Leipzig liest und findo liest mit – Messetag 1 – 2019

Eine Buchmesse im Jahr muss auch ich mir geben und da die Frankfurter Messe zumeist in meine Hauptreisezeit, beruflich bedingt, gehe ich eben auf die Frühjahrsschau der Verlage und Autoren in Leipzig. Das klappt immer ganz gut, zumal ich dort Familie habe und mich um mein Quartier keine Sorgen zu machen brauche.

Es gab auch keine Probleme mit der Bahn. Ich kam ein paar Tage vor Messebeginn an und verbrachte die Tage damit, mich auf die Messe vorzubereiten. Interviews ausarbeiten, wovon ihr später noch etwas zu lesen bekommt, erste Bücher in den städtischen Buchläden sichten, welche zu den ersten Käufen führten und einen Plan ausarbeiten, welche Verlagsstände ich besuchen möchte und wo die zu finden sind. Nicht zuletzt die Presseakkreditierung musste freigeschalten werden, aber das war noch das wenigste. Hat auch so weit alles ganz gut geklappt.

Das war schon in Leipzig, aber noch vor der Messe.

Los ging es am ersten Messetag ganz entspannt mit einem ersten Rundgang durch die Messehallen. Eigentlich hatte ich eine Fotoausstellung besuchen wollen, die es in einer Ecke gab, aber dort fanden eben auch Lesungen statt und diese Kombination machte sich wirklich nicht gut. Wie sollen sich die Gäste auf die Lesung konzentrieren, wenn sich andere die an der Wand hängenden Fotos anschauen oder umgekehrt? Das funktioniert nicht, blieb aber weitgehend mein einziger Fail in der Planung. Gott sei Dank.

Diese Treppe kennt jeder Besucher und Fan der Leipziger Buchmesse.

Am ersten Tag habe ich mehrere interessante Lesungen besucht, die es in sich hatten. Von der Art der Präsentation zum Einen, zum Anderen von den Eindrücken, die man mitnehmen konnte.

Genannt ist hier Wladimir Perewersin, der sein Buch „Matrosenruhe – Meine Jahre in Putins Gefängnissen“ vorstellte. Der Titel lässt erahnen, was man vom Erfahrungsbericht erwarten kann und ich bin gespannt, diesen hoffentlich bald zu lesen. Dazu waren die Schilderungen des Autoren auf der Lesung zu erdrückend. Wurde gleich gekauft, wie auch „Winterbers letzte Reise“ zumindest schon mal auf die Wunschliste kam.

Jaroslav Rudis über seinen Roman „Winterbergs letzte Reise„.

Der Autor Jaroslav Rudis präsentierte am Stand von MDR Kultur sehr witzig sein neuestes Werk und gehörte zu einem der größeren Autoren auf der Messe und Repräsentanten des Gastlandes. Das war in diesem Jahr Tschechien, welches sich mit über 60 neu übersetzten Werken und sehr einnehmend präsentierte.

Wie gestaltet man eigentlich eine Lesung mit Comics? Der Ostfalia Verlag hat gezeigt, wie das funktionieren kann. Verleger und Zeichner verteilten zunächst ihre Comics unter den anwesenden Zuschauern und es wurde mit verstellten Stimmen und verteilten Rollen gelesen, erklärt, weshalb bestimmte Dinge gezeichnet wurden, was und wen man erreichen möchte und hatte dabei einen großen Erfolg. Näheres, es sind Comics, die die sozialen und gesellschaftlichen Entwicklungen z.B. zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges beleuchten. Das funktioniert sehr gut, übrigens ohne Darstellung von Gemetzel und kann von allen Altersgruppen gelesen werden.

Der Ostfalia-Verleger Thomas Dahms stellt ein neues Comic vor.
Und hier ein ganz kleiner Einblick.

Christian Hardinghaus stellte am ersten Messetag seine Werke „Ferdinand Sauerbruch und die Charite“ und „Die Spionin der Charite“ vor und war dabei sehr nervös. Zumindest wirkte es so, aber das machte absolut nichts, fand ich sogar sehr sympathisch. Wir haben hinterher kurz ein paar Worte gewechselt und natürlich hat er mir seine beiden Bücher, die ich schon rezensiert hatte, auch signiert.

Die Verlage präsentierten indes natürlich auch Ideen, wie man einem Leserschwund begegnen möchte, denn den haben vergangene Studien immer wieder prognostiziert. Wenigleser lesen immer weniger und Vielleser können nicht alles auffangen. dtv scheint dabei schon eine mögliche Antwort gefunden zu haben. bold! wurde präsentiert und richtet sich an Digital Natives als Zielgruppe, soll genau so vernetzen und das Lesen soll wieder cool werden. Ob’s klappt, mal sehen. Die Anfänge sind gemacht. Dazu hier ein interessanter Artikel im Börsenblatt des deutschen Buchhandels.

Bold! Hip, cool und mit Musik. Der Andrang war all die Tage groß. Ob’s klappt? Ich hoffe es.

Zum Abschluss des ersten Messertages, der merklich mehr Besucher anzog als im letzten (Gut, da war Schneechaos.) sowie in den vergangenen Jahren, ging ich wieder mit andere buechertreff.de-Mitgliedern klönen und die ersten Eindrücke auswerten. Hat Spaß gemacht und war auch bitter nötig. Hatte den ganzen Tag nichts gegessen. Gegen Mitternacht fand ich dann zu meiner Unterkunft zurück. Der nächste Tag sollte Überraschungen bereithalten.

Fortsetzung folgt…

Der Artikel enthält unbeauftragte Werbung, für die der Autor keine Einnahmen erhält. Fotos gehören, soweit nicht anders angeben, ebenfalls dem Autoren und sind nicht zur Weitergabe freigegeben, für die Abbildung der Verlagscover gilt das Übliche.


Christian Hardinghaus: Die Spionin der Charite

Inhalt:

Lily Kolbe, ehemalige Sekretärin des weltbekannten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch zerreißt wütend die Zeitung, als erneut an das Hitler-Attentat und den Widerstand um Stauffenberg erinnert wird, die Welt aber nichts vom Widerstand einer kleinen Gruppe bekannt ist, die sich innerhalb der Berliner Charite zu Kriegszeiten gebildet hatte.

Die acht Mitglieder hatten sich geschworen, ihre Aktionen geheim zu halten, doch jetzt will Lily ihr Schweigen brechen. Sie wendet sich an Eddie Bauer, einem Journalisten, erzählt ihre Geschichte, und bringt damit einen Stein ins rollen, der die Geister der Vergangenheit weckt. Plötzlich wird Lily von längst vergessenen Feinden bedroht, auch der Journalist verhält sich merkwürdig. Wen kann sie noch trauen? (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:

Es liegt in der Natur der Sache, dass ich mich schwer tue, wenn historischer Stoff ins Fiktionale übersetzt wird und aus wahren Begebenheiten eine Geschichte gestrickt wird. Tatsächlich bin ich jetzt kein Fan von historischen Romanen, zumal, wenn ich die Hintergründe der wahren Begebenheit kenne.

In sofern war es ein Fehler, das Sachbuch zur Thematik zuerst gelesen zu haben und erst dann den Roman, dennoch liegt mit „Der Spionin der Charite“ von Christian Hardinghaus im Europaverlag nun ein würdiges Äquivalent zum Sachbuch vor, welches der gleiche Autor über den Chirurgen der Charite, Ferdinand Sauerbruch, geschrieben hat.

Der Handlungsort des Romans ist dann auch im Wesentlichen die berühmte Klinik selbst, doch zunächst geht es etwas weniger weit zurück in die Vergangenheit. Der Leser erlebt Lily Kolbe, als wiederholt über das Attentat des 20. Juli 1994 berichtet wird. Es ist Jahrestag des selben und die ehemalige Sekretärin des oben erwähnten Chirurgen ärgert sich darüber, dass niemand vom ebenso mutigen Widerstand der Mitarbeiter der Klinik weiß.

Natürlich selbst schuld, da sich die Mitglieder des kleinen „Donnerstagclub“ geschworen hatten, niemanden etwas von ihren Aktionen zu sagen, doch in Lily brodelt es. Sie beschließt, den Journalisten Eddie Bauer zu kontaktieren und ihm ihre Geschichte zu erzählen. Doch, die Vergangenheit holt sie schneller ein als ihr lieb ist. Bald weiß sie nicht mehr, wen sie noch trauen kann. Auch Bauer verhält sich zunehmend merkwürdig.

Dies ist das Grundgerüst der Geschichte, die in größeren Abständen zwischen den Zeiträumen und damit auch der Handlungsebene wechselt. Mehr sei zum Inhalt jedoch auch nicht verraten. In kurzweilig einschlägigen Kapiteln schreitet die Handlung voran. Erst langsam, dann mit zunehmenden Tempo. Die Hauptprotagonistin gewinnt mit zunehmender Seitenzahl an Tiefe. Wahrheit und fiktion wurden hier, Zeile für Zeile, gekonnt miteinander verwoben.

Die Wendung zum Ende hin ist logisch, erfolgt aber gefühlt etwas zu abrupt. Das funktioniert, wenn man das Sachbuch „Ferdinand Sauerbruch und die Charite – Operationen gegen Hitler“ noch nicht gelesen und sich allgemein mit der Geschichte zu wenig beschäftigt hat. Anderenfalls verliert sich ein wenig die Wirkung, die der Autor erzielen wollte.

Hier hätten der Geschichte noch zwanzig bis fünfzig Seiten mehr gut getan, um die Lücke zu füllen, was aber durchaus anders sein kann, wenn man zuerst dieses Werk und dann das Sachbuch liest. Diesen kleinen Abstrich muss ich hier machen, kann jedoch ansonsten eine Empfehlung aussprechen für die, die gerne neuzeithistorische Romane lesen und etwas über ein wenig bekannteres Kapitel der deutschen Geschichte erfahren bzw. sich erst einmal da herantasten möchten. Es funktioniert.

Autor:

Christian Hardinghaus wurde 1978 in Osnabrück geboren und ist ein deutscher Historiker, Schriftsteller und Fachjournalist. Nach seinem Studium der Geschichte, Literatur- und Medienwissenschaft (Film und TV) promovierte er an der Universität Osnabrück im Bereich Propaganda- und Antisemitismusforschung.

Im gleichen Jahr absolvierte er den Lehrgang Fachjournalismus an der Freien Journalismusschule. 2016 erwarb er zudem den Abschluss für das gymnasiale Lehramt in den Fächern Deutsch und Geschichte. Er ist Autor zahlreicher Sachbücher und Romane. Hardinghaus lebt in Osnabrück.

Christian Hardinghaus
Die Spionin der Charite
Seiten: 240
ISBN: 978-3-95890-237-4
Europaverlag

Lorenz Wagner: Der Junge, der zu viel fühlte

Der Junge, der zu viel fühlte Book Cover
Der Junge, der zu viel fühlte Rezensionsexemplar/Sachbuch Europaverlag Hardcover Seiten: 214 ISBN: 978-3-95890-229-9

Inhalt:

Henry Makram zählt zu den bekanntesten Hirnforschern der Welt. Seine Arbeiten gewinnen Preise, die größten Universitäten umwerben ihn, doch dann wird sein Sohn Kai geboren. Schnell wird klar: Kai ist anders, er ist Autist. Henry fühlt sich so hilflos wie alle Eltern. Schmerzhaft wird ihn bewusst, wie wenig seine vielbeachteten Aufsätze ihn zu helfen vermögen und so stürzt sich der Forscher auf die Frage, was Autismus wirklich ist.

Erst als sich der Blick des Wissenschaftlers mit dem des Vaters verbindet, gelingt nach Jahren der Durchbruch. Seine Erkenntnisse stürzen um, was wir bisher über Autismus zu wissen glaubten. Lorenz Wagner hat Makram und seinen Sohn begleitet. Beide haben ihm ihre Geschichte erzählt.

Rezension:

Wer über Autismus spricht, meint zumeist eine bestimmte Spielart dieses Syndroms. Wir alle kennen Filme wie Mercury Puzzle oder Rain Men. Einigen von uns ist vielleicht die Reportage im Gedächtnis, wo für ein Autist über eine Häuserskyline geflogen wurde und diese hinterher fenstergenau auf einen Bogen Papier zeichnen konnte.

Zwischen vollständiger Zurückgezogenheit und Hochintelligenz scheint es nichts anderes zu geben und doch umfasst Autismus unzählige Varianten. Wer einen Autisten kennt, kennt genau einen und so ist es schwierig, ein allgemeingültiges Bild zu bekommen.

Das gilt für Laien, aber auch für die Wissenschaft. Zumindest seit kurzem. Einem, den das schmerzhaft bewusst wurde, ist der Hirnforscher Henry Makram. Der Journalist Lorenz Wagner hat ihn einige Wochen begleitet und dessen Geschichte aufgeschrieben.

Henry Makram ist nicht irgendwer, sondern jemand, der sein Fachgebiet versteht. Dort anerkannt, forschte er über Jahre hinweg über Zusammensetzung und Kommunikation zwischen Gehirnzellen und entwickelte sich zu einem gefragten Experten.

Seine Aufsätze waren viel beachtet, doch muss selbst eine Koryphäe irgendwann an seine Grenzen stoßen. Das geschah bei Makram jedoch nicht im wissenschaftlichen, sondern im privaten Bereich, als sein Sohn geboren wurde, der sich anders und langsamer entwickelte als gleichaltrige Kinder.

Schnell ist klar, Kai ist Autist und so stürzte Henry sich zur Problemlösung auch hier in die Forschungen. Was ist Autismus? Wodurch wird es ausgelöst? Wie kann man Betroffenen helfen und zugleich Verständnis der Mitmenschen für eben diese fördern?

Ein ums andere Mal stehen der Hirnforscher und sein Team vor einer Lösung, scheitern jedoch immer wieder, bis sie alle bisherigen Erkenntnisse in Frage stellen. Dann gelingt der Durchbruch. Lassen sich die Erkenntnisse auf die Allgemeinheit der Autisten übertragen? Der Rest der wissenschaftlichen Welt ist skeptisch und Kai, seinem Sohn, ist noch immer nicht geholfen.

Lorenz Wagner hat die Familie Makram über Wochen begleitet, für eine Reportageriehe des SZ-Magazins, aus der dieses Buch entstand.

Zunächst skeptisch, da ich selbst mit einer Spielart von Autismus umgehen muss, auch mit anderen Autisten im Alltag zu tun habe, Vorurteile kenne und Verallgemeinerungen skeptisch gegenüber stehe, war ich doch neugierig über die Ansichten Henry Makrams, der eine neue Sichtweise in die noch junge Autismusforschung hinein gebracht hat, die jedoch immer mehr Anhänger gewinnt.

Bisher war es so, dass in der Arbeit mit Autisten empfohlen wurde, diese bestimmten Reizen auszusetzen, um sie so in die „normale“ Welt zurück zu holen. was aber, wenn genau das falsch ist?

Wenn man eher die Zurückgezogenheit und Reizarmut fördern sollte, um sich so der Gefühlswelt von Autisten anzunähern? Was, wenn Autisten nicht gefühlsarm wären, sondern sich zurückzogen, weil sie in einer reizüberfluteten Welt zu viel fühlen mussten?

Waren dann nicht alle bisherigen Behandlungsansätze falsch? Wie genau muss sich unser Bild von Autismus ändern, damit Betroffene als vollwertig angesehen werden? Muss sich die Umgebung nicht den Autisten anpassen, nicht umgekehrt?

Der Journalist, der den Forscher und dessen Familie begleitet hat, entwarf das interessante Portrait eben dieser, welches zugleich den jüngeren Wandel in der Autismusforschung wiederspiegelt. Entstanden ist ein hoch interessantes Buch, welches die neuen Ansätze, die langsam in Betrachtung der Autisten Fuß fassen, Laien und Interessierten, sowie Angehörigen von Betroffenen, verständlich näher bringt.

Tatsächlich kann ich nicht wenige Erkenntnisse Makrams auf mich übertragen, die aus den Betrachtungen seines Sohnes Kai und aus seinen Forschungen heraus entstanden. Die neuen Ansätze werden in Zukunft helfen, einen freundlicheren und verständnisvolleren Umgang mit Autisten zu fördern, alleine dies ist schon ein großer Verdienst Makrams für die Forschung, denWagner hier hervorhebt.

Es geht jedoch noch weiter. Der Journalist beschreibt in verständlicher und einfacher Sprache, Laien zugänglich, in wie weit Henrys Arbeiten dazu beigetragen haben, Aktivitäten des menschlichen Gehirns zu entschlüsseln, wobei man mit den Forschungen noch lange nicht am Ende ist, und warum Tierversuche bis zu einem gewissen Punkt wichtig waren, um heute vielfach ohne Tierversuche auszukommen.

Diese kleinen Exkurse, die alle aus der beschäftigung mit Autismus heraus entstanden, zeigen zugleich den Wandel der medizinischen Wissenschaft und der Wirkung, die neue Erkenntnisse haben können.

In sofern ist dieses Portrait eben nicht nur Betroffenheitsbericht und Familiengeschichte, sondern zeigt auch den Wandel in der jüngeren Medizingeschichte. So einfach und verständnisvoll, dabei nicht einseitig und sehr aufgeschlossen betrachtet, liest man dies noch viel zu selten, weshalb jeden Interessierten die Lektüre zu empfehlen ist.

Manche Erläuterungen zwar, hätte ich mir persönlich etwas ausführlicher gewünscht, doch auch so dürfte Wagners feinfühlige Erzählweise und Makrams differenzierte Autismusforschung das Bild verändern, welches wir von Autisten haben. Dies ist Beider Verdienst.

Autor:

Lorenz Wagner wurde 1970 geboren, studierte u.a. Romanistik und schloss ein Wirtschaftsstudium ab. Nach dem Volontariat arbeitete er für die Financial Times Deutschland als Redakteur, derzeit schreibt er für das Magazin der Süddeutschen Zeitung. Bekannt wurde er durch das einzige private Interview mit BMW-Erbin Susanne Klatten.

Seine Artikel wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit den Theodor-Wolff-Preis. Zu den meistgelesenen Artikeln wurde die Erzählung der Geschichte des Hirnforschers Henry Makrams und seines autistischen Sohnes, woraus dieses Buch entstand.

Andre Francois-Poncet: Botschafter in Berlin 1931-1938

Inhalt:
Andre Francois-Poncet war seinerzeit der dienstälteste und erfahrenste Diplomat und Botschafter im Deutschen Reich, der den Aufstieg der Nazis in Berlin beobachtete und für sein Land analysierte.

Von 1931 an schrieb er regelmäßig Telegramme und schickte Berichte an das französische Außenministerium, konferierte mit Nazi-Größen und stellt im ersten Teil seiner Erinnerungen dar, wie Rechtstaatlichkeit und Demokratie unterwandert und ausgehölt wurden, wie der politische Quereinsteiger Hitler zum mächtigsten Mann werden sollte, der Europa und die Welt in den Abgrund stürzte.

Von der Machtergreifung bis zum letzten Aufbäumen des Friedens, der Konferenz von München, skizziert Francois-Poncet die deutsche Politik der 1930er Jahre. ihre Wirkung im Inneren und auf das Ausland. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:
Von vielen Seiten ist sie bereits beschrieben worden und wird auch immer noch beleuchtet werden, die deutsche Geschichte in wundersamen aber grausamen Zeiten.

Grausam, weil nur wenige Zeitgenossen ernstnahmen, was ihre Schlächter laut verkündeten, einige hießen die Vorhaben sogar gut, wundersam, weil sich nicht wenige die Augen rieben ob der neuen Töne, die im Regierungsviertel Berlins der 1930er Jahre herrschten. Dies nun sind die neu aufgelegten Erinnerungen des wohl erfahrensten Diplomaten jener Zeit, des französischen Botschafters Andre Fracois-Poncet 1931-1938.

Neu verlegt im Europaverlag öffnen sich dem Leser die Türen des diplomatischen Parketts und er erfährt, welche Hürden die Politik des Auslands im Umgang mit den neuen Machthabern des Deutschen Reiches zu nehmen hatten, woran sie schließlich scheitern sollten.

Zwei Jahre nach Kriegsende in Frankreich erstmals erschienen, ein wenig später auch dort, was von Deutschland übrig geblieben war, erzählt Francois-Poncet, wie er erstaunt die Erosion der Rechtstaatlichkeit und demokratie zur Kenntnis nehmen musste und welche Schwierigkeiten sich ergaben, erkannten die neuen Machthaber gültige Verträge nur scheinbar an, nutzten Hintertürchen und spielten mit falschen Karten, um In- und Ausland immer wieder vor vollendete Tatsachen zu stellen, die in den Abgrund führen sollten.

Detailliert schildert der ehemalige Botschafter Begegnungen mit Nazi-größen von Göring bis Hitler, beschreibt die brodelnde Stimmung auf den Straßen Berlins und die Vorgänge des Notenaustausches zwischen den Alliierten des Ersten Weltkrieges, die nicht an einem Strang zogen und somit die Tore öffneten, für das politsche Va banque Spiel, welches die Nazis auszureizen wussten.

Pointiert beschreibt der Autor die Entmachtung der Weimarer Demokratie, die Vorgänge zur Machtsicherung um den Röhm-Putsch und schildert, welch politische hektik dem Austritt deutschlands aus den Völkerbund oder dem Ende von Locarno voraus gingen.

Bishin zum letzten Aufbäumen, der Münchener Konferenz, gelingt so ein Blick hinter die Kulissen und abseits des Geschichtsunterricht bekommt der Leser ein Gefühl dafür, wie aufwendig und fragil es war, mit den Nazis Politik zu machen, die dann doch nicht halten sollte.

Im Gegensatz zu seinen privaten Erinnerungen „Tagebuch eines Gefangenen“, die später veröffentlicht wurden, ist hier der Ton lt. des Herausgebers Thomas Gayda sehr diplomatisch gehalten, eben so, wie Francois-Poncet die Mehrheit der Deutschen, deren Kultur er schätzte, verstand.

Um so größer wirkt die Erschütterung, die der Autor durchblicken lässt, resultierend aus unerhörten Ereignissen in unerhörten Tagen. Dem kann man sich als Leser kaum entziehen. Die Sogwirkung solcher Zeitzeugenberichte ist einfach zu groß und gerade darin liegt der Wert des Berichts, zumal hier eben mal eine ganz andere Draufsicht, die französische, als die bekanntere Sicht deutscher Zeitzeugen oder die amerikanischer und britischer Historiker, zum Tragen kommt.

Das funktioniert auch heute noch. Ja, vielleicht sogar besonders gut, wo sich wieder eine Partei in Deutschland anschickt, demokratische und rechtstaatliche Werte auszuhöhlen.

Francois-Poncet hätte die Parallelen mit Sicherheit gesehen und davor gewarnt und so ist „Botschafter in Berlin 1931-1938“ ein hoch politisches und aktuelles Dokument, welches ernstgenommen werden muss. Zu viel steht auf den Spiel.

Ein gut lesbarer und erschütternder Bericht, über das, was damals niemand wahrhaben wollte, auch im benachbarten Ausland nicht und eine Analyse dessen, wie schnell die demokratischen Fundamente von Weimar unter den willfährigen Händen der Nazis und ihrer Gönner zerbröselten, die später die Deutschen mitsamt ihrer neuen Führungsriege in den Abgrund stürzen sollten.

Der Diplomat Andre Francois-Poncet, der später wieder an die Deutschen glauben und einer der ersten befürworter einer Verständigung nach dem Krieg gewesen ist, beschreibt klar die internen und von außen sichtbaren Vorgänge und setzte sich ein Denk- und den Deutschen ein Mahnmal.

Es bleibt diesen überlassen, es heute wieder anzunehmen. Europas und Deutschlands Frieden wäre es zu wünschen.

Autor:
Andre Francois-Poncet wurde 1887 in Frankreich geboren und war Germanist, Politiker und Diplomat, französischer Botschafter in Berlin und später in Rom. Nach dem Krieg begleitete er den Posten des französischen Hohen Kommissars in Deutschland von 1949-1953.

Nach der Niederlage Frankreichs war er ständiger Berater des Vichy-Regimes, wurde 1943 jedoch von den Deutschen verhaftet. Nach der Befreiung begleitete er verschiedene diplomatische Posten und fungierte als Präsident des Französischen Roten Kreuzes 1955-1967, ab 1960 als Präsident des Rats der Europäischen Bewegung. Er starb 1978 in Paris.

Andre Francois-Poncet
Botschafter in Berlin 1931-1938
Seiten: 479
ISBN: 978-3-95890-224-4
Verlag: Europaverlag