
Inhalt:
In dieser Familie gibt es keine Geheimnisse. Alle spielen Theater, verstellen sich, erfinden kleine Lügen. Sara Mesas Erkundung des Weltinnenraums Familie ist unerbittlich, beklemmend genau und so unheimlich vertraut wie die Schatten im nächtlichen Kinderzimmer. (Klappentext)
Rezension:
Angespannte Stille und die Suche nach Luft zum Atmen kennzeichnen die vorliegende Erzählung der spanischen Autorin Sara Mesa, in der ihre Protagonisten sich versuchen, der Kontrolle des Familienoberhaupts zu entziehen, die fast schon als psychologischer Terror zu bezeichnen ist.
Jeder Einzelne von ihnen hat seine kleinen Geheimnisse und entwickelt Strategien, sich der Gewalt des Gutgemeinten zu entziehen. Die so angespannte Atmosphäre schafft eine Sogwirkung, die einem den Atem anhalten und zugleich kalte Schauer den Rücken herunterjagen lässt. So entstehen aus verschiedenen Blickwinkeln heraus in „Die Familie“ ein psychologisches Kammerspiel Bilder, wie familiäre Beziehungen uns prägen und eine Geschichte davon ausgehender Ausbruchsversuche.
Eröffnet wird der Roman, der schon alleine durch die Distanziertheit des Tons eine Sogwirkung entfaltet, am Wohnzimmertisch, an dem sich alle Aktivitäten unter der Kontrolle der Vaterfigur abspielen müssen. Dieser arbeitet in einer Anwaltskanzlei, verehrt den Asket Gandhi und betrachtet jede Form von Individualismus und Geheimniskrämerei als gefährlich.
Das Tagebuch seiner Nichte Martina, die als Adoptivtochter in die Familie hineinkommt, genauer gesagt, das Schloss daran, ist Diskussionsgegenstand; die erste einer Vielzahl von Konfliktlinien, die sich wie Gräben zwischen den Protagonisten auftun, aus deren verschiedener Perspektive wir der Erzählung beiwohnen.
Martina, die die Unabhängigkeit, die Welt da draußen, auch durchaus ihren Schmerz bereits kennt, sieht innerhalb eines Abends ihr Tagebuch zu einem Ort für Aufsätze verkommen, deren einzelne Formulierungen ihr vorgegeben werden, natürlich mit einem entsprechenden Vortrag am Tisch als Überbau. Auch die anderen Figuren lernen wir so im Laufe der Erzählung kennen, deren unterschiedliche Charakterzüge die verschieden verfolgten Strategien kennzeichnen, dem Terror des Gutgemeinten zu entgehen. An ihnen schärfen sich ihre Ecken und Kanten. Diese Verschiedenheit der Figuren herauszuarbeiten, ist eine Meisterleistung Sara Mesas, die diesen Roman einer Familie trägt.
Sie widerspräche sich, sagte er. Sie widerspräche sich, wenn sie dem Schloss so wenig Bedeutung beimesse und es trotzdem benutze. […] Er führte das Notizbuch an seine Augen, runzelte die Stirn. Was für ein kleines Loch, sagte er wie zu sich selbst. Um erst gar nicht davon zu reden, dass sie das Tagebuch unter der Matratze aufbewahre – wie erkläre sie das? „Martina, Martina, wann wirst du uns endlich vertrauen? Irgendwann wirst du akzeptieren müssen, dass eine neue Phase deines Lebens begonnen hat. Eine bessere Zeit, ohne Dunkelheit, ohne Angst.“
Sara Mesa: Die Familie
Dabei handelt der Vater nicht einmal in böser Absicht. Die Erzählung braucht auch nicht den klassischen Antagonisten. Es ist das Spiel der Generationen, um die Deutungshoheit von allem, welches die Autorin hier auf die Spitze treibt. Immer wieder zeigt sich die Erbärmlichkeit und auch Hilflosigkeit dieser Figur in einzelnen Szenen, erst zwischen den Zeilen, dann immer deutlicher den heranwachsenden Kindern auch offener. Sara Mesa schafft dabei mit verhältnismäßig kurz gehaltenen und klaren Sätzen, im Wechsel mit kunstvoll psychologisch eingewobenen Szenen diese beklemmende Atmosphäre.
Über allem steht die Frage des Umgangs mit einer solchen Situation und hier nimmt die Handlung dann auch sehr schnell Fahrt auf. Dem Jüngsten, so merkt man schnell, wird dies am Ende am besten gelingen, die älteren Geschwister jedoch mit nicht nur psychologischen Schrammen aus den geschilderten Situationen herausgehen.
Mit sechs fertigte er einmal aus dem Stand eine Karikatur an, natürlich ohne zu wissen, was man unter einer Karikatur versteht. Es war ein Bild von Gandhi, aber mit dem Körper einer Gans. Er war auf der Zeichnung eindeutig zu erkennen – der kahle Schädel, die runde Nickelbrille und ein Zipfel seines Sari, der über die Schulter der, nun ja, Gans hing. Darunter stand in krakeligen Filzstiftbuchstaben: GANSI.
Sara Mesa: Die Familie
Stolz zeigte er Vater sein Werk, und der verpasste ihn eine Ohrfeige. […]
Aqui rieb sich die Backe. Na gut, auf seine kindliche Weise begriff er, dass er den Vater beleidigt hatte. Egal, das berührte weder die Qualität der Zeichnung noch ihn als Künstler. Das einzig Unangenehme an der Sache war seine brennende Wange. […]
Das bleibt den Lesenden von Beginn an nicht verborgen. Spannend allein ist der Weg der so unterschiedlich damit umgehenden Protagonisten. Davon lebt diese Erzählung, in der jeder einzelne von ihnen die ganze Zeit über nachvollziehbar bleibt und folgerichtig handelt. Man kommt nicht umhin, mit ihnen mitzuleiden. Andere Nebenfiguren dienen nur dazu, den Kontrast zu schärfen.
Die Dynamik entsteht durch den Wechsel an Szenen und den unterschiedlichen Perspektiven, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird. Hauptfigur bleibt dennoch vor allem Martina, die innerhalb der Familienkonstellation nochmal die Besonderheit der Hinzugekommenen aufweist.
Nach und nach ergeben die Puzzleteile unterschiedlicher Handlungsstränge so ein gesamtes Bild, welches zudem durch das Spiel mit Vergangenheits- und Gegenwartsperspektive ergänzt wird. In solch kompakten Raum dies ohne Logikfehler oder absurde Sprünge zu schaffen, funktioniert hier wunderbar, was sicher zum Großteil auch an der Übersetzung von Peter Kultzen ins Deutsche liegt.
Das Spiel mit Atmosphäre und unterschiedlichen Perspektiven funktioniert auch deshalb so gut, da man sich die Figuren und die auf eine überschaubare Anzahl von Handlungsorten beschränkten Szenen gut vorstellen kann, da Sara Mesa teilweise sehr filmisch schreibt. Das Gefühl eines psychologischen Dramas lässt sich so leicht heraufbeschwören und hält sehr viel über den gesamten Handlungszeitraum von der Kindheit bis hinein ins Erwachsenenalter. Vor allem einzelne Szenen und Textpassagen werden dabei am Ende im Gedächtnis bleiben, da sie mit einer Präzision platziert sind, die ihres Gleichen sucht.
Es kam vor, dass man für eine kleine oder sogar gar nicht bestehende Verfehlung eine Riesenstrafe empfing, und umgekehrt: Man konnte ganz ohne Strafe davonkommen, obwohl man etwas Schlimmes oder sehr Schlimmes getan hatte. Er beschloss, dass er in dieser Richtung weitermachen müsse – Überleben durch Ausgleich.
Sara Mesa: Die Familie
Der 2022 in Spanien erschiene und drei Jahre auch hierzulande zu lesende Roman ist für alle geeignet, die eine nicht nur erzählerisch sondern auch psychologisch spannende Geschichte suchen. Besser als am nach außen hin heilen Bild der Familie, in deren Innerem sich Risse erst auf dem zweiten Blick zeigen, kann man dies kaum darstellen.
Autorin:
Sara Mesa wurde 1976 in Madrid geboren und ist eine spanische Schriftstellerin und Journalistin. Als Kind zog sie mit ihren Eltern nach Sevilla, wo sie heute noch lebt. Sie studierte an der dortigen Universität Journalismus und spanische Literatur. Ihre schriftstellerische Karriere begann sie mit Gedichten, die ausgezeichnet wurden.
Später wechselte sie zum Schreiben von Romanen und Kurzgeschichten, in denen sie sich mit dem Abweichen von Normen, Vereinzelung und der Scheinheiligkeit der Gesellschaft befasst. Ihr Roman „Liebe“ wurde von der spanischen Zeitung El Pais zum besten Buch des Jahres gekürt und 2021 mit dem Preis des unabhängigen Buchhandels in Spanien ausgezeichnet. Ihre Werke werden in zahlreiche Sprachen übersetzt.
