Anna Seghers: Transit

Inhalt:
Marseille im Sommer 1940: Am Rande Europas versammeln sich die von den Nazis Verfolgten und Bedrohten. Sie hetzen nach Visa, Bescheinigungen und Stempeln, um nach Ăbersee ins rettende Exil zu entkommen. Im Chaos der stadt, in den Cafes, auf dem Gang von Behörde zu Behörde kreuzen sich ihre Wege – und fĂŒr kurze Zeit sind fremde Leben durch Hoffnungen, TrĂ€ume und Leidenschaften miteinander verbunden. (Klappentext)
Rezension:
GegenĂŒbersitzend in einer Pizzeria entfaltet der Ich-ErzĂ€hler seine Geschichte und all jener, denen er auf seinen Wegen durch die quirlige Hafenstadt begegnet ist. Alles drĂ€ngt dort Richtung Hafen. Nur raus aus Europa, sich in Sicherheit bringen vor den Nazis, die Europa lĂ€ngst ins UnglĂŒck gestĂŒrzt haben. Nicht einmal hier, in Marseille kann man aufatmen, denn bleiben darf nur, wer auch gehen darf.
Gehen darf nur, wer Visa, Transitvisa und Billets beisammen hat. Doch die Wege sind lang zwischen Botschaften und Behörden, zumal zwischen den Kontinenten, ein zermĂŒrbender Kraftakt und doch Antrieb aller Anwesenden. In Anna Seghers‘ Entwicklungsroman „Transit“ entfaltet sich dieses Panorama.
Immer drĂ€ngender weichen die beschaulichen Ansichten den Ăngsten der Protagonisten, zu spĂ€t alle Papiere vollstĂ€ndig in den HĂ€nden halten zu können. Immer bedrohlicher zeichnen sich dunkle Wolken am Horizont. Nur der namenlose Hauptprotagonist, der sich an den Trubel langsam gewöhnt, möchte bleiben.
Das Unterfangen erweist sich als schwierig in einer Umgebung, die ihren ganz eigenen Gesetzen gehorscht. Die Schriftstellerin Anna Seghers beschreibt sie in ihrer kompakt gehaltenen ErzĂ€hlung sehr feinfĂŒhlig. ZunĂ€chst begegnen wir auch hier, wie etwa in „Das siebte Kreuz“ einem im Vergleich zu heute erscheinenden Romanen, vergleichsweise langsamen ErzĂ€hltempo, welches sich hier behutsam steigert und entsprechende Akzente setzt.
Zwischen den Zeilen erfĂ€hrt man viel. Anspielungen ĂŒber Walter Benjamin und Ernst WeiĂ bilden den Handlungsrahmen, durchsetzt von den Erfahrungen, die die Schriftstellerin selbst machen durfte, gehörte sie doch zu denen, die 1940 Mittel und Wege suchten, den Nazis zu entkommen. In zahlreichen Figuren verarbeitet sie die Schicksale bekannter und derer, die zwangsweise unerkannt bleiben mĂŒssen.
Schnell stellt sich die Frage, nach dem eigentlichen Vorhaben des Protagonisten, der seiner unmittelbaren Umgebung mal hilft, dann wieder unerkannt Steine in den Weg legt. Nur langsam wird seine Vergangenheit und der Bezug zum Inhalt des Koffers aufgerollt, der mit ihm seinen Weg nach Marseille gefunden hat. Der ErzĂ€hler öffnet sich den Lesenden in all seinen Grau-Schattierungen, doch wirkt es nicht nur fĂŒr die ihn umgebenden Figuren so, als wĂŒrde man versuchen Rauch zu greifen, mit bloĂen HĂ€nden. Dieser Weg, eigene Ziele zu verfolgen, gleichzeitig sich unentbehrlich zu machen, macht ihm nicht gerade zu einem SympathietrĂ€ger.
Dennoch verfolgt man atemlos seinem Weg, der nur wenige Monate umfasst, in denen stĂ€ndig etwas passiert. Die Stadt hĂ€ngt den GerĂŒchten nach, dem Wohlwollen der Beamten und Diplomaten, die mal Gegenspieler, mal nur RĂ€dchen im Getriebe sind, welches sich trotz sich radikal verĂ€ndernder UmstĂ€nde immer weiter dreht. Der Kontrast der mit der idyllischen Umgebung entsteht, wirkt damit um so mehr.
Die Perspektive bleibt beim Protagonisten, aus dessen Beobachtung wir alles erfahren. Das Treiben in den Cafes, miserablen UnterkĂŒnften, in denen sich alle drĂ€ngen, den langen Schlangen vor den Konsulaten. Zuweilen eröffnet sich damit ein Verwirrspiel, den man manchmal ĂŒberdrĂŒssig zu werden droht, wenn wieder einmal ĂŒber die Art und Beschaffenheit der Papiere diskutiert wird.
Zum vierten, fĂŒnften, sechsten Mal. Die dichte Abfolge erschwert den Lesefluss, bei den man dann trotzdem immer wieder innehalten muss, mit dem GefĂŒhl, etwas Entscheidendes ĂŒberlesen zu haben. Hat man jedoch nicht, sondern nur ein weiteres Puzzleteil aufgenommen. Dabei lassen einem nicht einmal kurze RĂŒckblenden Zeit, einmal durchzuatmen.
Anna Seghers hat es hier verstanden, Eile und DrÀngen zu verschriftlichen, aber auch sehr detaillierte Ortsbeschreibungen vor dem inneren Auge auferstehen zu lassen. Trotz mancher Distanz, die gewollt aber gekonnt konstruiert ist, hilft dies sich in die Geschehnisse der damaligen Zeit und ihre Protagonisten hineinzuversetzen.
In Bezug auf heutige Lesegewohnheiten funktioniert die ErzĂ€hlung nicht durchgehend, aber doch in soweit, dass man unbedingt die HintergrĂŒnde des Protagonisten erfahren möchte, und wie die Auflösung sich gestaltet. Das klappt auch in der Gegenwart, zumal die GrĂŒndzĂŒge des Romans sich hervorragend in das Heute adaptieren lassen, werden StĂ€dte wie Marseille wieder zu Drehpunkten von Menschen, die einen Ort zum Leben suchen. Nur eben in umgekehrter Richtung.
Gerade deshalb ist dieser Roman, wenn auch nicht immer in zugÀnglicher Sprache gehalten, heute noch lesenswert und zu empfehlen.
Autorin:
Anna Seghers wurde 1900 in Mainz gebohren und war eine deutsche Schriftstellerin. Sie studierte zunÀchst Geschichte, Kunstgeschichte und Sinologie, bevor sie 1924 ihre erste ErzÀhlung veröffentlichte. Verheiratet mit dem ungarischen Soziologen Laszlo Radvanyi wandte sie sich der Kommunistischen Partei zu, der sie 1928 beitrat.
Eine Reise in die Sowjetunion folgte im Jahr 1930, bevor sie ĂŒber die Schweiz nach Frankreich, zusammen mit ihren Kindern flĂŒchten musste. Im Exil war sie eine der MitgrĂŒnderinnen des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller und schaffte es 1942 ĂŒber Marseille nach Mexiko zu reisen, von wo sie 1947 zurĂŒckkehrte. Dort erschien 1942 ihr Roman „Das siebte Kreuz“, mehrere Jahre danach auch in Deutschland. 1947 wurde ihr der Georg-BĂŒchner-Preis verliehen. 1952 wurde sie PrĂ€sidentin des Schriftstellerverbandes der DDR und blieb es bis 1978. 1981 wurde ihr die EhrenbĂŒrgerwĂŒrde der Stadt Mainz verliehen. 1983 starb sie in Berlin.
Ihre Werke wurden mehrfach verfilmt und ausgezeichnet.
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