Khaled Hosseini: Am Abend vor dem Meer

Autor: Khaled Hosseini
Titel: Am Abend vor dem Meer
Seiten: 48
ISBN: 978-3-10-397409-6
Verlag: S.Fischer
Übersetzer: Henning Ahrens

Inhalt:
Am 02. September 2015 ertrank Alan Kurdi bei dem Versuch, sich über das Mittelmeer nach Europa in Sicherheit zu bringen. Er war drei Jahre alt und stammte aus Syrien. Khaled Hosseini war selbst ein Flüchtlingsjunge, der fern von seinem Heimatland Afghanistan aufwuchs.

Diese Erfahrung von Trennung und Heimweh prägt die einzigartie emotionale Kraft seiner Bücher und wurde schriftstellerischer Antrieb wie gesellschaftlicher Auftrag: Seit vielen Jahren unterhält er eine eigene Stiftung und ist Sonderbotschafter des UNHCR.

Im „Am Abend vor dem Meer“ kommt beides zusammen. Die atmosphärisch dichte Erzählung, eindringlich farbig illustriert von Dan Williams, erzählt in einem Brief eines Vaters an seinem Sohn vom Abschied von zu Hause und der Gefahr der Überfahrt auf der Flucht. (Verlagstext)

Autor:
Khaled Hosseini wurde 1965 in Kabul, Afghanistan, geboren und ist ein amerikanischer Schriftsteller und Arzt. Sein Vater arbeitete für das afghanische Außenministerium von 1970 bis 73 in Teheran, 1976 zog die Familie nach Paris, wo dieser in der afghanischen Botschaft arbeitete.

1976, nach der sowjetischen Invasion, beantragte die Familie politisches Asyl in den USA, welches 1980 gewährt wurde. 1984 erlangte Khaled Hosseini seinen High-School-Abschluss, studierte anschließend Biologie und Medizin, worin er 1993 promovierte. Seit 1996 arbeitet er als Internist. Im Jahr 2003 veröffentlichte er seinen ersten Roman, der verfilmt wurde, 2007 und 2013 folgten weitere Erzählungen.

Illustrator:
Dan Williams ist Künstler und Illustrator. Seine Arbeiten erscheinen in zahlreichen Zeitungen, wie etwa „Guardian“ oder Magazinen wie „National Geographic“ und „Wall Street Jounal“. Für mehrere Verlage illustrierte er bereits Publikationen. Williams‘ Werke wurden mehrfach ausgestellt.

Rezension:
Das Thema „Flüchtlinge“ dominiert seit Jahren die Schlagzeilen in Europa, lässt die Gemüter kochen und spaltet das politische Leben. Viele Politiker sind längst nach rechts gerückt, demokratische Werte zählen nicht mehr viel, Grundwerte wie Menschlichkeit ohnehin nicht. Viel wird diskutiert, über die Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen, wer integriert werden darf, wer nicht, und wie das alles aussehen soll.

Die Fluchtursachen geraten immer mehr in den Hintergrund, sind vielerorts schon fast vergessen. Immer noch machen sich daher Männer, Frauen und Kinder auf den gefährlichen Weg nach Europa, da ihre Heimat keine Zukunft und kein Leben bieten kann. Nicht wenige sterben bei den Versuch, zu Land oder zu Wasser Hilfe zu erreichen.

So auch der kleine Alan Kurdi, der im Jahr 2015 im Mittelmeer ertrank. Das Bild des kleinen Jungen, dessen lebloser Körper am Strand lag, ging um die Welt, wurde instrumentalisiert. Ihm und den anderen zahlreichen Opfern der Flucht ist dieses Buch gewidmet.

Es ist viel weniger ein Buch als eine kleine Briefnovelle, die es auf so wenigen Seiten gehörig in sich hat. Ein Vater, offenbar schon am Ziel, schreibt einen Brief an seinen kleinen Sohn, der den gefährlichen Weg über’s Mittelmeer noch vor sich hat.

Er schreibt von der Stadt Homs, wie einst der Vater sie kannte und in welchen Gegensatz sie der Sohn sieht, schreibt von den Gefahren der Überfahrt über das Meer und hofft inständig, dass der Sohn nicht Opfer von den Gewalten der Mutter Natur werden wird. Das Ende indes bleibt offen.

Dieser eine Brief durchzieht das gesamte Buch, pro Seite immer nur einpaar Zeilen, die wirkungsvoll durch die Zeichnungen Dan Williams‘ unterstrichen werden. Die Aquarelle wirken zuerst fröhlich, weichen nach und nach immer düster wirkenden Bildern, die alleine schon Eindruck genug machen und dem Leser sehr nahe gehen werden.

Es passiert mir nicht oft, dass ich mich dermaßen emotional beeindrucken lasse, doch hat es bei mir im Inneren etwas ausgelöst und einen Schalter umgelegt. Einige Tränen sind tatsächlich geflossen.

Was die täglichen Nachrichten betrifft, versuche ich das Geschehen in diesem Teil der Welt und die Auswirkungen hier, die einen Teil der Bevölkerungen gefährlich nahe an den Rand rutschen lässt, der 1933 das NS-Regime an die Macht gebracht hatte, nicht an mich heran zu lassen. Es gelingt mir jedoch immer weniger.

Khaled Hosseini und Dan Williams führen uns mit wenigen Worten und eindrucksvollen Bildern die Situation vor Augen, der jeder Flüchtling gegenüber steht. Es wird klar, dass sich niemand grundlos auf diese gefährliche Reise begibt, dass die, die in unseren gesellschaftlichen Fokus geraten sind, lieber in ihren Ländern leben würden, wenn die Situation es zuließe.

Auch klar wird, dass grundlos nichts passiert und das wir in der Pflicht sind, uns zu kümmern. Wir dürfen uns nicht mit Vereinfachungen und Stammtischparolen zufrieden geben, auch nicht mit minutenlangen Berichten in den Nachrichten.

Es muss sich endlich um die Fluchtursachen gekümmert werden, die Länder und Staaten, die so viel Elend und Leid bringen, dass zu viele ihr Leben dort als nicht lebenswert betrachten können, lieber die Gefahren der Flucht auf sich nehmen, müssen wieder ins Blickfeld geraten. Damit nicht noch mehr Erwachsene und vor allem Kinder wie Alan Kurdi sterben.

Mit den Kauf des Buches ist zumindest ein kleiner Schritt getan. Die Leser unterstützen damit die Khaled Hosseini Foundation und den UNCHR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, die lebensrettende Nothilfemaßnahmen finanziert, um Flüchtlingen überall auf der Welt eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

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