Manche Formen von Gewalt sind laut. Andere sind so leise, dass sie niemand hört – außer dem, der sie selbst erlebt.
Ohnmacht erzählt von einer solchen Geschichte. Von einem Vater, der zusehen muss, wie ihm alles genommen wird. Von einer Wahrheit, die sich immer weiter verschiebt, bis sie nicht mehr greifbar ist. Und von einem Kind, das erfahren muss, dass Liebe auch immer Schmerz bedeutet.
Dieses Buch fordert keine schnellen Urteile. Es stellt Fragen. Und es schaut dorthin, wo es wehtut.
Erscheint am: 5. Mai 2026 im Kapitel II Verlag (Forward Verlag Imprint), ISBN: 978-3-91242-700-4, 776 Seiten, Taschenbuch.
Inhalt: In den USA kann man an zahlreichen Universitäten Creative Writing studieren und wird dabei von namhaften Schriftstellern und Dichtern in allen Bereichen unterstützt. Die Verfasserin hat ein solches Studium in den USA absolviert und ein Buch geschrieben für diejenigen, die auch Zuhause lernen wollen, wie man bewegend, spannend und literarisch schreibt und zum eigenen Lektor wird.
Dieser praktische Ratgeber behandelt jedes Thema, das beginnende und erfahrene Schriftsteller beschäftigt, weit über das rein Handwerkliche hinaus. Schwerpunkte bilden das Zusammenspiel Protagonist/Plot sowie die Vielfalt der Erzählperspektive. Checklisten und Vorlagen, viele praktische Übungen und eine große Bandbreite an Beispielen aus der Weltliteratur begleiten den Leser auf dem Weg zum Schriftsteller. (Inhalt lt. Amazon)
Rezension: Für den einen oder anderen von uns vermag vielleicht der Wunsch bestehen, die eigenen Ideen zu Papier zu bringen. Daraus ein Buch sich zu erarbeiten, was man sich später gebunden ins Regal stellen, was andere Menschen kaufen können, um ebenfalls an den Geschichten ihre Freude zu haben, ist fast schon ein verwegener Gedanke. Und dann steht da am Beginn das weiße Blatt Papier, das geöffnete leere Dokument und die Frage, wie man überhaupt beginnen soll. Der Ratgeber „Creative Writing“ der Schriftstellerin Jesse Falzoi hilft hier, anaolg eines Schreibkurses anhand praktischer Übungen sich seine Geschichte zu erarbeiten udn sein eigenes Schreiben zu verbessern.
Zahlreiche Beispiele und Übungen rahmen die sechszehn Lektionen ein, die helfen, sich beide Punkte zu erarbeiten. Dabei geht es zunächst einmal über das Schreiben selbst und der Frage des Warum, bevor die Autorin dazu einlädt, anhand von Fragestellungen Texte sich zu erarbeiten und daran zu üben. Dabei bestimmen wir selbst unser Tempo, ziehen dabei unsere Leseerfahrungen zu Rate, wobei auch unzählige Literaturbeispiele gegeben werden, wenn es zum Beispiel um die Entwicklung von Figuren oder Handlungsabläufen geht.
Sehr methodisch werden diese und anderen Punkte, von der ersten Idee bis zum überarbeiteten Text dargestellt, wobei Jesse Falzoi auch ihre eigenen Erfahrungen, Erfolge und vor allem Misserfolge einbezieht, was zeigt, dass der Weg zur überarbeitenden Geschichte so turbolent wie steinig ist und der erste Textentwurf durchaus frei von der Hand geschrieben werden kann, damit überhaupt eine Arbeitsgrundlage entsteht, auf der dann die einzelnen Punkte Anwendung finden.
Es geht hier nicht nur um Erzählschemata (ja, auch), sondern vor allem pro Kapitel darum, um ein Gefühl für die dort behandelten Themen zu bekommen, sich zu erarbeiten. Im Bezug auf das eigene Schreiben hat Jesse Falzoi mir gezeigt, was ich schon intuitiv alles mache und an welchen Sachen ich später noch arbeiten kann, aber auch, wie es mit einem Text weitergeht, wenn dieser vermeintlich geschliffen oder fertig ist. In sofern stimmt, so weit ich das schon sagen kann, hier das Wort „umfassend“, wobei die einzelnen Kapitel so kompakt gehalten sind, dass man mit Informationen und Stoff zum Nachdenken nicht zu überladen ist.
Schließlich soll man ja diese Energie und das in die Hand bekommene Werkzeug am Ende auch nicht nur in die zahlreichen und vielseitigen Übungen, sondern in den eigenen Text stecken. Und das ist ganz wunderbar.
Autorin: Jesse Falzoi ist eine deutsche Schriftstellerin unterrichtet Creative Writing in Berlin, bietet Coaching und Workshops an. 2001 schloss sie ihr Literaturstudium ab, erhielt 2013 ein Stipendium in den USA und erhielt zwei Jahre Später ihren Master of Fine Arts in Creative Writing. In zahlreichen Literaturzeitschriften veröffentlichte sie bereits und erhielt mehrere Literaturpreise, sowie ein Aufenthaltsstipendium im Heinrich Böll Cottage Irland.
Der virtuelle Spendenhut
Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.
Inhalt: Im dritten Schuljahr wird es alles andere einfach. Für Lucian, Ian, Silia und Haiden beginnt das Abenteuer mit einem Rückschlag: Sie verpassen die Polarfuchs, das mächtige Schiff zur Zauberschule Moridan. Nun müssen sie über Umwege ans Ziel gelangen, ein Weg, der voller Hindernisse und unerwarteter Gefahren steckt. Doch ihre Reise wird von rätselhaften Visionen überschattet:
Ein gigantischer Vogel mit schimmernden Flügeln und ein gewaltiger Turm, an dessen Spitze sich ein bedrohlischer Mahlstrom formiert. Ein Buch, das sich nicht öffnen lässt, Piraten greifen Seefahrer an und was hat ein Jäger in der Schule zu suchen. Welche dunklen Geheimnisse verbergen sich hinter all dem? Die vier Helden müssen nicht nur den Herausforderungen der Schule trotzden, sondern auch einem Rätsel auf die Spur kommen, das ihre Welt für immer verändern könnte. (Klappentext)
Noch düsterer als die vorangegangenen Bände gibt sich der dritte Teil der Reihe um Jungmagier Lucian Mason, dessen Start ins neue Schuljahr turbolenter nicht sein könnte. Nachdem dieser in seinem zweiten Jahr etwas mehr über die Vergangenheit seiner Geschichte erfahren konnte und der Halt seiner Freunde zu ihm auf die Probe gestellt wurde, gerät nun Lucian noch mehr als ohnehin schon ins Zentrum der Ereignisse. Doch ist schnell klar, egal, welchen Weg er wählen wird, diese Entscheidung wird alles verändern.
Die Fortsetzung des Urban Fantasy Abenteuers aus der Feder von Patric J. Kaaf könnte rasanter nicht beginnen. Gleich zu Anfang werden der Protagonist und seine Freunde auf die Probe gestellt, deren Reise uns Lesende noch mehr über die magische Welt erfahren lässt, die mehr denn je dem Abgrund nahe scheint. Rasant wird dieses Schuljahr erzählt, in dem neue Figuren eingeführt werden, insbesondere die Antagonisten bekommen vielschichtige Figuren zur Seite gestellt. Nichts ist, wie es scheint, doch wird so die Probe für Lucian und die anderen Protagonisten noch größer als bisher.
Das Spiel der verschiedenen Seiten verläuft rasanter als in den vorangegangenen Bänden, was nicht zuletzt an der Art des Erzählens liegt. Der dritte Band ist kompakter gehalten als die Vorgänger. Hier merkt man den Flow, in dem Patric J. Kaaf mehr und mehr hineingefunden hat. Zwar gibt es immer noch Flüchtigkeitsfehler in manchen Formulierungen, doch werden diese immer weniger, so dass man sich ganz auf dieses fesselnde Abenteuer einlassen kann, in welchem nicht nur der Protagonist sich von einer verletzlicheren Seite zeigen darf. Im Gegenteil, Lucian Mason darf auch hier Ecken und Kanten haben, Fehler machen, zeigt sich dabei lernfähig und reflektiert.
Dies macht den Hauptprotagonisten glaubhaft, wie auch, dass gerade seine Freunde nicht alles hinnehmen, sondern vielschichtig reagieren. So sehr, dass man manchmal zwei Seiten hervorblitzen sieht, was sich besonders an Ian als weiteren der vier Hauptfiguren festmachen lässt. Die Ausgestaltung der Gegenseite ist es jedoch, was diesen Band ausmacht, sowie auch die Zunahme weiterer Handlungsorte, die auch die große Japan-Liebe des Autoren hervorblitzen lässt, geschweige denn von praktisch filmreif durchchoreografierten Kampfszenen. Wobei, da könnte noch mehr gehen.
Lucian Mason ist zugleich Handlungstreiber, doch zunehmend bestimmen auch die Perspektiven anderer Figuren das Geschehen, welches in sich schlüssig ist, wenn auch mancher Übergang noch glatter daherkommen könnte. Trotzdem gelingt Patric J. Kaaf auch hier ein Spannungsbogen, der diesen Band nicht zu sehr nach Mittelstück aussehen lassen, woran viele vergelichbare Reihen in dieser Höhe einfach kranken. Das ist hier hoch anzurechnen. Auch die Einarbeitung von Rückblenden oder Buchsichten (Ja, die.) fügt sich hier logisch.
Die Zunahme von Handlungsorten erweitert die magische Welt, macht sie noch fassbarer, wobei dies auch der Tatsache geschuldet ist, dass in Teilen Band 3 ein magischer Roadmovie ist, dem man einfach gerne folgt. Cliffhanger verbinden dabei gekonnt die einzelnen Kapitel, deren Szenerien gut vorstellbar sind. Auch hierbei wird kein unnötiges Wort oder gar eines zu viel verloren.
Vom Gefühl her würde ich diesen Band noch zu den für jüngere Jugendliche geeigneten zählen. Wie es mit Teil 4 aussieht, darf man gespannt sein. Folgt da ein harter Bruch oder schafft es der Autor das Mitwachsen des Lesepublikums ebenso fließend zu gestalten, wie es ihm bisher gelungen ist? Das eine solche Wendung naht, lässt zumindest die zunehmende Rasantheit vermuten. Hier darf man gespannt sein, aber auch, welche Prüfungen magischer oder anderer Natur Lucian und seine Freunde noch bestehen werden müssen und wie sich deren Verhalten mit zunehmenden Alter und weiterer Erkenntnis verändert.
Alleine diese Fragen schon lohnt ein Blick in die nächsten Bände, die hoffentlich genau so spannungsreich wie vielschichtig werden. Man freut sich jedenfalls nach diesem auf weitere Abenteuer von Lucian und seinen Freunden.
Autor:
Schon immer von Games und Filmen fasziniert, wollte Patrick J. Kaaf in diese Branche Fuß fassen. Als dies nicht funktionierte, begann er auf Anregung hin, seine Ideen aufzuschreiben. So entstand u. a. sein Roman „Lucian Mason und der Splitter des Schicksals“, der den Auftakt einer neuen Fantasy-Reihe bildet.
Der virtuelle Spendenhut
Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.
Inhalt: Rainer Maria Rilke gilt als einer der größten Dichter des 20. Jahrhunderts. Seine Kunst sei „Dinge machen aus Angst“, schreibt er im Juli 1903 seiner ehemaligen Geliebten Lou Andreas-Salome. Manfred Koch zeigt in seiner neuen, Leben und Werk gleichermaßen in den Blick nehmenden Biographie Rilke als hochsensibles Echolot und geschlechtlich fluidesten Dichter der heraufziehenden Moderne. So entsteht die mitreißende Erzählung eines radikalen Lebens, das ganz Kunst sein will und dadurch eine Wahrnehmungssensibilität entfaltet, die erschreckend nah in Berührung kommt mit den Abgründen in ihm selbst und in seiner Zeit. (Klappentext)
Rezension: Rilke, für den Dichtung alles war, kann man vielleicht als einen der ersten wirklichen Europäer bezeichnen, der er dies zu einer Zeit gewesen ist, als der Nationalismus um sich greifen und den ersten Weltenbrand entfachen sollte, der den Kontinent erschütterte. Bis dahin und in der danch folgenden kurzen Zeit der Stabilisierung hatte der Dichterfürst nicht nur die Schweiz gesehen, auch in Ländern wie Frankreich, Russland oder Spanien und Italien war er auf der Suche nach sich selbst gewesen, nach Inspiration und Unterstützung. Diesen Weg zum einen, zum anderen über Rilkes Texte folgt der Literaturwissenschaftler und Essayist Manfred Koch.
Entstanden ist dabei eine in mehreren Aspekten bezeichnende Biografie.
Lesefreundlich gegliedert sind die einzelnen Lebesstationen überschriebenen Kapiteln in kompakte Abschnitte, in denen wir über das Werk Rainer Maria Rilke kennen, dessen Kindheit prägende und komplizierte Mutter-Sohn-Beziehung bezeichnend sein sollte für die Entstehung und den Zugang des Dichters zu seinen Texten selbst, sowie zu den späteren Beziehungen zu seinen Mitmenschen. In seiner Form handlich, lernt man so einen Großteil des Schaffens Rilkes kennen, was die Biografie zur empfehlenswerten Lektüre macht, kennt man vorher nur ein wenig davon. Zugleich schildert der Autor so viel Zeitgeschehen und gibt hier auch, was sich bei einem solch umtriebigen Menschen anbietet, einen guten Überblick über den Kulturbetrieb Europas jener Jahre.
Manfred Koch beschönigt jedoch nichts, sondern zeigt auch auf, wie problematisch die Beziehungen Rilkes vor allem zu den von ihnen umschwärmenden und umschwärmten Frauen gerade für diese selbst werden konnten, aber auch, den psychischen Leidensdruck auf, der Rilke zu meisterhaften Texten befähigte, jedoch Zeit seines Lebens ihn selbst und seine Umgebung auch schadete, und dies nicht zu knapp. Es ergibt sich dabei in vielen Fascetten absolut kein symphatisches Bild, welches man wohl in anderen Biografien suchen muss, doch eine umfassende Analyse eines Schaffens, welches Grenzen vieler Art zu durchbrechen vermochte.
Den Weg zu gehen, einmal umgedreht vom Werk zu den einzelnen Lebensstationen, ist eine mal andere Variante, ein Leben zu betrachten und darf als gelungen bezeichnet werden, zudem hier wirklich auf viele Texte eingegangen wird, die Rilke im Laufe der Jahre geschaffen hat. Auch die Kompliziertheit und fast krankhafte Unerbittlichkeit des Dichters gegenüber sich selbst und seiner Arbeit herauszustellen, dies in einer kompakten und doch hinreichend detaillierten Form zu packen, hat Manfred Koch geschafft, dessen Fachkenntnis und Anerkennung für Rilkes Werk in jeder Zeile zu spüren ist, denen eine jahrelange Recherchearbeit vorausging.
Eine umfangreiche Quellenlage, sowie ein ausgewählter Bildteil ergänzen die Lektüre. Nur die ist zu bewerten. Würden wir dies nach Umschlagen der letzten Seite auf Rilke als Person ausweiten wollen, müssten für ihn selbst so einige Abzüge gemacht werden.
Autor: Manfred Koch wurde 1955 in Stuttgart geboren und ist ein deutscher Literaturwissenschaftler und Essayist. Er studierte zunächst in Tübingen Philosophie, Germanistik und Geschichte, bevor er ebenda promovierte. Von 1988 an arbeitete er als Lektor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Thessaloniki, derer sich eine wissenschaftliche Assistenzstelle in Gießen anschloss. Von 2001 bis 2003 hatte er eine Vertretungsprofessor in Tübingen inne, von 2004 an war er Mitorganisator der Poetik-Dzentur. Von 2009 bis 2021 lehrte er in Basel als Privatdozent und unterrichtete anschließend in Vermond. Er schrieb Beiträge für die Neue Zürcher Zeitung, publizierte und verfasste Radio-Essays für den SWR2.
Der virtuelle Spendenhut
Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.
Inhalt: Nur wenige Mitglieder der Crew überlebten die erste historisch belegte Umsegelung der Erde. Einer von ihnen war der italienische Ritter Antonio Pigafetta, der seine abenteuerlichen Erlebnisse in einem detaillierten und farbenfrohen Reisebericht schilderte. In Christian Jostmanns feinfühliger Übersetzung des Originaltextes lässt sich dieser Klassiker der Reiseliteratur nun wieder auf Deutsch entdecken. (Klappentext)
Rezension: Nachdem im 16. Jahrhundert Portugal und Spanien die damals bekannte Welt unter sich aufgeteilt hatten, beschloss König Karl I. den Adligen Ferdinand Magellan damit zu beauftragen, innerhalb der eigenen Hemisphäre „Inseln und Festländer zu entdecken, reiche Gewürzvorkommen und andere Dinge“ zu entdecken und die Position der Molukken genauer zu bestimmen, sowie diese für Kastilien in Besitz zu nehmen. Ein Jahr lang wurden fünf Schiffe generalüberholt, bevor diese in See stachen, an Bord eines der Schiffe der Ritter Antonio Pigafetta, der als einer von wenigen die strapaziöse Reise überleben sollte. Er dokumentierte in Tagebuchform die Schifffahrt und damit die erste Weltumsegelung, die nun in der Neuübersetzung von Christian Jostmann vorliegt.
Von diesem gibt es zunächst eine kurze und kompakte Einordnung des Textes, um verständlich zu machen, was man da überhaupt liest. Wer war Pigafetta eigentlich? Was befähigte ihn, Mitglied einer der Crews zu sein und weshalb eigentlich er als einer von wenigen die Reise überlebte, bevor im Anschluss schnell in den Reisebericht selbst eingestiegen und den Autor jenes Berichts das Wort überlassen wird. Der hinterlest mit seinen gesammelten Eindrücken ein historisches Erbe, welches uns von den Vorbereitungen dieses großen Abenteuers, von dem damals noch viel mehr abhing, auch in Bezug auf die möglichen Risiken, von denen sich einige später bewahrheiten sollten, als heute, bis hin zum Ende der Reise mitnimmt, dessen Leistung sich der Autor damals schon bewusst gewesen ist.
Die einzelnen Abschnitte sind dabei kurz gehalten. Es handelt sich ja um von Pigafetta selbst überarbeitete Tagebucheinträge, die dieser für ein Bericht an einem seiner späteren Dienstherren, als Grundlage verwendet hat. Auch heute sind sie gut lesbar. Mit jeder Zeile fühlt man vom Seewind bis zu Skorbut all das, was die damalige Besatzung dieser Expedition durchleben musste. Dabei fällt auf, der Ritter Antonio Pigafetta war ein Kind seiner Zeit, wenn auch sehr aufgeschlossen gegenüber neuem.
So werden Vokabellisten geführt, der Stämme und Völker, auf die er trifft, jedoch auch Akte der Gewalt als gegeben hingenommen und so beschrieben, wenn Magellan und seine Leute ihren Willen gegenüber den Menschen durchsetzen wollten, auf die sie trafen. Den Bericht muss man folglich als Bestandteil der spanischen Kolonialgeschichte lesen, was die nautische und logistische, sowie auch physische und psychische Herausforderugn eines solchen Unternehmens freilig nicht schmälert.
Der Reisebericht kommt sehr detailliert daher. Handel und Aufeinandertreffen mit den Menschen von der Südsee, über Südamerika und den Philippinen werden beschrieben, sowie das Leben an Bord der Schiffe, welches zur Meuterei eines Teils der Besatzung führte und auf einem anderen Teil der Reise zum Tode Ferdinand Magellans. Die Tonalität des Berichts, die laut dem Übersetzer Christian Jostmann sehr dicht am Original des Berichts liegt, macht eben diesen heute noch gut lesbar, wenn auch an manchen Stellen sehr viele Details direkt aufeinander folgen, was man vorher sich bewusstmachen sollte.
Einordnungen und Erklärungen, insbesondere wenn sich Pigafetta selbst Interpretationsspielräume ausbedingt oder einfach Umschreibungen für geografische Orte nutzt, die so heute schlicht und einfach nicht mehr phonetisch existieren, erfolgen in zahlreichen Fußnoten. Ergänzt wird der Text durch eine Karte im Buchrücken, der die Reiseroute zeigt, sowie eine Abbildung gemalter Inseln, die den Orignal-Bericht durchziehen, ohne den Anspruch auf unbedingte geografische Genauigkeit zu haben.
Der Bericht ist vor allem vor dem Hintergrund Ferdinand Magellans interessant, dem der Autor Christian Jostmann in einem eigenen Sachbuch „Magellan oder die erste Umsegelung der Erde“ portraitiert hat, kann jedoch auch davon losgelöst als eigenständiges Werk gelesen werden, zudem wir es hier mit dem Text eines Zeitzeugen zu tun haben, was für diese Zeit in der Qualität einzigartig sein dürfte. Mit dem Hintergrundwissen des Zwecks der Reise, kolonialer Ansichten der Teilnehmenden, was zur Einordnung wichtig ist, bleibt ein hochspannender Text, der uns praktisch in die beschriebene Zeit versetzt, all die Strapazen aber auch Entdeckungen erleben lässt.
Wer Spaß an so etwas hat, vielleicht auch ein historisches Interesse, zumal an Berichten vergangener Seefahrten und Expeditions-Großleistungen, ist diese Neuübersetzung unbedingt zu empfehlen.
Autor: Antonio Pigafetta wurde vor 1492 in Vincenza geboren und starb irgendwann nach 1524. Er war ein italienischer Ordensritter, Entdeckungsreisender und Schriftsteller, der vor allem als Chronist der ersten Erdumsegelung unter Ferdinand Magellan und Joan Sebastian Elcano bekannt ist, welche er als einer von wenigen überlebte.
Christian Jostmann wurde 1971 in Bielefeld geboren und ist ein deutscher Historiker und Autor von zahlreichen Sachbüchern. Er studierte Geschichte, Soziologie, Psychologie und Hispanistik in Würzburg, Bielefeld und Madrid. 2004 promovierte er mit seiner Disseration über die sibyllinische Literatur des Spätmittelalters. Als Feuilletonist schrieb er für die Süddeutsche Zeitung, weiter, seit 2006 für die österreichische Wochenzeitung Die Furche. 2019 veröffentlichte er sein erstes Sachbuch, dem weitere folgten. 2008 erhielt Jostmann den Stauferpreis der Stauferstiftung Göppingen.
Der virtuelle Spendenhut
Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.
Inhalt: Es ist das Jahr 1983. Daniel steht kurz vor seiner Konfirmation und träumt von blauen Samtsakko und grauer Flanellhose. Doch seit er die Eltern nächtlich belauscht hat, schwant ihm, dass daraus nichts wird. Hormanns sind pleite und wissen nicht mehr, wie sie die sechsköpfige Familie über die Runden bringen sollen.
So erfinderisch die Eltern auch sind, eines können sie nicht: mit Geld umgehen. Was sie dagegen beherrschen: den Schein wahren, auch noch, als der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht.
Ein grandioser Roman über eine fast normale deutsche Familie. (Klappentext)
Rezension: Wie bewahrt man den Schein, wenn die Geschäfte schlecht laufen und das Geld in den Fingern zerrinnt? Wenn das Haus so löchrig ist wie ein Schweizer Käse und Klassenfahrt wie Konfirmation der Kinder anstehen? Daniels Eltern gelingt das zeitweilig ganz gut. Die Leidtragenden sind der Hauptprotagonist und seine Geschwister.
Christian Schünemann zeichnet in seinem Roman „Bis die Sonne scheint“, das Leben einer Familie im dauerhaften Ausnahmezustand nach und zeigt auf, was es bedeutet, wenn der Realitätsverlust der Eltern nicht nur zur wirtschaftlichen Instabilität führt.
Nachempfunden ist diese Erzählung krisenhafter Zeiten der Familiengeschichte des Autors, der anhand eines Stapel von Briefen, sowie den eigenen Erinnerungen, denen seiner Geschwister und Verwandter die Geschichte seiner Kindheit und Jugend festhält, zugleich jedoch auch der Frage nachgeht, woher das kommt. So wandelt der Roman zwischen den Zeiten. Zunächst lernen wir, innerhalb ser kompakt gehaltener Kapitel, den Hauptprotagonisten und seine Mutter kennen, die den ersten Riss in der Fassade erfahren, als auf der Bank nichts mehr geht, um wenig später bei der Geschichte von Daniels Eltern zu landen.
Beide Handlungsstränge werden nach und nach zusammengeführt, ohne viele Worte zu verlieren. Eine ausschweifende Erzählung ist das nicht, doch bekommt man Zeile für Zeile Verständnis für das Handeln der erwachsenen Protagonisten einerseits, ist andererseits jedoch um so fassungsloser, wie es möglich ist, die Realität so gar nicht anzuerkennen. Das ist dann irgendwann auch nicht mehr mit Kurzschlusshandeln zu erklären.
Der Hauptprotagonist bleibt dabei die gesamte Handlung über einziger Sympathieträger der Geschichte. Als jüngste Figur leidet er am meisten darunter. Das bei der Konfirmation, die ohnehin lange auf der Kippe steht, ist schneller weg als er blinzeln kann, die Kursfahrt nach Frankreich ebenso fix obsolet.
Dazu das Spiel der Eltern, die gerade, wenn es besonders schlecht läuft, die Familie in teure Lokale und Restaurants ausführt. Wie hält man diesen Spagat nur aus, fragt man sich lesend, auch wenn sich wenigstens zum Teil das Handeln der Erwachsenen aus ihrer Vergangenheit heraus erklären lässt. Das herauszuarbeiten, ist dem Autoren gut gelungen, dessen Hauptprotagonist der letzte Rest kindlichen unbedingten Glaubens an die Eltern in diesen seinen Jugendjahren zwischen den Fingern zerrinnt. Die Eltern sind sozusagen der Gegenpart. Die Erwachsenenwelt als harte Realität mit all ihren Brüchen bildet dazu den starken Kontrast in dieser Erzählung, der man mehr und mehr fassungslos gegenüber steht.
Kurzweilig ist die Lektüre, die im Haupthandlungsstrang durch den Blick Daniels bestimmt wird, der das Unheil auf sich zukommen sieht und damit einen größeren Weitblick beweist, als die Erwachsenen, die sich als unfähig erweisen, unangenehme Wahrheiten anzuerkennen. Dieses Spiel entfacht eine Dynamik, die der Handlung ihr Tempo gibt, deren Ende relativ offen gehalten wird.
Eingerahmt wird die Erzählung von viel Lokalkolorit, welche Schauplätze vor dem inneren Auge und einiges an Atmosphäre aufleben lässt. Zugleich gelingt es Schünemann nicht nur damit aber auch eine Erzählung zu schaffen, die versetzt in unsere heutige Zeit noch genau so funktionieren würde. Der Kampf ums Überleben, wenn einem die Felle drohen wegzuschwimmen, könnte so auch heute noch in der einen oder anderen Form passieren.
Nicht nur, wen diese Zeiten der westdeutschen 1980er Jahre noch sehr lebendig in Erinnerung sind, ist diese Lektüre zu empfehlen, sondern auch jenen, die ein Stück Zeitgeschichte erfahren wollen, die sonst nicht so häufig zur Sprache kommt. Schließlich wird die Geschichte der Bundesrepublik zumeist vom Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg her erzählt, die Krisenjahre danach aber vergleichsweise sehr kurz abgehandelt. Alleine dafür lohnt sich die Lektüre.
Autor: Christian Schürmann wurde 1986 in Bremen geboren und ist ein deutscher Schriftsteller und Drehbuchautor. Er studierte Slawistik in Berlin und St. Petersburg, arbeitete in Moskau und Bosnien-Herzegowina. Bei Diogenes erschien seine Krimiserie, sowie verschiedene Krimiromane, verfasst zusammen mit Jelena Volic. Christian Schünemann lebt in Berlin.
Der virtuelle Spendenhut
Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.
Inhalt: Als er vierzehn ist, verliebt sich Hannes Prager in das Mädchen Polina. Um ihr seine Liebe zu zeigen, komponiert der wundersam begabte Junge eine Melodie, die Polinas ganzes Sehnen und Wünschen umfasst. Kurz danach stirbt Hannes‘ Mutter bei einem Unfall, mit ihr stirbt seine Musik und Hannes‘ und Polinas Wege trennen sich. Nach Jahren, in denen er nichts als Leere fühlt, erkennt Hannes: Er muss Polina wiederfinden. Doch das Einzige, womit er sie erreichen kann, ist ihre Melodie. (Klappentext)
Rezension: Diese Texte, in die man sich hineinstürzt, in sie versinkt und berührt zurückbleibt, deren Figuren man festhalten will, mit ihnen leidet und die einem auch nach dem Lesen nicht loslassen, sie gibt es selten. Doch wenn man nur einen von ihnen einmal erwischt, möchte man daran festhalten, diesen Moment nicht verlieren.
Der Roman „Für Polina“ von Schriftsteller Takis Würger gehört dazu, der nicht nur die Geschichte zweier Menschen erzählt, die ohne einander nicht können, ohne einander nicht sind, sondern auch, welche Bindung Musik zu schaffen vermag und wie sie unsere Herzen berührt. Hannes und Polina sind die Hauptfiguren dieses Kleinods, die beinahe wie Geschwister zusammen aufwachsen, nachdem sich ihre Mütter im Krankenhaus kennengelernt und miteinander befreundet haben.
Schon früh erkennen die Erwachsenen die Begabung des Jungen, den sonst nichts zu interessieren scheint, die tiefe echte Begeisterung für die Wirkung von Melodien, die sich fortan durch sein Leben ziehen werden.
Auf der anderen Seite Polina, lebenslustig, das Gegenteil von distanziert, für die die Menschen um sie herum immer greifbarer sind als für ihn. Charakterzüge zweier Persönlichkeiten, die sich fortan gegenseitig ergänzen, bis im späten Jugend-, dann jungen Erwachsenenalter die ersten von vielen Brüchen folgen, die Narben in beider Seelen hinterlassen werden.
Eingebetet ist die Coming of Age Geschichte in einem Text gleichsam einer Melodie, die wir über mehrere Jahrzehnte hinweg verfolgen, zumeist aus der Perspektive von Hannes, nur hin und wieder im Wechsel mit anderen, den Nebenfiguren, die als Handlungstreiber fungieren. Großteils genügt der Hauptprotagonist sich selbst, für den die Musik alles ist, alles andere nichts, der Abhängigkeiten lange zu ignorieren versucht, bis er lernt, damit umzugehen, und Konsequenzen zu ziehen, ohne teilweise darauf zu achten, wie das bei der Umgebung ankommt.
Diese Kompromisslosigkeit liest sich faszinierend und ist folgerichtig für die Glaubwürdigkeit der Figur, die so viele Ecken und Kanten hast, nichts an sich heranlässt, um im Inneren den Körper vor dem Zerreißen zu schützen. Mit wenigen Worten schafft es Takis Würger dennoch sehr gefühlvoll dies zur Sprache zu bringen, dem damit nicht nur die Ausgestaltung seiner Charaktere gelingt, sondern auch Orte sehr filmisch vor dem inneren Auge entstehen lässt.
Die Kraft des Textes, in dem einzelne Formulierungen die Lesenden immer wieder aufmerken lassen, liegt eben darin, dass man ihn wirken lassen muss. Vielleicht mit der Klaviermusik von Florian Christl im Hintergrund, dessen Stücke seit der szenischen Lesung unter dessen Begleitung für mich jetzt immer mit dieser Geschichte verbunden sein werden. Diese Verbindung von zwei Kunstrichtungen, Musik und Literatur, habe ich so vorher auch noch nicht erleben können, wie auch Hannes die Wirkung seiner eigenen Musik erst spät annehmen kann.
* U. a. dieses Stück hat Florian Christl tatsächlich bei der szenischen Lesung gespielt.
Es ist nicht nur die Neuinterpretation der klassischen unglücklichen Liebesgeschichte, sondern eben diese Verbindung, die hier Takis Würger gelingt, der mit „Für Polina“ beweist, dass es manchmal keinen großen Knalleffekt braucht, keine Wendung, die sich anfühlt, wie eine aus der Klavierheft gefallene Note. Manchmal reicht das in sich Hineinhorchen, das sich Treiben lassen.
Die Kraft von Literatur, die Kraft von Musik, die hier erzählt wird, lohnt sich mit jeder Zeile. Nicht nur deshalb ist Takis Würgers Roman eine unbedingte Empfehlung.
Autor: Takis Würger wurde 1985 in Hohenhameln geboren und ist ein deutscher Journalist und Autor. Nach einem Volontariant bei der Münchner Abendzeitung und dem Besuch der Henri-Nannen-Schule arbeitete er ls Redakteur beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel. 2014 studierte er in Cambridge Human, Social and Politcal Science. Er berichtete u. a. aus Afghanistan, Mexiko und der Ukraine. Für seine journalistische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Ein Sachbuch von ihm erschien 2015, „Der Club“ war sein erster Roman, dem weitere folgten.
Der virtuelle Spendenhut
Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.
Inhalt: Zur Einweohung ihres luxuriösen Campingplatzes in Cornwall haben Max und Annie ihre Studienfreunde samt Kindern eingeladen: TV-Star Dominic, die Ärztin Kira sowie die Freigeister Jim und Suze. Doch schon am ersten Abend kommt es am lagerfeuer zu einem handfesten Streit.
Am nächsten Tag zieht von der zerklüfteten Küste her ein Unwetter auf. Als eines der Kinder nicht vom Strandausflug zurückkehrt, eskaliert die Situation. Inmitten des tosenden Sturms sind die Freunde auf sich allein gestellt. Alte Konflikte brechen auf, neue Geheimnisse kommen ans Licht, und irgendjemand spielt ein tödliches Spiel … (Klappentext)
Rezension: Dem Sturm ausgeliefert, offenbaren sich schnell menschliche Fehler, all die Schwächen und das zwischen den Jahren Ungesagte, als vier befreundete Familien plötzlich festsitzen und die ländliche Idylle plötzlich zur trügerischen Falle wird, derer sie nicht ausweichen können. Ein Wiedersehen zwischen Freunden sollte es werden, ein neuer Lebensabschnitt vielleicht, doch wird aus einem Wochenend-Ausflug schnell ein Höllentrip, der alles zwischen ihnen verändert.
Dies ist die Geschichte „Das Wochenende“, eines Thrillers der britischen Schriftstellerin Hannah Richell, in denen die Protagonisten von ihrer Vergangenheit eingeholt werden und in einem Strudel geraten, dem sie sich nicht so einfach entziehen können, wie dies ihnen jahrelang zuvor in der Anonymität der Großstadt gelingt.
Dabei begegnen wir den Figuren als die Ereignisse sie längst überrollt haben, als die Polizei ihre Ermittlungen beginnt und sie ihre Sicht der Dinge erzählen. Nach und nach erfahren wir aus Sicht der verschiedenen Protagonisten von den Ereignissen der vergangenen drei Tage, deren Puzzleteile langsam ein immer klareres Bild ergeben.
Die Autorin schafft es trotz der Vielfalt an Protagonisten eine kompakte Erzählweise sowie alle Handlungsfäden bei sich zu bewahren. Der Charakter und die eigene Tonalität der jeweiligen Figuren bleibt durchweg erhalten, wobei das Tempo nach und nach anzieht. Zu Beginn ist es dabei schwer, den Überblick über das Ensemble zu bewahren, deren Stück einem Kammerspiel unter freiem Himmel gleicht, doch eine Personenliste, sowie eine Karte des Handlungsortes helfen, sich einzufinden und die Übersicht zu behalten.
Landschaftsbeschreibungen gelingen Hannah Richell ebenso wie ein Psychogram ihrer Figuren. Das eine hat man gleichsam wie ein Kinofilm vor Augen, während alle Protagonisten sowohl ihre hellen als auch ihre dunklen Seiten haben. Letztere spielen natürlich handlungstreibend die Hauptrolle in diesem Pageturner, der sich spannend liest, nur gegen Ende etwas vorhersehbar daherkommt.
Bei den Figuren mag ein jeder Anknüpfungspunkte finden, zudem die einzelnen Kapitel wechselseitig aus der jeweiligen Sichtweise erzählt wird. Immer wieder wird dabei zwischen Gegenwart und jüngster Vergangenheit hin- und hergewechselt, was den Spannungsmoment hochhält, zugleich jedoch Erklärungen für die innere Gefühlswelt der Protagonisten bietet.
Dieser stete Perspektiv- und Zeitenwechsel entfacht eine gut funktionierende Dynamik, besonders getrieben durch die inneren Gedankengänge der einzelnen Figuren. Die Erzählung ist dabei in sich schlüssig, die Wendung der Ereignisse nicht ganz so überraschend. Zumindest für geübte Thriller-Leser. Doch möchte man zumindest so weit dranbleiben, um die Auflösung zu erfahren. Immerhin gelingt es der Autorin zahlreiche Anknüpfungspunkte zu schaffen und im richtigen Moment zwischen Spannung und der sprichwörtlichen Ruhe vor dem Sturm zu wechseln.
Die Landschaftsbeschreibungen machen das ganze sehr filmisch. Die Handlungsorte sind greifbar. Man spürt jeden knackenden Ast, spürt die tosenden Wellen, wenn sie auf die Küste treffen, den sich verdunkelnden Himmel, der das Unheil verkündet. In anbetracht heutiger Thriller kommt Hannah Richell dabei mit erstaunlich wenig Gewalt aus. Die kommt zwar auch vor und wird dann treffend beschrieben, doch die inneren Gedankengänge der Figuren sind es vor allem, die hier handlungstreibend sind.
„Das Wochenende“, ist leichtgängige Lektüre, sobald man einmal in diese Dynamik eingefunden hat. Der große Überraschungseffekt bleibt zwar aus, doch liest man die Geschichte durchaus gern, zudem man in jeder Zeile merkt, dass die Autorin die Landschaft kennt, auch einen sehr viel friedlicheren Campingausflug dieser Art schon mal verbracht hat. Für jene, denen das ausreicht, ist dies durchaus eine lohnende Lektüre.
Autorin: Hannah Richell ist eine britische Schriftstellerin. Sie schreibt Thriller und zudem für die Filmbranche. Nach ihremm Studium arbeitete sie in London und Sydney. Mittlerweile lebt Richell im Südwesten Englands. Ihre Werke sind internationale Bestseller, die in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden.
Der virtuelle Spendenhut
Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.
Inhalt: Grund und Boden sind existentiell für Ernährung, Wasser, Wohnen, Klimaschutz. Und sie sind endlich. Neues Land wird nicht gemacht. Wie die begrenzten Flächen genutzt werden – für Ackerland, Beweidung, Wind- und Solarkraftwerke, Wohnungen und Gewerbegebiete, für den Naturschutz, die Wiederbelebung der Artenvielfalt – und wer darüber bestimmt: Das sind zentrale Zukunftsfragen. Wie können die Zielkonflikte im Sinne des Gemeinwohls gelöst werden? (Klappentext)
Rezension: Wie werden wir künftig leben? Diese Frage entscheidet sich im Grunde direkt unter unseren Füßen. Der Boden auf den wir stehen, uns fortbewegen, unsere Städte und unsere Nahrung anbauen, uns mit Energie versorgen oder diesen der Natur überlassen, wurde viel zu lange sträflich behandelt und vernachlässigt. Zu viel Boden ist bereits beschädigt, zu viele widerstreitende Interessen gibt es weltweit, auch in Deutschland um die Nutzung dessen. Wie lassen sich diese Konflikte auflösen. In ihrem gut recherchierten Sachbuch „Der Grund“ gehen die Journalistinnen und Autorinnen Tanja Busse und Christiane Grefe diesen und anderen Fragen nach und zeigen, wie schwierig alleine schon für Deutschland diese Frage zu beantworten ist.
Nucht komplex erscheint die frage jenen, die sich noch nicht damit beschäftigt haben, wie bestimmte Flächen zu nutzen sind, doch ist die Frage nach der Nutzung des Bodens so elementar wie vielschichtig. Dies zeigt alleine der Blick darauf, wie sich die Sicht auf den Grund unter unseren Füßen im Laufe der Zeit gewandelt hat, doch worum geht es da eigentlich? Tanja Busse und Christiane Grefe haben mit den Experten in Ministerien und Verwaltungen, Initiativen und Landwirten gesprochen und versucht, alle Sichtweisen so einfach verständlich wie möglich für uns Laien darzulegen. Dies vorangeschickt, wird jedoch zunächst der momentane Ist-Zustand erläutert und was Boden überhaupt ist, bevor kapitelweise sich den verschiedenen Themen von landwirtschaftlicher Nutzung bis hin zur städtebaulichen Planung gewidmet wird.
In kompakter Form, untermauert von einer gut recherchierten Quellenlage und zahlreichen Interviews, eröffnet sich die Vielschichtigkeit der Thematik, wobei beide Autorinnen aufzeigen, das noch immer einzelne Bereiche nebeneinander gedacht und gegeneinander ausgespielt werden, anstatt sie zusammen zu denken, um auch zukünftig eine gute Lebensgrundlage zu haben. Denn, wie soll die Wiedervernässung trockengelegter Moore funktionieren, wenn dies gleichzeitig weniger landwirtschaftliche Fläche bedeutet und damit nicht genug Lebensgrundlage für Landwirte mehr vorhanden ist?
Wo soll Naturschutz stattfinden, wo Flächen für Windräder oder Photovoltaikanlagen geopfert werden? Wie werden wir künftig die Entsiegelung der Städte mit immer mehr Menschen in Einklang bringen, die dort Wohnraum und Verkehrsinfrastruktur beanspruchen, wie den immer höheren Grundstückspreisen und Mieten begegnen, die auch teilweise dadurch entstehen, dass unser Boden längst zur Handelsware geworden ist?
Das ist sehr kleinteilig und für viele von uns sehr abstrakt, gleichwohl jeder von uns wohl Beispiele aus eigener Betrachtung kennt, sei es die neue Umgehungsstraße in der eigenen Region oder das neue Wohngebiet, welches in Kindheitstagen noch Ackerland gewesen ist. Nicht nur deshalb haben Tanja Busse und Christiane Grefe sich vor allem auf Deutschland bei der Erläuterung der Thematik beschränkt und zeigen, wie sich unser Blick langsam wandelt, konkurrierende Themen gemeinsam zu denken, aber auch wo eben die Fallstricke liegen.
Vorsichtig positiv werden immer wieder auch zukunftsorientierte Beispiele für diese Zusammenarbeit etwa von Landwirten und Naturschützern gezeigt oder Stadtinitiativen, die das Leben im Großstadtdschungel neu denken. Nicht ohne aufzuzeigen, dass noch ein langer Weg vor uns liegt, den wir angesichts kommender Herausforderungen eigentlich schneller bewältigen müssten.
Ohne erhobenen Zeigefinger, doch mit viel Sensibilität machen beide Autorinnen eine hoch komplexe Thematik verständlich, die alle von uns angeht. Das liest sich oft genug ein wenig störrisch, zudem es zwischen den einzelnen Kapiteln immer wieder Überschneidungen gibt, die Vielschichtigkeit wird jedoch schnell mehr als deutlich. Wichtig und hochspannend ist es trotz alledem. An der einen oder anderen Stelle wären auch noch mehr Beispiele wünschenswert gewesen. So aber ist zumindest eine Grundlage gelegt.
Autorinnen: Tanja Busse wurde 1970 in Eversen geboren und ist eine deutsche Journalistin und Autorin. Nach dem Abitur studierte sie Journalismus an der Universität Dortmund sowie Philosophie in Bochum und Pisa. 1999 promovierte sie über Massenmedien und arbeitete darauf für mehrere deutsche Zeitungen. Zudem schreibt sie Bücher und beschäftigt sich mit Themen wie der Transformation der Landwirtschaft, Ernährung, Biodiversität und Nachhaltigkeit. Zusammen mit Christiane Grefe erhielt sie 2024 für „Der Grund“ die Auszeichnung Wissensbuch des Jahres.
Christiane Grefe wurde 1957 in Lüdenscheid geboren und ist eine deutsche Journalistin und Autorin. Nach der Schule studierte sie Politikwissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Amerikanistik an der Deutschen Journalistenschule in München. Von 1982 bis 1987 arbeitete sie als freie Autorin, danach war sie als Redakteurin der Wochenzeitung Die Zeit tätig, sowie für die Wochenpost als Reporterin. Nach verschiedenen Stationen arbeitet sie heute wieder als freue Autorin. Zu den schwerpunkten ihrer Arbeit zählen ökologische und soziale Themen, für Ihr Lebenswerk wurde sie 2024 mit dem Umweltmedienpreis ausgezeichnet. Für ihr Buch „Der Grund“ erhielt sie gemeinsam mit Tanja Busse die Auszeichnung Wissensbuch des Jahres, 2024.
Der virtuelle Spendenhut
Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.
Inhalt: Sese kann keinen Streich widerstehen, und seine Familie glaubt, der Teufel stecke ihm im Leib. Um ihrem Groll zu entgehen, flüchtet sich Sese in seine Fantasie – eine Welt, in der die Hühner zu wilden Panthern werden und ein kleiner Orangenbaum ihn zu Abenteuern überredet. Und wo ganz, ganz sicher der beste Mensch der Welt auf ihn wartet. (Klappentext)
Rezension: Zwischen fiktionalisierter Kindheitsbiografie und Coming of Age Geschichte schwankt die Erzählung des brasilianischen Schriftstellers Jose Mauro de Vasconcelos, die direkt nach Erscheinen 1968 Aufsehen erregte. Die kompakt gehaltene Novelle, in der beinahe durchgehend ein Orangenbaum der einzig positive Bezugspunkt für den kleinen jungen Protagonisten ist, verliert kein Wort zu viel und geht dennoch direkt unter die Haut.
Ich wollte nur noch in Liebesfilme gehen, wie die Großen sie nannten. Filme, in denen viele Küsse vorkommen und viel Zärtlichkeit und wo alle sich lieben. War ich selber nur dazu da, verprügelt zu werden, so konnte ich dort doch wenigstens sehen, wie andere Menschen sich gern mochten.
Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum
Erzäht wird die Geschichte einer Kindheit, die einzig Trostlosigkeit in Hülle und Fülle zu bieten hat. Allen voran vor den Schlägen der Eltern und seiner älteren Geschwister flüchtet sich der kleine Hauptprotagonist in eine farbenfrohe Phantasiewelt, die ihn stets zu Streichen animiert, wofür es im nächsten Moment promt erneut Prügel hagelt, die den Jungen nach und nach seinen Glauben an sich selbst verlieren lässt, wobei auch nicht hilfreich ist, dass die stete Armut der Familie keine Perspektiven bietet. Selbst in Kinderaugen, die nur Wut und Verzweiflung in den Augen der Älteren sehen oder zu Weihnachten keine Geschenke.
„Ich weiß, warum. Weil ich wirklich gar nichts tauge. Ich bin so böse; weißt du, was Weihnachten passiert? Da kommt nicht das Jesuskind, da kommt das Teufelskind auf die Welt …!“ […] „Ich bin so schlecht, ich hätte gar nicht geboren werden dürfen. Das habe ich neulich auch schon zu Mama gesagt.“
Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum
In der Erzählung, die kein überflüssiges Wort enthält, begleiten wir die Hauptfigur durch die erste Zeit des bewussten Erlebens in der Kindheit, der mit wachen Augen seine Umgebung wahrnimmt, um darauf zu reagieren und dann fast immer den kürzeren zu ziehen. Fürsprecher hat er wehrlos kaum, von der Familie ist es beinahe allein eine ältere Schwester, ansonsten werden nach und nach nur wenige außenstehende Erwachsene zu positiven Bezugspunkten aufgebaut. Alle anderen Figuren sind im Gegensatz zu Sese, dessen Verbrechen es ist, Kind zu sein in einer kinderfeindlichen Umgebung, aus dessen Sicht klare Antagonisten.
„Keiner von seiner Familie hat Verständnis für dieses Kind. Ich habe noch nie einen Jungen gesehen, der so sensibel ist.“
Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum
Das macht den kleinen und intelligenten Jungen zu einem klaren Sympathieträger, der so sensibel wie mutig sich einer Welt entgegen stellt, die dem Kinde überdrüssig ist, allen voran die eigenen Eltern. Nicht nur der Wechsel zwischen realen Erleben und Phantasie kennzeichnet die Dynamik der Erzählung, auch Seses tiefgängige Gedanken, natürlich auch die Streiche in dichter Abfolge provozieren geradezu ein hohes Lesetempo, welches man nur gegen Ende stocken lässt, um an den entsprechenden Stellen innehalten zu können.
Diesen Tempowechsel so gekonnt hinzubekommen, ist hier wirklich gelungen. Erwähnenswert, die Erzählung verliert dadurch nichts, sondern gewinnt eher. Alle Figuren ohne Ausnahme, haben ihre Ecken und Kanten. Keine ist zu blass gezeichnet, als dass man sie sich nicht vor dem inneren Auge vorstellen könnte. Auch Orte, wobei diese überschaubar an der Zahl sind, werden sehr plastisch dargestellt. Die Schilderung der Gefühlswelt Seses tut ihr übriges. Zudem werden wichtige Themen wie Geldsorgen und Armut, aber auch Gewalt in der Familie thematisiert. Bemerkenswert, wenn man die Entstehungszeit des Romans betrachtet.
All dies überein zu bringen, ist Jose Mauro de Vasconcelos mit „Mein kleiner Orangenbaum“, in der einfühlsamen Übersetzung von Marianne Jolowicz vorliegend, so gut gelungen, dass die kleine Novelle sich in das Gedächtnis eingräbt, wie die Wurzeln besagter Pflanze in die Erde. Mehr kann man da gar nicht verlangen.
Autor: Jose Mauro de Vasconcelos wurde 1920 in Rio de Janeiro geboren und war ein brasilianischer Schriftsteller. Bereits 1942 erschien seine erste von zahlreichen Erzählungen, deren bekannteste „Mein kleiner Orangenbaum“ 1968 veröffentlicht und ein Jahr später ins Deutsche übersetzt wurde. Der Schriftsteller studierte Medizin, Jura, Philosophie und Malerei, arbeitete als Lehrer, Bananenlader, Krankenpfleger und Fischer, bevor er das Schreiben zu seinem Beruf machte. Vasconcelos starb 1984 in Sao Paulo.
Der virtuelle Spendenhut
Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.