Bernadette Conrad: Groß und stark werden

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Groß und stark werden Bernadette Conrad Cornelia Funke Rezensionsexemplar/Lebenshilfe btb Verlag Erschienen am: 25.03.2019 Hardcover Seiten: 304 ISBN: 9778-3-442-75803-6

Inhalt:

Wagen wir als Eltern zu wenig? Was ist wichtig für Kinder? Wo finden sie Orientierung angesichts einer immer komplexeren Welt?

Die Journalistin Bernadette Conrad geht mit der Starautorin Cornelia Funke ins Gespräch darüber, wie wir unsere Kinder fördern können, „groß und stark“ zu werden. Ein thematisch vielfältiger Austausch unter Müttern – und ein Streifzug durch die Erzählwelt von Cornelia Funke. (Klappentext)

Rezension:

Gespräche, die in eine völlig andere, als die geplante, Richtung verlaufen, sind oft genug die interessanteren. Dies musste auch die Journalistin Bernadette Conrad erfahren, die die deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke eigentlich nur zu einem ihrer neuen Bücher interviewen wollte. Daraus wurde nichts. Doch, es entwickelte sich etwas anderes daraus.

Eine Freundschaft, ein Vertrauen und ein Gespräch über Kindheit und Jugend und, was uns zu dem macht, was wir sind. Cornelia Funke gab Antworten und ließ die Journalistin eintauchen in ihre Gedankenwelt. Ein Streifzug durch Kindheit früher und heute und durch phantastische Geschichten entstand und liegt nun im btb Verlag vor.

Bis auf „Gespensterjäger“ und auch hier nur das Buch zum Film, habe ich keines der Werke von Cornelia Funke gelesen, geschweige denn die Verfilmungen oder anders geartete Adaptionen mir zu Gemüte geführt. Um so interessanter war es für mich, dies in Streifzügen mit diesem Werk zu tun, welches sich nicht klar einordnen lässt. Ist es ein Interview, Lebenshilfe-Buch, Ratgeber, Weißheiten einer Autorin oder einfach nur ein facettenreicher Einblick in einen klugen Kopf?

Wohl ein wenig von allem, mag sich der Leser denken, wenn er in kurzweilige Kapitel eintaucht, die sich mit nachdenklichen Gesprächsnotizen abwechseln. Dies ist ein großer Pluspunkt, zumal hier weder Bernadette Conrad noch Cornelia Funke, deren Gedanken sich immer an kreativen Ideen und ihren geschaffenen literarischen Welten orientieren, den Zeigefinger erheben.

Herrlich unaufgeregt geht das vor sich. Zugleich entdeckt der gemeine Fan, wie viel dann doch hinter den einzelnen Geschichten steckt, welche Botschaften die Bestsellerautorin vermittelt wissen möchte und welche Sorgen, aber auch positiven Gedanken Funke antreiben.

Manchen Einblick, hier beginne ich dann Abstriche zu machen, hätte ich mir ausführlicher gewünscht, manchen Spoiler über Funkes Werke etwas weniger stark. Natürlich werden das Buch vor allem die Leser in die Hand nehmen, die Funkes Arbeiten kennen und schätzen, jedoch, wer noch ganz unbedarft herangeht, der sollte zuerst vielleicht einige ihrer Bücher lesen und dann diese interessante Muischung aus Gedankenkonstrukt, Gespräch und Leitfaden. Dann funktioniert das auch.

Anderenfalls kann man auch den Herrn der Diebe folgen.

Autorinnen:

Bernadette Conrad wurde 1963 in Stuttgart geboren und ist eine deutsche Journalistin und Schriftstellerin. Nach der Schule studierte sie von 1983-1988 Germanistik und Romanistik in Bonn und Konstanz. 1991 machte sie ein Diplom als Sozialpädigung und arbeitete in der Alkohol- und Drogenberatung.

Ab 1995 arbeitete sie als freiberufliche Journalistin für den Rundfunk und verschiedenen Zeitungen. Von 2000-2003 arbeitete sie als Auslandsjournalistin in Italien, Zwischenstationen führten sie zudem in die USA. Seit 2016 lebt sie in Berlin. 2006 erschien ihr erstes Buch, seitdem veröffentlichte sie mehrfach und wurde vielfach ausgezeichnet. 2010 erhielt sie den Walliser Medienpreis.

Cornelia Funke wurde 1958 geboren und ist eine deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin. Nach der Schule absolvierte sie eine Ausbildung zur Diplompädagogin und arbeitete als Erzieherin. Parallel dazu studierte sie Buchillustration in Hamburg und kam durch Ihre Arbeit selbst zum Schreiben. Ihr internationaler Durchbruch kam 2002, als ihr Buch „Herr der Diebe“, welches zwei Jahre zuvor in Deutschland erschien, ins Englische übersetzt, in Amerika erschien.

Es folgten erfolgreiche Reihen, wie die Tintenherz-Bücher oder die Drachenreiter. Ein Großteil ihrer Bücher wurde von ihr selbst illustriert und nach Erscheinen verfilmt. 1979 zog sie mit ihrer Familie nach Los Angeles, von wo aus sie soziale und ökologische Projekte unterstützt. Ihre Werke wurden mehrfach ausgezeichnet und in über 37 Sprachen übersetzt.

Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter

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Der Sommer meiner Mutter Ulrich Woelk Rezensionsexemplar/Roman C.H. Beck Erschienen am: 25.01.2019 Hardci´over Seiten: 189 ISBN: 978-3-406-73449-6

Inhalt:

Sommer 1969. Der elfjährige Tobias fiebert am Standtrand von Köln der ersten Mondlandung entgegen, während sich seine eher konservativen Eltern mit den neuen, politisch engagierten udn flippigen Nachbarn anfreunden. Deren dreizehnjährige Tochter Rosa bringt Tobias nicht nur Popmusik und Literatur bei, und zwischen den Ehepaaren entwickelt sich eine wechselseitige Anziehung. Aber die Liebe geht andere Wege, als vermutet. Und so erleben Tobias und seine Mutter beide eine erotische Initiation… (Klappentext)

Rezension:

Auf je mehr Seiten eine Geschichte erzählt wird, um so größer sind die Chancen, dass das Gesamtbild stimmig ist. Einfach der Tatsache geschuldet, dass ein Autor bei einer umfangreichen Erzählung mehr Zeit und Platz hat, Handlungen und Protagonisten auszugestalten und Tiefe zu geben. Dann gibt es jedoch auch die Autoren, die es schaffen, auf wenigen Seiten viel und gut zu beschreiben, was den einzelnen Figuren passiert und Ulrich Woelk gelang mit „Der Sommer meiner Mutter“ genau dies.

Wir schreiben das Jahr 1969, das Jahr politischer Auf- und Umbrüche. Tobias, gerade erst elf Jahre alt geworden, lebt mit seinen Eltern in einem ländlichen Vorort von Köln und interessiert sich für Raumfahrt, zumal die erste Mondlandung kurz bevorsteht. Das Einzelkind, umsorgt von seinen Eltern, bekommt mit, wie sich diese immer mehr auseinanderleben, seine Mutter versucht für sich eine neue Rolle zu finden, der Vater hält noch an seinem althergebrachten Gesellschaftsbild fest und da kommt es gerade recht, dass im Nachbarhaus eine neue Familie einzieht. Das völlige Gegenteil von Tobias‘ Familie, deren Leben sich nun verändert.

Geschildert werden sanft die vorstädtisch ländliche Idylle, einhergehend mit sesiblen Charrkaterbeschreibungen und einem ziemlich unspektakulären Handlungsverlauf. Es passiert auf diesen wenigen Seiten nicht viel, aber es reicht vollkommen aus, um Tobi und Rosa lieb zu gewinnen und das Umfeld, welches sich aus Kindersicht immer schneller dreht, am Ende den Abgrund entgegen gehen wird, wie ein Schwamm aufzunehmen. Zudem ist nicht nur die Handlung oder das lieb zusammengestellte Protagonistenensemble zu erwähnen, sondern auch die Sprache, die solche tollen Sätze hervorbringt, wie:

Ich möchte nicht, dass du den Mond verlierst.

Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter // C.H.Beck Verlag

Das ist doch großartig. Der Autor hat, das merkt man diesen Roman an, auch Philosophie studiert, drängt dies seinen Lesern jedoch überhaupt nicht auf, hat dies fein in diese Geschichte eingewoben. Es geht hier jedoch nicht nur um Sprache, Philosophie oder der ersten Mondlandung selbst. Woelk hat es vielmehr fertig gebracht, so ganz nebenbei den gesellschaftlichen Wandel zu jener Zeit, Emanzipation und Rollenfindung, ja selbst den Coming-of-Age-Teil stimmig unterzubringen. Präzise und glaubwürdig. Auf so wenigen Seiten.

Aus den C.H. Beck Verlag ein Kleinod und kleiner großer Roman, dessen Komponenten so stimmig sind, wie die Teile des Raumfahrtprogrammes der NASA es waren, welche zur Mondlandung führten. Der Autor hat es nicht nur geschafft, seinen beiden Berufen, den des Schriftstellers und des Astrophysikers Respekt zu zollen, sondern eine vielschichtige und lesenswerte Geschichte vorgelegt, die sich zu lesen lohnt.

Autor:

Ulrich Woelk wurde 1960 in Bonn geboren und ist ein deutscher Schriftsteller. Von 1980-1987 an, studierte er physik und Philosophie an der Universität Tübingen. Er arbeitete bis 1995 an der Technischen Universität Berlin, sowie in Göttingen als Astrophysiker. Seinen ersten Roman veröffentlichte er 1990. 1991 promovierte er über Weiße Zwerge in engen Doppelsternsystemen. Seit 1995 lebt Woelk als freier Schriftsteller in Berlin. Er schreibt Theaterstücke, Romane und Hörspiele. Seine Werke wurden mehrfach ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt.

JR Moehringer: Tender Bar

Inhalt:

Eine Kindheit in Long Island, in einer verrauchten Bar voller liebenswürdiger Gestalten, eine Mutter, die mit lebensklugen Lügen die Moral aufrechterhält, und mittendrinn der kleine Junge JR, der lernt, dass zwischen Bier und Whisky manchmal Weltenliegen. Ein abwechselnd anrührender und witziger Roman über tapfere Kinder, mitfühlende Männer, starke Mütter und die Kraft von Träumen. (Klappentext)

Rezension:

Romane, in denen jede Zeile ein zu lesender Genuss ist, gibt es einige. Geschichten, in der man die protagonisten lieb gewinnt und gespannt ihren Weg verfolgt, viele und Handlungen, die überraschen und nachdenklich machen, werden auch oft genug beschrieben. Gott sei Dank. Hin und wieder aber wird dem Leser auch ein Schriftstück schmackhaft gemacht, was sich bei genauerer Betrachtung nur in Begleitung von schlechten Rotwein oder abgestandenen Bier ertragen lässt.

Mit „Tender Bar“ legt J.R. Moehringer den Versuch eines Coming-of-Age-Romans vor, der in all seinen Facetten gründlich misslingt. Schon die Handlung lässt sich auf wenige Zeilen reduzieren, so dass eine Kurzgeschichte noch viel zu gut gemeint wäre. Alleine der Klappentext ist schon zu viel. Die Fast-Säufer-Autobiografie, die ständig um das eigene Scheitern und das seiner Mitmenschen kreist, davon jedoch nicht loskommt, liest sich dröge und eintönig, genau so wie die sich in ständigen Variationen wiederholenden Charakterbeschreibungen von Protagonisten, über die man allesamt nur die Augen rollen kann.

Beinahe religiös verehrt der Autor die Bar und ihre Anhängsel, muss er vielleicht sogar, nachdem die eigenen Eltern, getrennt, sich in verschiedener Hinsicht als unfähig erweisen, wenn dis auch bei der Mutter rein durch ihre finanzielle Stellung geschuldet ist. Ansonsten nimmt der Leser vielleicht noch aus diesem Werk mit, wie schädigend Wetten udn Alkohol sind, und nutzt das nächste Mal den Buchdeckel als Unterlegscheibe für das frisch Gezapfte. Dann hätte das Aufschreiben der Geschichte wenigstens Sinn gehabt. Wie kann man nur seine eigene Geschichte so langweilig erzählen?

Der Roman hielt sich mit Erscheinen länger in den Bestsellerlisten. An den Werken großer amerikanischer Schriftsteller wie Jonathan Safran Foer oder Hanya Yannigihara, die für mich den Maßstab in Bezug auf amerikanischer Literatur bilden, kommt Moehringer nicht heran. Leider.

Autor:

J.R. Moehringer wurde 1964 in new York City geboren und ist ein amerikanischer Autor und Journalist. Nach der Schule studierte er in Yale und arbeitete zunächst als Volontär bei der New York Times, bevor er bei den Rocky Mountain News und der los Angeles Times anfing. Er gewann den Pulitzer-Prize 2000, für den er zwei Jahre zuvor bereits nominiert war und veröffentlichte mehrere Romane. Er arbeitete als Co-Autor für Agassis Autorbiografie, nachdem dieser bei ihm angefragt hatte.

JR Moehringer
Tender Bar
Seiten: 459
ISBN: 978-3-596-17515-1
Fischer Verlag


Filmblick: Capernaum – Stadt der Hoffnung

Trailer: Capernaum – Stadt der Hoffnung
Regie: Nadine Labaki
Drehbuch: Jihad Hojeily (u.a.)
Schauspieler: Zain Al Rafeea
Länge: 120 Minuten
Land: Libanon, USA
FSK: 12 Jahre
Verleih: alamondefilm

Kaum ein Land nimmt, in Relation zur eigenen Bevölkerung so viele Flüchtlinge auf, wie der der Libanon. Der kleine Staat am Mittelmeer kann jedoch auch nicht viel mehr tun, als die Menschen, die von der syrischen Seite aus kommen, um Schutz zu suchen und Hoffnung zu finden, als sie in Lager mehr schlecht als recht unterzubringen, und so ist für die meisten hier schon Endstation. Ein Leben im reichen Europa liegt zwar in den Träumen, aber dennoch in weiter Ferne.

Die Bilder, die von dort in unsere Welt herüberschwappen, sind eindringlich. Gemeinnützige Organisationen, staatliche Organe stehen dem hilflos gegenüber. In den Lagern und den Städten regiert das Gesetz der Tradition und des Stärkeren. Arme Familien, an den Rand des Ruins gedrängt, verkaufen da schon einmal ihre Seelen oder die ihrer Kinder.

Zain, eindringlich gespielt vom gleichnamigen Zain Al Rafeea, ist einer von ihnen und gerade einmal zwölf Jahre alt. Zumindest wird er auf dieses Alter geschätzt. Papiere gibt es nicht. Nun steht er vor Gericht und verklagt seine Eltern, die ihn auf die Welt gebracht haben, obwohl sie sich nicht um ihn kümmern können. Er schildert dem Richter seine bewegte Geschichte. Wie es dazu kam, dass er von zu Hause weggelaufen ist, bei einer Frau aus Äthiopien Unterschlupf fand und sich mit ihrem Baby alleine und mittellos durch die Slums von beirut kämpfen musste. Ein Kind klagt seine Eltern an und mit ihnen eine ganze Gesellschaft, die solche Geschichten zulässt.

Dies ist im Wesentlichen die Handlung, die abgesehen von Einblendungen aus dem Gerichtssaal, aus der Sicht des Jungen geschildert wird. Wackelnde und rasante Kamerabilder sind es, die das Leben auf den Straßen begleiten, die den Jungen folgen, warm das Licht, das Gefühl, jeden Moment in Deckung gehen zu müssen, in jeder Szene einfangend. Der Regisseurin Nadine Labaki ist hier ein einzigartiges Filmdokument gelungen, welches das Leid und die Verzweiflung der Menschen gerecht wird, die um jeden Preis überleben wollen, sich einem Schlepper ausliefern müssen und der Sinnlosigkeit der Ursachen, die dieses Leid verursachen, in den Fokus rückt.

Der Film selbst wird getragen durch einen hervorragenden Hauptdarsteller und ist gewissermaßen Referenz an ihm und zugleich sein Rettungsanker. Tatsächlich ist Zain selbst ein Flüchtlingskind, der mit seiner Familie aus Syrien geflohen ist und praktisch von der Straße weggecastet wurde. Nicht einmal lesen und schreiben konnte der Junge zum Zeitpunkt der Dreharbeiten und so spielt sich ein kleiner Kämpfer praktisch selbst. In Cannes begeisterte sein Auftreten das Publikum, jetzt in Norwegen haben er und seine Familie die Chancen, die der Film-Zain von seinen Eltern einklagen will bzw. das Einräumen, dass er nie echte Chancen hatte.

Erdrückend ist die Atmosphäre, ohne zu sehr auf die Tränendrüse zu drücken, und dennoch ein Gefühl der Verlorenheit und Ausweglosigkeit zu geben. Wie sinnlos ist das alles, was sich dort abspielt? Handlungstechnisch greifen viele dargestellte Schicksale ineinander stimmig über. Kein hier bekannter Name flimmert im Abspann über die Leinwand. Das tut der Thematik und dem Film sehr gut, genau so wie die Lösung des Endes, welches stimmig ist, hier aber nicht verraten werden soll.

Kann man am Anfang des noch jungen Jahres vom bereits wichtigsten Film des Jahres sprechen? In diesem Falle dürfte das funktionieren. Muss es funktionieren.

„Capernaum“ ist einfach zu wichtig, um unterzugehen.

Delphine de Vigan: Loyalitäten

Loyalitäten Book Cover
Loyalitäten Delphine de Vigan Roman Dumont Verlag Erscheinen am: 12.10.2018 Hardcover Seiten: 174 ISBN: 978-3-8321-8359-2

Inhalt:

Theo ist ein vorbildlicher Sohn: selbstständig, fürsorglich und ein guter Schüler. Er scheint zu funktionieren. Doch eine Lehrerin schlägt Alarm, und auch die Mutter seines besten Freundes beobachtet ihn mit Misstrauen. Die beiden Frauen haben die richtige Ahnung: Theo ist mit seinem Leben überfordert und sucht einen gefährlichen Ausweg. (Klappentext)

Rezension:

Es gibt Romane, die zunächst so unscheinbar sind, dass sie bereits auf den ersten Seiten vermögen zu überraschen und dann immer noch mit einem großen Knall aufwarten können. Solch ein Werk ist der Autorin delphine de Vigan gelungen. Die französische Schriftstellerin beschreibt in „Loyalitäten“ eine Welt kaputter Erwachsener, die die Probleme der Kleinsten kaum wahrnehmen, so dass diese immer mehr in einen Strudel Richtung Katastrophe hineingeraten.

Hauptfigur ist der zwölfjährige Theo. zurückhaltend und verschlossen, gilt er als unkompliziert. Seine Noten sind gut. Diese Fassade bröckelt jedoch mit dem Verlassen des Schulgebäudes, wenn der Junge zwischen seinen geschiedenen Eltern hin- und herpendeln muss. Die Mutter misstrauisch, ob des vorangegangenen Aufenthaltes bei seinem Vater, der Vater arbeits-, kraft- und mutlos, dazwischen der Junge, der allem versucht gerecht zu werden und seinen Kummer in Alkohol ertränkt, den er sich über seinen besten Freund Matthi beschafft.

Die Erwachsenen um ihn herum, nehmen die wachsenden probleme kaum war, haben selbst mit sich genug zu kämpfen, selbst seine Lehrerin, die die ersten Anzeichen zu deuten weiß. Mit unaufhaltsamen Schritten naht die Katastrophe. Immer größer und bedrohlicher. Doch, Theos Umgebung ist so sehr in einem Netz aus Loyalitäten gefangen, dass ihnen der wahre Gefangene entgleitet. Immer mehr.

In wechselnden Kapiteln erzählt die Autorin kurzweilig diese Geschichte, die mehr Aufmerksamkeit verdient als sie bekommt. Ohne erhobenen zeigefinger, auch wenn das erste Lesens des Inhaltes so klingen mag, nähert sie sich der Wahrnehmung der beiden gerade noch kindlichen und fast jugendlichen Hauptfiguren an, die als Einzige Sympathieträger sind.

Selbst die Protagonistin Helene, Theos Klassenlehrerin, ist zunächst einfach nur nervig, auch wenn de Vigan es schafft, sie im Verlauf der Handlung etwas differenzierter zu beschreiben. Alle anderen Erwachsenen taugen zu nichts Positiven, als den Kontrast zur Verletztheit der Kinder darzustellen, die ungeschützt immer mehr die Kontrolle verlieren. Insbesondere eben Theo.

Um Distanz zu schaffen wird nur den beiden Erwachsenen, die zunächst nur ansatzweise begreifen, die ich-Perspektive zugebilligt. Alles andere wird in der dritten Person erzählt und bekommt dadurch einen größeren Kontrast, der die Wirkung noch einmal verstärkt. Die Wirrungen der Gefühlswelt der Kinder und die Zerrissenheit Theos, die schiere Ausweg- und Hoffnugnslosigkeit hätte die Autorin noch mehr ausbauen können.

Noch ein paar Seiten mehr den Jungen zu widmen, der so befürchtet man beim Lesen kurzzeitig, beinahe Randfigur wird, was de Vigan dann doch glücklicherweise nicht passiert, hätten dem Gesamteindruck gut getan. Dennoch ist „Loyalitäten“ eine gut erzählte Geschichte, die es wert ist, gelesen zu werden, um seinen Blick zu schärfen.

So ähnlich beschrieben kommt sie wahrscheinlich tausendfach in der Realität vor. Wie oft sind wir da, um den Schwächsten zu helfen, ohne die Angst vor richtigen und falschen Loyalitäten zu haben? Darüber nachzudenken lohnt sich.

Autorin:

Delphine de Vigan wurde 1966 geboren und zählt zu den wichtigsten literarischen Stimmen Frankreichs. Neben ihrer Arbeit in einem Meinungsforschungsinstitut schrieb sie, zunächst unter Pseudonymk, ihre ersten Romane, welche ab 2001 veröffentlicht wurden. 2007 gelang ihr mit „No & ich“ der Durrchbruch, seit dem lebt sie vom Schreiben.

Sie erhielt mehrfach Auszeichnungen, u.a. den Prix des Libraires 2008. Ihre Romane wurden bereits in über 20 Sprachen übersetzt, teilweise auch verfilmt.

Eyal Megged: Oschralien

Inhalt:
Hillel hat kaum eine Beziehung zu seinem Sohn Roy. Nach dem Scheitern seiner Ehe sträubte er sich von Anfang an gegen diese Vaterschaft, gegen die Möglichkeit einer neuen Familie. Seine Reise nach Australien zu Roy und dessen Mutter könnte eine zweite Chance sein – aber wer sagt, dass Hillel die will…? (Klappentext)

Rezension:
Es liegt nicht am Autoren, an der Übersetzung, an der Geschichte selbst, es liegt an mir. Ich hoffe mal, es ist so, anders kann ich mir den Effekt nicht erklären, den dieser Roman auf mich hatte. Dabei ist die Grundidee an sich nicht schlecht.

Ein orientierungsloser und beruflich nicht gerade erfolgreicher Mann wird vom anderen Ende des Globus‘ aus angerufen und aufgefordert, seinen Erziehungspflichten dem gegenüber nachzukommen, den er in einem unbedachten berauschenden Moment gezeugt hat.

Doch, der Sohn will seinen nun auftauchenden Vater nicht und zeigt es ihm mit allen Mitteln, die dem Rotzbengel zur Verfügung stehen. Mutter und Vater sind machtlos gegen den kleinen Vulkan, der ständig explodiert und kommen sich näher, unfähig jedoch, auf lange Sicht eine Beziehung aufzubauen.

Das ist ein Stoff für große und ausschweifende Romane, aber in jedem Falle nicht der von Eyal Megged. Lange nicht mehr habe ich solch einen zusammengewürfelten Mist mir angetan.

Wie gesagt, an der Idee liegt’s nicht, eher an der Ausführung. In feinster Sprache befindet sich der Leser gleichsam in einer Art philosophischer Vorlesung über das Wohl und Wehe, dem Zusammenhalt und Auseinadertriften von Menschen und ihrer Beziehungen.

Das Studium jedenfalls, merkt man dem Autoren an, da das darin zusammengeklaubte Wissen, aus jeder niedergeschriebenen Zeile trieft. Das ist für jeden Leser einfach nur ermüdend und langweilig, jedenfalls nicht zielführend, wenn er oder sie mit Philosophie nichts anfangen kann oder sich einfach nur mit der Lektüre fallen lassen möchte. Ein hilfloses Unterfangen, zumindest hier.

Und wenn man der schwülstigen Sprache nichts abgewinnen kann, der Handlung und was der Autor daraus macht, ebenso wenig, einzig die Idee bleibt, ist nicht mehr viel, was übrig bleibt.

Tatsächlich haben sich an der Grundidee schon unzählige Autoren versucht und es ist ihnen fast allen besser gelungen, als Megged, von dem ich hoffe, dass seine Geschichte im Original eine völlig andere Wirkung hat, wobei das ja ein schlechtes Zeichen für die Übersetzerin wäre. Wenn sich das ungefähr gleicht, ist es für beide kein Ruhmesblatt. „Oschralien“ ist die transportierte Langeweile schlecht hin und ein gutes Schlafmittel.

Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Autor:
Eyal Megged wurde 1948 in New York geboren und ist ein israelischer Schriftsteller, Kolumnist und Journalist. Er wuchs in Tel Aviv auf, wo er Philosophie und Kunstgeschichte studierte. Der Autor arbeitete zunnächst als Redakteur für einen Hörfunksender und schreibt als Jornalist für israelische Tageszeitungen über Literatur, Kultur und Sport.

1993 wurde er mit dem Macmillan Prize ausgezeichnet. Mehrere seiner Werke wurden ins Deutsche, sowie ins Englische übersetzt. Mit seiner Familie lebt er in Tel Aviv.

Nebenbemerkung:
Es müsste jetzt vielleicht jemand die Geschichte lesen und daran Gefallen finden. Ich möchte wirklich wissen, ob es Menschen gibt, die den Zugang bekommen, den ich nicht gefunden habe.

Eyal Megged
Oschralien
Seiten: 379
ISBN: 978-3-8270-1349-1
Berlin Verlag

Tracy Chevalier: Der Neue

Inhalt:
Osei, der afrikanische Diplomatensohn, will vor allem eines: nicht auffallen. An seiner neuen Schule provoziert er jedoch allein durch seine Anwesenheit Schüler und Lehrer. Es ist das Amerika der 1970er Jahre. Gemischte Klassen sind selten, Rassismus ist an der Tagesordnung. Als sich Osei mit der beliebten Dee anfreundet, sieht der Pausenhof-Tyrann Ian rot. geschickt spinnt Ian ein Netz aus Lüge und Verrat, in dem am Ende Schüler und Lehrer gleichermaßen gefangen sind. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:
Wie aktuell sind eigentlich noch die Werke und Stücke des großen Wiliam Shakespeare? Praktisch weltweit werden diese verfilmt oder für Theaterbühnen adaptiert, wunderbar ist auch diese Modernisierung von „Othello“ gelungen, eines der Meisterleistungen, mit denen sich der Künstler ein Denkmal von Weltrum setzte.

Tracy Chevalier versetzt das Stück in’s 20. Jahrhundert, mitten hinein in die USA. Rassismus in Amerika ist noch viel weiter verbreitet als heute, wo immer noch auf Missstände aufmerksam gemacht werden muss.

Das Land schmückt sich mit den Erfolgen schwarzer Sportler, im Alltag aber begegnet man einander mit Misstrauen und Argwohn. In dieser Situation befindet sich der 12-jährige Osei, der als afrikanischer Diplomatensohn auf eine neue Schule kommt und schon aufgrund seiner Hautfarbe zum Außenseiter wird.

Nur Dee, eines der beliebtesten Mädchen der Klassenstufe, nimmt sich seiner an, doch ahnen die beiden nicht, dass dies der Beginn einer Katastrophe sein wird. Ausgelöst vom Schulhof-Tyrann Ian entspinnt sich ein Netz aus Lügen um den Neuen und umfasst bald die gesamte Schule. Wird Osei sich daraus befreien können?

Ein Roman, wie ein Schrei, der erst leise daherkommt und dann immer lauter und drängender wird. So in etwa könnte man die Struktur der Geschichte beschreiben, in der es viele Grautöne zwischen zwei Antipoden gibt. Gut und Böse. Licht und Schatten.

Dieses Szenario auf die Figuren eines Schulhofes abspielen zu lassen und dabei die Strukturen und die Hackordnung im Klassenzimmer darzustellen, ist die große Stärke der Autorin, die feinsinnig Fäden und Handlungsverläufe miteinander verknüpft und dem großen Knall einige Schüber versetzt, um ein aufrüttelndes und nachdenkliches Ende herbeizuführen.

Wir alle kennen diese Mitschüler, den Tyrannen, der den Mitschülern das Pausenbrot oder Geld abgeknöpft hat, den Sonnyboy, den alle mochten und der alle ebenso leiden konnte, das beliebte Mädchen, die Tusse, den Außenseiter. „Der Neue“ ist eine Sammlung dessen und was passieren kann, fällt ein Dominostein um, der eine Kettenreaktion in Gange setzt.

Es ist ein Roman für Erwachsene, kann aber ohne Einschränkung auch jüngeren Lesern gegeben werden. Besonders wertvolle Lektüre in unserer Zeit, wo es viele Oseis gibt, die heute wieder um ihren Weg kämpfen müssen. Für mich eines der wichtigen Bücher des Jahres.

Autorin:
Tracy Chevalier wurde 1962 geboren und ist eine US-amerikanische Schriftstellerin und erwarb nach dem College den Abschluss Bachelor of Arts in Englisch. Im Jahr 1984 zog sie nach London, arbeitete als Lektorin und absolvierte einen Kurs im Kreativen Schreiben.

1999 erschien ihr Roman „Das Mädchen mit den Perlohrring“, welcher zu einem Weltbestseller avancierte. Sie ist Mitglied der Royal Society of Literature, arbeitet als Jurorin und kuratiert Ausstellungen. Mit ihrer Familie lebt sie in London.

Tracy Chevalier
Der Neue
Seiten: 192
ISBN: 978-3-8135-0671-6
Verlag: Knaus

Tara Westover: Befreit

Befreit Book Cover
Befreit Tara Westover Rezensionsexemplar/Sachbuch Kiepenheuer & Witsch Erschienen am: 07.09.2018 Hardcover Seiten: 444 ISBN: 978-3-462-05012-7

Inhalt:

Tara Westover ist 17 Jahre alt, als sie zum ersten Mal eine Schulklasse betritt. Zehn Jahre später kann sie eine beeindruckende akademische Laufbahn vorweisen. Aufgewachsen im ländlichen Amerika, befreit sie sich aus einer ärmlichen, archaischen und von Paranoia und Gewalt geprägten Welt – durch Bildung, durch Aneignung von Wissen, das ihr so lange vorenthalten worden war. (Klappentext)

Rezension:

Für diese Rezension habe ich mir zum ersten Mal des Effektes Willen überlegt, die Kurzbiografie einer Autorin wegzulassen. Vorab sich nämlich nicht über Tara Westover informieren zu können, macht die von ihr erzählte Geschichte noch brisanter, noch mächtiger und noch unglaublicher.

Tara Westover wächst als Kind in einer, von ihrem vater bestimmten Familie auf, die sich komplett von der Außenwelt abgrenzt. Hier geht es nicht nur um die Gegenüberstellung zweier parteipolitischer Ansichten, die heutzutage das medienbild der USA prägen, hier geht es um alles oder nichts.

Eine rechtschaffende, gläubige, Gott zugewandte Familie gegen den Rest der Welt. So sieht das zumindest Taras Vater, der sogar die strengen Vorschriften der Mormonen noch wörtlicher als die meisten Gläubigen nimmt und damit seinen Kindern alle Chancen nimmt.

Diese werden von den staatlichen Schulen genommen, müssen im Familienbetrieb arbeiten, selbst schwerste Verletzungen werden nicht im Krankenhaus behandelt, sondern auf dem heimischen Sofa, unter Zuhilfenahme pseudoätherischer Öle und natürlich Gebeten. Unter diesen Bedingungen wächst die immer größer werdende Kinderschar auf.

Je älter sie werden, um so mehr sehen Tara und, leider nicht alle, ihre Geschwister eine Zukunft, die ihnen verwehrt werden wird, wenn sie nicht ausbrechen. Zwei ihrer älteren Geschwister und sie selbst nehmen diesen Kampf jedoch auf und stellen sich damit gegen Glaube, Familie und vor allem ihrem Vater.

Wie weit muss man gehen, um den Kampf um Selbstbestimmung, Entwicklung und frieheit zu gewinnen? Manche offenbar sehr weit, wenn man Tara Westovers beeindruckende Bildungsbiografie liest.

Als Leser wird man kaum aus den Erstaunen herauskommen, welches Leid die Autorin unter der Tyrannei ihres Vaters zu erdulden hatte, dessen bipolare Störung zur Zerreißprobe für den gesamten Clan geworden ist, dessen beim Streit aufgeplatzte Wunden bis heute nicht verheilt sind.

Nach der Lektüre wird man den Faktor Bildung einen größeren Wert als bisher bemessen, innerlich die Autorin an manch beschriebenen Ereignissen in den Arm nehmen, dann wieder mit den Kopf gegen die Wand des Naheliegenden stoßen wollen.

Eindrucksvoll beschreibt Westover die ihr gestellten Hürden, die sie ohne Hilfe liebenswerter Menschen nicht hätte überwinden können. Tränen, Traurigkeit, Glücksgefühle, Wut. All das wechselt so schnell nacheinander, dass man innehalten muss, um zu Atem zu kommen.

Tara Westover beschreibt ihren Weg in Eigenständigkeit und Selbstwertgefühl, welcher steiniger nicht hätte sein können. Was muss es nur für eine Überwindung und Kraft gekostet haben, diese Zeilen zu Papier zu bringen?

Der Lehrer rief mich auf, und ich las den Satz vor. Als ich an das Wort kam, hielt ich inne. „Dieses Wort kenne ich nicht“, sagte ich. „Was bedeutet es?“

Tara Westover: „Befreit“

An manchen Stellen möchte man brechen. Für mich gehören Eltern, die krank oder nicht, so die Sicherheit ihrer Kinder gefährden wie Westovers dies getan haben, die ihre Kinder jede reelle Chance auf Bildung und damit Freiheit genommen haben, in Gewahrsam.

Um so größer die Bewunderung für Tara Westover, die dennoch einen Funken Liebe noch in sich bewahrt hat, für die zeit, in der ihre Eltwern und sie vielleicht eines Tages aufeinander zugehen können. Diese Biografie ist ein Mahnmal für das, was Zwänge anrichten und was Bildung bewirken kann. Grenzen zu überschreiten, benötigt Zeit.

Manchen macht die Geschichte Tara Westovers hoffentlich Mut genug, ihren eigenen Weg zu gehen. Wenn das dieses Buch schafft, wäre viel gewonnen.

Autorin:

Tara Westover wurde 1986 in Idaho, USA, geboren und lebt heute in Großbritannien. 2008 erwarb sie den Bachelor of Arts an der Bringham Young University, am Trinity College in Cambridge erhielt sie 2009 ihren Abschluss als Master of Philosophy und promovierte 2014, nach einem Abstecher in Havard in Geschichte. „Befreit“ ist ihr erstes Buch.

Christopher Wilson: Guten Morgen, Genosse Elefant

Guten Morgen, Genosse Elefant Book Cover
Guten Morgen, Genosse Elefant Christopher Wilson Rezensionsexemplar/Roman Kiepenheuer & Witsch Erschienen am: 16.08.2018 Hardcover Seiten: 266 ISBN: 978-3-452-05076-9

Inhalt:

Die lustige, traurige, spannende, lehrreiche, herzzereißende Geschichte des zwölfjährigen Juri, Sohn des Zoodirektors, der ein so liebes Gesicht hat, dass ihm jeder ungefragt seine Geheimnisse erzählt. Er gerät ins Räderwerk der Geschichte, als er ein paar Wochen in Stalins Datscha verbringt und sein Vertrauter und Vorkoster erster Klasse wird. (Klappentext)

Rezension:

Juri ist ein wenig langsamer im Denken als andere Kinder seines Alters, aber ansonsten fehlt ihm nichts. Im Gegenteil, wie eine Blechbüche, zwar ein wenig verbeult, seit ihm einmal fast eine Straßenbahn und ein LKW überrollt haben, ist er immer noch da und beobachtet die Menschen um sich herum.

Und die betrachten ihn als kleinen harmlosen Idioten, der zwar alles sieht aber den man alles anvertrauen kann, ohne das es gefährlich wird. Wichtig in diesen Zeiten, wo Terror und Angst das Land regieren.

Schon bald kommt Juri mit dessen Zentrum in Berührung, als sein Vater und er vom Geheimdienst abgeholt und in ein Haus am Rande Moskaus gebracht werden, um einen Patienten zu behandeln. Nicht die üblichen Verdächtigen, die Zootiere, die sein Vater als Veterinär sonst immer behandelt, sondern einen anderen großen Elefanten, der so ähnlich aussieht wie der Stählerne.

Ehe Juri sich versieht, steht er plötzlich im Strudel der Aufmerksamkeit des kranken Mannes, vor dem so viele Angst haben. Den Ränkespielen um Macht und mögliche Nachfolge kann sich auch der Zwölfjährige nicht entziehen.

Gleichsam „Der Junge auf den Berg“ von John Boyne, nur etwas naiver, erzählt der Schriftsteller Christopher Wilson die Geschichte von Macht Angst und wie sie uns vereinnahmen, so wir unter ihren Einfluss stehen, anhand eines kleinen Jungen, der die gesamte Handlung über Randfigur bleibt, und zugleich Hauptperson ist.

Randfigur im Sinne der beobachtenden Person, die ihre Umgebung genau wahrnimmt und durch die kindlichen Bemerkungen eher unbewusst das Verhalten der anderen Protagonisten steuert, selbst aber zumindest zu Anfang eher unbeteiligt ist, Hauptperson, da Juri die Erzählposition einnimmt und die Wirkung Stalins auf dessen Umgebung nur um so klarer verdeutlicht werden.

Erzähltechnisch und sprachlich sehr schön gemacht, ist der zwölfjährige Protagonist Sympathieträger, und, gefährlich, auch der rote Diktator in seinen letzten Lebenszügen, während die anderen Protagonisten klar Gegenpole bilden.

Wenn der Alpha-Wolf schwächelt, zeigen die Beta ihre Zähne und so begegnen wir einer reihe von damaligen Politgrößen, die zwar durch kindliche Spitznamen verklausuliert, aber dennoch zu erraten sind. Genosse Bruhah ist z.B. der Geheimdienstchef und Ausführer des stalinschen Terrors Beria, und so geht es nahtlos weiter.

Mit jedem noch dazukommenden Protagonisten verschärft sich die Lage, erhöht sich die Spannung und das Erzähltempo, wird der Hauptfigur jedoch klarer, in welcher Gefahrenzone er sich befindet. Der große Knall, er kommt auf leisen, dann immer lauter werdenden Sohlen.

Eine temporeiche Erzählung mit kontinuierlichen Spannungsbogen, kindlicher Beobachtungsgabe und einem großen Finale, gebündelt auf relativ wenigen Seiten. So kompakt und gut erzählt, wie man es kaum erwarten wird, und doch steckt hinter den Buchdeckeln ein kleiner großer Roman.

Abstriche gibt es, weil man vielleicht gerne mehr erfahren hätte, wie es mit Juri weiterginge, aber das lässt sich verschmerzen. Der Autor hat es bewusst vermieden, seine Geschichte totzuschreiben. Auch das gelingt ja nicht jeden. Eine klare Leseempfehlung.

Autor:

Christopher Wilson ist ein britischer Schriftsteller und veröffentlichte zahlreiche Romane und Kurzgeschichten Seine Werke wurden in mehreren Sprachen übersetzt und für’s Theater adaptiert. Mehrmals wurde er für den Booker Prize und den Whitbread Fiction Prize nominiert.

Zuvor studierte er Psychologie unnd lehrte an der Goldsmith Universität London. Wilson unterrichtet Kreatives Schreiben in Gefängnissen und lebt in London.

Seb Hofmann: Froschperspektive

Inhalt:
Ein abgeliebter, zerschlissener Plüschfrosch ist der Ich-Ersatz und Sprachrohr des kleinen Ronny, der in zerrüttelten Verhältnissen aufwächst und schon in der Kindheit nicht zurechtkommt.

Das wird mit den Jahren nicht weniger schwierig und so steuert er durch Ängste, Illusionen und Sehnsüchte geradewegs in die Katastrophe. Immer mehr werden Ronny und der Plüschfrosch zu ein und der selben handelnden Person. (eigene Inhaltsangabe).

Seinen ersten Roman „Froschperspektive“ schrieb er 2017 auf seiner Pilgerreise, auf den Jakobsweg. Seit seiner Jugend verfasste er Gedichte und Kurzgeschichten, sowie Songtexte, er interessiert sich zudem für Drehbücher.

Rezension:
Es ist zum Verzweifeln und beinahe unerklärlich, warum gerade „Elendsliteratur“ eine so hohe Faszination bei uns hervorbringt. Weil es uns, mit unseren Alltagsproblemchen, die wir groß reden und in Wahrheit doch sehr klein sind, danach besser geht?

Weil wir die Extreme lieben, in menschliche Abgründe eintauchen möchten, das totale Kontrastprogramm zu unserem Alltag suchen? Warum haben Romane, die vor menschlichen Leid triefen, wie etwa „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara , nur solch einen Erfolg?

Eigentlich weiß man ja, was auf einem zukommt und irgendwie will man sich das alles ja dann doch nicht antun. Man liest dann trotzdem oder gerade deswegen weiter.

In dieser Sparte fällt ganz sicher auch diese kleine Novelle, in der ein kleiner Plüschfrosch zum Kanal für all das wird, was im Leben des kleinen Ronny nicht funktioniert. Die Mutter kaum alltagstauglich gibt ihren Sohn kaum halt, im Kindergarten ist er das, was heute wohl als hyperaktiv und unkontrollierbar eingestuft werden würde und die schulische Laufbahn scheitert schon in den ersten Jahren der Grundschule.

Wo der Protagonist da falsch abgebogen ist, lässt sich schon nach ein paar Seiten nicht mehr sagen, nur dass mit fortschreitenden Jahren der Abgrund immer näher rückt. Einzig das ranzige Plüschtier ist ein Freund, durch den der Bengel, mehr wird auch im weiteren Verlauf der Handlung nicht aus ihm, seine wahren Gefühle ausdrücken kann, der aber auch immer wieder die Gefühlswelt der Mitmenschen mit den Füßen tritt.

Das alles steuert rasant auf eine ungeheure Katastrophe zu, detailliert beschrieben mit der Lust das Elend weiterzuverfolgen. Als würde plötzlich ein drittklassiger Privatsender sein Nachmittagsprogramm zwischen zwei Buchdeckeln packen.

Funktioniert gut, hier jedoch auf höheren sprachlichen Niveau, kompakt beschriebene Situationen, die einem nicht loslassen und zum Nachdenken anregen, gleichwohl Ronny und seinen Mitmenschen nicht zu helfen ist. Man erfährt das alles aus der Ich-Perspektive des Protagonisten, was die Novelle zu einem eindrücklichen Leseerlebnis macht.

Seb Hofmann hat hier eine Geschichte aufgeschrieben, die man entweder hassen oder mögen wird. Dazwischen gibt es einfach nichts. Zu viele Kontraste werden gegeneinander gelegt, zu viel Konfrontation und zu unausweichlich die Perspektive des Frosches.

Die können ja in Sekundenschnelle Fliegen mit den Augen fixieren und mit einer Zungenbewegung verschlingen. Aber eben auch Protagonisten in den Abgrund reißen. Und da sage noch einer, die Hoffnung wäre grün.

Autor:
Seb Hoffmann wurde 1985 in sachsen geboren und studierte Jura, politikwissenschaften und Kommunikation in Jena, Leipzig und Wien. Er absolvierte eine Schauspielausbildung und verfügt zudem über einen US-Pilotenschein.

Seb Hofmann
Froschperspektive
Seiten: 233
ISBN: 978-3-96111-459-7
Self-Publishing/Nova MD