Berlin

Michael Wolffsohn: Wir waren Glückskinder – trotz allem

Inhalt:

Thea Saalheimer ist siebzehn, als sie mit ihrer Familie vor dem Naziterror nach Tel Aviv flieht. Dort verliebt sie sich in Max Wolffsohn und baut mit ihm ein neues Leben auf. Fünfzehn Jahre später kehren die beiden mit ihrem Sohn Michael ins Nachkriegsdeutschland zurück. Wie erlebten Thea und ihre Familie den Nationalsozialismus und die Emigration in ein Land, das ihnen in jeder Hinsicht fremd war? Wie kam es, dass sie ins Land der Täter zurückzogen? (Klappentext)

Rezension:

Als im Jahr 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht übernahmen, realisierte kaum jemand die von ihnen ausgehenden Gefahren. Geheimnisse daraus indes, hatten sie gemacht. Von Anfang an waren deren Ziele klar. Von Beginn an, wirkten sie darauf hin. Warum jedoch, realisierten allzu viele die Zeichen erst, als es längst zu spät war?

Warum erkannten nur wenige die Zeichen der Zeit und schafften es, rechtzeitig zu fliehen? Der Autor Michael Wolffsohn versucht eine Erklärung zu finden und nimmt dabei die Geschichte seiner Familie auf.

Wem das bekannt vorkommt, der hat Recht. Schon einmal hat sich der Historiker damit beschäftigt. In „Deutschjüdische Glückskinder – Eine Weltgeschichte meiner Familie“ hat er diese bereits vor einigen Jahren aufgearbeitet. Ausführlicher und detaillierter, jedoch gefühlt neutraler. Diese Variante hier ist kompakter, liest sich schneller und von der Tonalität gleicht es einem Buch für ältere Kinder oder einem für jüngere Jugendliche, um diese an diese Thematik heranzuführen und mit entsprechenden Fragestellungen zu konfrontieren, ist auch so entsprechend angedacht.

Der Autor gleichsam Erzähler und Beobachter führt die Lesenden entlang der wechselhaften Geschichte seiner Familie. Wie erlebten seine Großeltern den Umbruch, der alles veränderte, die beginnende und immer deutlich zu Tage tretende Ausgrenzung? Wie schwer fiel es der Familie den Entschluss zu fassen, alles Bekannte zurückzulassen, trotz der Gefahren, die immer sichtbarer wurden?

Weshalb entschlossen sich die Wolffsohns zu den, nur wenige Jahre nach dem Krieg, für viele Juden unbegreiflichen Schritt, wieder nach Deutschland zurückzukehren? Fragen, die sich wie die Perlen einer Kette aneinanderreihen und komplexer Antworten bedürfen. Fragen, mit denen der Schreibende die jungen Lesenden dazu bringen möchte, selbst Fragen zu stellen, die Dilemma zu erkennen, vor denen seine Familie stand, auf dass der heute wieder deutlich werdende Hass keine Chance bekommt, ein neues 1933 zu weden.

Das Werk selbst, kann als Einführung in die Geschichte genutzt werden, ist so aufbereitet auch durchaus als Unterrichtslektüre denkbar. Für ältere Leser empfiehlt sich die komplexere Variante für Erwachsene. Für sie könnte alleine der Erzählstil etwas angestrengt wirken, zumal das Jugendbuch nicht ganz so detailreich wird. In der entsprechenden Altersgruppe gelesen, ist es dennoch gut vorstellbar.

Autor:

Michael Wolffsohn wurde 1947 geboren und ist ein deutscher Historiker und Publizist. In Tel Aviv geboren, kehrte er mit seiner Familie 1954 nach Deutschland zurück, aus dem diese einst im Zuge des Holocausts fliehen musste. Nach der Schule studierte er Politikwissenschaften, Volkswirtschaft und Geschichte in Berlin, Tel Aviv und den USA, nahm später Stellen an verschiedenen Universitäten an. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf dem Gebiet Internationaler Beziehungen, der deutschen und jüdischen Geschichte, sowie der historischen Demoskopie. In der Bundeswehruniversität Münschen begründete er 1991 die Forschungsstelle Deutsch-Jüdische Zeitgeschichte. Er wurde mehrfach ausgezeichnet. Wolffsohn ist Ehrenmitglied im Verein Deutsche Sprache.

Ferdinand Schwanenburg: Machtergreifung

Inhalt:

Flüchtlingskrise, Virus-Pandemie, Terror und wachsene Kriminalität: Die Deutschen fürchten sich vor Kontrollverlust und wirtschaftlichen Abschwung. Während die etablierten Parteien Antworten schuldig bleiben, wächst in der Bevölkerung der Unmut. Immer mehr Menschen sehnen sich wieder nach einem starken Mann, der die Dinge in die Hand nimmt.

Friedrich Sehlings träumt schon lange von einem Führerstaat. Als sich die neue Deutschlandpartei gründet, wittert er seine große Chance. Schnell macht er sich zum unverzichtbaren Organisator der rechten Alternativ-Partei, unterwandert sie mit seinen Leuten und räumt jeden aus dem Weg, der seiner Mission gefährlich werden könnte. Als die Partei immer mehr Wähler gewinnt, sieht er seine Zeit gekommen: Geschickt sorgt er für Chaos und Unruhe und schmiedet einen perfiden Plan, um die Macht im Land an sich zu reißen… (Klappentext)

Rezension:

Die Bilder gleichen sich. Immer mehr Menschen verlieren das Vertrauen in die Politik und die Entscheidungsträger stehen dem mehr oder weniger hilflos gegenüber, kämpfen mit aus der Zeit gefallenen Mitteln oder sympathisieren gar mit jenen, die sich eine vollkommene Entmachtung der Demokratie wünschen. Das trifft, aus verschiedenen Gründen, die reale Welt, in der wir leben, eben so, wie im Szenario, welches dem nicht ganz unähnlich ist, welches der Autor Ferdinand Schwanenburg beschreibt, dessen Protagonisten.

Immer schnelllebiger werden die Zeiten, immer unberechenbarer die Ereignisse, immer unsicherer die Menschen, die sich dem ausgesetzt fühlen. Nährboden für Intrigen und Intriganten, Terrain für jene, die den Umsturz wollen. So beginnt der Roman „Machtergreifung“ schleichend, fast langsam.

Der Autor beschreibt haarklein, wie der Prozess der Radikalisierung den deutschen Staat in den Abgrund treibt. Ganz nah ist er da an realen Personen, an der Partei, die innerhalb von wenigen Jahren in allen Landesparlamenten eingezogen und schließlich in den Bundestag hineingewählt wurde. Namen werden nicht gemeint, doch alle Lesenden werden wissen, was oder wer gemeint ist. Ein Protokoll der Machtergreifung, wie sie ablaufen könnte, wenn wir die Augen erneut verschließen.

Dabei ist das Erzähltempo zunächst vor allem eines. Extrem langsam kommt die Geschichte ins Rollen und entwickelt doch sehr schnell eine Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann. Die Protagonisten sind vielschichtig in ihrer Ratlosigkeit, Zielstrebigkeit, Skrupellosigkeit und Intriganz. Zuweilen sogar sympathisch, auch wenn man lesend genau weiß, dass sie das nicht sein sollten. Auch Anspielungen auf unsere Geschichte und Gegenwart gibt es zahlreiche. Der Autor führt uns hier den Spiegel vor. Seht, hier ist sie, die Gefahr. Erkennt ihr sie? Was macht ihr? Entscheidet euch.

Schwanenburg kann das gut, hat er doch selbst für die Teufel in persona gearbeitet, kennt den Politikbetrieb auch als Lobbyist und die Mechanismen der Macht bei der Bundeswehr. Sein realer Name ist verdeckt. Gut so, dieser Roman ist eine Warnung für uns, die wir fassungslos die Balken jeder Wählerumfrage beobachten oder die Prognosen am Wahltag.

Der Autor kann beschreiben, nutzt real existierende Steilvorlagen. So stellt man es sich vor, die Ränkespiele und auch die Gefahr, der unsere Demokratie ausgesetzt ist. Vieles wird ähnlich abgelaufen sein. Hoffen wir, dass der Autor im Weiteren keine Glaskugel besitzt. Der Schreibende versucht hier klarzustellen, ein: „Das haben wir nicht kommen sehen.“, ist diesmal nicht gegeben.

Autor:

Ferdinand Schwanenburg ist das Pseudonym eines deutschen Politik- und Kommunikationsberaters, der bereits für viele Politiker großer Parteien gearbeitet hat. Er war Journalist, Pressesprecher und Rüstungslobbyist und ist Reserveoffizier der Bundeswehr. Er hat tief hinter die Kulissen des Politikbetriebs und der Medienindustrie geblickt und kennt die Mechanismen der Macht. Von 2015 bis 2017 hat er für verschiedene AfD-Fraktionen gearbeitet. Heute warnt er vor den Gefahren, die von der AfD für Deutschland und unsere Demokratie ausgehen.

Yadegar Asisi: Panoramen von 2003 – 2017

Inhalt:

Die Panorama-Werkschau dokumentiert die monumental-immersiven Rauminstallationen von Yadegar Asisi, die in der Zeit zwischen 2003 und Anfang 2017 realisiert wurden. Umfangreiche Textbeiträge und ausführliche Bildstrecken zu den Panoramen sowie zu Asisis Vorarbeiten – Zeichnungen, Skizzen, Aquarelle oder Gouachen – geben einen intensiven Einblick in die Entstehung der Panoramen, den unterschiedlichen künstlerischen Ansatz und die Motivation für das jeweilige Projekt. Alle Panorama-Werke sind in Gänze über mehrere Seiten abgebildet. Bis Anfang 2017 realisierte Projekte: EVEREST, ROM 312, DRESDEN IM BAROCK, AMAZONIEN, PERGAMON, DIE MAUER, LEIPZIG 1813, DRESDEN 1945, GREAT BARRIER REEF, ROUEN 1431, LUTHER 1517, TITANIC (Klappentext)

Rezension:

Die Erfindung der Eisenbahnen und der Siegeszug der Kinos versetzten den großformatigen Bildpanoramen für lange Zeit einen Todesstoß. Plötzlich konnten die Menschen all die Orte mit eigenen Augen sehen, für die zuvor Bilder, Gemälde und Modelle herhalten mussten. Mit Bewegtbildern ließen sich sogar ganze Geschichten erzählen. Kaum jemand interessierte sich danach noch für die 360-Grad-Bilder, die zuvor Szenarien zeigten, die beeindruckten.

Diese hatten eine lange Geschichte vorzuweisen. Schon im Zeitalter der Aufklärung gab es Menschen, die etwa mit Modellen von Städten, aus Holz gefertigt, umher reisten, um zu zeigen, was die meisten Menschen mangels Mobilität nie zu sehen bekamen. Erst Jahrhunderte später wurde, mit Hilfe von Fotografie, Digitalisierung und Malerei die Kunstform der Darstellung in Panoramen wieder aufgegriffen. Einer, der es in dieser Disziplin zur Meisterschaft gebracht hat, ist der in Berlin lebende Künstler und Architekt Yadegar Asisi. Inzwischen sind seine Werke in ganz Deutschland, aber auch z. B. in Frankreich zu sehen und Publikumsmagnet schlechthin.

Der vorliegende Bildband zeigt eine Werkschau, von den ersten Panoramen Asisis, die die Öffentlichkeit zu sehen bekam. In Leipzig war dies das Bergpanorama Mount Everest bis ins Jahr 2017. In diesem Jahr zeigte das Team um den Künstler das Wrack der titanic, als Erinnerung an Größenwahn und Vermessenheit der Menschen gegenüber der Natur. Kurzweilig sind die Einführungstexte zu den jeweiligen Panoramen, die mit Skizzen ergänzt, vorgestellt werden.

Aufklappbar ist das entgültige Panorama zu sehen. Schöne Erinnerung für ehemalige Besucher, Vorfreude schaffend, für kommende Werke, die auf sich warten lassen. Asisi verrät, die Erschaffung eines solchen Panoramas nimmt mehrere Jahre Zeit in Anspruch. Besucher in Städten, wo Panoramen etwa in alten Gasometern gezeigt werden, dürfen also gespannt sein, was da kommen mag.

Mehr ist das nicht. Mehr braucht es nicht. Man erfährt nicht viel, kann sich jedoch in die Fotos verlieren und sich erinnern. An anderer Stelle wird man wohl mehr über die eigentliche Arbeit des Künstlers erfahren können, etwa auf dessen Website oder bei Besuchen der Panoramen selbst, die jede für sich auf andere Art und Weise beeindrucken. Davon wissen etwa Berliner, Wittenberger, Leipziger oder Dresdener ein Lied zu singen.

In Leipzig etwa kann man erfahren, dass zunächst innerhalb der Bevölkerung nicht an die Anziehungskraft eines einfachen die Besucher:Innen umgebenden Bildes geglaubt wurde, sich jedoch ganz schnell ein neuer Publikumsmagnet etablierte. Wer dann ein Asisi-Panorama sich angesehen hat, weiß auch, warum.

So geben dieser und andere Bildbände einen Einblick in Beeindruckendes, erinnern an Besuche der Panoramen oder machen einen solchen schmackhaft. Die Texte sind in deutscher und englischer Sprache abgedruckt. Einziger Kritikpunkt vielleicht, man müsste sich mit weiteren Panoramen immer wieder einen neuen Bildband zulegen, der die vorhandenen ergänzt. Oder man kauft gleich eine Dauerkarte für seine Lieblings-Panometer.

Links:

Yadegar Asisi Homepage
Asisi Panoramen
Zeichnen mit Yadegar Asisi

Autor:

Yadegar Asisi wurde 1955 in Wien geboren und ist ein deutscher Künstler, Architekt und ehemaliger Hochschullehrer. Seine Kindheit verbrachte er in Halle/Saale und Leipzig und studierte dann von 1973-1978 an der Technischen Universität Dresden architektur. Nachdem er aufgefordert wurde, die DDR zu verlassen, folgte ein Studium der Malerei an der Hochschule der Künste in Berlin, welches er 1984 abschloss. Danach erhielt er dort einen Lehrauftrag für perspektivisches Zeichnen.

1991 war er Gastprofessor für Architektur. Er gewann bei Architekturwettbewerben mehrere Preise und wandte sich in den 1990er Jahren den Panoramen zu, welche er seit 2003 kreierte und öffentlich ausstellte. Inzwischen sind die großformatigen Darstellungen in mehren Städten Deutschlands und Frankreichs zu sehen. Weitere Panoramen, die zumeist im Wechsel gezeigt werden, sind geplant. Asisi lebt in Berlin.

Monatsrückblick: März 2021

Im Februar hatte ich schon befürchtet, den Schwung vom Beginn des Jahres verloren zu haben und so schaue ich jetzt sehr glücklich auf meinem Stapel gelesener Bücher. Quantitativ war es mit neun Werken ein sehr ergiebiger Monat, auch musste ich keinen qualitativen Totalausfall erdulden. Kein Buch mit weniger als drei Sternen zu bewerten, ist ja auch ganz schön. Der März begann dabei mit einem sehr vielschichtigen, gut recherchierten, nicht einfach zu lesenden Sachbuch. Katajun Amirpurs Khomeini-Biografie hatte ich bereits im Februar begonnen, da ich sie aber Anfang März beendet habe, zähle ich sie hier mit hinein.

Wer nicht gerade umfangreiches Hintergrundwissen zum Islam in all seinen Ausprägungen und Schattierungen besitzt, wird hier beim Lesen Probleme bekommen, wage Geschichtskenntnisse helfen auch nicht unbedingt. So hatte ich mit der Lektüre zu kämpfen, habe aber sehr viel Information und Wissen mitnehmen können. Wenn das ein Werk schafft, bin ich schon zufrieden. Bei Büchern aus dem C.H. Beck Verlag ist das für mich aber ohnehin meist der Fall.

Gleich danach habe ich zwei Bücher gelesen, die mich beide umgehauen haben. Zum einen „Der Sessel“ von Daniel Lee, welcher als Historiker das Ergebnis einer sehr interessanten Rechercheleistung zwischen zwei Buchdeckeln gezeigt hat, zum anderen einen True Crime Roman, der einfach überwältigend war. Christa von Bernuth hat hier den Fall der entführten Ursula Hermann adaptiert, der damals die Bundesrepublik in Atem hielt und daraus eine Geschichte gewoben, die einem nicht mehr so schnell loslässt. Die spannendsten Geschichten schreibt das wahre Leben. Die Autorin hat diese Chance ergriffen und genutzt. Dieser Roman lädt ein zu recherchieren, sich Gedanken zu machen. Man lebt und leidet mit den Protagonisten. Der gekonnte Erzählstil tut sein Übriges und, obwohl man weiß, wer die reale Vorlage kennt, wie’s ausgeht, ist diese Geschichte unbedingt lesenswert.

Christa von Bernuth „Tief in der Erde“
Seiten: 383
Taschenbuch
ISBN: 978-3-442-31573-4
Goldmann Verlag

Wenn schon reale Reisen aktuell eher schwierig und moralisch zweifelhaft sind, so ist das gedankliche Reisen doch noch möglich und so entführten mich die beiden nächsten Bücher einmal nach Norwegen, vor die Tore Oslos und schließlich in die Lagunenstadt Venedig. Das erste Werk ist der Bericht einer Wanderung von Vater und Sohn auf den Spuren eines fast vergessenen Vorfalls in der skandinavischen Bergwelt, das andere der erschütternde Zustandsbericht einer sterbenden Stadt. Petra Reski schreibt so detail- und kenntnisreich über ihr Leben dort und wie Politik und Tourismus sich dess sehr stolzen Venedig bemächtigt haben und langsam zerstören. Ursprünglich wollte ich wenigstens einmal diese Stadt besuchen. Nach der Lektüre bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich diesen Wunsch in die Tat umsetzen sollte, wenn es irgendwann wieder möglich sein wird.

Bücher, die nach der Lektüre eines beeindruckenden Werkes folgen, haben es bei mir generell etwas schwerer, ebenso zu faszinieren und so verwundert es nicht, dass sowohl das Sachbuch von Francoise Conrad „Warum Deutsch bellt und Französisch schnurrt“ als auch das neue Werk des Horror-Großmeisters Stephen King „Später“ einen nicht ganz so bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben. Beides Werke, die man mal gelesen haben kann, es jetzt aber auch nicht so ist, dass einem etwas fehlen würde, sollte man nicht dazu kommen. Letzteres empfiehlt sich jedoch, wer nicht unbedingt Fan von Horror-Literatur und noch nicht viel von Stephen King gelesen hat. Etwa 300 Seiten „Später“ sind einfacher zu bewältigen, als 1500 Seiten „Es“. Ersteres mit Motiven, die uns schon in Filmen wie „The sixth sense“ begegnet sind.

Die zuletzt im März untergebrachten Werke haben es mir dann entgültig unmöglich gemacht, am #ComicMärz des lieben Blogger-Kollegen Nico von buchwinkel.de teilzunehmen. Ohnehin wären nur noch ein paar Tage Zeit gewesen, ein passendes Comic oder eine interessante Graphic Novel hatte ich bis dato nicht zur Hand, aber der Kurzroman „Taschen voller Sand“ und vorher die zweite Geschichte aus der Feder Sasha Filipenkos „Der ehemalige Sohn“ haben mich voll und ganz beansprucht.

Sasha Filipenko „Der ehemalige Sohn“
Seiten: 320
Hardcover
ISBN: 978-3-257-07156-6
Diogenes

Gerade das zuletzt genannte Werk hatte es in sich, so dass ich dieses als Monats-Highlight unbedingt hervorheben möchte. Kaum einer der Protagonisten ist sympathisch, sehr negativ und melancholisch die Grundstimmung, aber so faszinierend ist die Beschreibung einer Gesellschaft, die im Wandel begriffen und doch in der Zeit stehengeblieben ist. Ein interessanter und packender Zustandsbericht, war das, den ich da gelesen habe, über das heutige, das damalige Belarus und der Menschen, die dort leben. Von diesem Buch möchte ich einfach, dass es alle lesen, so unscheinbar auch Werke aus dem Diogenes-Verlag zunächst daherkommen.

Hier hat sich jedoch zwischen zwei Buchdeckeln ein kleines Juwel versteckt. Alleine dafür hat sich der März gelohnt.

Daniel Lee: Der Sessel

Inhalt:

Ein unglaublicher Fund: In einem Sesselpolster werden Jahrzehnte nach Kriegsende persönliche Papiere des SS-Offiziers Robert Griesinger entdeckt. Wie kamen sie dorthin? Wer wollte sie verstecken? Der Historiker Daniel Lee nimmt den Faden auf und begibt sich auf eine abenteuerliche Recherchereise. Nach und nach setzt er aus einzelnen Puzzleteilen ein ganzes Leben zusammen und schildert, wie aus einem pflichtbewussten Beamten und Familienvater ein ganz normaler Täter werden konnte. Eine fesselnde Erzählung über Schuld und Verantwortung, Erinnern und Vergessen. (Klappentext)

Rezension:

Was die oberen Hierarchie-Ebenen der für den Zweiten Weltkrieg und des Holocausts verantwortlichen Akteure betrifft, ist die Verarbeitung der Geschehnisse und ihrer Folgen weit vorangeschritten, wenn auch dieser fortlaufende Prozess nie ganz abgeschlossen sein wird. Anders sieht es mit der Betrachtung derer aus, auf die sich das NS-Regime stützen konnte.

Warum unterstützten tausende Menschen ein System der willkür, Unterdrückung und des Unrechts? Wie viel wussten die Schreibtischtäter, die vielleicht nicht selbst mordeten, jedoch Befehle bekanntmachten, Verordnungen umsetzten? Was konnte der Einzelne bestimmen und wo entzog sich den Beamten, behördlichen Angestellten die Kontrolle? Wie nutzten die Nationalsozialisten die Menschen für sich?

Ein loser Stapel Dokumente, eingenäht im Stoffpolster eines Sessels, machte den britischen Historiker Daniel Lee neugierig? Zu wen gehörten die Papiere? Wer war der Mensch hinter den Schriftstücken? Warum wurden diese versteckt? Welche Geschichte können diese noch erzählen und wie viel Recherche ist notwendig, um die einzelnen rätselhaften Teile zusammen zu setzen? Herausgekommen ist ein zweiteiliges Porträt, eines über die Person Robert Griesinger, dessen Leben der Autor nachspürt, zum anderen eines über die Arbeitsweise des Historikers selbst.

Verwoben erzählt Lee in diesem Sachbuch mit sehr unscheinbaren Titel, wie ein diffuses Bild immer klarer an Kontur gewinnt und beantwortet dabei nach und nach die zu Eingang gestellten Fragen, nach den unteren Ebenen, auf die sich die Nationalsozialisten stützen konnten, aber auch, welche Rechercheleistung notwendig ist, um den Fragestellungen zu ihren komplexen antworten zu verhelfen und wo die Grenzen für einen Historiker liegen, selbst wenn der Gegenstand verhältnismäßig jüngere Geschichte darstellt.

Sehr kleinteilig beschreibt der Autor seine Suche, die der Leserschaft Konzentration abverlangt, dieser zu folgen, jedoch nicht langatmig daherkommt. Lee weiß spannend zu erzählen, jedoch sachlich zu argumentiere und Fragen, nicht nur der Nachfahren der Person Robert Griesinger, zu beantworten. Auf diesen Ebenen ein wichtiger Beitrag zur weiteren Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs und Holocausts, aber auch wichtig, um Laien zu verdeutlichen, wie wichtig die Arbeit von Historikern ist, v. a. wie sie funktioniert.

Autor:

Daniel Lee ist ein britischer Historiker, dessen Forschungsschwerpunkte der Zweite Weltkrieg, der Holocaust, die Geschichte der Juden in Frankreich und Nordafrika darstellen. Nach seiner Promotion lehrte er u.a. in Yad Vashem und am United States Holocaust Memorial Museum. Derzeit unterrichtet er in London und verfasst regelmäßig Beiträge für die BBC.

Sebastian Fitzek: Der Heimweg

Der Heimweg Book Cover
Der Heimweg Sebastian Fitzek Droemer Knaur Erschienen am: 21.10.2020 Seiten: 400 ISBN: 978-3-426-28155-0

Inhalt:

Wer das Datum seines Todes kennt, hat mit dem Sterben schon begonnen…

Samstag, kurz vor Mitternacht. Jules Tannberg sitzt am Begleittelefon, ein Service für Frauen, die nachts auf ihrem Heimweg Angst bekommen und eine beruhigende Stimme brauchen. So wie Klara. Die junge Frau glaubt, von einem Psychopathen verfolgt zu werden, der vor Wochen mit Blut ein Datum auf ihre Schlafzimmerwand malte: Klaras Todestag! Und dieser Tag bricht gerade an… (Klappentext)

Rezension:

Für seinen Freund übernimmt er die Schicht am Begleittelefon, einen ehrenamtlichen Service für Frauen, um diesen mit beruhigender Stimme Sicherheit auf ihrem Heimweg zu geben. Geübt, mit ruhiger Stimme, spricht Jules ihnen Mut zu. Seine Mission, ihnen Sicherheit zu geben. Komme, was da wolle. Mit diesem Anruf jedoch hat er nicht gerechnet und so gerät Jules zusammen mit Klara, die ihrem Leben anfangs selbst ein Ende setzen möchte, um den zuvor zu kommen, der ihr eine schreckliche Frist gesetzt hatte, in ein grausames Verwirrspiel.

Deutschlands meist gelesener Autor für Psychothriller nimmt wieder einmal eine Gegebenheit aus der realen Welt zum Anlass, um dieses mit den tiefsten menschlichen Abgründen zu verweben, die man sich nur denken kann. In kurzweiligen Kapiteln und stetig steigender Spannungslinie hat er eine Geschichte um eine real existierende Hotline geschrieben, die chaotischer nicht sein könnte.

Aus wechselnden Perspektiven wird „Der Heimweg“ erzählt, wobei beide Protagonisten ihre dunklen Seiten aufweisen, die nach und nach aufgedeckt werden, und die Lesenden förmlich dazu einladen, das aufgegebene Rätsel zu lösen. Zugänglich werden beide Figuren nicht wirklich zugänglich, zudem der Titel nur im übertragenen Sinne zu lesen ist und der Klappentext einmal mehr so viel wie wenig mit dem eigentlichen Inhalt zu tun hat.

Wer Fitzeks Erzählstil kennt, weiß jedoch, worauf man sich einlässt, rät mit, um am Ende doch noch überrascht zu werden. Sebastian Fitzek schreibt eben Unterhaltungsliteratur, ohne Ziel, Kriminalität realitätsnah abzubilden. Wer sich das wünscht, kann getrost jeden zweiten Krimi im Fernsehen und in Papierform für sich streichen.

Davon abgesehen ist die nervenzerrende Spannung dieses Werkes nichts für zarte Gemüter. Phasenweise ist die erzählte Geschichte brutal. Der deutsche Psychothriller-Autor nähert sich da sehr manchen britischen oder amerikanischen Kollegen an, wenn auch nicht ganz so absurd wie etwa Cody McFadyen, der kaum lesbar ist.

Hier bekommt Fitzek immer wieder die Kurve, auch wenn es dieses eine Mal hart an der Grenze ist und er immer wieder eine Zehe drüber setzt. Der Autor hat einmal gesagt, dass, um so schöner die Umgebung ist, in der er schreibt, um so erschreckender werden seine Geschichten. Fitzek hatte offenbar viel Zeit, sich eine entsprechende Schreibumgebung hierfür zu schaffen.

So fügt sich das Werk nahtlos in die Reihe der bisher geschriebenen ein und beweist einmal mehr, weshalb der Autor in schöner regelmäßig weiter oben auf den Büchertischen landet. Die Hotline existiert derweil in der Realität und ist anders als in der Geschichte ansonsten für jedem verfügbar, der sie benötigt.

In diesem Sinne darauf aufmerksam und den Service etwas bekannter zu machen, ist ja auch mal ganz schön, zumal Sebastian Fitzek durchaus viele Menschen erreicht. Schön ist auch, wer aufmerksam liest, entdeckt zudem einen Protagonisten in einer Erwähnung, aus einem der anderen Bücher.

Und wenn dies das Werk schafft, ist mit einer grausamen Rätselgeschichte auch einmal etwas Gutes getan worden.

Das reale Heimwegtelefon ist übrigens nicht nur ein Service für Frauen, sondern für alle, die eine beruhigende Stimme auf ihrem Weg brauchen.

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Autor:

Sebastian Fitzek wurde 1971 geboren und ist ein deutscher Schriftsteller. Mit seinem Debüt „Die Therapie“ war er so gleich erfolgreich und so landet seit 2006 beinahe jedes seiner Bücher auf den Bestsellerlisten. Mehrerer seiner Romane wurden bereits verfilmt, zudem für die Theaterbühne adaptiert.

Im Jahr 2018 erhielt Fitzek den Europäischen Preis für Kriminalliteratur und war damit der erste deutsche Autor, der damit ausgezeichnet wurde. Zusammen mit anderen Autoren ging Fitzek bereits mehrere Kooperationen ein. Kennzeichen seiner Erstauflagen sind immer besondere Gimmicks, die seine Werke von anderen auf den Büchertischen abheben. Sebastian Fitzek lebt in Berlin.

Peter Dausend/Horand Knaup: Alleiner kannst du gar nicht sein

Alleiner kannst du gar nicht sein - Unsere Volksvertreter zwischen Macht, Sucht und Angst Book Cover
Alleiner kannst du gar nicht sein – Unsere Volksvertreter zwischen Macht, Sucht und Angst Peter Dausend/Horand Knaup dtv Erschienen am: 18.09.2020 Seiten: 463 ISBN: 978-3-423-28249-9

Inhalt:

Im Wahlkreis sind sie Könige, in Berlin oft nur Hinterbänkler. Und dennoch bilden die Abgeordneten des Deutschen Bundestages das Rückgrat unserer Demokratie. Sie beschließen Gesetze, verteilen die Milliarden des Bundeshaushalts und schicken deutsche Soldaten in gefährliche Auslandseinsätze. Wer sind die Frauen und Männer, die alle vier Jahre neu gewählt werden?

Wie arbeiten sie? Welche Mittel setzen sie ein um aufzusteigen? Wie bewältigen sie den Spagat zwischen den zwei Leben in Wahlkreis und Berlin? Wie gehen sie um mit Konkurrenz, Druck, Einsamkeit – und wie mit den Versuchungen? Wie ertragen sie Hass und Morddrohungen?

Wie ist das mit dem Lobbyismus, und wie frei sind sie wirklich in ihren Entscheidungen? Mehrere Dutzend Abgeordnete aus allen Fraktionen, Ehemalige und Mitarbeiter, Angehörige und Aussteiger haben sich geöffnet und umfassend erzählt. Das erste intime Porträt der Menschen, die unsere Politik bestimmen. (Inhaltsangabe des Verlags)

Rezension:

Kaum eine Berufsgruppe hat in den letzten Jahren einen so herben Vertrauensverlust zu verzeichnen gehabt, wie unsere Politiker, die wir mit unserer Stimme alle vier Jahre in den Deutschen Bundestag entsenden.

In einer Welt, in der es immer weniger einfache Antworten gibt, die Fragestellungen immer komplexer und undurchsichtiger werden, müssen die Abgeordneten des Bundesparlaments Entscheidungen im Sinne des Gemeinwohls treffen, Weichen für die Zukunft stellen und die große Politik aus Berlin hinein in ihren Wahlkreis tragen und dort, so verständlich wie möglich, ihren Wählerinnen und Wählern erklären.

Das wird immer schwieriger.

Nicht nur die erosion der sog. „Volksparteien“ zeigt dies deutlich. Doch, wie wird zwischen der Hauptstadt und dem wahlkreis Politik betrieben? Wie verläuft der Alltag der Abgeordneten? Welche Entscheidungen müssen die jenigen treffen, die nicht Minister oder Staatssekretäre sind, sondern sich in der zweiten, dritten und vierten Reihe der Rangordnung im Bundestag befinden? Welchen Zwängen und Grenzen unterliegen sie?

Welche Freiheiten nutzen die Gewählten? Wie entstehen Gesetze? Welche Erfolge und Misserfolge sind es, die unsere Abgeordneten antreiben oder verzweifeln lassen? Wo sind die Grenzen der kleinen großen Politik? Wo Druck und Bedrohungen, seitens anderer Abgeordnete, Konkurrenten, Gegenern und Wählern?

Aufgedrößelt haben dies zwei Journalisten, die in monatelangen Recherchen den Berliner Politikbetrieb quer durch alle Fraktionen beobachtet haben und verschiedene Abgeordnete zur Sprache kommen lassen.

Herausgekommen dabei ist ein nun vorliegendes, kurzweiliges und spannendes Sachbuch, welches vor allem für die jenigen lesenswert ist, welchen bisher unverständlich geblieben ist, wie Entscheidungen zustande kommen, die für uns täglich getroffen werden. Ohne Wertung, jedoch unter Hilfenahme vieler Interna wird dargestellt, wie Politik funktioniert und dass nicht nur die Politik selbst daran schuld hat, den Typ Volksvertreter heranzuzüchten, den die Bevölkerung immer mehr verachtet.

Vom ersten Tag an im Bundestag, nein, bereits vom Wahlkampf an, wird das Leben eines abgeordneten dargestellt, bis hin zur Abwahl und der Zeit danach. Intime Einblicke geben Größen wie Wolfgang Schäuble, aber auch Abgeordnete, von denen außerhalb des eigenen Wahlkreises bisher kaum jemand gehört haben dürfte.

Geschönt wird nichts, vielmehr bekommt man als Lesende/r Respekt vor dem Aufgabengebiet, in das sich die Gewählten einfinden müssen, den Zwängen und der Unberechenbarkeit.

Es geht hierbei nicht nur um die politischen Erfolge, Niederlage und Intrigen, die durchaus auch zur Sprache kommen, vielmehr erläutern die Autoren auch Zusammenhänge im politischen Gefüge und damit auch die Arbeit derer, die ebenso wichtig ist, für das Gelingen unserer Demokratie, wie etwa der Bundestagsverwaltung oder der Stenographen, die jede Rede wortwörtlich, inklusive Zwischenrufe, mitschreiben müssen.

Ein vielschichtiges Porträt mit bezeichneten Titel liegt hiermit vor, welches rein als Unterhaltung, aber mit hohem Informationsgewinn gelesen werden kann. Kurzweilig wird der politische Prozess des deutschen Bundestags dargestellt. Viele Entscheidungen, die für uns getroffen werden, erscheinen danach in einem anderen Licht.

Es ist kein Enthüllungsbuch, gibt jedoch einen Einblick hinter die Kulissen, der nachdenklich macht. Politik ist kein Selbstläufer und unsere Entscheidungsträger keine Menschen mit Heiligenschein, mit Schwächen und Stärken und einem unberechenbaren Arbeitsalltag, keineswegs in jedem Fall so bezahlt, wie es angemessen wäre.

Kritisch der Blick auf dem Lobbyismus in Berlin, den Umgang der Führungsebene der Fraktionen mit Abweichlern und der sich für die Abgeordneten immer mehrerende Druck aufgrund der Radikalisierung innerhalb des hohem Hauses und auf Wahlkreisebene.

Ohne diesen kritischen Blick zu verlieren und natürlich dem Führen von Diskussionen, das vielleicht als Quintessenz, sollten wir vielleicht in manchen Punkten etwas wohlwollender auf die Entscheidungen der Abgeordneten schauen. Beim Lesen mag oft genug der Gedanke kommen, an deren Stelle nicht stehen zu wollen. Andererseits, zum Glück gibt es Menschen, die genau das tun.

Autoren:

Peter Dausend arbeitet seit 2008 als Hauptstadtkorrespondent und Kolumnist für die Wochenzeitung Die Zeit. Davor er für die Zeitung Die Welt tätig.

Horand Knaup kam 1995 für die Badische Zeitung nach Bonn, wo er 1998 zum Spiegel wechselte. Viele Jahre begleitete er für das Nachrichtenmagazin das politische Geschehen in Berlin. Zuvor war er Korrespondent in Nairobi. Seit 2017 ist er freier Journalist und Autor.

Michael Tsokos: Fred Abel 4 – Zerrissen

Zerrissen Book Cover
Zerrissen Reihe: Fred Abel – 4 Rezensionsexemplar/Thriller Knaur Taschenbuch Seiten: 400 ISBN: 978-3-426-52549-4

Inhalt:

Rechtsmediziner Dr. Fred Abel, stellvertretender Leiter der BKA-Einheit „Extremdelikte“, muss als Gutachter in einem besonders schweren Fall aussagen. Ein heikler Umstand: Das Opfer ist die Nichte seiner Kollegin Sabine Yao.

Kurz darauf landen zwei spektakuläre Morde auf Abels Sektionstisch. Seit Monaten ermittelt die Berliner Polizei gegen vier Brüder eines libanesischen Clans. Abel erkennt, dass die Machenschaften der Brüder schon länger seinen Weg kreuzen, und stellt eigene Nachvorschungen an. Doch das bleibt dem Clan nicht verborgen, und plötzlich ist das Leben von Abels schwangerer Lebensgefährtin Lisa in höchster Gefahr. (Klappentext)

Bücher der Reihe:

Michael Tsokos: Fred Abel 1 – Zerschunden

Michael Tsokos: Fred Abel 2 – Zersetzt

Michael Tsokos: Fred Abel 3 – Zerbrochen

Michael Tsokos: Fred Abel 4 – Zerrissen

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Rezension:

Wechselhafte und dicht geschriebene Thriller scheinen zurzeit in Mode. Wer möchte, findetr da viel Lesestoff. Spannend sind vor allem die, die sich an tatsächliche Geschehnisse anlehnen. Schließlich schreibt das wahre Leben mitunter die besten Geschichten, die, hätte man sie erfunden, mehr oder weniger auf Unglauben stoßen würden. Doch ist es auch hier notwendig, die Spreu vom Weizen zu trennen. Der Rechtsmediziner Michael Tsokos ist jemand, den dieser Spagat beim Schreiben gelingt. Seine Inspiration ist oft genug auf den Sektionstischen der Rechtsmedizin zu finden. So auch die Grundlagen für den neuen Fall um Rechtsmediziner Dr. Fred Abel.

Die Gemengenlage der Spree-Metropole und noch einige andere Fälle aus dem Erfahrungsschatz des Autoren bilden erneut die Grundlagen für eine spannende Verwicklung, in der schon zum vierten Mal die Figur des Protagonisten Dr. Fred Abel die Hauptrolle einnimmt.

Gleich mehrere Fälle werden so fiktionalisiert verwoben, so dass nicht nur erneut berufliche und private Grenzen der handelnden Personen sich vermischen, sondern auch eine dichte Taktung kaum Spannungstiefen erscheinen lassen. Kurzweilig sind die schnell zu lesenden Kapitel zu lesen. Ein Sog entsteht, den man sich als LeserIn kaum entziehen mag.

Es geht um Clan-Kriminalität, Kindesmisshandlung, Drogenkriminalität und noch so einiges mehr. Die Grenze um Too-much-Moment ist nicht weit, wird zwar gestreift, dennoch nicht überschritten. Wenn auch nur, gerade noch so. Haarscharfe Wendungen sind folgerrichtig, wenn man sich auch manchmal beim Lesen selbst bremsen muss, um den einen oder anderen Spannungsmoment wirklich aufzunehmen, da der für die nachfolgende Handlung wichtig werden könnte.

Das funktioniert hier noch, auch wenn der Autor das eine ums andere Mal etwas zu sehr ins Medizinische abdriftet. Das dürfte den Fans von Tsokos nicht neu sein, jedoch andere Thriller-Leser vielleicht abschrecken.

Den vierten Band der Reihe kann man losgelöst von den vorangegangenen lesen. Keinerlei Faktenwissen darasu notwendig. Wer jedoch schon mehr Geschichten um die Rechtsmediziner Abel und Herzfeld gelesen hat, dem werden Anspielungen und Zusammenhänge auffallen, zudem auch, dass Tsokos immer geübter wird, wahrheit und Fiktion zu verbinden.

Die ersten Bände lesen sich nicht ganz so flüssig, wie dieser nun vorliegende. Um so erfreulicher, dass auch hier Ausssicht auf Fortsetzung besteht.

Autor:

Michael Tsokos wurde 1967 in Kiel geboren und ist ein deutscher Rechtsmediziner und Professor an der Charite in Berlin. Er leitet seit 2007 das dortige Institut für Rechtsmedzin, gleichzeitig das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berrlin-Moabit. Zudem ist er Leiter der Gewaltschutzambulanz der Charite. 1998-99 nahm er an der Exhuminierung und Identifizierung von Leichen aus Massengräbern des Bosnienkrieges und im Kosovo teil.

2004-05 war er im Auftrag des Bundeskriminalamtes zur Identifizierung der Tsunami-Opfer in Thailand täig. Er ist Autor mehrerer Fachzeitschriften, populärer Sachbücher und Mitautor mehrerer Thriller. Seit 2014 ist er Botschafter des Deutschen Kindervereins. Tsokos lebt mit seiner Familie in Berlin.

Wolf-Ulrich Schüler arbeitet als Journalist und lebt mit seiner Familie in der Nähe von Köln.

Unda Hörner: 1929 – Frauen im Jahr Babylon

1929 - Frauen im Jahr Babylon Book Cover
1929 – Frauen im Jahr Babylon Unda Hörner ebersbach & simon Erschienen am: 19.08.2020 Seiten: 253 ISBN: 978-3-86915-213-4

Inhalt:

1929 – die wilden Zwanziger entfalten noch einmal ihre volle Blüte, es ist ein letzter Tanz auf dem Vulkan. Marlene Dietrich spielt die Rolle ihres Lebens in Der Blaue Engel, Vicki Baum wird mit Menschen im Hotel weltberühmt und Lotte Jacobi zur Starfotografin der Berliner Prominenz.

Clärenore Stinnes tourt todesmutig im Auto um die Welt, Louise Brooks öffnet in Berlin Die Büchse der Pandora und Lotte Lenya feiert als Seeräuberin Jenny in der Dreigroschenoper triumphale Erfolge. Unda Hörner lädt ein zu einer faszinierenden Zeitreise auf den Spuren berühmter Frauen und entwirft ein facettenreiches Panorama weiblicher Kulturgeschichte im Jahr Babylon. (Klappentext)

Rezension:

Immer bedrohlicher zeigen sich dunkle Wolken am Himmel, als die letzten Monate des Jahres voranschreiten. Hetze in den Zeitungsblättern tritt deutlicher zu Tage, die Wirtschaft gerät ins Wanken. Doch, bevor es so weit ist, feiert sich die Welt noch einmal selbst. Mittelpunkt des Tanz‘ auf dem Vulkan ist die Metropole an der Spree, wo sich die Lebenswege ihrer Protagonistinnen kreuzen.

Die Autorin Unda Hörner nimmt uns mit auf eine Zeitreise, durch ein Jahr gleichsam als Sammlung kultureller Höhepunkte und legt damit einen wunderbaren Roman vor.

Der hat es in sich. Gegliedert nach Monaten beginnt die Zeitreise im Januar 1929. Kurzweilig sind die Abschnitte, handlich zu lesen die Kapitel. Mittelpunkt sind die Menschen, die das letzte Jahr der Goldenen Zwanziger prägten, wobei der Fokus hier auf die kulturelle und vor allem weibliche Seite gelegt wird.

Die studierte Germanistin begibt sich dabei auf den Spuren von Erika Mann, ebenso Marlene Dietrich, die den Dreh für einen Film beginnen wird, der ihr zum Durchbruch verhilft. Wir begleiten die Verlegerin an der Seite Erich Kästners und schauen durch die Linse Lotte Jacobis, die die Berliner Prominenz auf Zelluloid zu bannen weiß. Eine unvollständige, aber bezeichnende Sammlung in Romanform, die es in sich hat.

Es sollte das letzte Jahr friedlicher Unbeschwertheit sein, und so erlebt der Lesende Menschen, die gleichsam optimistisch und gespannt in die Zukunft blicken. Zumindest zunächst. Frauen, die bisher im Hintergrund tätig waren, treten nun nach vorne und bahnen sich sich zurecht ihren Weg. der führt dann schon einmal querfeldein durch Amerika oder in die dunklen Hallen des damals modernsten Studios für den damals noch relativ neuen und aufstrebenenden Tonfilm.

Geschickt hat die Autorin hier historische Fakten in einem historischen Roman eingewebt, der oftmals sehr still ist, mit Spannungsbögen sehr sparsam umgeht. Schließlich sind die Ereignisse ja bekannt. Was daraus Unda Hörner jedoch entwickelt hat, diese Dialoge, die die Erzählung lebendig werden lassen und tatsächlich so abgelaufen sein könnten, ist einfach schön.

Hier trifft es einmal, dass schöne Sprache nicht nur zu einem Kunstprodukt führt, sondern sich gut lesen lässt.

Wir begleiten Marlene Dietrich auf den Weg zu ihrer wohl größten Rolle und schauen Erika Mann über die Schulter, die versucht aus dem Schatten ihres übermächtigen Vaters herauszufinden, der den Nobelpreis bekommen wird. Wer diesen Roman liest, wird durch die Kameralinse von Lotte Jacobi schauen und eine Verlegerin bei der Suche nach einem Autoren begleiten, der ihr ein modernes Kinderbuch schreiben soll.

Alleine diese Geschichten schon sind interessant, ausgeschmückt mit vielen Details auf doch so wenigen Seiten kann man das letzte Jahr der 1920er Jahre hier praktisch durch die kulturelle Lupe betrachten. Sehr dicht wird das alles erzählt, Momente zum Innehalten, wie auch der Rausch der Zeit zu spüren ist, für jeden, der das liest.

Große Kunst ist das.

Autorin:

Unda Hörner wurde 1961 in Kaiserslautern geboren und ist eine deutsche Schriftstellerin. Zunächst studierte sie an der Freien Universität Berlin Germanistik und Romanistik, promovierte im letzteren 1993 über Elsa Triolet. Seither beschäftigt sie sich mit berühmten oder weniger berühmten Frauen und brachte mehrere Romane und zahlreiche Biografien zu Papier. Im Jahr 2001 erhielt sie den Bettina-von-Arnim-Preis.

Die Autorin, die auch als Journalistin, Übersetzerin und Herausgeberin tätig ist, veröffentlichte u.a. „1919 – Das Jahr der Frauen“, sowie „Kafka und Felice“, welches 2017 erschien.

Andre Francois-Poncet: Von Versailles bis Potsdam (2)

Von Versailles bis Potsdam Book Cover
Von Versailles bis Potsdam Andre Francois-Poncet Rezensionsexemplar/Sachbuch Europaverlag Hardcover Seiten: 400 ISBN: 978-3-95890-286-2

Inhalt:

Andre Francois-Poncet ist nicht nur ein Freund der deutschen Kultur, kritischer Beobachter und Kommentator der Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen. Er gestaltete sie zu einem Gutteil mit.

Als Diplomat, französischer Botschafter oder Hochkommissar wirkte er im Deutschen Reich und war Beteiligter bei der Vertragsunterzeichnung von Versailles, beobachtete den Aufstieg der Nazis bis zum Kriegsausbruch und setzte sich für die Beziehungen beider Länder als Hochkommissar und später wieder als Botschafter ein.

Zwei Jahre nach der Stunde Null skizzierte er den Weg Frankreichs und Deutschlands von Versailles bis hin zu den Potsdamer Konferenzen nach. Nun wurde dieses Werk neu aufgelegt. (eigene Inhaltsangabe)

Bücher der Reihe:

Andre Francois-Poncet: Botschafter in Berlin 1931-1983 (1)

Andre Francois-Poncet: Von Versailles bis Potsdam (2)

Andre Francois-Poncet: Tagebuch eines Gefangenen (3)

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Rezension:

In der Mitte Europa herrscht Frieden, was nicht zuletzt an den Beziehungen der großen Zwei liegt, die wirtschaftlich und politisch auf vielen Gebieten zusammenarbeiten. Ohne den deutsch-französischen Motor läuft nichts in der Staatengemeinschaft, doch bis zum heutigen Zustand war es ein weiter Weg.

Die kritischen Jahre der Konflikte, die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hat dabei kein Geringerer als Andre Francois-Poncet bereits zwei Jahre nach Kriegsende nachgezeichnet. Dieses Werk wurde nun neu aufgelegt.

Andre Francois-Poncet war Freund der deutschen Kultur und Frankreichs Verbindung zum unberechenbaren Nachbarn. Als Diplomat, Botschafter und späterer Hochkommissar war er an beinahe allen Wendepunkten der Geschichte diplomatischer Beziehungen beider Länder beteiligt und stellte dar, warum sich ein näherer Blick darauf lohnt.

Von Versailles bis hin zu den Potsdamer Konferenzen zeigt er auf, wie sich die beiden gegensätzlichen Pole immer wieder einander berührten und abstießen, schließlich, wie es zum Bruch und später dazu kam, ein neues Kapitel in der Historie aufzuschlagen.

Das Werk indes richtet sich vor allem an seine Landsleute, doch Francois-Poncet verlor zu Lebzeiten nie den Blick auf die deutschen Nachbarn. Vor Schulklassen hielt der Lieblingsdiplomat Hitlers (So genannt, weil er als einer der wenigen Botschafter mit Hitler auf Deutsch kommunizieren konnte.) nach Kriegsende Vorträge und war auch sonst um Verständigung bemüht.

Detailliert beschreibt er die Vorgänge von der Vertragsunterzeichnung in Versailles an, wirft einen kritischen Blick auf Sichtweisen der Politiker beider Länder zu jener zeit, spart dabei auch nicht Fehler aus, die auf beiden Seiten gemacht wurden und zum zweiten Weltenbrand führten, der Millionen Menschen das Leben kostete.

Ohne Gram und Bitterkeit berichtet der Franzose von den Wendepunkte, skizziert diese in logisch aufeinander handlichen Kapiteln so, dass diese Ereignisse und ihre Folgen Laien verständlich werden. Und das ist auch heute noch gut lesbar. Der Autor nimmt sich dort zurück, wo er nicht selbst beteiligt war.

Dies bleibt Anderen vorbehalten, entsprechend zu bewerten. Durchdrungen von der Liebe zur Sprache und Kultur des Nachbarlandes zeigt Francois-Poncet die komplexe Geschichte auf, die erst spät überwunden werden sollte. Nicht zuletzt seine Bemühungen halfen dazu, den Beginn eben dieses Kapitels aufzuschlagen.

In neutraler Tonlage berichtet Francois-Poncet von den Vorgängen im Hintergrund großer Ereignisse und zeigt, dass der Verlauf der Geschichte auch hätte anders sein können. Der Wunsch nach einer Zusammenarbeit und einem friedliebenden Europa schimmert dabei immer durch. Seine Anfänge sollte der Autor noch erleben.

Das komplexe, aber nicht ermüdende Sachbuch ist nun in neuer Auflage erschienen und für alle, die ein tieferes Verständnis für die Beziehungen und die Geschichte beider Länder erlangen möchten, die nicht getrennt voneinander betrachtet werden kann.

Als Abschluss seiner Reihe politischer Erinnerungen, die mit seinen Aufzeichnungen der Botschaftertätigkeit in Weimar und dem Dritten Reich begann, danach über seine Inhaftierung durch das NS-Regime wirft Andre Francois-Poncet einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft, die ohne ihre Vergangenheit nicht so gekommen wäre.

Der Autor ist zu Unrecht beinahe vergessen. Hoffentlich wird die Neuauflage einen gegenteiligen Effekt bewirken.

Autor:

Andre Francois-Poncet wurde 1887 in Frankreich geboren und war Germanist, Politiker und Diplomat, französischer Botschafter in Berlin und später in Rom. Nach dem Krieg begleitete er den Posten des französischen Hohen Kommissars in Deutschland von 1949-1955. Er wurde 1943 von den Deutschen verhaftet.

Nach der Befreiung begleitete er verschiedene diplomatische Posten und fungierte als Präsident des Französischen Roten Kreuzes 1955-1967, ab 1960 als Präsident des Rats der Europäischen Bewegung. Er starb 1978 in Paris.