Kindheit

Gabriel Herlich: Freischwimmer

Inhalt:
Es gibt Zeiten im Leben, auf die man zurückblickt und begreift, dass sie alles verändert haben – für Donnie Frey ist diese Zeit sein 21. Sommer. Eine einzige schicksalshafte Begegnung reicht aus, um Donnie völlig aus der Bahn zu werfen. Plötzlich sieht er sich mit Fragen konfrontiert, denen er bislang erfolgreich ausgewichen ist.

Was bedeutet es, eigene Entscheidungen zu treffen und mit den Konsequenzen zu leben? Wie weit würde er gehen, um für seine Überzeugungen einzustehen? Antworten auf diese Fragen findet er dort, wo er sie am wenigsten erwartet hätte: in Zimmer 311 eines Altenheimes, auf dem Fahrersitz eines Buchanka und in einem malerischen Hotel in Südfrankreich. (Klappentext)

Rezension:
In einer Mischung aus Coming of Age, Roadtrip, Vergangenheitsbewältigung und der Suche nach sich selbst, pendelt die Erzählung „Freischwimmer“, des Schriftstellers Gabriel Heinrich, der in einen Sommer eintaucht, in dem sich für seinen Protagonisten alles verändert. Zwischen den leichtgängig zu lesenden und doch tiefgründigen Kapiteln verschieben sich Sichtweisen und Perspektiven über die Abgründe unserer jüngeren Vergangenheit und die Gegenwart.

Gezwungenermaßen begibt sich der Protagonist auf Spurensuche, nachdem vermeintliche Sicherheiten und er erstmals außerhalb der Reichweite falscher Freunde sich der Realität stellen muss. So beginnt die Erzählung, mit einem lauten Knall, der alles verändert und einen Genre-Mix eröffnet, den man dieser Erzählung in ihrer Kompaktheit zunächst nicht zutraut. Und doch schafft es der Autor so viel in diesen Text zu verpacken, den man teilweise atemlos und angespannt verfolgt und dabei nach und nach mit seinem Hauptcharakter einen Perspektivwechsel einnimmt, der eindrucksvoll ist.

Erzählt wird dies aus Donnies Sichtweise, einem unsicheren und auf die schioefe Bahn geratenen jungen Erwachsenen, der inzwischen zu viel auf sich geladen hat, zu viel verbirgt, erst durch Konfrontation langsam sich selbst hinterfragt und alles bisher Geglaubte. Der Wandlungsprozess des Hauptcharakters ist die Essenz dieses Romans, der so vielschichtig ist, wie sein Erzähler, dessen Hüllen wir nach und nach durchdringen. Dabei nähert sich Gabriel Herlich seiner Figur behutsam an und macht sie langsam für die Lesenden zugänglich.

Der Hauptprotagonist ist nicht von Beginn an ein Sympathieträger ohne Zweifel, die falschen Freunde als Antagonisten jedoch fast sofort der Gegensatz, der die ersten Kapitel der Erzählung bestimmt und gegen Ende die Handlung sozusagen einrahmt. Dazwischen Tempo, ruhige Momente, immer wieder wechselnd, die die ganze Brisanz aufzeigen. Es geht um Erkenntnis, Schuld, Aufarbeitung und andere große Themen, die wie ein Damoklesschwert über den Protagonisten schweben. Spannend vor allem dann, wenn das Fallbeil sich senkt.

Der Zeitraum der Haupthandlung umfasst wenige Tage, in denen so viel passiert, dass es fast verwundert, dass dies dem Autoren gelungen ist, ohne Lücken zu erzählen, und trotz der Kompaktheit den überschaubaren Figuren-Tableau Konturen zu geben. Herlich spielt mit den Grautönen zwar, um so wuchtiger jedoch wirkt das absolute. Gerade das macht diese Erzählung so unglaublich beeindruckend.

Dazu kommt das Talent des Schriftstellers für szenische Beschreibungen von Orten, was die Handlung greifbar werden lässt. Zudem ist alleine schon die Dynamik falscher Freundschaften so gut vorstellbar und glaubhaft erzählt. Da macht es dann auch nichts, dass das Ende praktisch ab Anfang des letzten Drittels so gut wie vorhersehbar ist. Nach dem Lesen wird man es für folgerichtig halten, auch wenn es den Überraschungseffekt vermissen lässt.

Die Verbindung der Themen macht diesen Roman so eindrucksvoll wie besonders, auch diese wiederkehrenden Umschwünge vom Leichten ins Schwere sind hier toll eingewoben. Gabriel Herlichs Debütroman kann man nur viele Lesende wünschen. Hiermit kann man nichts falsch machen und gewinnt dabei so viel, auch Perspektiven auf vorher unbekannte oder vernachlässigte Themen, die mit diesem Roman eine Stimme finden. Und dies sollte uns das doch wert sein, oder?

Autor:
Gabriel Herlich wurde 1988 in Frankfurt/Main geboren und ist ein deutscher Schriftsteller. Er studierte Betriebswirtschaft in Wien und Grenoble und arbeitet in der Tech-Branche. Mit seiner Familie lebt er in Hamburg. Dies ist sein erster Roman.

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Katharina Bendixen: Eine zeitgemäße Form der Liebe

Inhalt:
Ein Löwenjunges fällt in der Kinder- und Tiertagesstätte auf und durchläuft diverse Maßnahmen, um seine Menschwerdung voranzutreiben. In einer Eltern-Chatgruppe eskaliert die Kommunikation. Eine Wissenschaftlerin stellt ein Programm vor, bei dem überforderte Mütter ihre Kinder tauschen und so zu einer zeitgemäßen Form der Liebe finden können.

Katharina Bendixen erzählt von Eltern und ihren Kindern, von den Ansprüchen an Mutterschaft und von ihren Widersprüchen. In klassischen Short Storys, magisch-surrealen Erzählungen und doppelbödigen Alltagstexten fühlt sie einer so gestressten wie saturierten Gesellschaft auf den Zahn. (Klappentext)

Rezension:
Sammlungen von Kurzgeschichten haben den Vor- und Nachteil zugleich, dass man umhergeworfen wird, zumal wenn sich Stil und Form von Text zu Text unterscheiden. Nicht immer wird man Zugang und Anknüpfungspunkte finden, doch klug zusammengestellt, gelingt dies, zudem wenn die einzelnen Geschichten uns immer wieder auch herausfordern.

Die deutsche Schriftstellerin Katharina Bendixen schafft dies mit ihrer Sammlung „Eine zeitgemäße Form der Liebe“, in der sich Kurzprosa mit fast schon surrealen Berichten abwechseln, einmal eine Art Chat-Protokoll, dann wieder Gedankenschnipsel, an denen man hängen bleibt. Sie alle beschäftigen sich mit Mutterschaft, Elternschaft, der Wahrnehmung und Wirkung im Inneren und von außen. Die Thematik ist das einzige, was die Geschichten zusammenhält, manchmal zusätzlich ein Name, der in einer der folgenden Geschichten unvermittelt erneut auftaucht. Diese Art der Komposition muss man mögen, auf sie muss man sich einlassen, manches mehrfach lesen. Ein Weglegen und wieder Hervorholen lohnt sich, sowie ab und an innezuhalten.

Zu beobachten, was die Texte mit einem machen, wie sie die Wahrnehmung verändern, zudem wenn beinahe schräge Gedanken zum Handlungssymbol einer der Erzählungen werden. Das Kind als Tier betrachten oder Tauschobjekt gar, wenn es so agiert, dass das die Gesellschaft als verhaltensauffällig stuft oder man vielleicht den Gedanken hat, mit einem anderen Kind besser dran zu sein. Wie absurd, wie phantastisch für eine Geschichte. Katharina Bendixen spielt in ihnen mit Sprache, trifft den Nagel auf den Kopf, reizt Kunstkniffe und Doppelbödigkeit aus.

Nicht immer funktioniert das gleichermaßen, weswegen sich starres Hintereinanderweglesen nicht empfiehlt. Zu groß sind die Unterschiede. Manchmal war der Spagat zwischen Form und Sprache, auch Absurdität zu viel des Guten.

Nichts destotrotz habe ich durchaus ein paar Highlights finden können, bei denen mich sowohl Kreativität als auch Umsetzung stark beeidnruckt haben. Alleine dafür hat es sich gelohnt.

Autorin:
Katharina Bendixen wurde 1981 in Leipzig geboren und ist eine deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin. Nach dem Abitur studierte sie in Leipzig und Alicante Buchwissenschaften und Hispanistik, veröffentlichte in Literaturzeitschriften und Anthologien. Sie ist Prosa-Redakteurin der Literaturzeitschrift poet und schreibt für verschiedene Zeitungen. Sie betreibt mit anderen einen Blog über Autoren- und Elternschaft, ist Mitglied des PEN-Zentrum Deutschland. Mit ihrer Familie lebt sie in Leipzig.

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Kevin McAleer: L.A. Kid

Inhalt:
In den letzten einhundert Jahren war Los Angeles Projektionsfläche weltweiter Träume und Phantasien, zugleich popkultureller Hotspot. Doch wie ist es, dort aufzuwachsen? Kevin McAleers Roman erzählt vom Aufwachsen im Los Angeles der 1960er und 1970er Jahre, von Surfen und Bodybuilding, Filmsternchen und Erdbeben. Archetypen einer Stadt, Markenzeichen und einer ganzen Menge Melancholie. Eine Stadt im Umbruch, vor dem Hintergrund des Hintergrund des Vietnamkrieges und rapiden gesellschaftlichen Veränderungen, eine Kulturgeschichte der Männlichkeit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die tiefe und manchmal urkomische Einblicke bietet. (sinngemäße Übersetzung des Klappentextes)

Rezension:
Experimente können durchaus spannend sein und so habe ich mich auf eines eingelassen und mir diese Erzählung aus dem Hause PalmArtPress vorgenommen, in der der amerikanische Schriftsteller Kevin McAleer Kindheit und Jugend in einer der Aggloromationen aufleben lässt, in der Umbrüche und Gegensätze ein sehr besonders und eigenes Lebensgefühl schaffen. Der Roman „L.A. Kid“ ist nur auf Englisch erschienen. Da ich jedoch das Genre Coming of Age im Allgemeinen gerne lese, habe ich mich darauf eingelassen und trotz eines mittelmäßgen Fremdsprache-Talents dennoch die Quintessenz aufnehmen können.

Dabei ist der Hauptprotagonist zugleich die Erzählfigur, aus deren Sicht wir die Geschichte erleben, die vom Leben in der typisch amerikanischen Vorstadtfamilie eben so berichtet, wie von der ersten Liebe oder amerikanischen Sportarten, die ein sehr eigenen Gemeinschaftssinn und das Gefühl von Verbundensein mit sich bringen, aber auch zur Herausforderung werden können, wenn man in dieser Welt aufwächst. In kompakt gehaltenen Kapiteln und klaren Sätzen nehmen der Protagonist und durch seinen Blick nach und nach auch die Nebenfiguren Gestalt an, wobei der Fokus klar beim ersteren bleibt. In dessen Gefühlswelt tauchen wir ein.

Kurze klare Sätze, die ein Miteinander transportieren, welches in seinen Gegensätzen angelegt ist. Die Erde unter den Füßen der Bewohner bewegt sich zuweilen, doch das Leben geht weiter. Für die amerikanische Mittelschichtsfamilie, in der der Protagonist beheimatet ist, Schule und später das College besucht, ebenso wie die Stars und Sternchen, die zum Hintergrundrauschen der Region bestimmen und Bodybuilder die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Wir folgen dieser Linie den gesamten Handlungsstrang über, in der Orte punktuell wo notwendig, beschrieben werden. Vollkommen ausreichend für die Erzählung, in der kein Wort zu viel vorkommt. Wenn man selten in einer anderen Sprache liest, merkt man bei der Lektüre gerade dieses englischsprachigen Romans, wie ausschweifend zuweilen die heimische Sprache sein kann. Ins Deutsche übersetzt hätte es sicher mehr gebraucht, um das gleiche Gefühl zu transportieren.

Es macht Freude, den Weg des Protagonisten zu verfolgen, zu sehen, wie der kindliche Blick dem des Erwachsenen weicht, der sich zunächst noch finden muss. Die Übergänge von ihrer Beschreibung her sind, soweit ich das verfolgen konnte, stimmig ausgestaltet. Wer Coming of Age mag, Großstadt-Vorstadt-Feeling in der amerikanischen Variante, dem sei diese Erzählung damit empfohlen. Von dem, was ich aufnehmen konnte, mochte ich dies, gerade wenn es dann aber zu sehr eigen wurde, habe ich aber leider doch gemerkt, dass mir an der einen oder anderen Stelle zu viele Vokabeln fehlten.

Außerhalb der Rezension sollte es damit für euch folglich noch genug zu entdecken geben.

Autor:
Kevin McAleer ist ein amerikanischer Schrifsteller, der in Deutschland lebt und zunächst in Kalifornien, San Diego, in Geschichte promoviert hat. Er arbeitet als Autor und freier Übersetzer. Eine Vielzahl seiner Werke sind bei PalmArtPress erschienen.

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Joe R. Lansdale: Moon Lake

Inhalt:
Daniel Russell war erst 13 Jahre alt, als sein Vater versuchte, sich selbst und seinen Sohn zu töten. Er fuhr von einer Brücke direkt in die Fluten des Moon Lake in Ost-Texas. Doch wie durch ein Wunder überlebte der Junge. Jahre später, nachdem er neue Informationen über sein Kindheitstrauma erhalten hat, kehrt Daniel zurück an den Moon Lake. Er hofft, das Auto und die Knochen seines Vaters bergen zu können. Aber tief verborgen unter dem glitzernden Wasser des Sees entdeckt er etwas Schockierendes, das mit einer Reihe ungewöhnlicher Morde in Verbindung steht … (Klappentext)

Rezension:
Beinahe kingest erzählt der gefeierte Schriftsteller Joe R. Lansdale von menschlichen Abgründen, Seilschaften und düsteren Geheimnissen, die während einer Dürre zu Tage treten und Ereignisse in Gang setzen, die immer mehr Erschreckendes offenbaren. Der Roman „Moon Lake“ entführt uns mit seiner Mischung aus Krimi- und Thrillerelementen, Mystery und Horror in die amerikanische Provinz und beschreibt rasant Verbindungen, die ihre Figuren in einem ewigen Würgegriff zu halten scheinen. Die Fesseln einmal losgelöst, scheint es kein Zurück mehr zu geben. Eine Spirale, die unweigerlich in den Abgrund führen muss.

Der leichtgängig zu lesende und mit zunehmender Seitenzahl immer rasanter werdende Roman, erzählt einerseits dicht, andererseits ausschweifend die dichte Abfolge von Ereignissen, die einmal in Gang gesetzt, den Staub von den Straßen des Provinzortes gehörig aufwirbeln wird, an deren Ende nichts mehr so sein wird, wie es mal war. Der Anfang der Handlung führt uns dabei in die Vergangenheit des Hauptprotagonisten, aus dessen Sicht die gesamte Geschichte erzählt wird. Daniel ist es, zunächst Teenager, später Journalist und angehender Schriftsteller, letzteres nur eine der Gemeinsamkeiten mit vielen Protagonisten vom amerikanischen Autoren Stephen King, der zunächst als Teenager dem Tod entkommen kann, um später im Erwachsenenalter an den Ort seiner Kindheit zurückkehren, nicht ahnend, welchen Ereignissen er auf den Grund gehen werden wird. Sprichwörtlich.

Gleich zu Beginn werden wenige Hauptfiguren eingeführt, auf die sich auch im späteren Verlauf die Erzählung konzentriert. Verschrobene und dem Ort Gesichter gebende Personen, die die Dynamik der Handlung bestimmen. Mit Daniel, aus dessen Sicht wir die gesamte Geschichte erleben, gibt es einen starken Protagonisten, auch Ronnie ist als Haupt-Nebencharakter durchweg positiv gestaltet, während andere Figuren Ecken und Kanten, durchaus mehrere Seiten und Interessen besitzen.

Dieses Spiel, welche da von die Oberhand gewinnen, ist einer der Handlungstreiber. Ohne dass es allzu absurd wirkt, hat man den Eindruck einer sich immer rasanter drehenden Spirale beizuwohnen, die man sowohl als Politthriller oder auch Gesellschaftskritik, Krimi lesen kann. So viel steckt tatsächlich zwischen den Zeilen, ohne dass man sich in der Interpretätion anstrengen muss. Popcornkino in Buchform ist das, aber vom feinsten, welches mit dem Hauptprotagonisten hoffen und bangen lässt. Das gelingt durch ausführliche Beschreibungen von Gefühlswelten, deren Änderungen gleichsam Aggregatszustände sehr detailliert geschildert werden. Ein anderes Plus sind die fast filmhaften Darstellungen der Handlungsorte, die so einem recht plastisch vor Augen geführt werden.

Der Leser deckt gemeinsam mit den Protagonisten die Geheimnisse der dunklen Vergangenheit und Gegenwart des Ortes auf, ist immer auf den gleichen Stand. Ungläubige Wendungen, irre Ausreißer wird man vergeblich suchen. Hier ist es dem Autoren gelungen, den richtigen Spagat zwischen stets weilender unterschwelliger Spannung und einem gewissen Logik zu bewahren, die zumindest gut vorstellbar ist. Figuren geben dabei der Handlung, sowie der Hauptfigur, immer weitere Impulse, die man gemeinsam mit ihr gerne verfolgt. Gefühlt steht dabei der Umfang der Erzählung im krassen Gegensatz zur tatsächlichen Anzahl von Worten. man hat eher den Eindruck eine dicht gepackte Novelle, tatsächlich mit einigen entsprechenden Elementen, vor sich zu haben, als einen ausschweifenden Mystery- und Politthriller.

Wer einerseits Erzählungen gerne liest, die sich auf wenige Handlungsorte konzentrieren, andererseits eine gute Mischung aus Krimi-, Thrillerelementen mit einem Hauch von Horror bereithalten, wird mit „Moon Lake“ sicher auf seine Kosten kommen. Es ist ein Roman, der gut unterhält, gar nicht den Anspruch hat, hohe Literatur zu sein. Für das, was Lansdale hiermit wollte, ist dies eine spannende Geschichte, die man Zeile für Zeile gerne verfolgt. Das ist doch auch ganz schön.

Autor:
Joe R. Lansdale ist ein US-amerikanischer Schriftsteller. Er wurde 1951 in Texas geboren und schreibt Kriminal-, Horror und Science-Fiction-, sowie historische Romane, die bereits mehrfach Grundlage verschiedener Filme wurden. Lansdale erhielt für seine Arbeiten zahlreiche Auszeichnungen, wie den British Fantasy Award oder den American Horror Awarf, mehrfach auch den Bram Stoker Award. Seine Werke wurden bereits in mehreren Sprachen übersetzt.

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Tomi Ungerer: Die Gedanken sind frei

Inhalt:
Tomi Ungerer ist neun Jahre alt, als deutsche Truppen 1940 das Elsass besetzen. Deutsch wird die offizielle Sprache, Französisch bei Androhung strenger Strafen verboten, aus Jean-Thomas, von allen Tomi genannt, wird Hans. Tomi Ungerer erzählt vom Alltagsleben unter der Nazibesatzung, vom Krieg, von der liberation – und von den ganz normalen Streichen, Freuden und Erlebnissen eines heranwachsenden Jungen. Dank unzähliger Zeichnungen aus Tomi Ungerers Kindheit und seinem grenzenlosem Humor ein ungemein lebendiges Erinnerungsbuch. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:
Witz und Humor, das Talent sich auszudrücken und die Dinge aus einem besonderen Blickwinkel heraus zu betrachten, ist dem späteren Zeichner und Kinderbuchillustratoren Tomi Ungerer schon in seiner Kindheit gegeben, die dieser in turbolenten Zeiten durchlebt hat. Als die Deutschen während des Zweiten Weltkrieges den Elsass besetzten, wächst er in einem Vorort Colmars auf, als behütetes Nesthäkchen und ohne Vater. So betrachtet er die Widrigkeiten des Krieges, die in den Alltag der Familie hineinragen. Seine Erinnerungen an diese Zeit sind nun postum neu aufgelegt wurden.

Nicht nur Tagebuch, autobiografische Erzählung oder, wie man es sich vielleicht bei einem Illustratoren denken würde, eine Ansammlung von Zeichnungen und Karikaturen ist diese hier vorliegende Sammlung, sondern eine Wundertüte, die uns in eine wundersame Zeit eintauchen lässt, in der der Alltag im schlechtesten Sinne auf den Kopf gestellt war. Tomi Ungerer hat hier tief gegraben in seine Erinnerungskiste und Fotos sowie Kinderzeichnungen zusammengestellt, die den Humor des späteren Künstlers und vor allem dessen Stil schon früh zu Tage treten lassen. Aus den zahlreichen Puzzleteilen ergibt sich ein buntes Portrait aus Familienalltag, Einschränkungen durch Krieg und Besatzung, aber auch kindlichen Übermut, der nicht nur einen Schädelbruch zur Folge hatte.

Die Tonalität der Sprache ist geprägt von Leichtigkeit, vom ungetrübten Blick des Kindes, der alles als ein großes Abenteuer sieht, doch durchaus den Ernst der Lage erkennt, wenn er in der Rückschau betrachtet, wie die Mutter etwa sich einerseits wie eine Löwin schützend vor die Kinder stellt, andererseits aber auch er selbst Widerstand leistet, und sei es nur mit Karikaturen von Lehrern im Schulheft und Tagebuch. Tomi Ungerer ist es hier gelungen, das Leben unter einem Besatzungsregime nachzuzeichnen, welches sich natürlich von dem im Osten, aber auch dem im geteilten Frankreich selbst unterschied, ein Aspekt der bis dato viel zu wenig Beachtung fand.

In der Aufreihung der Bücher gegen das Vergessen ist dieses hier schon aufgrund der Zusammenführung des Materials durch Autor und Zeichner in Personalunion etwas besonderes, zudem es die Wurzeln des späteren Künstlers aufzeigt. Dabei sind es nicht nur die pointierten Zeichnungen, sondern auch punktuelle Formulierungen, Beschreibungen von Personen, die den kindlichen Scharfsinn vor Augen führen. Auch nicht die große Politik, die nur in sofern eine Rolle spielt, sofern sie in den Alltag des Heranwachsenden hinein greift. Das besondere liegt in der Beschreibung alltäglicher Dinge in einer nicht alltäglichen Situation, die nur mit Vorsicht, Angst und in seinem Falle mit einer großen Portion Witz, auch Galgenhumors, zu ertragen gewesen ist.

Für alle, die staubtrockene Ausführungen scheuen, Zugang zu diesen sehr besonderen Künstler finden möchten und die Zeit der Besatzung des Elsass durch das NS-Regime nachspüren wollen, ist dieses wichtige Buch eine geeignete Lektüre.

Website: tomiungerer.com

Tomi Ungerer Museum: Hier klicken.

Autor:
Jean-Thomas „Tomi“ Ungerer wurde 1931 in Straßburg geboren und war ein französischer Grafiker, Schrifsteller und Illustrator von Büchern für Kinder und Erwachsene. Erste Zeichnungen veröffentlichte er im Simplicissimus, er arbeitete in New York, kurzzeitig in Hamburg und lebte eine Zeit lang in Irland auf einer Farm, bevor es ihn wieder in den Elsass zurückzog. Er starb 2019 in Cork, Irland.

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Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Inhalt:
Jekabs ist ein Junge, der in einer ungewöhnlichen Familie geboren wurde. Aber er möchte gern wie alle anderen sein – mit dem Fahrrad herumfahren, Gameboy spielen, sich um sein Kätzchen kümmern, eine coole Jacke tragen, im See schwimmen und Liene liebevolle SMS schicken …

Mit großem Einfühlungsvermögen erzählt Rasa Bugavicute-Pece in ihrem preisgekrönten Jugendroman von Jekabs, der schon als Kind erwachsen sein soll, um seinen blinden Eltern im Alltag helfen zu können. Mit zunehmenden Alter will er sich aber auch von ihnen lösen, um eigene Wege gehen zu können. Seine Mutter hingegen versucht verzweifelt, alles zu tun, um ihr Kind nicht zu verlieren. (Klappentext)

Rezension:
Das vorliegende Jugendbuch der lettischen Autorin und Dramatikerin Rasa Bugavicute-Pece erzählt eine Geschichte von Veränderungen, Loslösung und einer Superkraft, die Jekabs vor allem vor Gleichaltrigen versucht, zu verbergen. Für seine Eltern und deren Freunde ist er der Junge, der im Dunkeln sieht. Doch diese Besonderheit birgt mit zunehmenden Alter Konfliktpotential zwischen deren und seiner Wahrnehmung der Welt. In der leichtgängigen und doch einfühlsamen Erzählung verfolgen wir Jekabs auf seinem Weg, der für seine Eltern schon als Kind erwachsen sein muss.

Wenn es eine Region verdient hat, mal wieder im Fokus der Buchmessen zu stehen oder eines deren Gastländer zu stellen, ist es das Baltikum, vom dem zuletzt Litauen 2017 in Leipzig und 2002 in Frankfurt, die gesamte Bandbreite seiner Literatur präsentieren durfte. Lettland dagegen bemüht sich seit Jahren darum, einmal das Gastland stellen zu dürfen und Bücher wie dieses hier würden die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient haben. In Lettland selbst ist die Autorin bekannt. Ihr zweites Buch liegt nun in der deutschen Übersetzung von Lil Reif im Mirabilis Verlag vor.

Jekabs ist der anfangs noch kindliche, später jugendliche Hauptprotagonisten, dessen Alltag wir verfolgen, der in der Umgebung eines Wohnheims für blinde Menschen aufwächst und schon früh lernen muss, mit den Gegebenheiten als einzig Sehender zurechtzukommen. Für ihn zunächst nichts besonderes, wird er sich der Situation mit zunehmenden Alter immer bewusst, aber auch den Einschränkungen, die es mit sich bringt, wenn die Eltern die Welt ganz anders wahrnehmen, als die beispielsweise seiner Klassenkameraden. Ein in die elterliche Ordnung tapsendes Kätzchen ist da nur einer der ersten von vielen Versuchen, Eigenständigkeit gegenüber den Eltern zu erlangen, deren Sicherheitsbedürfnis lange in eine Art Übervorsorglichkeit gegenüber ihren Sohn mündet.

Erst später, nachdem ich ein paar Mal bei Kriss, Klavs und Matisss gewesen war, habe ich verstanden, dass ihnen unsere Wohnung wie eine einzige Leere vorkommt, wie eine Wüste oder ein Gletscher – unglaublich exotisch, denn bei uns stehen hinter den Glasscheiben von der Schrankwand keine Massen von Glöckchen von Reisen, da sind keine unzähligen gerahmten Bilder, keine Bücherberge, Notizblöcke, Dokumentenmappen, keine bunten Musikkassetten, irgendwelche Kreisel, neun Kaffeeservices in verschiedenen Farben, Gläser in allen möglichen Größen, es gibt keinen bunten Haufen Hausschuhe im Flur, in dem man sich ein passendes Paar zusammensuchen muss und dazu mit dem Fuß darin herumwühlt. […] Wir haben keine Bilder. Es gibt einen Kalender, aber der zeigt meistens den falschen Monat.

Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Von diese Warte aus, sind die Handlungsweisen und Charakterzüge der Protagonisten nachvollziehbar, wobei vor allem jekabs als Hauptfigur alle Sympathien auf sich zieht. Sich seiner Sonderrolle bewusst, blitzt neben all den viel zu erwachsenen Verhalten, welches er an den Tag legen muss, immer wieder das Kindliche durch, nachvollziehbare Wünsche und Träume, aber auch das Bewusstsein für all die Einschränkungen der Erwachsenen, in deren Spannungsfeld er lebt und sich seine Freiheiten mühsam erkämpfen muss. Auch aus der Sicht seiner Mutter wird die Geschichte erzählt, so dass auch ihr Handeln verständlich ist, welches das spätere Potential für Konflikte begründet, welches der Erzählung ihre Ecken und Kanten gibt.

„Und, hast du eine an?“ Schon ist Mama in der Kabine und will mich abtasten. „Jetzt warte mal“, fauche ich und nehme die erste Jacke, sie ist mossgrün mit roten Streifen. […] „Jetzt zeig doch mal“, sagt Mama und tastet mich ab, den Vorhang hat sie aufgezogen, und über ihre Schulter hinweg sehe ich die Verkäuferin, die unauffällig versucht einzuschätzen, wie wir zurechtkommen. Na also, die Verkäuferin ist eine von denen, die genauer hinschauen, nachdem sie erst so tun, als gäbe es da nichts zum Schauen … […] Sie ist gut gelaunt – sie hat mir gerade eine Jacke gekauft, die mir gefällt. Ich greife nach Mamas Hand, die auf meinem rechten Ellbogen liegt, und drücke sie fest, danke. Kurz darauf ziehe ich dann aber meine Hand gleich wieder weg und stecke sie tief in meine Hosentasche – ein ganzes Stück weit entfernt kommen uns einige meiner Klassenkameraden entgegen. Sie gehören zu denen, die so tun, als würde ihnen gar nichts auffallen.

Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Dieses Spiel mit den Gegensätzen beherrscht Rasa Bugavicute-Pece genau so, wie sie es schafft, die inneren FGefühlswelten Jekabs‘ zu beschreiben und Orte lebendig vor dem inneren Auge entstehen zu lassen. Nicht zuletzt ist ihr das durch die Erwahrungswelt in ihrem eigenen Bekanntenkreis gelungen. Die Figuren sind liebevoll ausgestaltet, wie auch der Altag dargestellt, der vor allem zeigt, wie wichtig Ordnung und Organisation ist, in einer Welt, wo gerade der Sehsinn als sonst selbstverständlich erscheint. Auch, und das ist als jemand ohne diesen Erfahrungshorizont besonders spannend, werden Hilfsmittel für Blinde, um den Alltag zu bewältigen, ganz wie nebenbei beschrieben.

Das so einzuarbeiten, gleichzeitig einen Jungen auf der Suche nach seinem eigenen Weg zu beschreiben, ist die Stärke dieses kleinen Romans, den man nicht nur viele jugendliche Lesende wünscht. Auch für Erwachsene funktioniert das sehr gut, die sicher das beschriebene Spannungsverhältnis aus der elterlichen Perspektive nachvollziehen können. Der Autorin gelingt es den inneren Zwiespalt ihrer beider Hauptprotagonisten darzustellen. Andere Figuren dienen nur als Handlungstreibende. Der stete Perspektivwechsel zwischen Sohn und Mutter tut sein übriges dazu, diesem sehr besonderen Alltag gerne beizuwohnen, ohne dass es ins Klischeehafte abrutscht.

In sich schlüssig ist die „Der Junge, der im Dunkeln sah“ eine Erzählung, die berührt ohne Mitzleid mit ihren Figuren zu heucheln oder ins Voyeuristische abzugleiten. Auch verfolgen wir das Erwachsenwerden Jekabs ohne harte Brüche, bis zu einem gewissen Spannungsmoment, der eine klare Umkehr des Verhältnisses zwischen Eltern und Kind aufzeigt. Das passt hier wunderbar hinein.

Rasa Bugavicute-Pece erzählt die Normalität in der Welt des für Ausstehende Besonderen und hat dabei etwas geschaffen, was nur wenigen Autoren und Autorinnen in dieser kompakten Form so schön gelingt. Die Übertragung ins Deutsche durch Lil Reif hat sicher das ihre dazu beigetragen, dass das Jugendbuch so wertvoll macht, ohne den pädagogischen Gürtel, Achtung: Anspielung, zu erheben.

„Der Junge, der im Dunkeln sah“, hilft, uns für Perspektiven zu öffnen und sich darauf einzulassen, erzählt von einem Spannungsverhältnis, Selbstfindung und auch von Liebe und Fürsorge, sei es für die eigene erste oder und vor allem zu den eigenen Eltern, ohne sich selbst zu verlieren. Das ist viel für ein Jugendbuch. Hierfür hat die Autorin ein richtiges Maß gefunden und mit Jekabs einen Protagonisten, den man in sein Herz schließt und gerne wachsen lässt.

Autorin:
Rasa Bugavicute-Pece wurde 1988 in Riga geboren und ist eine lettische Dramatikerin und Autorin. Sie studierte an der Lettischen Kulturakademie und machte ihren Bachelor in Theater-, Film- und TV-Dramaturgie, danach erhielt sie einen Abschluss in Kulturmanagement und studierte Kreatives Schreiben. 2011 wurde sie zur Vorsitzenden der Lettischen Dramatikergilde gewält. Vier Jahre später arbeitete sie im Liepaja Theater. Auch in anderen, wie dem Lettischen Nationaltheater wurden ihre Werke aufgeführt. 2016 veröffentlichte sie ihren ersten Roman. 2020 wurde sie für ihren zweiten Roman „Der Junge, der im Dunkeln sah“, mit dem Janis Baltvilks Award ausgezeichnet.

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Müller, Daniel: Möwen ohne Pommes

Zehn Sommertage auf dem Ostsee-Campingplatz seiner Kindheit. Jetzt soll für David die Zeit stillstehen. Hier könnte er sein verknotetes Leben entwirren. Doch zwischen Herzschmerz und Familienkrisen schmilzt diese Hoffnung schneller als das Schlumpfeis auf der steinernen Tischtennisplatte. Alles ist in Bewegung. Das dröhnende Geplansche der Gischt, das Getappel schimmerschwarzer Käferbeinchen im Kiefernschatten: Alles blüht, alles pulsiert. Und David wartet, dass das Leben ihm passiert. (Klappentext)

Titel: Möwen ohne Pommes
Autor: Daniel Müller
Seiten: 234
ISBN: 978-3-9034-4364-8
Format: Taschenbuch
Verlag: Wolfgang Hager Verlag

Leider ist auch meine Lesezeit begrenzt und der bereits existierende Bücherstapel viel zu groß. Dennoch möchte ich gerne kleinen Autorinnen und Autoren Sichtbarkeit für ihre Werke verschaffen. Auch dafür gibt es die Kategorie Empfehlung, in der Bücher vorgestellt werden sollen, von denen ich glaube, dass sie den einen oder anderen gefallen könnten. Natürlich entsprechend, ohne Wertung.

Die Leseprobe, die ich mir anschauen durfte, liest sich vielversprechend.

Ich würde mich freuen, wenn der eine oder andere diesen Roman von Daniel Müller eine Chance gibt und Zeit findet, David auf dem Ostsee-Campingplatz seiner Kindheit und auch sonst zu begleiten.

Euer Nick.

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Eva Szepesi/Stephanie Lunkewitz: Ich war Eva Diamant

Screenshot

Inhalt:
Eva Diamant ist zwölf Jahre alt, als die Sowjetarmee sie im Januar 1945 in Auschwitz befreit. Zusammen mit der Illustratorin Stephanie Lunkewitz und begleitet von ausdrucksstarken Bildern erzählt sie in diesem Buch ihre bewegende Überlebensgeschichte: Es ist die Geschichte einer behüteten Kindheit in einer bürgerlich-jüdischen Familie in Budapest, von ersten Ausgrenzungen in der Schulzeit, ihrer Flucht aus Ungarn, dem Verlust von Vater, Mutter und Bruder und schließlich der Deportation ins Konzentrationslager Auschwitz. Es ist aber auch eine Geschichte der Liebe, der Freundschaft und des Beistands. (Klappentext)

Rezension:
Die jüngere Leserschaft ernst zu nehmen, ohne zu verschrecken, die Wahrheit und auch Schattenseiten unserer Geschichte zu zeigen, ohne bis zum äußersten zu gehen, dieser Aufgabe widmet sich der Ariella-Verlag mit einem sorgsam kuratierten Kinder- und Jugendbuchprogramm, welches einerseits die jüdische Kultur zugänglich macht, andererseits erste Berührungspunkte zu den Ereignissen der Vergangenheit bietet. Ein gelungener Baustein hierfür, ein Buch gegen das Vergessen, ist mit der Visualisierung der Kindheitsgeschichte Eva Szepesis gelungen, welcher sich die Illustratorin Stephanie Lunkewitz angenommen hat.

In kompakter Form, dafür mit großflächigen Illustrationen wird die Geschichte des Mädchens erzählt, welches in einer liebevollen Umgebung aufwächst und plötzlich erleben muss, wie sie, andere jüdische Kinder und ihre Familie aus dem gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt werden. In der Klasse muss sie sich plötzlich nach hinten setzen, der Vater kommt in ein Arbeitslager, der gelbe Stern macht die Ausgrenzung aus dem Alltag noch leichter. So beginnt ein Spießrutenlauf, dessen unheilvolle Ereignisse in immer dichterer Taktung hintereinander folgen. Doch immer wieder gibt es Menschen, die sich ihrer annehmen. Irgendwann schließlich schwört sie sich, am Leben zu bleiben.

Dies ist die Grundtonalität des Kinderbuches, während dessen erster Seiten man sich fragt, wie überhaupt ein Kinderbuch zu dieser Thematik, die zweifelsohne wichtig ist, gelingen kann? Der Umgang damit ist schon in der Erwachsenenliteratur ein Drahtseilakt und mit Fingerspitzengefühl zu führen, aber Szepesi und Lunkewitz zeigen, wie dies funktioniert. Es ist eine Geschichte des Überlebens. Zwar wird der Tod erwähnt, aber weder gezeigt noch detailliert geschildert.

So hat man hier vermieden, zu verschrecken, gibt dennoch Anknüpfungspunkte für ältere Kinder und Jugendliche zur Diskussion. So ist die Altersempfehlung hier vom Verlag ab 12 Jahre veranschlagt, einem Alter etwa, in denen man schon genug durch Medien, vielleicht Diskussionen zu Hause oder Ausgrenzung im Klassenzimmer mitbekommen hat. Ein Glossar rundet dieses feine Büchlein zudem ab, da doch einige Begriffe gerade für diese Altersgruppe neu sein dürften.

Ein ernstes Kinderbuch zur Einführung in die Thematik, welches auch gut Ältere lesen können, ziehen einen doch die kräftigen Illustrationen tief in die Geschichte hinein, ist „Ich war Eva Diamant“, dem man ganz viele Lesende wünschen darf.

Frankfurter Buchmesse, 2025:

Frankfurter Buchmesse, 2025, Kurt-Wolff-Stiftung, Myriam Halberstam (Verlegerin, Ariella Verlag) und Stephanie Lunkewitz. (Quelle: Kurt-Wolff-Stiftung)

Autorin:
Eva Szepesi wurde 1932 in Budapest geboren und ist eine Holocaust-Überlebende, Als Zeitzeugin berichtet sie in Vorträgen und Büchern über ihr Leben. Als Kind wächst sie in Budapest auf und erlebt erste Ausgrenzungen und wie ihr Vater zum Arbeitsdienst gezwungen wird. Im Alter von elf Jahren flüchtet sie mit ihrer Tante in die Slowakei, das Versteck wird jedoch verraten, so dass sie zunächst nach Sered, schließlich nach Auschwitz deportiert wird. Dem Todesmärschen entgang sie, da sie sich zwischen Leichen versteckt hielt und wurde am 27. Januar 1945 bei der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz von sowjetischen Soldaten befreit.

Nach einer Zeit im Lazarett kehrte sie nach Budapest zurück, wo sie bei Onkel und Tante aufwuchs und eine Lehre zur Schneiderin absolvierte. Später zog sie mit ihrem Mann nach Frankfurt/Main. Fünfzig Jahre sprach sie nicht über ihre Erlebnisse, erst nach der Veröffentlichung des Films Schindlers Liste, und einen Besuch der Gedenkveranstaltung zum 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz sprach sie vor Jugendlichen über ihre Zeit im Konzentrationslager. Fortan engagierte sie sich als Zeitzeugin. 2011 veröffentlichte sie ihre Autobiografie, Jahre später erlangte sie Klarheit über das Schicksal ihrer Mutter und ihres Bruders, die in Auschwitz ums Leben kamen. 2017 erhielt sie die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt/Main, zudem das Bundesverdienstkreuz am Bande. 2024 sprach sie anlässlich des Holocaust-Gedenktages im Deutschen Bundestag.

Illustratorin:
Stephanie Lunkewitz wurde 1977 in Köthen, Sachsen-Anhalt, geboren und ist eine deutsche Illustratorin und Autorin. Ihre Großeltern waren Mitglieder des Verbandes Bildender Künstler der DDR und illustrierten mehr als 50 Kinderbücher. Stephanie Lunkewitz studierte nach ihrem Diplom in Design Kunstgeschichte in Frankfurt/Main, schließlich in den USA Book Writing and Business in Los Angeles, Kalifornien, wo sie mit ihrer Familie lebt.

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Ralph Grüneberger: Robert und der elfte Apfel

Inhalt:
Robert verbringt die Ferien bei seiner Großmutter auf dem Land, inmitten einer großen Obstplantage. Doch dort scheinen seltsame Dinge zu geschehen: Sind das die Schatten von Riesen nachts am Fenster? Und was hat es mit dem geheimnisvollen goldenen Apfel auf sich, den er auf der Wiese findet? Vielleicht hat er ja Zauberkräfte und kann die kranke Mutter heilen? Als die wütenden Riesen den goldenen Apfel gewaltsam zurückholen, bleibt Robert nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen und sich einen Wettkampf zu stellen. (Klappentext)

Rezension:
Gleichsam einem Märchen erzählt Ralph Grüneberger in seinem Kinderroman „Robert und der elfte Apfel“ vom Mut, sich zu überwinden, Einfallsreichtum und der Liebe eines Kindes zu seiner Mutter. Die altersgerechte und moderne Adaption der Erzählung von David gegen Goliath, eignet sich besonders für das gemeinsame Lesen und im Anschluss darüber zu sprechen.

Erleben tun wir sie aus der Sicht von Robert, der zu seiner Großmutter aufs Land geschickt wird. Davon ist der kleine sympathische Hauptprotagonist zunächst gar nicht begeistert, da er diese kaum kennt und dort gleich in der ersten Nacht merkwürdige Dinge vor sich zu gehen scheinen. Außerdem würde er viel lieber seiner Mutter beistehen, die sich ins Krankenhaus begibt, um sich dort operieren zu lassen. Schließlich tobt das Ungetüm in ihrem Körper dort nun schon eine ganze Weile, was sie immer schwächer werden lässt. Doch vielleicht hat der goldene Apfel, den er auf der Plantage der Großmutter findet, ja heilende Kräfte? Nur dumm, dass auch andere daran interessiert zu sein scheinen.

So beginnt die Erzählung, die innerhalb eines Zeitraums weniger Tage unsere titelgebende Hauptfigur ein großes Abenteuer bestehen und über sich hinauswachsen lässt. Das Figurentableau ist dabei überschaubar und beschränkt sich auf eine Hand voll Charaktere, die wir nach und nach innerhalb der kompakt gehaltenen Kapitel kennenlernen. Vielschichtig sind dabei nicht nur Robert und seine Großmutter ausgestaltet, auch lernen wir Roberts Mutter anhand der Gedankengänge unseres Protagonisten kennen, damit auch seine Beweggründe, die ihn antreiben und durch die Geschichte führen. Gegensätze zu dem Robert bekannten Großstadtlebens werden anhand der Großmutter aufgezeigt, die in den Strukturen ihres Dorfes verankert ist und dort dennoch eine Sonderrolle einnimmt.

Diese Vielschichtigkeit zeigt sich jedoch nicht nur in diesen, sondern in allen Figuren, deren Beweggründe nach und nach deutlich werden. Wohltuend anzumerken ist, dass selbst die vermeintlichen Antagonisten nachvollziehbar handeln. Her hebt sich Ralph Grüneberger wohltuend von der Tradition grimmscher Märchen ab, in der mancher Gegenspieler wirklich abgrundtief böse handelt. Das passiert hier nicht, trotzdem bleibt es, zumindest für die Zielgruppe, durchgehend spannend.

Wendungen, nicht zu zahlreich, werden gekonnt eingesetzt, immer wieder mit Momenten des Innehaltens und Atemholens durchwoben. Dabei zieht mit zunehmender Seitenzahl das Erzähltempo in den Maße an, wie das Leid der Mutter im Vordergrund rückt und damit auch Roberts größte Herausforderung im Angesicht der Riesen.

Die Geschichte ist durchsetzt von phantasievollen Illustrationen, die die verschiedenen Teile des Buches von einander abgrenzen. Hierfür zeichnet sich der Illustrator Florian L. Arnold verantwortlich, der mit seinen Schraffuren nicht nur Roberts tierische Mitstreiter lebendig werden lässt. Auch die Briefe der Mutter unterbrechen den Fließtext, der ohnehin nicht ausufernden Kapitel, mit denen der Autor das Abenteuer seines kleinen großen Helden erzählt. Ein einzelner Übergang zwischen zwei Szenen wirkt dabei etwas holprig, was jedoch bei der Zielgruppe nicht ins Gewicht fallen dürfte, ist die Erzählung doch in ihrer Gesamtheit sehr stark.

Hierbei hilft die sich durch die Erzählung im Hintergrund ziehende Thematik. Ist schon das erste längere Getrenntsein von den Eltern eine große Herausforderung, ist die Erkenntnis, dass schwere Krankheiten auch vor diesen nicht halt machen, nochmal eine ganz andere Hausnummer. Dies ist gleichsam ein Kampf gegen innere Riesen, was wiederum den Bogen zur Abenteuergeschichte spannt, die Florian erlebt. Die Auflösung bleibt dabei kindgerecht. In ihrer Gesamtheit eignet sich die Geschichte damit eine Basis für ein altersgemäßes Gespräch in Bezug auf solche Themen zu finden.

Der Autor schafft es dabei, Handlungsorte ausreichend detailliert zu beschreiben. Auch hier hat man gleich einen Märchenfilm vor Augen, zudem die tierischen Protagonisten durch die textliche Darstellung sehr schnell ins Herz geschlossen werden. Lesende im fortgeschrittenen Grundschulalter werden daran sicher ihre Freude haben, zudem die bereits erwähnten Spannungsmomente das Ihrige dazu beitragen.

Wer ein vielschichtiges Kinderbuch sucht, welches die Zielgruppe ernst nimmt und trotzdem eine spannende wie phantasievolle Geschichte erzählt, ist mit „Robert und der elfte Apfel“ gut bedient, welche die ohnehin vielseitige Bibliographie des Autoren um einen weiteren eindrücklichen Baustein ergänzt.

Autor:
Ralph Grüneberger wurde 1951 in Leipzig geboren und ist ein deutscher Schriftsteller. 1978 begann er ein Studium am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“ in Leipzig. seit 1978 veröffentlicht er regelmäßig von Liedtexten über Prosa bis hin zu Lyrik und Kinderbüchern verschiedenes. Für seine Werke wurde er mehrfach ausgezeichnet. Lesereisen führten ihn u. a. nach Frankreich, Polen und in viele weitere Länder. 1996 bis 2021 war er Vorsitzender der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V., jetzt ihr Ehrenvorsitzender, bis 2025 Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland, 2022-20223 übernahm er die Funktion als Schatzmeister Mitglied des Präsidiums. Veröffentlichungen in zahlreichen nationalen und internationalen Literaturzeitschriften und Anthologien erscheinen von ihm regelmäßig. Von 2006 bis 2021 war er Herausgeber der Zeitschrift „Poesiealbum neu“.

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Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

Inhalt:
Sese kann keinen Streich widerstehen, und seine Familie glaubt, der Teufel stecke ihm im Leib. Um ihrem Groll zu entgehen, flüchtet sich Sese in seine Fantasie – eine Welt, in der die Hühner zu wilden Panthern werden und ein kleiner Orangenbaum ihn zu Abenteuern überredet. Und wo ganz, ganz sicher der beste Mensch der Welt auf ihn wartet. (Klappentext)

Rezension:
Zwischen fiktionalisierter Kindheitsbiografie und Coming of Age Geschichte schwankt die Erzählung des brasilianischen Schriftstellers Jose Mauro de Vasconcelos, die direkt nach Erscheinen 1968 Aufsehen erregte. Die kompakt gehaltene Novelle, in der beinahe durchgehend ein Orangenbaum der einzig positive Bezugspunkt für den kleinen jungen Protagonisten ist, verliert kein Wort zu viel und geht dennoch direkt unter die Haut.

Ich wollte nur noch in Liebesfilme gehen, wie die Großen sie nannten. Filme, in denen viele Küsse vorkommen und viel Zärtlichkeit und wo alle sich lieben. War ich selber nur dazu da, verprügelt zu werden, so konnte ich dort doch wenigstens sehen, wie andere Menschen sich gern mochten.

Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

Erzäht wird die Geschichte einer Kindheit, die einzig Trostlosigkeit in Hülle und Fülle zu bieten hat. Allen voran vor den Schlägen der Eltern und seiner älteren Geschwister flüchtet sich der kleine Hauptprotagonist in eine farbenfrohe Phantasiewelt, die ihn stets zu Streichen animiert, wofür es im nächsten Moment promt erneut Prügel hagelt, die den Jungen nach und nach seinen Glauben an sich selbst verlieren lässt, wobei auch nicht hilfreich ist, dass die stete Armut der Familie keine Perspektiven bietet. Selbst in Kinderaugen, die nur Wut und Verzweiflung in den Augen der Älteren sehen oder zu Weihnachten keine Geschenke.

„Ich weiß, warum. Weil ich wirklich gar nichts tauge. Ich bin so böse; weißt du, was Weihnachten passiert? Da kommt nicht das Jesuskind, da kommt das Teufelskind auf die Welt …!“
[…]
„Ich bin so schlecht, ich hätte gar nicht geboren werden dürfen. Das habe ich neulich auch schon zu Mama gesagt.“

Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

In der Erzählung, die kein überflüssiges Wort enthält, begleiten wir die Hauptfigur durch die erste Zeit des bewussten Erlebens in der Kindheit, der mit wachen Augen seine Umgebung wahrnimmt, um darauf zu reagieren und dann fast immer den kürzeren zu ziehen. Fürsprecher hat er wehrlos kaum, von der Familie ist es beinahe allein eine ältere Schwester, ansonsten werden nach und nach nur wenige außenstehende Erwachsene zu positiven Bezugspunkten aufgebaut. Alle anderen Figuren sind im Gegensatz zu Sese, dessen Verbrechen es ist, Kind zu sein in einer kinderfeindlichen Umgebung, aus dessen Sicht klare Antagonisten.

„Keiner von seiner Familie hat Verständnis für dieses Kind. Ich habe noch nie einen Jungen gesehen, der so sensibel ist.“

Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

Das macht den kleinen und intelligenten Jungen zu einem klaren Sympathieträger, der so sensibel wie mutig sich einer Welt entgegen stellt, die dem Kinde überdrüssig ist, allen voran die eigenen Eltern. Nicht nur der Wechsel zwischen realen Erleben und Phantasie kennzeichnet die Dynamik der Erzählung, auch Seses tiefgängige Gedanken, natürlich auch die Streiche in dichter Abfolge provozieren geradezu ein hohes Lesetempo, welches man nur gegen Ende stocken lässt, um an den entsprechenden Stellen innehalten zu können.

Diesen Tempowechsel so gekonnt hinzubekommen, ist hier wirklich gelungen. Erwähnenswert, die Erzählung verliert dadurch nichts, sondern gewinnt eher. Alle Figuren ohne Ausnahme, haben ihre Ecken und Kanten. Keine ist zu blass gezeichnet, als dass man sie sich nicht vor dem inneren Auge vorstellen könnte. Auch Orte, wobei diese überschaubar an der Zahl sind, werden sehr plastisch dargestellt. Die Schilderung der Gefühlswelt Seses tut ihr übriges. Zudem werden wichtige Themen wie Geldsorgen und Armut, aber auch Gewalt in der Familie thematisiert. Bemerkenswert, wenn man die Entstehungszeit des Romans betrachtet.

All dies überein zu bringen, ist Jose Mauro de Vasconcelos mit „Mein kleiner Orangenbaum“, in der einfühlsamen Übersetzung von Marianne Jolowicz vorliegend, so gut gelungen, dass die kleine Novelle sich in das Gedächtnis eingräbt, wie die Wurzeln besagter Pflanze in die Erde. Mehr kann man da gar nicht verlangen.

Autor:
Jose Mauro de Vasconcelos wurde 1920 in Rio de Janeiro geboren und war ein brasilianischer Schriftsteller. Bereits 1942 erschien seine erste von zahlreichen Erzählungen, deren bekannteste „Mein kleiner Orangenbaum“ 1968 veröffentlicht und ein Jahr später ins Deutsche übersetzt wurde. Der Schriftsteller studierte Medizin, Jura, Philosophie und Malerei, arbeitete als Lehrer, Bananenlader, Krankenpfleger und Fischer, bevor er das Schreiben zu seinem Beruf machte. Vasconcelos starb 1984 in Sao Paulo.

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