DDR

Anna Seghers: Transit

Inhalt:
Marseille im Sommer 1940: Am Rande Europas versammeln sich die von den Nazis Verfolgten und Bedrohten. Sie hetzen nach Visa, Bescheinigungen und Stempeln, um nach Übersee ins rettende Exil zu entkommen. Im Chaos der stadt, in den Cafes, auf dem Gang von Behörde zu Behörde kreuzen sich ihre Wege – und fĂŒr kurze Zeit sind fremde Leben durch Hoffnungen, TrĂ€ume und Leidenschaften miteinander verbunden. (Klappentext)

Rezension:
GegenĂŒbersitzend in einer Pizzeria entfaltet der Ich-ErzĂ€hler seine Geschichte und all jener, denen er auf seinen Wegen durch die quirlige Hafenstadt begegnet ist. Alles drĂ€ngt dort Richtung Hafen. Nur raus aus Europa, sich in Sicherheit bringen vor den Nazis, die Europa lĂ€ngst ins UnglĂŒck gestĂŒrzt haben. Nicht einmal hier, in Marseille kann man aufatmen, denn bleiben darf nur, wer auch gehen darf.

Gehen darf nur, wer Visa, Transitvisa und Billets beisammen hat. Doch die Wege sind lang zwischen Botschaften und Behörden, zumal zwischen den Kontinenten, ein zermĂŒrbender Kraftakt und doch Antrieb aller Anwesenden. In Anna Seghers‘ Entwicklungsroman „Transit“ entfaltet sich dieses Panorama.

Immer drĂ€ngender weichen die beschaulichen Ansichten den Ängsten der Protagonisten, zu spĂ€t alle Papiere vollstĂ€ndig in den HĂ€nden halten zu können. Immer bedrohlicher zeichnen sich dunkle Wolken am Horizont. Nur der namenlose Hauptprotagonist, der sich an den Trubel langsam gewöhnt, möchte bleiben.

Das Unterfangen erweist sich als schwierig in einer Umgebung, die ihren ganz eigenen Gesetzen gehorscht. Die Schriftstellerin Anna Seghers beschreibt sie in ihrer kompakt gehaltenen ErzĂ€hlung sehr feinfĂŒhlig. ZunĂ€chst begegnen wir auch hier, wie etwa in „Das siebte Kreuz“ einem im Vergleich zu heute erscheinenden Romanen, vergleichsweise langsamen ErzĂ€hltempo, welches sich hier behutsam steigert und entsprechende Akzente setzt.

Zwischen den Zeilen erfĂ€hrt man viel. Anspielungen ĂŒber Walter Benjamin und Ernst Weiß bilden den Handlungsrahmen, durchsetzt von den Erfahrungen, die die Schriftstellerin selbst machen durfte, gehörte sie doch zu denen, die 1940 Mittel und Wege suchten, den Nazis zu entkommen. In zahlreichen Figuren verarbeitet sie die Schicksale bekannter und derer, die zwangsweise unerkannt bleiben mĂŒssen.

Schnell stellt sich die Frage, nach dem eigentlichen Vorhaben des Protagonisten, der seiner unmittelbaren Umgebung mal hilft, dann wieder unerkannt Steine in den Weg legt. Nur langsam wird seine Vergangenheit und der Bezug zum Inhalt des Koffers aufgerollt, der mit ihm seinen Weg nach Marseille gefunden hat. Der ErzĂ€hler öffnet sich den Lesenden in all seinen Grau-Schattierungen, doch wirkt es nicht nur fĂŒr die ihn umgebenden Figuren so, als wĂŒrde man versuchen Rauch zu greifen, mit bloßen HĂ€nden. Dieser Weg, eigene Ziele zu verfolgen, gleichzeitig sich unentbehrlich zu machen, macht ihm nicht gerade zu einem SympathietrĂ€ger.

Dennoch verfolgt man atemlos seinem Weg, der nur wenige Monate umfasst, in denen stĂ€ndig etwas passiert. Die Stadt hĂ€ngt den GerĂŒchten nach, dem Wohlwollen der Beamten und Diplomaten, die mal Gegenspieler, mal nur RĂ€dchen im Getriebe sind, welches sich trotz sich radikal verĂ€ndernder UmstĂ€nde immer weiter dreht. Der Kontrast der mit der idyllischen Umgebung entsteht, wirkt damit um so mehr.

Die Perspektive bleibt beim Protagonisten, aus dessen Beobachtung wir alles erfahren. Das Treiben in den Cafes, miserablen UnterkĂŒnften, in denen sich alle drĂ€ngen, den langen Schlangen vor den Konsulaten. Zuweilen eröffnet sich damit ein Verwirrspiel, den man manchmal ĂŒberdrĂŒssig zu werden droht, wenn wieder einmal ĂŒber die Art und Beschaffenheit der Papiere diskutiert wird.

Zum vierten, fĂŒnften, sechsten Mal. Die dichte Abfolge erschwert den Lesefluss, bei den man dann trotzdem immer wieder innehalten muss, mit dem GefĂŒhl, etwas Entscheidendes ĂŒberlesen zu haben. Hat man jedoch nicht, sondern nur ein weiteres Puzzleteil aufgenommen. Dabei lassen einem nicht einmal kurze RĂŒckblenden Zeit, einmal durchzuatmen.

Anna Seghers hat es hier verstanden, Eile und DrÀngen zu verschriftlichen, aber auch sehr detaillierte Ortsbeschreibungen vor dem inneren Auge auferstehen zu lassen. Trotz mancher Distanz, die gewollt aber gekonnt konstruiert ist, hilft dies sich in die Geschehnisse der damaligen Zeit und ihre Protagonisten hineinzuversetzen.

In Bezug auf heutige Lesegewohnheiten funktioniert die ErzĂ€hlung nicht durchgehend, aber doch in soweit, dass man unbedingt die HintergrĂŒnde des Protagonisten erfahren möchte, und wie die Auflösung sich gestaltet. Das klappt auch in der Gegenwart, zumal die GrĂŒndzĂŒge des Romans sich hervorragend in das Heute adaptieren lassen, werden StĂ€dte wie Marseille wieder zu Drehpunkten von Menschen, die einen Ort zum Leben suchen. Nur eben in umgekehrter Richtung.

Gerade deshalb ist dieser Roman, wenn auch nicht immer in zugÀnglicher Sprache gehalten, heute noch lesenswert und zu empfehlen.

Autorin:
Anna Seghers wurde 1900 in Mainz gebohren und war eine deutsche Schriftstellerin. Sie studierte zunÀchst Geschichte, Kunstgeschichte und Sinologie, bevor sie 1924 ihre erste ErzÀhlung veröffentlichte. Verheiratet mit dem ungarischen Soziologen Laszlo Radvanyi wandte sie sich der Kommunistischen Partei zu, der sie 1928 beitrat.

Eine Reise in die Sowjetunion folgte im Jahr 1930, bevor sie ĂŒber die Schweiz nach Frankreich, zusammen mit ihren Kindern flĂŒchten musste. Im Exil war sie eine der MitgrĂŒnderinnen des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller und schaffte es 1942 ĂŒber Marseille nach Mexiko zu reisen, von wo sie 1947 zurĂŒckkehrte. Dort erschien 1942 ihr Roman „Das siebte Kreuz“, mehrere Jahre danach auch in Deutschland. 1947 wurde ihr der Georg-BĂŒchner-Preis verliehen. 1952 wurde sie PrĂ€sidentin des Schriftstellerverbandes der DDR und blieb es bis 1978. 1981 wurde ihr die EhrenbĂŒrgerwĂŒrde der Stadt Mainz verliehen. 1983 starb sie in Berlin.

Ihre Werke wurden mehrfach verfilmt und ausgezeichnet.

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Anna Seghers: Das siebte Kreuz

Inhalt:
„Das siebte Kreuz“ machte Anna Seghers mit einem Schlag berĂŒhmt und wurde zu einem bis heute anhaltenden Welterfolg. Die dramatische Geschichte einer Flucht vor den Nazis ist durchdrungen von Seghers‘ eigenen Fluchterfahrungen: Aus sieben gekappten Platanen werden im Konzentrationslager Westhofen Folterkreuze fĂŒr sieben geflohene HĂ€ftlinge vorbereitet. Sechs der MĂ€nner mĂŒssen ihren Ausbruchsversuch mit dem Leben bezahlen. Das siebte Kreuz aber bleibt frei. (Klappentext)

Rezension:
In vielerlei Hinsicht besonders ist der im französischen Exil geschriebene und 1942 erstmals in Mexiko von Anna Seghers veröffentlichte Roman „Das siebte Kreuz“, der die Geschichte nicht nur einer Flucht, eben auch einer Gesellschaft in zahlreichen Facetten erzĂ€hlt. Die konkrete Einordnung des Romans fĂ€llt dabei zunĂ€chst nicht leicht.

In einer Art RĂŒckschau beginnt zunĂ€chst ein namenloser ErzĂ€hler von Ereignissen zu berichten, die einem lesend in den Strang der Haupthandlung einfĂŒhren. Der Flucht von Georg Heisler aus dem fiktiven Konzentrationslager Westhofen, zusammen mit weiteren sechs, die nach und nach auf ihren Weg umkommen. Nur der Hauptprotagonist entgeht der sich immer enger zuziehender Schlinge, immer wieder. Der Weg ist die Geschichte, und die Menschen, die ihn sĂ€umen. Anna Seghers hat sich dafĂŒr Zeit genommen, diese zu beschreiben.

Ungewohnt langsam eröffnet sich die ErzÀhlung, die sich nach und nach in mehrere parallel zueinander verlaufende Handlungen auffÀchert. Jede in ihrer ganz eigenen TonalitÀt und im dazu passenden ErzÀhltempo gehalten. Als wÀre das nicht genug, kommt ein riesiges Figurentableau zum Tragen, welches nicht nur als Handlungstreiber funguiert, sondern auch all die unterschiedlichsten Schichten und Positionen innerhalb des Dritten Reiches darstellen soll.

Dies gelingt vortrefflich, auch wenn die Art und Weise des ErzĂ€hlens fĂŒr heutige Lesende zunĂ€chst ungewohnt wirken mag. Erst hineinfinden muss man sich in die Geschichte, die eingebettet im Frankfurter Umland dort geschieht, wo zuvor sich schon so einiges ereignet hat. Schon diese Punkte rechtfertigen mehr Seiten, doch ist der Roman vergleichsweise kompakt gehalten. Man kann darĂŒber froh sein. Es ist nicht immer leicht, den Überblick zu behalten.

Wechselnde Perspektiven schildern das Fluchtgeschehen. Die grausame und bĂŒrokratische NS-Diktatur, die den FlĂŒchtlingen unbedingt habhaft werden muss, ansonsten ihrerseits im Inneren Köpfe rollen zu drohen, die FlĂŒchtigen, deren Vergangenheit nur zwischen den Zeilen durchscheint, die auf die Reaktionen ihrer Umgebung angewiesen sind oder durch sie ins entgĂŒltige Verderben stĂŒrzen werden.

Aus dem Exil heraus hat es Anna Seghers mit „Das siebte Kreuz“ geschafft, ein mögliches Portrait des Dritten Reiches zu schreiben, wie es Erich KĂ€stner, der im Gegensatz zu ihr bleiben konnte, wenn auch mit EinschrĂ€nkungen, hinterher nicht mehr schreiben konnte. Trotzdem beschrĂ€nkt sich auch ihre Perspektive oder gerade deswegen auf einen herausstechenden Aspekt, den sie in ein Zeitraum von wenigen Wochen, mehr werden es kaum sein, erzĂ€hltet.

Seghers‘ Hauptprotagonist ist durchaus vielschichtig, nicht in allen Regungen seines Handelns sympathisch. Die HintergrĂŒnde Georg Heislers entsprechen dabei den ideologischen Idealvorstellungen der Autorin, zumindest zwischen den Zeilen. Trotzdem lĂ€sst sich die ErzĂ€hlung auch heute noch gut lesen. Wenn man gewillt ist, den Roman die HintergrĂŒnde seiner Entstehungszeit zu Gute zu halten. NatĂŒrlich lĂ€sst es sich nicht vermeiden, das einige Passagen sprachlich angestaubt wirken. Der gesellschaftliche Wandel hat es zudem mit sich gebracht, dass das dargestellte Frauenbild ebenso antiquiert wirkt.

Im Rahmen des ihnen zugestandenen Raumes haben die Nebenfiguren einen durchaus umfangreichen Spielraum zwischen Schwarz und Weiss. Anna Seghers hat ihnen ebenso Ecken und Kanten verpasst, so dass auch die BeweggrĂŒnde der Antagonisten diese natĂŒrlich nicht sympathisch, aber gut nachvollziehbar machen. Die AtmosphĂ€re indes bleibt dagegen die ganze Zeit ĂŒber aufs Äußerste gespannt. Auch bei denen, die „Das siebte Kreuz“ heute lesen. Die von der Autorin gesetzten Stellschrauben funktionieren heute noch.

An den steten Perspektivwechsel muss man sich, ebenso wie an die verschiedenen ErzĂ€hltempo zunĂ€chst gewöhnen. Wer einmal da hinein gefunden hat, entdeckt nicht nur eine vielschichtige Fluchtgeschichte, sondern auch einen Roman, der von Symbolik nur so strotzt. Sieben FlĂŒchtige, sieben Kreuze, sieben Kapitel und sicher mehr als genug Anspielungen, die man innerhalb der entfachten Sogwirkung ĂŒberliest. Passend wirken bewusst gesetzte Leerstellen. Nicht alles offenbart sich sofort. Einiges muss man sich zwischen den Zeilen erzĂ€hlen. Das Kopfkino spielt mit. Der Detailreichtum ist trotz mancher Auslassung atemraubend.

Ein Roman, der einem so in den Bann zieht, dass es zuweilen wirkt, als wĂŒrde man praktisch neben den Figuren stehen, ist lesenswert, wenn die Handlung auch zuweilen schwergĂ€ngig wirkt. Hier merkt man dann doch die Jahrzehnte, die die ErzĂ€hlung auf den Buckel hat, was jedoch nur Jammern auf höchstem Niveau bedeutet.

Ein Klassiker der Literatur, der auch die Wendezeit ĂŒberdauern und zuvor bereits in Starbesetzung verfilmt wurde, beiderseits der ideologischen Bruchlinie zweier Systeme so Fuß fassen konnte, ist „Das siebte Kreuz“, den man konzentriert lesen sollte. Schon der Thematik wegen ist dies keine leichte Kost, zudem wenn man die Punkte erkennt, die Anna Seghers aus ihrem eigenen Ereben in ihre Geschichte mit eingebracht hat.

Eine gewisse Trennung von Autorin und Werk ist erforderlich oder zumindest eine entsprechende Einordnung im Zeitgeschehen und in Bezug zur Biografie der Autorin. Wer sich darauf einlĂ€sst, bekommt eine vielschichte LektĂŒre zur Hand, nicht nur literaturgeschichtlicht interessant.

Media: Kein Transit ins gelobte Land – Anna Seghers aus Mainz (SWR 2021)

Autorin:
Anna Seghers wurde 1900 in Mainz gebohren und war eine deutsche Schriftstellerin. Sie studierte zunÀchst Geschichte, Kunstgeschichte und Sinologie, bevor sie 1924 ihre erste ErzÀhlung veröffentlichte. Verheiratet mit dem ungarischen Soziologen Laszlo Radvanyi wandte sie sich der Kommunistischen Partei zu, der sie 1928 beitrat.

Eine Reise in die Sowjetunion folgte im Jahr 1930, bevor sie ĂŒber die Schweiz nach Frankreich, zusammen mit ihren Kindern flĂŒchten musste. Im Exil war sie eine der MitgrĂŒnderinnen des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller und schaffte es 1942 ĂŒber Marseille nach Mexiko zu reisen, von wo sie 1947 zurĂŒckkehrte. Dort erschien 1942 ihr Roman „Das siebte Kreuz“, mehrere Jahre danach auch in Deutschland. 1947 wurde ihr der Georg-BĂŒchner-Preis verliehen. 1952 wurde sie PrĂ€sidentin des Schriftstellerverbandes der DDR und blieb es bis 1978. 1981 wurde ihr die EhrenbĂŒrgerwĂŒrde der Stadt Mainz verliehen. 1983 starb sie in Berlin.

Ihre Werke wurden mehrfach verfilmt und ausgezeichnet.

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Eva-Martina Weyer: Tabakpech

Inhalt:

„Tabakpech“ erzĂ€hlt eine Familiengeschichte aus den Jahren 1930 bis 1995 im unteren Odertal, wo die Grenzen von Preußen und Pommern, von Hochdeutsch und Platt verwischen. Das Leben der Menschen ist vom Tabakanbau und von Traditionen geprĂ€gt.

Tabakpech, der Saft, der beim Ernten aus der Pflanze tritt, klebt schwarz an den HÀnden, hÀlt die Familien fest auf ihren Höfen, auch wenn dabei mancher Traum zugrunde geht. (Klappentext)

Rezension:

Nur eine Bewegung ist es, die ĂŒber GlĂŒck und UnglĂŒck der Menschen im Odertal entscheidet. Das Eintauchen der Arme des AufkĂ€ufers, mit dem dieser die QualitĂ€t der Ernte prĂŒft, zwischen die Tabakbunde, entscheidet, ob es ein erfolgreiches Jahr gewesen ist oder alle MĂŒhen umsonst waren.

Die Region ist hart zu den Menschen, doch die Nachfahren hugenottischer Einwanderer haben auch ihr GlĂŒck im Tabak gefunden. Und so entspannt sich eine Geschichte vom Wandel der Landwirtschaft ĂŒber mehrere Familiengenerationen, eindrĂŒcklich erzĂ€hlt von Eva-Martina Weyer.

Der Rhythmus der Jahreszeiten, die Erntefolge bestimmt den Takt, in dem Einwohner des kleinen Ortes denen die Autorin in ihrem kompakt gehaltenen Roman verfolgt, um eine Familiengeschichte von BestÀndigkeit und VerÀnderung zu erzÀhlen, wie sie dort auch tatsÀchlich stattgefunden haben könnte.

Dabei werden der gesellschaftliche und persönliche Wandel innerhalb von wenigen Jahrzehnten thematisiert, sowie die sich verĂ€ndernde Rolle und Stellung von Frauen, die auf den Feldern so manchen Traum abhanden kommen lassen mĂŒssen und dann in entscheidenden Momenten selbstbewusst das Heft in die Hand nehmen. ErzĂ€hlt wird ein Strukturwandel in vielerlei Hinsicht.

HauptsĂ€chlich aus dem Blick von Elfi betrachten wir das Geschehen, die als Waisenkind von Wilmine aufgenommen, ihren Weg zwischen den Tabakpflanzen gehen wird. Beeindruckend hat die Autorin eine Hauptprotagonistin mit Ecken und Kanten versehen, die handlungstreibend wirken. Einerseits ist da die TrĂ€umerin, phantasiebegabt, manchmal unsicher, andererseits jene, die mit zunehmenden Jahren immer selbstbewusster auftreten kann. Auch die anderen Figuren wurden feinfĂŒhlig ausgestaltet. Eine Gemeinschaft, in der ein jeder zwischen Hoffnungen und ZwĂ€ngen und dem GesspĂŒr fĂŒr VerĂ€nderung und Tradition agieren muss.

Das strukturschwache Odertal mit seiner landwirtschaftlichen PrĂ€gung, war einst eines der grĂ¶ĂŸten Tabakanbaugebiete der Welt. Dieser Schauplatz, viel mehr das Dorf, in dem die Hauptprotagonistin aufwĂ€chst, wird anhand sehr detaillierter Beschreibungen greifbar. Auch die Handlungen der Protagonisten, die in all ihren Grauschattierungen gezeichnet werden, werden teilweise plastisch beschrieben. Manchmal sehr hart an der Grenze zum Kitsch, gerade wenn es gefĂŒhlig wird. Rentnerhafte ARD-WohlfĂŒhlatmosphĂ€re braucht dennoch niemand zu befĂŒrchten.

Werden andere Perspektiven eingenommen, als die der Hauptprotagonistin, kĂŒndigt sich eine handlungstreibender Wandel an. Das ErzĂ€hltempo bleibt dabei gleichförmig. Eva-Martina Weyer lĂ€sst dabei keine unlogischen Wendungen oder gar LĂŒcken zu und bleibt im Gegensatz zu anderen Autor:innen von Familien-Epen bodenstĂ€ndig in ihrer kompakten ErzĂ€hlung.

Diese bleibt bis zum Ende nachvollziehbar. Nicht nur zwischen den Zeilen merkt man, dass die Autorin die Gegend gut kennt. Man bekommt durchaus Lust, der wahren Geschichte des Tabakanbaus in der Region nachzuspĂŒren, wo man doch in die Handlung hineingezogen wird. Nicht nur fĂŒr Lesende, die das Odertal und ihre Menschen gut kennen, wird hier ein Kulturerbe verschriftlicht, welches diese ĂŒber Jahrhunderte prĂ€gte.

Der Roman lĂ€sst einem die körperlichen Anstrengungen, das Hoffen und Bangen förmlich selbst spĂŒren, wenn auch an mancher Stelle ein schnelleres ErzĂ€hltempo vermissen. Der Tupfen auf dem I versinkt dabei leider im Tabakpech. Bis zum Schluss bleibt er lesenswert, eben nicht nur der hervorzuhebenden grafischen Gestaltung wegen.

Tabakmuseum:

Wer dem Tabak nachspĂŒren möchte, kann das tun. In Vierraden, Schwedt/Oder.

Autorin:

Eva-Martina Weyer wurde 1961 in Anklam geboren und ist eine deutsche Journalistin und Autorin. Sie wuchs in Schwedt/Oder auf und studierte Journalismus, arbeitete in diesem Beruf fĂŒr eine große Regionalzeitung Berlins. Als selbststĂ€ndige Journalistin recherchierte sie zum Tabakanbau in der Uckermark. „Tabakpech“ ist ihr erster Roman.

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Stephan Schmidt: Die Spiele

Inhalt:
Shanghai 2021. Der Mord an dem IOC-FunktionĂ€r Charles Murandi ĂŒberschattet den Kongress zur Vergabe der Olympischen Sommerspiele. Schnell ist der mutmaßliche TĂ€ter gefasst. Die Aufnahmen einer Sicherheitskamera zeigen den Journalisten Thomas GĂ€rtner beim Verlassen des Tatorts, unter dem Arm unbekannte Dokumente. Allerdings: Er will sich an nichts erinnern können. Ein brisanter Fall fĂŒr die junge Konsulatsbeamtin Lena Hechfellner, denn sie weiß mehr, als sie preisgeben darf – und gerĂ€t mit einem Mal selbst ins Visier der chinesischen Behörden. (Klappentext)

Rezension:

Zwischen den Zeiten springt der Kriminalroman „Die Spiele“ des Schriftstellers Stephan Schmidt und bĂŒndelt seine HandlungsstrĂ€nge in der temporeichen chinesischen Metropole Shanghai, in der selbst nichts ist, wie es scheint, aber dennoch brandgefĂ€hrlich. Dreh- und Angelpunkt ist ein Mord, der am Rande der Vergabe der kĂŒnftigen Sommerspiele zum Politikum werden droht. Das IOC-Mitglied Charles Murandi tot in seinem Hotelzimmer. Der Letzte, der ihn lebend gesehen hat, ist mutmaßlich ein Journalist, der das Opfer und dessen Geschichte schon Jahre lang folgt. Doch erinnern kann sich Thomas GĂ€rtner angeblich nicht.

So entspannt sich die Handlung des Textes zunĂ€chst in seine Einzelteile, setzt dabei viel frĂŒher an, so dass der Autor ein Verwirrspiel entfesselt, welches eine gewisse Sogwirkung hat. Die Zeitebenen muss man so jedoch schon zu beginn konzentriert auseinanderhalten, wenngleich die einzelnen Abschnitte kompakt zueinander erzĂ€hlt werden.

Dabei wechseln spannende Momente mit ruhigen, doch innerhalb der Jahrzehnte umspannenden Handlung kommt der Autor nicht umhin, mehr als unnötig Momente voller Klischees einzubauen und lÀsst zwischen den Zeilen durchscheinen, was im Verlauf die einzelnen Figuren in verschiedener Form einander vorwerfen, das Reich der Mitte, sein Denken, sein Handeln nicht zu verstehen.

Dieses Szenario ist es, welches das Motiv der einzelnen Protagonisten darstellt, eben den Moment der geglaubten Erkenntnis fĂŒr sich zu nutzen, um dann vor RealitĂ€ten zu stehen, die sie nicht greifen können. Das trifft mehr oder weniger alle Figuren, die der Autor so kantenreich ausgearbeitet hat, wie es nur aufgrund verschiedener HandlungsstrĂ€nge und Zeitebenen möglich war. Eine gewisse Dynamik wird zusĂ€tzlich eingefĂŒhrt, da immer auch die ErzĂ€hlperspektiven wechseln, wobei keine der Figuren durchgehend Sympathie auf sich zieht.

Stephan Schmidt erzĂ€hlt eine Welt innerhalb einer Welt verschiedener RealitĂ€ten, die seine Protagonisten leben. Man kann sich durchaus dieses SpannungsverhĂ€ltnis vorstellen. Hier merkt man ebenso, dass der Autor von eigener Erfahrung zehrt. Auch in China hat er schon gelebt. Manchmal fĂŒhlt es sich so an, als wĂŒrde man neben den Figuren stehen, die jede auf ihrer Art und Weise befangen wirken. Im nĂ€chsten Moment dann jedoch wird dies schriftstellerisch zerstört, mit einzelnen Abschnitten, die einem förmlich die Augen rollen lassen. Sex sells, oder aber es wurde noch ein wenig Material gebraucht, um Seiten zu fĂŒllen. WĂ€re nicht nötig gewesen. Handels- und Denkweise einiger Figuren ist schmierig genug.

Zu Beginn sind auch die HandlungsstrĂ€nge, die wie Puzzleteile zusammengefĂŒhrt werden, ein großer Pluspunkt zu Beginn der ErzĂ€hlung, gegen Ende des Romans merkt man jedoch dass hier der Autor zu viel wollte. Es sei denn, Schmidt wollte sich die Option auf eine Fortsetzung offen halten, nur dann wirkt es stimmig, ansonsten vor allem gegen Ende unförmig, geradezu holprig. Dieser Abzug in der B-Note wird zwar wettgemacht durch eine einzige ĂŒberraschende Wendung, doch wird man lesend etwas unbefriedigt zurĂŒckgelassen. Hier hĂ€tte Konzentration gut getan.

Korruption, Lobbyismus, Großmacht- und Hegemonialmachtstreben im Spannungsfeld eines Überwachungsstaates, dem Kontrolle ĂŒber alles geht. Elemente eines Politthrillers sind hier noch am spannendsten konsequent durchgefĂŒhrt. Man fĂŒhlt das Gehetztsein, die Verunsicherung, den Angstschweiß, das Durchdenken von Szenarien so sehr, andere Elemente der ErzĂ€hlung kommen da zu kurz, so dass es sie nicht unbedingt gebraucht hĂ€tte, trotz plastischer Beschreibungen, die das alles sehr gut vorstellbar macht.

Zu viele Punkte, die weder Fisch noch Fleisch sind ergeben einen durchwachsenen Roman mit guten Elementen in schlechter AusfĂŒhrung. Wer sich dennoch fĂŒr ein paar Aspekte des Textes von Stephan Schmidt begeistern kann, fĂŒr den ist die ErzĂ€hlung durchaus mit Gewinn zu lesen. Alle anderen sollten sich das ĂŒberlegen.

Autor:
Stephan Schmidt wurde 1972 in Hessen geboren und ist ein deutscher Schriftsteller. Nach seiner Promotion in Philosophie folgten Aufenthalte als Mitarbeiter verschiedener Forschungseinrichtungen in China, Taiwan und Japan, LÀnder die er bereits als Student kennenlernte. Er veröffentlichte bereits mehrere Romane, und lebt derzeit in Taipeh.

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Holger Kreymeier: Hashtag #DDR

Inhalt:

2023 im geteilten Deutschland. Der Widerstand in der DDR findet nicht mehr auf der Straße statt, sondern im Netz. Die DDR-FĂŒhrung strebt die strengere Kontrolle des Internets und Zerschlagung der Oppositionsgruppen an, braucht aber Milliardenhilfen in D-Mark, die ihr die Bonner Regierung in Aussicht stellt. Nachdem YouTube-Entertainer Lonzo den realen Zustand der DDR mit seinem Video „Die Zerstörung der DDR“ entlarvt hat, bekommt er die UnterstĂŒtzung der freien Presse der Bundesrepublik. Doch dann wird er zum Sicherheitsrisiko – fĂŒr beide deutsche Staaten … (Klappentext)

Rezension:

Es ist eines der viel erzĂ€hlten Szenarien der fiktiven Geschichtsforschung, sich die Frage nach dem „Was wĂ€re wenn?“ zu stellen, wenn sich Ereignisse nicht so wie tatsĂ€chlich, sondern in eine vollkommen andere Richtung entwickelt hĂ€tten. Diese Gedankenspiele sind Grundlage fĂŒr zahlreiche ErzĂ€hlungen und manchmal sind diese uns erschreckend nah.

Der Schriftsteller Holger Kreymeier hat den Zeitstrahl verschoben. Nachdem Gorbatschow verunglĂŒckt ist, ist die deutsche Teilung immer noch knallharte RealitĂ€t. Ihr, der großen Politik, stehen Social Media Influencer auf beiden Seiten entgegen und ebenso wie in unserer Welt stellen sie Weichen. Manchmal bringen sie dabei Lawinen ins Rollen, die sie kaum mehr aufhalten können. Oder wollen. Ein gefĂ€hrliches Spiel beginnt.

Dystopische Szenarien haben ihre SchwĂ€chen. Oft genug merkt man, dass diese nicht konsequent ausgefĂŒhrt werden. Die Welt, in der uns der Autor hier entfĂŒhrt, ist jedoch greifbar. Gleich eines Spielfilms sehen wir die Geschichte vor unserem inneren Auge auferstehen und begleiten die Figuren auf ihren Weg, der spannungsgeladener nicht sein könnte.

Die Vorstellung gelingt, da man sofort zu fast jeder Person ein reales Vorbild erkennen kann und auch sonst die Ecken und Kanten nachvollziehbar bleiben, etwa, wenn der eine deutsche Staat die innere Opposition gerne umfassend ĂŒberwachen wĂŒrde, dies jedoch an der Überalterung von FĂŒhrungspersonen bis hin zum kaum vorhandenen technischen Know-how scheitert oder auf der anderen Seite der schwierige Balanceakt zwischen Diplomatie und Notwendigkeit austariert werden muss. Zudem sind auch die Protagonisten viel mehr Graubereichen zuzuordnen, als dem bloßen Schwarz und Weiß, was den kompakt gehaltenen Roman glaubwĂŒrdig erscheinen lĂ€sst. Das schnelle ErzĂ€hltempo tut sein Übriges dazu.

In einem Zeitraum von nur wenigen Wochen zwischen Ost und West wird die Geschichte erzĂ€hlt. Holger Kreymeier hat es hierbei geschafft, zahlreiche Facetten des politischen Spektrums der damaligen Zeit in die Gegenwart hinein zu transportieren. Der Perspektivwechsel zwischen den Protagonisten trĂ€gt zum Fluss der ErzĂ€hlung bei, Kurznachrichten a la Twitter unterstreichen das GegenwartsgefĂŒhl.

Die Geschichte wirkt in sich schlĂŒssig, ĂŒber kleinere SprĂŒnge wird man ob der spannungsreichen ErzĂ€hlung gerne hinweg sehen, jedoch wĂ€re die Ausformulierung mancher Szenarien, die teilweise doch knapp formuliert sind, wĂŒnschenswert gewesen. Auch das Ende der ErzĂ€hlung reicht nicht ganz an den starken Auftakt heran, lĂ€sst jedoch Spielraum fĂŒr eine FortfĂŒhrung. Der Roman hat das Potenzial, weitererzĂ€hlt zu werden. Man möchte das auch gerne lesen.

Bestimmte geschilderte Auswirkungen lassen ob der RealitĂ€tsnĂ€he einem einen kalten Schauer ĂŒber den RĂŒcken laufen. In bestimmten Punkten gleicht der Roman einer Warnung a la Orwell. Hier merkt man die Erfahrungen Kreymeiers mit den Medien an und eine genaue Beobachtungsgabe, die einerseits durchaus kritisch betrachtet, andererseits Interesse an vorhandenen Möglichkeiten zeigt.

Die ErzĂ€hlung ist fĂŒr Geschichtsinteressierte gleichsam wie fĂŒr Dystopie-Lesende eine weitere ErgĂ€nzung zur bestehenden Literatur. Die NĂ€he zu real existierenden Punkten der Vergangenheit und Gegenwart machen die Handlung greifbar. Manchmal fehlen Details, einige Male wĂŒnscht man sich etwas mehr AusfĂŒhrlichkeit und den einen oder anderen Sprung. FĂŒr eine Fortsetzung wird man aber in jedem Fall zu haben sein.

Autor:

Holger Kreymeier wurde 1971 in Hamburg geboren und ist ein deutscher Journalist und Medienunternehmer. Er studierte zunĂ€chst Soziologie an der UniversitĂ€t Hamburg, absolvierte wĂ€hrenddessen ein Praktikum bei OK Radio und bei der Zeitschrift Cinema. Anschließend war er bei einem Tochterunternehmen des Axel Springer Verlags tĂ€tig, arbeitete danach freiberuflich fĂŒr verschiedene Medienunternehmen. Zwischen 2007 und 2018 betrieb er die Online-Magazinsendung Fernsehkritik-TV. „Hashtag #DDR“ ist sein viertes Buch.

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Lena Gilhaus: Verschickungskinder

Inhalt:

Über 15 Millionen Mal wurden Kinder in der BRD und der DDR seit 1945 zur Kur geschickt. FĂŒr viele von ihnen waren diese Wochen prĂ€gend – und danach haben sie kaum darĂŒber geredet. Wie haben sie diese Zeit erlebt? Wer hat sie dort betreut? Was haben sie davon mitgenommen? Und welche Tiefenwirkungen hatte das fĂŒr die Gesellschaft der Nachkriegszeit? (Klappentext)

Rezension:

Ein GefĂŒhl der Unsicherheit und Beklemmung beschleichen dem Vater von Lena Gilhaus, der sich zusammen mit seiner Schwester und Tochter aufmacht, um die Spuren weniger Wochen auszumachen, die sein Leben im Unterbewusstsein fĂŒr immer verĂ€ndert haben. Auf Sylt waren die Geschwister in ihrer Kindheit auf Kur, von den Eltern getrennt. Danach sollte nichts mehr so sein, wie zuvor. Über die Reise und Recherche veröffentlichte die Autorin kurz darauf einen Artikel und brachte damit eine Lawine ins Rollen. Lena Gilhaus stieß auf immer mehr Geschichten von Menschen, die sich bei ihr meldeten oder in Foren sich selbst auf Spurensuche begeben hatten und auf Mauern des Schweigens stießen. Das nun vorliegende Werk erzĂ€hlt die Geschichte einiger von ihnen.

Unter den Deckmantel von GesundheitsprĂ€vention und Erholungskuren wurden SchĂ€tzungen zufolge bis zu 15 Millionen Kinder wochenlang ihren Familien entnommen, in die Berge oder ans Meer geschickt, doch war der systemische Eingriff behördlicher Institutionen nichts anderes als die Kontrolle ĂŒber Kinder aus milieugefĂ€hrdeten Familien oder solcher, die man dafĂŒr hielt. Bis hinein in die 1980er Jahre sahen sich schon Kleinstkinder mit einem in der Gesellschaft verwurzelten System schwarzer PĂ€dagogik konfrontiert, welches sich seit Weimarer Zeit etabliert hatte, sich jedweder Kontrolle entzog und sich nur langsam wandelte.

Wenige haben diese Wochen positiv in Erinnerung. Zu sehr bestimmten fernab der eltern physisische und psychische Gewalt den Alltag in oftmals maroden, unterfinanzierten Einrichtungen, in denen Personalmangel und veraltete Ansichten nicht nur zu ZwangsernĂ€hrung oder Isolation fĂŒhren konnten. Auch zu Missbrauchs- und TodesfĂ€llen kam es, ĂŒber die VerbĂ€nde und Behörden nur allzu oft einen Mantel des Schweigens legten.

Wie konnte sich ein solches System so viele Jahre in beiden deutschen Staaten halten? Woraus ist es entstanden? Welche Leitlinien folgten Heimleitungen, Behörden und Vereine, denen die Einrichtungen unterstanden? Warum begann der Prozess der Aufarbeitung erst so viel spĂ€ter und steht immernoch am Beginn? Diese und andere Fragen zu beantworten, Geschichten aufzuspĂŒren und fĂŒr Klarheit zu sorgen, begibt sich seit einigen Jahren die Journalistin Lena Gilhaus auf Spurensuche, nicht zuletzt, um auch fĂŒr ihren Vater ein StĂŒck Klarheit zu erwirken.

Entlang von Berichten Betroffener, im persönlichen Interview und noch viel zu seltener Akteneinsichten spĂŒrt sie der Geschichte der Kinderverschickung auf, die noch vor dem Ersten Weltkrieg beginnt, unter Kontrolle und anderen Vorzeichen im Nationalsozialismus ihren Höhepunkt erreicht und dann, teils mit den gleichen Akteuren unter anderen Namen von Beginn der Nachkriegszeit an fortgefĂŒhrt wird? Welchen Nutzen hatte dies fĂŒr Behörden und eingebundenen Vereinen? Welche Folgen trugen Betroffene davon?

Die Journalistin berichtet im vorliegenden Sachbuch von Institutionen, die heute nichts mehr von ihrer dunklen Vergangenheit wissen möchten, verweigerten Zugang zu Archiven und die tiefenpsychologische Wirkung von Verarbeitungsprozessen, die so keinen Abschluss finden werden, stellt das System der Verschickung jedoch auch im Kontext der jeweiligen Zeit dar, in dem sie geschah. Lena Gilhaus erzĂ€hlt von einfĂŒhlsamen GesprĂ€chen und einer Spurensuche auf schwierigen Pfaden.

Was macht es mit den Menschen, teilweise ohne die GrĂŒnde dafĂŒr zu kennen, schon im Kleinkindalter von Eltern und Verwandten fĂŒr Wochen getrennt zu werden, um dann einen vollkommenen Bruch zu erleben, der an Gewalt oder Empathielosigkeit kaum zu ĂŒberbieten ist? Weshalb griffen nach Bekanntwerden einiger MissstĂ€nde weder Behörden noch, viel wichtiger, zahlreiche Eltern nicht ein? Wie steht es um das System der Kinderkuren heute? Welchen Wandel hat es durchlaufen?

In kleinteiliger und mĂŒhevoller Recherche voller Hindernisse stellt Gilhaus ein dunkles, kaum bekanntes Kapitel deutscher Geschichte detailliert dar und verdeutlicht dies anhand des Parallstranges der Erlebnisse ihres Vaters, sowie immer wieder eingewoben, den Berichten anderer Betroffener aus West und Ost. Welche Unterschiede gab es, welche Gemeinsamkeiten? Wer waren die Akteure?

Die Autorin verleiht den ehemaligen Verschickungskindern ihre Stimme, bleibt trotz der EmotionalitĂ€t der Thematik sehr sachlich, ohne dass die Darstellung zu trocken wĂ€re. Dazu ist diese zu erschreckend, zu wichtig. Klar ist jedoch auch, dass dieses Sachbuch nur der Anfang einer gesellschaftlichen Diskussion, sofern heute noch aktive oder die Nachfolgeinstitutionen der Verschickung sich bedeckt und ihre Archive geschlossen halten. Eine Auseinandersetzung ist lĂ€ngst ĂŒberfĂ€llig. Dies ist ihr sehr wichtiger Beginn.

Autorin:

Lena Gilhaus, geboren 1985, studierte Politikwissenschaften in Greifswald und Bonn. Sie lebt seit 2009 in Köln als freie Radio- und Fernsehautorin fĂŒr Wellen der ARD, meist den WDR und Deutschlandradio. Ihre DLF-Radioreportage „Albtraum Kinderkur“ wurde 2017 vom Grimme Institut unter die drei besten Reportagen fĂŒr den Deutschen Radiopreis 2017 gewĂ€hlt. 2022 gehörte ihr Folgebeitrag „Trauma Kinderverschickung – Das lange Schweigen der Politik“ zu den Nominierten fĂŒr den Alternativen Medienpreis 2022 in der Kategorie „Geschichte“.

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Reinhard Kuhnert: Was unvergessen bleibt

Inhalt:

Fergus Monahan ist tot. Oder vielleicht doch nicht? Seine Frau Maeve jedenfalls ist fest davon ĂŒberzeugt, dass er sich allerbester Gesundheit erfreut …

Ein höchst wundersames Geschehen in der westirischen Provinz Connemara, ein familienzwist in der Klassikerstadt Weimar, zwei MĂ€nner an einem Grab und die Geschichte von Josef, der sich einem GedĂ€chtnistest unterziehen soll – vier ErzĂ€hlungen ĂŒber das Erinnern und Vergessen und ĂŒber das, was unvergessen bleibt. (Klappentext)

Rezension:

Herausfordernd sind die Geschichten, denen die Schreibenden nur wenige Worte zugestehen, die auf begrenzten Raum eine Wirkung entfalten mĂŒssen und so ist die Kurzgeschichte eine sehr eigenwillige Form, die oft genug daran scheitert, dass entweder Protagonisten nicht ausreichend ausgestaltet worden sind oder Situationen nicht genug Zeilen bekommen, um ihre Wirkung zu entfalten. Das gelingt am besten, wenn Autor oder Autorin die Kunst der Auslassung beherrschen oder die der Konzentration auf ein bestimmtes Motiv. Ein positives Beispiel dafĂŒr ist der hier von Reinhard Kuhnert vorliegende ErzĂ€hlband „Was unvergessen bleibt“.

Mit vier sehr verschiedenen Kurzgeschichten nĂ€hert sich der Autor und Regisseur den großen Themen des sich Erinnerns und des Vergessens, die wie ein roter Faden das Werk durchziehen und in unterschiedlicher Gewichtung ihre Wirkung entfalten. Nehmen wir die Geschichte zweier BrĂŒder, deren eigene Geschichte zugleich die der Teilung Deutschlands ist, damit einhergehende Entfremdung, aber auch der Frage nach Schuld und Schuldigkeit.

Unter der OberflĂ€che des ErzĂ€hlten entdeckt man lesend einige Facetten, an denen einige Familiengeschichten heute noch zu tragen haben dĂŒrften, gleichwohl Mauerfall und Wiedervereinigung schon vor ĂŒber dreißig Jahren stattgefunden haben. Oder, in einer der anderen Geschichten die Gewichtung der Vergangenheit als höher bei der Ă€lteren Generation und die Frage nach der Zukunft bei der jĂŒngeren. Starke Motive werden mit wenigen Worten zur Sprache gebracht, die Reinhard Kuhnert nicht nur als Autor virtuos beherrscht.

In jeder Geschichte konzentriert sich der Autor nur auf wenige Protagonisten, gibt zudem dem Davor und Danach verschiedene Schwerpunkte, so dass ein jeder lesend wohl eine ErzĂ€hlung finden wird, mit der man sich identifizieren kann, die in abgewandelter Form vielleicht auch in der eigenen Familie, im eigenen Leben stattgefunden hat. Sehr kompakt aufgebaut, jede Handlung umfasst im Schnitt nicht mehr als vierzig bis fĂŒnfzig Seiten, entfalten die Kurzgeschichten ihre Wirkung und erzĂ€hlen doch zuweilen grĂ¶ĂŸere Zeitspannen, als man dies fĂŒr möglich halten wĂŒrde, dass das in dieser Form so funktioniert.

Allesamt spielen sie im nicht nur der Historie schwierigen Gegensatz und Miteinander zwischen Ost und West. Eine perfekte Grundlage, um auch mit beiden Motiven dergestalt spielen zu können. Dabei verliert der Autor nicht einmal seine Protagonisten aus dem Blick, welche er in nur wenigen Zeilen auch mit Ecken und Kanten ausgestaltet hat. LĂŒcken wurden nicht unbewusst gesetzt, auch unlogische BrĂŒche sind in keiner einzigen der ErzĂ€hlungen zu finden. Persönlich hat es mich positiv gestimmt, dass es doch noch Kurzgeschichten gibt, die fĂŒr mich funktionieren, was ja aus genannten GrĂŒnden oft genug nicht der Fall ist.

Wenige Worte reichen dem Autoren hier aus, um Bilder vor den inneren Augen der Lesenden zu erzeugen und in die Protagonisten hineinzufĂŒhlen. Faszinierend, dass es bei fast jeder ErzĂ€hlung gelingt, eine Identifikationsfigur zu finden und den anderen dennoch nachvollziehbare Handlungsmotive zu zugestehen. Wirkliche Antagonisten braucht es nicht, das Drama, zuweilen aus ZeitsprĂŒngen und RĂŒckblenden bestehend, funktioniert auch so. Hier merkt man Reinhard Kuhnerts Hintergrund des Theaters und Films.

Nadelstiche, so sie denn gesetzt sind, widerum, wirken wahrscheinlich eher bei einem Ă€lteren Lesepublikum. Mir fehlt rein der Erlebnishorizont, um um die Wirkung zu wissen, hĂ€tte ich die Wendezeit und das davor bewusst erlebt. Wie ist es fĂŒr jene die Szene des Protagonisten zu lesen, der eine Rede hĂ€lt und darauf hin erleben muss, wie der Staatsapperat mit einer HĂ€rte Steine ins Rollen zu bringen beginnt, die unsereins sich heute nur schwer vorstellen kann? Vielleicht sollte man deshalb auch an solcherlei Dinge erinnern, womit wir wieder zurĂŒck bei den handlungsĂŒbergreifenden Motiven wĂ€ren.

Diese Aspekte scheinen mir fĂŒr die Betrachtung dieses Werks wichtiger als wenn ich nĂ€her auf die einzelnen Geschichten und Protagonisten eingehen wĂŒrde. Zu schnell gerĂ€t man bei Kurzgeschichten in die Gefahrenzone des Spoilerns. Mir ist die thematische Umsetzung ebenso positiv aufgefallen, wie die sprachliche Unaufgeregtheit, aber auch einzelne SĂ€tze, die fĂŒr sich stehen können. FĂŒr jene die die beschriebene Zeitenwende bewusst erlebt haben, kommt der Wirkungsaspekt noch hinzu, fĂŒr Lesende wie mich, diese vor Augen zu fĂŒhren, was passieren könnte, wenn …, wobei ja das Erinnern und Vergessen als solche zeitunabhĂ€ngig sind. Auch das hat der Autor hier ĂŒbrigens nicht aus dem Blick verloren.

Das Erinnern und Vergessen macht Geschichten. Aus der Feder Kuhnerts lohnen sie sich zu lesen.

Autor:

Reinhard Kuhnert wurde 1945 in Berlin geboren und ist ein deutscher Schriftsteller, Regisseur, Schauspieler und Synchronsprecher. Er studierte zunĂ€chst an der Theaterhochschule und am Literaturinstitut Leipzig, bevor er als Schauspieler, Regieassistent und Regisseur an mehreren Theatern arbeitete, Bis 1983 war er als Dramatiker in Ost-Berlin tĂ€tig, bevor er nach West-Berlin ĂŒbersiedelte und seine Arbeit vor allem im Ausland fortsetzte, u. a. in Luxemburg, Irland und Australien. Er schreibt fĂŒr Theater, Rundfunk und Fernsehen, war zeitweilig gastdozent an der UniversitĂ€t Galway, Irland. 1999 erhielt er den BrĂŒder-Grimm-Preis des Landes Berlin und 2017 deie Goldene Schallplatte als ErzĂ€hler der HörbĂŒcher von „Games of Thrones“.

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Alexandra Przyrembel: Im Bann des Bösen – Ilse Koch

Inhalt:

Ilse Koch war eine der wenigen verurteilten NS-TĂ€terinnen. 1947 wurde ihr von einem US-, 1951 von einem deutschen Gericht der Prozess gemacht. Ausgiebig berichtete die internationale Presse ĂŒber die als besonders grausam geltende ehemalige SS-Ehefrau. Die Historikerin Alexandra Przyrembel skizziert in einer fundierten Spurensuche Ilse Kochs frĂŒhe Mitgliedschaft in der NSDAP und das Leben der Familie Koch in der SS-FĂŒhrersiedlung in Buchenwald.

Sie beschreibt die Nachkriegsprozesse gegen Ilse Koch und die internationale Berichterstattung darĂŒber sowie Kochs Zeit im FrauengefĂ€ngnis in Aichach, die UnterstĂŒtzung der ‚Stillen Hilfe‘ und ihre Korrespondenz mit den Kindern. Eine kluge, erhellende Studie der ErzĂ€hlungen ĂŒber das ‚Böse‘, das von der Nachkriegsgesellschaft außerhalb der menschlichen SphĂ€re verortet wurde.

(Klappentext)

Rezension:

In der ErzĂ€hlung unmenschlicher Grausamkeiten gelten die begangenen und vermeintlichen Taten von Ilse Koch als Ausdruck des absolut unfassbaren Grauen, Abgrund des Bösen. Die Frau des Kommandanten des Konzentrationslagers Buchenwald soll gezielt HĂ€ftlinge gesucht haben, diese töten lassen, um deren tĂ€towierte Haut fĂŒr GebrauchsgegenstĂ€nde wie BuchumschlĂ€ge und Lampenschirme verarbeiten zu lassen.

Vor zwei Gerichten wurde dies und anderes in der unmittelbaren Nachkriegszeit verhandelt. FĂŒr den Mythos allein fehlten letztlich die Beweise. Die Bestandteile des Lampenschirms konnten nicht zweifelsfrei bestimmt werden. Dennoch blieb genug Unmenschliches, um eine der wenigen NS-TĂ€terinnen nicht nur einmal zu lebenslĂ€nglicher Haft zu verurteilen.

Wer war Ilse Koch? Diese Frage stellt sich die Geschichtswissenschaftlerin Alexandra Przyrembel und legt nun nach jahrelanger Recherche ein umfassendes Werk der Zusammenfassung ihrer Studien vor, welches versucht das Ungreifbare fassbar zu machen. ErzĂ€hlt wird die Geschichte einer Frau, die qua ihres Ranges außerhalb des Systems stand, dem sie diente, was jedoch ihre Taten in der Nachbetrachtung noch grausamer erscheinen lĂ€sst, als sie es ohnehin schon sind.

Die Historikerin exerziert zudem ein StĂŒck internationaler Mediengeschichte, zudem die Schaffung eines Geschichtsbildes und das Einspannen fĂŒr die systemischen Zwecke in der Gesellschaft beider sich nach dem Krieg konstituierender deutscher Staaten.

Der Fall Koch beschreibt die Verflechtungen der SS-Ehefrauen mit der Welt der Konzentrationslager: als Partnerin und GefĂ€hrtin, als Mutter und vor allem als StaatsbĂŒrgerin des ‚Dritten Reichs‘. Ilse Kochs Handeln hatte allerdings nur deshalb eine juristische Aufarbeitung zur Folge, weil sie sich außerhalb der als „normal“ betrachteten Ordnung bewegte […].

Alexandra Przyrembel: Im Bann des Bösen – Ilse Koch

Dieser Teil der Rezeption nimmt einen bedeutenden Teil der Biografie ein. beschreibt zudem ein wichtiges StĂŒck Justizgeschichte, sowie medienpolitische Betrachtung und den Versuch der Deutungen Herr zu werden, diese einzuordnen. So ist auch die Kapitelordnung zu verstehen, wenn sie in Bezug zu den Taten Ilse Kochs genommen wird, trotzdem liest sich das zuweilen sehr theoretisch, um im nĂ€chsten Moment den Lesenden um so mehr die Schrecken vor Augen zu fĂŒhren.

Alexandra Przyrembel gelingt der Spagat einerseits einer Wegbeschreibung, andererseits einer nĂŒchternen Einordnung im Kontext der Zeitgeschichte, zugleich jedoch Mythen aus dem Weg zu rĂ€umen und Verarbeitungsprozesse nĂ€her zu beleuchten.

Alles in allem lĂ€sst sich also festhalten, dass sich vor Gericht sowohl Menschen wiederfanden, die […] als Juristen mit Partei- oder SS-Mitgliedschaften in das nationalsozialistische Deutschland verstrickt waren, als auch solche, die zu den Verfolgten des NS-Regimes und Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrationslager gehörten. Möglicherweise liegt hierin, nĂ€mlich in seiner Inszenierung als demokratisch, die eigentliche Leistung des Gerichtsverfahrens gegen Ilse Koch, und nicht in der konkreten justiziellen Aufarbeitung von Schuld […].

Alexandra Przyrembel: Im Bann des Bösen – Ilse Koch

Eine unideologische Betrachtung Ilse Kochs hat fĂŒr die geschichtsinteressierten Laien bis dato gefehlt, was nun hiermit geschaffen sein dĂŒrfte. Keineswegs eine einfache LektĂŒre sollte dieser Ausarbeitung kĂŒnftig einen gewissen Stellenwert zukommen, innerhalb der Sachliteratur gegen das Vergessen.

DafĂŒr muss man sich Zeit nehmen, da zwischen Theoretischem und geschichtlicher Einordnung, Betrachtung, hin- und hergesprungen wird. Es ist eben alles miteinander verwoben. Wer sich darauf einlĂ€sst, vervollstĂ€ndigt sein Geschichtsbild um einen weiteren Aspekt. Das Grauen und wozu ein Mensch in dafĂŒr geschaffenen Zeiten fĂ€hig ist, bleibt unfassbar.

Autorin:

Alexandra Przyrembel wurde 1965 geboren und ist eine deutsche Historikerin. Seit 2015 ist sie UniversitĂ€tsprofessorin und Leiterin des Lehrgebiets Geschichte der EuropĂ€ischen Moderne an der FernuniversitĂ€t Hagen. Nach ihrer Promotion 2001 an der TU Berlin beschĂ€ftigte sie sich mit der Globalgeschichte des Wissens im 19. und frĂŒhren 20. Jahrhundert. 2010 habilitierte sie sich in Göttingen zur Geschichte des Tabus und forscht zur transnationalen Geschichte Europas.

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Bernd Kaufholz: Der Mörder wohnt im selben Haus

Inhalt:

„Oberkommissar ehrenhalber“ Bernd Kaufholz ermittelt wieder! die zehn FĂ€lle aus dem ehemaligen Bezirk Halle trugen sich zwischen 1978 und 1988 zu. Neun der recherchierten Straftaten waren Tötungsverbrechen, beginnend mit der Ermordung einer Frau in Dessau, deren Leiche erst nach Tagen in der Elbe im damaligen Kreis Burg angeschwemmt wurde. Der Mord an einer jungen Frau in Wittenberg 1986 endet zwanzig Jahre spĂ€ter mit dem Suizid des TĂ€ters in der Haftanstalt von Cottbus-Dissenchen. Warum ein Mörder zweimal zu einer lebenslĂ€nglichen Haftstrafe verurteilt werden konnte, schildert der Fall aus Weißenfeld 1987.

Eine Ausnahme bildet der Fall des „Klo-Königs“ von Halle, der mit seinen zehn Pachttoiletten mehr als eine halbe Million DDR-Mark in die eigene Tasche wirtschaftete. In gewohnt brillanter Weise rekonstruiert der Autor die KriminalfĂ€lle, die zu DDR-Zeiten fĂŒr große Unruhe in der Bevölkerung sorgten, und begleitet die Ermittlungsarbeit der Kriminalisten bis hin zur UrteilsverkĂŒndung. (Klappentext)

Rezension:

Nichts ist, wie es scheint und so standen auch die Kriminalisten zu DDR-Zeiten vor manch verzwickten RĂ€tsel, um den Angehörigen der aufgefundenen Opfer Klarheit zu verschaffen und, in den meisten FĂ€llen, die TĂ€ter zu ĂŒberfĂŒhren. Der Autor und Journalist Bernd Kaufholz hat sich nun zehn neue FĂ€lle vorgenommen und rekonstruiert diese, vom Begehen der Tat bis hin zur UrteilsverkĂŒndung, manchmal auch darĂŒber hinaus. Und so liegt hier ein weiterer Band kompakten True Crimes vor, dessen Bandbreite von der Beziehungstat bis hin zur WirtschaftskriminalitĂ€t reicht.

Zehn FĂ€lle stellt der Autor in sehr nĂŒchterner Sprache vor und beschreibt deren Verlauf mitunter in einer manchmal zu kompakten Form. Gerade bleibt genug Zeit in einem Fall einzutauchen, bekommt man bereits die Auflösung serviert, um so gleich zum nĂ€chsten Fall zu springen. ErgĂ€nzend dazu, Fotografien aus den Ermittlungsarchiven, die das Geschehen veranschaulichen und das Grauen unterstreichen.

Der Tonfall, in dem erzĂ€hlt wird, wirkt in etwa so, als wĂŒrde man direkt die zur damaligen Zeit angelegten Akten lesen, doch reichen die Auswirkungen der beschriebenen Taten mitunter bis in die heutigen Tage. Der Autor erzĂ€hlt jeden Fall, so weit möglich zu Ende, auch wie mit Urteilen umgegangen, mitunter gehĂ€ndelt wurde, ĂŒber die Wendezeit hinweg. Und das ist an manchen Stellen fast noch spannender zu lesen. Die manchmal doch sehr trockene Sprache gewinnt dann an Dynamik, gleichwohl aufgrund der Kompaktheit durchgehend nicht wirklich LĂ€ngen entstanden sind.

Der Eine oder Andere, wer in unmittelbarer Umgebung des Geschehens oder zumindest in der betroffenen Region gelebt hat, mag sich an bestimmte Dinge im Dunstkreis der Ermittlungen erinnern, heute wohl nur, wenn eine gewisse Legendenbildung stattgefunden hat, doch auch sonst ist dieses Dokument durchaus interessant. Wie funktionierte damals Ermittlungsarbeit? Wo stieß diese, schon aufgrund damals noch nicht verfĂŒgbarer Kriminaltechniken, wie sie heute zur VerfĂŒgung stehen, an ihre Grenzen? Alleine schon fĂŒr diese Details, wenn sie auch in ĂŒberschaubarer Anzahl daherkommen, lohnt sich die LektĂŒre.

Intensive Recherche ist dem Autoren nicht in Abrede zu stellen, genau so wie den Umgang mit Personen, die teilweise heute noch unter uns sind, auch verkneift sich Kaufholz jeden sensationsheischenden Kniff. Dennoch fehlt es vielfach an AusfĂŒhrlichkeit, Tiefe, das sehr kompakte Beschreibung nimmt viel von den Spannungsmomenten, die typische True Crime LektĂŒre eigentlich hat. Wer jedoch Unaufgeregtes sucht, fast berichtsmĂ€ĂŸig oder lokalhistorisches Beschreiben, der fĂ€hrt mit dieser Auswahl gut.

Autor:

Bernd Kaufholz wurde 1952 in Magdeburg geboren und ist ein deutscher Journalist und Autor. ZunĂ€chst studierte er Maschinenbau, darauf hin Journalistik und war ab 1977 als Redakteur der Mageburger „Volksstimme“ tĂ€tig. Ab 1993 arbeitete er als Chefreporter und berichtete aus Kriegs- und Krisengebieten der Welt. Er veröffentlichte mehrere BĂŒcher zu kriminalistischen FĂ€llen aus Mitteldeutschland.

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Arne Kohlweyer: Ostkind

Inhalt:

1992 am östlichen Rand Berlins: Der neunjĂ€hrige Marko hat es endgĂŒltig satt, wie ein kleiner Junge behandelt zu werden und will allen beweisen, wie erwachsen er sein kann. Er schreibt eine Liste mit Dingen, die man so macht als Erwachsener: Kaffee trinken, dicke BĂŒcher lesen, den Walfang stoppen, rauchen und Anna heiraten. Anfangs lĂ€uft bei der Umsetzung noch alles nach Plan, doch das Erwachsensein stellt Marko zusehends vor große Probleme. (Umschlagstext)

Rezension:

ZunĂ€chst erscheint alles als heile Welt, in dem vorliegenden RomandebĂŒt des Filmemachers Arne Kohlweyer, dessen ErzĂ€hlung „Ostkind“ zwischen Coming of Age und Novelle pendelt. Wie jedes Jahr unternimmt die Familie des frisch neunjĂ€hrigen Marko zu dessen Geburtstag einen Ausflug an den heimischen Badesee.

Mit seinem Geschenk, einem Schnorchel-Set, lĂ€sst sich der Protagonist fotografieren. Doch, die heile Welt bekommt bald Risse. 1992 steckt das ehemals geteilte Berlin noch inmitten der unmittelbaren Nachwirkungen der Wendezeit, in derer sich unzĂ€hlige Biografien von einem Tag auf den anderen Ă€ndern. Markos Vater, zuvor Professor fĂŒr Marxismus-Leninismus fĂ€hrt nun Taxi. Der Junge registriert die VerĂ€nderungen um sich herum, ohne sie zu begreifen. Nur ernst genommen werden, möchte er und dafĂŒr so schnell wie möglich erwachsen werden.

WĂ€hrend er dafĂŒr eine Liste erstellt, mit Dingen, die man als Erwachsener eben so tut, brauen sich, ohne dass Marko es zunĂ€chst bemerkt, noch mehr dunkle Wolken am Himmel ĂŒber die Familie zusammen. Dinge, die nicht einmal die wirklich Erwachsenen zu hĂ€ndeln wissen.

So viel zum Inhalt dieses zunĂ€chst sehr unscheinbaren, aber in allen Aspekten großartigen RomandebĂŒts, welches die Lesenden auf eine wahre Achterbahnfahrt der GefĂŒhle mitnimmt. Nichts ist, wie es scheint und so werden die zunĂ€chst kaum sichtbaren Risse bald unfassbar groß, zu groß fĂŒr den liebevoll ausgestalteten Protagonisten, der sich nichts sehnlicher wĂŒnscht als wahr- und ernstgenommen zu werden, aber noch zu klein fĂŒr die damit verbundenen Konsequenzen ist.

„Da war es wieder! Dieses ,Das verstehst du noch nicht‘, das sich manchmal als ein ,DafĂŒr bist du noch zu jung‘ verkleidete. Je Ă€lter Marko wurde und je mehr er in der Schule lernte, desto hĂ€ufiger schmetterten die Erwachsenen es ihm entgegen. Genau wie letztens auf seine Frage, wie denn eine Hand bitteschön treu sein könne …“

Arne Kohlweyer: Ostkind

Der behutsam ausgearbeitete Handlungsstrang deckt einen Zeitraum von gerade mal zwei Wochen ab. Trotz der sehr kompakten Art des ErzĂ€hlens hat es der Autor geschafft, so viel an Themen hinein zu packen, dass es schwerfĂ€llt, die ĂŒberschaubare Seitenzahl zunĂ€chst ernst zu nehmen. Das funktioniert jedoch wunderbar, können sich doch fast alle in die Hauptfigur hineinversetzen, die man einfach nur in den Arm nehmen und schĂŒtzen möchte. Arne Kohlweyer hat Marko als wachen, intelligenten Jungen geschaffen, dessen Kindlichkeit feinfĂŒhlig ausgearbeitet, genauso wie die Hilflosigkeit der Erwachsenen ausgestaltet, die der Hauptfigur eine heile Welt erhalten wollen, ohne zu bemerken, dass nicht nur fĂŒr sie die Situation immer mehr ins Unkontrollierbare kippt.

Die bereits angesprochene Themenvielfalt ist glaubhaft, ebenso wie das gesetzte Zeitkolorit, welches nur ein Hintergrundrauschen darstellt, und schafft einen eigentĂŒmlichen Roman, der sowohl als Jugendbuch, wenn bereits ein wenig Wssen vorhanden ist, gelesen werden kann als auch als Novelle, die es in sich hat. Kinder sehen, begreifen viel mehr, als das die Erwachsenen denken. Auch schmerzhafte Wahrheiten können sie erfassen. Die Katastrophe aber stellt sich dann an, wenn dieser Aspekt unberĂŒcksichtigt gelassen wird, zumal wenn es ein enges Familienmitglied betrifft.

Arne Kohlweyers liebevolles PlĂ€doyer kann nicht gelesen werden, ohne zwischendurch tief durchzuatmen, die Seiten einmal kurz wegzulegen und lohnt sich dennoch. Auch szenemĂ€ĂŸig umgesetzt ist dies hervorragend. Hier merkt man das Fachgebiet des Autoren an. Fast ist es so als hĂ€tte man eine Mini-Serie in Buchform vor sich. So komponiert ist das großartig.

Autor:

Arne Kohlweyer ist ein deutscher Regisseur und Drehbuchautor, der zunĂ€chst Filmregie in Prag studierte, ebenso Fotografie, Literaturwissenschaft und Filmtheorie. Er fĂŒhrte Regie bei mehreren TV-Auftragsproduktionen und wurde 2017 als Autor und Regisseur fĂŒr den Grimme-Preis nominiert. Seit 2010 ist Kohlweyer Mitglied im Verband Deutscher Drehbuchautoren und arbeitet heute als freiberuflicher Autor, dramaturgischer Berater und Associate Producer. „Ostkind“, ist sein RomandebĂŒt.

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