Widerstand

Ghassan Kanafani: Das Land der traurigen Orangen

Inhalt:
Das Land der traurigen Orangen lässt Menschen zu Wort kommen, die die Folgen der Gründung des Staates Israel erlebten. Auch der Autor ist einer von ihnen. Ghassan Kanafani war zwölf Jahre alt, als die Familie 1948, während des ersten arabisch-israelischen Krieges, flüchtete und das palästinensiche Volk sich über verschiedene Länder zerstreute.

Mit seinem sensiblen Schreiben, seinem Intellekt und seiner besonderen Wortgewalt trat Kanafani für die Rechte der Palästinenserinnen und Palästinenser ein. Die thematischen Schwerpunkte der in diesem Band vereinigten Kurzgeschichten sind der Verlust des Landes, der vergebliche Widerstand dagegen, die Vertreibung, die Flucht und das Lagerleben im Exil. (Klappentext)

Rezension:
Gleichsam politische Widerstandsliteratur, dem Leid und der Ausweglosigkeit von Menschen, die mit dem Rücken zur Wand stehen, so wollte der palästinensiche Journalist und Schriftsteller Ghassan Kanafani seine Texte verstanden wissen. Einige besonders prägnante Schriften sind im vorliegenden Erzählband „Das Land der traurigen Orangen“ versammelt, die das ganze schriftstellerische Können, sowie die politische Wirkmächtigkeit des Autoren aufzeigen.

Um sich den Texten anzunähern, derer dreizehn an der Zahl hier die Lesenden in ihren Bann ziehen werden, benötigt man zunächst kein biografisches Wissen. Der Autor tritt hinter seinen Texten zurück. Es geht um Flucht und Vertreibung, Armut, eine Region im ständigen Ausnahmezustand, schon damals als diese Erzählungen zu Papier gebracht wurden, ein schier unlösbares Knäul an sich potenzierenden Konfliktlinien. Es sind universelle Themen, auf ein Gebiet gemünzt und die Waffe Kanafanis sind seine Worte, die zuweilen wie Peitschenhiebe knallen. Gekonnt setzt er sie ein, jeder Text kompakt. Kein Wort zu viel. Es braucht wenig, die Figuren auszugestalten, die vor den geschilderten Hintergründen lebendig werden. Der Autor weiß Landschaften, wie Personen lebendig werden zu lassen.

Die Nacht ist etwas Furchtbares … Die Finsternis, die sich nach und nach auf uns herabsenkte, erfüllte mein Herz mit Schrecken … […] Doch niemand war da, mich zu trösten, zu niemandem konnte ich mich flüchten, und der stumme Blick meines Vaters flösste mir noch mehr Furcht ein.
Ghassan Kanafani: Das Land der traurigen Orangen

Die Protagonisten sind Figuren des Alltags. Nachvollziehbar sind der Lehrer, der schuhputzende Junge, der eine Maske den Tag über trägt, um durchhalten zu können und für seine Familie zu sorgen, die Bäuerin, der der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Zusammen ergibt sich ein buntes Tableau der Protagonisten. Beinahe jede Geschichte könnte sich so oder ähnlich tatsächlich abgespielt haben. Der Journalist, der hier zum Schriftsteller wird, beobachtet, begleitet.

Doch kommt man auch lesend nicht umhin, in den Konflikt Stellung zu beziehen. Ghassan Kanafani schrieb aus dem eigenen Erleben heraus, kennt beispielsweise die Strapazen eines Flüchtlingdaseins, trat jedoch auch politisch als Sprecher der Terrororganisation Volksfront zur Befreiung Palästinas auf und wurde 1972 dafür durch eine Autobombe getötet, die man dem israelischen Geheimdienst Mossad zuschreibt. Schwankend zwischen Novelle und Fabel bestimmen Symbole wie die Orange, deren Bild immer wieder auftaucht, seine Erzählungen.

Wie wirken mit dem Wissen dann die Texte eines Mannes auf einem, dessen stärkste Waffe die Worte waren, die man schließlich für so gefährlich hielt? Wie wirken die Erzählungen mit der Spanne der vergangenen Zeit, in dessen Gegenwart eine Lösung des Konflikts mehr denn je unerreichbar scheint? Was ist noch übrig von der Mächtigkeit der Erzählungen aus dem Land der traurigen Orangen? Was bleibt, wenn nur noch Texte bleiben? Das Glück mit Kanafani ist, dass seine Schriften fast vollständig in deutscher Übersetzung vorliegen, so dass sich davon ein jeder selbst ein Bild machen kann.

Autor:
Ghassan Kanafani wurde 1936 in Akka, Britisch-Palästina geboren und starb 1972 in Beirut, Libanon. Er war ein palästinensicher Schriftsteller und Jornalist. Seine Familie floh 1948 über den Libanon nach Syrien, wo er in einem Flüchtlingslager lebte und in Damaskus seine Schulbildung beendete. Von 1953 bis 1956 arbeitete er als Lehrer, anschließend als Sport- und Kunstlehrer in Kuwait. In dieser Zeit schloss er sich einer kommunistischen Untergrundgruppe an. 1960 kehrte er in den Libanon zurpck, arbeitete dort als Redakteur für verschiedene nasseristische Zeitungen, 1969 als Chefredakteur der Parteizeitung der Volksfront zur Befreiung Palästinas. Zudem fungierte er als deren politischer Sprecher 1972 wurde er durch eine Autobombe ermordet.

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Peter Theiner: Carl Goerdeler – Ein deutscher Bürger gegen Hitler

Inhalt:
Carl Goerdeler (1884-1945) ist bekannt als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Die nun vorliegende Biografie zeichnet den Weg dieses mutigen Bürgers nach, der nach einer erfolgreichen Karriere in der Kommunalpolitik als entschiedener Gegner des Regimes auftrat und im Februar 1945 hingerichtet wurde. (Klappentext)

Rezension:
Nichts sprach dafür, dass der konservative Verwaltungsjurist und Kommunalpolitiker Carl Friedrich Goerdeler zum Widerstandskämpfer berufen war und doch geschah eben dies. Um ihn, den ehemaligen Oberbürgermeister der Messestadt Leipzig, dessen Karriere in den Verwaltungen von Solingen und Königsberg ihren Anlauf nahm, bildete sich ein Netzwerk des Widerstands, welches Menschen unterschiedlicher politischer Richtungen verband, bis er noch vor dem 20. Juli 1944 zur Fahndung ausgeschrieben, später denuziert und hingerichtet wurde.

Der Historiker Peter Theiner hat nun die Lebensgeschichte dieses Mannes aufgearbeitet, der früh die Fehler des NS-Regimes erkannt und Überlegungen zur Gestaltung eines vereinten Europas angestellt hat, welche erst viel später verwirklicht werden sollten.

Was Sophie Scholl oder Georg Elser für München und Claus Schenk Graf von Stauffenberg für Berlin bedeuten, ist für Leipzigs geschichtlicher DNA Carl Friedrich Goerdeler, dessen Leben von Posen nach Solingen und Königsberg in die schon damals posierende Messestadt führen sollte.

Überall dort reformierte er unter den Eindrücken des ersten Weltkrieges und den turbulenten Jahren der Weimarer Republik kommunale Strukturen, was ihn, zunächst parteilos, später Mitglied der DNVP Respekt über die Grenzen aller politischer Lager einbrachte und dazu führte, dass selbst kurz vor seiner Hinrichtung Himmlers Schergen ihn die Ausarbeitung letzter Grundsatzpapiere abrang, um aus seiner Expertise zu schöpfen.

Doch, wie wurde der Theoretiker zu einem der Dreh- und angelpunkte des Widerstands und weshalb scheiterte einer, der stets bemüht war, das Große und Ganze zu sehen? Diesen und damit zusammenhängenden Fragen geht der Autor in der von ihm vorgelegten umfassenden Biografie nach. Ausführliche Rechercheleistung vorangehend, zeigt Peter Theiner den Weg Goerdelers von seiner Kindheit bis hin zu seinem Ende in Plötzensee auf. Kleinteilig und detailliert schildert er Stationen und Wegpunkte, ohne dabei die Sichtweisen derer außer Acht zu lassen, mit denen Goerdeler im Laufe seines Lebens in Kontakt kam.

Anhand seiner zahlreichen Überlegungen, die er in unterschiedlichste Denkschriften hat einfließen lassen, Tagebuchaufzeichnungen und den Protokollen seiner Gegner entsteht nach und nach das Portrait eines vielschichten Mannes, dessen politischen Wandel man an einzelnen Stationen festmachen kann, wie auch der Wertekanon in turbolenten Zeiten, der trotz der Sperrigkeit Goederles selbst doch genügen sollte, um selbst dünne Fäden des Widerstands in Bewegung zu halten.

Der Text ist dabei gespickt von zahlreichen Details, nicht unbedingt leicht zu lesen, doch ist ja nichts spannender als das wahre Leben und das Goerdelers liest sich wie ein Krimi, der unweigerlich auf die Katatstrophe zusteuert. Dass Goerdeler diese Weitsicht durchaus besaß, zeigt der Autor anhand von zahlreichen Beispielen, aber auch, dass dieser bis zuletzt daran glaubte, an Stellschrauben drehen zu können, die ihm da schon längst entglitten waren.

Wie er selber ein klar denkender, rechtlich urteilender, gradlinig wollender Mensch war, der wenig oder nichts an Dunklem, Unerlöstem, Hintergründigem in sich trug, so nahm er auch von seinen Mitmenschen an, dass, so weit nicht Selbstsucht oder böser Wille im Wege stehe, auch bei ihnen es nur der verständigen Aufklärung und der wohlmeinenden sittlichen Belehrung bedürfe, um sie von etwaigen Irrtümern zurückzubringen und auf den rechten Weg zu führen. […] Wie er selbst ein durch und durch undämonischer Mensch war, so wusste er auch nicht um das Dämonische. Und das hatte eine verhängnisvolle Wirkung: in seinem politischen Kalkül fehlten diese wichtigen Posten.

Peter Theiner: Carl Goerdeler – Ein deutscher Bürger gegen Hitler

So wird in der Biografie sehr ausführlich dargestellt, welche Überlegungen von Staatsverständnis bis hin zum europäischen Denken ihn leiteten, wie sie entstanden und wie sich Deutschland in dieses Gebilde einfügen sollte. Zuweilen wirkt dies sehr theoretisch, zumal in der Konfrontation mit Goerdelers Gesprächspartnern von England über Frankreich bis nach Amerika. Niemand, den er warnte, wollte ihn glauben.

Der Autor zeichnet anschließend weiter das Dilemma eines Widerstands auf, der aufgrund mangelnder Ressourcen und unglücklicher Fügungen nicht mehr als ein Achtungszeichen in die Welt senden konnte. Das liegt, so wird hier aufgezeigt, an der zeit selbst, als auch an Ereignissen, die über die Protagonisten hinwegrollten, aber auch an Personen, die sich selbst im Weg standen.

Goerdeler bildet da keine Ausnahme und doch ist er eine der herausstechenden Personen, die zumindest versucht haben, dem Widerstand eine Form zu geben, dessen Strahlkraft bis ins Heute wirkt. Der Anhang zeigt das umfassende Recherchematerial, welches verschriftlich aufgelockert wird, mit wenigen Bildern, immer wieder durchsetzt mit zahlreichen Zitaten und Auszügen aus Texten Goerdelers und seiner Diskutanten ein wichtiges Dokument gegen das Vergessen darstellt.

Neben den zivilen und den, weniger Militärs, zeigt Peter Theiner mit seinem Werk nun einen kleinen, aber wichtigen Teil des politischen Widerstands auf, den es eben auch gab.

Nicht nur deshalb ist diese Biografie zu empfehlen.

Autor:
Peter Theiner wurde 1951 in Haan geboren und ist ein deutscher Historiker und Stiftungsmanager. Nach Schule und Wehrdienst studierte er Geschichte, Romanistik, Philosophie, Soziologie und Erziehungswissenschaften in Düsseldorf und Dijon, mit Station in Paris, wonach eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent und seine Promotion folgten.

Danach war er in der Weiterbildung und Personalentwicklung tätig, sowie Leiter des Bereichs Völkerverständigung der Robert Bosch Stiftung. An der Universität Stuttgart war er Lehrbauftragter am Historischen Institut. Theiner verfasste mehrere Schriften, u. a. eine vielbeachtete Biografie über Robert Bosch.

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Zdena Salivarova: Ein Sommer in Prag

Inhalt:

Ein heißer Sommer im Prag der Fünfzigerjahre: Jana Honzlova, eine junge Sängerin in einem Folklore-Ensembble, darf nicht mit auf Tournee ins Ausland reisen, da sie im kommunistischen System als politisch unzuverlässig gilt. Stattdessen soll sie im Büro des gähnend leeren Betriebsgebäudes die Stellung halten, woe sie ihre Langeweile einzig mit der freundlichen Putzfrau teilen kann und heimlich internen Intrigen nachforscht.

Das allgegenwärtige Spitzelwesen, aber auch ihre verwickelte Familiensituation und die Wiederbegegnung mit einem früheren Verehrer halten Jana in Atem – die sich trotz aller Widrigkeiten ihre Chuzpe und ihren Straßenwtz bewahrt. (Klappentext)

Rezension:

Ein beeindruckendes Stück der jüngeren tschechischen Exilliteratur ist sicherlich „Ein Sommer in Prag“, von Zdena Salivarova, welcher nun erstmalig in deutscher Übersetzung vorliegt. Erzählt wird in diesem leichtgängien Roman die Geschichte von Jana, die wir durch einen flirrenden Sommer in der tschechischslowakischen Hauptstadt begleiten. Das Prag der Fünfziger Jahre ist hart zu jeden, der sich den gesellschaftlichen Anforderungen des kommunistischen Systems nicht anpassen möchte.

Zwei Familienmitglieder der Hauptprotagonistin befinden sich in Arbeits- und Internierungslagern und auch Jana ist schon längst ins Visier des allgegenwärtigen Innenministeriums geraten. Sie ist es, die mit ihrem Gehalt ihre Mutter und die jüngeren Geschwister durchbringt, doch geraten Sicherheiten beinahe schon zu Beginn ins Wanken.

Das West- und Ostdeutschland der Nachkriegszeit und Fünfziger Jahre dürfte hinreichend beschrieben wurden sein. Der Blick in andere Länder kam dagegen noch nicht so häufig vor und so folgen wir den Spuren der Protagonistin durch die quirlige tschechische Hauptstadt, deren Atmosphäre man sich in sich aufnimmt. Mit feinfühligen Schreibstil hat Salivarova eine Geschichte mit mehreren Strukturelementen aufgebaut, die der Erzählung einen ganz besonderen Sound geben.

Zunächst sind da die Protagonisten selbst, die das Spiegelbild der damaligen Gesellschaft abbilden. Die Hauptprotagonistin selbst schwangt dabei zwischen der Lebenslust einer jungen Frau, aber auch einer, die schnell an die gesellschaftlichen Grenzen stößt, im Wissen, dass sie an gewisse Glasdecken stoßen wird, die schnell immer undurchdringlicher werden. Um sie herum gruppiert sehen wir die Familie, die Nachbarschaft, sowie verschiedene Arten von Kolleginnen, die sich vor allem durch ihre Einstellung zum herrschenden System unterscheiden.

Die Bedrohung als zweites Element wirkt dabei zunächst diffus, beginnt aber durch das Drängen einer der Figuren immer mehr Gestalt anzunehmen. Abgeschlossen schließlich wird die Erzählung durch eine Art Märchen. Die Erzählperspektive wechselt hier.

Das ist viel für einen Roman, dessen erzählerischer Zeitraum nur einen knappen Monat umfasst, doch kann natürlich in wenigen Wochen allerhand passieren. Salivarova gelingt dabei der Spagat einiges zu beschreiben und vieles zwischen den Zeilen erscheinen zu lassen. Dabei ist es vor allem die Perspektive der Hauptprotagonistin, aus derer wir die Geschehnisse erleben, einer Kämpfernatur mit hoher Auffassungs- und Beobachtungsgabe, die sich zunehmend die Frage stellen muss, wie lange Widerstand noch aushaltbar ist.

Was wieder einmal beweist, dass die Literatur den Menschen veredelt. Nur leider war es mit ihrer Liebenswürdigkeit schnell wieder passe.

Zdena Salivarova: Ein Sommer in Prag

Schauplätze sind hier in ihrer Beschreibung ebenso gelungen. Ob nun im kleinen, der muffige Büroraum des Ensemblegebäudes, die Widrigkeiten eines baufälligen Hauses mit all den kleinen Eigenheiten, die den Roman unverkennbar in Prag verorten lassen. Das beginnt bei baulichen Besonderheiten, wie der Pawlatsche, eine Art Zugangsbalkon im Innenhof des ärmlichen Wohnhauses der Protagonistin bis hin zu Wegbeschreibungen durch Prag, die einem Bilder von quirligen Gassen dieser Stadt vor dem inneren Auge entstehen lassen.

Zdena Salivarova, die selbst nur wenig geschrieben und sich eher auf das Verlegen von Exilliteratur konzentriert hat, hat ihren Figuren Ecken und Kanten verliehen, wobei die unangenehmen Protagonisten einem einen kalten Schauer über den Rücken laufen lassen. Die Ungewissheit drohender Konsequenzen schwebt wie ein Damokles-Schwert dauerhaft drohend über den Kopf der Hauptfigur. Dieses Gefühl vor allem bestimmt die Erzählung, doch zeigt sich in ihr auch die Vielschichtigkeit, zumal wenn man dem familiären Chaos‘ Janas beiwohnt oder ihrer Beziehung zum kleinen Bruder, Paradebeispiel kindlicher Unschuld.

Auffällig ist, was fehlt und damit ist nicht nur die Stalin-Statur gemeint, an derer Stelle heute in Prag das Metronom zu finden ist. Aber auch dies macht die Erzählung zu etwas besonderen. Die Autorin, so scheint es, wollte zwar das Lebensgefühl in der Stadt zu dieser Zeit vermitteln, dabei jedoch ein bestimmtes Bild bewahren. Eine gewisse Tristesse und dunkle Wolken, ohne zu sehr ins Düsterne abzugleiten, bestimmt die Stimmung, durchsetzt mit Elementen, der Hoffnung. Der Schreibstil bleibt dabei beständig ruhig. Man ahnt dabei die ganze Zeit nicht, worauf es hinauslaufen und dass der Stoß von einer anderen als der zu erwartenden Stelle kommen wird.

Der Blick der Autorin, nicht nur auf ihre Protagonisten, auch auf die Örtlichkeiten ist vielschichtig. Man folgt ihm gern und hat, vor allem wenn man die Stadt kennt, das Gefühl, man könnte die Erzählung ablaufen. Das ist so heute nicht mehr möglich, zudem die Atmosphäre sich vollkommen geändert hat, aber alleine dass diese Idee immer noch funktioniert, trotz der inzwischen verstrichenen Jahre seit Erscheinen des Romans, zeigt das schriftstellerische Können Salivarovas.

Nur einen einzigen Kritikpunkt habe ich, einen Zahlendreher. Dabei kann es sich um ein Versehen der Autorin, einem Übersehen der Übersetzerin Sophia Marzolff handeln oder dem Nichterwähnen eines kleinen, ansonsten für die Geschichte aber unerheblichen Ereignisses. Den Gesamteindruck schmälert das jedoch nicht wirklich.

Ansonsten ist dies einfach eine liebevolle Erzählung.

Autorin:

Zdena Salivarova wurde 1993 in Prag geboren und ist eine tschechisch-kanadische Autorin, Schauspielerin und Verlegerin. Nach dem Abitur war sie von 1952 bis 1962 Mitgleid des staatlichen tschechoslowakischen Gesang- und Tanzensembles und gehörte danach zum Ensemble eines Kabaretts. 1965 studierte sie Dramaturgie an der Prager Filmhochschule, dem einige Filmproduktionen folgten, bevor sie zusammen mit ihrem Ehemann nach Kanada emigrierte.

Dort gründete sie 1971 einen Exilverlag, den sie bis zu dessen Auflösung 1993 leitete. Wegen ihrer publizistischer Aktivität wurde ihr 1978 die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft aberkannt. 1990 erhielt sie wegen eben dieser den Orden des Weißen Löwen der Tschechischen Republik, zwei Jahre später die Ehrendoktorwürde der Universität Toronto. Sie veröffentlichte zwei Romane aus eigener Feder, nebst mehrerer Erzählungen und Kurzgeschichten, konzentrierte sich aber af das Verlegen anderer Autorinnen und Autoren.

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Verlagsgeschichte: 60 Jahre Wagenbach

Wie überlebt man gute Bücher? Besser als schlechte jedenfalls! Der unabhängige Verlag für wildes Lesen feierte im letzten Jahr sein sechzigjähriges Bestehen und das, obwohl er sich anfangs gegenüber politischen Widerständen durchsetzen musste und heute ebenso wie andere mit steigenden Produktionskosten und den Schwund von Leserinnen und Lesern zu kämpfen hat. Nicht einfach, wenn man weder dem Mainstream folgen möchte, Nischen entgegen wirtschaftlicher Erwägungen besetzt hält und sich ganz und gar dem Genuss schön gemachter Bücher hingeben möchte. Wie in den Anfangsjahren eben auch.

Dabei hat der Verlag viel zu bieten, anfangs kontrovers diskutierte Themen, anspruchsvolle Essays und Lesestücke, sehr schnell viel Literatur aus Italien, Lateinamerika, Spanien und innerhalb seiner „roten Reihe“ Alan Bennetts „Die souveräne Leserin“, die lesende britische Monarchin und nicht nur sie als bemerkenswerten und überraschenden Bestseller innerhalb der Verlagsgeschichte. Auf die kann man zurückblicken und dabei überraschend vielseitige Texte, nach Erscheinungsjahr im Verlag geordnet, lesen. In diesem wunderbaren Almanach zum Jubiläum und dabei auch Einblick in Verlagsgeschehen nehmen. Wie ging das damals eigentlich, das schöne Buch? Und wie geht das heute?

Zettel und Stift daneben legen, zum Notieren, ist jedenfalls zu empfehlen. Sei es, um Namen für das spätere Recherchieren herauszuschreiben oder die Wunschliste zu verlängern. Letzteres wird in jedem Fall passieren.

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Cecilia Sjögren: Die letzte Welle

Inhalt:

Im Altenheim „Ömheten“ geschehen seltsame Dinge: Ein mysteriöser Einbruch, gefolgt von einem Todesfall wecken den Verdacht des pensionierten Polizisten Tore Lindahl: Ist sein Heimnachbar Viking wirklich auf natürliche Weise gestorben? Wer ist der Fremde, der vor dem Heim herumschleicht? Und warum will das Pflegepersonal all das geheim halten?

Bei der örtlichen Zeitung hofft Veronika Wiklund auf die große Story. Wenn sie nicht bald einen aufsehenerregenden Artikel abliefert, verliert sie den Job. Als sie von Tores Verdacht hört, sieht die Journalistin ihre Chance gekommen.

Gemeinsam beginnen die beiden zu ermitteln. Ihre Recherche deckt ein weit verzweigtes kriminelles Netzwerk auf. Musste Viking sterben, weil er davon wusste? Oder liegt die Wahrheit weiter zurück – im Inferno des Zweiten Weltkriegs, dem auch der kleine Fischerort Grisslehamn nicht entgehen konnte? (Klappentext)

Rezension:

Interviews im Umfeld des Altenheims sollen es sein, die die journalistische Praktikantin führen soll, fällt doch die Einrichtung im Zuge einer wirtschaftlichen Übernahme vor allem durch Ungereimtheiten in der Verwaltung auf. Routinearbeit, die nicht gerade genügend Stoff bietet, doch ereignet sich zeitgleich ein Todesfall, der den pensionierten Polizisten Tore Lindahl aufhorchen lässt. Der mag nicht so recht an einem natürlichen Ableben seines Zimmernachbarn glauben und begibt sich auf Spurensuche. Auch für Veronika stellen sich bald mehr Fragen als Antworten. Beide ziehen ihre Schlüsse, nicht ahnend, welche Geister der Vergangenheit sie da wecken.

Kriminalromane aus Skandinavien sind eine sichere Bank, zumal wenn sie in modernen Gewand und ohne eine gehörige Portion Melancholie daherkommen, die sämtliche Handlungen zu ersticken vermag. Stattdessen macht die Autorin Celine Sjögren in ihrem Debüt viele Handlungsstränge auf, die hauptsächlich auf zwei zeitliche Ebenen verteilt werden. Diese kann man aufgrund der Struktur des Textes noch gut auseinander halten, doch ist hier mit der Detaillierung eindeutig zu viel gewollt.

Da wäre nicht nur die eigentliche Haupthandlung, sondern auch das Zwischenspiel im Miteinander von Charakteren, die zwar viel Inhalt bringen, bei denen man sich jedoch zu schnell fragen mag, wie am Ende diese zueinander geführt werden, zudem ein Handlungsstrang eher dem Genre Kriegsroman zugeneigt ist. Auch diese Gegensätze werden nach und nach miteinander verbunden.

Cecilia Sjögren kann schreiben und weiß wenige Spannungsmomente gekonnt einzuarbeiten, doch ergeben sich aus zwischenmenschlichen Zusammenspielen zwar die Konturen der mit zunehmender Seitenzahl auch immer zahlreicheren Protagonisten, aber eben auch Längen, die man kaum ignorieren wird können. Landschaftliche und Ortsbeschreibung sind dagegen positiv hervorzuheben. Bilder vor dem inneren Auge sind garantiert. Das zusammen funktioniert am besten, wenn sich die Handlung weg vom Ausgangspunkt bewegt, fast so als würde die Dynamik mit der Ferne zum Altenheim zunehmen. Apropos Altenheim, bis jetzt dort die trostloseste Beschreibung dessen innerhalb eines Buches, welche ich gelesen habe.

Die Figuren sind gekonnt ausgestaltet und bekommen im Verlauf ihre Ecken und Kanten. Manches ist nicht wie es scheint, auch wenn in das Kitsch-Näpfchen das eine oder andere Mal zumindest der Finger hineingetaucht wurde. Momente des Augenrollens hat man da durchaus, im Gegensatz zu einem gewissen Schauer, den man bei Kriminalromanen erwarten dürfte. Der fehlt komplett. Beim Lesen des Textes neigt man dazu, Mord und andere unausweichliche Konfrontationen mit Schulterzucken hinzunehmen, was sicher auch nicht das ursprüngliche Ziel gewesen sein dürfte. Man liest diesen Krimi wie einen normalen Roman, der kein Krimi ist.

Große Überraschungen bleiben aus, zumindest wenn man bereits einiges in diese Richtung gelesen hat, trotzdem erlaubt der Schreibstil ein schnelles Vorankommen, so dass man auch über die eindeutigen Schwächen hinwegkommen und die Lektüre fix beenden wird. Wen das ausreicht, sei „Die letzte Welle“ zu empfehlen.

Autorin:
Cecilia Sjögren ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Autorin. Zum vierzigsten Geburtstag bekam sie einen Schreibkurs geschenkt, seit dem schreibt sie vor allem Kriminalgeschichten. Ihr Roman “Die letzte Welle” gewann 2022 den Krimiwettbewerb von SAGA Egmont.

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Holger Kreymeier: Hashtag #DDR

Inhalt:

2023 im geteilten Deutschland. Der Widerstand in der DDR findet nicht mehr auf der Straße statt, sondern im Netz. Die DDR-Führung strebt die strengere Kontrolle des Internets und Zerschlagung der Oppositionsgruppen an, braucht aber Milliardenhilfen in D-Mark, die ihr die Bonner Regierung in Aussicht stellt. Nachdem YouTube-Entertainer Lonzo den realen Zustand der DDR mit seinem Video „Die Zerstörung der DDR“ entlarvt hat, bekommt er die Unterstützung der freien Presse der Bundesrepublik. Doch dann wird er zum Sicherheitsrisiko – für beide deutsche Staaten … (Klappentext)

Rezension:

Es ist eines der viel erzählten Szenarien der fiktiven Geschichtsforschung, sich die Frage nach dem „Was wäre wenn?“ zu stellen, wenn sich Ereignisse nicht so wie tatsächlich, sondern in eine vollkommen andere Richtung entwickelt hätten. Diese Gedankenspiele sind Grundlage für zahlreiche Erzählungen und manchmal sind diese uns erschreckend nah.

Der Schriftsteller Holger Kreymeier hat den Zeitstrahl verschoben. Nachdem Gorbatschow verunglückt ist, ist die deutsche Teilung immer noch knallharte Realität. Ihr, der großen Politik, stehen Social Media Influencer auf beiden Seiten entgegen und ebenso wie in unserer Welt stellen sie Weichen. Manchmal bringen sie dabei Lawinen ins Rollen, die sie kaum mehr aufhalten können. Oder wollen. Ein gefährliches Spiel beginnt.

Dystopische Szenarien haben ihre Schwächen. Oft genug merkt man, dass diese nicht konsequent ausgeführt werden. Die Welt, in der uns der Autor hier entführt, ist jedoch greifbar. Gleich eines Spielfilms sehen wir die Geschichte vor unserem inneren Auge auferstehen und begleiten die Figuren auf ihren Weg, der spannungsgeladener nicht sein könnte.

Die Vorstellung gelingt, da man sofort zu fast jeder Person ein reales Vorbild erkennen kann und auch sonst die Ecken und Kanten nachvollziehbar bleiben, etwa, wenn der eine deutsche Staat die innere Opposition gerne umfassend überwachen würde, dies jedoch an der Überalterung von Führungspersonen bis hin zum kaum vorhandenen technischen Know-how scheitert oder auf der anderen Seite der schwierige Balanceakt zwischen Diplomatie und Notwendigkeit austariert werden muss. Zudem sind auch die Protagonisten viel mehr Graubereichen zuzuordnen, als dem bloßen Schwarz und Weiß, was den kompakt gehaltenen Roman glaubwürdig erscheinen lässt. Das schnelle Erzähltempo tut sein Übriges dazu.

In einem Zeitraum von nur wenigen Wochen zwischen Ost und West wird die Geschichte erzählt. Holger Kreymeier hat es hierbei geschafft, zahlreiche Facetten des politischen Spektrums der damaligen Zeit in die Gegenwart hinein zu transportieren. Der Perspektivwechsel zwischen den Protagonisten trägt zum Fluss der Erzählung bei, Kurznachrichten a la Twitter unterstreichen das Gegenwartsgefühl.

Die Geschichte wirkt in sich schlüssig, über kleinere Sprünge wird man ob der spannungsreichen Erzählung gerne hinweg sehen, jedoch wäre die Ausformulierung mancher Szenarien, die teilweise doch knapp formuliert sind, wünschenswert gewesen. Auch das Ende der Erzählung reicht nicht ganz an den starken Auftakt heran, lässt jedoch Spielraum für eine Fortführung. Der Roman hat das Potenzial, weitererzählt zu werden. Man möchte das auch gerne lesen.

Bestimmte geschilderte Auswirkungen lassen ob der Realitätsnähe einem einen kalten Schauer über den Rücken laufen. In bestimmten Punkten gleicht der Roman einer Warnung a la Orwell. Hier merkt man die Erfahrungen Kreymeiers mit den Medien an und eine genaue Beobachtungsgabe, die einerseits durchaus kritisch betrachtet, andererseits Interesse an vorhandenen Möglichkeiten zeigt.

Die Erzählung ist für Geschichtsinteressierte gleichsam wie für Dystopie-Lesende eine weitere Ergänzung zur bestehenden Literatur. Die Nähe zu real existierenden Punkten der Vergangenheit und Gegenwart machen die Handlung greifbar. Manchmal fehlen Details, einige Male wünscht man sich etwas mehr Ausführlichkeit und den einen oder anderen Sprung. Für eine Fortsetzung wird man aber in jedem Fall zu haben sein.

Autor:

Holger Kreymeier wurde 1971 in Hamburg geboren und ist ein deutscher Journalist und Medienunternehmer. Er studierte zunächst Soziologie an der Universität Hamburg, absolvierte währenddessen ein Praktikum bei OK Radio und bei der Zeitschrift Cinema. Anschließend war er bei einem Tochterunternehmen des Axel Springer Verlags tätig, arbeitete danach freiberuflich für verschiedene Medienunternehmen. Zwischen 2007 und 2018 betrieb er die Online-Magazinsendung Fernsehkritik-TV. „Hashtag #DDR“ ist sein viertes Buch.

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Thomas Seiterich: Letzte Wege in die Freiheit

Inhalt:

Sommer 1940. Die deutsche Wehrmacht besetzt das Elsass, aber es gibt Widerstand: In der Straßburger katholischen Pfarrei St. Jean gründen sechs französische Pfadfinderinnen eine Untergrundfluchthilfe für Regimegegner, Juden, Kommunisten, Militärs. Sie erkunden geheime Wege über die Vogesen und retten viele Menschenleben. Bevor die Gestapo sie 1942 aufgreift, bringen sie ungefähr 500 Menschen in Sicherheit. Thomas Seiterich hat sich auf Spurensuche nach diesen beeindruckenden Frauen des Widerstands gegen das nationalsozialistische Regime begeben und mit den letzten Zeitzeuginnen gesprochen. (Klappentext)

Rezension:

Jenseits der Grenze wird er nun immer häufiger diskutiert, das Gewicht und die Rolle der Frauen in der Resistance, des französischen Widerstands gegen die Deutschen während der Besatzung des Landes im Zweiten Weltkrieg. Deren Wirken war vielfältig, doch auch dort noch vergleichsweise wenig wahrgenommen, spielt er in der hießigen Betrachtung der Historie unterhalb der Wahrnehmungsschwelle.

Der Autor und Soziologe Thomas Seiterich hat sich nun der Thematik angenommen, um dieses beinahe vergessene Stück Geschichte auch einem deutschen Publikum zugänglich zu machen. Dabei entstanden ist ein umfassendes Porträt sechs beeindruckender Frauen, die mit ihren Taten ihr Leben riskierten, um das anderer zu retten.

Beleuchtet wird die düstere Zeit der deutschen Besatzung des Elsass, zunächst mit den daraus resultierenden Auswirkungen und der Rolle der Kirche in dieser Region, im Gegensatz zum übrigen Frankreich. Der Autor folgt dem Zusammenfinden der Frauen, ebenso den Entschluss, viele Menschenleben durch persönlichen Einsatz zu retten und zeigt auf, wie diese Art des Widerstands auch im Zusammenspiel mit der damals dort lebenden Bevölkerung funktioniert hat.

An manchen Stellen liest sich das zuweilen wie ein Krimi, was die Thematik bedingt, doch verliert der Autor nie seinen fachlichen Blick. Einige Zeilen lassen doch sehr den theologischen Hintergrund von Thomas Seiterich durchscheinen, damit auch seinen Zugang zur Gedankenwelt der von ihm beleuchteten Frauen, doch driftet die Betrachtung nie ins allzu Religiöse ab. Die Gefahr hier eine theologische Abhandlung anhand eines positiven Beispiels sich hier zu Gemüte führen zu müssen, worauf man bei Klappentext und Kurzbiografie durchaus kommen könnte, ist nicht gegeben. Stattdessn ergänzt der Autor unser Geschichtsbild um einen weiteren wichtigen Aspekt gegen das Vergessen.

Nüchterne Absätze oder gar Kapitel erzeugen einige Längen, doch holt der Autor die Lesenden immer wieder zurück, mit einem dann doch sehr kompakten Stil, der wichtiges auf den Punkt bringt. Nur ein relativ überschaubarer Zeitraum wird in diesem Sachbuch besprochen und immer wieder das Handeln der Frauen im Kontext der Geschehnisse eingeordnet. Vorausgegangen sind dem zahlreiche Gespräche mit zum Zeitpunkt der Entstehung des Buches noch lebenden Zeiitzeugen und Zeitzeuginnen, sowie das durchforsten von Archivmaterial, soweit vorhanden.

Warum wurde bisher noch nicht mehr über diesen Aspekt der, ja auch französisch-deutschen Geschichte gesprochen? Thomas Seiterich würdigt sehr gelungen die Frauen, die so unzählige Menschenleben retteten und dabei am Ende selbst in die Fänge eines mörderischen Regimes gerieten. Man will sich das alles nicht vorstellen, die Beschreibungen lassen jedoch sehr genaue Bilder entstehen von Schauplätzen. Wie ist es, plötzlich vor Stacheldraht einer streng bewachten Grenze zu stehen, im Verhör oder in einer Zelle auf die Vollstreckung eines Todesurteils zu warten, wie das Erkunden neuer Fluchtwege? Diese Beschreibungen werden hier gut transportiert.

An der einen oder anderen Stelle hätte man formulierungstechnisch durchaus vor Veröffentlichung noch feilen dürfen und hoffentlich, vor weiteren Auflagen, noch den einen oder anderen Rechtschreib- und Grammatikfehler ausgebessert. Das hält sich in grenzen und stört nicht so sehr im Lesefluss, wie vielleicht die eine oder andere Länge. Über allem und positiv steht das Aufgreifen eines hier nur selten diskutierten Aspekts der Geschichte und natürlich dem nun gesetzten schriftlichen Denkmal dieser Frauen. Wer also seinen Blick über den sonst üblichen Tellerrand hinaus erweitern möchte, sei die Lektüre dennoch empfohlen.

Autor:

Thomas Seiterich studierte Geschichte, Soziologie und Theologie in Freiburg, Fribourg und Jerusalem, sowie Frankfurt. Er ist Herausgeber der „Frankfurter Hefter“ und war von 1980 bis 2020 Redakteuer der kritisch-linkschristlichen Zeitschrift „Publik Forum“. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher. Seiterich lebt in Ulm.

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Wolfgang Benz: Allein gegen Hitler

Inhalt:

Am 8. November 1939 explodierte im Münchner Bürgerbräukeller eine Bombe. Eigentlich hätte sie Adolf Hitler töten sollen, während er gerade eine Rede hielt. Wenn dieser Plan aufgegangen wäre, hätten der Zweite Weltkrieg und mit ihm die Weltgeschichte einen völlig anderen Verlauf genommen. Doch der „Führer“ verließ vorzeitig den Saal und kam mit dem Leben davon. Dieses Buch erzählt die Geschichte des Mannes, der die Tat ganz allein plante und ausführte: Johann Georg Elser. (Klappentext)

Rezension:

Die Rekonstruktion dieser Biografie ist schwierig. Schriftliche Zeugnisse liegen kaum vor. Nur von ihrem Endpunkt gibt es ein Protokoll, ausgerechnet von einem Verhör durch Hitlers berüchtigter Gestapo. Diese konzentrierte sich auf die Tat natürlich an sich, versuchte Hintermänner, Auftraggeber zu finden. Nur, die gab es nicht. Aus moralischem Empfinden und Selbstverständnis heraus, handelte Johann Georg Elser, konstruierte eine Bombe samt Zündmechanismus und platzierte sie im Bürgerbräukeller.

Um Georg Elsers Anschlag am 8. November 1939 beurteilen zu können, muss man die Anstrengungen betrachten, die andere mit dem gleichen Ziel […] unternommen haben. Insbesondere müssen die Möglichkeiten in den Blick gefasst werden, die den Angehörigen traditioneller, gesellschaftlicher Eliten Kraft ihrer Verbindungen, ihrer Position, ihrer Profession und Professionalität zur Verfügung standen bzw. gestanden hätten. Zur moralischen Dimension des Entschlusses, den Tyrannenmord zu wagen, kamen die technischen und logistischen Probleme der Ausführung …

Wolfgang Benz: Allein gegen Hitler – Leben und Tat des Johann Georg Elser

Ein Zufall verhinderte den Erfolg. Doch wer war der Mann, dessen Aktion im Gedenken an den Widerstand gegen Hitler heute so oft schmählich vernachlässigt wird? In wie weit lassen sich seine Lebensstationen nachvollziehen und was veranlasste ihm zu handeln, wo andere nichts taten? Zuletzt auch, wie gestaltete sich das Gedenken im Nachkriegsdeutschland, von 1945 bis heute.

Wolfgang Benz, Antisemitismusforscher, begab sich auf Spurensuche. Entstanden ist eine, der mageren Quellenlage geschuldete, kompakte aber beeindruckende Dokumentation der Biografie eines Menschen, der nicht wegschauen konnte. In der Reihe Bücher gegen das Vergessen wird so eine wichtige Lücke gefüllt, die mit dem Anschlag im Münchner Bürgerbäukeller selbst beginnt, um dann die einzelnen biografischen Stationen kapitelweise nachzuvollziehen.

Der Autor belässt es jedoch nicht dabei und ordnet den Lebensweg immer auch in den Kontext des gesellschaftlichen und politischen Gefüges ein, der jeweiligen Region, die den jeweiligen biografischen Abschnitt beeinflusst, zugleich die familiäre Situation Elsers. So entsteht aus mehren Facetten ein nachvollziehbares und sehr eindrückliches Gesamtbild, welches vor allem die Nachbetrachtung und Bewertung kritisch beleuchtet, ansonsten jedoch sehr sachlich bleibt.

Die schwierige Recherche und darauf aufbauende Rekonstruktion ist beeindruckend zu lesen. Benz versteht es, dem Menschen Johann Georg Elser gerecht zu werden und hoffentlich die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die dieser posthum verdient, auch über die Region Süddeutschland hinaus. Nicht nur für geschichtlich Interessierte eine wichtige Lektüre.

Autor:

Wolfgang Benz wurde 1941 geboren und ist ein deutscher Historiker. Von 1990 bis 2011 lehrte er an der Technischen Universität Berlin und leitete das zugehörige Zentrum für Antisemitismusforschung. Vorher war er wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Institut für Zeitgeschichte in München, nah eine Gastprofessor in Sydney war, lehrte jedoch auch u. a. in Wien.

1992 erhielt er den Geschwister-Scholl-Preis und en Preis Das politische Buch der Friedrich-Ebert-Stiftung. Benz gehört zu den Unterzeichnern der Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus, die eine Neudefinition und Präzisierung des Antisemitismusbegriffs vornimmt.

Er ist zudem Autor mehrerer wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Publikationen.

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Joachim Käppner: Soldaten im Widerstand

Inhalt:

Die „Strafdivision 999“ (1942-1945) ist bis heute von Mythen und Legenden umgeben. Wenig bekannt ist immer noch, dass viele ihrer Soldaten Kommunisten, Sozialdemokraten und andere waren, die gegen das Naziregime Widerstand geleistet hatten und dafür in Gefängnisse und Konzentrationslager gesteckt worden waren.

Aber dann, als der Wehrmacht 1942 an allen Fronten Soldaten zu fehlen begannen, zog sie diese zuvor als „wehrunwürdig“ abgestempelten Männer kurzerhand ein. Sie sollten nun für das Regime jenen Krieg führen, dem sie sich doch entgegengestellt hatten. Viele der Zwangssoldaten setzten ihren Kampf gegen die Schreckensherrschaft selbst in der verhassten Uniform fort. Dieses Buch erzählt ihre Geschichte. (Klappentext)

Rezension:

Es müssen Menschen übrig bleiben, die gegen das Furchtbare, das mit dem Namen Hitler über die Welt kam, kämpfen. Wenn auch mit der Hilflosigkeit von Zwergen, die vor einen rollenden Panzer Kieselsteine werfen, um ihn aufzuhalten. Die trotzdem nicht aufhören mit den Kieselsteinen.

Joachim Käppner: Soldaten im Widerstand

Es ist ein wenig beachtetes Kapitel der deutschen Geschichte, welches der Historiker und Journalist joachim Käppner in seinem neuen werk beleuchtet. Zeugenberichte sind rar, teilweise zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme wenig beachtet oder versucht und umgedeutet durch die neue vorherrschende Ideologie, je nachdem auf welcher Seite des nach dem Krieg hochgezogenen „Eisernen Vorhangs“ man suchte.

Wenige betroffene haben damit ihren frieden machen können und doch gab es sie, vor 1945, Soldaten, die eigentlich keine sein wollten und die auch das damals herrschende NS-Regime nicht wollte, aber spätestens mit den sich abzeichnenden Niederlagen in Stalingrad und in Nordafrika brauchte. Sozialdemokraten, Kommunisten und andere, die für ihre Überzeugungen vorher Zuchthausstrafen absitzen oder gar in die Konzentrationslager gebracht wurden, mussten nun kämpfen, im ständigen Zwiespalt auch mit sich selbst.

Ein erschütterndes, weil noch zu wenig beleuchtetes Stück Historie wird hier im rahmen von Personengeschichte betrachtet. Dies kann zuweilen problematisch werden, da diese Art von Begutachtung nur selten objektiv ist und zu wenig Fascetten Beachtung finden.

Wenn jedoch ein bestimmter Aspekt schon in der zeithistorischen Bearbeitung sträflich vernachlässigt wird, ist das durchaus legitim und so eröffnet Joachim Käppner eine neue Perspektive. Die verschiedenen Blickwinkel werden durch eine Auswahl von verschiedenen Personenbiografien hineingebracht, denen wir folgen, um so nach und nach uns ein ganzes Bild machen zu können.

Der Stil ist dabei so nüchtern, wie es nur geht, was zur Folge hat, dass auch Längen entstehen. Gleichzeitig wird Geschichte, da sie eben in diesem Werk nicht unpersönlich daher kommt, fassbar und im Großen und Ganzen spannend erzählt. Gestützt auf Zeitzeugenberichte, die teilweise erst ideologisch entfärbt oder überhaupt erst wiedergefunden werden mussten, berichtet der Historiker und zeigt eine bisher wenig betrachtete Seite des Zweiten Weltkriegs auf.

Nicht fehlen dürfen dabei Vor- und Nachbetrachtung, die gleichermaßen fundiert recherchiert erscheinen. Unterfüttert ist dies mit einer, für diese wenig beleuchtete Thematik, doch guten Quellenlage.

Wie sind diese Männer damit umgegangen, für ein Regime kämpfen zu müssen, dessen Gegner sie eigentlich waren? Welchen Zwiespalt mussten sie aushalten, in Uniform und später im umgang mit der Thematik in den beiden deutschen Nacvhfolgestaaten und wie beeinflussten einerserseits die täglichen Schrecken und Notwendigkeit des Krieges das Handeln, wie auch die eigenen Überzeugungen im Umgang mit inneren und äußeren Faktoren? War es möglich, Widerstand zu leisten, mit der Waffe in der Hand?

Nicht zuletzt in unserer Zeit sehr aktuell und diskutierenswert.

Joachim Käppner, über Soldaten, die lieber keine sein wollten.

Autor:

Joachim Käppner wurde 1961 in Bonn geboren und ist ein deutscher Journalist und Historiker. Nach der Schule studierte er Geschichte und Politische Wissenschaften in Bonn und Jerusalem und arbeitete 1982 als fester freier Mitarbeiter beim General-Anzeiger. Nach einem Praktikum in Johannesburg, besuchte er die Deutsche Journalistenschule in Mänchen und war ab 1987 als freier Journalist tätig.

Er arbeitete für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, 1998 an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. 1999 begann er für die Süddeutsche Zeitung in München zu arbeiten und verfasste mehrere Sachbücher über militärische und politische Themen. 1999 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis, 2011 den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis.

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Joachim B. Schmidt: Tell

Inhalt:
Joachim B. Schmidt greift nach den Schweizer Kronjuwelen und macht aus der Tell-Saga einen Pageturner, einen Thriller, ein Ereignis: Beinahe 100 schnelle Sequenzen und 20 verschiedene Protagonisten jagen wie auf einer Lunte dem explosiven Showdown entgegen. Keine Nach-, keine Neuerzählung, sondern ein Blockbuster in Buchform: The Revenant in den Alpen, Game of Thrones in Altdorf. (Klappentext)

Rezension:

Die im 14. Jahrhundert spielende Sage (1307) um den Schweizer Freiheitskämpfer wurde mit der ersten schriftlichen Erwähnung in Hans Schribers Weissen Buch von Sarnen 1472, spätestens jedoch mit der Aufnahme und Dramatisierung durch Friedrich Schiller zum Selbstläufer und zum Identifikationsmythos des Alpenlandes.

Fehlerkorrektur:

In der ersten Version ist leider ein Fehler überlaufen, den ich hiermit korrigiere. Gestützt bei den Zahlenangaben dienen die zugehörigen Wikipedia-Artikel zu Wilhelm Tell und dem Weissen Buch von Sarnen.

Die ersten Quellen, in denen die Erzählung belegt ist, datieren auf die Zeit um 1470. Danach scheint sich die Tell-Sage dann sehr rasch zu verbreiten und ist spätestens um 1510 allgemein volkstümlich.

Erstmals taucht Tell im Weissen Buch von Sarnen als «Thäll» (Varianten «Thall», «Tall») auf,[2] niedergeschrieben um 1472 vom Obwaldner Landschreiber Hans Schriber.[3]

[Einklappen]

Der Protagonist, der nach verweigerter Respektbezeugung gegenüber dem herrschenden Landvogt, seinen Sohn einen Apfel vom Kopf schießen muss, später seinen Gegenspieler zur Strecke bringt und damit zur Initialzündung eines Aufstandes beiträgt, der schließlich in die Unabhängigkeit führt, ist seither nicht nur Schulstoff, auch Vorlage für zahlreiche Theaterstücke und Verfilmungen.

Jetzt liegt eine neue, modernisierte Fassung vor. Der schweizerisch-isländische Schriftsteller Joachim B. Schmidt hat Schillers Drama in Romanform umgewandelt. Doch, darf man das? Und, ist dies überhaupt gelungen?

Zunächst, auch der Roman besticht mit einem Perspektivenwechsel in rascher Abfolge, ebenso mit unzähligen Protagonisten, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird. Das bringt von Beginn an Tempo in die verschiedenen Handlungsstränge, schafft Sympathien und Antipathien, auch Figuren, die im klassischen Drama unnahbar sind, werden so greifbar.

Joachim B. Schmidt reiht die Sichtweisen der einzelnen Figuren so aneinander, dass sich schnell ein komplexes Bild ergibt, man jedoch konzentriert lesen sollte, um darüber den Überblick zu behalten. Vielleicht wäre hier sogar das Vorhandensein einer Figurenauflistung von Vorteil gewesen, zumal für jene, bei denen die letzte Beschäftigung mit der eigentlichen Vorlage schon länger zurückliegt.

Ansonsten ist es dem Autoren gelungen, das Drama in die Moderne zu transferieren, wenn auch nur mit dem Schreibstil. Handlungsorte und Zeit bleiben unverändert. Der Text wirkt sehr dynamisch.

Es funktioniert insgesamt gut. Ein Gefühl trögen Schulstoffs kommt gar nicht erst auf, so dass man dieses Experiment als gelungen betrachten kann. Das Ergebnis rechtfertigt sich selbst. Joachim B. Schmidt zeigt hier, dass er nicht nur isländisches Lebensgefühl auf Papier transferieren, sondern auch Legenden unheimlich spannend nahe bringen kann. Das letzte Kapitel hätte es dabei nicht einmal gebraucht. Dies jedoch ist Geschmackssache.

Autor:

Joachim B. Schmidt ist ein Schweizer Journalist und Schriftsteller, der zunächst eine Ausbildung zum diplomierten Hochbauzeichner absolvierte. Mit einer Kurzgeschichte gewann er einen Schreibwettbewerb und veröffentlichte erstmals 2013 seinen ersten Roman. Als Journalist und Touristenquide arbeitet er in Reykjavik, Island, wohin er 2007 ausgewandert ist. Sein Roman „Kalmann“ erschien 2020 bei Diogenes.

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