
Inhalt:
In Deine Revolution für Ungenauigkeit hat Zukunftswert findet Alexander Graeff eine poetische, eine verbindende Sprache für die klima-, körper- und sozialpolitischen Herausforderungen der Gegenwart. Was wäre eine geeignete Metapher, eine Lebensweise, ein Lebewesen, das aus dem Alltag von Raufasertapeten myzelische Fantasieimmobilien flicht? Irgendwann wird klar: Die Fantasieimmobilie ist eine Realitätsimmobilie. Diese Revolution ist keine Bilderstürmerei, sie ist ein sanftes Bevölkern der Gegenwart mit Bildern, die sich anschmiegen wie das Farbspiel des Oktopus an seine Umgebung. (Klappentext)
Rezension:
In Zeiten, in der immer mehr Menschen eine immer reduziertere Aufmerksamkeitsspanne besitzen, die Zündschnur kurz ist, sollten Gedichte wieder möglich sein. Vor allem, wenn sie kompakt sind und punktgenau treffen. Das tun sie, auf den Bühnen, auf denen Poetry Slam stattfindet, dieses moderne Vortragen von Gedichten, was das stille Lesen um Längen schlägt. Zumindest bei dieser literarischen Form. Doch, in vielen Bücherregalen, Buchhandlungen finden sie nicht mehr statt oder nur noch in sehr reduzierter Form.
Und deshalb möchte ich hier diesen kleinen Gedichtband vorstellen, in dem der Schriftsteller und Philosoph Alexander Graeff moderne und in unserer Gesellschaft viel diskutierte Themen aufgreift. Mehrere Gedichtzyklen und Einzelgedichte greifen hier politische und gesellschaftliche Ereignisse auf, Dinge, die uns alle berühren, zum Nachdenken und Handeln anregen sollten. Da wird der Klimawandel ebenso zum Gegenstand des Lyrischen wie das Zerplatzen des Aquadoms in Berlin als Symbol für die angespannte Stimmung in unserer Gesellschaft.
Persönliches berührt Politisches, doch wie dem Unaussprechlichen Worte verleihen? Wie umgehen, mit einer Welt, in der Kontraste immer stärker werden, immer mehr Menschen das suchen, was uns trennt, anstatt eint? Bei immer höheren Temperaturen, Wetterextremen und Radikalisierung? Der Autor versucht hier seinen Gedanken dazu Ausdruck zu verleihen, was manchmal verfängt, manchmal nur schwer zu greifen ist. Nicht bei jedem Text oder Gedicht funktioniert das gleichermaßen gut. Nicht immer erreicht die Sprache. Einige Male werden Bilder, Gleichnisse doch arg strapaziert.
Dennoch fliegt man durch das Büchlein. Die einzelnen Gedichte kann man sich unabhängig vioneinander vornehmen, aber auch hintereinander weg lesen. Irgendwann wird man schon gezwungen, innezuhalten. Durchzuatmen. Manchmal gar habe ich mich beim lautlesen erwischt. Und das ist doch auch mal ein interessanter Effekt.
Wie sich die Texte lesen, hier ein Beispiel:
Double Bind
Die Stars aufm Banner sind keine
Fantasien der Unsterblichkeit vielmehr
Steesternnachbarn aus dem Wasser
ozeanische Existenzen keine
Ängste Verstecke Löschungen
die Lösungen sind flexible Varianten.
Debatten über KI weil alle über KI debattieren
sortierende Programme einer
Herrschaft der Männer & ihre
Furcht vor der Herrschaft der
Maschinen. Dagegen deine
Anatomie ohne vorausgesetzte
Dynastie einfach bloß
tentakuläres Terraforming.
Ich tue mich hier schwer mit der Wertung und werde die irgendwann nachreichen müssen. Vielleicht müssen die Gedichte hier einfach eine Weile wirken.
Autor:
Alexander Graeff ist ein deutscher Schriftsteller und Philosoph. Er arbeitet als Dozent, Kurator und Literaturvermittler und wurde 1976 in Bad Kreuznach geboren. Er studierte Wirtschafts-, Ingenieur-, Erziehungswissenschaften und Philosophie in Karlsruhe und Berlin und promovierte zwischen 2008 und 2012. Danach unterrichtete er Kreatives Schreiben und übte Gastdozenturen an unterschiedlichen Hochschulen aus.
Seit 2013 ist er als Literaturvermittler und -kurator tätig und betreute bis 2019 als Initiator und Gastgeber die Lesereihe Literatur in Weißensee, seit 2016 ist er Programmverantwortlicher für Literatur in der Brotfabrik Berlin. Er schreibt philosophische wie belletristische Texte und engagiert sich kulturpolitisch für die Sichtbarkeit queerer Inhalte und Personen im Literaturbetrieb. Graeff ist Mitbegründer des PEN Berlin.
