Inhalt: Schulen, Straßen, Stiftungen, Forschungsinstitute und sogar ein Mondkrater tragen seinen Namen. Zu Recht: Mit seiner genialen idee der Kontinentaldrift legte Alfred Wegener im anbrechenden zwanzigsten Jahrhundert den Grundstein für die Theorie der Plattentektonik und bewies bei seinen spektakulären Grönlandexpeditionen einen Wagemut, der seinesgleichen nur bei großen Polarhelden wie Amundsen, Scott & Co. findet. (Klappentext)
Rezension: Immernoch gab es im ausgehenden 19. Jahrhundert weiße Flecken auf der Landkarte und Raum für große Abenteuer, doch war dies auch die Zeit für bahnbrechende natur- und geowissenschaftliche Überlegungen. Und die Jahre großer Männer, die wissenschaftliche Untersuchungen noch vor Geltungsdrang stellten. Der Journalist und Schriftsteller Günther Wessel hat einem der großen dieses neuen Typus‘ Wissenschaftler mit dem vorliegenden Sachbuch ein Denkmal gesetzt.
Alfred Wegener, dessen Name heutzutage eine Vielzahl von Orten und Institutionen tragen, war von Kindesbeinen an ein Mensch voller Forscherdrang, der sich schon früh Naturbeobachtungen widmete und zielstrebig bereits vor dem Ersten Weltkrieg in Kontakt mit der Polarforschung kam. Schon 1906 nahm er an einer von Dänen organisierten Forschungsreise nach Grönland teil. Die zweite folgte nur wenige Jahre später. Durch Wetterbeobachtungen, naturwissenschaftlichen Messungen aus Ballonfahrten heraus, machte er sich einen Namen, anfangs belächelt wurden seine Ideen von der Kontinentaldrift, die jedoch grundlegend sein sollte.
Dies beschreibt Günther Wessel in seinem beinahe literarisch anmutenden Sachbuch, ebenso warum es Wegener und andere immer wieder, teils verbundenen mit enormen menschlichen Strapazen, ins ewige Eis zog und dabei von Erfrierungen bis hin zum eigenen oder den Tod von Kameraden praktisch alles in Kauf nahmen und dabei beinahe unmenschliche Leistungen vollbrachten. Eingebettet im zeithistorischen Kontext und der, der wissenschaftlichen Entwicklung ist so viel mehr als nur die Biografie eines Abenteurers entstanden.
Kurzweilig lesen sich die Kapitel, aufgelockert durch Karten und Bildmaterial am Ende des Textes, welche uns gut recherchiert nicht nur Strapazen im Grönlandeis darlegen, sondern uns auch an den kleinen Triumphen Wegeners teilhaben lassen. Doch der Autor geht auch kritisch mit der Zeit und Alfred Wegener um. Günther Wessel stellt dar, warum andere Expeditionen nicht selten in Tragödien endeten und weshalb der Naturwissenschaftler, der als einer der wenigen seiner Zeit über die Grenzen seines Fachs hinaus dachte, am Ende nicht nur, aber eben auch an sich selbst scheiterte, trotzdem unvergessen bleibt.
Eine Biografie, die gleichsam Abenteuerbericht, Naturwissenschaftsgeschichte vereint und sich zuweilen wie ein Krimi liest, über Alfred Wegener, der Theorie und Praxis wie kein zweiter miteinander vereinbaren konnte, ist dieses hervorragende Sachbuch. Und zugleich ein Mahnmal, dass am Ende die Natur die Oberhand behalten wird. In welcher Form auch immer.
Autor: Günther Wessel wurde 1959 geboren und ist ein deutscher Journalist und Schriftsteller. Zunächst studierte er Germanistik und Philosophie, bevor er ein Volontariat in einem Sachbuchverlag absolvierte. Seit den 1990er Jahren schreibt er Reiseführer und Biografien, dazu Hörfunkfeatures für verschiedene Rundfunkanstalten. Als Sachbuchrezensent ist er regelmäßig bei Deutschlandradio Kultur zu hören. Von 1998 bis 2001 berichtete er aus den USA über US-amerikanische Kultur und Politik. Es folgten Stationen in Brüssel und Berlin. Er wurde verschiedenfach ausgezeichnet, u. a. mit dem ITB Buch Award, 2018.
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nhalt: Sommer 1931. Das Luftschiff Graf Zeppelin steigt zu seiner aufsehenerregenden Forschungsfahrt über noch unentdeckte Polargebiete auf. Wie gelang es der Gesellschaft Aeroarctic, das Projekt zum Erfolg zu führen – trotz enormer politischer und wirtschaftlicher Hürden? Und was hat es mit dem Mythos auf sich, der nach der Expedition entstand?
Rezension: Zwischen den beiden Weltkriegen eröffnete sich ein kurzes Zeitfenster, der vielzitierte Mantel der Geschichte, in dem Pioniergeist und Kooperation zwischen Ländern möglich war, die sich später spinnefeind werden sollten, noch aber ihre Rolle suchten. Dies galt vor allem für Deutschland auf der einen Seite, dem kaum ein anderer Spielraum als den der Wissenschaft blieb, um sich international wieder Bedeutung zu verleihen, als auch für die Sowjetunion, die nach Jahren des Bürgerkriegs ebenso in der großen Politik isoliert gewesen ist. Da kam dieses ambitionierte Projekt gerade Recht.
Mit einem Zeppelin wollten Wissenschaftler die Arktis erkundigen. Doch vorab galt es riesige wirtschaftliche und politische Hürden zu bewältigen. Die Ingenieurwissenschaftlerin Barbara Schennerlein berichtet in ihrem gut recherchierten Sachbuch von diesem einmaligen, sehr besonderen und heute fast vergessenen wissenschaftlichen Unternehmen.
LZ 127 Graf Zeppelin, dieser fabelhafte, silberne Fisch, der da ruhig im Ozean der Luft schwamm, diese Märchenerscheinung, die mit der silbrigen Himmelsbläue in eins zu verschmelzen schien.
Hugo Eckener
Die Faszination Eis ist heute immer noch etwas, in der große Pioniertaten möglich sind, doch galt dies im besonderen Maße zu einer Zeit, als die Flugtechnik am Anfang ihrer Entwicklung stand und noch immer große Teile der Landkarte schwer zugänglich waren oder noch gänzlich unbekannt. Detailliert beschreibt die Autorin, wie Männer aus unterschiedlichen Beweggründen zur Zusammenarbeit fanden und über nationale Grenzen, die heute noch starrer waren als damals, begannen ein Projekt von bis dato nicht bekannter Größenordnung zu formen, mit denen man neue Grundlagen für die Wissenschaft legen, andererseits aber auch die Tauglichkeit des Luftschiffs für die Polargebiete unter Beweis stellen wollte.
Doch, wie nachhaltig war dieses Projekt eigentlich, welche Fallstricke mussten Männer wie Walther Bruns oder Huho Eckener, zeitweise auch Fridtjof Nansen überwinden, ob politischer oder wissenschaftlicher Natur, was genau wollte man überhaupt erkunden, wo doch so viele offene Fragen vor allem einen engen finanziellen Spielraum gegenüber stehen sollten. Die Autorin zeigt auf Grundlage intensiver Recherchen das Werden eines internationalen Projektes, welches so erst Jahrzehnte später wieder möglich sein sollte. Dabei nutzt sie eine, teilweise erst durch sie, zusammengeführte Quellenlage, ergänzt durch vielseitiges Karten- und Bildmaterial, um uns in diese Zeit eintauchen zu lassen, die von Pioniergeist bestimmt gewesen ist.
Das liest sich fast filmisch, zu weilen wie ein dicht gepackter Krimi. Sehr detailliert beleuchtet Barbara Schennerlein das „Zeppelin-Arktis-Projekt“, und die Ergebnisse der daraus resultierenden Forschungen, die in Teilen noch später von der Fachwelt gewürdigt wurden und Basis für weitere wissenschaftliche Arbeiten bilden sollten. Sie zeigt aber auch den sehr steinigen Weg von Vorhaben dieser Größenordnung in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten und welche Auswirkungen das Mit- und Gegeneinander verschiedener Interessen hatte, sowie warum nur für einen kurzen aber bezeichnenden Moment der Geschichte der Zeppelin das Mittel der Wahl gewesen ist.
Zusammengefasst ergibt sich eine spannende wissenschaftliche, aber durchaus literarisch zu lesende Dokumentation, die man mit diesem Sachbuch in den Händen hält. Die Faszination Arktis und Begeisterung für die technische Pionierleistung, die hier beschrieben wird, schimmert in jeder einzelnen Zeile durch. Wer einen heute fast vergessenen Aspekt der Polarforschung, unter deutscher Federführung wohlgemerkt, erkunden möchte, ist diese Lektüre wohl zu empfehlen.
Autorin: Barbara Schennerlein ist eine deutsche Integnieurwissenschaftlerin und Autorin. Sie forscht zur Geschichte der Erschließung der Polarregionen und war Mitglied einer kleinen Forschergruppe, die die seit Jahrzehnten verlassene Polarstation Buchta Tichaja zu neuem Leben erweckten. Bevor sie sich vollständig den Studien zur Polargeschichte widmete, arbeitete sie viele Jahre in der Software-Branche.
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In den Sommern unserer Kindheit haben viele von uns innerhalb kurzer Zeit ganze Phantasiewelten erschaffen. Plötzlich tummelten sich dort, wo zuvor nur graue leblose Fläche war, Tiere und Menschen und es entstanden bunte Landschaften aus Kreidestaub, die im besten Fall erst mit dem nächsten Regen verschwanden, so dass dann Platz für neue Bilder geschaffen war. Kreide war eines der ersten Zeichenmittel, zusammen mit Holzkohle ist es noch heute zudem eines der günstigeren. Beide Zeichenmaterialien genügen dem amerikanischen Straßenkünstler David Zinn, im urbanen Raum wunderbare und witzige Motive entstehen zu lassen.
Quelle: @davidzinnstreetart (Youtube)
Von der posierlichen Maus bis hin zum geflügelten Schwein, welche nur aus einem bestimmten Blickwinkel mit 3D-Effekt lebendig zu werden scheinen. In seinem Buch „Vorsicht an der Bordsteinkante! – Neue Streetart“, in der deutschen Übersetzung von Angelika Arend beim Mitteldeutschen Verlag erschienen, zeigt er einige seiner gelungensten Motive, die er vor allem in Ann Arbor, seiner Heimatstadt im US-Bundesstaat Michigan nicht nur auf Gehwegen und Bordsteinkanten geschaffen hat. Und da Kunst bekanntlich im Auge des Betrachtenden liegt, ich überdies finde, dass man diese kleinen Kunstwerke unbedingt auf sich wirken lassen sollte, gibt es diesmal ohne Wertung diesen wunderbaren Buchtipp von mir.
Quelle: @davidzinnstreetart (Youtube)
In diesem sind die Ergebnisse zu sehen, nach Fertigstellung abfotografiert, da die meisten Bilder David Zinns schon des verwendeten Materials wegen, vergänglich sind. Dies macht den Reiz für den Straßenkünstler aus, ebenso mit den Phantasiewesen unserer Kindheit zu spielen oder, anders formuliert, dahin wieder zurückzufinden und praktisch auf der Straße vor sich hin zu doodlen. Unter Einbeziehung dessen, was wir Menschen geschaffen haben, mit Schraffuren und Rissen, sogar Gullideckeln oder dem sich durch die Gehwegritze kämpfenden Unkraut.
Mit seinen Zeichnungen möchte David Zinn anregen, es ihn gleichzutun, wieder kindliche Phantasie lebendig werden zu lassen und selbst kreativ zu werden. Gerade wenn es einem vor der großen Leinwand graut, aber natürlich von einem geflügelten Wesen, welches einem Comic entsprungen zu sein scheint, es einem niemand vorschreiben kann, wie das auszusehen hat.
Posierliche Mäuse, Hamster, Aliens, Drachen und geflügelte Schweinchen aus Straßenmalkreide – Zinns fantasievolle Wesen wirken, als seine sie Kinderbüchern entsprungen und lebendig geworden. Seine Zeichnungen integriert er ins Stadtbild: Hier betreibt Sluggo „Fliegenfischerei“ an einem Himmelsloch, dort liefert Phil ein Geschenkpaket an die Unterwelt und wieder woanders schiebt sich eine kurzsichtige, sechsbeinige Grasschwanzechse übers Pflaster. Was er zeichnet, fotografiert der amerikanische Straßenkünstler. Die schönsten Motive seiner Arbeit sind nun in diesem Bildband versammelt. (Klappentext)
Inhalt: Erich Kästner (1899-1974), dessen Todestag sich 2024 zum 50. Mal jährt, war ein deutscher Kinderbuchautor. Bücher wie „Pünktchen und Anton“ (1931) oder „Das doppelte Lottchen“ (1949) wurden geliebt, millionenfach verkauft, vielfach verfilmt – und sind noch immer nicht vergessen. Kästners Leben Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre lässt sich als Komödie erzählen. Er schrieb in kurzer Zeit drei Gedichtsbände, die ihn zum Liebling der Leser und vor allem der Leserinnen machten. Er wurde mit „Emil und die Detektive“ (1929) über Nacht weltberühmt. Und er verdiente sehr viel Geld.
Was in Vergessenheit geriet, Erich Kästner war in seinen letzten Lebensjahren ein tieftrauriger mensch, der zusehends versteinerte. Davon handelt dieses Buch. Es erzählt, wie es dazu kam: dass einer, der allen Grund hatte, glücklich zu sein, einsam starb. (Klappentext)
Rezension: Die Figuren seiner Bücher unterscheiden sich. Trennlinien lassen sich ziehen, zwischen denen, die in seinen Büchern für Erwachsene und für Kinder eine Rolle spielen, noch mehr Unterschiede zwischen den Zeilen entdeckt man, wenn man die Texte des berühmten Schriftstellers in jene unterteilt, die dieser vor und nach Kriegsende geschrieben hat. So erfährt man viel, jedoch nicht all das, warum ihn, der geblieben war, um Zeitzeuge zu sein, nach 1945 zu sehr die Worte fehlten. Der Schriftsteller Gregor Eisenhauer begibt sich auf Emils Spuren und folgt dem Idol seiner Kindheit. Daraus entstanden ist diese Biografie Erich Kästners letzter Jahre.
Es ist eine ungewöhnliche Annäherung an eine große Persönlichkeit. Viele biografische Schriften weisen eine weit nüchterne Tonalität auf, als diese, die sehr individuell daherkommt. Der Autor nähert sich über seine eigene Gefühlswelt für die Texte, für die Person Kästners und seiner Werke einem Leben, welches von Glück durchdrungen schien. Gregor Eisenhauer aber blickt hinter die Fassade.
Diese bekommt erste Risse, so erfahren wir, bereits zu Beginn seiner journalistischen und später schriftstellerischen Laufbahn, die rein karriertechnisch die Erfolgsspur lange nicht verlässt. Über diese Risse wird er erst später Andeutungen verlauten lassen. Erdrückende Mutterliebe, die ihn bis über deren Tod hinaus, die Luft zum Atmen nimmt.
Diese Fakten und all das, was da kommt, sind bereits bekannt, neu ist jedoch die Einordnung und auch Gegenüberstellung gegenüber den Personen, ohne die Erich Kästner nicht sein konnte, aber auch, die ohne ihn nicht sein wollten. Auch die Inbezugnahme Kästners literarischer Arbeiten im Blick auf dessen letzter Jahre ist so bisher noch nicht zu lesen. Immer wieder schimmert der persönliche Bezug des Autoren zu Erich Kästner hindurch, der sich einer fundierten Quellenlage bedient hat und erläutert, wie und warum Schaffenskraft in den Hintergrund trat oder auch, dass eine große Buch, welches alle nach dem Krieg von ihm erwartet hatten, von Kästner nicht geschrieben werden konnte.
In kurzen übersichtlichen und kompakten Kapiteln verfolgt Gregor Eisenhauer mehrere Möglichkeiten der Annäherung und die Frage, was Erwartungen mit einem der Großen gemacht haben, die dieser nicht erfüllen konnte, zudem nachdem immer mehr Ursachen sich mit den Jahren ihn in den Vordergrund geschoben haben. Wer gleich Emil sich auf diese Spurensuche begeben möchte, ist mit der Lektüre hier gut bedient.
Autor: Gregor Eisenhauer wurde 1960 in Mosbach geboren und ist ein deutscher Schriftsteller und Journalist. Er studierte zunächst Germanistik in heidelberg und promovierte anschließend in Berlin in Philosophie. Er ist verfasser von Romanen und Erzählungen, sowie Rundfunk-Features und erhielt 1996 ein Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg. Für den Berliner Tagesspiegel schreibt er regelmäßig Nachrufe zu verstorbenen Menschen.
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Inhalt: Nur wenige Stunden nach seiner Geburt wurde der kleine Tobias mit dem Hubschrauber in die Kinderklinik geflogen. Es sollte der erste von vielen Krankenhausaufenthalten in seinem Leben werden. Elisabeth König beschreibt in ihrem Buch authentisch und berührend das Leben ihres schwerbehinderten Sohnes Tobias, den man in der Klinik immer „der kleine König“ nannte.
Rezension: Mit einer Mischung aus Biografie, Lebensbericht und Lebenshilfe hat die Religionspädagogin Elisabeth König dem kurzen Leben ihres Sohnes Tobias ein beeindruckendes und berührendes Denkmal gesetzt. Aus Erlebnisberichten, geschrieben aus dessen Sicht, ursprünglich nur für dessen Ärzte und Therapeuten gedacht, ist das mutmachende Zeugnis eines jungen Lebens entstanden, welches hier gebunden zwischen Buchdeckeln vorliegt.
Bis zur Geburt scheint noch alles in Ordnung, als im Kreissaal plötzlich Hektik ausbricht. Sauerstoffmangel macht dringendes Handeln notwendig, als Tobias das Licht der Welt erblickt und eine Kette von Ereignissen in Gang setzt, die die junge Familie fortan auf die Probe stellen wird, aber auch zeigen, wie sehr diese Menschen zusammenschweißen können. Der Alltag wird von nun an zur steten Herausforderung, ob beim Hausbau oder der Organisation von Therapien und Krankenhausaufenthalten. Eine Auswahl dieser schildert die Autorin in ihrem Buch. Steter Halt und strukturgebend für die Familie und nicht zuletzt für sie selbst, der Glaube.
Hierbei wird das Lesen zur Herausforderung, wenn man selbst dieses Fundament nicht hat, aufgrund anderer Sozialisation. Beeindruckend ist es, wie die Königs daraus Kraft gezogen haben, um schier Unmenschliches zu ertragen und zu leisten. Das geht unter die Haut, lässt einem nicht unberührt, trotzdem fehlt etwas beim Lesen oder wird einem nicht so erreichen, wie andere, die dieses Glaubensfundament nicht haben. Für die jenigen sind diese Passagen zuweilen sehr anstrengend zu lesen, trotzdem sind andere Passagen um so nahegehender.
Was hat da Tobias nicht alles an Klinikaufenthalten und Untersuchungen, Therapien, auf sich nehmen müssen? Elisabeth König schildert ein Leben im permanten Ausnahme-, wenn dieser zum Normalzustand wird. Der Weg durch die medizinischen Instanzen, der andere schon auf geringeren Stufen zerbrechen lässt, die Auseinandersetzung mit Krankenkassen, aber auch der familiäre Zusammenhalt, der trotzdem nicht unberührt bleibt, sind harter Tobak ohne Atempause. Und das geht sehr nah.
Hoffnunggebend ist die Geschichte vom „kleinen König“ aber auch, was nicht zuletzt mit dem Schreibstil und der gewählten Perspektive transportiert wird, wenn die wenigen glücklichen besonderen Momente hochgehalten werden, die zeigen wie kostbar jeder einzelne davon ist. Dies schafft Elisabeth König, die mit der Überarbeitung der Texte, die ursprünglich nur für einen engeren Personenkreis gedacht waren, sicher selbst ihre Herausforderungen hatte, sprachlich auf den Punkt zu bringen.
Und hat damit ihren Sohn ein wunderbares Vermächtnis geschaffen.
Autorin: Elisabeth König ist Religionspädagogin und in der Erzdiözese Freiburg als Gemeindereferentin tätig. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Tochter lebt sie im südlichen Oberschwaben.
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Diese Durchsage bekommen Bahnreisende heutzutage viel zu oft zu hören. Verspätungen und Zugausfälle prägen mittlerweile das Alltagsgeschäft. Zuverlässigkeit ist längst kein Qualitätsmerkmal der Deutschen Bahn mehr. Die Gründe dafür sind vielfältig. Bislang hat stets der Straßen- und Luftverkehr verkehrspolitische Vorfahrt genossen. Nun ist es aber allerhöchste Eisenbahn, dem klimaschonenden Schienenverkehr oberste Priorität einzuräumen.
Doch wie ist es überhaupt zu dem Niedergang gekommen? Sind die Weichen mit den Gleissanierungen richtig gestellt? Führt der verordnete Wettbewerb die Bahn wirklich in die Zukunft?
Johann-Günther König beleuchtet Zusammenhänge und Hintergründe des akuten Desasters und welche Potenziale in der Deutschen Bahn schlummern. (Klappentext)
Rezension: Ob im Nah- oder Fernverkehr, immer öfter liegen die Nerven blank. Fahrgäste, die vergeblich auf Züge warten oder durch sich aufsummierende Verspätungen Termine verpassen, in Züge ein steigen, die ebenso lawede sind wie die Bahnhöfe, die sie verlassen, sich mit immer kostenspieligeren Bauexperimenten konfrontiert sehen oder mit Streiks, den die mittlerweile auch entnervten Angestellten gegen das Management führen, welches selbst kaum Herr über schier undurchsichtige Unternehemsverflechtungen zu sein scheint. Dabei ist die Bahn eigentlich das Verkehrsmittel der Stunde und scheint in anderen Ländern durchaus zu funktionieren, auch wenn es hier und da Herausforderungen zu meistern gibt.
Der Autor Johann-Günther König hat sich auf Spurensuche zwischen den Bahngleisen begeben. Dabei entstanden ist ein informatives und gut recherchiertes Sachbuch, welches die Krise der Deutschen Bahn beleuchtet und zeigt, warum Aufgeben keine Option ist.
Jenseits von Satire- und Aufregerbüchern liegt mit „Anschluss verpasst!“ ein faktenreiches Sachbuch vor, welches die Geschichte und die Anfänge dessen, was wir heute als Krise eines großen Mischkonzerns betrachten dürfen, beleuchtet, der nicht nur den Spagat zwischen Nah- und Fernverkehr immer mehr schlecht als recht zu leisten versucht, sondern auch im Auslands- oder Logistikgeschäft mit seinen zahlreichen Verflechtungen stets die falschen Weichen zu stellen scheint, wenn die denn einmal funktionieren.
Sehr analytisch beleuchtet der Autor die Auswirkungen vergangener Bahnreformen und zeigt auf, welche Anteile daran, Akteure wie die Europäische Union, die Aufeinanderreihung verschiedener Verkehrsminister und eine Konzernstruktur hat, die, selbst wenn man ernsthaft Probleme angehen wollte, keine wirkliche Lösung zulässt. In kompakt gehaltenen Kapiteln werden Aspekte wie Bauprojekte oder der Deutschlandtakt analysiert, und die Schwachstellen aufgezeigt, die nicht nur die Passagiere mittlerweile auf den Zahnfleisch gehen lassen.
Ohne Polemik werden Fakten und Selbstdarstellungen der Bahn so genau unter die Lupe genommen, dass Kapitel, die sich eigentlich bequem für eine Bahnfahrt eignen, langsam und konzentriert zu Gemüte geführt werden müssen, aber auch, welche Punkte umgesetzt werden müssten, um die Bahn wieder auf die richtige Spur zu bringen.
Kenntnisreich ohne überflüssige Worte zeigt Johann-Günther König die Vielschichtigkeit dessen auf, an welchen Ecken und Enden es an Willen, Geld und Weitsicht fehlt und bei wem genau die Verantwortlichkeiten zu suchen sind, denn inzwischen sind einfach zu viele Akteure daran beteiligt. Nicht immer ist dies einfach zu lesen, doch macht die Lektüre vieles von dem verständlicher, was da passiert. Und diesen Schritt mitzufahren, ist ja schon einmal ein Anfang.
Autor: Johann-Günther König wurde 1952 in Bremen geboren und ist ein deutscher Schriftsteller und Publizist. Nach der Schule studierte er Sozialpädagogik und arbeitete in der Kinderkulturforschung, währenddessen zugleich seine ersten literarischen Arbeiten erschienenn. Nach seiner Promotion wirkte er dann als Vertriebsmanagaer und Geschäftsführer für Unternehmen der Telekommunikation und Elektronik. Seit 1975 veröffentlicht er Prosa, Gedichte, literarische Reiseführer und Sachbücher, schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine.
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Inhalt: Michelle ist fünfzehn und psychisch krank. Als sie sich bei einem renommierten Filmprojekt bewirbt, das labile Menschen porträtiert, trifft sie auf den verheirateten Alexander. Der gute Ruf des sozial engagierten Unternehmens trügt: Bald beginnt der Regisseur Grenzen zu übertreten und missbraucht Michelle auf subtile Weise über Jahre hinweg.
Die Jugendliche verfällt immer mehr in eine totale emotionale Abhängigkeit dem wesentlich älteren Mann gegenüber. Sie gerät in einen nicht enden wollenden Kreislauf aus Selbstzerstörung, um ihren Schmerz und die Einsamkeit zu betäuben, die Alexander in ihr hinterlässt.
Sie sieht nur noch einen letzten Ausweg, ihrer Abhängigkeit ein Ende zu setzen: Den eigenen Tod. (Klappentext)
Rezension: Wie viel Schmerz, wie viel Leid kann eigentlich ein Mensch tragen, ohne daran zu zerbrechen? Wie viel Mut braucht es, sich selbst zu erkennen, Hilfe anzunehmen, um mit Rückschlägen, die es, je heftiger das Erlebte, das Krankheitsbild ist, zwangsläufig gibt, umzugehen? Niemand weiß das besser als Michelle Müller-Nagy, deren Weg schon in jungen Jahren einem Pfad voller Scherben gleicht, auf dem sie mehrfach fällt und trotzdem weitergeht. Darüber erzählt sie in ihrem bedrückenden und doch irgendwie mutmachenden Buch „Hinter meinem Schatten“, erschienen bei Pinguletta.
In einer Mischung aus Biografie und Verarbeitungsbericht schildert die Autorin entscheidende Jahre ihres Leidenwegs in die emotionale Abhängigkeit. Falsche Vertrauenspersonen, Therapeuten ohne Verständnis für den Ballast eines jungen Menschen und ein steiniger Weg zur Selbsterkenntnis, kennzeichnen spätestens ihr Leben seit ihrem fünfzehnten Geburtstag. Ungeschönt erzählt sie davon, von ihren Kampf um einen Platz, den sie lange vergeblich versucht zu finden, der sie mehrfach in den Abgrund stürzen lässt. Hineingesogen wird man beim Lesen in eine Lebensgeschichte voller erdrückender Momente, die in rasend schneller Taktung aufeinander folgen. Atempausen hatte die Autorin kaum. Lichtblicke zerplatzten ihr so schnell wie Seifenblasen.
Diese Geschichte geht unangenehm unter die Haut. Liest man einen Abschnitt, mag man sich kaum vorstellen, was als nächstes passieren wird. Man leidet mit, wenn wieder ein Chatverlauf, wieder ein Aufeinandertreffen neue Wunden schafft und erkennt, wie verkettet und übergreifend psychische und körperliche Krankheitsbilder sind und auf Müller-Nagy eingewirkt haben müssen, ihr die Luft zum Atmen genommen haben. Wer sich darin auch nur punktuell wiedererkennt, dem zeigt die Autorin, dass kleinste Strohhalme reichen, sich daran zu klammern und sich immer wieder am Leben zu halten. Auch jeden anderen muss die Lektüre unbedingten Respekt abnötigen.
Immer wieder innehalten muss man, um selbst den Kopf freizubekommen. Zu unfassbar ist das, was die Autorin da schildert, die ungeschönt kritisch mit sich selbst umgeht und uns ihr Innerestes offenbahrt. Wut kommt dabei hoch. Warum hast du nicht gleich gesehen, was dich kaputt macht, aber noch viel mehr, warum habt ihr da draußen nicht gesehen, wie jemand kaputtgeht? Die Autorin hält sich selbst und vor allem allen anderen den Spiegel vor und gibt damit Einblick in eine Welt, die man kaum begreifen kann, steht man außen. Und wird damit zur wichtigen Stimme derer, die in unserer lauten tosenden Welt fast nicht zu hören sind. Mit Krankheitsbildern, für deren Gewalt kaum Worte zu finden sind.
Dieser Erfahrungsbericht ist so viel Michelle Müller-Nagy, deren offener Umgang mit ihren Erfahrungen nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, wie auch Pinguletta, dessen Verlagsprogramm wie kaum eines sonst Menschen ins Blickfeld rücken lässt, die sonst keine Bühne haben. Auf Augenhöhe. Die Autorin nimmt sich dafür Zeit, ihren Blickwinkel zu erörtern, dass eine Fortsetzung dieses Buch ergänzen muss, die sich direkt daran anschließt. Schon mit den ersten Seiten wird die Aufteilung auf zwei Bücher verständlich. Alleine diesen ersten Teil niederzuschreiben, muss ein unglaublicher Kraftakt gewesen sein.
Bitte mehr dieser grundehrlichen Lektüre und bitte mehr Sichtbarkeit solcher Menschen.
Autorin: Michelle Müller-Nagy wurde 1995 in Erfurt geboren und leidet seit der Pubertät an Depressionen, selbstverletzenden Verhalten und Suzidalität. Ohre Erfahrungen zwischen behandlungen und Therapien, in den Bereichen Sucht, Borderline, emotionaler Abhängigkeit und Trauma verarbeitet sie auf einem eigenen Instagramkanal @talkingboutshadows. Sie ist Autorin mehrerer Kinderbücher und Gesellschaftsspiele.
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Inhalt: Carl Goerdeler (1884-1945) ist bekannt als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Die nun vorliegende Biografie zeichnet den Weg dieses mutigen Bürgers nach, der nach einer erfolgreichen Karriere in der Kommunalpolitik als entschiedener Gegner des Regimes auftrat und im Februar 1945 hingerichtet wurde. (Klappentext)
Rezension: Nichts sprach dafür, dass der konservative Verwaltungsjurist und Kommunalpolitiker Carl Friedrich Goerdeler zum Widerstandskämpfer berufen war und doch geschah eben dies. Um ihn, den ehemaligen Oberbürgermeister der Messestadt Leipzig, dessen Karriere in den Verwaltungen von Solingen und Königsberg ihren Anlauf nahm, bildete sich ein Netzwerk des Widerstands, welches Menschen unterschiedlicher politischer Richtungen verband, bis er noch vor dem 20. Juli 1944 zur Fahndung ausgeschrieben, später denuziert und hingerichtet wurde.
Der Historiker Peter Theiner hat nun die Lebensgeschichte dieses Mannes aufgearbeitet, der früh die Fehler des NS-Regimes erkannt und Überlegungen zur Gestaltung eines vereinten Europas angestellt hat, welche erst viel später verwirklicht werden sollten.
Was Sophie Scholl oder Georg Elser für München und Claus Schenk Graf von Stauffenberg für Berlin bedeuten, ist für Leipzigs geschichtlicher DNA Carl Friedrich Goerdeler, dessen Leben von Posen nach Solingen und Königsberg in die schon damals posierende Messestadt führen sollte.
Überall dort reformierte er unter den Eindrücken des ersten Weltkrieges und den turbulenten Jahren der Weimarer Republik kommunale Strukturen, was ihn, zunächst parteilos, später Mitglied der DNVP Respekt über die Grenzen aller politischer Lager einbrachte und dazu führte, dass selbst kurz vor seiner Hinrichtung Himmlers Schergen ihn die Ausarbeitung letzter Grundsatzpapiere abrang, um aus seiner Expertise zu schöpfen.
Doch, wie wurde der Theoretiker zu einem der Dreh- und angelpunkte des Widerstands und weshalb scheiterte einer, der stets bemüht war, das Große und Ganze zu sehen? Diesen und damit zusammenhängenden Fragen geht der Autor in der von ihm vorgelegten umfassenden Biografie nach. Ausführliche Rechercheleistung vorangehend, zeigt Peter Theiner den Weg Goerdelers von seiner Kindheit bis hin zu seinem Ende in Plötzensee auf. Kleinteilig und detailliert schildert er Stationen und Wegpunkte, ohne dabei die Sichtweisen derer außer Acht zu lassen, mit denen Goerdeler im Laufe seines Lebens in Kontakt kam.
Anhand seiner zahlreichen Überlegungen, die er in unterschiedlichste Denkschriften hat einfließen lassen, Tagebuchaufzeichnungen und den Protokollen seiner Gegner entsteht nach und nach das Portrait eines vielschichten Mannes, dessen politischen Wandel man an einzelnen Stationen festmachen kann, wie auch der Wertekanon in turbolenten Zeiten, der trotz der Sperrigkeit Goederles selbst doch genügen sollte, um selbst dünne Fäden des Widerstands in Bewegung zu halten.
Der Text ist dabei gespickt von zahlreichen Details, nicht unbedingt leicht zu lesen, doch ist ja nichts spannender als das wahre Leben und das Goerdelers liest sich wie ein Krimi, der unweigerlich auf die Katatstrophe zusteuert. Dass Goerdeler diese Weitsicht durchaus besaß, zeigt der Autor anhand von zahlreichen Beispielen, aber auch, dass dieser bis zuletzt daran glaubte, an Stellschrauben drehen zu können, die ihm da schon längst entglitten waren.
Wie er selber ein klar denkender, rechtlich urteilender, gradlinig wollender Mensch war, der wenig oder nichts an Dunklem, Unerlöstem, Hintergründigem in sich trug, so nahm er auch von seinen Mitmenschen an, dass, so weit nicht Selbstsucht oder böser Wille im Wege stehe, auch bei ihnen es nur der verständigen Aufklärung und der wohlmeinenden sittlichen Belehrung bedürfe, um sie von etwaigen Irrtümern zurückzubringen und auf den rechten Weg zu führen. […] Wie er selbst ein durch und durch undämonischer Mensch war, so wusste er auch nicht um das Dämonische. Und das hatte eine verhängnisvolle Wirkung: in seinem politischen Kalkül fehlten diese wichtigen Posten.
Peter Theiner: Carl Goerdeler – Ein deutscher Bürger gegen Hitler
So wird in der Biografie sehr ausführlich dargestellt, welche Überlegungen von Staatsverständnis bis hin zum europäischen Denken ihn leiteten, wie sie entstanden und wie sich Deutschland in dieses Gebilde einfügen sollte. Zuweilen wirkt dies sehr theoretisch, zumal in der Konfrontation mit Goerdelers Gesprächspartnern von England über Frankreich bis nach Amerika. Niemand, den er warnte, wollte ihn glauben.
Der Autor zeichnet anschließend weiter das Dilemma eines Widerstands auf, der aufgrund mangelnder Ressourcen und unglücklicher Fügungen nicht mehr als ein Achtungszeichen in die Welt senden konnte. Das liegt, so wird hier aufgezeigt, an der zeit selbst, als auch an Ereignissen, die über die Protagonisten hinwegrollten, aber auch an Personen, die sich selbst im Weg standen.
Goerdeler bildet da keine Ausnahme und doch ist er eine der herausstechenden Personen, die zumindest versucht haben, dem Widerstand eine Form zu geben, dessen Strahlkraft bis ins Heute wirkt. Der Anhang zeigt das umfassende Recherchematerial, welches verschriftlich aufgelockert wird, mit wenigen Bildern, immer wieder durchsetzt mit zahlreichen Zitaten und Auszügen aus Texten Goerdelers und seiner Diskutanten ein wichtiges Dokument gegen das Vergessen darstellt.
Neben den zivilen und den, weniger Militärs, zeigt Peter Theiner mit seinem Werk nun einen kleinen, aber wichtigen Teil des politischen Widerstands auf, den es eben auch gab.
Nicht nur deshalb ist diese Biografie zu empfehlen.
Autor: Peter Theiner wurde 1951 in Haan geboren und ist ein deutscher Historiker und Stiftungsmanager. Nach Schule und Wehrdienst studierte er Geschichte, Romanistik, Philosophie, Soziologie und Erziehungswissenschaften in Düsseldorf und Dijon, mit Station in Paris, wonach eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent und seine Promotion folgten.
Danach war er in der Weiterbildung und Personalentwicklung tätig, sowie Leiter des Bereichs Völkerverständigung der Robert Bosch Stiftung. An der Universität Stuttgart war er Lehrbauftragter am Historischen Institut. Theiner verfasste mehrere Schriften, u. a. eine vielbeachtete Biografie über Robert Bosch.
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Inhalt: Meine Streifzüge durch wissenschaftliches Neuland, meine Besuche und Gespräche mit Forscherinnen, Bauern und anderen Experten zeigten Mal für Mal: Eine andere, vielfältigere Landwirtschaft ist machbar. Und mich begeistert immer von neuem, wie sehr alles Leben „verwoben & verflochten“ ist, in einem Ausmaß, wie wir uns das noch vor wenigen Jahren nie hätten erträumen können, und wie sich dadurch neue Perspektiven für die Landwirtschaft und den Planeten ergeben. (Klappentext)
Rezension: Überall sprießen derzeit neue wissenschaftliche Erkenntnisse für unsere Landwirtschaft und unsere Ernährung wie Pilze und Mikroben aus dem Boden. Sie sind verantwortlich für Kommunikation und Nährstoffaustausch von Pflanzen, sorgen für Vielfalt und Bodengesundheit. Diese und lokale Kreisläufe sind das Rezept für morgen, für eine Welt, die immer mehr Menschen ernähren muss.
Dabei können wir viel für uns lernen, wenn wir Flora und Fauna bis hinein in ihre kleinsten Bestandteile beobachten. Die Biologin Florianne Koechlin hat Menschen aus Afrika, Asien und Europa dazu befragt, Experten schildern lassen, wie moderne und vielfältige Landwirtschaft unseren Böden dienen und für unsere Ernährung sorgen kann und welche Ansätze dazu bereits jetzt erfolgreich praktiziert werden.
Ihr sehr interessantes Sachbuch erstreckt sich dabei nicht nur auf ein Themengebiet. Hier erklärt sie themenübergreifend Zusammenhänge und zeigt an Beispielen, wie einzelne Komponenten aufeinander einwirken und wie heute an verschiedenen Standorten weltweit geforscht wird. Dabei zeigt Florianne Koechlin, die für ihre Recherchen Projekte über längere Zeit begleitet und Baumkronen von oben betrachtet, sehr detailreich Zusammenhänge auf. Mit ihrer Begeisterung, die sämtliche kompakte Kapitel durchzieht, schildert sie den steinigen Weg zu dem, was wir heute wissen und was dies für unsere Zukunft bedeuten kann.
Die Autorin beschreibt diese Dinge mit einem klaren wissenschaftlichen Blick, aber so klar, dass die Erkenntnisse auch uns Laien zugänglich werden. Ohne dabei die kritischen Punkte aus den Augen zu verlieren, wenn es zum Beispiel um Patente auf Lebensmittel, Big Data und dem Einsatz moderner Technologien in der Landwirtschaft geht. Klar ist von Beginn an, ein Wandel muss stattfinden, sollen unsere Böden weltweit uns Menschen künftig weiterhin ernähren, aber ebenso, dass vielerorts dieser bereits stattfindet.
Dem Sachbuch merkt man den Rechercheaufwand dahinter an. Spannend ist auch dargestellt, wie aus einzelnen Bausteinen und Forschungsprojekten größere Zusammenhänge hergestellt werden können. Es ist eben keine Übersicht von dem, was alles nicht funktioniert, sondern wie schon jetzt Weichen für die Zukunft gestellt werden, die noch mehr Kopfsache werden muss.
Gerade dazu kann dieses kleine feine Büchlein beitragen, den man viel Lesepublikum wünschen darf.
Autorin: Florianne Koechlin wurde 1948 geboren und ist Biologin und Autorin. Bekannt wurde sie als Kritikerin der Gentechnik und Verfasserin zahlreicher Bücher und Artikel in Zeitschriften und Magazinen. Sie befasst sich mit Erkenntnissen zu Pflanzen und Lebewesen, insbesondere Pflanzenkommunikation und Beziehungsnetze, sowie zukunftsfähigen Konzepten der Landwirtschaft. Sie ist zudem Geschäftsführerin des Blauen Instituts und als Künstlerin tätig.
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Auch in diesem Jahr stand ein Besuch der Frankfurter Buchmesse lange Zeit auf der Kippe, einfach aufgrund der Hotelkapazitäten einerseits, anderseits natürlich wegen der Kosten. Was nah am Messegelände dran ist oder auch nur in der Innenstadt sich befindet, kann man kaum bezahlen. Zu weit außerhalb möchte man aber auch nicht wohnen, zumal in einer Gegend, die man nicht kennt oder die vor allem abends nur schwer zu erreichen ist. Letztlich hatte ich aber eine Unterkunft gefunden und so hieß es auch in diesem Jahr wenigstens drei Tage Buchmesse in Frankfurt. Das Wochenende habe ich mir, alleine aus Kostengründen gespart.
Der Haupteingang der Frankfurter Buchmesse. (Quelle: Privatarchiv)
Mit der Deutschen Bahn ging es am Tag vor Messebeginn los und mit ein wenig Verspätung habe ich dann Frankfurt erreichen und in mein Hotel einchecken können. Das war eine größere Herausforderung, als die Bahnfahrt selbst, wenn man zig Türcodes braucht, um ins Innere der Unterkunft und seines Zimmers zu gelangen und das alles zu Beginn nicht so recht klappen möchte. Aber irgendwie hat es dann doch funktioniert. Nach einem kurzen Einkauf, ging es dann mit Freunden in die Innenstadt, um dort ein klein wenig zu essen und die Filmpremiere von „Stiller“ mitzuerleben, der Verfilmung des Romans von Max Frisch, unter der Regie von Stefan Haupt, der anschließend uns Zuschauenden für Fragen und ein Gespräch zur Verfügung stand. Wer Arthouse-Kino mag, wird dem Film sicher etwas abgewinnen können. Ich musste leider meinen Nacken nach diesem Abend wieder einrenken. in Kinosälen in der ersten Reihe zu sitzen, ist nie gut.
Der nächste Tag war dann auch gleich der erste auf dem Messegelände. Das habe ich ziemlich früh begonnen, um einige Fotos von leeren Gängen und unberührten Messeständen zu schießen. Die Atmosphäre, direkt vor einer solchen Messe, ist einfach schön. Natürlich ebenso, wenn sich die Hallen füllen und Leben dort hineinkommt. Das habe ich im Pavillon des Gastlandes erlebt. In diesem Jahr durften sich dort die Philippinen präsentieren, die mit zahlreichen Werken aufwarten konnten, die jetzt im Rahmen der Buchmesse auch vielfach übersetzt erscheinen. Vom Roman über Sachbuch, bis hin zur Graphic Novel ist da für jeden etwas dabei. Das Gastland hat sich mit viel Freundlichkeit, einigen Leseinseln und zwischendurch auch musikalischen Darbietungen präsentiert. Gelungener, als dies mit Italien im letzten Jahr der Fall gewesen ist.
Leere Stände vor Messeöffnung.Leere Stände vor Messeöffnung.Leere Stände vor Messeöffnung.Leere Stände vor Messeöffnung.Gastland Philippinen.Gastland Philippinen.
Hauptsächlich in den Hallen 3.0 und 3.1 präsentierten sich die deutschsprachigen Verlage, die ich gleich zu Beginn abgegangen bin. Die Halle 1.2, in der sich New Adult und Romance präsentiert haben, habe ich aufgrund meines Lesegeschmacks und der zu erwarteten Menschenmengen, die am Wochenende noch einmal mehr sein würden, außer Acht gelassen. Alles für mich relevante spielte sich ohnehin in den beiden erstgenannten Hallen ab. Dort waren die großen Verlagsstände, zumindest meinem Gefühl nach, etwas besser verteilt, so dass sich dort punktuell alles Menschenmögliche konzentriert hat, man aber überall sonst gut durchgehen konnte. Ob das Konzept am Wochenende so auch aufgeht, ist eine andere Frage. Zu hoffen, wäre es. Gut war auch in diesem Jahr, dass es wieder eine extra Halle für das Signieren von Büchern gab. Auch das dürfte vor allem den Besuchenden am Wochenende zuträglich sein.
Nach einem Rundgang und ersten Begegnungen an Verlagsständen, ging es zu Kaleb Erdmann, der am Stand der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seinen Roman „Die Ausweichschule“ präsentiert hat, danach konnte ich auf der Leseinsel der Unabhängigen Verlage der Kurt-Wolff-Stiftung die Präsentation des Kinderbuchs „Ich war Eva Diamant“ lauschen, welches von der Illustratorin und der Verlegerin präsentiert wurde. Die Autorin Eva Szepesi konnte leider aus gesundheitlichen Gründen nicht mit dabei sein, aber der Ariella Verlag und die Illustratorin Stephanie Lunkewitz haben dies ganz toll gemacht. im Anschluss wurde bei RandomHouse das Sachbuch „Der Nahost-Komplex„, von Natalie Amiri vorgestellt und bei dtv habe ich per Zufall Ivar Leon Menger getroffen, der mir seinen neuen Thriller „Der Tower“ signiert hat.
Kaleb Erdmann im Gespräch.findosbuecher mit Ivar Leon Menger.Natalie Amiri im Gespräch.
Der erste Tag endete dann mit der Vorstellung des Sachbuchs „Der stille Krieg„, von Reinhard Bingener und Markus Wehner, sowie mit einem Bloggertreffen bei Wagenbach, dem Verlag für wildes Lesen, der Ausschnitte aus seinem kommenden Programm vorgestellt hat, sowie die Autorin Annekathrin Kohout ihr Sachbuch „Hyperaktiv“ über die Sozialen Medien und was diese mit uns machen.
Tag 2 gab für mich das Motto der gesamten Messe. Für mich waren es Tage der Begegnungen. Dabei fing dieser eine mit einer ganz normalen Lesung an, von Gabriel Zuchtriegel, der in einem Gespräch sein Sachbuch „Pompejis letzter Sommer“ vorgestellt hat. Anschließend habe ich weitere Lesungen geplant, doch bin dann am Stand vom Mirabilis-Verlag hängengeblieben, wo sich nach und nach eine lockere Runde an Büchermenschen und auch sonst gebildet hatte. Die Autorin Martina Berscheid war dort, ebenfalls Achim Kinter, Florian L. Arnold, der selbst seinen nebenan platzierten Verlagsstand der Edition Hibana betreute, sowie die Künstlerin Martina Altschäfer (und viele andere, die ich hier vergessen habe). Auch eine Redakteurin vom SWR hat sich dazu gesellt, die sich Inspiration für eine Sendung holen wollte. Mit vielen Anregungen und Ideen für neue Projekte war dieser Austausch schon da eines der Highlights der diesjährigen Messe.
Zum ersten Mal habe ich die, wohl obligatorischen, Messecrepes probiert, nachdem ich Ulli Lust über ihre mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2025 prämierte Graphic Novel „Die Frau als Mensch“ sprechen gehört habe, sowie Denis Scheck in einer Messeausgabe seiner Literatur-Sendung „Druckfrisch„, in der er einem Überblick über die seines erachtens derzeit lesenswerten Bücher gab. Ob das immer so hinhaut, lassen wir einmal dahingestellt sein. Für mich war ohnehin das nächste Gespräch am FAZ-Stand wichtiger, als der Historiker Götz Aly sein Werk „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933-1945“ vorgestellt hat. Ich konnte dieses mir im Anschluss signieren lassen. Auch habe ich am gleichen Tag die Autorin Isabel Bogdan und Laura De Weck getroffen, die in diesem Jahr die Jury-Vorsitzende für den Deutschen Buchpreis gewesen war.
Ulli Lust zum Deutschen Sachbuchpreis 2025.Druckfrisch.Götz Aly im Gespräch.
Bei Tessloff konnte man am irgendwie obligatorischen Messe-Dino vorbeigehen, bevor es dann in direkter Nachbarschaft zu Dorling Kindersley (DK-Verlag) ging, welcher mich bisher eigentlich immer mit seinen großformatigen und toll illustrierten Sachbüchern und Bild-Lexika begeistern konnte. Dort gab es ein Blogger-Treffen und einen festlich geschmückten Weihnachtsbaum, unter den schön arrangiert die tollen Werke des Verlags lagen. Diesmal habe ich kein Buch mitgenommen. Diese Werke haben Gewicht, welches man sonst die gesamte Zeit über mit sich herumschleppen müsste. Am Ende des Abends oder der Nacht sollte ich für diese Entscheidung noch dankbar sein.
Tessloffs Messe-Dino.Bloggertreffen bei DK.Weihnachtliches bei DK.
Der Tag endete mit einem Treffen unter dem Motto #bookmeetspizza, welches wieder von zahlreichen unabhängigen Indie-Verlagen des Netzwerks –Schöne Bücher– im Haus des Buches organisiert wurde. Ich war bei dieser Art von Begegnung zum zweiten Mal dabei und habe wieder einige Klein-Verlage kennenlernen dürfen, die mir so vorher noch nicht begegnet waren. Der Abend wurde dann auch lang und zog sich bis in die Nacht hinein, so dass einige von uns (auch ich) tüchtig Schwierigkeiten hatten, in ihre Unterkunft zu kommen. Es fuhr dann nämlich nichts mehr oder nur noch sehr wenig. S-Bahnen und U-Bahnen fielen aus, was zur Folge hatte, dass z. B. ich erst etwa halb zwei Uhr morgens in meiner Unterkunft ins Bett fallen konnte.
Mit entsprechend wenig Schlaf und etwas derangiert, was stark untertrieben ist, ging es am nächsten Morgen auf zum letzten Messetag. Am Freitag standen nur wenige Termine an, zum einem stellte Rowohlt sein kommendes Programm vor und Anna Prizkau („Frauen im Sanatorium„), sowie Kelly Mullen („Die Einladung„) ihre neuesten Werke, zum anderen gab es eine Art Werksgespräch über das Davor und Danach von „Für Polina“ mit Takis Würger bei Diogenes, die ebenfalls im Anschluss ihr anstehendes Programm vorstellten. Auch bei C.H. Beck habe ich mich über das kommende Programm ausgetauscht, sowie mich beim Topp Frech Verlag kurz vorstellen dürfen.
Berit Glanz im Gespräch.Hier bei Rowohlt.Takis Würger im Gespräch.
Und danach? Danach war für mich die Messezeit zu Ende, die ich mit vielen Eindrücken, tollen Begegnungen und zahlreichen Ideen verlassen konnte. Schwer bepackt ebenso, versteht sich von selbst. Ohne Bücher von solch einer Messe runter, geht ja auch nicht. Die Messe selbst fand ich insgesamt besser organisiert als in den vorherigen Jahren, wobei man die Messe-App einmal knicken kann, die teilweise nicht funktioniert und Dinge falsch und fehlerhaft angezeigt hat. Aber es war, trotz der Öffnung für Besuchende bereits am frühen Freitag, ein Durchkommen möglich (wie gesagt, die Halle New Adult und Romance kann ich nicht beurteilen, da mag es eventuell anders ausgesehen haben). Einzelne Engstellen konnte man durchaus umgehen. Einen Gang weiter sieht die Welt, auch auf der Messe, durchaus anders aus.
Blick auf Halle 3.0 und 3.1. (Quelle: Privatarchiv)
Am Samstag ging es dann für mich zurück in die Heimat. Mit der Bahn, die schon vor der Anreise die Zugbindung für die Rückfahrt aufgehoben hatte, aufgrund eines Schienenersatzverkehrs der zuerst zu nutzenden S-Bahn. So konnte ich auch einen ICE früher nehmen und war drei Stunden eher zu Hause als geplant. Einen Großteil des Mich-Sortierens und Auspackens konnte ich daher schon am Samstag übernehmen. Und jetzt? Jetzt folgt wohl der Messe-Blues.
Fotos stammen aus dem Privatarchiv.
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