Christopher Wilson: Guten Morgen, Genosse Elefant

Autor: Christopher Wilson
Titel: Guten Morgen, Genosse Elefant
Seiten: 266
ISBN: 978-3-452-05076-9
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Übersetzer: Bernhard Robben

Inhalt:
Die lustige, traurige, spannende, lehrreiche, herzzereißende Geschichte des zwölfjährigen Juri, Sohn des Zoodirektors, der ein so liebes Gesicht hat, dass ihm jeder ungefragt seine Geheimnisse erzählt. Er gerät ins Räderwerk der Geschichte, als er ein paar Wochen in Stalins Datscha verbringt und sein Vertrauter und Vorkoster erster Klasse wird. (Klappentext)

Autor:
Christopher Wilson ist ein britischer Schriftsteller und veröffentlichte zahlreiche Romane und Kurzgeschichten Seine Werke wurden in mehreren Sprachen übersetzt und für’s Theater adaptiert. Mehrmals wurde er für den Booker Prize und den Whitbread Fiction Prize nominiert.

Zuvor studierte er Psychologie unnd lehrte an der Goldsmith Universität London. Wilson unterrichtet Kreatives Schreiben in Gefängnissen und lebt in London.

Rezension:
Juri ist ein wenig langsamer im Denken als andere Kinder seines Alters, aber ansonsten fehlt ihm nichts. Im Gegenteil, wie eine Blechbüche, zwar ein wenig verbeult, seit ihm einmal fast eine Straßenbahn und ein LKW überrollt haben, ist er immer noch da und beobachtet die Menschen um sich herum.

Und die betrachten ihn als kleinen harmlosen Idioten, der zwar alles sieht aber den man alles anvertrauen kann, ohne das es gefährlich wird. Wichtig in diesen Zeiten, wo Terror und Angst das Land regieren.

Schon bald kommt Juri mit dessen Zentrum in Berührung, als sein Vater und er vom Geheimdienst abgeholt und in ein Haus am Rande Moskaus gebracht werden, um einen Patienten zu behandeln. Nicht die üblichen Verdächtigen, die Zootiere, die sein Vater als Veterinär sonst immer behandelt, sondern einen anderen großen Elefanten, der so ähnlich aussieht wie der Stählerne.

Ehe Juri sich versieht, steht er plötzlich im Strudel der Aufmerksamkeit des kranken Mannes, vor dem so viele Angst haben. Den Ränkespielen um Macht und mögliche Nachfolge kann sich auch der Zwölfjährige nicht entziehen.

Gleichsam „Der Junge auf den Berg“ von John Boyne, nur etwas naiver, erzählt der Schriftsteller Christopher Wilson die Geschichte von Macht Angst und wie sie uns vereinnahmen, so wir unter ihren Einfluss stehen, anhand eines kleinen Jungen, der die gesamte Handlung über Randfigur bleibt, und zugleich Hauptperson ist.

Randfigur im Sinne der beobachtenden Person, die ihre Umgebung genau wahrnimmt und durch die kindlichen Bemerkungen eher unbewusst das Verhalten der anderen Protagonisten steuert, selbst aber zumindest zu Anfang eher unbeteiligt ist, Hauptperson, da Juri die Erzählposition einnimmt und die Wirkung Stalins auf dessen Umgebung nur um so klarer verdeutlicht werden.

Erzähltechnisch und sprachlich sehr schön gemacht, ist der zwölfjährige Protagonist Sympathieträger, und, gefährlich, auch der rote Diktator in seinen letzten Lebenszügen, während die anderen Protagonisten klar Gegenpole bilden.

Wenn der Alpha-Wolf schwächelt, zeigen die Beta ihre Zähne und so begegnen wir einer reihe von damaligen Politgrößen, die zwar durch kindliche Spitznamen verklausuliert, aber dennoch zu erraten sind. Genosse Bruhah ist z.B. der Geheimdienstchef und Ausführer des stalinschen Terrors Beria, und so geht es nahtlos weiter.

Mit jedem noch dazukommenden Protagonisten verschärft sich die Lage, erhöht sich die Spannung und das Erzähltempo, wird der Hauptfigur jedoch klarer, in welcher Gefahrenzone er sich befindet. Der große Knall, er kommt auf leisen, dann immer lauter werdenden Sohlen.

Eine temporeiche Erzählung mit kontinuierlichen Spannungsbogen, kindlicher Beobachtungsgabe und einem großen Finale, gebündelt auf relativ wenigen Seiten. So kompakt und gut erzählt, wie man es kaum erwarten wird, und doch steckt hinter den Buchdeckeln ein kleiner großer Roman.

Abstriche gibt es, weil man vielleicht gerne mehr erfahren hätte, wie es mit Juri weiterginge, aber das lässt sich verschmerzen. Der Autor hat es bewusst vermieden, seine Geschichte totzuschreiben. Auch das gelingt ja nicht jeden. Eine klare Leseempfehlung.

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