Peter Wyden: Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichte

Stella Goldschlag - Eine wahre Geschichte Book Cover
Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichte Peter Wyden Übersetzer: Ilse Strasmann Sachbuch Steidl Verlag Erschienen am: 27.02.2019 (Neuauflage) Hardcover Seiten: 384 ISBN: 978-3-95829-608-4

Inhalt:

Stella Goldschlag war blond, schön, intelligent, schlagfertig und vielseitig begabt. In einem anderen Land und zu einer anderen Zeit hätte sie eine glänzende Karriere gemacht, doch Stella war Jüdin und lebte in Deutschland. Um ihre Eltern vor den Deportationszügen zu bewahren, verriet sie untergetauchte Juden an die Gestapo, konnte sie nicht retten und machte dennoch weiter. Mörderisch effizient. Peter Wyden, eins Mitschüler Stellas an der privaten jüdischen Goldschmidtschule in Berlin sprach mit Überlebenden, Zeitzeugen, Historikern und Psychologen, nicht zuletzt, zwei Jahre vor ihrem Freitod, mit Stella selbst. Er urteilt nicht. Peter Wyden erzählt eine wahre Geschichte. (eigene Inhaltsangabe)

Inhalt:

Es ist noch gar nicht so lange her, da machte die Aufarbeitung der Geschichte um die jüdische Greiferin Stella Goldschlag durch Takis Würger Furore. Ein Aufschrei nach dem anderen erfolgte, als der Hanser-Verlag den Roman „Stella“ veröffentlichte und zugleich begannen sich die Leser für die wirklichen Geschehnisse zu interessieren. Doch, während die englischsprachige Ausgabe antiquarisch zu haben war, war die 1999 erschiene Übersetzung längst vergriffen und nur noch zu Phantasiepreisen zu erwerben. So entschloss sich der Steidl-Verlag dieses Werk neu aufzulegen, welches hiermit vorliegt.

Worum geht es? Der Klappentext zusammengekürzt, verrät schon viel und gibt den Umriss eines besonderen Sachbuches. Natürlich kennen wir Leser alle die Berichte von Überlebenden des Nazi-Regims, sowohl der Opfer als auch der Täter, doch gab es natürlich auch Menschen, wie zu jeder Krisenzeit, die irgendwo dazwischen standen. Solch ein Mensch war Stella goldschlag, die in die Gefänge der Gestapo geriet, und begann, um ihre Eltern und ihre eigene Haut zu retten, Berliner Juden zu verraten, die sich vor der Vernichtungsmechanerie der Nazis im Untergrund versteckt hielten.

Ersteres gelang nicht, doch um zumindest das zweite zu erreichen, machte sie weiter, als längst ihre Eltern deportiert werden. Peter Wyden ging nach dem Krieg der Frage nach, warum ausgerechnet Stella Goldschlag diesen Weg einschlug und welchen Lauf ihr Leben nahm, welches sie 1994 durch Selbstmord beendete. Wer war Stella Goldschlag, die „Greiferin“, das blonde Gift?

Es ist ein bemerkenswert differenziertes sachbuch, welches hier neu aufgelegt wurde, vor allem, wenn man um die tatsache weiß, dass sich Autor und Beschriebene seit ihrer Jugend kannten, dennoch so unterschiedliche Wege eingeschlagen hatten und einschlagen mussten. Peter Wyden wollte verstehen und recherchierte als Journalist und Privatmann jahrzehntelang zur Geschichte seiner ehemaligen Klassenkameradin.

Er stöberte in Archiven und Gerichtsakten, sprach mit Zeitzeugen, Opfern und Freunden von Stella Goldschlag, schließlich mit der Hauptperson selbst. Was muss ein Mensch durchmachen, um zu solchen Taten fähig zu sein? In welcher Extremsituation hätte man selbst vielleicht sich zu diesem schmählichen Verrat hinreißen lassen und wann genau kam es zum Knackpunkt, an dem Stella hätte aufhören müssen, wenn man das überhaupt gekonnt hätte? Wäre dies möglich.

Ohne zu werten zeichnet Wyden detailliert Stellas Weg nach, zeigt, wie sie so viele ihrer Mitmenschen an die Nazis verraten konnte und warum Geschichte und Taten sie nicht mehr los ließen, bis zu ihrem Ende. Zeitlos wirkt der Text, tatsächlich kann das Sachbuch auch heute noch gut gelesen werden und ist damit ein wichtiger Grundstein zur Geschichte der Verfolgung der Juden durch das NS-Regime in Berlin.

Im Stil des Journalisten, dem eine Geschichte begegnet und nicht loslässt, arbeitete der ehemalige und dann wiederholte Berliner an diesem Sachbuch, welches zeigt, dass es in besonderen Zeiten besondere Menschen gibt. Leider eben auch im schrecklichen Sinne. Das hat eine ungeheuerliche Qualität, die erdrückend wirkt, wobei Wyden seine journalistischen Fähigkeiten nicht nur in der Recherchearbeit selbst einzusetzen wusste.

Gegliedert, entlang der Lebens- und zeitlichen Abschnitte, durchsetzt mit zahlreichen Quellenangaben, doe vor allem aus Interviews mit Zeitzeugen bestehen, wie sie heute kaum mehr durchgeführt werden können, ist „Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichte“ ein zeitloses Sachbuch und eine Warnung zugleich. Was würden wir tun? Wie weit würde jeder Einzelne von uns gehen, um die eigene Haut zu retten?

Beten wir darum, dies nie erfahren zu müssen. Unabhängig von den Taten der Stella Goldschlag, so verachtenswert sie sind, hatte sie wohl kaum eine Wahl. Peter Wyden bewertet dies nicht, mit seinem Fazit bin ich dennoch nicht ganz glücklich. Davon abgesehen, gibt es hier eine unbedingte Leseempfehlung.

Autor:

Peter H. Wyden wurde als Peter Weidenreich 1923 in Berlin geboren und war ein deutsch-US-amerikanischer Journalist und Autor. Als Kind jüdischer Eltern besuchte er ab 1935 die jüdische Privatschule Dr. Goldtschmidt in Berlin und folh mit seiner Familie 1937 aus Berlin. Er studierte an der City University New York und diente anschließend in der US Army. Ab 1945 leitete er die Lokalredaktion Berlin der Allgemeinen Zeitung und arbeite als Reporter und Redakteur. Seit 1970 veröffentlichte er mehrere Bücher, 1992 auch über Stella Goldschlag, die als „Greiferin“ untergetauchte Juden in Berlin an die Gestapo verriet. Das Buch wurde 2019 neu aufgelegt. Peter wyden starb 1998 in Ridgefield/Connecticut.

Dirk Liesemer: Aufstand der Matrosen

Aufstand der Matrosen Book Cover
Aufstand der Matrosen Dirk Liesemer Rezensionsexemplar/Sachbuch mare Verlag Erschienen am: 14.08.2018 Hardcover Seiten: 232 ISBN: 978-3-8664-8289-0

Inhalt:
Herbst 1918. Nach mehr als vier Jahren Krieg haben die Menschen es satt: das Kämpfen, das Hungern, das Sterben.

Der militärische Zusammenbruch steht unmittelbar bevor – und vor der geplanten Entscheidungsschlacht gegen England regt sich Widerstand unter den Matrosen… Auf eindringliche Weise führt dieses Buch vor Augen, wie aus einem Matrosenaufstand eine landesweite Revolution wurde, die Deutschland für immer veränderte. (Klappentext)

Rezension:
Vier Jahre nach Beginn der Urkatastrophe des 20. jahrhunderts war die Welt eine andere. Im Osten hatten bereits die Bolschewiken den Zaren und seine Familie vom Thron gefegt und damit die über dreihundert Jahre währende Dynastie der Romanows für immer beendet, im Westen versanken die Soldaten im Schlamm und Morast der Schützengräben.

Verwundete Kriegsheimkehrer und die immer schlechtere Versorgungslage im Land ließen die anfängliche Kriegsbegeisterung in sich zusammenschrumpfen, von der 1918 kaum mehr etwas übrig war. Der Krieg war verloren, die Bedingungen der Sieger würden hart werden, und doch wollten die meisten Menschen ein Ende der Kämpfe. So genügte ein kleiner Funke, der das Fass zum Überlaufen brachte und auch deutschland für immer veränderte.

Dirk Liesemer hat sich aufgemacht und anhand zahlreicher Biografien die Ereignisse um den Matrosenaufstand in Kiel und dessen Folgen recherchiert. Minutiös konstruiert er mit Hilfe von Personengeschichten, wie einzelne Akteure plötzlich das politische Geschehen bestimmten, die alte Ordnung in Frage stellten und schließlich stürzten.

Dabei konzentriert sich der Autor und Journalist nicht nur auf später wichtig werdende Persönen, wie Scheidemann oder Karl Liebknecht, sondern vor allem auch auf die Matrosen, die sich nicht als letztes Kanonenfutter missbraucht sehen wollten. Eindringlich schildert er in kurzweiligen Kapiteln abschnittsweise die Ereignisse, die sich in immer schnellerer Folge verselbstständigten, über die einige Akteure schnell selbst die Kontrolle verloren und zum Dasein als Zuschauer verdammt waren.

Gegliedert ist das alles nach Daten und Orten, so dass der Leser schön mitverfolgen kann, wie sich ein örtlich begrenzter Aufstand über das ganze Land verbreitete, wunderbar recherchiert anhand von Tagebucheinträgen, Briefen und Zeitungsausschnitten.

Wir begegnen Personen wie den Manns, Rilke oder Ringelnatz, später wichtig werdenden Politikern wie Scheidemann oder Adenauer, und verfolgen die Ereignisse um die Abdankung des letzten Hohenzollern Wilhelm II., der die Welt einst ins Unglück gestürzt hatte.

Der Verlauf der Geschichte und die Folgen, auch die späteren, sind bekannt, weniger jedoch die einfacher Soldaten oder Matrosen, die für wenige Tage eben diesen mitbestimmten. Eindrücklich lässt der Autor die Stimmung der Zeit wieder aufleben und zeigt die Kette der Ereignisse in ihrer ganzen Unausweichlichkeit.

Ein kleiner Ausschnitt aus der Geschichte, differenziert und ausführlich dargestellt, liegt mit „Aufstand der Matrosen“ hier den Lesern vor und wird so fass- und nachvollziehbar. Dirk Liesemer macht den Wendepunkt über Personen fest und zeigt, wie schnell diese Veränderungen Deutschland beeinflussten und wo vielleicht die Grundsteine für spätere politische Folgen gelegt wurden.

Dies gelingt gut, wenn man sich auch an manchen Stellen etwas mehr Tiefe und Erläuterungen gewünscht hätte. Ansonsten ist dies eine gute Ergänzung zur bereits bestehenden Literatur.

Autor:
Dirk Liesemer wurde 1977 geboren und ist ein deutscher Journalist und Autor. Nach der Schule studierte er Philosophie und Politologie in Münster und Rennes. Anschließend besuchte er die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. Für verschiedene Zeitungen arbeitete er als Redakteur in Münschen und Berlin, ist heute freiberuflich als Journalist tätig.

Er ist Mitglied des Berufsverbands freier Journalisten und Journalistinnen „Freischreiber e.V.“ und veröffentlichte bereits mehrere Bücher (u.a. Das Lexikon der Phantominseln). Liesemer lebt in Leipzig.

Reinhard Kuhnert: In fremder Nähe

Inhalt:

Elias Effert ist Theatermann. Stückeschreiber, Regisseur und Liedermacher und feiert in der DDR große Erfolge, bis er zu sehr mit seinen Texten aneckt. Der Geschasste verlässt die DDR, nur einer holt ihn in Westberlin ab. Joachim, Chef eines Westberliner Theaters, will helfen.

Doch, Elias ist skeptisch, nach und nach stellen sich jedoch erste Erfolge ein. Effert erlebt aber auch die Zweifel und Schwierigkeiten, ein Westler zu werden. Eine Welt wurde ihm fremd, die andere wird nie ganz nah. Nach Jahren öffnet sich für Elias ein völlig unerwarteter Weg. (eigene Inhaltsangabe).

Rezension:

Wenn man den Umschlagstext und die Inhaltsangabe eines großen Verkaufsportals auf diese art und Weise zusammenfasst, könnte man fast den Eindruck bekommen, man hätte es hier mit einer spannenden und wendungsreichen Thematik zu tun, wird aber gleichsam auf den ersten Seiten enttäuscht werden. Und die gehören schon zu den spannendsten, welche der Künstlerroman zu bieten hat.

Geschrieben hat ihn Reinhart Kuhnert, der hier als Theatermensch seine eigene Biografie verarbeitet hat und von den Schwierigkeiten erzählt, zwischen Tür und Angel, in diesem Fall zwischen Ost und West zu leben und nirgendwo so richtig anzukommen.

Und genau das passiert zunächst auch mit den Leser. Vielleicht liegt es daran, dass mir das bewusste Erleben der DDR- und Wendezeit fehlt, jedenfalls ist das anfangs noch verständliche Verhalten und Denken des Hauptprotagonisten, welches ihn zu einer durchaus wandelbaren und interessanten Figur hätte machen können, mir sehr schnell gehörig auf die Nerven gegangen. Diese ständigen Selbstzweifel, das Jammern wird mit der Zeit so unerträglich, dass es auch nicht hilft, dass man aufgrund des Erzählstils geradezu durch die Seiten fliegt.

Zu nennen sind die beiden Hauptfiguren, Effert zum einen und zum anderen Kramert, die gleichsam gegensätzliche Pole ihrer Orientierung bilden, denen man jedoch beide gegen eine Ziegelmauer stoßen möchte. Fast möchte man beiden Protagonisten zu schreien, man kann sich aber auch anstellen.

Ansonsten bewegt sich außer der dahinplätschernden Handlung nicht viel. Sinnsuche, vielleicht nicht ohne Sinn aber ohne Ergebnis und irgendwie habe ich das von diesen Roman erwartet. War dann vielleicht auch ein Fehler von mir.

Interessant ist die Verschmelzung der Geschichte des Autors mit der seines Protagonisten. Hier erweißt sich das Reale wieder einmal spannender als die gesponnene Geschichte. Kuhnert hat selbst eine Dissidentenbiografie vorzuweisen und ging in den 1980er jahren in den Westen, musste als Künstler praktisch von Null auf starten, verarbeitete mit diesem Roman wahrscheinlich all die Gedanken, die ihn seither begleiteten.

Er verwendete dafür reale Texte, die er selbst für verschiedene Theaterbühnen schrieb und legte sie seinen Protagonisten in den Mund oder in der Füllertinte. Solch einen Kniff zu verwenden ist stark. Um so bedauerlicher, dass Kuhnert nicht mehr daraus gemacht hat als diesen Roman, der mich fragend zurücklässt und farblos erscheint.

Vielleicht wirkt die Geschichte anders, wenn man selbst eine ähnliche Biografie aufweisen kann oder zumindest der Generation des Autoren angehört oder dessen Berufsgruppe? Mir fehlte leider der Zugang.

Autor:

Reinhard Kuhnert ist Schauspieler, Regieassistent und Regisseur und arbeitete an verschiedenen Theatern in der DDR, später in Westberlin und im Ausland.. Bis 1983 wirkte er als erfolgreicher Dramatiker in Ostberlin, bevor er nach zunehmenden Konflikten mit der Zensur und den folgenden Rauswurf aus den Schriftstellerverband der DDR nach Westberlin übersieltelte.

Er schreibt Stücke für Theater, Funk und Fernsehen aber auch Romane und Gedichte.Von 1994 bis 2007 lebte er in Galway/Irland und war dort Gastdozent der dortigen Universität, sowie 2006 an der Universität und dem Victorian College of Arts Melbourne. Er erhielt 1999 den Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlins und 2017 die Goldene Schallplatte.

Reinhard Kuhnert
In fremder Nähe
Seiten: 272
ISBN: 978-3-9818484-9-6
mirabilis Verlag

Maxim Leo: Wo wir zu Hause sind

Inhalt:

Wenn vier Menschen um einen Tisch sitzen, dann ist Maxim leos Berliner Familie schon fast vollständig versammelt. Die vielen anderen Leos, die in den 30er-Jahren vor den Nazis flohen, waren immer fern, über den ganzen Erdball verstreut. Zu ihnen macht er sich auf, nach England, Israel und Frnkreich, und erzählt ihre unglaublichen Geschichten.

Die von Hilde, der Schauspielerin, die in London zur Millionärin wurde. Die von Irmgard, der Jura-Studentin, die einen Kibbuz in den Golanhöhen gründete. Die von Ilse, der Gymnasiastin, die im französischen Untergrund überlebte. Und die ihrer Kinder und Enkelkinder, die jetzt nach Berlin zurückkehren, in die verlorene Heimat ihrer Vorfahren. (Klappentext)

Rezension:

In Interviews mit Schriftstellern fällt öfter der satz, am besten schreibe man über das, was man kennt. Doch, schon bei der eigenen Familiengeschichte wird es schwierig, ist sie doch etwas, was meist episodenhaft in den Köpfen einzelner Familienmitgleider herumgeistert und zumeist nicht tiefgehender erläutert wird. Wer wagt es schon, alte Wunden aufzureißen, genauer nachzufragen?

Wie wirken sich Entscheidungen, die einzelne Familienmitglieder Generationen zuvor getroffen haben, auf ihre Nachfahren aus und gibt es so etwas, wie ein kollektives Familiengedächtnis? Maxim Leo meint ja, und begibt sich auf Spurensuche quer über den Erdball zu den Wurzeln seiner Familie.

Die Geschichte seiner Familie ist vor allem in der beginnenden Verzweigung der 30er-Jahre die Geschichte von Frauen, denen besonderes abverlangt wurde in besonderen Zeiten. Der Autor führte Interviews mit den Nachfahren, Kindern und Enkeln und findet sich plötzlich wieder im Strudel der Geschehnisse, die die Familie quer über den Erdball verteilten und nur ein paar Leos in Berlin zurückließen. Die Stadt, in der alles ihren Anfang nahm.

Einfühlsam und emotional müssen die langen Gespräche gewesen sein, die Maxim Leo mit unzähligen Mitgliedern geführt haben muss und so spürt er minutiös seiner eigenen Vergangenheit nach oder dem, was heute noch nachwirkt. Das ist beeindruckend und macht nachdenklich, aber auch Lust, die eigene Familiengeschichte mal etwas näher zu betrachten, mal etwas tiefgehender zu hinterfragen.

Ungemein spannend beschreibt er die Besonderheit der Zeit, der seine Vorfahren ausgesetzt waren, aber auch, dass die drei Frauen, deren Kinder, Enkel und Urenkel, heute in Wien, Haifa, London und im ländlichen Frankreich zu Hause sind, nicht zum Opfer werden wollten, sondern für sich und ihre Nachkommen ums Überleben gekämpft haben.

Er vollzieht die Geschichte nach und die Erkenntnis, dass wir vielleicht weniger selbst entscheiden als in unserem kollektiven Gedächtnis festgelegt ist, folgt auf den Fuße. Bleibt die Frage, warum man jemand anderes Familiensagen sich zu Gemüte führen sollte? Ganz einfach, weil Familie eben das ist, was man sich nicht aussuchen kann, was bleibt und was wir zu dieser machen. Zudem ist es interessant zu erfahren, wie ähnlich und doch verschieden sich manche Biografien verhalten und dass eben nicht alles so „warm und selbstverständlich“ ist, wie es zunächst scheint.

Autor:

Maxim Leo wurde 1970 in Ost-Berlin geboren und ist ein deutscher Journalisst, Drehbuchautor und Schriftsteller. Nach einer Ausbildung zum Chemielaboranten holte er 1990 das Abitur nach und studierte zunächst Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin, sowie in Paris. Er war Nachrichtenredakteur bei RTL und seit 1997 ist er zudem Redakteur bei der Berliner Zeitung.

2002 bekam er für seine Arbeit den Deutsch-Französischen Journalistenpreis, 2006 den Theodor-Wolff-Preis verliehen. Er ist Autor mehrerer Spaß-Bücher, sowie 2011 eines biografischen Werkes, wofür er 2011 den Europäischen Buchpreis erhielt. 2018 erschien mit „Wo wir zu Hause sind“ ein weiteres biografisches Buch. Leo schreibt Drehbücher für die Serie „Tatort“ und lebt mit seiner Familie in Berlin.

Maxim Leo
Wo wir zu Hause sind
Seiten: 368
ISBN: 978-3-462-05081-3
Kiepenheuer & Witsch

Christian Hardinghaus: Die Spionin der Charite

Inhalt:

Lily Kolbe, ehemalige Sekretärin des weltbekannten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch zerreißt wütend die Zeitung, als erneut an das Hitler-Attentat und den Widerstand um Stauffenberg erinnert wird, die Welt aber nichts vom Widerstand einer kleinen Gruppe bekannt ist, die sich innerhalb der Berliner Charite zu Kriegszeiten gebildet hatte.

Die acht Mitglieder hatten sich geschworen, ihre Aktionen geheim zu halten, doch jetzt will Lily ihr Schweigen brechen. Sie wendet sich an Eddie Bauer, einem Journalisten, erzählt ihre Geschichte, und bringt damit einen Stein ins rollen, der die Geister der Vergangenheit weckt. Plötzlich wird Lily von längst vergessenen Feinden bedroht, auch der Journalist verhält sich merkwürdig. Wen kann sie noch trauen? (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:

Es liegt in der Natur der Sache, dass ich mich schwer tue, wenn historischer Stoff ins Fiktionale übersetzt wird und aus wahren Begebenheiten eine Geschichte gestrickt wird. Tatsächlich bin ich jetzt kein Fan von historischen Romanen, zumal, wenn ich die Hintergründe der wahren Begebenheit kenne.

In sofern war es ein Fehler, das Sachbuch zur Thematik zuerst gelesen zu haben und erst dann den Roman, dennoch liegt mit „Der Spionin der Charite“ von Christian Hardinghaus im Europaverlag nun ein würdiges Äquivalent zum Sachbuch vor, welches der gleiche Autor über den Chirurgen der Charite, Ferdinand Sauerbruch, geschrieben hat.

Der Handlungsort des Romans ist dann auch im Wesentlichen die berühmte Klinik selbst, doch zunächst geht es etwas weniger weit zurück in die Vergangenheit. Der Leser erlebt Lily Kolbe, als wiederholt über das Attentat des 20. Juli 1994 berichtet wird. Es ist Jahrestag des selben und die ehemalige Sekretärin des oben erwähnten Chirurgen ärgert sich darüber, dass niemand vom ebenso mutigen Widerstand der Mitarbeiter der Klinik weiß.

Natürlich selbst schuld, da sich die Mitglieder des kleinen „Donnerstagclub“ geschworen hatten, niemanden etwas von ihren Aktionen zu sagen, doch in Lily brodelt es. Sie beschließt, den Journalisten Eddie Bauer zu kontaktieren und ihm ihre Geschichte zu erzählen. Doch, die Vergangenheit holt sie schneller ein als ihr lieb ist. Bald weiß sie nicht mehr, wen sie noch trauen kann. Auch Bauer verhält sich zunehmend merkwürdig.

Dies ist das Grundgerüst der Geschichte, die in größeren Abständen zwischen den Zeiträumen und damit auch der Handlungsebene wechselt. Mehr sei zum Inhalt jedoch auch nicht verraten. In kurzweilig einschlägigen Kapiteln schreitet die Handlung voran. Erst langsam, dann mit zunehmenden Tempo. Die Hauptprotagonistin gewinnt mit zunehmender Seitenzahl an Tiefe. Wahrheit und fiktion wurden hier, Zeile für Zeile, gekonnt miteinander verwoben.

Die Wendung zum Ende hin ist logisch, erfolgt aber gefühlt etwas zu abrupt. Das funktioniert, wenn man das Sachbuch „Ferdinand Sauerbruch und die Charite – Operationen gegen Hitler“ noch nicht gelesen und sich allgemein mit der Geschichte zu wenig beschäftigt hat. Anderenfalls verliert sich ein wenig die Wirkung, die der Autor erzielen wollte.

Hier hätten der Geschichte noch zwanzig bis fünfzig Seiten mehr gut getan, um die Lücke zu füllen, was aber durchaus anders sein kann, wenn man zuerst dieses Werk und dann das Sachbuch liest. Diesen kleinen Abstrich muss ich hier machen, kann jedoch ansonsten eine Empfehlung aussprechen für die, die gerne neuzeithistorische Romane lesen und etwas über ein wenig bekannteres Kapitel der deutschen Geschichte erfahren bzw. sich erst einmal da herantasten möchten. Es funktioniert.

Autor:

Christian Hardinghaus wurde 1978 in Osnabrück geboren und ist ein deutscher Historiker, Schriftsteller und Fachjournalist. Nach seinem Studium der Geschichte, Literatur- und Medienwissenschaft (Film und TV) promovierte er an der Universität Osnabrück im Bereich Propaganda- und Antisemitismusforschung.

Im gleichen Jahr absolvierte er den Lehrgang Fachjournalismus an der Freien Journalismusschule. 2016 erwarb er zudem den Abschluss für das gymnasiale Lehramt in den Fächern Deutsch und Geschichte. Er ist Autor zahlreicher Sachbücher und Romane. Hardinghaus lebt in Osnabrück.

Christian Hardinghaus
Die Spionin der Charite
Seiten: 240
ISBN: 978-3-95890-237-4
Europaverlag

Christian Hardinghaus: Ferdinand Sauerbruch und die Charite

Inhalt:

Ungeachtet seiner medizinischen Verdienste zählt Ferdinand Sauerbruch zu den umstrittensten Ärzten des letzten Jahrhunderts. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg dominierte ein fast heroisches Bild des Menschen und Mediziners, der ab 1928 als Professor für Chirugie an der Berliner Charite arbeitete. Dafür gesorgt hat er teilwesie selbst, doch seit Beginn unseres Jahrhunderts wird der Blick zunehmend kritischer.

Sympathie, ja sogar Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten, wirft man dem Chirugen vor. Christian Hardinghaus begab sich auf Spurensuche und recherchierte. Herausgekommen dabei ist die erste umfassende Biografie dieses Arztes. Quellen belegen seinen Einsatz für Juden und andere politisch Verfolgte und Sauerbruchs Unterstützung des Widerstands gegen Hitler. Der Mediziner Ferdinand Sauerbruch muss neu bewertet werden. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:

Das berühmteste und bekannteste Krankenhaus Deutschlands, die Charite, hat eine lange und wechselhafte Geschichte vorzuweisen, die immer wieder auch medizinische Standards setzte und bedeutende Ärzte und Forscher hervorbrachte. Zu den Bekannteren unter ihnen gehört nicht zuletzt Ferdinand Sauerbruch, der in den 1930er Jahren dort als Chirug arbeitete und dessen Ruf ihn vorauseilte.

Doch, war er wirklich der „Halbgott in Weiß“, als der er in einer mit Hilfe eines Ghostwriters geschriebenen Biografie dargestellt wurde oder eher ein Kollaborateur der Nazis, wie ihn spätere Berichte nannten? Der Journalist und Autor Christian Sauerbruch begab sich auf Spurensuche. Herausgekommen dabei ist eine umfassende, alle Aspekte beleuchtende, Biografie.

Der Autor beginnt bewusst nicht mit der Geschichte Sauerbruchs selbst, sondern stellt zunächst in Kurzform die des Krankenhauses vor, was erklärt, warum die Charite später die Bedeutung erlangen konnte, die sie noch heute inne hat. Erst dann widmet sich Hardinghaus den Privat- und Berufsmenschen Sauerbruch und beschreibt, gestützt auf Tagebücher, niedergeschriebene Augenzeugenberichte und Archivmaterial, minutiös den Aufstieg und Werdegang eines Schülers zum Studenten, bis hin zum später bedeutenden Arzt.

Seine Genialität, die ihm half, medizinische Unterdruckkammern zu entwickeln, mit denen erstmals Operationen am offenen Brustkorb möglich wurden, wird ebenso beleuchtet, wie die eigene Entwicklung von protesen für Geschädigte des Ersten Weltkrieges, aber auch außergewöhnliche medizinische maßnahmen, die landesweit Aufsehen erregten.

Der Autor geht dabei sehr tief ins Detail und beleuchtet diese, wie auch die persönliche, etwas schwierigere Seite eines Mannes, den später vor allem in drei Punkten seines Lebens Anschuldigungen treffen sollten, die den Ruf des Mediziners auseinander nahmen.

Doch, was ist an den Kritikpunkten dran, auch dies verliert der Autor nicht aus den Blick. Jeder einzelne wird beleuchtet, Hintergründe erklärt und im Spiegel des Zeitgeschehens und dem, was wir heute wissen, beleuchtet.

Herausgekommen ist eine lesenswerte und vor allem kurzweilige Biografie, die ein differenziertes Bild auf einen Mediziner ermöglicht, dessen Wirken auch in Kriegszeiten weit über die Grenzen Deutschlands Beachtung fand, ihn und die direkt mit ihn in Kontakt Gestandenen schützten und vor allem ein Stück Berliner Personengeschichte, die nicht vergessen werden sollte.

Anhand von Augenzeugenberichten, Tagebucheinträgen und Archivmaterial, aufgelockert durch Fotografien und Skizzen, etwa medizinischer Apparaturen, ist ein bedeutendes Stück Medizingeschichte zu lesen. Selbst für medizinische Laien.

Der Schreibstil von Hardinghaus packt wie in einem Roman, nur dass mit „Ferdinand Sauerbruch und die Charite“ fast ein literarisches Sachbuch vorliegt. Wobei das Sachbuch eindeutig überwiegt. Die Recherchearbeit merkt man dabei auf jeder einzelnen Seite, das wirkliche Interesse, die Person zu ergründen, ebenso.

Der Autor zeigt einen Mann zwischen Berufsethos, Anpassung und Widerstandsgeist, Genie und Wahnsinn und einen besonderen Menschen in besonderer Zeit, der sich für nicht besonders hielt, seiner Wirkung aber bewusst war. Skalpell bitte.

Autor:

Christian Hardinghaus wurde 1978 in Osnabrück geboren und ist ein deutscher Historiker, Schriftsteller und Fachjournalist. Nach seinem Studium der Geschichte, Literatur- und Medienwissenschaft (Film und TV) promovierte er an der Universität Osnabrück im Bereich Propaganda- und Antisemitismusforschung.

Im gleichen Jahr absolvierte er den Lehrgang Fachjournalismus an der Freien Journalismusschule. 2016 erwarb er zudem den Abschluss für das gymnasiale Lehramt in den Fächern Deutsch und Geschichte. Er ist Autor zahlreicher Sachbücher und Romane. Hardinghaus lebt in Osnabrück.

Christian Hardinghaus
Ferdinand Sauerbruch und die Charite
Seiten: 234
ISBN: 978-3-95890-236-7
Europaberlag

Reprint: Deutscher Schulatlas von 1910

Titel: Deutscher Schulatlas – Reprint der deutschen Originalausgabe von 1910
Seiten: 56 + herausnehmbarer Stadtplan von Berlin
ISBN: 978-3-9612-8356-7
Verlag: Delphin

Kurzblick: Berlin im Wandel

Alte Pläne faszinieren mich. Ich liebe es, Karten aufzuklappen und mit Augen und Fingern zu erkunden, Orte zu entdecken, die ich aus unserer Zeit heraus kenne oder noch aus dem Geschichtsunterricht in Erinnerung habe, historischen Ereignissen nachzuspüren und einzutauchen in eine Welt, die nicht die meine ist. Für Berlin ist das jetzt möglich. Die Metropole an der Spree ist bei Touristen ohnehin beliebt. Kunst, Kultur und Geschichte sind praktisch auf jeden Quadratmeter erlebbar. Vor kurzem feierte die Serie „Babylon Berlin“ die Zeit der 1920er Jahre so spannend wie nie zuvor, und überdies lassen sich an jeder Ecke spannende Geschichten nachempfinden. Jetzt geht das auch anhand von historischen Stadtplänen.

Kaum eine andere Stadt hat so viel erlebt, wie Berlin selbst und kaum ein ort so viele Veränderungen erfahren. Dies erlebbar zu machen, hat sich der Verleger Gerd Gauglitz, der mit seinem Stadtplänen nicht nur den modernen Berliner versorgt, sondern auch Historisches nachfühlbar macht. In zwei Mappen kommen die insgesamt acht Pläne daher, die eine Stadt im Wandel zeigen.

Titel: „Berlin – Vier Stadtpläne im Vergleich – 1742-1875-1932-2017“
Autor/Verleger: Gerd Gauglitz
4 faltbare Stadtpläne, ein beidseitig bedrucktes Informationsblatt
ISBN: 978-3-933502-44-5
Verlag: Edition Gauglitz

Die erste Mappe, etwas größer als A5 sind sie beide, enthält aufgeklappt die Stadtpläne der Spreemetropole von 1742, 1875, 1932 und 2017. Kommentiert in einem eingelegten Faltblatt, kann man die Entwicklung vom Dorf zur Großstadt beobachten. es wird erklärt, welche städtischen Merkmale und markanten Punkte damals geschaffen wurden, wichtig waren, um bereits ein knappes jahrhundert der Stadtplanung lästig zu werden. Es wird berichtet, was aus der zeit die Wendungen der Geschichte überlebt hat und welche Grundzüge der Stadt heute noch erkennbar sind. Die Stadtpläne lassen sich dabei einzeln aufklappen, leider noch nicht herausnehmen, wie in der zweiten Mappe. Macht aber nichts. Die Aufmachung ist sehr handlich. Eine umständliche Falterei, wie bei manch modernen Stadtplan, der das heutige Berlin zeigt, ist nicht notwendig.

Edition Gauglitz: „Berlin – Vier Stadtpläne im Vergleich – 1742-1875-1932-2017“

Die Stadtpläne sind, wer jetzt auch ein historisches Design erwartet, allesamt modern gehalten. Dies ermöglicht eine schnelle Orientierung und die Schaffung eines guten Überblicks. das moderne Auge muss sich an nichts anderes gewöhnen, als es es etwa von Google Maps kennt.

In der zweiten Mappe dagegen, finden sich die Stadtpläne aus den Jahren 1840, 1953, 1988 und ein Gedankenspiel, Hitlers „Germania“ um 1950. Das gleiche Spiel, bloß kann man die Karten komplett herausnehmen. Sie sind nicht an der Mappe selbst angeleimt und so ist das alles noch handlicher. Fast ist es so, als könnte man sich auf eine Zeitreise begeben und mit diesen Plan durch das Berlin des jeweiligen Jahres gehen. erlebbar wird die Geschichte, wenn man sich etwa an Erzählungen und Berichten über den Volksaufstand 1953 erinnert oder an das letzte Jahr des eingemauerten Westberlins. Auch  hier ist der moderne Look verknüpft mit den historischen Gegebenheiten ein Blickfang. Man bekommt ein Gefühl für die jeweilige Zeit und den Anforderungen der Stadtplanung.

Auch hier ist das ganze wieder in einem separaten Faltblatt kommentiert.

Besonderheit der Ergänzungspläne ist indes der vierte Plan. Der zeigt das Zentrum der Welthauptstadt „Germania“ um 1950, also jenes Hirngespinst Hitlers, welches nach den Plänen der Nazis nach dem Krieg verwirklicht werden sollte. Sogar ein Modell wurde in Teilen schon gebaut, zu sehen im Film „Der Untergang“ und heute in den Räumen des Vereins Berliner Unterwelten e.V. . Ein Großteil davon blieb, Gott sei Dank, unverwirklicht. Nur einzelne Gebäude aus dieser Zeit gibt es noch heute. Was die Nazis der historischen Bausubstanz Berlins angetan hätten, lässt sich hier nachvollziehen.

Titel: „Berlin Ergänzungspläne – Vier Stadtpläne im Vergleich -1840-1953-1988 und 1950 ‚Germania‘ „
Autor/Verleger: Gerd Gauglitz
4 herausnehmbare Stadtpläne, ein beidseitig bedrucktes Informationsblatt
ISBN: 978-3-933502-45-2
Verlag: Edition Gauglitz 

Gerd Gauglitz hat in dieser Edition Geschichte nachfühl- und erlebbar gemacht und zumindest gedanklich mit den Finger auf den Stadtplan eine Zeitreise ermöglicht. Vom Dorf zur Metropole, in all seinen Facetten und Wandlungen, wird nicht nur die Zeit des „Babylon Berlin“ erlebbar. Für Geschichtsfans und Liebhaber von alten Plänen und Interessenten an Architektur und historischen Ereignissen, sind diese beiden handlichen Mappen ein unbedingtes Muss. Viel Spaß also, bei der nächsten Zeitreise.

taztageintagaus – ein kurzblick

Journalisten behandeln Literatur-Blogger, besonders im Blick auf das Feuilleton, ja nicht immer freundlich, wie einige Artikel in der Vergangenheit bewiesen haben, doch eine Zeitung war mutig und ich durfte mir diese mal genauer anschauen, was meint, das Gebäude und die Redaktionskonferenz.

Grund genug für einen Kurzblick.

In Zeiten immer höherer Medienkonzentration ist es schon ein besonderes Zeichen, wenn eine Zeitung sich ein neues Gebäude leistet, doch eben dieses hat die taz gesetzt, als sie kürzlich das neue Gebäude in der Friedrichsstraße bezogen hat. Vormals in der Rudi-Dutschke-Straße beheimatet, entsteht hier, auch in Sichtweite des kompletten Gegensatzes Axel-Springer-Verlags, der in Sichtweite immer mehr Medienkonzentration anhäuft und doch auch mit schrumpfenden Leserzahlen zu kämpfen hat.

Seit 1977 über das Projekt einer linken Tageszeitung nachgedacht wurde, steht diese Zeitung für streitbaren, aber immer unabhängigen Journalismus. Doch, was macht diesen aus? Wie werden die Themen ausgewählt, nach welcher Relevanz und wie läuft eine Nachbetrachtung und Aufbereitung der Themen ab, bevor eine Zeitung in den Druck geht, bevor auf den Internetportalen der Druckmedien die neuesten Nachrichten und auch sonst Informationen erscheinen.

Immer mehr Menschen ist dies unklar, um so wichtiger ist eine Möglichkeit, die die taz ihren Lesern und auch sonst bietet. Nach Voranmeldung kann man an der Redaktionskonferenz teilnehmen und schauen, wie Journalismus funktioniert. Welche Themen waren am Vortag relevant, was ist im Laufe des Tages in Deutschland und der Welt geschehen und wie wurde das präsentiert?

Von der Konkurrenz und sich selbst. Tiefer ins Detail darf ich hier nicht gehen, kann hier aber berichten, dass ich positiv überrascht war, wie diskutiert wurde und dass es wünschenswert ist, dass gerade diese Zeitung gegenüber der Medienkonzentration verschiedener Konzerne bestehen bleibt. Auf die nächsten 40 Jahre, im neuen Gebäude an der Friedrichsstraße.


Die Unabhängigkeit der Zeitung…

Um die Unabhängigkeit einer Zeitung zu wahren, hat die Tageszeitung taz den Weg einer genossenschaftlichen Organisation gewählt. Dies funktioniert so, wie man es etwa von einigen Wohnungsgesellschaften kennt, die ähnlich funktionieren. Man hinterlegt einen Kapitalanteil, im Falle der taz 500 Euro Mindestbeitrag (Ratenzahlung ist möglich), in einem Topf und wirkt so am Erhalt der Unabhängigkeit einer zwar kleinen, aber meinungsstarken Zeitung mit.

Wer wer wissen will, hier sind noch mehr Informationen zu finden.

Die taz besichtigen, so geht’s.
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LCB 2018 – Das Sommerfest von Kiepenheuer & Witsch und Galiani Berlin

Zwischen Koffern und Karl May

Die Verlagsschauen finden hierzulande eher in Frankfurt/Main oder in Leipzig statt, doch auch die Hauptstadt hat literarisch einiges zu bieten. Einige Schriftsteller leben und wirken hier, ein paar Verlage haben hier ihren Sitz und unterschlagen darf man auch nicht die Geschichte des literarischen Lebens der Stadt, welches sich weit zurückverfolgen lässt.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass es in Berlin auch Refugien gibt, von denen ausgehend Schriftsteller und Übersetzer gefördert werden, die als Talentschmiede und Werkstatt für Autoren dienen, wie etwa das Haus des Literarischen Colloquiums Berlin.

Seit über 50 Jahren eine Adresse für Literatur. Das Haus des Literarischen Collegiums in Berlin.

Seit über 50 Jahren schon, verschreibt man sich dort dem gedruckten Wort und mittlerweile sind die Sommerfeste, die jeweils von ein bis zwei Verlagen pro Jahr ausgerichtet werden dürfen, legendär. Diesmal waren Kiepenheuer & Witsch aus Köln und Galiani Berlin dran, diesen literarischen Höhepunkt am Wannsee zu gestalten.

Doch, wie es eben so ist, schien die Veranstaltung zunächst einmal ins Wasser zu fallen. Da hat man schon einen vermeintlichen Jahrhundertsommer und oft genug Temperaturen jenseits der Schmerzgrenze, ausgerechnet an den Tag erwischt man Regen. Zumindest am Anfang kam ein wenig davon herunter. Im Laufe des Tages klärte der Himmel aber wieder auf.

Der Andrang war riesig, das Programm klein, jedoch sehr ausgewogen. Auch ich hatte mir viele Punkte herausgesucht und los ging’s dann auch nach einer kleinen Eröffnungsansprache der Verlage.

Der erste Programmpunkt, den ich mir herausgesucht hatte, war die Vorstellung des Kriminalromans „Die fehlende Stunde“ von Dinah Marte Golch, die einen eher psychologischen als typischen Ermittler-Krimi geschrieben, und sich beim Schreiben sehr am Drehbuchstil orientiert hat, der sonst ihre Arbeit bestimmt.

Sie ist nämlich eigentlich Drehbuchautorin für Fernsehreihen, wie etwa der „Tatort“. Und so schreibt sie auch, zumindest, was der erste Vorlese-Eindruck erahnen lässt. Dicht, kompakt, die Handlung scheint rasant zu sein und irgendwie packend ist das ganze auch. Das Publikum hing jedenfalls an ihren Lippen. Ist doch ein gutes Zeichen, oder?

Christian Neidhart (Mod.) im Gespräch mit Dinah Marte Golch.

Weiter ging es mit Peter Littger, der über die Vermischung der deutschen und englischen Sprache redete. Und sein neues Buch vorstellte, was nicht eine amüsante Auseinandersetzung mit dieser Problematik in Schriftform werden wird, sondern eine Bilder-Sammlung von Schildern, die in der Öffentlichkeit ob des Denglischen für den einen oder anderen amüsanten Lacher sorgen könnten.

Interessant, dass er zwar einerseits das Kritische daran sah, andererseits aber auch sich für kreative Wortspiele der Vermischung der beiden Sprachen offen zeigte. Schön, dass man das so locker sehen kann. Diese Sichtweise hat mir gefallen. Ob das Buch es aber auf meine Wunschliste zeigt, weiß ich nicht wirklich.

Das kann man eher von einem anderen sagen. Philipp Schwenke berichtet „Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste“, erfunden von ihm selbst, wie der weltbekannte Schriftsteller Karl May sich einst seine Geschichten zusammensponn. Das ist interessant, witzig und voller eingewobener Informationen, die Karl May hinterher ganz anders aussehen lassen, als der das selbst den Leuten einst glauben machen wollte. Philipp Schwenke ist übrigens nicht nur Autor, er kann auch ganz wunderbar darüber erzählen.

Martin Breitfeld (Mod.) im Gespräch mit Philipp Schwenke.

Von Maxim Biller, der war auch da, weiß ich hingegen noch nicht, was ich halten soll. Das langjährige, jetzt ehemalige Mitglied des Literarischen Quartetts (ZDF) stellte seinen Roman „Sechs Koffer“ vor, las ein paar Seiten und sprach dann lieber mit den Moderator der Veranstaltung sehr zum Amüsement des Publikums. Biller selbst gab sich ganz unprätentiös.

Mit diesen Menschen möchtest du aber nicht sprechen, wenn du anderer Meinung bist. Der Autor, der selbst keine Lesungen sonst gibt, und den auch die anschließende Signierstunde schon zu viel war, so mein Eindruck, ist mit Vorsicht zu genießen. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass der Roman meinen Eindruck etwas abmildert.

Maxim Biller, interviewt von Jörg Thadeusz (Mod.).

Tijan Sila hisste indes „Die Fahne der Wünsche“, so zumindest sein neuer Buchtitel. Das Leben junger Menschen in einem fiktiven Staat, der überall auf der Erde sein könnte und welch revolutionäre Kraft ein Flipper-Automat eigentlich hat, besprach er mit so viel Witz und Humor, dass auch das Buch demnächst irgendwann gelesen werden wird. Zumindest habe ich es mir vorsorglich gekauft.

Tijan Sila und Mona Leitner (Mod.).

Kiepenheuer & Witsch und Galiani Berlin begreife ich als Verlage für Bücher, denen man nicht immer unbedingt auf den ersten Blick ansieht, was in ihnen steckt. Das meine ich jetzt im übertragenen und im positiven Sinne. Vor allem aber sind die beiden Verlage sehr politisch. Man positioniert sich, nimmt eine Haltung an.

Das sieht man an den schon genannten Büchern, aber auch schon anderen hier rezensierten, und so war auch Aladin El-Mafaalani zu Gast, der sein Buch „Das Integrationsparadox“ vorstellte und zugleich am Beispiel Kanada zeigte, wie Integration gelingen kann. Ein wichtiges und sicher sehr diskussionswürdiges Buch.

Autor: Aladin El-Mafaalani
Titel: Das Integrationsparadox
Seiten: 240
ISBN: 978-3-462-05164-3
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Der Anfang des Sommerfestes startete kriminalistisch und so ist es nur folgerichtig, dass das Ende (für mich) ebenso war. Es las Burghart Klaußner aus seinem neuesten Berlin-Historienkrimi, der gegen Ende des Zweiten Weltkrieges genau dort spielte, wo sich mit mir viele andere Lese-Begeisterte versammelt hatten. Am Wannsee, u.a.. Mit Recherche und Witz ist auch hier ein Kriminalroman entstanden, der sich gut lesen lässt. So zumindest mein erster Eindruck.

Burghart Klaußner und Jörg Thadeusz (Mod.).

Und mein letzter von diesem Tag. Danach war mein Kopf schlicht und einfach voll, von Eindrücken. Mein Fazit: Das Haus des Literarischen Colloquiums in Berlin ist ein wunderbarer Veranstaltungsort, wenn auch die Räumlichkeiten und die Plätze auf den doch sehr schönen Gelände viel zu klein sind, um bestimmte Menschenmassen aufzunehmen. Umfallen konnte keiner.

Die Verlage Kiepenheuer & Witsch und Galiani Berlin waren tolle Gastgeber. Es hat mich gefreut, meine Ansprechpartnerin vom Verlag wieder zu treffen, die damit offiziell daran schuld ist, dass ich drei Bücher mit nach Hause nehme, die ich ohne diese Veranstaltung nicht so schnell hätte gekauft. Macht nichts. Ich freue mich ja auch auf den neuen Lesestoff und hoffe, ich komme bald dazu, diesen auch zu wirklich zu lesen.

Ausklang mit Seeblick.

Bis dahin,

Euer findo.

Kiepenheuer & Witsch hat mich zu dieser Veranstaltung eingeladen, daher die Kennzeichnung. Ich gebe hier aber lediglich meine eigenen Eindrücke wieder.