohn zu lachen. Gemeinsam sind sie stark, besiegen die Dunkelheit. Ein wahrhaftiges Buch über Trauer, die Liebe und das Leben. (Klappentext)

Rezension:

Plötzlich schien Frankreich für einem Moment still zu stehen. Unzählige Terroranschläge hatte es bereits in Europa gegeben. Am 13. November 2015 wurde die quirlige Stadt an der Seine mitten ins Herz getroffen. Terroristen töteten im Bataclan-Theater 89 Menschen. Unzählige weitere mussten in den umliegenden Cafes udn Restaurants sterben. Mit einem Mal wurden Menschen aus dem Leben gerissen, Familien zerstört. Auch Antoine Leiris‘ Glück endete schlagartig, als seine Frau dabei ums Leben kam.

Der Journalist und junge Familienvater tut das, was er am besten kann, schreibt sich seine Trauer von der Seele. Entstanden ist der Text „Meinen Hass bekommt ihr nicht“, später daraus ein Theaterstück. Doch, kann es danach weitergehen? Zuerst nur unmerklich, dann mit immer größeren Schritten findet Leiris ins Leben zurück und beginnt vom Neuen. Für sich. Für seinen kleinen Sohn.

Zu Beginn liest er sich schleppend, der Text, der als Prosa daherkommt und dennoch als Sachbuch vermarktet wird. Literarisches Sachbuch ist das eher, diese Trauerarbeit in Schriftform. Man merkt den Text die anfängliche Schwere an, wenn sich Tage ziehen und sich jede noch so kleine Tätigkeit schwer anfüllt. Immer wieder schweifen die Gedanken des Autors zurück, an das was war.

Durchbrochen nur von den Launen, dem Lachen, dem Weinen seines kleinen Sohnes. Verbindungsglied zu einem vergangenen Leben, gleichsam Dreh- und Angelpunkt des Textes. Um Melvil dreht sich alles, muss sich drehen. Für den kleinen Sohn muss es weitergehen, darf der Vater nicht aufgeben und muss sich wieder ins Leben zurückfinden.

Hart zu lesen. Starker Tobak ist das, Zeile für Zeile. Doch, die harte Schale wird aufgebrochen. Immer sensibler werden die beschriebenen Momente. Der Blick des Trauernden, die Perspektive des Autoren beginnt die Vergangenheit zu nehmen und auf das Zukünftige zu fixieren. Förmlich spürt man es beim Lesen, wie das Schreiben leichter von der Hand ging, mit zunehmender Seitenzahl.

Es gibt nur diese eine Perspektive, andere umgebende Menschen werden beobachtet. Deren Leben dreht sich ja auch weiter. Der Sohn noch zu klein, um zu ahnen, dass auch ihn das alles betrifft. Bleibt nur die Frage, warum jemand anderes das lesen soll, lesen möchte? Einen solch persönlichen Text, der alles frei legt. Beinahe zu viel des Gutem?

Lesbar für all jene, die selbst etwas zu verarbeiten haben oder hatten, die versuchen, einen unbegreiflichen Schicksalsschlag irgendwie zu fassen, sich für sich selbst oder für andere wieder aufrappeln wollen, müssen. Dann funktioniert dieses kleine Werk, in dem viel Großes Steckt wunderbar. Alle anderen Lesenden ist „Danach, das Leben“ nur mit Vorsicht zu empfehlen.

Wer möchte sich schon freiwillig von melancholischer Schwere, zumindest zu Beginn, erdrücken lassen?

Autor:

Antoine Leiris wurde 1981 geboren und ist ein französischer Journalist. Zunächst arbeitete er für den Radiosender France Info, bevor er 2014 kündigte, um einen Roman zu schreiben.

Stattdessen veröffentlichte ernach dem Tod seiner Frau, die bei dem Anschlag auf den Pariser Bataclan ums Leben kam, seinen Text „Meinen Hass bekommt ihr nicht“, der zu einem Theaterstück verarbeitet wurde. Seit 2018 arbeitet er als Redenschreiber für die Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Mit seinem Sohn lebt Leiris in Paris.

Antoine Leiris: Danach, das Leben Weiterlesen »